HerbstZeitLos

Kein Wortspiel ist ungeeignet genug, um hier nicht aufgegriffen zu werden. „Herbstzeitlose“ wird eine Blume genannt, die in feuchtwarmen Gefilden vom Sommer bis in den Herbst hinein blüht. Ihre Toxik macht sie seit jeher für die Medizin interessant, führt aber auch zu dem anderen Namen „Giftkrokus“. Heilende und tödliche Wirkung liegen also ganz nahe beieinander, und ihre „Losung“ besteht darin, die Herbstzeit anzukündigen.

In meinem Garten gibt es keine Herbstzeitlosen, dafür liegt er allzu bestimmt in Norddeutschland. Aber die Zeitlosigkeit – hier setzt nun meine kleine Mogelei am Wortstamm los=“ankündigen“=“wahrsagen“ ein – des Herbstes zeigt sich hier in der langsamen Verfärbung der Bäume – und besonders reizvoll an der Trauerweide, die hin und wieder gestutzt werden muss, um sich danach noch voller zu entfalten. Außergewöhnlich dauerhaft leuchteten dieses Jahr die Blätter der stämmigen Gewächse.

herbstleuchten im garten

Wie ja manches Wetter oder dessen Ausbleiben einfach nur sommerlich schön war, sofern wir die Mahnerinnen und Mahner von wegen menschengemachten Klimawandels einfach mal in den Senkel stellten und sie dort ungehört=ungestört weitermeckern ließen. Was geschah uns doch gleich während eines (neudeutsch so genannten) meetings am (ich weiß es noch wie heute) Donnerstag, dem 18. Oktober? Plötzlich und unerwartet machten sich plätschernde Geräusche bemerkbar, kleine Wassertropfen rannen außen am Fenster herab: Ein REGEN !!! Dass es so etwas noch gab! Wir klebten mit unseren Nasen an der riesigen Glasscheibe – an eine Fortsetzung der Terminabsprachen war für einige Minuten gar nicht zu denken …

Wind und Wasser aus Wolken waren zurück – auch die Wärme (im Nörgeljargon stets „Hitze“ gestöhnt) schwand irgendwann. Friesennerze und Regenschirme: Sie wurden gegen jegliches Erwarten nun doch wieder benötigt. Und mittlerweile haben wir auch unsere längst vergessenen dicken Jacken und Mäntel, aus welchen kaum erinnerten Schränken auch immer, neuerlich hervorgeholt. Irgendwann endet sogar der allerewigste (!!! größtmöglichster Superlativ !!!) Sommer, es verblühen stumm die Blumen, die Bäume werfen ihr Laub lautlos ab. Eigentlich selbstverständlich, aber dieses Jahr derart erstaunlich, dass es doch einmal zur Sprache gebracht werden muss. Wer weiß, wie lange sich die Natur Zeit nimmt, wiederum derart stark ihrem ureigenen Charakter stetigen gründlichen Wechsels Ausdruck zu verschaffen …

herbst in matteren farben

Schon wird die Leuchtkraft schwächer, das Licht ermattet. Sterben geht immer mit, hier und jetzt wird’s offenkundig sinnbildlich Ereignis. Bestelle dein Haus, werde niemals übermütig, verwirf nichts als „ungeeignet“, „unzeitgemäß“ oder gar lost in time, bleibe mild und dankbar. Das Zeitlos des Herbstes steht längst vor der Tür. Kein Gift kommt dagegen an. Alle Unkenrufe ertönen zur Unzeit und verhallen gottlob im Nirwana sprachlichen Unrats. Und einige Monde weiter im Lauf des Lebens, an selbigem Ort, sprießen die richtigen Krokusse. Wetten?

Ausdruck

Largo, con gran espressione – je langsamer, desto ausdrucksvoller, meinte wohl der junge Beethoven, als er den zweiten Satz seiner Klaviersonate Opus 7 mit dieser Vortragsanweisung versah. Spätere Komponisten haben ihr ganzes Sentiment dann gern in schwermütige, ja bisweilen stockende Musik gelegt. Das konnte wahlweise „romantisch“ oder auch fragmentarisch bis modern wirken. Verbunden damit war eine Entdeckung der Langsamkeit, die manchmal bis zur Überdehnung ausgekostet wurde. Schwelgen war unbegrenzt möglich, aber es taten sich auch Abgründe auf, die sowohl Schöpfer als auch Adressaten erschaudern ließen. Jedenfalls öffneten sich die Tore von Phantasie und Freiheit, im Nachsinnen gefühlt endloser Tongemälde und beseelter Klänge, in denen Herzensangelegenheiten zum Ausdruck kamen.

Dies alles scheint versunken zu sein. Höher, weiter und vor allem: schneller muss heutigentags alles gehen. Nicht mehr Schritt um Schritt, sondern nur noch: Wir sausen mit. Sogar im Urlaub sind wir erreichbar. Schreibt eigentlich noch jemand Tagebuch? Waren das nicht „schöne, glänzende Zeiten“, als ein Brief von Hand erschaffen, in den Umschlag gesteckt, mit Briefmarke versehen und zum Postkasten gebracht werden musste? Jede Botschaft war einmalig, unverwechselbar – neben der Kultivierung einer eigenen Schreibschrift wuchs da auch der Charakter mit. Und man bekam ja verlässlich Antwort, ebenso handgemacht und höchstpersönlich. Wer an „Neuland“ dachte, meinte Novalis – und nicht das Internet.

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Aber es geht eben weiter. Auch das ist eine – klaglose – abendländische Erkenntnis. Beim späten Beethoven gibt es dafür ebenfalls eine Steilvorlage, die Überschrift zum ersten Satz aus Opus 90: „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ … Wer die e-moll-Klaviersonate hört oder gar selber durchtastet, wird von Entschlossenheit, Grimm und Trauer gleichermaßen fortgerissen. Schroff und schrill, leidend und liebend ist espressione ausgeträumt und zugleich ebenso deutsch bodenständig wie überirdisch flüchtig geworden. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Hat der Meister aus Bonn deshalb zum Ende hin im ungeliebten Wien immer öfter Zuflucht zur Fuge gesucht? Warum wird überhaupt die Krönung musikalischen Denkens seit jeher fuga genannt, also „Flucht“? Ein Nachhall der Bestimmung des kainitischen Menschen, der Städte baut, Zivilisationen gründet und doch wegen seiner blutigen Vergangenheit „unstet und flüchtig“ bleiben muss?

Aus dieser Nummer kommt niemand von uns Lebenden heraus. Was uns in dieser Welt helfen kann, ist, diesem bewegenden Zustand Ausdruck zu verleihen. Ohne ideologische Scheuklappen, ohne „politische Korrektheit“, ohne Schelte gegen Religion, Kultur oder Kirche. Geistreiche Kritik ist selten geworden, aber dafür umso notwendiger. Vielleicht haben Argumente ja doch noch Kraft. Es sieht zwar derzeit nicht danach aus, dass ausgerechnet durch Sprache unsere Welt gedeutet oder gar geläutert würde. Aber Probieren geht immer noch über Studieren. In diesem Sinne versuche ich mich am Ausdruck. Expressive Musik ist gedanklich immer mit dabei. Greifen wir dem Schicksal in den Rachen!

Abbildung: Beginn der e-moll-Klaviersonate op. 90 von Ludwig van Beethoven.