Unerträglich!

Kinderchormitglied (9) stößt ungehemmt Aerosole aus!

Dies werden wir den leichtsinnigen siebziger Jahren niemals verzeihen. Der Junge auf dem (absichtlich undeutlichen?) Foto von 1975 wird heutzutage hoffentlich voller Scham auf seine Untat blicken.

Und die damalige chorleitende Person ist, das muss deutlich gesagt werden, in Ansehung sämtlicher Folgen dieses dokumentierten Einzelfalls über die seitdem verflossenen Jahrzehnte hinweg (camouflierend?) todsicher mitschuldig am aktuellen Corona-Ausbruch. Denn ist es nicht unsere Nachkriegsausbeutungsgesellschaft in toto, die verantwortlich für die Seuche zeichnet? Kann sich da auch nur eine*r herausreden? Bereits vor viereinhalb Jahrzehnten lag dieser Zusammenhang offen zutage – mag sich die Vernunft auch noch so sehr sträuben.      

Immerhin war die Studie des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ damals erst drei Jahre zuvor frisch erschienen. Bei ernsthafterer zustimmender Rezeption dieses wahrhaft prophetischen Textes hätte es der Bundeskanzlerin anno 2020 (knapp fünfzig Jahre später) erspart bleiben können, auf die bevorstehenden Transformationsprozesse historischen Ausmaßes neuerlich hinweisen zu müssen. Jetzt ist es zu spät für logische Schärfen (gar von Einzelargumenten) und andere Kleinigkeiten (wie Pest und Cholera): Nun sindse halt da, diese Umwälzungen, Verwerfungen, Zerstörungen. So what?

Dass noch vor einigen Tagen ein Kantor seine Schützlinge zeitkritisch-ironisch-wortklangakrobatisch auf elektropostalischem Wege – also immerhin den Einskommafünfmeterabstand einhaltend (darin erschöpft sich aber auch bereits das Positive dieses Vorgangs) – mit „Chor-ohna-Gemeinde“ angesprochen hat, ist vor diesem Hintergrund unverzeihlich und muss umgehend rückgängig gemacht werden.

 

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Ob solche Folgen erwünscht sind?

Die Coronapandemie zeitigt Effekte, die bis vor kurzem noch rundweg strafbar waren. Das Vermummungsverbot galt unangefochten. Radikalinskis aus sämtlichen extremen Ecken, lechts wie rinks, wurden entsprechend dingfest gemacht – im Zeichen einer offenen Gesellschaft, die sich dem Grundsatz „Mehr Demokratie wagen“ verpflichtet wusste. „Gesicht zeigen“ war angesagt in allen Variationen. Das offene Visier, der herzhaft entwaffnende Blick, das freundliche Zwinkern aus freiem Antlitz, die Beziehung von Angesicht zu Angesicht, unbedingt persönlich und eben zutiefst menschlich: all das machte das Leben wesenhaft abendländisch aus.

Dann kam bekanntlich die Seuche, und viele Wochen später, nachdem sich das Virus schon längst breitgemacht hatte, auch eine „Maskenpflicht“ in bestimmten Alltagsbereichen. Nur wurde gleich mitgeteilt: Medizinisch wirksame Schutzschürze würde es für den plebs keinesfalls geben; man solle sich notfalls mit normalen Tüchern ausstatten, das genüge schon. Na wunderbar. So dringend konnte es also um die Volksgesundheit nicht bestellt sein. Darum holte ich, in beflissener Umsetzung der dringenden und zugleich irgendwie höchst nachlässigen offiziellen Empfehlung, mir mein olles Palituch (modern in den 1970/80er Jahren) hervor:

https://feoeccard.com/2020/04/16/back-to-the-seventies/

Aber die alljährlich sich als unbesiegbar erweisende Sonne bewirkte weitere Schritte, um hienieden im regierungsamtlichen Klein-Klein die Einzelpersönlichkeit zu entwerten:

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Nicht nur, dass jetzt ein Mundnasenschutz (MNS) in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen getragen werden muss; und besonders ängstliche Mitmenschen ihr angebliches Schutztextil auch darüber hinaus aufsetzen, etwa beim Spaziergang, auf dem Fahrrad oder gar in Gottesdiensten. Als ob frische Luft, freier Fahrtwind oder die mittlerweile sprichwörtlich gewordenen „Aerosole“ nachgerade schädlich seien … Vorauseilender Gehorsam, wohin der erstaunte gesunde Menschenverstand auch blickt. Nun scheint in solch vermaledeiten Zeiten von Frühjahr und Sommer noch öfters mal die Sonne: Da benötigt man unbedingt getönte Augengläser – und zu allem hygienisch-hysterischen Überfluss noch ob des figurativen Figaro-Finales eine so richtig finale Finesse:

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Weil nämlich das Haareschneidenlassen derzeit so unendlich kompliziert gemacht wird, von der ausschließlich telefonischen Anmeldung über den geforderten Nass-Schnitt bis hin zur irgendwie kontaktlos zu geschehenden Gesamtprozedur, gibt es mittlerweile Zeitgenossen, die sich um ihren wirrwildwachsenden Schopf nicht weiter scheren (!) und ihn im Zweifelsfall doch lieber unter einer Kopfbedeckung zu zähmen versuchen.

Also: MNS ist Standard. Sonnenbrille deucht den Coolen unerlässlich. Mütze scheint schicklicher als Barhaupt. So schnell zerrinnt die bürgerliche Hochkultur schöner Seelen. Burkaträgerinnen und Mitläufer im „Schwarzen Block“ erfüllen da doch wunderbar staatstragend die aktuellen Vorgaben zur vollsten Zufriedenheit. Es tut mir leid: Da bleibt einem, ehrlich gesagt, mit dem Titel von Grabbes Komödie aus deutschem Vormärz (1822) gesprochen, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung ziemlich erschreckend vorhersehbar im Halse stecken.

Sich regen bringt Regen – oder auch nicht

Damals brachte Regen nicht nur Segen. Man musste mit Reagan rechnen, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Oder mit saurem Regen. Und natürlich mit dem kontaminierten Spinat in der Folge von Tschernobyl. Es waren sozusagen schreckliche Zeiten. Alle hackten auf uns bundesdeutschen Normalbürgern herum. Die Franzosen spotteten über le Waldsterben und Großbritanniens Premierministerin wollte my money back. In solch schweren Zeiten, da mundnaseschützende Maulkörbe noch nicht schicklich waren, griff man in armen studentischen Zirkeln zu schwarzen Regenschirmen.

bethel regenschirm II

Die hatten etliche Vorteile. Man konnte sich verbergen beim kleinsten Anflug von Niesen und Husten, ohne doch völlig zu vereinsamen. Um es ganz lebensnah zu sagen: Wenn jemand in unserem Studentenwohnheim Zeichen solch einer Krankheit zu erkennen gab, schlüpfte er/sie (es gab’s 1986 noch nicht) hinter eines dieser dunklen weitgespannten Utensilien, ließ sich die Haare wachsen und lachte sich eins. Dabei galt grundsätzlich die Verabredung: Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Glaubensstark und humorvoll zugleich. Wahres Christentum.

Manchmal mussten überängstlichen Mitbewohner*inne*n zusätzliche Lektionen erteilt werden. Dann konnten Schutzschirme durchaus zu Stichwaffen mutieren. Wer das unangemessen fand, dem/der stand es frei, die Wohneinheit und den dazugehörigen Flur zu verlassen und sich ein schickes Appartement unterwärts des mons sacer mühsam zu suchen. Ja, ein „Heiliger Berg“ mit allen biblischen Zutaten war dieser Ort allemal. Aber immerhin gab es eine grundsätzliche Chance für die Abtrünnigen: Die Stadt Bielefeld existierte noch. Erst seit Mitte der neunziger Jahre ist diese Aussage durch eine Verschwörungstheorie pandemischen Ausmaßes fraglich geworden.

bethel regenschirm I

Mit Schirm, Charme und Zarathustra (zwischen links und rechts balanciert) wurde oben über und hinter der teuteburgerwaldgewirkten Promenade ein Wille zur Macht unverhohlen mannhaft zelebriert. Nietzsche hätte sich gefreut – und wir waren seinerzeit fröhlicher Urständ teilhaftig, ohne unfrohe Ängstlichkeit. Also damals, WIR, Student*inn*en einer neuen Welt: beschirmt, beschützt, begleitet von schlichtem Glauben und immer gern haargenau daneben, angenehm getrennt von Friseurterminen aller Art – in sicherer unangemeldeter Ferne von Sturmhauben oder Einmalplastikumhängen sowieso … Es waren schöne glänzende Zeiten. Und die zählen erinnernswerterweise anregend genau JETZT.

Nachtrag: Regsamen Geistern möge hier noch der photographische Beleg dafür geliefert werden, dass es sich bei dem Taschenbuch zur Rechten wie zur Linken tatsächlich um Nietzsches Zarathustra gehandelt hat:
nietzschesegen
Links zeigen, rechts erklären – Fingerfertigkeit in hoc signo, schwarzbeschirmt. In allen haarigen Angelegenheiten immer gut drauf und rege dabei.

Fontane im Frühjahr 2020

Versuch, den Beginn einer bekannten Ballade herbstlichen Inhalts in den Frühling zu verlegen und dergestalt aus der Anschauung dessen, was gerade erlebt werden kann, zu bearbeiten.

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Herr von Nordbrak auf Nordbrak im Marschenland,

ein Birnbaum in seinem Garten stand,

und kam coronatische Frühlingszeit

und die Blüten leuchteten weit und breit,

da hoffte, wann’s immer vom Turme scholl,

der von Nordbrak inständig glaubensvoll.

Wie es weitergeht, sehen wir beizeiten. Sterben, Klage und Absperrmaßnahmen gehen vorüber, haben letztlich keine Macht. Am Ende breitet sich Segen aus. Bleiben wir tapfer.

Märzgefallen

Gefallen im März 2020. Die Trauerweide in meinem Garten hat mir einmal mehr den Fall höchster Freude beschert. An ihren in die Tiefe fallenden Zweigen sprosst, wie jedes Jahr im Frühling, zartes junges helles Grün. Das ist in diesem Fall die gute Nachricht. Und nun die in Corona-Zeiten keineswegs zufällig schlechte: Da kommen sehr viele Fallzahlen auf uns zu. Nicht, wie es euch – und uns – gefällt, ist der Fall; sondern was uns fällt, wird dieser Welt zum Fall.

Gefallene Helden um die Iden des März: Caesar fiel am Fünfzehnten des Monats, vierundvierzig Jahre vor Christi Geburt und deren Versöhnung des adamitischen Sündenfalls. Beethoven starb am 26. März 1827 im Gefallen an dem schönen Wort Plaudite amici – comoedia finita est – „Freut euch, Freunde – das Lustspiel ist beendet“. Und am 22. März 1832 gefiel sich der liebe Gott auf jeden Fall an der letzten Sentenz des sterbenden Goethe von wegen „mehr Licht“.

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Die Märzgefallenen des Jahres 1848 post Christum natum sind dann namengebend geworden für die massenhaften Vorfälle in Wien am 13. März und in Berlin am 18. März, die längst fälligen Demonstrationen auf den Barrikaden – für die bürgerliche Freiheit. Vor allem waren es Handwerker, aber auch Intellektuelle und Künstler, die für den Fall von Pressezensur und allen sonstigen Eingriffen in die persönliche Freiheit sich stark machten. Österreichs Kanzler Metternich fiel und floh, Preußens Königspaar entfiel beim Trauerzug für die Gefallenen auf fordernden Zuruf des Volkes immerhin die Kopfbedeckung – für einen kleinen Augenblick jedenfalls.

Blutig und finster wurde es am 22. März 1945 (Goethes 113. Todestag), als angloamerikanische Bomben auf die uralte Stadt Hildesheim fielen. Tausendjährige Kirchenbauten und mittelalterliche Fachwerkhäuser wurden in unsinniger Zerstörungswut ein für allemal zu Fall gebracht. Damit fiel dort die kleinteilige kirchlich-adlig-bürgerlich-europäische Lebensleistung von Jahrhunderten gleichnishaft etlichen Fallstricken zum Opfer.

In jüngerer Geschichte fallen drei märzliche Wenden auf geschichtliches Interesse: Zum ersten die „geistig-moralische“ Wende vom 6. März 1983, sehr zum Missfallen meiner Generation. Zum zweiten die deutsch-deutsche Wende, die mit dem 18. März 1990 und somit auf den Jahrestag der Berliner Märzgefallenen fällt, die erste und letzte Wahl zur Volkskammer der DDR – bevor dieser Staat dann zusammenfiel und der Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 beitrat. Zum dritten gibt es jetzt eine Corona-Wende, deren Fallzahlen wir abwarten müssen und deren Ende wir mit Beifall bedenken werden.

Die Spaßgesellschaft mit ihren „Gefällt mir“-Klicks hat wenig Substanz, wenn wir die rhetorisch eindrückliche Fallstudie des französischen Staatspräsidenten im Herzen bewegen und mit ihm im Chor einfallen, dass wir uns „im Krieg“ befinden. Fällig wären dann nämlich die an dem Virus Gestorbenen: für ein Denkmal der Gefallenen. Ein Fall von Helden im Jubiläumsjahr von Hegel, Hölderlin und Beethoven. Für alle drei Genannten fällt der Geburtstag zum zweihundertfünfzigsten Male an.

Mit ihrer Fernsehansprache am 18. März 2020 (Märzgefallene in Berlin 1848; DDR-Volkskammerwahl 1990) hat unsere Bundeskanzlerin womöglich unauffällig ihren Gefallen bekundet an historisch bedeutsamen Fällen, Einfällen, Ausfällen. Mir fällt dazu jedoch nichts weiter ein. Unsere Wirtschaftsordnung und das Geldsystem werden voraussichtlich ins Bodenlose fallen. Dass die Regierungschefin in ihrer Rede die Relevanz des Ausfalls von Gottesdiensten und generell kirchlichen Lebens so überhaupt nicht erwähnte, sollte übrigens auch einmal auffallen. Noch nicht einmal Gottes Segen (wie sonst in vielen Neujahrsansprachen) fiel ihr ein zu wünschen. Fallweises schreckliches Fazit: Dem christlichen Abendland geht es innerhalb unserer bisher so wenig anfälligen grundgesetzlichen Ordnung an den Kragen. Aber wem fällt das in dieser ungewissen Zeit groß auf?

Im Blick auf die bewährte föderale, republikanische, demokratische und marktwirtschaftliche Ordnung wird vieles fallen und neu werden: Meine Trauerweide fällt in leuchtendes unparteiisches Grün. In diesen unsicheren Zeiten ist das ein tröstlicher Zufall. Aber Zufälle gibt es ja bekanntlich nicht. Dem Märzfall des Diktators Caesar sehen wir nach wie vor zwiespältig ins Auge. Die Märzgefallenen von 1848 verdienen unser herzliches Gedenken. Dem Märzgefallen anno 2020 gilt unsere Aufmerksamkeit.

Foto: Meine Trauerweide in fallenden Zweigen und freundlichem Grün.

Corona n’est pas imaginaire

Wir müssen in die Isolation. Föderalismus hin oder her. Ob irgendwem ein Zacken aus der Krone fällt, ist derzeit völlig nebensächlich. Alle Pläne sind über den Haufen geworfen. Das tägliche Leben kommt zum Stillstand. Abstand zum Nächsten wie zum Fernsten geht jetzt vor und duldet keine Ausnahme. Es sei denn, man muss doch noch einmal einkaufen gehen.

Dass Hamstern in meiner so satt und sauber aufgewachsenen Generation jemals ein Thema werden würde! Wie sehr hatten wir es verdrängt in tiefste Vergangenheit. Nur vom Hörensagen wussten wir: Da war mal was. Nach dem Krieg. Dessen Ende liegt bald fünfundsiebzig Jahre zurück.

Vom dünnen Firnis unserer Zivilisation ist nun vermehrt die Rede. Nach einem Dreivierteljahrhundert, davon viele Jahrzehnte in Saus und Braus, holen uns geradezu archaische Nöte wieder ein. Pest und Cholera 2.0 – und die Trennung zwischen „krank“ und „gesund“ ist schier unmöglich. Wer mag bereits das Virus sich eingefangen haben? Wer nicht? Wer weiß das schon so genau?

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Bald muss ich wieder in den Supermarkt. Dorthin, wo meine Hausmarken längst ausverkauft sind. Ich werde mich tapfer auf den Weg machen. Noch ist ja keine Quarantäne über mich verhängt. Wie gut, dass es Plastikumhüllungen gibt. Mein Klopapier kann ich zu Hause auspacken, ohne befürchten zu müssen, jemand anderes hätte die einzelnen Rollen schon vor mir begrabbelt.

„Nachhaltigkeit“ im Sinne heutiger beliebter politischer Parolen lässt sich leicht einfordern, wenn es keine echte Not gibt. Ich sehe die Vorteile von Kunststoffverpackungen in den Zeiten der Corona deutlicher denn je. Und allen Lautsprecher*inne*n umwelt-„aktivistischer“ Provenienz sei in Hinsicht auf deren Dystopie einer „Klimakatastrophe“ die einfache Frage gestattet, ob sie nicht in ihrer verstiegenen und gänzlich übertriebenen How-dare-you-Art einer eingebildeten Krankheit frönen – Molière lässt freundlich grüßen.

Überhaupt kommen mir die Segnungen des technischen Fortschritts sehr zupass. Der deutschen Automobilindustrie verdanke ich in Verbindung mit unserer freien und sozialen Marktwirtschaft die Möglichkeit, am Individualverkehr teilzuhaben: Im eigenen motorisierten Wagen, schön sicher vor meinen Mitmenschen, weil garantiert isoliert.

Das Foto verdeutlicht meine Not. Ich werde mich auf Dauer nicht im eigenen Haus verschanzen können. Als alle Welt diese Wertpapiere besorgte, wollte ich den Bedürftigeren den Vortritt lassen. Zugleich wäre ich mir unfein vorgekommen, hätte ich zu offensichtlich palettenweise davon mir Vorräte zusammengekauft … Mein Joker: Ich habe noch Papiertaschentücher und Küchenrollen in Reserve – unscheinbar beschafft, als tout le monde nur das Eine wollte … Fortsetzung folgt!

 

 

 

Auf den Orgelpunkt

Mit dem Begriff „Orgelpunkt“ bezeichnen wir in der Musik einen durch mehrere Takte gehaltenen Ton, über dem sich ein Thema entfaltet oder ausgesponnen wird. Gern erscheint er am Anfang, in der durchführenden Mitte oder gegen Ende eines Stückes. Oft liegt er in den tiefen Lagen des Pedals, vorzugsweise eingangs auf der Tonika oder im späteren Verlauf auf der Dominante.

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Ein Orgelpunkt wirkt vor allem dann beständig, wenn er etlichen Modulationen zum Trotz sich durchhält. Stark und ruhig zugleich bleibt er einfach liegen, hält vorübergehende Missklänge ebenso aus wie die „Fülle des Wohllauts“, lässt sich von „großer Gereiztheit“ nicht aus dem Konzept bringen und dringt auf ein gutes Ende. Daher sind polyphone Wortgefechte, andere Meinungen, unterschiedliche Ansichten für ihn kein Grund zur Aufregung. Stoische Gleichmut und christliche Hoffnung finden hier zu klarer Einheit und stimmiger Kraft.

Solch latent vielfältig gedachte Eintönigkeit wurde im Laufe der Zeit zu einem kompositorischen Prinzip ausgebaut und hat auch die weitere instrumentale und vokale Musik erfasst, liefert der Orgelpunkt doch zu jedem Motiv oder gar zu jeglicher bestimmten Melodie ganz elementar einerseits das schöpferische Rohmaterial, andererseits die nachschaffende Bestätigung von bewegt-bewegender Klangrede im fortgeschrittenen Stadium. Zu Beginn, im Verlauf und am Ziel erweist er sich als ein Lebenselixier allererster Güte.

Wo liegt derzeit ein tief vertrauenswürdiger Grundton oder ein angenehm ausgelotet dominierender Laut? Das leise Rascheln von Zeitungen mit frakturgesetzen Namen wird seltener; denn die klugen Köpfe wollen auch entsprechende geistreiche Kost. Den Sensationen hinterherzuhecheln gelingt ja selbst dem Fernsehen nicht mehr. So redet man nicht Fraktur. Und was wir in den sogenannten „sozialen Medien“ schrill und verzerrt häppchenweise mitbekommen, füllt nicht annähernd die abgründige Lücke aus, die sich zum unüberbrückbaren Graben verbreitert und einen „Donnerschlag“ hervorrufen könnte. Daher fordere ich: Weniger Zuckerberg! Mehr Zauberberg! Auf den Orgelpunkt!

 

 

 

MMXX

2020 – wie soll man das aussprechen? Brav „Zweitausendundzwanzig“? Rückwärtsgewandt „Zwanzighundertzwanzig“? Geschäftsbeflissen „Zwanzigzwanzig“? Oder historisierend abendländisch: Anno Domini MMXX? Immerhin wird der zweihundertfünfzigste Geburtstag Beethovens begangen, ergo eine starke Persönlichkeit mit römisch-republikanischen Idealen gefeiert. Wünschenswert wäre da schon eine sattelfeste Ausdrucksweise. Dabei muss es ja nicht gleich so martialisch zugehen wie zum Hundertjahresjubiläum 1870, als eine Cosima Wagner geschiedene von Bülow geborene Liszt die Ansicht vertrat, der Deutsch-Französische Krieg sei das Jubelfest …

Es sind überdies von heute her gesehen nunmehr fünfzig Jahre verflossen, seit eine weltumspannende Sekundenzählerei begann. Mit Donnerstag, 01.01.1970 post Christum natum startete die sogenannte Unixzeit. Rasche Datentransferleistungen über störende Zeitzonen oder sonstige kleine Unterschiede in den kulturell speziellen Berechnungen von Stunden, Tagen, Monaten, Jahren, Jahrzehnten, Jahrdutzenden, Jahrhunderten, Jahrtausenden hinweg sind seitdem noch leichter möglich als zuvor. Quasi ohne Rücksicht auf Verluste, aber auch von zahlreichen Vorteilen für reibungslosen Handel und Wandel gekennzeichnet. Globalisierung ist nichts für Angsthasen. Zumindest ein ganz klein wenig imperiale Erhabenheit, wie sie schon zu augusteischen und napoleonischen Zeiten im Schwange war, sollten wir da schon mitbringen.

Allzu verschnörkelte Jahresbenennungen zum Beginn der diesjahrhundertlichen „Zwanziger“ lassen wir daher also lieber bleiben. Die seinerzeitige schroffe bundesdeutsche Benennung sozialstaatlicher Reformen als „Agenda zwanzichzehn“ rief auf dem anderen Ende der Sprechskala indes ein Unbehagen hervor, welches unweigerlich an den biblischen Spruch erinnert von der Sprache, die einen verrät. Folglich ist die ebenso abfällig klingende Bezeichnung „zwanzichzwanzich“ in diesem Textumfeld geschrödert, geschreddert, gestorben.

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Solch persönlicher Widerwille könnte allerdings auf kurzlebigen Affekten beruhen – er macht noch nicht hinreichend innerlich stark. Dabei laufen individuelle Konturen zur Zeit weitaus umfänglicher in Gefahr, zu verschwimmen und zu zerfließen, als es allgemein bewusst ist und durch bloß äußerliches Protestgebaren sich manifestiert. Beispielsweise zeugt die Parole „Wir sind mehr“ von einigermaßen armselig auf Quantität berechneter Attitüde. Wer da nicht aufpasst, trägt nolens-volens dazu bei, dass die Welt um einen herum ganz schnell noch einmal mehr durchökonomisiert und mithilfe von Strich-Codes oder Überwachungskameras verwaltet wird. Romantisch geht jedenfalls anders.

Der Herr auf dem beigefügten Foto par exemple versucht unverdrossen nach wie vor, rein menschlich respective „reinmenschlich“ das Heft in der Hand zu behalten, um mit den eigenen bescheidenen Gaben und Fähigkeiten zu wirken. Verstand und Stimme, Gedankenkraft und Ausdruck, Phantasie und Klangsinn, Vernunft und Glaube, Schreibkunst und Musik will er sich unbedingt bewahren und Erreichtes sogar noch ausbauen. Wir werden ja beizeiten sehen, was ihm von seinen hehren Ansprüchen gelingen wird einzulösen. Gute Vorsätze anlässlich kalendarischer Jahreswechsel soll es ja schon des öfteren gegeben haben …

Die Frage, ob all das „was bringt“, stelle ich mir bei diesem Unterfangen übrigens nicht. Ich denke im Zuge einer sich Jahr um Jahr verstärkenden geistigen Retrospektive und mache dann, was ich nicht lassen kann. Dadurch komme ich erstaunlicherweise voran. Neumodische Zeitungsüberschriften wie „Die Post will langsamer werden“ finde ich albern. Hingegen hoffe ich darauf, dass solche und andere als irgendwie „klimaneutral“ gefeierten Fortschritte in die Steinzeit sich agendarisch noch ein bisschen hinauszögern lassen. Rheinmenschlich kommt da ein gewisser „Ludwig van“ mit seiner Freude an pünktlichen Schiffsabfahrtszeiten gerade recht. In diesem Sinne: Beste Segenswünsche zum Neuen Jahr und freundliche Grüße aus dem Off.