Wer früher schläft, kann länger träumen

Aufgeweckte Menschen haben gut geschlafen, lassen den Tag langsam angehen, machen alles schön bedächtig, freuen sich entweder am sonnigen Morgen oder stören sich jedenfalls nicht, wenn es wider Erwarten regnet, stürmt oder schneit. Unter solchen Voraussetzungen lesen sie Losung, Lehrtext sowie mindestens zwei Zeitungen fast im Fluge. Alles geht derartig leicht von der Hand, dass sich sogar manche ihrer dero zweiten entsinnen und ganz frei harmonisierend einen vierstimmigen Choral am Klavier zuwege bringen.

„Wach auf, mein Herz, und singe“, recht passabel intoniert, später mit Schleifchen versehen, einen Moment weiter schon mithilfe von oktavierten Bässen oder gebrochenen Dreiklangsgirlanden romantisierend aufgemotzt, einmündend in ein Fugato, das – selbst wenn es ausdrücklich ja keinen Anspruch erhebt, eine Fuge zu sein, auch so nicht hält, was es verspricht – irgendwann ebenso extemporiert feierlich wie züchtig im Plagalschluss unter vorheriger Aufbietung sämtlicher Finessen des Organistenzwirns schließlich doch keineswegs schnöde endet, sondern vielmehr hochfein „endigt“.

Solche gut ausgeschlafenen geistes- und musikbeflissenen Leute haben ihrem bevorstehenden Tag bereits einen #tag eingeprägt. Historische Vorbilder könnten dafür etwa diese hier sein: Immanuel Kant (1724-1804), der jeden Morgen ein Gesangbuchlied auf seinem Harmonium spielte; Joseph Haydn (1732-1809), der seine eigene Komposition „Gott erhalte Franz den Kaiser“ am Clavichord variierend intonierte; Frédéric Chopin (1810-1849) und Richard Wagner (1813-1883), die beide sich selbst tagtäglich und richtig buchstäblich „beflügelten“ mit Präludien und Fugen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier.

Bei so reichlich ausströmender Wachheit sei den Normalsterblichen unter uns spätestens um die Mittagszeit ein erquickendes Nickerchen gegönnt. Mittlerweile wird dies sogar von etlichen Chefs den eigenen Mitarbeitern nachhaltig im Format power-napping freundlichst anempfohlen. Nützlichkeitserwägungen mögen da eine nicht unerhebliche Rolle spielen, soll doch der Untergebene möglichst lange funktionieren. Dennoch wäre es falsch, von gewerkschaftlicher Seite aus diese unterstellt paternalistische Geste bekämpfen zu wollen; denn jede Schlafmöglichkeit bringt ja auch Träumereien mit sich. Wer die Augen schließt und subversiv zugedeckt ruht, sieht innerlich eine andere Welt.

museumsschlaf

Da schlummert Potenzial. Es regt sich Utopia. Das Nirgendwo, der Sehnsuchtsort, die ideale Stadt meldet sich bei jenen, die so frei sind. Und was genau sehen diese Menschen?

Wer früher schläft, kann länger träumen

Tief in ihrem Inneren rumort es gehörig. Zwar imaginieren sie augenscheinlich lauter Harmlosigkeiten wie zum Beispiel hochgebaute mittelalterliche Städte mit gotischen Kirchen und buntgeschäftig erfüllten gewölbten Laubengängen unter milder Aufsicht einer im prächtigen Rathaus ebenso selbstbewusst wie verantwortungsvoll regierenden Bürgerschaft. Handel und Wandel sind geprägt durch zünftig produktives Geschick und phantasievoll schöpferisches Künstlertum, einhergehend mit kulturellem Schwung, der seinerseits in frommer Dankbarkeit wurzelt.

Doch ehe unsere gedachten Schöngeister vollends dem Mythos und der Mystik frönen, nur weil sie im Wachzustand allzuviel Musik inhaliert haben, machen sie schon wieder ihre Äuglein auf, erinnern sich allerdings nachhaltig ihrer inneren Bilder und nehmen diese mit in die Fortsetzung ihres real existierenden Alltags. Dort können die sich zu kritischen Begleitern entwickeln. Vielleicht verhindern sie in bester Weise, der bisweilen drängende Versuchung eines vorzeitigen Ausstiegs nachzugeben; denn solche Tagträume rufen freie Assoziationen hervor wie die schenkelklopfend-krachlederne Aufforderung „Freut euch des Lebens!“ – oder die aus Hörspielen und Filmen bekannte perspektivisch-umgekehrte Memento-mori-Mahnung „Wer früher stirbt, ist länger tot.“

Frohsinn und Furchtsamkeit gleichermaßen bewahren vor unnötig panisch inszeniertem Exodus und Exitus. Wer Traumbilder mit sich trägt, lässt sich auch selber tragen, vielleicht gar besser ertragen: von ihnen und den mit selbigen verbundenen Gedanken und Gefühlen. Wenn irgendwann tatsächlich der Tod von sich aus kommt, dann als des Schlafes Bruder. Eigenartigerweise sind in dieser Weisheit altgewordenes Heidentum und junggebliebenes Christentum in- , mit- und untereinander tief verbunden. Hier treffen sich Athen, Rom und Jerusalem. Raffael-Stanzen und Nazarener-Malereien machen sich die Antike beziehungsweise das Mittelalter idealtypisch zueigen und bezeugen in ihren Aktualisierungen wie Historisierungen eine traumwandlerische Wahrhaftigkeit. Renaissance und Romantik müssen, so gesehen, keineswegs nur als Gegensätze aufgefasst werden.

Hier wie dort, bunt aber passgenau wie in einem Saal mit durch Petersburger Hängung präsentierten Gemälden, ist schlicht Geduld innen und außen angesagt. Human und religiös lässt sich womöglich doch das Leben meistern, allen widerstreitenden kurzatmig-tagespolitischen Einreden zum Trotz. Idealbilder auf der Höhe des Tages formen eine innere Kunsthalle, Gesänge der Frühe untermalen die Eindrücke weit und breit bis hinein in die Dimensionen sphärischen Tonhalls. Und was sich schön ausformt und darin kräftig nachhallt, verschafft nicht nur Form und Inhalt (!) neue Bahnen, sondern stärkt hallend-haltgebend auch genau jenes nachdenkliche Publikum, das aus Leuten sich zusammensetzt, denen Kunst und Kultur nicht bloßes und notfalls verzichtbares Beiwerk ist, sondern stets anregendes Lebenselixier.

Des Abends gehen unsere solcherart erweckten Menschen dann auch flugs und fröhlich schlafen. Unverwüstliche Lieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ und „Guten Abend, gute Nacht“ beschließen ihr Tagewerk, wie auch immer dieses sich im einzelnen gestaltet haben mag. Beim Abschied vom Tag mag als Losung und Lehrtext der Satz gelten: Wer früher schläft, kann länger träumen. Dieses Motto begrenzt unter Umständen einigermaßen vernünftig abrundend die Bettlektüre – zu deren und eigenem Gewinn … Frau Luna glänzt und bereitet zugleich leise sehnend die bald wiederkehrende Zeit der Aurora vor: So hält sie Erinnerung und Erwartung wach, unwiderstehlich bis zum nächsten Morgen, ganz frisch und neu.

Fotos: Schlummerstündchen nach Besichtigung einer Ausstellung in der Kunsthalle zu Emden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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