Zwanzig/Einundzwanzig

Es klingt in den Ohren von besonders sensiblen Mitmenschen vielleicht ein wenig nach „Siebzig/Einundsiebzig“, aber das ist durchaus beabsichtigt. Noch war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 offiziell nicht beendet, Kaiser Napoleon III. jedoch bereits seit Monaten abgesetzt, da begann am Neujahrstag 1871 auf dem Papier die Existenz des Deutschen Reiches. Die Ausrufung des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles erfolgte dann am 18. Januar. Einerlei für Reichskanzler Bismarck: Der nachgereichte und entsprechend hastig improvisierte Pomp bestätigte lediglich nur einmal mehr die schlichte Tatsache, dass es den lange angestrebten deutschen Bundesstaat nun wirklich gab.

Einhundertfünfzig Jahre ist das jetzt her. Der heute regierende französische Staatspräsident sprach im März 2020 von einem „Krieg“, in dem wir uns befänden – gegen das Coronavirus, dem man mit allerlei Maßnahmen denn auch begegnete. In Frankreich, Italien, Spanien und Belgien etwa wurden und werden regelrechte Ausgangssperren verhängt; hier in Deutschland ist es bisher weniger hart, weswegen der Begriff „Lockdown“ (Einschluss, Einsperrung, Polizei und Militär auf den Straßen zur Überwachung) unzutreffend ist: Man sollte besser von „Shutdown“ (Schließung von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen) sprechen. Nun werden viele der verhängten Bestimmungen in unser Neues Jahr 2021 hinein weitergelten. Insofern dauert Macrons rhetorische Positionierung an. Auch „2020/21“ lässt sich demnach in einem Atemzug lesen und sprechen.

Reden wir aber von Dingen abseits jenes mexikanischen Maisbieres, dessen Schöpfer in den 1920er Jahren seine Treue zur spanischen Krone bekräftigen wollte, weswegen er es „Corona“ nannte. Denn das Neue Jahr Anno Domini MMXXI hält viele Jubiläen und Gedenktage bereit. Aus ihnen habe ich pro Monat ein Datum ausgewählt. Es geht im Januar, wie gesagt, los mit der Reichsgründung 1871 (vor 150 Jahren). Sodann: Ab dem 25. Februar 1721 erschien die „Berlinische Priviligierte Zeitung“ (ab 1751 „Vossische Zeitung“) dreimal wöchentlich (vor 300 Jahren). Am 3. März 321 erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum allgemeinen wöchentlichen Ruhetag im Römischen Reich (vor 1700 Jahren). Am 17. April 1521 sprach Martin Luther in Worms vor Kaiser und Reichsständen (vor 500 Jahren). Am 6. Mai 1871 wurde Christian Morgenstern geboren (vor 150 Jahren). Im Juni 1796 spielte der fünfundzwanzigjährige Ludwig van Beethoven Klavier vor dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. in Berlin (vor 225 Jahren). Am 1. Juli 1696 wurde Gottfried Wilhelm Leibniz fünfzig Jahre alt (vor 325 Jahren, nach dem gregorianischen Kalender; demnach im Juni julianisch/im Juli gregorianisch 1616 geboren, vor 375 Jahren). Am 15. August 1771 kam Sir Walter Scott zur Welt, der „Erfinder“ des historischen Romans (vor 250 Jahren). Am 11. September 2001 war „Nine-Eleven“ (vor 20 Jahren). Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner (vor 125 Jahren). Rückwirkend zum 1. November 1946 wurde das Land Niedersachsen gegründet (vor 75 Jahren). Am 10. Dezember 1971 erhielt Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis (vor 50 Jahren).

Wem dies an Fest- und Gedenktagen nicht genügt, dem habe ich noch etwas nachzureichen. Seit drei Jahren ist es in manchen hochgebildeten Kreisen eine Gaudi, besondere Ereignisse durch Schnapszahlen zu ermitteln, vorzugsweise dreistellig. So wurde 2018 der dreihundertdreiunddreißigste Geburtstag von Johann Sebastian Bach feierlich-fröhlich begangen. Dadurch angeregt habe ich mich umgesehen und bin auf überwiegend politische Daten gestoßen: 1910 wurde in Portugal die Erste Republik errichtet (vor 111 Jahren). 1799 erschien anonym das Buch „Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern“, rasch identifiziert als ein Werk von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher; außerdem erlebte die Welt den 18. Brumaire des Jahres VIII im französisch-republikanischen Kalender, also den 9. November 1799: Staatsstreich von Napoléon Bonaparte (vor 222 Jahren). Ab Mai 1688 kam es zur „Glorious Revolution“ in England (vor 333 Jahren).


Was Schnapszahlen anbetrifft, so kann ich leider nur zweistellig dienen. Vor 33 Jahren wurde dieser damals 22-Jährige oben im Gebirge gestellt, abgelichtet und also dokumentiert. Die nachgerade zarathustrische Heiterkeit unzeitgemäßer Betrachtungen ist durchaus beachtenswert und kann sich gern überallhin verbreiten. Besser ist immer ein Lachen Nietzsches (vor 150 Jahren, als Professor in Basel, war er noch nicht ganz soweit, das änderte sich in der Folge). Sicher sind wir in jedem Fall bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der das „Lied der Deutschen“ 1841 dichtete (vor 180 Jahren; Quersumme 9, also 3×3, insofern auch ein bisschen schnapsig), und der in seinem Spätwerk die Coronaworte fand: „Der größte Lump im ganzen Land, / das ist und bleibt der Denunziant.“ Aber nun hoffen wir mal großzügig, dass solche finsteren Wahrheiten im Jahre 2021 gar niemand aussprechen muss – weil tout le monde freundlich und sachlich bleibt. In diesem Sinne: Frohes Neues Jahr!

Oktav für Beethoven

So hatten wir uns die Feiern zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Ludwig van Beethoven nicht vorgestellt! Im wirklichen Leben durfte nichts stattfinden, weil coronabedingt auf alles Festliche verzichtet werden musste. Menschenansammlungen in Konzerten wären womöglich zu „Superspreader-Events“ geworden. Wer hätte das verantworten wollen?

Eigenartig bleibt es schon, dass ausgerechnet der Komponist, dessen Werke geradezu nach unbeschränkter Öffentlichkeit verlangen, pünktlich zu seinem Jubiläumswiegenfest weggeschlossen wurde. Der 16. Dezember 2020 wird in Deutschland immer mit dieser Tatsache verbunden sein, sofern sich historisch interessierte Bürgersleute später einmal erinnern.

Doch wir wollen nicht jammern. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Per aspera ad astra. Umso freundlicher wirkt ein Hashtag namens „bthvn_2027“ auf die betrübte Seele: In sieben Jahren ist Beethovens Ableben zweihundert Jahre her. Und dazwischen kann die öffentliche Pflege der Musik des Meisters ja weitergehen. Vieles, was nun verboten wurde, könnte nachgeholt und/oder vertieft werden.

2020 mitgezählt, sind es bis einschließlich 2027 genau acht Jahre. Das entspricht dem Intervall einer Oktave. Im Kirchenjahr gibt es die biblische Zeit „nach acht Tagen“, nämlich die Wiederkehr des gleichen Wochentages beziehungsweise den Beginn einer neuen Woche. Davon hat sich die „Oktav“ nach hohen Festtagen etabliert. Acht Tage nach dem Christfest ist Beschneidung und Namengebung Jesu (1. Januar, seit viereinviertel Jahrhunderten in unseren Breiten zugleich Neujahr), acht Tage nach dem Osterfest der Weiße Sonntag (Quasimodogeniti), acht Tage nach dem Pfingstfest das Lob der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis).

Entsprechend der symphonischen Organisation seit Beethoven lassen sich die Tage mühelos in Jahre ausweiten. Entscheidend sind, wie bei der Schöpfungsgeschichte, die Einheiten und nicht deren absolute Dauer! Wissenschaftlich messbare Sekunden, Minuten, Tage, Monate oder Jahre sind da eher relativ, volativ, flexibel. Der lange Atem ist gefragt. Beethoven jedenfalls hat kein festgelegtes Jubiläums- oder Gedenkjahr nötig. Dem menschlich-gesellschaftlichen chronologischen Bedürfnis aber kommt es entgegen, wenn einigermaßen überschaubare Zeiträume sich auftun.

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Acht Jahre Achtsamkeit für den großen Künstler ist weder zu viel noch zu wenig. Achtung gebührt ihm allemal, befreit von sämtlichen mitunter albernen Antipandemiemaßnahmen (siehe Symbolbild). Beachtet werden mögen Beethovens unvergleichliche Schöpfungen alle Jahre wieder. Vielleicht dann auch einmal seine Achte Symphonie. Die kam bisher entschieden zu kurz.

Beethoven light

Cosima Wagner geschiedene von Bülow aufgewachsene Liszt geborene d’Agoult war Ende des Jahres 1870 der Meinung, der deutsch-französische Krieg selbst sei die Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag. Dies schreibt Martin Gregor-Dellin in seinem roman vrai, der 1980 erschien und auch deswegen so viel Resonanz fand, weil in diesem biographischen Meisterwerk erstmals die wenige Jahre zuvor erschienenen Tagebücher der zweiten Ehefrau des Protagonisten Richard Wagner mitberücksichtigt und verarbeitet wurden, wenn auch oft ironisierend und insofern weniger der historischen Treue denn dem romanhaft Erforderlichen verpflichtet.


Dennoch ist es unzweifelhaft, dass Beethovens Musik im Jubiläumsjahr damals für etliche militärisch bedingte Siegesfeiern herhalten musste. Damit wurde die reichliche deutsche Idee befördert und verwirklicht: Die Reichsgründung zum 1. Januar 1871 war dann nur der längst fällige Verwaltungsakt. Aus Blut und Eisen, aus den Trauermärschen der As-Dur-Sonate Opus 26 sowie der Eroica-Symphonie, aus isolierten martialischen Klängen etlicher anderer Beethovenschen Kompositionen heroischen Inhalts formte der nunmehrige Meister aus Bayreuth seine dann für die Zukunft maßgeblichen Festspielmusiken. Nach seinem Dahinscheiden 1883 gab Cosima gemäß einem selbstauferlegten Gelübde das Tagebuchschreiben auf und war fortan, bis zu ihrem eigenen Tod 1930, als gebürtige Französin und Tochter des hochberühmten Franz Liszt die „Herrin des Hügels“, sehr deutsch und immens geschäftstüchtig. 

Nun, einhundertfünfzig Jahre nach jenem Krieg, dem in Frankreich die Dritte Republik folgte und in Deutschland dank französischer Reparationszahlungen die „Gründerzeit“ des zweiten Kaiserreichs unter dem allgewaltigen Kanzler Otto von Bismarck … – also nun, anno 2020, zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag Beethovens, harren wir einer ganz anderen und nie gekannten geschweige denn erahnten Ehre des musikalischen Genies: Corona lässt den Gedanken zu, bundesweit ab 16. Dezember Schulferien zu erteilen. Das ist unendlich mehr als das kriegerische Brimborium 1870! Nun könnten sogar die Kinder, Halbwüchsigen und Jungerwachsenen sich freizeitmäßig und weihnachtlich zugleich der Musik Beethovens widmen – nicht länger bloß pflichtgemäß im Unterricht, wenn die Fünfte oder die Neunte langweilen, sondern richtig aktiv … aber wie genau? Ach ja, alles Diesbezügliche ist leider untersagt. Konzerthäuser bleiben zu, Ensemblemusik und Orchester-oder Chorproben sind verboten, der Jubilar ist zum Schweigen verdammt. Unsere Kultur wird gerade insgesamt abgewickelt, ohne Rücksicht auf Verluste. Alles, was an Hygienekonzepten kostenintensiv in den letzten Monaten auf die Beine gestellt wurde, wird grausam ignoriert.

16. Dezember 1770 / 2020: Zweihundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt ist somit auch Ludwig van Beethoven gesellschaftlich ausgezählt und entsorgt. Was Thomas Mann im Roman „Doktor Faustus“ 1947 mit seinem alter ego Adrian Leverkühn vorausahnte: die Musik humaner Herkunft womöglich zurücknehmen zu müssen – es wird unter völlig anderen Voraussetzungen nun zu bitterer Wirklichkeit. Übrigens ist das Kapitel, in dem Martin Gregor-Dellin in seinem Buch über den selbsternannten Beethovenvollender Richard Wagner das Jahr 1870 beschreibt, nach einem Begriff aus Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) betitelt und lautet: „Machtgeschützte Innerlichkeit“. Freilich wird dies wohl dem Wagner-Clan, mitnichten jedoch dem historischen Beethoven gerecht: Der stand zwar unter der Protektion adliger Gönner – doch innerlich glühte er bis zuletzt gegen alle Machtgeschütze und durchschlug mit seiner Musik jede ständisch-angemaßte Selbstgefälligkeit. Wäre doch schön, wenn der Jubel über vorzeitige Ferien sich mit einer irgendwie artikulierten hommage à Beethoven produktiv verbinden könnte.

Update 26. November 2020:  Der 16. Dezember ist es nun leider nicht geworden. Kein Ferienbeginn an Beethovens Geburtstag. Hier wurde die Chance verpasst, trotz aller derzeitigen musikalischen Aufführungsverbote zumindest pädagogisch wertvoll die unmittelbare Freude wirken zu lassen, die der 250-Jahres-Jubilar ausgeströmt hätte. „Beethoven ist cool – seinetwegen gibt’s mehr Ferien“: solch junges Lob fällt nun aus.

Farben im Spätsommer

Wer Freiheit sucht in diesen Zeiten, ist auf die leuchtende Natur verwiesen.

Man sollte dafür dankbar sein. Kein sorgenvolles Corona-Nanny-Gehabe.

Weder Panik noch Gleichgültigkeit.

Wir wollen frei bleiben, gesund gewiss, aber auch bei aller Schönheit der eigenen Sterblichkeit deutlich bewusst.

Wem Sonnenblumen zugeeignet werden, ist ein Zeichen gesetzt: Solch ein Mensch bleibt, ob er gleich stürbe, immerdar.

Dahlien pflastern locker den Weg.

Freundliche Endlichkeit, vielleicht Vorbild den Streithähnen und Lästerhühnern überall auf dem gebeutelten Erdball.

Helle Blumen am Wegesrand.

Glückhafte Ernten an sicheren Bäumen.

Beste Blömeken, Planten un Bloemen, Sonne zuvor und hoffentlich kräftig danach.

Sommer-Ende

Wir sind am Ende eines besonderen Sommers. Corona prägte sein Wesen. Wie schade! So viele Schönheiten des Lebens in Flora und Fauna gingen im allgemeinen Geplärr von Klimakrisenpanik, Rassismusunterstellung und Genderismus völlig unter.

Schmetterlinge im Sonnenbad lassen die Unsicheren unter den hartherzigen Ideologen vielleicht doch noch erweichen. Wenn nicht, dann gnade uns Gott.

Katzenfoto

Ein bekanntes „soziales Netzwerk“ aus Kalifornien wird manchmal verspottet, weil seine Nutzerinnen und Nutzer hauptsächlich „Katzenfotos“ verbreiten würden. Dem widerspreche ich energisch, weil die in Rede stehenden Tiere solch eine herablassende Bemerkung nicht verdient haben. Dass der Internetgigant seine wahren Absichten hinter der Präsentation solcher Bildchen geschickt verbergen mag, sei allerdings deshalb nicht bezweifelt – im Gegenteil: Hier kann er unbemerkt einen Kuschelkurs fahren und dem freudigen Entzücken seiner Milliarden User unbeschwerte Likes mühelos entlocken.

Dass sich die wendigen, eleganten, nachtaktiven, eigensinnigen und schnurrigen Kreaturen davon überhaupt nicht beeindrucken lassen, gehört zur schnöden unverfälschten Wahrheit unbedingt hinzu. Unabhängigere, schlauere, ja freiere Wesen lassen sich kaum denken. Und auch im domestizierten Zustand bleiben sie mit ihren Augen und Krallen unerschrockene Raubtiere, auf leisen Pfoten zwar, aber konsequent und letztlich unbezähmbar. Damit haben sie es sowohl zu Hausgenossen (in Europa) als auch zu heiligen Tieren (im alten Ägypten) gebracht. Ein Kater kann gestiefelt (Ludwig Tieck) sein oder seine Lebensansichten (E.T.A. Hoffmann) verbreiten, er mag durch die Mondnacht streifen, sich mit seinesgleichen balgen und seine Amouren haben. Wenn die Katze mit der Brille (Ilona Bodden) sich indes vor Mäusen zu fürchten beginnt, muss sie ihr Gemahl wieder auf den rechten Weg bringen. Bildungsbeflissenheit darf nie auf Kosten des Selbstbewusstseins gehen. Printmedien, Funk und Fernsehen sowie World-Wide-Web sollten den Blick auf das Wesentliche nicht verstellen.

Da trifft es sich gut, dass heute, wie an jedem 8. August seit nunmehr achtzehn Jahren, der Internationale Tag der Katze begangen wird. Und ich kann dafür, in Form einer Reiseerinnerung, sozusagen ein echtes eigenes Katzenfoto beisteuern:

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In Ephesus war’s, vor einigen Jahren, dass sich dieses Geschöpf gelassen von mir ablichten ließ, ganz in sich ruhend, keinen persönlichen Plan preisgebend, dem eigenen Weg unbeirrt natürlich folgend und deswegen sich nicht weiter störend an den Leuten. Wer sich seiner Sache sicher ist, muss sich nicht einmischen und kann großzügig das Leben der anderen laufen sehen – wie sein eigenes. Freiheit blüht aus den Ruinen, wenn schon nicht aus denen der gegenwärtigen Zeit, dann doch herüber aus einstiger christlich gewordenen humanen Antike. Auch damals schon strichen sie samtig um die Häuser: Womöglich sind Katzen doch die besseren Menschen.

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Der 6. August ist ein besonderer Tag, jedes Jahr. In den orthodoxen und katholischen Kirchen dieser Welt wird die Verklärung Jesu gefeiert. Auf dem Berg Tabor leuchtet sein Antlitz wie die Sonne; der auferstandene Christus blickt durch. In den Evangelien ist diese Szene ein erster Hinweis auf Passion und Ostern – darum steht ihre Lesung im liturgischen Kalender der lutherischen Kirche, in Abänderung der Tradition, am Letzten Sonntag nach Epiphanias an, also im Winter.

Mitten im Hochsommer, am heißen 6. August Anno Domini 1806, nahm das Duell zweier Kaiser eine denkwürdige Wendung: Der eine, Napoleon, konnte ein ganzes altes Reich nicht in sein neues einverleiben und selber dessen Imperator werden, weil der andere, Franz, seines, das vom Korsen begehrte, einfach kurzerhand auflöste. So erlitt ein mehr als achthundertfünfzig Jahre währender Staat sein Knocked-Out und wurde nie wieder – auch im übertragenen Sinne nicht – Gegenstand von irgendwelchen Boxkämpfen sprich grausamen Waffengängen, von denen doch die Zeit um 1800 so übervoll war.

Dieses Römische Reich, später heilig genannt und, nach Verlust der europäischen Dimension, seit dem fünfzehnten Jahrhundert nur noch deutscher Nation angehörig, hatte sich im Furor von Revolution, Terror und Kriegen endgültig überlebt. Kaiser Franz hatte das Ende kommen sehen und bereits zwei Jahre zuvor für sich und die Seinen ein „Kaisertum Österreich“ installiert, als Reaktion auf die Ausrufung eines französischen Kaiserreichs, ebenfalls 1804, welcher im Dezember desselben Jahres die eigenartige Selbstkrönung Napoleons in Paris folgte. So gab Kaiser Franz II. sein heiligrömischdeutsches Reich preis, um als Kaiser Franz I. von Österreich ungehindert weiterregieren zu können. Seine Gesamtregierungszeit umfasst also die Jahrzehnte ab seiner Wahl 1792 bis zu seinem Tod 1835 – vierzehn Jahre davon als deutscher König und römischer Kaiser, neunundzwanzig weitere als österreichischer Herrscher in der Nachfolge der traditionellen habsburgischen Erzherzöge.

Das Römertum ging habituell eher auf Napoleon über, der ja als „Erster Konsul“ 1799 reüssiert und zunächst den republikanischen Gedanken in der diesbezüglich aufgeheizten gesamteuropäischen Stimmung starkgemacht hatte. Sein Caesarentum wurde folglich von denen, die damals dachten und mitfieberten, vielfach als Verrat empfunden. Beethovens nachträglich-spontane Widmungsverweigerung seiner Dritten Symphonie an Bonaparte ist das vielleicht prominenteste Beispiel für den intellektuellen Umschwung jener Zeit. Napoleon wurde nun nicht länger als der tatkräftige Volkstribun einer neuen allgemeinen freiheitlichen Ordnung gefeiert, sondern als ein übler Machtmensch erkannt, der sich in der Folge in halb Europa als rücksichtsloser Kriegsherr und brutaler Militärdiktator entpuppte.

Der Griff nach dem Sein als Imperator „Empéreur“ schien andererseits folgerichtig: Nach vielen Jahrhunderten der seit der Reichsteilung von Verdun Anno Domini 843 zunächst von Aachen aus herrschenden Kaiser, während in Frankreich „nur“ Könige residierten, war nun, 1804 bzw. 1806 die Stunde der Gerechtigkeit gekommen. Diese Gelegenheit, nach rund achteinhalb Jahrhunderten, konnte und durfte nicht ungenutzt bleiben! Aber bekanntlich war bereits im Jahre 1815 mit dem napoleonischen Kaisergehabe Schluss. Und auch sein Neffe, der von 1852 bis 1870 als Napoleon III. einem französischen Kaisertum vorstand, hat dieses nicht halten können. Anschließend setzte sich dann die Republik dauerhaft durch, wenn auch in fortlaufenden Numerierungen von drei bis (derzeit) fünf. 1871 ging die Kaiserwürde wieder nach Deutschland, aber auch nur für gut siebenundvierzig Jahre. Danach, seit Kriegsende 1918, war endgültig Schluss damit.

Weder die beiden Napoleons in Frankreich noch die zwei Wilhelms (im Gegensatz zu Friedrich, dem 99-Tage-Kaiser des Jahres 1888!) in Deutschland haben sich sonderlich auffallend um das Erbe des im Jahre 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches gekümmert. Alle möglichen geistigen und institutionellen Anknüpfungspunkte wurden der neuen Zeit geopfert, und die war, spätestens seit den Ergebnissen des Wiener Kongresses 1815, eher national ausgerichtet. Dass das verflossene „Heilige Römische Reich“ den Zusatz „deutscher Nation“ eher einschränkend verstanden hatte und keinesfalls chauvinistisch, spielte nun keine Rolle mehr. Den dahinterstehenden Gedanken einer zumindest westeuropäisch-kontinentalen Einheit von italienisch-französisch-deutschem Gepräge sah fürderhin kein Mensch. Karolingische und ottonische Großzügigkeiten wurden im neunzehnten Jahrhundert von allen Seiten eher ausgeblendet und kämpferisch bestritten denn positiv und schöpferisch in Anschlag gebracht.

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Es musste erst der Zweite Weltkrieg zum bitteren Ende gelangen, um die europäischen Völker in ihrem Widerstreit innehalten zu lassen. Weltweit geschah dies erst ab einem anderen 6. August, dem des Jahres 1945, als durch US-amerikanisches Militär die erste Atombombe über bewohntem Gebiet gezündet und die japanische Stadt Hiroshima zerstört wurde. Dass man mit der Gründung der „Vereinten Nationen“ und später mit der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ versuchte, eine dauerhafte Friedensordnung aufzubauen, ist verständlich und nach wie vor begrüßenswert. Wie schade, dass diese Organisationen nun selbst im Klein-Klein sich längst verloren haben. Die UNO ist zu kraftlos, um Kriege zu verhindern. Und die „Europäische Union“ dieser Tage macht den Eindruck eines bürokratischen Monsters, das angesichts von „Corona“ alle Hemmungen zum Gelddrucken ablegt – geistige Gestaltungskraft ist da mitnichten am Werk …

Der verklärte Christus ist in Vergessenheit geraten, und mit ihm seine Wirkmacht. Im ottonischen Kirchenbau wäre eine Kraftquelle neu zu schöpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man aus den Trümmern eine neue Kirche nach alten Plänen: die Michaeliskirche zu Hildesheim erstand in ihrer ursprünglichen Gestalt. Ihr einstiger Bauherr, Bischof Bernward (in die Ewigkeit gerufen Anno Domini 1022), war zeitweilig der Erzieher des späteren Kaisers Otto III. – Klar: Die Umstände der ersten christlichen Jahrtausendwende sind längst vorüber. Aber dieses Bauwerk altdeutsch-neurömischer Kaiserherrlichkeit sowie bischöflichen Mönchtums überstand dann immerhin alle weiteren Höhen und Tiefen der Geschichte – sogar ihre Verwendung als Pferdestall und Irrenanstalt im Gefolge der durch die napoleonische Bedrängnis stattgehabten Säkularisierung. Hoffen wir, dass der Name des Erzengels Michael auch weiterhin die menschlich-gebrochenen Erinnerungen wachhält; denn, seien wir ehrlich: Wer ist schon wie Gott?

RR: Römisches Reich.
hdN: heilig, deutscher Nation.
ko: knocked-out. Hoffentlich nicht. Das göttliche Humanum möge leuchten wie die Sonne.
Weitere Texte zum Thema in diesem Weblog:
https://feoeccard.com/2019/08/04/hrr-2-februar-962-6-august-1806/
https://feoeccard.com/2018/08/06/vergessener-tag/
https://feoeccard.com/2016/02/09/otto-und-sein-ausgefranztes-reich/

Heilige Weisheit?

Jetzt ist es amtlich: In der Hagia Sophia zu Konstantinopel sollen wieder, wie in den Jahren von 1453 bis 1934, islamische Gebete abgehalten werden können. Orthodoxe und römisch-katholische Sprecher äußern Unmut, bis hin zum Zorn. Sie werden bestärkt von den jeweiligen Regierungsvertretern in Athen und Moskau beziehungsweise vom Heiligen Stuhl. Evangelische Repräsentanten machen sich im wesentlichen eine Stellungnahme des Weltkirchenrates zueigen und sprechen in je persönlichen Variationen ihr Bedauern aus. Sie haben allerdings kaum Rückhalt durch entsprechende Verlautbarungen aus der Politik. Interessanterweise kommt aber auch, zumindest in Deutschland, von muslimischer Seite Kritik. In der Türkei selbst sind es naturgemäß die Kemalisten, denen die Gründung der laizistischen Republik 1923 als undiskutable historische Errungenschaft erscheint.

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Die Argumente gegen die Entscheidung des türkischen Obersten Verwaltungsgerichts sind vielfältig: Das Gotteshaus, anno 537 eingeweiht, sei als Kirche erbaut und müsse, wenn es denn schon kein Museum mehr sein solle, umstandslos wieder zu einer solchen werden. Es mangele in Istanbul mitnichten an Moscheen, da brauche man über die jetzt bestehenden hinaus keine weiteren. Auch sollte alles vermieden werden, was den Streit unter den Religionen neu anfachen könne; denn man lebe schließlich im 21. Jahrhundert: Aus überwundenen schlimmen Zeiten von Glaubenskriegen habe man doch hoffentlich gelernt. Toleranz sei das Gebot der Stunde und die Hagia Sophia ihr Wahrzeichen, habe doch Atatürk bei ihrer Neueröffnung als Museum im Februar 1935 von ihr als dem Ort gesprochen, wo sich einst zwei Konfessionen voneinander trennten – im Jahre 1054 die West- und die Ostkirche –  und nunmehr zwei Religionen – Christentum und Islam – zusammenfänden. Das Bauwerk trage gewissermaßen durch ihr langes 1500jähriges bloßes wenngleich wechselvolles Dasein die Botschaft des Friedens in sich.

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Von unbedingten Forderungen über praktische Hinweise bis hin zu idealistischen Träumereien spannt sich also der hüben wie drüben religiöse und mehr oder weniger geistreiche Bogen. Griechenland und Russland erkennen dahinter glasklar die machtpolitischen Dimensionen. Und die Menschenmenge, die vergangenen Freitag, einen Tag nach dem Urteil, sich vor dem bisherigen Museum unter freiem Himmel zum Gebet zusammenfand, war entsprechend lauthals freudig erregt von dieser „zweiten Eroberung“ und der damit verbundenen islamischen „Raumgewinnung“. Damit stand quasi die Wiederholung des 29. Mai 1453 an: Mehmet der Eroberer hatte ja durch seine Heere an diesem Tag die Hauptstadt der morgenländischen christlichen Welt zu Fall gebracht. Er, der Sultan, erklärte sich durch diese militärische Tat zum legitimen Nachfolger der römischen Kaiser und wandelte das östliche römische Reich um in jenes muslimisch-türkisch dominierte Herrschaftsgebiet, das erst rund 470 Jahre später, in der Folge des Ersten Weltkriegs, unterging. Da war also von vornherein ein Machtanspruch wirksam, der die grausamen Türkenkriege hervorrief und Europa in den nächsten drei Jahrhunderten immer wieder in Angst und Schrecken versetzte.

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Die Hagia Sophia aber war während all dieser historischen Ereignisse und weltgeschichtlichen Dramen nie nur ein Gotteshaus. Sie war vielmehr für rund 900 Jahre die Eigenkirche der römischen Kaiser, die von Konstantinopel aus seit dem Jahr 330 ihr christliches Reich regierten. Am „Nabel der Welt“ wurden sie, die irdisch-himmlischen Mittler, im Sinne eines Caesaropapismus gekrönt und später gern als Inhaber sowohl der weltlichen wie der geistlichen Gewalt in kunstvollen Mosaiken verewigt. Übrigens sprach seinerzeit vom „Byzantinischen Reich“ dort niemand, erst recht nicht vom „Oströmischen Reich“; denn man sah sich selbst ja als organische Fortführung des einen römischen Weltkreises, mit dem „Neuen Rom“ als Zentrum, von Konstantin dem Großen eben vom Tiber an den Bosporus verlegt und mit seinem griechischen Namen versehen: Konstantinoupolis, Konstantinopel, Stadt des Konstantin. Erst ein deutscher Bücherwurm des 16. Jahrhunderts hat den heutzutage geläufigen kulturgeschichtlichen Begriff „Byzanz“, „byzantinische Kunst“ etc. erfunden: https://feoeccard.com/2017/06/08/hieronymus-wolf/. Ab 1453 gehörte das Bauwerk dem Sultan persönlich, ganz analog zur vormals kaiserkirchlichen Bestimmung,  und wurde im Rahmen einer Stiftung folgerichtig zur Moschee. Dies legte Mehmet II. „der Eroberer“ in seinem Testament fest.

Es war nun dieses Schriftstück, das den jetzigen Richterspruch sowie die nachfolgende Entscheidung des türkischen Ministerrates begründet. Damit ist faktisch die Staatsgründung vom Oktober 1923 durch Mustafa Kemal Pascha Atatürk übergangen und für im Grunde ungültig erklärt worden. Die Republik hat in ihrem wesentlichen Gehalt aufgehört zu existieren, wenn ein Beschluss des damaligen Ministerrats vom November 1934 als nichtig bezeichnet wird, weil er angeblich gegen die Bestimmungen des Begründers eines untergegangenen Vorgängerstaates, nämlich des Osmanischen Reiches, verstößt. Dass das erste Freitagsgebet in der Hagia Sophia nach dem jüngsten Gerichtsspruch nun ausgerechnet am 24. Juli verrichtet werden wird, ist ebenfalls historisch brisant: Es ist nämlich der Jahrestag des Vertrags von Lausanne 1923. Darin wurden die neuen Grenzen der bis dahin in Besatzungszonen aufgeteilten Rest-Türkei festgelegt, unter anderem aber auch der leidvolle „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Türken und Griechen besiegelt und im übrigen etliche christliche Minderheiten, die seit 1915 Opfer des Völkermordes geworden waren, nicht weiter berücksichtigt. Das grausame Martyrium von Armeniern und Assyrern wird seitdem von offizieller Seite krampfhaft verschwiegen und seine Benennung strafrechtlich geahndet. Da sind sich Kemalisten und Erdoganisten bis heute erschreckend einig.

Das Vermächtnis des Sultans Mehmet II. legte allerdings auch für alle Zeiten fest, dass die vormaligen Kirchengebäude des römischen Staates weder zerstört noch bilderstürmerisch versehrt werden dürften. Der Eroberer von Konstantinopel hatte eine christliche Mutter, und deren Andenken verbot es dem wüsten Heerführer ganz offensichtlich, die geistlichen Kunstwerke der griechischen Orthodoxie hemmungslos zu vernichten. Die Fresken und Mosaiken etlicher byzantinischer Kirchenräume sind demzufolge erhalten geblieben, oft unter Putz oder Stoffbahnen. Mit der Umwandlung der Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum Mitte der 1930er Jahre war also auch die Freilegung von seit rund 480 Jahren verborgenen Bildwerken verbunden. Zugleich konnten Ausgrabungen stattfinden; die Archäologie kam zu ihrem Recht, Kunstgeschichte wurde legitimiert in einem Umfeld, das bis dahin von solchen Dingen kaum etwas wissen wollte. Und weil Atatürk vieles war, nur nicht religiös, konnte unter seiner Ägide das Bauwerk der Heiligen Weisheit zu einem säkularen Museum werden, das die neun Jahrhunderte als christliche Kaiserkirche und die knapp fünf Jahrhunderte als muslimische Sultansmoschee sozusagen gleichberechtigt miteinander zu präsentieren vermochte. Die Republik hielt sich aus Glaubensdingen nach außen hin heraus, während sie allerdings zugleich einseitig das Türkentum förderte, auf Kosten aller anderen Bewohner des neuen Staates. Der „europäische Staat mit islamischer Bevölkerung“, dessen Verfassung sich am französischen Laizismus und am schweizerischen Rechtssystem orientierte, war von Anfang an in einem nationalistischen Widerspruch gefangen; denn der Republikanhänger Parole „Die Türkei den Türken“ legte jegliche Religionsfreiheit in Fesseln, sofern die im Volk verwurzelte sunnitische Religion nicht, wie von Atatürk durch seine rigiden Maßnahmen erwartet, einfach binnen kurzem verschwand.

Ende von Sultanat und Kalifat, Verbot von Kopftuch und Fez, Einführung europäischen Kalenders und lateinischer Schrift sowie Installierung vor allem französisch-republikanischer Staatstugenden sollten die vormaligen „Jungtürken“ voranbringen in eine neue Zeit. Das Ganze entlarvte sich indes irgendwann als eine aufgepfropfte Ideologie, die den Menschen vor Ort mehr nahm als gab. Wer geschichtlich gewachsene Gewohnheiten mit einem Federstrich abschafft, ohne dass das Neue einen nachhaltigen Rückhalt im Volk besitzt, wird irgendwann scheitern. Und dann kommt die Stunde der Spießbürger: „Ach, sieh an, ich dacht‘ es gleich“. Dies ist jetzt der glorreiche Augenblick aller noch verbliebenen Erdoganisten. Die Hagia Sophia wird neuerlich und zum wiederholten Male ein Objekt machtpolitischer Setzung. Unser vormals christlich-politisches Europa, also das, was man mehr oder weniger romantisch mal als das Abendland bezeichnet hat, steht deshalb so fassungslos vor dieser historischen Zäsur, weil es ernstlich nicht mit der Wiederkehr des machtbewehrten Religiösen gerechnet hat. Glaube ist für die westeuropäischen Granden eigentlich nur noch etwas fürs Museum. Daher fand man den bisherigen Status der Hagia Sophia bequem, ausgewogen und in seiner nie beim Namen genannten Zahnlosigkeit touristisch wunderschön. Die Machtkämpfe dahinter wurden geflissentlich ignoriert. 

Im Jahre 2011 gab es schon einen Testlauf: Damals wurde die Hagia Sophia zu Nizäa in eine Moschee umgewandelt. Isnik, wie der Ort heute heißt, südöstlich von Istanbul gelegen, war Schauplatz des ersten sowie des siebten und letzten der Ökumenischen Konzile, also der von allen christlichen Kirchen in ihren Lehrentscheidungen anerkannten Bischofsversammlungen. Im Jahre 325 bejahte man die Frage, ob Jesus als der Christus „wahr Mensch und wahrer Gott“ sei; anno 787 entschied man abschließend, dass Bildnisse mit dem Glauben vereinbar sind. Die Kunst nahm neuen Aufschwung, unsterbliche Ikonen, Fresken und Mosaiken entstanden. Aus dieser Zeit stammen auch die Werke in der Kaiserkrönungskirche zu Konstantinopel. Aber in der vormaligen Kirche, da das Konzil gegen die Ikonoklasten, die Bilderstürmer des achten Jahrhunderts tagte, erinnert an die dort erlaubten Bilder nichts mehr.

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Mehrfach wechselten Konfession und Religion, im Jahr 2000 war es dem Patriarchen von Konstantinopel für einmal durch die türkische Religionsbehörde gestattet, eine Weihnachtsmesse abzuhalten. Das war’s dann. 1920 schon war diese kleine Hagia Sophia zum Museum gemacht worden, mit der Option, dass in der ehemaligen Kirche auch hin und wieder christliche Gottesdienste stattfinden könnten. Der Wind drehte sich recht bald. In Westeuropa, bei uns also, hielt sich über viele Jahrzehnte das Interesse an solchen Vorgängen oder eben Nicht-Ereignissen in überschaubaren Grenzen. So wird es auch jetzt wieder sein, bei der großen Hagia Sophia, der Heiligen Weisheit zu Konstantinopel.

Fotos (alle Aufnahmen aus dem Jahr 2016): (1) Hagia Sophia, Innenraum mit christlichen und islamischen Elementen. (2) In der Hagia Sophia wird immer irgendwo gebaut, erneuert, ausgebessert. (3) Der Nabel der Welt. (4) Kirche des Konzils 787 in Nizäa, erbaut im 4. Jahrhundert, im Laufe der Jahrhunderte mal Kirche, mal Moschee, seit 1920 Museum, seit 2011 Moschee. Die Abschnitte, wo man als Muslim beten kann, sind mit Teppichen ausgelegt. Die für das Gebet gen Mekka nicht benötigten Ecken des Gotteshauses sind weiterhin touristisch zugänglich. Wird so eine Aufteilung auch in der großen Hagia Sophia in Konstantinopel erfolgen? Und was spräche eigentlich gegen die Möglichkeit, dort neben den muslimischen Freitagsgebeten auch christliche Sonntagsgottesdienste abzuhalten?   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unerträglich!

Kinderchormitglied (9) stößt ungehemmt Aerosole aus!

Dies werden wir den leichtsinnigen siebziger Jahren niemals verzeihen. Der Junge auf dem (absichtlich undeutlichen?) Foto von 1975 wird heutzutage hoffentlich voller Scham auf seine Untat blicken.

Und die damalige chorleitende Person ist, das muss deutlich gesagt werden, in Ansehung sämtlicher Folgen dieses dokumentierten Einzelfalls über die seitdem verflossenen Jahrzehnte hinweg (camouflierend?) todsicher mitschuldig am aktuellen Corona-Ausbruch. Denn ist es nicht unsere Nachkriegsausbeutungsgesellschaft in toto, die verantwortlich für die Seuche zeichnet? Kann sich da auch nur eine*r herausreden? Bereits vor viereinhalb Jahrzehnten lag dieser Zusammenhang offen zutage – mag sich die Vernunft auch noch so sehr sträuben.      

Immerhin war die Studie des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ damals erst drei Jahre zuvor frisch erschienen. Bei ernsthafterer zustimmender Rezeption dieses wahrhaft prophetischen Textes hätte es der Bundeskanzlerin anno 2020 (knapp fünfzig Jahre später) erspart bleiben können, auf die bevorstehenden Transformationsprozesse historischen Ausmaßes neuerlich hinweisen zu müssen. Jetzt ist es zu spät für logische Schärfen (gar von Einzelargumenten) und andere Kleinigkeiten (wie Pest und Cholera): Nun sindse halt da, diese Umwälzungen, Verwerfungen, Zerstörungen. So what?

Dass noch vor einigen Tagen ein Kantor seine Schützlinge zeitkritisch-ironisch-wortklangakrobatisch auf elektropostalischem Wege – also immerhin den Einskommafünfmeterabstand einhaltend (darin erschöpft sich aber auch bereits das Positive dieses Vorgangs) – mit „Chor-ohna-Gemeinde“ angesprochen hat, ist vor diesem Hintergrund unverzeihlich und muss umgehend rückgängig gemacht werden.

 

Weiterlesen Unerträglich!