Sternstunde der Menschheit

Die siebziger Jahre sind unübertroffen. Damals brachte die Illustrierte „Stern“ wöchentlich neben der „Seite dreizehn“ – die „aus technischen Gründen“ manchmal auf den Seiten neun oder elf erschien – auch die Rubrik „Dingsbums“, in der Herr „Papan“ sich austobte. Einmal, es muss 1975 gewesen sein, zum Internationalen Jahr des Denkmalschutzes, gab es dort eine Karikatur, auf der schwarz auf weiß gestrichelt zu sehen war, wie eine uralte gotische Kathedrale abgerissen wird und am Bauzaun ein Schild sich befindet mit der Aufschrift: „Hier entsteht demnächst ein Kultur- und Begegnungszentrum“ …

Man meinte damals, darüber lachen zu können – denn nach den Abrissorgien der Fünfziger und Sechziger und den Zerstörungen noch im Anfang der Siebziger konnte sich niemand vorstellen, dass je wieder ein Haus älteren Datums dem Erdboden gleichgemacht würde. Westdeutschland hielt endlich inne, und die Hoffnung war groß, dass auch über die Grenzen des Grundgesetzes hinaus so etwas wie Traditionspflege und architektonisch-künstlerische Empathie in Hinsicht auf die Vergangenheit sich breitmache.

Auf lange Sicht gesehen ist es leider ganz anders gekommen. Erst jüngst fielen in meiner Heimatstadt wieder zwei spätklassizistische Häuser dem Baggerzahn zum Opfer. Grundstückspreise sind offensichtlich anziehender als die charmanten Vorzüge einer historischen Bausubstanz, und im übrigen gibt es mittlerweile altehrwürdige Kirchen, die tatsächlich vernichtet werden: In Frankreich fackelt man da nicht lange. Nur eben ohne den bösen Zusatz, es würde stattdessen ein betoniertes Dorfgemeinschaftshaus errichtet ….

Im verfassungsmäßig nicht-laizistischen guten Deutschland drohen indes andere Gefahren. Die Dome zu Mainz, Worms und Speyer stehen zwar ebensowenig zur Disposition wie die Kathedralen zu Aachen oder Köln oder die Hauptkirchen zu Hamburg oder Lübeck. Sogar die Hohe Domkirche zu Berlin oder die wohlklingenden vertrauten geistlichen Gebäude in Dresden und Leipzig würde niemand ernsthaft vernichten wollen … – Aber nun muss auf Geheiß unserer Bundesverteidigungsministerin ja eine Ausbildung der Bundeswehr an Offizieren stattfinden, deren Oberbefehlshaber den Horror des „Papan“ aus dem „Stern“ von vor vierzig Jahren durchaus zutraubar in böse Tat umsetzen würde.

Der Chef solcher Azubis ist nämlich eines rückschrittlichen Staates König, dessen vorrangige Amtshandlung einst darin bestand, erstmal mehrere neue Planstellen auszuschreiben für Henker und solche, die es werden wollen. Präzision war da gefragt – Köpfungen im freitäglichen Rhythmus. Es  könnte sich erweisen, dass die angehenden Militärs aus Saudiarabien unseren deutschpersonalausweisbesitzenden Ausbildern einiges voraus hätten und dieses ihnen einflößen wollten …

Nun: Wir hoffen mal nicht, dass die saudischen Jungsoldaten hier alles kurz und klein hauen. Ihr ideelles Vorbild beziehungsweise ihr schmutziger Ableger ist allerdings jetzt wieder in Palmyra einmarschiert und terrorisiert die Bevölkerung aufs neue. Wann lernen Angie und Usch endlich einmal, dass Saudiarabien und der „Islamische Staat“ zwei Seiten DERSELBEN Medaille sind???

So oft sich auch die Prinzen aus Riad beklagen mögen über mobbing oder so: Ihre Ideologie ist derart selbstgerecht, unbarmherzig und also grausam, dass  es nur zu begrüßen wäre, wenn solchen Scheichs endlich einmal das Handwerk gelegt würde. Sollte man einen Staat hassen müssen, dann diese Sau, die satanische Gesellschaft, so doch niemand ernsthaft hier bei uns in Europa implementiert haben will – oder???

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Wir haben Houellebecq gelesen und wissen, was läuft. Wir erleben, dass in den „sozialen“ Medien gestoppt, gemieden, gesperrt wird. „Hasspostings“ werden da ausgemacht; Beiträge von Bundesdeutschen ohne Migrationshintergrund gewinnen demgegenüber an Seltenheitswert. … Aber Hatespeech ist in der Tat doch wohl eher manifest bei Islamisten und Stasileuten denn bei ehrlichen Bürgern, die sich gegen Islamismus oder DDR-Nostalgie intellektuell klar zur Wehr setzen. Hier ist etwas faul im Staate Nicht-mehr-Mark. Ach, der „Euro“ – davon ein andermal …

Schade bleibt es um die „Sternstunden der Menschheit“, wie sie Stefan Zweig in seinen „historischen Miniaturen“ versammelte. Alles wird jetzt zur Ware. Der „Stern“ machte in solchem Sinn 1947 auf seine eigene Weise einen Anfang, mit einem lasziven Foto der Knef … Aber immerhin gründete der Herausgeber dieser größten Illustrierten der Welt später eine ganze Kunsthalle – und ließ sich kulturell also nicht lumpen in der ostfriesischen Großstadt mit einem Buchstaben: M – Em – Emden. Diese Leistung muss man ihm lassen. Gotische Kathedralen hat er mitnichten kaputtgemacht. Das ist, intern westdeutsch betrachtet, schon eine Leistung!

Überall, wo der Wahhabitismus als bösartiger Verbietismus wirksam entlarvt wird, hebt eine wahrhaftige Sternstunde der Menschheit an. Damit beginnt zugleich ein langer Kampf. Wir müssen ihn ausfechten, vor Ort und womöglich ohne staatliche Unterstützung.  Ob wir uns damit jedoch zufriedengeben, ist ebenfalls eine ganz andere Frage …

Abbildung: Michel Houellebecq: Unterwerfung. Roman. 2. Auflage, Köln 2015. Umschlag.

2 Gedanken zu “Sternstunde der Menschheit

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