Fingerübung zu Beethoven

Bald, in zwei Jahren, wird die Feier seines 250. Geburtstages begangen werden – sofern dann noch ein kulturelles Umfeld vorhanden sein sollte, das sich der überragenden Bedeutung des 16. Dezember 1770 bewusst ist. Um schon jetzt langsam darauf vorzubereiten, wage ich die Veröffentlichung eines eigenen Textfragments, das sonst in der Schublade vergessen würde. Ein erstes Aufleuchten am Titanenhimmel sozusagen. Ohne die vielen fachlichen Hinweise kundiger Freunde wäre das übrigens nicht möglich. Daher vorab herzlichen Dank an alle, mit denen ich beethovengesprächsweise unterwegs bin! Folgender Entwurf gibt zugleich Einblick in mein Skizzenbuch – in ihm wimmelt es von Einleitungen, und die Hauptsache steht meistens aus. Das unterscheidet mich, wie so viele andere Dilettanten auch, vom unerreichten Meister. Dennoch. Den Anlauf einer präludierenden Etüde, einer Exposition, eines Bruchstücks für ein „Tema con variazioni“ will ich nicht unversucht lassen. Zumal in bezug auf den Künder und Künstler unerschütterlichen energischen Bewusstseins von urwüchsiger Freiheit. Bittesehr:  

Kein anderer Tonsetzer steht meiner Meinung nach so sehr für die Freiheit wie Beethoven. Der Kerl hat einfach so komponiert, wie ihm die Intuition es eingab – jedoch nicht willkürlich, sondern auf dem Fundament gediegenen handwerklichen Könnens. Selbst das, was andere beurteilten als „auch in der Verirrung – groß“, ist eben bewusst so und nicht anders gestaltet.

Wobei „Freiheit“ nicht allein individuell, sondern objektiv zu verstehen wäre. Gewiss, da ist der ungebundene Künstler, der keine Ruhezeiten einhält und wegen nächtlichen Klavierspiels die Mietwohnung verliert. Da ist der durchstapfende Zeitgenosse, der die Welt „detestabel“ findet und das die kaiserliche Familie sowie Goethe in Teplitz auch spüren lässt. Da ist der unerschrocken für sein „van“ und für seinen Neffen vor Gericht streitende stolze Mann. Aber solche biographischen Einzelheiten sagen noch kaum etwas über das unvergleichliche Werk aus, das wir Nachgeborenen ja in erster Linie im Blick bzw. im Ohr haben, wenn sein Name fällt.

Seine Leidenschaftlichkeit in Werken wie z.B. der ersten gezählten Klaviersonate f-moll, der Coriolan-Ouvertüre oder der Fünften Symphonie sollen nicht über die Verwegenheiten anderswo hinwegtäuschen. Da gibt es die nonchalanten G-Dur-Werke: Klaviersonaten, das Vierte Klavierkonzert oder das frühe Rondo von der Wut über den verlornen Groschen; da fällt einem der eigenartige Akkord der Es-Dur-Sonate aus op. 31 ein; überall finden sich harmonische Wendungen auf Grundlage der sixte ajoutée, und manchmal geht es nachgerade frivol zu, siehe nur die Fugenveralberung im letzten Satz der frühen F-Dur-Klaviersonate oder den „dionysischen“ letzten Satz der gewichtigen Siebten Symphonie.

Beethoven wuchs in Bonn am Rhein auf, der Residenz der Fürstbischöfe von Köln. Der Landesherr war nicht nur kunstsinnig, sondern er förderte nach Kräften ein freies aufklärerisches Kulturleben. So versuchte er auch, seine Herrschaft zu behaupten, was ihm im Endeffekt aber nicht gelang: 1794 besetzten die französischen Revolutionstruppen auch dieses Gebiet und lösten seine Institutionen auf. Beethoven, der zu dem Zeitpunkt als kurkölnischer Stipendiat bei Joseph Haydn in Wien studierte, büßte somit seinen finanziellen Unterhalt ein und war fortan auf sich selbst gestellt. Ein freier Künstler aus der Not heraus. Zeit seines Lebens blieb er materiell abhängig von adligen Gönnern: Diese jedoch, angefangen mit dem Fürsten Lichnowsky und dem Grafen Waldstein, schätzten gerade das Originelle an diesem Typen und ließen ihn in seiner Musik frei gewähren.

„Mozarts Geist aus Haydns Händen“ hatte ihm Waldstein schon als österreichischer Gesandter in Bonn ins Stammbuch geschrieben. Mozarts Melodik und Haydns Konstruktivität sind aber nur die direktesten Einflüsse für Beethovens erstaunliches Werk. Bereits der Bonner Organist, Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle hatte gute Lehrer und verständige Freunde, allen voran den Klavierlehrer Neefe, der gebürtig aus Chemnitz kam. Unter seiner Anleitung lernte Beethoven Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ kennen, jenes „Alte Testament“ der Klavierliteratur, welchem der kommende Pianistenstar ein „Neues Testament“ in Form seiner 32 Klaviersonaten hinzufügen sollte.

Von besonderer Bedeutung sind für das tiefere historische Verständnis Beethovens die damals zeitgemäßesten Musikstile, nämlich das immer noch anwachsende Werk von Carl Philipp Emanuel Bach (zweitältester Bachsohn, 1714-1788) und die „Mannheimer Schule“ in einem der modernsten Staaten des Ancien Régime. Norddeutsch-protestantische „Empfindsamkeit“ und südwestdeutsch-gesamteuropäisch dominierte Neuigkeiten in Fragen von Schwung und Dynamik, gekoppelt mit Fortschritten im Instrumentenbau, wurden von dem jungen Mann aus Bonn geisteswach und eigenschöpferisch antizipiert und amalgamiert.

Der von sämtlichen Zeitgenossen verehrte „große Bach“, also Carl Philipp Emanuel, der erst fast dreißig Jahre als Cembalist am Hof Friedrichs des Großen in Berlin und Potsdam tätig war und seit 1767/68 als Nachfolger seines Patenonkels Telemann in Hamburg als Kirchenmusikdirektor wirkte, kann, noch vor Haydn, als Begründer der klassischen Klaviermusik gelten. Sowohl die Sonaten als auch die Charakterstücke zeichnen sich durch Melodik, Motivik, Harmonik und Dynamik als das Modernste aus, was damals möglich war. Bach spielt dabei gern mit Überraschungseffekten, z.B. Pausen an unvermuteten Stellen, Synkopen, „falschen“ Reprisen, lauten Einsätzen auf unbetonten Taktteilen, Sforzati versus Diminuendi und so weiter: Empfindsam gegen den Strich! Seine klavieristischen Charakterisierungen von hochgestellten hanseatisch-hamburgischen Damen und Herren entbehren nicht eines feinen bis dröhnenden Humors, sie sind Musik für Insider und bedienen so das gesellschaftliche Bedürfnis nach „persönlichen“ Bezügen.

Ins beschauliche Bonn klangen auch Neutöner aus Mannheim herüber: Johann Stamitz, Begründer des dortigen Hoforchesters, beeinflusste mit seinen sinfonischen Neuerungen das gesamte musikalisch wache Europa, unter anderem auch einen weiteren Bachsohn, den jüngsten: Johann Christian (1735-1782), den weltläufigsten aus der Familie: Man nennt ihn den „Mailänder“ und später den „Londoner“ Bach. Aus Italien hatte er das „singende Allegro“ mitgebracht, in England war er dann Konzertunternehmer mit zuerst sehr gutem und zuletzt gänzlich schwindendem Erfolg. Der junge Mozart hat in Mannheim prägende Eindrücke empfangen für sein sinfonisches und pianistisches Schaffen, und Beethoven zeigt gleich in der ersten Figur seiner ersten gezählten Klaviersonate, Opus 2 Nummer 1, wie energisch er denkt: Das Werk beginnt mit einer aufsteigenden, mit jedem der sechs Töne stärker gedachten Linie durch f-moll hindurch, vom eingestrichenen c bis zum zweigestrichenen as, in treppenartiger „Terrassendynamik“, einem ununterbrochenen Crescendo im Sinne der sogenannten „Mannheimer Rakete“. Darin liegt Sprengkraft für alle folgende Musik.

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Carl Philipp Emanuel Bach und Mannheim mussten dem jungen Mann aus Bonn als anregende Gegenwelt zur musikalischen Pedanterie erscheinen, wie er sie in Wien beim Kontrapunktlehrer Albrechtsberger, aber eben auch bei Haydn empfand. Beethoven brauchte jedoch ein Reich der Phantasie, das ihm Zuflucht bot vor allem, was er selber als „häusliche Misere“ bezeichnet hat. Als Kind vom gleichfalls in der fürstlichen Kapelle spielenden, aber hoffnungslos trunksüchtigen Vater oft geschlagen, als Jugendlicher daher schon mit Versorgungsaufgaben belegt für Mutter und Geschwister, wollte er immer ausbrechen. Die freiheitsliebenden Freunde wurden zu seiner eigentlichen Familie, die geistigen Aufbrüche unter Absehung aller irdischen Hindernisse zum Lebenselixier. Die erschütternden Worte aus seinem „Heiligenstädter Testament“ von 1801 mit dem Eingeständnis, dass vor dem Selbstmord ihn nur die Kunst zurückgehalten habe, sind Zeugnis der rettenden Kraft unabhängigen Denkens, Fühlens und somit: Seins. Im eigenen Bewusstsein, unverwechselbar und anderen haushoch überlegen zu sein, hat er sein Ohrenleiden, das 1819 zu völliger Taubheit führte, und andere Widrigkeiten durchgestanden. Es passt ins Bild, dass er sich am liebsten in freier Natur aufhielt und lange Waldspaziergänge unternahm: Unabhängig, die Gedanken reifen lassend, frei.

Beethoven, Jahrgang 1770, ist ein Generationsgenosse von Hölderlin, Hegel, Schleiermacher, Novalis und Napoleon. Allen diesen Persönlichkeiten ist gemeinsam, dass sie in je ihrem Gebiet nicht nur eine bestimmte Anschauung der Welt entwickelten, sondern nichts geringeres vermochten als einen ganzen Kosmos von Grund auf und vorbildlos einzig kraft eigener Vollmacht zu erschaffen! Dichtkunst, Geisteskraft, Gottesahnung, Sehnsuchtswirken und Ordnungsmacht – alles musste umfassend neu gewissermaßen unter Einsatz titanischer Anstrengungen aus dem aufgewühlten Boden gestampft werden. Die Größe dieser Leute war möglich unter dem Eindruck, dass das Ancien Régime hinweggefegt war in den Stürmen der Großen Französischen Revolution. 1789 waren sämtliche genannten Herrschaften um die zwanzig Jahre alt: richtig junge idealistische Männer in Saft und Kraft. Und Beethoven mittendrin! Was die anderen in Poesie, Philosophie, Pantheologie, Phantasie und Politik leisten wollten, das vollbrachte er musikalisch im Zusammentreffen von Pythagoras und Prometheus, im unerschöpflichen Reich der Töne und Klänge.

Hier, wo es nun interessant wird, bricht das Manuskript ab. Ich werde mich bemühen, es ex aermelo „quasi una fantasia“ weiterzuführen. Daher und/also dennoch: Fortsetzung folgt.

Abbildung: Mannheimer Rakete als Beginn, mithin erstes Thema der Klaviersonate f-moll Opus 2 Nummer 1 aus dem Jahr 1795, Joseph Haydn gewidmet.

 

 

 

Du machst es lang

Wie die Welt sein wird am Jüngsten Tag, weiß ja niemand. Dass alles einigermaßen plötzlich zu Ende geht, ist aber ausgemacht: Chopin hat das entsprechend auskomponiert. Ex nihilo, aus dem Nichts, das einst die Schöpfung entbarg, kommt unerwartet und radikal rückwärtsgewandt das Chaos wieder zum Vorschein. Es bricht herein, ohne die Sicherheitssysteme vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Das ist so inkommensurabel, dass niemand positiv darauf ansprechbar wäre.

In früheren Zeiten sah man das vielfach anders. Der lutherische Pfarrer Bartholomäus Ringwaldt scheint sich sehr auf das kosmische Ende gefreut zu haben, dessen Termin er für das Jahr 1584 berechnete. Als seine Vorhersage nicht eintraf und er sozusagen seinen eigenen Weltuntergang unfallfrei überlebt hatte, dichtete er seinem Sequenzlied „Es ist gewisslich an der Zeit“ einen Vorwurf und eine dringliche Bitte an den Heiland höchstpersönlich hinzu: „O Jesu Christ, du machst es lang / mit deinem Jüngsten Tage; / den Menschen wird auf Erden bang / von wegen vieler Plage. / Komm doch, komm doch, du Richter groß, / und mach uns bald in Gnaden los / von allem Übel. Amen.“

Rund zweihundertfünfzig Jahre später stand die Erde immer noch, sogar in Paris, wo Fryderyk Chopin als Emigrant eine zweite Heimat gefunden hatte, nachdem der polnische Aufstand 1830ff. niedergeschlagen worden war und somit „Kongresspolen“ weitgehend der Geschichte angehörte. Der Traum vom eigenen Staat schien für alle Zeiten ausgeträumt, und die Intellektuellen pflegten fortan ihr nationales Erbe im Geist, vor allem im literarischen und musikalischen Schaffen, zumeist im französischen Ausland.

Für Chopin war allerdings diese Entwurzelung zugleich Bekanntschaft mit dem Land seiner Vorfahren; denn die Familie seines französischen Vaters Nicolas Chopin, der als Sechzehnjähriger nach Polen ausgewandert war, hatte in Lothringen einen Weinberg bewirtschaftet, just an jenem Ort, wo sich ein Schloss befand, das zeitweilig Adligen aus dem Tross des vorletzten polnischen Königs gehörte, – nachdem dieser ins Exil gezwungen und von seinem Schwiegersohn, dem König von Frankreich, in diese Gegend eingeladen worden war. Die Reise in eine ungewisse Zukunft und das Bleiben zeitlebens in ihr hatte also für den jungen Pianisten und Komponisten eine kleine Tradition, und der Enddreißiger starb schließlich, 1849, im gespaltenen Bewusstsein eines expatriierten Polen: Es gab zwei Bestattungen ein und desselben Mannes; die äußere leibliche Hülle ruht auf dem Père-Lachèse-Friedhof zu Paris, sein Herz in einer Säule der Heilig-Kreuz-Kirche zu Warschau.

Frédéric Chopin befand sich als Wahlfranzose geistig in offener Gesellschaft, war doch 1830 ein gesamteuropäisches Revolutionsjahr. Das berühmte Gemälde von Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ ist ein Werk der Julimonarchie des sogenannten „Bürgerkönigs“ Louis Philippe d’Orléans. Dass in dessen Herrschaftszeit dann aber alles eher weniger gedankenfrei denn gnadenlos wirtschaftliberal sich gestaltete, weiß jeder, der so herrliche Schmöker wie Dumas‘ Roman „Der Graf von Monte Cristo“ gelesen hat. Aber immerhin wuchs durch die Geschehnisse in Frankreich – einmal mehr – anderswo die Hoffnung auf Abschüttelung größeren Jochs: Der belgische Staat entstand ebenso wie der Anfang des modernen Griechenlands. Und auch in verschiedenen italienischen Gegenden rumorte es im Blick auf eine hellere Zukunft.

Nur in der Musik nahm die Weltuntergangsstimmung ab 1830 peu à peu zu. Beethoven war drei Jahre zuvor gestorben, auch Schubert seit 1828 nicht mehr unter den Lebenden, Hoffmann bereits 1822 verschieden; die sich selbst als maßgeblich dünkende Szenerie bevölkerten aufstrebende Künstler wie Schumann, Mendelssohn und eben – Chopin. Die gebührende Hochachtung vor ihrem Schaffen muss in der Erkenntnis der jeweiligen Wurzeln liegen: Mit diesen drei Ausnahmemusikern setzt ein retrospektives Moment ein, das sich schöner Literatur als Ideengeber bedient (Schumann), lodernder Bachbegeisterung hingibt (Mendelssohn) oder wehmütiger Nationalmusik befleißigt (Chopin).

„Ich bin nicht alt, sondern retro“, sagen heute manch kulturell ambitionierte Zeitgenossen, die immer noch nicht wahrhaben wollen, dass die Zeit des bürgerlichen Kulturbetriebs abläuft. Auch ich gehöre zu dieser Generation der nach 1960 Geborenen, außerordentlich, ja: rasend traurig, dass uns nun das passieren muss. Solange ich auf dieser Erde bin, werde ich die musikalisch-abendländische Kultur leben und sie verteidigen gegen die Anschläge wüster saudiarabisch verhetzter Mörder. Und es bricht mir das Herz, dass die eigene Regierung weder dem Salafismus noch dem Erdoganismus etwas Substantielles entgegensetzt. Als neulich der türkische Ministerpräsident in Oberhausen ein Stadion mit demneuensultanzubrüllenden Fans gegen Montesquieusche Gewaltenteilung füllen durfte, wäre ich ob dieser bloßen Nachricht fast eskaliert, ganz intransitiv und unfein.

„Alla turca“ ist als musikalischer Ausdruck in dem Augenblick passé, da die Türkennot obsolet wird. Mozart konnte noch von ihr zehren, siehe die „Entführung aus dem Serail“ oder das Rondo aus seiner A-Dur-Klaviersonate. Beethoven hat der Turkmode Beistand gezollt in seinen D-Dur-Variationen, aber allein deren Thema ist schon derart spaßhaft ersonnen, dass alles andere Ernsthafte dahinter verschwindet. Nach dem Ende realer Bedrohung übernahm die humoristische Sparte. Auch dies ist eine Form von Geschichtsbewältigung.

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Schumann, Mendelssohn und Chopin sind da von anderem Holz geschnitzt. Sie kennen kaum solchen spezifisch wienerischen Humor, sind zu sehr eingesponnen in die Metternichschen alleuropäischen retrospektiven Umstände ihrer im weitesten Sinne romantischen Verhältnisse. Alle drei sind sich persönlich begegnet, und besonders das tête-à-tête von Chopin und Schumann 1836 in Leipzig ist folgenreich geworden.

Heraus kam vom polnischen Exulanten aus Paris seine dem deutschen Verehrer – und Schöpfer der zuvor ihm zugedachten hoffmannesken „Kreisleriana“ – gewidmete zweite Ballade für Klavier, fertiggeschrieben auf Mallorca im Winter 1838/39 unter innerlich wie äußerlich schlimmsten Bedingungen. Seine Lebensgefährtin mitsamt ihren Kindern war nicht d’accord, auch senkte sich Leid ob kaltwasserrieselnder Wände in der Unterkunft über den empfindlichen Künstler. Und: Das Stück beginnt völlig harmlos in F-Dur und endigt in erst unbändigem, später fahlem a-moll. Es ist eine auskomponierte agogische Katastrophe, die sich hier für kommende unheilvolle Zeiten manifestiert.

(Pogorelich)Chopin Ballade No.2 – YouTube

Das werkimmanente Unglück setzte sich fort, als beim Warschauer Chopinwettbewerb 1980 der kroatische Jungstar Ivo Pogorelich nicht in die Endrunden zugelassen wurde. Aus Protest gegen die Mehrheitsmeinung verließ die renommierte Pianistin Martha Argerich wütend die Jury und rief aus: „Alle Töne waren falsch. Er ist ein Genie!“ – Dem damals 22jährigen jugoslawischen Nachwuchskünstler hat dieser Skandal keineswegs geschadet; denn Charakter und Sound des Stückes sind seitdem – trotz einiger Patzer – für Ewigkeiten getroffen.

Wer die Musik Chopins verstehen will, kommt an Mozart nicht vorbei und kann Schumann nicht außer acht lassen. Der polnische Jüngling hatte reüssiert mit Variationen zur Arie „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus Wolfgang Amadé Mozarts „Don Giovanni“, begeistert besprochen von Robert Schumann. Und bei der Trauerfeier für den längst von der schriftstellernden Mannfrau George Sand verlassenen Künstler wurde, seinem letzten Wunsch gemäß, Mozarts Requiem aufgeführt. Dessen Sequenzvertonung „Dies irae“ gehört zu den großen Schockern des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Aber noch heftigeren Schrecken verursacht bis heute das Opernfinale mit dem steinernen Gast: Nie hat sich Mozart harmonisch kühner und todesgewisser ausgedrückt als vor der Höllenfahrt seines Alter Ego, des in der Welt des Ancien Régime wesenden adligen Lebemannes Dom Juan.

„Plötzlich, in einem Augenblick“, im Deutschen Requiem des von Schumann bis zum Wahnsinn geliebten Johannes Brahms lutherisch mit den Worten aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus zum Klang gebracht knapp eine Generation nach Chopin: Da wird besungen, was tatsächlich im Jüngsten Gericht geschieht. Und doch sind alle diese musikalischen Werke inhaltlich nicht so beklemmend, was tremor und furor angeht, wie jener Bruch in der zweiten Klavierballade des polnischfranzösischen Kompo*Pia*nisten.

Chopin, Opus 38, Übergang von Takt 45 zu Takt 46 (Minute 3; Sekunde 9): Im Gegensatz zu Mozarts Komptur-Szene, wo, wenngleich schlagartig düster, dann doch letztlich (aus der Ouvertüre und aus der Friedhofsszene) vertraute Motive aus vorangegegangenen Nummern ertönen, weiß man hier im vorhinein so rein gar nicht, was einen erwartet. Wenn es klaviermusikalisch überhaupt ein Vorbild für diesen choc gibt, dann fällt mir nur der langsame Satz aus der späten A-Dur-Sonate von Franz Schubert ein, diese irre Explosion aus einer zwar traurigen, aber immerhin melodiösen und keinesfalls terrorverdächtigen fis-moll-Landschaft heraus.

Zurück zu Chopin: Da rastet also jemand aus, titelgebendes F-Dur hin oder her. Der erste a-moll-Ausbruch ist nur kurz, man könnte meinen, da sei die Musik lediglich mal eben für ein paar Takte aus der Spur geraten. Doch weit gefehlt! Der Furor kehrt wieder, zunächst nicht ganz so schlimm scheinend, weil etwas vorzeitiger sich in aufstrebend-vollakkordischen Motivgruppen ankündigend: Aber der Tremor verstärkt sich dann doch, geht trillerzürnend und untiefenwankend über in ein Schreckensfinale, das chromatisch wie diatonisch seinesgleichen sucht, was Faktur und Ausdruck anbelangt … Wo in Konzerten eine Kadenz folgen würde, ist eine Generalpause, dann erklingt der klagend matte Abgesang aus Motiven des Eingangsthemas, traurig ohne bisherige Raserei, vielmehr beklemmend aussichtslos sich ins Schicksal fügend. Doch sage keiner, da habe jemand vorher nicht bis zuletzt gekämpft!

Manchmal denke ich, es wäre gut, wenn Chopins Klavierkosmos zur Pflichtlektüre erhoben würde – gleich dem Liederschatz der Kirchen. Man muss da natürlich aufpassen: Der polnisch-französische nachlässige Normkatholik Chopin wurde ja von den Mallorquinern auch deshalb tratschend verworfen, weil er mit seiner Nichtehefrau und deren – in den Augen der Spießer – irgendwie entstandenen Kindern niemals in die Messe ging; und Choralbearbeitungen waren unter solchen Umständen kaum zu erwarten, wenn man von religioso-Abschnitten und polyphonen Takten in seinem übrigens höchst diffizilen und differenzierten kompositorischen Werk einmal absieht.

Wenn es denn zutrifft, dass Bachs Wohltemperiertes Klavier das Alte und Beethovens Sonaten das Neue Testament der Klaviermusik darstellen (Hans von Bülow), dann sind Chopins Werke die Quintessenz aus beiden. Nicht der Pariser Salonlöwe ist maßgebend, sondern der seelische Gehalt einer musikalischen Sprache, die gewisslich an der Zeit das Ihre einfach frei heraus sagt. Ringwaldt hätte vielleicht sogar seine Freude daran gehabt. Und, wer weiß, was am Jüngsten Tag, erstaunt und womöglich benommen, von all diesen Vorgriffen aufrichtig bedacht und milde beurteilt wird.

Statt auf die Fülle der Chopin-Literatur hinzuweisen, gebe ich für Interessierte einen einzigen Lesetipp – Tadeusz A. Zielinski: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Aus dem Polnischen von Martina Homma und Monika Brockmann. Mainz 2008.

Schmucktelegramm

Vor einigen Tagen erreichte mich hier folgende Nachricht: „Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com! Du hast dich vor einem Jahr auf WordPress registriert. Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!“

Das ist doch mal was Schönes!  Es macht mich aber andererseits auch wehmütig, weil ich an die vielen Konvolute denke, die unpubliziert in meinen Schubladen und Regalen schlummern, seit Jahrzehnten nun schon. Haufenweise eng beschriebene Papiere, teils lose Blätter in sogenannten „Stehsammlern“ oder Schnellheftern fixiert, teils brave Seiten in gebundenen Kladden – alles sehr haptisch, überbordend materiell.

Mein Entschluss, einen eigenen Weblog zu betreiben, löste im Freundeskreis seinerzeit ebenso Verwunderung aus wie einige Jahre zuvor mein Beitritt zu Facebook, Instagram und WhatsApp. Als ich mich von meinem Uralt-„Nokia“-Mobiltelefon trennte und mir ein „Smartphone“ zulegte, sahen viele meiner Bekannten – wiewohl selbst schon lange mit diesen Accessoires bestückt – in diesem Schritt so etwas wie den Untergang des Abendlandes.

Da war es an mir, dem hoffnungslos Konservativen, meinen Freunden zu sagen, man müsse schließlich mit der Zeit gehen … Richtig ist allerdings, dass ich immer erst dann modern werde, wenn die anderen sich schon über meine Rückständigkeit amüsieren und geradezu mit Sympathie herumerzählen, sie kennten da jemanden, der diesen ganzen neumodischen Kram nicht mitmache. In der guten alten Zeit wurde jemand wie ich „Spätentwickler“ genannt.

Insofern habe ich stets enttäuscht. Weil ich schließlich doch mich dem Fortschritt ergab und eine gewisse Schnurrigkeit hinter mir ließ. Die Gegenwart der Vergangenheit streifte ich ab, einen Zustand mithin, der manchen ungestüm vorwärtsstrebenden Freunden so etwas wie Sicherheit und Verankerung gegeben haben mag, nach dem Motto: Ich kenne einen, bei dem der Ursprung noch gewahrt und also lebendig ist.

Aber keine Sorge! Ich bin noch rückblickend genug, um zu phantasieren, dass obiger Glückwunsch „früher“ in Form eines Schmucktelegramms den Adressaten erreicht hätte. Oder als Dankesschreiben mit kunstvoll verschnörkelten Buchstaben in französisch stilisierter Kursivschrift. Oder gar als Urkunde, zum Ehrenplatz bestimmt in gerahmtem Aufputz überm Bett. Indessen: Welch ein Aufwand an Holz, Glas und Metall wäre das gewesen!

Heutzutage schwärmt man vom papierlosen Büro. In den Niederlanden soll es das schon geben, bis hin zum Abort. Die venezolanische Toilettenpapierkrise ist somit hochtechnisiert überwunden, frage mich bitte niemand, wie genau. Ich wundere mich ja bereits über die Urinale auf Autobahnraststätten, die angeblich ebenso wasserlos funktionieren wie die neuen Chefetagen holzfrei. Bleibt nur festzuhalten, dass mein Weblog ebenfalls einen kleinen Beitrag leistet zur großen Entmaterialisierung des Alltags im Rahmen des digitalen Zeitalters.

Ich hätte sowieso keine Schublade mehr frei für die hier unter dem Label „ausdruckweblog“ versammelten Beiträge. Insofern kommt mir der technische Fortschritt sehr entgegen. Aber andererseits ist er doch etwas sehr Vertrautes: Die Umwandlung des Leiblichen geht einher mit der Stärkung des Klanglichen. Insofern wohnt dem Internet etwas zutiefst Musikalisches inne. Raum transformiert in Zeit: Konzerte kann man nicht sehen. Allerdings gilt zugleich: Ein Telegramm wird ein Telemann nie werden. Keine Metamorphose vollzieht sich bruchlos. An der Nahtstelle zwischen Schöpfung und den Geschöpfen des Prometheus bricht sich Kreativität Bahn.

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Oberflächlich wahrgenommen ist das digitale Neuland stumm wie ein Fisch im Wasser. Sonar wäre da einiges zu heben – wenn die Frequenzen erkannt sind. Und vielleicht hat der alte Victor Hugo ja doch recht mit seinem Bonmot: „Musik ist ein Geräusch, das denkt.“

Dass Haydn und Beethoven einander verblüfft empfahlen, als die Musik des Feuerbringers verklungen war, muss uns im Gedenkjahr des Hamburger Director musices durchaus beschäftigen: Georg Philipp Telemann, gestorben vor 250 Jahren, war Pate des „großen Bach“ Carl Philipp Emanuel, den wiederum Haydn sehr verehrte, – und womöglich Ideengeber für jenes ominöse e-moll-Seitenthema, das im ersten Satz von Beethovens Dritter Symphonie die heroische Es-Dur-Stimmung so wunderbar eintrübt.

Ich schweife ab. Was ich eigentlich nur sagen wollte anlässlich dieses nun fünfundzwanzigsten Beitrags in meinem eigenen Weblog: Vergesst mir die Musik nicht! Beglückwünscht mich zum Silberjubiläum! Der abstraktesten, weil rein klingenden Kunst wegen habe ich den Begriff „Ausdruck“ gewählt. Dies sei betont in papierlosem Telegrammstil.

Foto: Schulkonzert. Telemann fehlte nie.

Verplapperte Wahrheiten

„Meine Bank hat Beine“ – schon verloren, diese Runde: gelaufen, alles perdu. So schnell ging dieses Spiel mitunter, und geistreich blieb es dennoch immer. „Mein Teekesselchen gibt Zinsen“, sagte der eine. „Meins dient der zwischenzeitlichen Ruhe“, sekundierte die andere. Und die übrigen mussten erraten, welch ein doppeldeutiger Begriff hier nun gemeint sei. Oberste Regel war also, durch Verschweigen des entscheidenden Wortes den Reiz zu steigern, je länger, desto besser für die sich stetig hochschraubende Dramatik. Vorherige Absprachen im Verborgenen in bezug auf das zu entschlüsselnde Synonym, dann die wohlüberlegte zunächst schön schwergängige, Spannung erzeugende Präsentation in verteilten Rollen – und, wenn es eben gutging, das große erlösende Aha-Erlebnis bei schließlichem zutreffenden Benennen durch ein Gruppenmitglied: Rätselmachen, Versteckspielen, Geheimtun, Entdeckerfreude, Bildungszuwachs: Vielschichtigkeit konnte solcherart heiter belebend sein. Eigener momentaner Ärger im Fall von unbeabsichtigter vorzeitiger, also: ver-sprochener Offenlegung wich einem fröhlichen Lachen ob der eigenen Ungeschicklichkeit. Am Ende waren alle ein Stückchen weiser geworden.

Wer zuerst die richtige Lösung gefunden hatte, durfte sich einen Partner aussuchen und mit ihm die nächste Partie bestreiten, beginnend, wie üblich, tête-à-tête, im Flüsterton hinter einem Baum, dann in front of all, nachdem man den Rückstand zur unterdessen weitergezogenen Ausflugsgesellschaft eiligen Schrittes überwunden hatte. So wurden endlos anmutende Wanderungen in größerer Gemeinschaft zweckfrei und zugleich gewinnbringend selbst dann zu unvergesslichen Erlebnissen, wenn die Landschaft öde war, das Wetter regnerisch und der Weg noch lang. Die spielerisch durch eigenständig gesetzte allseits anerkannte Regeln eingehegte Bildungskraft gesprochener Sprache trug einen unterhaltsam durch den Tag. Allerdings ging das nur, wenn alle sich auf etwa gleichem kulturellem Stand bewegten. Neider hätten einen gewissen elitären Dunst wahrnehmen können, am besten vielleicht einzudämmen, indem man solche Vergnügungen gleich radikal verbieten würde. Gehobene Doppelbödigkeit macht sich seit jeher verdächtig bei denjenigen, die da nicht mithalten, aus welchen Gründen auch immer.

Teekesselchen ziehen also womöglich Diktaturen nach sich – wenn man nicht aufpasst. Aber wo fängt das an, wo hört das auf? Ab welchem Augenblick werden harmlose fröhliche phantasierende Wandervögel zu subversiven Elementen, für die sich Big Brother interessiert? Wo verläuft die sogenannte „rote Linie“, wenn sich völlig offensichtlich jemand heutigem Neusprech entzieht und dem Mainstream eine lange Nase zeigt? Oder liegt die Perfidität unserer Zeit gerade darin, dass die Existenz klarer Grenzen offiziell in Abrede gestellt wird und aller Aufruhr folglich ins Leere laufen muss? Was aber ist überhaupt so revolutionär an kleinen geselligen Rätselfragen? Und wo gibt es denn überhaupt noch nennenswerte Ausflüge in die freie Natur? Sind sie nicht heutzutage eher rosarotgefärbte Fiktion? „Naherholungsgebiete“ und „Freizeitparks“ in unseren Breiten lassen darauf schließen, dass viel Ursprüngliches sich verflüchtigt hat und nurmehr als romantisches Konstrukt irgendwo-nirgendwo herumwabert.

Ein Teekesselchen sui generis, von musikalischer Provenienz, ergibt sich aus einer verblüffenden Erkenntnis, die mir persönlich eines schönen Tages zuteil wurde und mich ausrufen ließ: „Beethovens Zehnte ist gar nicht von Brahms“. Alle meine mich gerade umgebenden Freunde reagierten höchst erstaunt, ja wie vom Blitz getroffen, und manch einem schien eine ganze Welt zusammenzubrechen. Aber in Wirklichkeit bediente ich mich nur eines Tricks – der jedoch in mündlicher Konversation nicht weiter auffiel: Denn wer spricht schon Anführungszeichen mit, wenn es sich eher um eine lockere Plauderrunde und weniger um einen wissenschaftlichen Vortrag handelt? Restlos durchgehaltene Genauigkeit des in Rede stehenden Phänomens hätte nämlich unterschieden in „Beethovens Zehnte“ und Beethovens Zehnte, frei nach dem Motto: Zeigt her eure Gänsefüßchen, zeigt her eure Schuh‘ …

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Mit den Tüttelchen beehrt man seit einem Bonmot des Dirigenten Hans von Bülow die erste Symphonie von Johannes Brahms, unter anderem deshalb, weil in deren letztem Satz das Hauptthema auf irritierende Weise dem entsprechenden – zuletzt mit Chor – aus Beethovens Neunter ähnelt. Die normale Schreibweise indes bezieht sich auf Fragmente zu einem Werk in Es-Dur, im Mittelteil changierend nach c-moll (der Grundtonart von Brahms‘ Erster),  das der Meister aus Bonn und freie Künstler im seinerseits ungeliebten Wien wohl, wäre es fertiggeworden, als die symphonische Nummer Zehn herausgebracht hätte. Im Jahr 1988 hat der englische Musikwissenschaftler Barry Cooper aus den Skizzen einen sinfonischen Satz diviniert und rekonstruiert. Es gibt also ein Leben nach der Neun, und diese Realität, beizeiten erfasst, hätte manch Überhöhung und Mystifizierung im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte unterbunden.

Wer sich die bloße Anzahl sozusagen kanonisierter Sinfonien bei den seit rund zweihundertfünfzig Jahren stilbildenden Komponisten vor Augen führt, zählt folgendes: Joseph Haydn: 104; Wolfgang Amadé Mozart: 51; Franz Schubert: 8 (oder doch 9?); Felix Mendelssohn-Bartholdy: 5 (plus 13 Streichersinfonien); Robert Schumann: 4; Anton Bruckner: 9 (allerdings noch zwei zu Lebzeiten unveröffentlichte Werke, eine „Nullte“ und sogar eine „Nullnullte“); Johannes Brahms: 4; Gustav Mahler: 9 (oder doch 10?); Dimitri Schostakowitsch: 15. Erst bei dem russischen Meister aus dem 20. Jahrhundert ist der von vielen bis dahin selbstauferlegte, völlig unkritisch für sakrosankt gehaltene Beethovensche Bann endgültig eindeutig gebrochen! – Der Mythos von „Beethovens Zehnter“ konnte also nur entstehen, weil irgendwelche Neunmalklugen nicht wussten, dass es tatsächlich eine Zehnte Symphonie von Beethoven zumindest ansatzweise gab! In solch einer Kenntnisfülle wäre ein Brahmswerk nie mit entsprechendem Zusatz geadelt worden. Allerdings: Hätten dem Ahnherrn unserer derzeitigen „Europahymne“ noch weitere irdisch-taube-geistig-hellhörige Jahre zugestanden, um seine Skizzen vollumfänglich auszuarbeiten, so wären wir zwar um ein musikalisches Event reicher, aber auch um ein Teekesselchen ärmer.

Aufmerksamen Zeitgenoss*inn*en (hallo, liebe Genderdiktator*inn*en!) wird nicht entgangen sein, dass ich die Formen „Symphonie“ und „Sinfonie“ nebeneinander gebrauche. Schon die gleichsam hiatische Kluft zwischen m und n macht es unmöglich, hieraus ein unschuldiges Spielchen für heitere Ausflugsgesellschaften, gewissermaßen mit Köpfchen, zu bilden. Griechische Leidenschaft („ümpf“) und italienische Leichtigkeit („inf“) entwachsen jedoch einer gemeinsamen semantischen Wurzel: sym und sin stehen, mit phonia beziehungsweise fonia verbunden, für faktischen „Zusammenklang“. Bei Beethoven gern griechisch-pathetisch, bei anderen lieber latino-leggieramente. Das hängt nicht zuletzt von jeweiligen Moden und verlegerischen Interessen ab. Eine Eroica konnte eher als „Symphonie“ verkauft werden als beispielsweise eine Haydn-„Sinfonie“ mit dem von wes Hand auch immer hinzugesetzten Titel „Das Huhn“. Womit ich beileibe nichts, aber auch wirklich gar nichts gegen den Schöpfer der Melodie unseres heutigen Deutschlandliedes oder seiner so beklemmend prophetischen „Vorstellung des Chaos“ gesagt haben will. Im Gegenteil, ich bin immer noch ungehalten darüber, dass es die Deutsche Post vor sieben Jahren verabsäumt hat, eine Briefmarke zum Gedenken an den zweihundertsten Sterbetag dieses Giganten der abendländischen Musik herauszubringen. Dass ich dennoch weiterhin meinen philatelistischen Liebhabereien nachgehe,so, als sei damals nichts geschehen – obwohl eben etwas hätte geschehen müssen -, ist (finde ich, ganz unbescheiden) ein keinesfalls zu unterschätzendes kleines blaues (Mauritius)-Wunder.

Lassen wir die symph/sinf*onische Dreiheit von Hiat, Haydn und Huhn nun einmal „so stehen“ (im Klartext: Wimmeln wir ein lästiges Problem einfach ab und sagen zwar nicht, denken aber doch: Basta!) und widmen uns wieder der Erniedrigung von h, also: b! Da fehlt bisher noch ein dritter einsilbiger stabreimtauglicher Begriff, nach „Bank“ und „Brahms“ … : „Bonn“ – wobei ich darauf über den B-Namen „Boateng“ gekommen bin. Das ist jetzt allerdings erklärungsbedürftig und nur schwerlich in Verbindung zu bringen mit der heiteren Welt freundlicher Teekesselchen, dafür aber gänsefüßchenbewehrt bis in hermeneutisch dunkelste Abgründe hinein. Es geht ums richtige Zitieren im geschriebenen, gedruckten und gesprochenen Wort. Was jemand gesagt, aber nicht gemeint hat – gesagt und gemeint haben will – nicht gesagt, jedoch gemeint hat – oder gerade durch das Gesagte nicht gemeint haben will / kann / sollte … Kurzum, ich sah mich, als der stellvertetende Vorsitzende einer relativ neuen lauten Partei letztens etwas zu dunkelhäutigen Nachbarn angeblich gesagt hatte, an den Wirbel erinnert, der im November des gleichen Jahres, da Beethovens Zehnte uraufgeführt wurde, also 1988, durch eine Rede des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger entfacht worden war.

Der protokollarisch zweite Mann im Staate musste von seinem Amt zurücktreten, weil ihm vorgeworfen wurde, er habe die Pogrome vom 9. November 1938, „Reichskristallnacht“ genannt, in einer Art und Weise zur Sprache gebracht, dass Verständnis hätte aufkommen können für diejenigen, die wegschauten, als Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und deren Fensterfronten zerstört wurden; als überall mitten in Deutschland die offensive Verfolgung und Auslöschung der Juden begann; als sich die Machthaber als unumschränkte willkürliche Herrscher eines fest im Sattel sitzenden régime de la Terreur demaskierten, ohne dass noch etwas dagegen unternommen werden konnte. Wie es dazu gekommen war? Durch die Behebung vieler existenzieller Nöte bei der Mehrheit der Deutschen seit der „Machtergreifung“ Ende Januar 1933. Die furchtbaren Folgen der Weltwirtschaftskrise waren doch bewältigt und überwunden. Den Bürgern ging es besser als noch fünf Jahre zuvor. Die nationalsozialistische Propaganda hatte im doppeldeutigen Sinne des Wortes „blendend“ alles im Griff. Der normale Mann auf der Straße war fasziniert von den atemberaubenden Errungenschaften der neuen gesellschaftlichen Ordnung. Selbstbewusstsein allerorten, da wollte niemand etwas wissen von Konzentrationslagern, in denen die politischen, kulturellen, religiösen und schließlich eben die völkischen Gegner verschwanden …

Solche und ähnliche Gedanken äußerte seinerzeit der Bundestagspräsident. Er setzte seinem Auditorium in beklemmender Weise die potentielle je eigene Verführbarkeit vor Augen und Ohren. Wie nämlich hätte man sich als kleinbürgerlicher Profiteur des Ende der dreißiger Jahre in Deutschland herrschenden Systems denn selber verhalten? Wären nicht so ziemlich alle dem Fascinosum verfallen? Viele Fragezeichen und zitatbedingte Anführungsstriche blieben zwar wegen mancher rhetorischer Ungeschicklichkeiten in actu unbemerkt: Aber war das wirklich gleich ein Grund, den noblen Herrn, der viel für die deutsch-israelische Versöhnung getan hatte, über die Klinge springen zu lassen? Wer Jenningers Rede im Abstand von nunmehr bald 28 Jahren wohlwollend bis neutral durchliest, kann die ganze Aufregung, trotz überbordendem „Historiker-Streit“ seit 1986, kaum nachvollziehen. Sogar Leute aus dem eher linken Spektrum konnte man seinerzeit raunen hören: „Der Mann hat doch recht.“

Im Blick auf Ernst Nolte und seinen Beitrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, der die feuilletonistische Auseinandersetzung der späten bundesdeutschen achtziger Jahre in Gang gesetzt hatte, ist womöglich eine Spur gefunden: Dieser Gelehrte hatte es gewagt, die Einzigartigkeit der Naziverbrechen aus dem Gang der Geschichte heraus zu erklären, gar in eine vage Parallele zu setzen mit den stalinistischen Gewaltexzessen und sowjetrussischen Kriegsambitionen – und so angeblich die Singularität von Auschwitz zu „relativieren“, wie das Verb für das Totschlagargument schon damals hieß (und was der Autor nie intendiert hatte). Unter solchen Vorzeichen etablierte sich eine bloß angemaßte, aber bis heute durchaus erfolgreich verfochtene Meinungsführerschaft über die Deutung von schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Und niemand Berufenes griff ein. Jeder Einwand wäre als nazigedankengutverdächtig gebrandmarkt worden. Genau daran krankt die öffentliche deutsche Debatte bis heute.

In den Achtzigern gab es kein vulgarisierendes „Netz“, und selbst das Privatfernsehen steckte noch in den Kinderschuhen. Wer etwas im öffentlichen Diskurs beitragen wollte, musste sich zusammennehmen und in durchaus grammatikalisch wie orthographisch einwandfreien prägnanten Sätzen seine Sache vortragen. Sprachliche und also gedankliche Disziplin waren da gefragt. Hätte damals jemand gesagt, ein schwarzer Schlagersänger sei überall beliebt, aber eine Negerfamilie in der Nachbarschaft würden viele Leute höchstwahrscheinlich missbilligen, dann wäre solch eine Behauptung als Beschreibung und Impuls fürs eigene Nachdenken ventiliert worden. Ob tatsächlich etwas an diesem Satz dran sein könne? Man hätte vielleicht empirische Studien herangezogen, um die geäußerte These zu verifizieren oder eben zu falsifizieren. Da wären alle an der Diskussion Interessierten in sich gegangen und hätten sich zunächst einmal selbst befragt, ob das womöglich stimmen könne. Jedenfalls hätte niemand dem Urheber solch einer Ausgangsthese „rechte Gesinnung“ oder gar „rassistische Einstellung“ untergeschoben. Und es wäre allerdings auch keine Zeitung auf die abenteuerliche Idee gekommen, etwa den Namen Roberto Blanco zu insinuieren und dann zu titeln, der sei nun diskriminiert worden.

So aber ist es in unseren späten Zehnerjahren mit Alexander Gauland und Jérôme Boateng passiert. Der ältere freundliche Herr weiß nicht, wie ihm geschieht – und der junge Fußballspieler, der bei „Tennis Borussia Berlin“ einst debütierte und derzeit dem Kader der deutschen Nationalmannschaft angehört, nimmt die ganze Sache freundlich gelassen. Der weiße Bildungsbürger hat eine Beobachtung geäußert, der farbige Sportler hat sie verstanden als Versuch einer Zustandsbeschreibung. So what? Skandalisiert hat diesen Vorgang erst die Sonntagszeitung der „Frankfurter Allgemeinen“, indem sie (bewusst intranitiv formuliert:) unterstellte und personalisierte. Hat der alte Bismarck doch – wenn auch sehr nachträglich – recht, so er die für solche Vorgänge verantwortlichen Mitglieder ihrer eigenen Zunft abschätzig „Journaille“ nannte? Die Presse als „vierte Gewalt“?

„Wenn der Teekessel pfeift …“ – aber es ist ungemütlich geworden im Land der Wandervögel, Werkmusiker und Weltverbesserer. Bänke und Banken, Brahms und Beethoven, Bonn und Boateng: Wo sind die übereinstimmenden großen Linien, die, wie in der Musik unseres 100-Jahres-Gedächtnis-Meisters Max Reger, alles mit allem verbinden? Vielleicht so: Sollten Banken keine Kredite mehr vergeben, kann niemand mehr eine Sitzbank stiften. Nur weil Brahms mit seiner „Ersten“ aus Beethovens Schatten heraustrat, ist dieses Werk nicht automatisch dessen „Zehnte“. Weil aber damals im Bonner Bundestag ein Guter – gegen Sitte und Anstand – seinen Abschied nehmen musste, ist das noch längst kein Grund, jetzt neuerlich jemandem, der Wahrheit sagt, übel nachzureden. Das mit den Teekesselchen sollten sich alle Beteiligten zwar noch einmal gründlich überlegen unter der Prämisse, je wissender man fortschreitet, desto weniger werden die Entsprechungen – aber allein damit ist es eben nicht getan: Relationen müssen her. Wer keinen Zusammenhang sehen will zwischen öffentlicher Sitzgelegenheit und Sponsorenfinanzierung oder symphonischen Seltenheiten Beethoven neun und Brahms eins selbander – der/die wird auch keine Beziehungen herstellen von Synagogenbränden damals und Selbstbeweihräucherungen öffentlicher Art jetzt.

Wer sagt denn eigentlich, dass unsere derzeitige Gesellschaft völlig immun sei gegen Verfolgungsgelüste, die, wie einst „die Juden“, jetzt andere Gruppierungen ins Visier nehmen könnten? Heutige Unzufriedenheiten sind vielfältig und jedenfalls groß. Wer jetzt gegen wen auch immer hetzt, muss sich in deutschen Gefilden leider am „Dritten Reich“ und an dessen Vorgeschichte messen lassen. Der sogenannte „Bäder-Antisemitismus“ etwa entstand ja bereits im neunzehnten Jahrhundert; manch ostfriesische Insel vermeldete stolz etliche Zeit vor der „Machtergreifung“, sie sei „judenfrei“. Auch die bekannte Kurzgeschichte von Elisabeth Langgässer über ein Hinweisschild „In diesem Kurort sind Juden unerwünscht“, veröffentlicht 1947, nimmt dieses Thema auf, ein Problem schon lange vor der Shoa. Warum soll dies alles „unvergleichlich“ sein?

Wäre nicht eher ein verbindender Gedanke zu heutigen brutalen Umtrieben nötig, um dem so verallgemeinernden Kesseltreiben gegen „Muslime“, „Terroristen“ oder auf der anderen Seite vermeintlichen „Nazis“ Einhalt zu gebieten? NOCH gibt es hier in Europa, so weit wir wissen, keine Straflager, wohin die genannten Personengruppen eingeliefert würden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es solche Orte in naher Zukunft geben könnte – weil das gewalttätige Verhalten vieler Menschen gegenüber „Minderheiten“ eben so ist, dass irgendwelche Maßnahmen zwingender Art wieder denkbar geworden sind. Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht wortwörtlich, aber strukturell durchaus. Wir müssen keine Angst vor Gaskammern haben, aber vielleicht eben doch vor Denkmustern, an deren Ende rohe kalte Vernichtung steht. Angesichts dessen soll man nichts vergleichen dürfen? Alle öffentliche Erziehung, die ein bundesdeutsch sozialisierter Mensch wie ich genossen hat, zielte doch gerade darauf ab, dass sich Zustände wie zwischen 1933 und 1945 nie und niemals wieder ereigneten.

Darum lasen wir brav „Andorra“ von Max Frisch und „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch. Wir verstanden Schillers „Wilhelm Tell“ aus dem – freilich nachgereichten und also naturgemäß sachfremden – weiteren deutschen Geschichtsverlauf, und Heinrich Manns „Untertan“ sollte natürlich auch auf dessen Folgen für das kommende Führerprinzip hin interpretiert werden. Andererseits: Brechts Zeile „Der Schoß ist fruchtbar noch / aus dem das kroch“, wäre völlig irrelevant, wenn wir Heutigen damit nichts anfangen dürften. Die Naziverbrechen waren einzigartig, weil ihr Nährboden ursprünglich nichts ahnen ließ von deren Folgen! Aber in der dann grausam ausgeführten Weise haben sie im Nachgang all jene Mahnungen nach sich gezogen, mit denen meine Generation aufwuchs. Soll das alles denn nichtig sein?  Eine „Einzigartigkeit“ kann doch immer nur festgestellt werden zum Behuf des Vergleichs. Anders gesagt: Wenn ich beim Attribut „unvergleichlich“ einfach stehenbleibe, dann schaffe ich erstens einen Mythos und ebne zweitens nolens-volens jenen Kräften die Bahn, die künftig, mit anderen Mitteln zwar, aber ebenso ausrottungswillig wie ehedem, heutigen als vermeintlich fremdgefährlich ermittelten Menschen an die Gurgel gehen wollen.

Das Ungeheuerliche erwächst langsam, aber entschieden – auch mit Hilfe unzähliger undurchschaubarer neuer Gesetze. Bemerkenswert ist, dass die einzige politische Partei, die sich immer uneingeschränkt für die Bürgerrechte eingesetzt hat, bei den letzten Bundes- und Landtagswahlen schlecht abschnitt. Von wacher Mündigkeit freier Wähler*inn*en kann mitnichten auch nur von ferne die Rede sein – und man sollte, statt vom „Wahlrecht mit sechzehn“ zu schwärmen, besser über eine Heraufsetzung des Wahlalters nachdenken. Niemand kommt da mit, und „plötzlich“ ist es zu spät. Die Diktatur gewinnt, noch ehe man nach Luft schnappen kann. Die Sündenböcke werden dann allerdings schon feststehen, wahlweise als liberal, schwul oder gar religiös beschimpft. Soll wirklich erst zugewartet werden, bis so etwas nicht etwa eintritt, sondern unumkehrbar eingetreten ist? „Wehret den Anfängen“ heißt heutigentags doch wohl, die politische Gegenmeinung des als noch so doof oder einfältig empfundenen Nachbarn zu beherzigen, die muslimische Familie von nebenan in ihrem Begehen des Fastenmonats zu achten oder über den Kirchgang des alleinstehenden Mannes von gegenüber nicht zu spotten. Wer überall nur Trolle, Talibane oder Terroristen am Wirken sieht, wird am Ende selbst zu einer trolligen Figur, einem talibanischen Eiferer und einem terroristischen Unmenschen. Das Gegenteil von Gut ist hier wie da immer wieder : Gutgemeint.

Macht den Banken Beine! Lasst Brahms zum Zehnkampf zu! Hört auf, Bonn entweder einseitig zu beschimpfen oder naiv rückverklärend über den grünen Klee zu loben! Boateng und Beethoven gehören auch nicht einfach auf die Bank oder sonst ein Abstellgleis. Der Saisonbeginn für allgemeinen Sommerurlaub und europäischen Fußball stünde andernfalls womöglich in der Gefahr, dem unverzeihlich tragisch endenden, bekanntlich in einem regelrechten Weltenbrand untergehenden „Saisonbeginn“ beklemmend ähnlich zu werden. Die prügelnden Hooligans in Marseille dürfen daher keine weiteren Vorboten werden für den Ungeist, den die Langgässer in der Rückschau von 1947 so treffend beschrieb.

Kredite in c-moll am deutschen Rhein hin, Ruhephasen in goldenem Es-Dur für unsere Jungs her – dem christlichen Abendland sollte man nicht noch einmal beikommen im Sinne von Parolen, die in wüster Eindeutigkeit alles Vielschichtige niedertrampeln. Lieber nehme ich da zwischenzeitlich eine verzockte Investition, einen vergeigten Beethoven oder eine verunglückte Rede in Kauf. Denn solche Dinge lassen sich bei nächster Gelegenheit heilen – vorausgesetzt, man hat auch in Zukunft die Chance dazu – in einer freien Welt, die sich von derpolitisch-korrekten“ Gesellschaft mit all deren Verbotsschildern angenehm und nachhaltig unterscheidet.

Einmal straucheln, dann aber aufstehen und mutig weiterkämpfen – das ist als Lebenserfahrung ebenso wertvoll wie eine von den vielen schön verplapperten Wahrheiten, die auch dann nicht falscher werden, wenn tout le monde sie skandalisiert. Weltbürgerlich gestimmte Ausflugsgesellschaften haben immer schon ihre feinen Spiele gepflegt. Mit ihren Teekesselchen vermochten sie aber auch die abgründigen Untiefen zu artikulieren. Doppelbödig auf den Begriff bringen, was ist – ich wüsste nicht, was in rohen Zeiten angemessener sein könnte, um die unantastbar-antastbare Würde des Menschen doch noch so là-là aufrechtzuerhalten.

Foto: Bank mit Beinen, darauf ein im Titel ohne Tüttel auf Beethovens Zehnte weisendes Buch – Harald Asel: Wer schrieb Beethovens Zehnte? Alles, was Sie über Musik nicht wissen. Frankfurt am Main 2008.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hoffmann

Vor zweihundertvierzig Jahren, am 24. Januar 1776, kommt im ostpreußischen Königsberg ein Kind namens Ernst Theodor Wilhelm zur Welt, Sohn des verkrachten Ehepaares Hoffmann, das sich zwei Jahre später scheiden lässt. Modernität in ihrer tragischen Ausformung liegt also, zweifelhaft „zeitgemäß“, von Anfang an in diesem Lebensweg beschlossen. Schon früh zeigen sich indes vielfältige Begabungen. Aus Verehrung für Mozart ersetzt der Endzwanziger seinen „Wilhelm“ deshalb durch „Amadeus“. Seitdem kennt ihn die musikalisch, zeichnerisch und literarisch geneigte Öffentlichkeit als E.T.A. Hoffmann. Es gibt wenige, die das geschafft haben: als gebunden durchgesprochenes Buchstabenkürzel in die Kulturgeschichte einzugehen. „Ethea“ hielt ich in jungen unschuldigen Jahren vom Hörensagen her für einen eleganten Mädchennamen – ein bisschen vergleichbar vielleicht dem kleinen Theodor W. Adorno (auch ein bekannter Kürzelträger, wenngleich nur eindimensional), der bei Beethovens Waldsteinsonate an einen Stein im Wald dachte…

… bis ich als Vierzehnjähriger Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ kennenlernte: Von deren leidenschaftlicher Wucht wurde ich gleichsam übermannt, geht es doch darin um Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Der pränatal eingepflanzte Zwang des Goldschmieds Cardillac, sich seine verkauften Unikate nächtlich raubmordend wieder anzueignen, wird derart überzeugend – neudeutsch: „alternativlos“ – in Anschlag gebracht, dass man einigermaßen dankbar einen vagen Begriff davon bekommen kann, was wir heutzutage an dem aufgeklärt-humanen Rechtsstaat haben, der immer auch den Motiven für Straftaten nachspürt und selbst dem wegen schlimmster Vergehen Angeklagten die Möglichkeit gibt, sich zu erklären.

An einer menschlichen Justiz hat Hoffmann von Berufs wegen mitgewirkt, als studierter Jurist im preußischen Staatsdienst in Posen und Plock, in Warschau und Berlin. Der Kammergerichtsrat sitzt zum Ende seiner Laufbahn im Oberappellationssenat, wo über Berufungen gegen vorangegangene Gerichtsurteile letztinstanzlich entschieden wird. Zudem ist er Mitglied der nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 eingesetzten „Immediatkommission zur Ermittelung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Da kann er gewissermaßen von innen heraus die Machenschaften und Vorverurteilungen eines zunehmend diktatorisch geprägten Behördenapparates studieren. Haben ihm diverse treffsichere eigenhändige Karikaturen, auf denen sich hochmögende Posener Bürger wiedererkannten, bereits in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts eine Strafversetzung eingebrockt (oder, wie man mit dem Namen des Verbannungsortes kalauern mag: eingeplockt), strengt man nun, in Zeiten einer Mischung aus Stasi-Überwachungswahn, Mc-Carthy-Ära und Patriot-Act-Manie, aufgrund eines die kriminalistischen Zustände ironisierenden Kapitels im „Meister Floh“ ein Disziplinarverfahren gegen ihn an. Wer will sich schon vorführen lassen als unfähiger Fahnder, der bloße Willkür walten lässt und zur Not völlig Unschuldige zu Tätern macht! -Die Entlassung wird nur deshalb nicht wirksam, weil Hoffmann am 25. Juni 1822 seiner letzten schweren Krankheit erliegt.

Nun könnte der Eindruck entstehen: Eigentlich ein versierter Beamter, der sich dummerweise bei einigen künstlerischen Unregelmäßigkeiten – womöglich an sich nicht schlimm und einem Scheidungskind vergebbar – hat ertappen lassen. Musste das denn sein? Um gleich die Antwort zu geben: Ja. Denn Hoffmann ist nicht erledigt, wollte man ihn außerhalb seines Brotberufs etwa als Hobbymusiker, Gelegenheitszeichner oder Möchtegernschriftsteller abtun. Die Kunst ist ihm keineswegs eine Freizeitbeschäftigung, vielmehr wird sie frühzeitig nicht nur seine zweite, sondern im Selbstverständnis seine allererste Natur: Der staatstragende Wilhelm verschwindet zugunsten eines – romantisch verstandenen – Amadeus. Diese identitätssteigernde Mozartverehrung eröffnet ihm ein phantastisches Geisterreich, ein üppiges Seelenleben, wo sowohl Humor als auch abgrundtiefe Finsternis herrschen dürfen, in aller Freiheit. „Cosi fan tutte“ und „Don Juan“ sind ihm gleichbedeutend, also das heitere Vexierspiel in der einen wie die hoffnungslose Verdammung zur Hölle in der anderen Opernmusik. Der Königsberger Schüler und Student nimmt alles hellwach auf, was an neuer Musik an sein Ohr dringt. Hoffmann ist immerhin schon fast sechzehn Jahre alt, als die Nachricht vom allzu frühen Ableben Mozarts sich verbreitet. Wiener Klassik und Berliner Frühromantik sind also noch im Werden. Von einem Beethoven ist Anfang der 1790er Jahre noch nichts Genaueres bekannt. Hoffmann erteilt Musikstunden mithin ganz im gängigen mozartschen Geist, inclusive Amouren mit seinen Schülerinnen & cetera … Liebeslied und Liebesleid ergänzen und umschlingen einander, oft ist das eine vom anderen nicht zu unterscheiden. Mit Freunden trifft er sich zu literarischen Abenden, in frühromantischer Begeisterung für alle erdenklichen Welträtsel, doch zugleich – in der Stadt des bis 1804 lebenden Professors Immanuel Kant! – in gesunder Skepsis gegen die irdischen Sinne, die bekanntlich ja auch täuschen können.

Als Referendar in Berlin nimmt Hoffmann die Gelegenheit wahr, sich professionell musikalisch weiterzubilden. 1801, bei einer Reise nach Königsberg, Danzig und Elbing, trifft er seinen besten Freund Theodor Gottlieb von Hippel – Humoristensohn – wieder. Ein erstes eigenes Singspiel kommt zur Aufführung. Das ist sein künstlerisches Debüt, zwei Jahre, bevor er auch als Schriftsteller mit gedruckten Texten in Erscheinung tritt. Dann geht es Schlag auf Schlag: Nach seiner Heirat 1802 zieht Hoffmann 1804 nach Warschau, wo dem Ehepaar eine – früh wieder verstorbene – Tochter geboren wird. Er findet dichterisch Anschluss an die Romantik, besonders im Austausch mit Zacharias Werner und Julius Eduard Hitzig. Zugleich gründet er die „Musikalische Gesellschaft“, bringt 1805 ein weiteres Singspiel auf die Bühne, komponiert eine Messe in d-moll und führt seine Es-Dur-Symphonie auf, in der Mozarts „Schwanengesang“ anklingt, aber auch die gerade veröffentlichte „Eroica“ Beethovens. Nach diesen „heroischen“ Tönen zieht denn auch L’Empéreur höchstpersönlich in Warschau ein. Die preußischen Beamten sind ihre Stellen los, die französische Verwaltung übernimmt mit ihren eigenen Leuten.

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Nach einem kurzen Aufenthalt neuerlich in Berlin, wo er vermutlich die meisten seiner fünf erhaltenen Klaviersonaten konzipiert, nimmt Hoffmann das Angebot an, als Kapellmeister an das Theater in Bamberg zu gehen. Von 1808 bis 1812 hält er sich dort notdürftig über Wasser, weil er gleich nach den ersten Wochen als Dirigent gemobbt und ausgebootet wird. Fortan ist er gezwungen, sich als Theaterkomponist, Kulissenmaler, Bühnenarchitekt und Musiklehrer zu verdingen. Alles, was er künstlerisch gelernt hat, lässt ihn in dieser wohl dunkelsten Zeit seines Erdenlaufs überleben. Und er findet Kontakt zur „Musikalischen Zeitung“, in der 1809 die Erzählung „Ritter Gluck“ erscheint. Weitere musikalische Dichtungen und Aufsätze machen Hoffmann vor allem als ebenso fachlich beschlagenen wie auch von der bis dahin unerhörten Ausdruckskraft namentlich der Beethoven-Symphonien beseelten tiefsinnigen Rezensenten bekannt. Wie absolut die reine Instrumentalmusik sein könne und inwiefern Mozart und Beethoven hier bleibende Maßstäbe setzen, ist eine von vielen Einzelfragen, denen sich Hoffmann unter dem Aspekt des „Romantischen“ und des „Phantastischen“ widmet. Ein weiterer Schwerpunkt seiner musikschriftstellerischen Tätigkeit ist die Kirchenmusik. Hier beeindruckt den Leser die Kenntnis namentlich der älteren italienischen musica sacra. Besonders intensiv aber setzt er sich mit der Oper auseinander, im Sinne eines Gesamtkunstwerks, das dem jungen Richard Wagner als Leitbild dienen wird. „Der Dichter und der Komponist“, im Geburtsjahr Wagners 1813 erschienen, liest sich nachgerade als programmatische Schrift für die künftigen Musikdramen des Bayreuther Meisters, aber auch als eine Dichtung, an die dann ein Friedrich Nietzsche anknüpfen kann mit seinem Gedanken der „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“.  Besonders auffällig ist in Hoffmanns Text, dass er, abgesehen von einer erzählenden Rahmenhandlung, im Hauptteil dialogisch gestaltet ist.  Ein kleiner Nachhall von wirklichen Gesprächen unter Freunden? In dem vierbändigen, knapp tausend Seiten starken Buch von den Serapionsbrüdern werden uns solche Unterhaltungen in geselliger Runde dann mit allem Zubehör in epischer Breite und Länge, aber keinen Augenblick langweilig, vor Augen gemalt.

1813 und 1814 sehen wir Hoffmann als Kapellmeister und Schriftsteller in Dresden und Leipzig. Seine Märchenoper „Undine“ entsteht – sie wird 1816 in Berlin uraufgeführt – , nach der Vorlage von Friedrich de la Motte Fouqué. Und nun beginnt auch die Produktion seiner Bücher, für die er weltberühmt geworden ist: „Fantasiestücke in Callots Manier“, „Der goldene Topf“, „Die Elixiere des Teufels“. Ab 1814 ist er wieder als Beamter in Berlin; es folgen innerhalb der nächsten sieben Jahre „Nachtstücke“, „Die Serapionsbrüder“, diverse Märchen und, gegen Ende, „Lebens-Ansichten des Katers Murr“.  Wahnsinnswerke in gellendem Humor, überbordender Komik, aber zugleich doppelbödiger Psychologie und künstlerischer Exaltation. Da ist in unzähligen Einzelstücken wie auch in ganzen Romanen viel von Tapetentüren die Rede, lüsternen Mönchen, verführten Töchtern, traurigen Musikautomaten und gelehrten Wissenschaftlern, die sich den neuesten Geheimexperimenten hingeben – oder dem Okkultismus frönen, wer weiß das schon so genau? Sprechende Tiere erweisen sich als die besseren Beobachter, öde Häuser und finstere Sandmänner lassen erschaudern. Von Wiedergängern und Maschinenmenschen ist zu lesen, die ganze moderne Welt in ihren grellen unwirklichen Freuden und tatsächlichen panoptischen Abgründen blitzt auf und dampft düster vor sich hin. Gern bleibt unklar, wo der Spuk beginnt, wo er endet – und ob er nicht vielleicht die Wirklichkeit eher trifft als das, was in Raum und Zeit greifbar erscheint.

Das alles hat in der künstlerischen europäischen Welt großen Eindruck hinterlassen. Robert Schumanns „Kreisleriana“ sind einer der ersten großen Nachklänge. Russische, angloamerikanische und französische Dichter mit Neigungen zur sogenannten „Schauerromantik“ haben ihren „Gespenster-Hoffmann“ gelesen. Tschaikowskis „Nussknacker“ setzt das gleichnamige Märchen in unsterbliche Töne, und die einzige große Oper von Jacques Offenbach behandelt „Hoffmanns Erzählungen“ in einer überzeugenden mélange. Paul Hindemiths „Cardillac“ nimmt sich des unheimlichen Stoffes aus dem „Fräulein von Scuderi“ an, und der „Sandmann“ ist in seiner Düsternis immer wieder ein Schreckensbild für die aufziehende, bis heute andauernde sogenannte „Moderne“. Übrigens gibt es ein eigenes Adjektiv, das auf unser Geburtstagskind verweist. Das hat für den allgemeinen Sprachgebrauch in literarischen Dingen meines Wissens seitdem nur noch Kafka geschafft. Mit der französischen Frageformel est-ce que, also „ist das wie“ –  eingedeutscht: „esk“. „Wie bei Hoffmann“, also „hoffmannesk“ geht es zum Beispiel auch in Hesses „Steppenwolf“ zu, in den Spiegelkabinetten auf den hinteren Seiten, wo Mozart am Ende nur noch lacht …

In seinem einzigen Brief an Hoffmann schreibt Beethoven am 23. März 1820: „Ich ergreife die Gelegenheit, durch Herrn N. mich einem so geistreichen Manne wie Sie sind, zu nähern. Auch über meine Wenigkeit haben Sie geschrieben, auch unser Herr N. N. zeigte mir in seinem Stammbuche einige Zeilen von Ihnen über mich. Sie nehmen also, wie ich glauben muss, einigen Anteil an mir. Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit so ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne Ihresgleichen mir sehr wohl tut. Ich wünsche Ihnen alles Schöne und Gute“ … So hat Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gewirkt. In Abwandlung eines Wortes des Grafen Waldstein an den jungen Bonner Meister, als der im Begriff stand, nach Wien zu gehen, ließe sich sagen: Hoffmann hat Mozarts Geist in Beethovens Händen weiterwirken sehen. Als Musiker hat er beide bewundert und sie als die unbestritten Größten anerkannt. Auch das hebt den modernen Romantiker aus Königsberg weit über alle, die man „Kleinmeister“ nennt. Und das alles aus dem Geist der Musik.

Abbildung: Takte aus dem letzten Satz der Klaviersonate f-moll (Allroggen-Verzeichnis Nr. 27) von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Merkel, Malu, Mali

Wir leben in seltsamen Zeiten. Noch nie war in Deutschland das beamtete Christentum so stark in den oberen Rängen vertreten. Unser Bundespräsident war früher einmal Pfarrer, unsere Bundeskanzlerin ist Pfarrerstochter. Und dennoch ist der christliche Glaube in unserem Gemeinwesen auf dem Rückzug. Von einer Theokratie kann also niemand sprechen. Alle Kirchenkritiker sollten wissen, dass eben trotz Herrn Gauck und Frau Dr. Merkel unser demokratischer Staat weiterhin reibungslos funktioniert. Allenfalls irritieren müsste, dass das christliche Bekenntnis denn doch so wenig in den Köpfen und Herzen der bundesdeutschen Bevölkerung präsent ist. Wie anders ist es zu erklären, dass viele Bürger ehrenamtlich in der Flüchtlingskrise helfen, ohne aber kirchlich affin zu sein? Und was ist von Leuten zu halten, die sich über „Religion“ echauffieren und dennoch ihren Beitrag leisten, um den Migranten zu helfen?

Vielleicht wirkt hier eine Form der Aufklärung nach, die sich dem, wagnerisch gesprochen, „Reinmenschlichen“ verschrieben hat. Ja, richtig gelesen, „wagnerisch“. Ich meine tatsächlich Richard Wagner, von dem ja mittlerweile die Saga umgeht, er sei ein Nazi gewesen. Aber wer im Jahre 1883 das Zeitliche segnete, wird kaum für deutsche Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts haftbar gemacht werden können. Und wir müssen uns eben den Wagner denken, der 1849, nach dem Aufruhr in Dresden, steckbrieflich gesucht wurde als ein Anhänger der 48er-Revolution. Dass er ein besonders frommer evangelischer Christ gewesen sei, ist eine andere Frage. Aber er entstammte eben diesem geistigen Milieu, als Thomasschüler in Leipzig, als Komponist des für die Dresdner Frauenkirche bestimmten „Liebesmahls der Apostel“, als Schöpfer des nicht vertonten eigenen Versepos „Jesus von Nazareth“, als „Lohengrin“, „Meistersinger“ und „Parsifal“. Sein „Holländer“ ist ohne Mendelssohns „Elias“ nicht zu denken, einmal abgesehen vom lutherischen Impetus im „Rienzi“ und im „Tannhäuser“ –  oder von der Bachschen Polyphonie im Nürnberger Drama, im „Tristan“ und im gesamten „Ring“. Wenn jemand Aufklärung popularisiert hat in Deutschland, dann waren es Wagner und seine Mitstreiter. Das kirchliche Christentum wurde bei ihnen geweitet in eine Weltanschauung, die sowohl dem wissenschaftlich Zweifelnden als auch dem künstlerisch Begeisterten Heimat verschaffte. Manchmal wird das als „Menschheitsreligion“ bezeichnet.

Goethe, Kant und Mozart waren dafür „Urväter“ und Vermittler, Schleiermacher, Hegel und Beethoven folgten ihnen auf je ihre Weise nach. Lessing, Leibniz und Bach gingen ihnen voran, und niemand von diesen Großen hätte sich nur im entferntesten vorstellen können, dass diese Form von Bildung und Anstand in der Katastrophe des sogenannten „Dritten Reichs“ enden würde. Wäre man doch nur beim „Ersten Reich“ geblieben, jenem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, das 1806, einfach so mitten in den Sommerferien, aufgelöst wurde … Aber wir wollen ja nicht klagen. Es ging weiter, und nun haben wir es heute mit einer Kanzlerin zu tun, die, gut evangelisch, Gutes mit Gutgemeintem vermengt, vermischt und am Ende verwechselt.

Es ist die „Alternative für Deutschland“, die nun alles durcheinanderbringt. Diese Partei hatte sich zunächst durch ihre Kritik an der europäischen Gemeinschaftswährung bekanntgemacht. Mittlerweile hat sie sich ihrer finanzpolitischen Elite entledigt und zeigt ihre Pegida-Fratze. Aber in diesem abscheulichen Tun legt sie den Finger in die Wunde eines abgehalfterten Europa, das zwar immer von „Werten“ spricht, zugleich jedoch die eigenen christlichen Errungenschaften in Abrede stellt. Die „politische Korrektheit“ greift derart um sich, dass das Reichsmuseum zu Amsterdam nun beispielsweise meint, alle irgendwie als anstößig empfindbaren Titel unter unsterblichen Rembrandtgemälden verändern zu müssen. Wie doof ist das denn?

Hier im föderalen Deutschland  entblödet sich eine Ministerpräsidentin nicht, einer „Elefantenrunde“ einen Korb zu geben, weil eben unliebsame andere Parteien ihre Vertreter in die Sendung des Südwestrundfunks schicken könnten. Liebe Frau Malu Dreyer, Sie sind einfach nur feige. Wenn Sie schon Böses ausgemacht haben wollen, dann stellen Sie sich doch furchtlos und engagiert und argumentativ super bewaffnet diesen Gegnern! Wahlkampf ist etwas anderes als eine jener schrecklich langweiligen neudeutschen Podiumsdiskussionen, auf denen sich am Anfang wie am Ende alle immer nur liebhaben!

Schließlich, nach Merkel und Malu, ist noch eines geschundenen Landes zu gedenken. Aus ihm kommen meines Wissens kaum Flüchtlinge hierher. Aber sie wären unbedingt willkommen, sollten sie sich aus ihrem Land auf den Weg machen. Dort, in den Bibliotheken, lagert literarisches, philosophisches und musikalisches Weltwissen. Es ist die Tragik unserer Zeit, dass wir vor lauter Islamhasserei diesen kulturellen Schätzen keine Aufmerksamkeit, kein Nachdenken, kein Gehör schenken. Dabei wäre es die Mystik, die alle Religionen versöhnen könnte. Da ist die jüdische Kabbala, die christliche innere Versenkung, die islamische Sufi-Bewegung. Seit Jahrhunderten. Von Mali aus wäre ein neuer Aufbruch doch zumindest denkbar. Oder? Weltmusik ist dort entstanden, die sich mit Psalmodien und Choralmelodien verbinden kann und auch international bereits verbunden hat. Wäre nicht die Musik, als echtes einmaliges Zeugnis des Abendlandes, bereit, sich mit ihren Vorfahren aus Jerusalem und Timbuktu zu vereinigen?

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Alles das ist möglich, wenn wir hier in Deutschland uns der eigenen christlichen Wurzeln bewusst bleiben. Denn man ist immer stark, wenn der eigene Glaube gepflegt wird. Eine „Islamisierung des Abendlandes“ muss niemand befürchten, der sich dem erlernten Christentum widmet und treu zu ihm steht. Pegida und die neuen Nazis halten nichts von den Kirchen – so wenig wie weiland die Machthaber des Dritten Reichs und der „DDR“. Und, meine lieben Kirchenleute, leider muss daran erinnert werden: Das Gutgemeinte ist nicht immer automatisch gut. Flausen im Kopf gehen an der Realität vorbei. Im übrigen gilt allen, die Merkel, Malu und Mali uneingeschränkt toll finden oder sie andererseits total ablehnen, das Wort, das einst auf Willy Wolke gemünzt war und uns immer wieder realpolitisch traurig macht, seitdem sein Urheber – wider Erwarten – dann doch mit 96 Jahren verstarb: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“.

Abbildung: Detail aus „Madonna mit Kind und musizierenden Engeln“, Lombardische Schule um 1500, auf dem Schutzumschlag zu: Musica. Geistliche und weltliche Musik des Mittelalters. Herausgegeben von Vera Minazzi unter Mitarbeit von Cesarino Ruini. Aus dem Italienischen, Englischen und Französischen übersetzt von Yvonne El Saman. Freiburg im Breisgau 2011.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausdruck

Largo, con gran espressione – je langsamer, desto ausdrucksvoller, meinte wohl der junge Beethoven, als er den zweiten Satz seiner Klaviersonate Opus 7 mit dieser Vortragsanweisung versah. Spätere Komponisten haben ihr ganzes Sentiment dann gern in schwermütige, ja bisweilen stockende Musik gelegt. Das konnte wahlweise „romantisch“ oder auch fragmentarisch bis modern wirken. Verbunden damit war eine Entdeckung der Langsamkeit, die manchmal bis zur Überdehnung ausgekostet wurde. Schwelgen war unbegrenzt möglich, aber es taten sich auch Abgründe auf, die sowohl Schöpfer als auch Adressaten erschaudern ließen. Jedenfalls öffneten sich die Tore von Phantasie und Freiheit, im Nachsinnen gefühlt endloser Tongemälde und beseelter Klänge, in denen Herzensangelegenheiten zum Ausdruck kamen.

Dies alles scheint versunken zu sein. Höher, weiter und vor allem: schneller muss heutigentags alles gehen. Nicht mehr Schritt um Schritt, sondern nur noch: Wir sausen mit. Sogar im Urlaub sind wir erreichbar. Schreibt eigentlich noch jemand Tagebuch? Waren das nicht „schöne, glänzende Zeiten“, als ein Brief von Hand erschaffen, in den Umschlag gesteckt, mit Briefmarke versehen und zum Postkasten gebracht werden musste? Jede Botschaft war einmalig, unverwechselbar – neben der Kultivierung einer eigenen Schreibschrift wuchs da auch der Charakter mit. Und man bekam ja verlässlich Antwort, ebenso handgemacht und höchstpersönlich. Wer an „Neuland“ dachte, meinte Novalis – und nicht das Internet.

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Aber es geht eben weiter. Auch das ist eine – klaglose – abendländische Erkenntnis. Beim späten Beethoven gibt es dafür ebenfalls eine Steilvorlage, die Überschrift zum ersten Satz aus Opus 90: „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ … Wer die e-moll-Klaviersonate hört oder gar selber durchtastet, wird von Entschlossenheit, Grimm und Trauer gleichermaßen fortgerissen. Schroff und schrill, leidend und liebend ist espressione ausgeträumt und zugleich ebenso deutsch bodenständig wie überirdisch flüchtig geworden. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Hat der Meister aus Bonn deshalb zum Ende hin im ungeliebten Wien immer öfter Zuflucht zur Fuge gesucht? Warum wird überhaupt die Krönung musikalischen Denkens seit jeher fuga genannt, also „Flucht“? Ein Nachhall der Bestimmung des kainitischen Menschen, der Städte baut, Zivilisationen gründet und doch wegen seiner blutigen Vergangenheit „unstet und flüchtig“ bleiben muss?

Aus dieser Nummer kommt niemand von uns Lebenden heraus. Was uns in dieser Welt helfen kann, ist, diesem bewegenden Zustand Ausdruck zu verleihen. Ohne ideologische Scheuklappen, ohne „politische Korrektheit“, ohne Schelte gegen Religion, Kultur oder Kirche. Geistreiche Kritik ist selten geworden, aber dafür umso notwendiger. Vielleicht haben Argumente ja doch noch Kraft. Es sieht zwar derzeit nicht danach aus, dass ausgerechnet durch Sprache unsere Welt gedeutet oder gar geläutert würde. Aber Probieren geht immer noch über Studieren. In diesem Sinne versuche ich mich am Ausdruck. Expressive Musik ist gedanklich immer mit dabei. Greifen wir dem Schicksal in den Rachen!

Abbildung: Beginn der e-moll-Klaviersonate op. 90 von Ludwig van Beethoven.