Auf den Orgelpunkt

Mit dem Begriff „Orgelpunkt“ bezeichnen wir in der Musik einen durch mehrere Takte gehaltenen Ton, über dem sich ein Thema entfaltet oder ausgesponnen wird. Gern erscheint er am Anfang, in der durchführenden Mitte oder gegen Ende eines Stückes. Oft liegt er in den tiefen Lagen des Pedals, vorzugsweise eingangs auf der Tonika oder im späteren Verlauf auf der Dominante.

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Ein Orgelpunkt wirkt vor allem dann beständig, wenn er etlichen Modulationen zum Trotz sich durchhält. Stark und ruhig zugleich bleibt er einfach liegen, hält vorübergehende Missklänge ebenso aus wie die „Fülle des Wohllauts“, lässt sich von „großer Gereiztheit“ nicht aus dem Konzept bringen und dringt auf ein gutes Ende. Daher sind polyphone Wortgefechte, andere Meinungen, unterschiedliche Ansichten für ihn kein Grund zur Aufregung. Stoische Gleichmut und christliche Hoffnung finden hier zu klarer Einheit und stimmiger Kraft.

Solch latent vielfältig gedachte Eintönigkeit wurde im Laufe der Zeit zu einem kompositorischen Prinzip ausgebaut und hat auch die weitere instrumentale und vokale Musik erfasst, liefert der Orgelpunkt doch zu jedem Motiv oder gar zu jeglicher bestimmten Melodie ganz elementar einerseits das schöpferische Rohmaterial, andererseits die nachschaffende Bestätigung von bewegt-bewegender Klangrede im fortgeschrittenen Stadium. Zu Beginn, im Verlauf und am Ziel erweist er sich als ein Lebenselixier allererster Güte.

Wo liegt derzeit ein tief vertrauenswürdiger Grundton oder ein angenehm ausgelotet dominierender Laut? Das leise Rascheln von Zeitungen mit frakturgesetzen Namen wird seltener; denn die klugen Köpfe wollen auch entsprechende geistreiche Kost. Den Sensationen hinterherzuhecheln gelingt ja selbst dem Fernsehen nicht mehr. So redet man nicht Fraktur. Und was wir in den sogenannten „sozialen Medien“ schrill und verzerrt häppchenweise mitbekommen, füllt nicht annähernd die abgründige Lücke aus, die sich zum unüberbrückbaren Graben verbreitert und einen „Donnerschlag“ hervorrufen könnte. Daher fordere ich: Weniger Zuckerberg! Mehr Zauberberg! Auf den Orgelpunkt!

 

 

 

2 Gedanken zu “Auf den Orgelpunkt

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