Kurzweil zum 31. Oktober

Wenn nichts mit nichts zu tun hat, dann hängt alles mit allem zusammen. Kurz Ding braucht Weil. Ein eventuell zukünftiger österreichischer Bundeskanzler hat mit einem womöglich bleibenden niedersächsischen Ministerpräsidenten kaum etwas gemein, doch deren schöne Vornamen Sebastian („der Basti“) und Stephan („WEIL er ehrlich ist“) gehen beide auf christliche Märtyrer zurück, immerhin.

Weil hat angeregt, den Reformationstag nicht nur einmalig dieses Jahr, sondern auch darüber hinaus als landesweiten Feiertag zu begehen. Kurz könnte im Gegenzug zumindest mal versuchen, den Karfreitag bei sich allgemein arbeitsfrei zu machen – auch wenn das in so superkatholischen Ländern wie seiner Alpenrepublik eigentlich unüblich ist.

Wie auch immer, den 31. Oktober haben nicht nur wir Evangelischen gepachtet. Die römische Kirche begeht an diesem Tag das (nicht gebotene) Gedenken des Heiligen Wolfgang, gestorben – das heißt in die Ewigkeit hineingeboren – an ebenjenem irdischen Datum in einem Kloster in Oberösterreich (daher Benennungen wie zum Beispiel „Wolfgangsee“). Er war im zehnten Jahrhundert Bischof von Regensburg und als solcher ein Mitbegründer der dortigen Domspatzen.

Es führt also eine direkte Linie zu den Gebrüdern Ratzinger, die den höchsten Gottesdienst in der Musik erkannten. Georg ist als Kapellmeister in der Reichsstadt an der Donau berühmt geworden; und Joseph hat sich gelegentlich enttäuscht darüber gezeigt, dass Bach ein Lutheraner war – abgesehen einmal vom unmusikalischen Furor, den seine „Regensburger Rede“ verursachte, in die er das islamkritische Zitat eines byzantinischen Kaisers einflocht.

Dem emeritierten römischen Bischof Benedikt XVI. bleibt sein zweiter musikalischer Liebling, und der hatte zu eigenen Lebzeiten als Kind und junger Erwachsener immer dann Namenstag, wenn in Salzburg und in den Habsburger Landen die Dringlichkeiten von zu gewährender konfessioneller Toleranz auf den Plan traten – was erst im Zuge der kaiserlich-josephinischen Reformen anno 1781 etwas entschärft wurde. Am letzten Tag eines jeden zehnten Monats christlichen Kalenders feierte der junge gute Katholik Wolfgang Amadé Mozart den heiliggesprochenen Bischof. Zum siebenten Namenstag schenkte ihm sein Vater Leopold eine eigens zusammengestellte Notensammlung.

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Dieses klavierpädagogische Werk enthält Tänze vieler ungenannter Meister aus dem achtzehnten Jahrhundert, in Suitenform und nach Tonarten geordnet. Nur gelegentlich werden Autoren angegeben, zum Beispiel „Sigr. Bach“ oder „Sigr. Telemann“: Patensohn und Patenonkel aus dem hohen protestantischen Norden sind hier ganz unbekümmert in ihren Stücken vereint mit Tänzen schwäbischer, französischer, englischer, italienischer oder polnischer Herkunft wie „Entrée“, „Bourrée“, „Angloise“, „Bourlesq“, „Polonaise“ oder einfach „Menuet“.

Miniaturen, die ihrer Faktur nach auch schon in Johann Sebastian Bachs „Notenbuch für Anna Magdalena“ hätten stehen können, finden sich in dieser Kollektion. Das „Notenbuch für Wolfgang“ zum 31. Oktober 1762 mag all denjenigen eine echte Alternative sein, die kurzweilig mal keine Lutherbonbons lutschen wollen – und denen es so ergeht wie dem jesuitisch geschulten Heiner Geißler selig, der in diesem laufenden Jubiläumsjahr 2017 die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus eher vermisste …, – die aber zugleich voll eingebunden sind in den Reformationstagsvorbereitungstrubel zur würdigen Feier anlässlich der fünfhundertsten Wiederkehr des epochalen Datums.

Österreich und Niedersachsen, Ballhausplatz und Leineschloss, Wien und Hannover liegen zwar weit voneinander entfernt, aber katholische und evangelische Musik haben seit jeher sich gegenseitig befruchtet. Mozart hat später, als freimaurerisch eingebundener Künstler, der sich zugleich für eine Kirchenmusikerstelle am Wiener Stephansdom interessierte, in seiner Zauberflöte sogar die Melodie eines Lutherliedes eingearbeitet und so jene Quadratur des Kreises fertiggebracht, die in den Sondierungsgesprächen und Koalitionsverhandlungen hier wie dort im tagespolitischen Ringen erst zuwege gebracht werden soll.

In momentan notwenigerweise verlautbarten Kurzweil-Bekenntnissen hängt eben alles streng in der Mode Getrennte mit allem anderen doch irgendwie zusammen. Wir sind gespannt, was hinausgeht über unsinnige Lautmalereien nach Art jenes Magiers – „Diggi, daggi …“ in theatralisch aufgeblasenem c-moll – , der den armen titelmitgebenden jungen Mann aus Mozarts frühem Singspiel „Bastien et Bastienne“ hart ängstigt – und überhaupt: ob daraus etwas Vernünftiges werden kann.

Abbildung: Leopold Mozart: Notenbuch für Wolfgang. Clavier. Eine Auswahl der leichtesten Stücke, herausgegeben von Heinz Schüngeler. Edition Schott 3718. B. Schott’s Söhne, Mainz / Schott & Co. Ltd., London / Schott Music Corp., New York. 1939. Unveränderter Nachdruck von ca. 1973.

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