Katzenfoto

Ein bekanntes „soziales Netzwerk“ aus Kalifornien wird manchmal verspottet, weil seine Nutzerinnen und Nutzer hauptsächlich „Katzenfotos“ verbreiten würden. Dem widerspreche ich energisch, weil die in Rede stehenden Tiere solch eine herablassende Bemerkung nicht verdient haben. Dass der Internetgigant seine wahren Absichten hinter der Präsentation solcher Bildchen geschickt verbergen mag, sei allerdings deshalb nicht bezweifelt – im Gegenteil: Hier kann er unbemerkt einen Kuschelkurs fahren und dem freudigen Entzücken seiner Milliarden User unbeschwerte Likes mühelos entlocken.

Dass sich die wendigen, eleganten, nachtaktiven, eigensinnigen und schnurrigen Kreaturen davon überhaupt nicht beeindrucken lassen, gehört zur schnöden unverfälschten Wahrheit unbedingt hinzu. Unabhängigere, schlauere, ja freiere Wesen lassen sich kaum denken. Und auch im domestizierten Zustand bleiben sie mit ihren Augen und Krallen unerschrockene Raubtiere, auf leisen Pfoten zwar, aber konsequent und letztlich unbezähmbar. Damit haben sie es sowohl zu Hausgenossen (in Europa) als auch zu heiligen Tieren (im alten Ägypten) gebracht. Ein Kater kann gestiefelt (Ludwig Tieck) sein oder seine Lebensansichten (E.T.A. Hoffmann) verbreiten, er mag durch die Mondnacht streifen, sich mit seinesgleichen balgen und seine Amouren haben. Wenn die Katze mit der Brille (Ilona Bodden) sich indes vor Mäusen zu fürchten beginnt, muss sie ihr Gemahl wieder auf den rechten Weg bringen. Bildungsbeflissenheit darf nie auf Kosten des Selbstbewusstseins gehen. Printmedien, Funk und Fernsehen sowie World-Wide-Web sollten den Blick auf das Wesentliche nicht verstellen.

Da trifft es sich gut, dass heute, wie an jedem 8. August seit nunmehr achtzehn Jahren, der Internationale Tag der Katze begangen wird. Und ich kann dafür, in Form einer Reiseerinnerung, sozusagen ein echtes eigenes Katzenfoto beisteuern:

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In Ephesus war’s, vor einigen Jahren, dass sich dieses Geschöpf gelassen von mir ablichten ließ, ganz in sich ruhend, keinen persönlichen Plan preisgebend, dem eigenen Weg unbeirrt natürlich folgend und deswegen sich nicht weiter störend an den Leuten. Wer sich seiner Sache sicher ist, muss sich nicht einmischen und kann großzügig das Leben der anderen laufen sehen – wie sein eigenes. Freiheit blüht aus den Ruinen, wenn schon nicht aus denen der gegenwärtigen Zeit, dann doch herüber aus einstiger christlich gewordenen humanen Antike. Auch damals schon strichen sie samtig um die Häuser: Womöglich sind Katzen doch die besseren Menschen.

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