International im Dörfli

Sie zeigten ihre Pässe vor, dazu maschinengeschriebene Bescheinigungen mit Siegel und offiziellen Unterschriften – nicht, weil sie es gemusst hätten, sondern um der abendlichen Gesellschaft zu beweisen, dass alles sei wie erzählt. Ich hatte ja Zweifel geäußert: So großgewachsene junge kräftige Männer, in Schlips und Kragen, fein gezwirnt, richtig in Schale – konnten die aus einem kleinen Land kommen, das abgeschottet sein Dasein fristete, am Ufer des Mittelmeers und ideologisch eher in China verortet denn in Europa? Stattliche Mannsbilder also aus einem Staat, den es im Bewusstsein der übrigen umgebenden Nationen so gut wie überhaupt nicht gab?

Die Herrschaften, zu zweit da am Tresen sich vertraulich in ihrer eigenartigen, nie gehörten Sprache lümmelnd, aber nach außen hin mit ausgesuchten Umgangsformen, manierlich wie heutzutage kaum noch irgendwo auffindbar – sie kokettierten geradezu mit ihrer Fremdheit, sprachen indes ein tadelloses Englisch, wenn sie angesprochen wurden. Der aus Ungarn stammende Barkeeper bediente sie in seiner ihm eigenen unbestechlichen Professionalität, sprach mit uns sein über alles geliebtes Deutsch, kannte sich in der Geschichte derart aus, dass man meinen konnte, er habe die Niederlage auf dem Lechfeld anno 955 höchstselbst miterlitten, um daraus jene Bewunderung abzuleiten, die seither die Magyaren in ihrem Umgang mit den starken Germanen erfüllt.

Ein Österreicher war ebenfalls mit von der Partie, noch ganz benommen vom Mozart-Zyklus des Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt: Immerhin konnte ich da mitreden, hatte ich doch Don Giovanni, Le nozze di Figaro und Cosi fan tutte gehört und gesehen, für ziemlich viel Geld (nach studentischen Maßstäben und unter den gegebenen Währungsumständen). Dann betrat eine junge Frau den Raum, die seit ihrer Kindheit in dieser Stadt lebte und auch danach sprach, aber doch betonte, sie stamme eigentlich aus Westerland auf Sylt. Eine Kommilitonin aus Hamburg-Barmbek und ich ergänzten die Gästeschar. Und hinzu gesellten sich einige Einheimische, die durcheinander in sämtlichen Amtssprachen des kleinen Wunderlandes parlierten.

Zu späterer Stunde tauchten noch reinliche Engländer auf, die sich an diesem Ort wie zu Hause fühlen mussten, während einem völlig betrunkenen Schweden kein Eintritt mehr gewährt wurde. Eigentümlich wirkte indes auf mich, dass sich einer aus der gemütlichen Runde irgendwann, warm geworden, als Student aus Leipzig vorstellte. Der schwarze US-Amerikaner hingegen gehörte zum Stammpublikum, und man saß in weichen Plüschsofas oder auf festen Barhockern bis zum last order und allen anschließend damit verbundenen Unannehmlichkeiten des Bezahlen- und Nach-Hause-Gehen-Müssens …

Hier also, in einem Pub im Niederdorf, inmitten des mondänen Zürich, konnte man in völlig freiem Fall akademischen Nachwuchs aus der Deutschen Demokratischen Republik antreffen – und zugleich geheimnisumwitterte Typen aus Albanien. Das waren die beiden undurchdringlichen EH-Staaten: der eine noch regiert von Erich Honecker, der andere schon seit etwa drei Jahren nicht mehr von Enver Hoxha (sprich: Hodscha, bereits 1985 verstorben). Da langten meine mickrigen westdeutsche Erfahrungen nicht heran. Und immer wieder stieß ich darauf, dass man hier von meinem Land augenzwinkernd gern als dem „Großkanton“ sprach.

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Allein in der Schweiz war so etwas möglich, damals schon. Man mache sich das Erstaunen klar, welches einen befiele, wenn heute in der Stammbeiz plötzlich ein markanter Fernasiat auftauchte und behauptete, er sei aus Nordkorea. Selbst jemand, der wüsste, dass der jetzige dortige Machthaber tatsächlich einen Teil seiner Schulzeit in der Civitas Helvetica zubrachte, wäre doch zu einem Gutteil zunächst einmal schlicht irritiert.

Übrigens muss Kim Jong-un Ende der Achtziger ein Kind in der Trotzphase, etwa vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, also noch kein rauchender und trinkender Pennäler – aber auch nicht der sensible Literat, als der er doch bestimmt mittlerweile im Juchhu seiner Juche-Ideologie abgöttisch bejauchzt wird, deswegen, weil er womöglich mit Luise Rinsers „Nordkoreanischem Reisetagebuch“ Deutsch lernte – … geschweige denn, dass ihn einer von uns damals passvorzeigend würde im Dörfli angetroffen haben können …

Aber nun: Die Stadt der Thomaner und das Land der Skipetaren reichten ja auch schon vollauf, um unsere Münder vor Erstaunen kaum wieder zu schließen. Beide waren für uns sozusagen haram, furchteinflößende und deshalb verbotene Herkunftsorte, quasiheilige No-go-areas: uneinnehmbare Trutzburgen von Sozialismus und Gottlosigkeit, gruselige Horte von Staatssicherheit und Geheimdienst, böse Terrorländer zwischen Christenduldung und Christenverfolgung.

Der lustige American boy entsprach ungleich mehr unserem Lebensgefühl als der so auffällig zurückhaltende und höfliche und leise Stil dieser jungen Herren aus der DDR beziehungsweise aus dem „ersten atheistischen Staat der Welt“. Fast hätten wir es normal gefunden, dass die Regenten solcher steifen Länder ihre Bürger eigentlich eben nicht ausreisen ließen. Mentalitätsgeschichtlich lag uns New York näher als die mitteldeutsche Metropole der Messen und Verlage. So war das – bedauerlich, aber damals nicht zu ändern: und deshalb auch heute nicht zu verschweigen.

Denn wer hätte gedacht, dass wenige Monate später die Mauer fallen würde? Tirana, Budapest, Linz, Pinneberg und umzu, Plymouth, Leipzig, New York: Orte einer Kultur! Junge Moskowiter ließen sich ganz zivilisiert in Westberlin nieder, feinsinnig beschrieben in Wladimir Kaminers entzückender „Russendisko“. Amerikanische Truppen schickten sich an, die blockübergreifend gewonnene Freiheit friendly in nahöstliche Gegenden zu tragen, und dabei geriet nur eine Ente ins Verderben, die ebenso ölverschmiert auch am Ärmelkanal kollateral geschädigt hätte werden können. Oh sorry.

Serben, Kroaten und Bosniaken entdeckten wenige Jahre nach dem glücklichsten deutschen Moment in höchst anregender Manier ihre Unterschiede, welche sie allseits zu vaterlandsliebenden Gedichten hinreißen ließen – davon waren niederländische UN-Soldaten schließlich so ergriffen, dass sie beschlossen, jeglicher Gewalt zu entsagen, Motto: Ja keiner Fliege etwas zuleide tun! … – um wieviel weniger dem postjugoslawischen Kommandanten in Srebrenica, dessen Untergebene in den dortigen Wäldern dann endlich mal so richtig aufräumen konnten.

In diesem bitterbösen Stil ist es seither an vielen Orten dieser Erde weitergegangen. Je öfter in unserem Land bei allen möglichen Gedenkanlässen die Überwindung von Kriegen und Diktaturen vor wahlweise achtundneunzig, einundsiebzig oder siebenundzwanzig Jahren wortreich und zunehmend wortgleich (mithin: austauschbar) gepriesen wird, desto seltener gewärtigt unsere Gesellschaft – eine bestausgebildete Jugend fälschlich voraussetzend – , dass heutzutage wiederum Gefahren für Leib und Leben drohen, die allerdings hinter anderen Masken als bisher üblich mörderische Systeme ins Werk setzen und sich durchaus messen lassen (wollen) an blutrünstigen Nazis und säuberungsversessenen Stalinisten.

Den SA-Trupps der zwanziger und dreißiger Jahre vergleichbar wären Schlägergruppen aller Art, von salafistisch aufgehetzten Straßengangs bis hin zu schwarzvermummten „Antifa“-Formationen. Eine Unterscheidung zwischen „rechts“ und „links“ muss man da nicht machen, das wäre allzu einfühlsam. Allen ist gemein, wie einst den Nationalsozialisten und den Kommunisten gegen Ende der Weimarer Republik, dass sie – in heutiger Propagandasprache: – gegen das „System“ sind, näherhin gegen „Lügenpresse“, „Spätkapitalismus“, „Umvolkung“ und vor allem: gegen die für dies völlig allein und höchstpersönlich verantwortliche „Mutti“ – sie, die als bösartig zerstörende, diktatorisch durchregierende Bundeskanzlerin gedacht, gewähnt, verdächtigt wird.

Wie kann es eigentlich sein, dass einem Regierungschef unserer Bundesrepublik Deutschland eine derartige Allmacht zugemessen wird? Als ob es sich um einen Staatsratsvorsitzenden in der DDR handelte und nicht um eine vom Bundestag gewählte Person, die jederzeit vom Parlament abberufen werden könnte, wenn sich die Mehrheiten dazu fänden. Der Sturz von Kanzler Schmidt vor vierunddreißig Jahren – ich saß seinerzeit völlig empört vor dem Fernseher – zeigt, dass so etwas möglich ist: wenn sich denn die Konstellationen so bilden. Offensichtlich ist es im Moment zu solch einem Schritt noch nicht soweit.

Und natürlich schießen diese Extremisten verbal bis brutal gegen „die“ Kirche, ja, gegen Religion überhaupt. Die einen, weil sie ihren eigenen Glauben absolut setzen: das sind die Wahhabiten jeglicher Couleur, die bei geringstem Widerstand gegen die von ihnen geforderte Houellebeqsche „Unterwerfung“ Juden, Christen, Frauen und Schwule köpfen; – die anderen, weil sie aus Gründen der „Aufklärung“ jegliche Gottesfurcht als Quelle gleich allen Übels in der bisherigen Weltgeschichte ansehen. Haben diese Religionsfeinde niemals die gottlose Zerstörungswut der Jakobiner in ihre historischen Betrachtungen einbezogen? Kennen sie etwa nicht die abgründige Dialektik der Aufklärung, die in dem gleichnamigen epochalen Buch von Horkheimer und Adorno seziert wird?

Die „Roten“ und die „Grünen“ hingegen finden sich heute am ehesten unter denen, die vor Retouchen aller Art nicht zurückschrecken im Stile von Trotzki-Entfernungen und 1984er-Geschichtsklitterung: verpixelte Fotografien; zensierte Texte im Sinne von „gegendertem“ oder „antirassistischem“ Neusprech; angedrohte Verweigerung von Neuauflagen älterer Bücher, wo von „Negern“ oder „Zigeunern“ die Rede ist; Umbenennung von Straßen, deren Namen angeblich für eine „Verstrickung“ im Dritten Reich stehen, also zum Beispiel Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler, Kurt Meiser, August Marahrens, Hinrich Wilhelm Kopf …

Natürlich dürfen dann sämtliche „Derrick“-Folgen nicht – nein: NIE – mehr ausgestrahlt werden; selbstredend muss eine Talkshow, in der allzu humorvoll der Gender-Gaga aufs Korn genommen wurde, für möglichst immer aus den Archiven verschwinden; und in dieser eigentümlichen Logik kann man das weltweit bekannte Foto von einem Napalmangriff in Vietnam im Jahr 1969 mit nackt aus ihrem Dorf fliehenden Kindern, weil „sexistisch“, natürlich auch nicht mehr öffentlich verbreiten. Ich warte auf das Verbot jeglicher Foto- und Filmdokumente aus der Zeit Hitlerdeutschlands: Da werden ja Hakenkreuze gezeigt …

Eigentlich müsste die gesamte Kulturgeschichte Europas so entsorgt werden, wie einst die Römer mit Jerusalem, die Bonapartisten mit Cluny, die Amerikaner mit Montecassino verfuhren – und wie jetzt die Leute vom Daesh mit Ninive und Nimrud. Luther hat sich gegen die Juden geäußert? Das muss Konsequenzen haben – für Bachs Johannespassion ebenso wie für des Wittenberger Reformators Bibelübersetzung. Ach nein, am besten verbietet man gleich das „zarte rechte Hauptevangelium“ (Luther) – oder, noch sicherer, das gesamte Neue Testament …

Der europäische Protestantismus wäre vielleicht schweizerisch zu retten, mit Calvin und Zwingli? In einem Genfer Gottesstaat unter dem Eindruck des bei lebendigem Leibe verbrannten Michel Servet möchten aber vielleicht dann doch niemand mit eigenem Kopf allzugern leben; und in einem Züri, das sich gewaltsam seiner Orgeln entledigt, weil der zwar hochmusikalische Initiator dortiger Reformation sozusagen wider besseres Wissen allein das gesprochene Wort im Gottesdienst gelten lassen will, geht es für kultivierte Kirchgänger denn auch NICHT gar so geistreich ganz angenehm versteckt sinnenfroh zu …

Widersprüche allerorten und durch die Zeitläufte munter hindurch: Immerhin käme doch wohl niemand im heutigen Zürich auf die Idee – analog den neuesten geschichtsvergessenen politischkorrektgesteuerten Abrissplänen für Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau am Inn – , auch nur die Gedenktafel am Wohnhaus Lenins in der Spiegelgasse zu entfernen geschweige denn das Gebäude selbst dem Baggerzahn zum Fraße vorzuwerfen. Wo ist die historisch durchgebildete Immunität geblieben, die meiner Generation vermittelt wurde und eigentlich imstande sein sollte, auch den schlimmsten Tatsachen der Vergangenheit selbstbewusst ins Auge zu sehen?

Wer in unserer Zeit in Deutschland provokativ vom „Westfernsehen“ spricht, meint mittlerweile die schweizerischen Medien, die in ihrem unabhängigen Tonfall manch bundesdeutsche Probleme besser verstehen, als die sich selbst verstanden haben – und mit freiem Zungenschlag souveränen menschlichen Geist anmahnen, weit weg von allem, was bequem normiert. Alle reden vom Wetter – die in Zürich nicht!

Jedenfalls wären die interessanten Gespräche mit albanischen Schlapphüten, wachen DDR-Studenten und anderen Individuen von jenseits und diesseits des Eisernen Vorhangs damals völlig unmöglich gewesen, wenn wir uns einen Kopf hätten machen müssen um deren jeweilige staatsbürgerliche Prägungen & cetera … Wichtig und lehrreich waren die Menschen, so, wie sie da saßen und uns als eigenständige Persönlichkeiten entgegenlachten, in rotem Plüsch oder auf sturmerprobten Barhockern. Im Zürcher Dörfli, in jener britisch aufgemachten Kneipe, herrschte seinerzeit wirklich das, was man seitdem europaweit wortinflationär abgetötet hat: Kommunikation, ohne Sprech- und Rauchverbote, im ureigenen Sinn: visafrei.

Abbildung: Stadtplan von Zürich (Ausschnitt), achtziger Jahre.

4 Gedanken zu “International im Dörfli

  1. Heute ist der Jahrestag von Michel Servets Hinrichtung. Deshalb lohnt es sich besonders, diesen Text zu bedenken. Servets Gedanken waren nicht zwingend, aber denkmöglich. Dies denken zu dürfen, ist sachlich eine Errungenschaft der reformatorischen Bewegung.

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  2. Bedrückend im Fall Servet ist die Einigkeit, mit der Altgläubige und „Protestanten“ den Tod des klugen Arztes forderten. Melanchthon warnte vor einer Verbrennung nur deswegen, weil diese Hinrichtungsart zu sehr an die allerkatholischsten Autodafés erinnern würde; sterben müsse der Leugner der Trinität aber so oder so. Servet, in Südfrankreich aufgewachsen, mit Tuchfühlung ins ehedem maurische Spanien, war mit jüdischen und islamischen Gedanken vertraut … Man würde ihn heutzutage als einen Weltbürger anerkennen, der internationale Vielfalt in jedwedes Dörfli brächte … oder?

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