Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Jüngst konnten wir den 175. Geburtstag des Philologen, Philosophen, Schriftstellers, Dichters und Komponisten Friedrich Wilhelm Nietzsche (*15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen / + 25. August 1900 in Weimar) feiern. Man wird nicht sagen können, dass dieses Jubiläum die Tiefen der Bevölkerung im heutigen Deutschland erreicht habe. Vieles in Nietzsches Denken wurde nach dem Zweiten Weltkrieg und wird heute wiederum jenem nationalistischen Gedankengut zugerechnet, dem wir Biodeutschen schnurstracks wiederum willig zu folgen und in eine Neuauflage des Dritten Reiches hineinzumarschieren bereitstünden, sofern es ungefiltert uns in seinen Werken begegne.

Jedenfalls war Nietzsche zum Beispiel in der DDR nur denen zugänglich, die sich wissenschaftlich betätigten, mithin sich zuverlässig im framing  des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates bewegten. Aber auch bei uns in Westdeutschland galten die von Nietzsche Begeisterten als verdächtig: Begriffe wie „Herrenmoral“ und „Übermensch“, sodann seine Frauenfeindlichkeit („… vergiss die Peitsche nicht“) sowie das gesamte Ziel seiner macchiavellistisch anmutenden denkerischen Anstrengungen („Der Wille zur Macht“) ließen ihn doch jedem politisch selbstverorteten dezidiert Nicht-Rechten deutlich unsympathischer wirken als – sagen wir: – Kant, Hegel oder Marx. Nietzsche der Macho, Nietzsche der Nazivordenker, Nietzsche der Wagnerianer, Nietzsche der Antichrist. Damit war er abgestempelt und mithin erledigt.

Doch Jünglingsmeinungen sind zum Glück leicht erschütterbar, zumindest aber angenehm biegsam sowie durchaus fähig, neue Aspekte aufzunehmen und ins eigene bisherige Weltbild zu implementieren: – sofern das Gift des Fanatischen noch nicht gewirkt hat. Gegen glühenden Nietzsche-Hass hatte ich selbst mich in jungen Jahren schon deswegen immunisiert, weil mein eigentlicher innerer Brandherd musikalischer Natur war. So nahm ich denn eher herzlichen Anteil an Nietzsches durchfantasierten Nächten am Klavier, an seinen Kompositionsversuchen und gefühlvollen Sologesängen … Aus all dem sollte eine große Künstlerkarriere erwachsen … Allein an Disziplin mangelte es. Nietzsche hat stets in tönender Selbstberauschung sein eigenes satztechnisches Unvermögen überspielt, ohne sich dies je ehrlich einzugestehen.

Es war Richard Wagner (*1813 in Leipzig / +1883 in Venedig), der ihm da auf die Schliche kam.  Daher Nietzsches Umschlag von höchster Liebe zu blankem Hass – sein „Fall Wagner“ ist eine Abrechnung weit über den Tod des Meisters hinaus. Von ihm in seinem kompositorischen Schaffen nicht anerkannt zu sein, ja mehr noch: dem Wagner-Kreis Anlass zu Ironie und Spott geliefert zu haben – davon hat der zutiefst gekränkte Nietzsche sich intellektuell nie wieder richtig erholt. – Aber auch die Philologie, sein ureigenes und professionelles métier, ließ ihn am Ende freudlos zurück. Als noch nicht Fünfundzwanzigjähriger hatte die Universität Basel ihn auf einen außerplanmäßigen Lehrstuhl gesetzt, ein Jahr später, 1870, wurde Nietzsche ordentlicher Professor dortselbst. Er gab seine Hochschullehrertätigkeit aber aus gesundheitlichen Gründen 1879 auf und lebte die nächsten zehn Jahre unstet in Graubünden, an der Côte d’Azur, in Ligurien und im Piemont. In Turin brach er im Januar 1889 zusammen. Sein ehemaliger Basler Kollege, der Neutestamentler Franz Overbeck, vermittelte ihn nach Jena, wo Nietzsches Mutter weitere Hilfe veranlasste. Nach deren Tod nahm sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar des geistig Umnachteten an.

Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Der Bruch mit Wagner und die Aufgabe seines Professorenamtes im bürgerlichen Bildungsbetrieb machten aus Nietzsche jenen kühnen Aphoristiker und unabhängigen Propheten einer neuen Zeit, als der er seitdem in der großen Bandbreite von klug bis ratlos rezipiert wird. Von feiner Hintersinnigkeit bis zum groben Missbrauch für staatliche Ideologen und brutale Propagandisten hat das Werk des Pfarrerssohns alles über sich ergehen lassen müssen. Der Schüler in Schulpforta (Naumburg a.S.) sowie der Student in Bonn und Leipzig hätte sich in seiner zarten Empfindsamkeit all das nie träumen lassen. Aber unkonventionell und geistig die anderen weit überragend war er von Anfang an. Er schrieb Briefe und Gedichte in griechischen Versmaßen, hatte Sinn für die Schönheiten der Natur, war aber auch eigentümlich gehemmt, was sich in einer das ganze Leben durchziehenden Selbstisolierung auswirkte. „Frei aber einsam“, das Motto einer Sonate, an der Johannes Brahms (1833-1897) mitschuf, könnte man auf das (Künstler-)Leben Nietzsches übertragen, wenn der denn nicht Brahms so geringgeschätzt hätte. Philiströs kam er ihm vor, ebenso wie alle anderen Deutschen, die sich stolz auf ihr Bismarckreich wähnten. Nietzsche sprach von der Reichsgründung 1870/71 nur im Modus tiefster Verachtung.

Ich las also auch davon: Dann war er demnach gar nicht so deutschtümelnd-herrisch, wie man sonst hörte! Und die lebenslange Beschäftigung mit der Musik machte wohl auch seine geschriebene Sprache so anziehend, volltönend und lebendig, wie sie war! Besonders begeisterte mich die schriftlich niedergelegte Freiheit, mit der er sich im Völlegefühl und Übermaß einer außergewöhnlichen Interpunktion bediente: Das steigerte den Ausdruck ungemein, überall Sforzati, Interruptionen, Anflüge von Bagatellen, Impromptus, Grillen und dröhnenden Ostinatobässen. Konnte es nicht sein, dass sich hier ein fröhlich enthemmter Freigeist Bahn brach, genüsslich die gesamte abendländische Geistesgeschichte von hoher musikalischer Warte aus hellsichtig überblickend, mit untrüglicher Sympathie für das Sonnige und Heitere? „Denn alle Lust / will tiefe tiefe Ewigkeit“: Also sprach Zarathustra alias Nietzsche.

Mit der Entdeckung dieser unerträglichen, aber in Zukunft gewiss zu erreichenden Leichtigkeit des Seins hat sich Nietzsche nicht nur zu den Bräsigen in den Bildungswelten in einen unüberbrückbaren Gegensatz gebracht, sondern auch zum in seiner Zeit vorherrschenden Verständnis von Staat und Kirche. So erklärt sich seine Begeisterung für die Macht- und Kraftmenschen der Renaissance in Italien, nimmt er doch beispielweise Partei für den lebensprallen Césare Borgia und gegen den deutschen Mönch Martin Luther, dessen Anliegen jene neiderfüllte kleingeistige Sklavenwelt zurückrufe, die man unter südlicher Sonne gerade hinter sich gelassen habe im Namen wahrhaftiger Humanität. So nennt sich Nietzsche ganz bewusst in seinem letzten vollendeten Buch „Der Antichrist“. Nicht so sehr ein religionsfeindliches, sondern das sich hier meldende kulturkritische Potential dieser „Anklage“ ist bis heute virulent.

Und wie ging es musikalisch aus mit Nietzsche? Sein neuer Stern wurde Georges Bizet (1838-1875), jener frühverstorbene Franzose, dessen „Carmen“-Musik grenzüberschreitend in ganz Europa erfolgreich aufgeführt und begeistert aufgenommen wurde. Hier sah Nietzsche die Kunst auf einem neuen hellen fortschrittlichen Weg, von allem Bombast und Ballast befreit, dadurch in neuer Frische heilsam verjüngt. Der kulturell altgewordene und absterbende décadent weicht dem alles überwindenden Übermenschen, der kraftvoll das Leben in die eigene Hand nimmt. Nietzsches durch und durch in Syntax wie Semantik bestimmte Aneignung des Tonfalls der Lutherbibel, aber auch seine tränenreiche Rührung hervorrufenden Erlebnisse von Aufführungen der Bachschen Matthäuspassion zeugen wiederum von einem offenen Geist, der die tatsächlich großartigen geistlichen Schöpfungen als solche trotz aller Widersprüche dankbar anerkennt.

Die Entdeckung der Heiterkeit als ursprünglich und unmittelbar kulturell notwendig ließ mich in jungen Jahren nicht ruhen. Und so schrieb ich eines Tages folgende Verse, von den weisen Worten Zarathustras inspiriert, aber dann doch wieder verunsichert durch Nietzsches Eigensinn. Hier und heute lege ich offen, was ich seit dem Jahre 1992 der geneigten Öffentlichkeit verschwiegen habe, egal, ob es sie jemals interessiert hat. Die sächsische Bischofskrise verhilft also zu staunenswerten Schritten unfreiwilliger Selbstanzeige. Wie in meinem letzten Beitrag angekündigt, gehe ich dabei indes äußerst scheibchenweise vor. Ich bilde mir ein, dafür Zeit zu haben, zumal ich bisher kein Amt anstrebe, das ein kleinkariertes Durchwühlen meiner gesamten bisherigen Vita zur Voraussetzung von dessen Annahme hätte. Aber man weiß ja nie. Das gegenwärtige Kesseltreiben im aktuellen Dresdner Aufstand gestaltet sich erbärmlich, da ist vielleicht eine Erinnerung an das Bonn-Berlin-Gesetz und überhaupt die Imaginierung der damaligen Situation der Zeit nicht völlig abwegig. In diesem augenzwinkernden Sinne: Viel Spaß!

 

Der Nietzsche saß auf einem Baum,

Derhalben lustig anzuschaun,

Was ihn jedoch nur mehr verdross:

Gar giftig wirkte sein Geschoss:

„Du seist gebannt, gebrannt, gebongt,

Willst tiefe, tiefe Ewigkongt,

Es bongt, es bonnt, berlint sodann:

Dies sei der auferlegte Bann!“

Und Spinnen krochen auch empor,

Verliehn ihm einen Trauerflor,

Ich meinesteils war ganz von Socken,

Wie ich ihn fluchend sah dort hocken,

Gleich einer Eule, die nachts ruft

Aus dunkler tiefer Ewiggruft.

Mein Lieber, sind wir nicht verwandt?

Warum hast du mich so gebannt?

Und noch dazu gebrannt, gelocht,

Zerhackt, wie wenn ich dich nicht mocht’?

Ich hab gelacht, weil du saß’st lustig,

Schon ging das Lachen mir verlustig ….

So schnell kann’s gehn mit Heiterkeit,

Die doch nichts will als – Ewigkeit!

 

Zur Abrundung der Stimmung zeigt das Foto den Friedhof einer nordwestdeutschen Kreisstadt.

Musik der Freiheit

Beethoven – weitaus mehr als nur der Name eines der ganz großen Komponisten inmitten einer stattlichen Anzahl anderer Musiker, die der Tonkunst unseres christlichen Abendlandes ihre Prägung verliehen haben! Beethoven steht für ein Lebensgefühl, das sich an schöpferischer Freiheit von nichts und niemandem überbieten lässt. Darin hat er, vor bald zweihundertfünfzig Jahren, am 16. Dezember 1770 in Bonn am Rhein geboren, in seiner Person „Ludwig van“ sowie in seinem Werk vielen anderen aus seiner Zunft etliches voraus. Und darin ist er all jenen, die ein kreatives Freiheitsverständnis verfechten, zu einem eindrücklichen Vorbild geworden.

Ludwig van Beethoven (1770-1827) gehört einer Generation an, die überall auf eigene Faust neue Welten ausmachen, entdecken, erobern muss. Einige Beispiele: Wilhelm von Humboldt (1767-1835), zusammen mit seinem Bruder Alexander Namensgeber eines bis heute wirksamen Bildungsideals, versucht, hinter den vielen Sprachen der Menschheit die eine Ursprache zu entdecken. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) betont die Bedeutung der Religion für das gesamte Menschsein als „Ahnung des Unendlichen“. Napoleon Bonaparte (1769-1821) zertrümmert die alte europäische Ordnung durch militärische Gewalt im Nachgang und Ausfluss der Französischen Revolution und bringt so deren Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu Weltgeltung. Alexander von Humboldt (1769-1859) reist als Naturforscher in französischen Diensten durch Mittel- und Südamerika und wird als Vorbild einer quasi international gewordenen Wissenschaft geehrt. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) kreiert mit seiner dialektischen Philosophie des Weltgeistes ein in sich geschlossenes universales Denksystem. Friedrich Hölderlin (1770-1843) entwickelt in seinen Gedichten einen in sich schlüssigen, hermetischen sprachlichen Kosmos. Friedrich von Hardenberg (1772-1801), bekannt unter seinem Künstlernamen „Novalis“, redet einer mystisch-religiösen Weltschau das Wort.

Im Überblick dieser exemplarisch angeführten Persönlichkeiten zeigt sich ein Zug ins Große und Ganze. Man verabschiedet sich zumindest innerlich sowohl vom traditionellen Kirchenglauben beiderlei Konfession als auch vom Vertrauen in die Institutionen des Ancien Régime. Alles Schöpferische und alles Zerstörerische muss aus sich selbst heraus erwachsen. Die Kunst wird, gleich der Wissenschaft und Politik, in dem Sinne autonom, als sie sich ihre Grundlagen in der jeweils befähigten Einzelperson selbst zu bilden hat. In ihren bedeutendsten Exponeten, zu denen der geborene kurkölnische Bürger und getaufte Katholik Beethoven zweifellos zählt, haben wir es mit subjektiv-voraussetzungslos urtümlicher Phantasie bei gleichzeitig objektiv-meisterhaft traditionsgeschulter Kunstfertigkeit zu tun. Alles zielt auf das Menschsein an sich, in weltbürgerlich-aufklärerischer Absicht oder in individuell-romantischem Anspruch.

Beethoven, der jugendliche Organist und Bratschist am in Bonn ansässigen Hof des kurkölnischen Fürstbischofs, wächst in der geistigen Welt des aufgeklärten Absolutismus auf.  Er nutzt die dort gewährte Freiheit, sich einem revolutionär gesinnten Lesezirkel anzuschließen. Zugleich ermöglicht man dem Wunderkind, in allen Bereichen der Musik sich weiterzubilden. „Empfindsamkeit“ und „Mannheimer Schule“ sowie deren „Rakete“ prägen die entsprechende Ausbildung. Christian Gottlob Neefe (1748-1798) unterrichtet seinen begabten Schüler im „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Als Joseph Haydn (1732-1809) von seiner ersten Englandreise zurückkehrt und in Bonn Station macht, stellt man ihm den Einundzwanzigjährigen vor. Aus dieser Begegnung ergibt sich die staatliche Bewilligung eines Stipendiums für die Musikmetropole Wien. So zieht Beethoven im Jahre 1792 auf Geheiß seines Landesherrn Maximilian Franz – eines Bruders der Kaiser Joseph II. und Leopold II. sowie der französischen Königin Marie Antoinette (allesamt Kinder des römisch-deutschen Kaisers Franz I. und seiner Gemahlin, der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia) –  in die kaiserlich-erzherzogliche Residenz an der Donau. Im „Reisesegen“ schreibt Graf Waldstein, Mitglied der Bonner Lesegesellschaft und später Widmungsträger der Klaviersonate C-Dur Opus 53 (1804), Beethoven werde, so er fleißig arbeite, „Mozarts Geist aus Haydns Händen“ erhalten.

Bereits 1787 ist Beethoven kurz in Wien gewesen, um bei Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Stunden zu nehmen. Nun, fünf Jahre später, sind Haydn, der Kontrapunktdozent Johann Georg Albrechtsberger (1736-1809) sowie der Chef der italienischen Oper, Antonio Salieri (1750-1825) seine wichtigsten Lehrer. Beethovens erhaltene Übungen im „strengen Satz“ zeigen den Hintergrund für das, was der Student etwa ab seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr in erstaunlich phantasievoller Eigenproduktion mit genauer Kenntnis der Tradition in unbändigem Freiheitsdrang durchzuarbeiten und so zu überwinden trachtet. Dabei steht er seit 1794 mittellos da, weil die französischen Revolutionstruppen sich um den aufklärerischen Geist in der Bonner Residenz nicht geschert und das kurkölnische Territorium kurzerhand erobert haben. Die staatliche pekuniäre Unterstützung aus der Heimat bricht dem Dreiundzwanzigjährigen also weg.

Beethoven wird in Wien zunächst und vor allem als ausgezeichneter Pianist bekannt und entsprechend gefeiert. In Konzertveranstaltungen spielt er auf dem Klavier eigene Werke sowie seine weithin bewunderten ad-hoc-Fantasien, die ihm unter den Zuhörern den Titel eines „zweiten Mozart“ bescheren. Beethoven formuliert bereits in seinen ersten drei Wiener Klaviersonaten Opus 2 (komponiert im Jahre 1795) einen intellektuellen Anspruch, den er in den folgenden Werken immer weiter und entschiedener ausbaut, so in der „Pathétique“ Opus 13 (1799), in der „Mondscheinsonate“ Opus 27 Nr. 2 (1800) oder in der „Appassionata“ Opus 57 (1805). In all diesen Werken führt Beethoven die Gattung der Klaviersonate in vollkommener Kenntnis und Anwendung der Tradition endgültig aus dem Genre gehobener Unterhaltungsmusik hinaus in eine von ihren meisterhaften Vorgängern Johann Christian Bach (1735-1782), Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart nie für möglich gehaltene freiheitsbetonte Bekenntnismusik einer völlig unabhängigen Künstlerseele.

Wie wenig Beethoven dabei auf äußere Etikette achtet, zeigt sein distanziertes Verhältnis zu seinem einstigen Lehrer: Überliefert ist ein – übrigens beide Seiten verstörender – kurzer Wortwechsel im Jahre 1801, als Beethovens „Geschöpfe des Prometheus“ Opus 43 uraufgeführt werden und Haydn gegenüber dem Schöpfer dieser Ballettmusik meint, sie mit seiner eigenen „Schöpfung“ vergleichen zu sollen. Und schon fünf Jahre zuvor ist es zu einer Verstimmung beim fast vier Jahrzehnte Älteren gekommen, weil, statt in tiefer Dankbarkeit und Demut dem erhabenen väterlichen Freund und umsichtigen Lehrer seine drei Sonaten Opus 2 zu dedizieren, Beethoven lapidar formuliert hat: „Joseph Haydn gewidmet“.

Ein bedeutendes Zeugnis für Beethovens stetige eigenständige Weiterentwicklung musikalischer Sprache ist auf dem Gebiet der Orchestermusik die Dritte Symphonie in Es-Dur Opus 55 (1804), die sogenannte „Eroica“. Sie markiert, biographisch gesehen, das Ende von Hoffnungen, in Paris eine Stellung im dortigen Musikleben anzutreten. Zusagen auf lebenslange Renten durch österreichische Mäzene aus dem Hochadel  lassen den überzeugten Republikaner Beethoven die Widmung seines Werkes an Napoleon leichter auslöschen, nachdem der sich zum Kaiser hat ausrufen lassen. In der „Dritten“ beschreitet der Komponist völlig neue Bahnen, indem er die thematische und motivische Arbeit in einen stark vergrößerten Klangraum stellt und so die Gesamtdimensionen der sinfonischen Form beträchtlich erweitert. Fortan regieren das musikalische Geschehen markante Melodien oder prägnante Signale, während schmückendes Beiwerk entweder zurückweicht oder dem jeweiligen Grundgedanken eines Werkes untergeordnet wird. Besonders radikal hat Beethoven dies im ersten Satz seiner Fünften Symphonie c-moll Opus 67 (1808), von der Nachwelt „Schicksalssinfonie“ betitelt, durchgeführt. In der zeitgleich entstandenen Sechsten Symphonie F-Dur Opus 68, der sogenannten „Pastorale“, lässt sich Beethoven, bei mitunter ähnlicher Motivik, von der von ihm so geliebten Natur leiten, weswegen die strenge musikalische Faktur auch dieses Werkes beim Hören weniger auffällt.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts komponiert Beethoven neben Sinfonien und Sonaten auch reichlich für sämtliche Sparten des musikalischen Lebens, insbesondere Streichquartette und andere Kammermusik mit unterschiedlicher Besetzung, Lieder (unter anderem auf Psalmnachdichtungen des lutherischen Dichters Gellert, z.B. „Die Himmel rühmen“), Konzerte (besonders die für Klavier und Orchester) und Chorwerke. 1803 wird sein Oratorium „Christus am Ölberge“ Opus 85 uraufgeführt, eine Passionsmusik mit der Fokussierung auf die ins allgemein Menschliche gewendete Szene im Garten Gethsemane. Schwer tut Beethoven sich mit seiner Oper „Leonore“ (1805), die erst nach gründlichen Umarbeitungen und unter dem Namen „Fidelio“ Opus 72 (1806/14) das Thema der Befreiung aus dunklem Kerker zur existienziellen Grunderfahrung der Zeitepoche erhebt. Unter den Bühnenmusiken sind die Ouvertüren zu Goethes Schauspiel „Egmont“ und die zur Shakespeare-Adaption „Coriolan“ bis heute bekannt geblieben. Letztere führt die motivische Arbeit bis zur völligen Auflösung durch. Gleichfalls im Jahre 1807 erscheint die C-Dur-Messe Opus 86, eine Vorstufe zur großangelegten und jeden liturgischen Rahmen sprengenden Missa Solemnis (1819/23).

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Bemerkenswert sind Werke, die gattungsübergreifendes Potenzial in sich tragen: Die Chorfantasie c-moll Opus 80 (1808) beginnt als Klavierkonzert und endet in einem Chorsatz, der motivisch-melodisch schon auf das Finale der Neunten Symphonie vorausweist. Das Violinkonzert D-Dur Opus 61 arbeitet Beethoven später zu einem Klavierkonzert um. Die frühe Klaviersonate E-Dur Opus 14 Nr. 1 (1799) ist vom Komponisten selbst transkribiert worden in ein Streichquartett F-Dur. Andersherum nehmen viele Sätze in den insgesamt 32 Klaviersonaten Klangstrukturen auf, die den Kirchenmusiker an vierstimmige Choräle erinnern mögen, bei Beethoven aber von der Beschäftigung mit Gattungsmerkmalen des Streichquartetts herrühren.

Ein durch mehrere Gattungen wanderndes Thema ist als Grundlage der sogenannten „Prometheus-Variationen“ Opus 35 berühmt: Es existiert als Klavierwerk, als besagte Ballettmusik und als Sinfoniesatz am Schluss der „Eroica“. Beethoven verändert die sich über einem Bass Stück um Stück heranbildende Musik von Mal zu Mal. So legt er in jedem Fall einen Schaffensprozess offen, gewissermaßen die Modellierungen des Schöpfers an seinen Geschöpfen, in gestalterischer Freiheit doch stets auf den Ursprung bezogen und zugleich die spielerische Freude betonend. Hier ist immer auch mit humorvollen Wendungen zu rechnen. Insgesamt nehmen Variationen übrigens einen Großteil in Beethovens Werk ein. Seine erste gedruckte Komposition ist eine Klaviervariationenfolge über einen populären Marsch (1783). Sein letztes großes Klavierwerk sind die „33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli“ (1823).

Je mehr sich ein schon seit 1796 bemerkbares Gehörleiden verschärft, desto stärker wird bei Beethoven die geistige Durchdringung sämtlichen musikalischen Ausdrucks. Kann er wegen seiner Schwerhörigkeit immer seltener öffentlich auftreten und fühlt er sich gesellschaftlich mehr und mehr ins Abseits gedrängt (Heiligenstädter Testament; Brief an die „unsterbliche Geliebte“), so arbeitet er konsequent an seinem Ruf als erstklassiger Komponist. Den Durchbruch erlangt er damit allerdings nicht; erst im Jahre 1813 vermag er mit dem Auftragswerk einer lärmigen Schlachtensymphonie namens „Wellingtons Sieg“ seine Bekanntheit über die adligen musikinteressierten Kreise hinaus in eine allgemeine Popularität auszuweiten. Auch die Gelegenheitskantate „Der glorreiche Augenblick“ zum Wiener Kongress 1814 gereicht Beethoven zu einem steigenden internationalen Ruhm – angesichts der auf Einladung des österreichischen Kanzlers Metternich in der Donaumetropole sich versammelnden gekrönten und ungekrönten Staats- und Regierungschefs, die eine neue nachnapoleonische europäische Ordnung auszuhandeln sich anschicken.

Ein Jahr zuvor, 1813, ist die Siebte Symphonie A-Dur Opus 92 uraufgeführt worden, später von Richard Wagner (1813-1883) als „Apotheose des Tanzes“ bezeichnet. In ihren Ecksätzen blitzt und brodelt es, man könnte eher von einem Tanz auf dem Vulkan sprechen. Der Wille zur grenzenlosen Freiheit ist angestimmt, doch diese selbst scheint zu taumeln und zu straucheln. So hat Beethoven das Scheitern der revolutionären Freiheitsideale seiner eigenen Jugend eindrücklich auskomponiert. Der Allegretto-Satz der „Siebten“ ist als Trauermarsch in Variationen ebenso berühmt geworden wie der langsame Satz aus der „Eroica“ und der dritte Satz aus der Klaviersonate As-Dur Opus 26. Letzteren hat Beethoven, ebenfalls in der Kongresszeit 1814/15, anlässlich einer Schauspielmusik zum Gedenken an eine in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gefallene preußische Soldatin (!) für Streicher und Bläser instrumentiert.

Beethoven sucht zu den herrschenden Gesellschaftsschichten immer ein angemessenes Verhältnis einzunehmen. Seine Klavierstunden öffnen ihm die Türen. Viele seiner Schülerinnen und  Schüler entstammen dem österreichischen Hochadel. Mit den musikalisch und insbesondere pianistisch versierten Erzherzögen Johann und Rudolph pflegt er fachlich-freundschaftlichen Umgang und hat dadurch direkten Zugang zu den habsburgischen Regenten in der Wiener Hofburg. In den Klaviersonaten d-moll Opus 31 Nr. 2 („Sturm“, 1802) und Es-Dur Opus 81a („Les Adieux“, 1810) klingt von diesen persönlichen Beziehungen etwas nach. Vor diesem Hintergrund ist das Ereignis beim Spaziergang Beethovens mit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im Jahre 1812 im böhmischen Kurbad Teplitz weniger dramatisch zu sehen als gemeinhin vermutet. Als die beiden auf Mitglieder der kaiserlichen Familie treffen, bleibt Goethe auf der Stelle stehen, lüftet seinen Hut und verneigt sich tief; Beethoven hingegen stapft weiter und mitten durch die Szenerie hindurch: Er kennt die hohen Herrschaften ja, und die wiederum kennen ihren Beethoven.

Im Metternichschen Zeitalter, als die Meinungs- und Pressefreiheit wieder massiv eingeschränkt ist, gilt Beethoven als ein Unikum, aber durchaus von ideellem Wert; mit einem solchen weiß sich die feine Gesellschaft gern zu schmücken. Hier liegt der Unterschied zu dem fast eine Generation jüngeren Franz Schubert (1797-1828), der in den nach ihm benannten Lese- und Musizierabenden im Freundeskreis („Schubertiaden“) stets mit Denunziation und Verhaftung rechnen muss. Beethoven hingegen gilt der Polizei als bedauernswerter harmloser Einzelfall mit mächtiger Protektion. Er selber ist von seiner politisch unkorrekten künstlerischen Einzigartigkeit überzeugt: „Beethoven gibt’s nur einen“ und sieht sich allenfalls auf einer Stufe mit Händel, Bach, Gluck, Haydn und Mozart. Von seinen komponierenden und nach wie vor lebenden Zeitgenossen achtet er allein Luigi Cherubini (1760-1842).

In diesem Sinne führt er sein kompositorisches Werk immer konsequenter weiter. 1819, im Jahr der Karlsbader Beschlüsse, beendet Beethoven seine „Große Sonate für das Hammerklavier“ B-Dur Opus 106. Im viersätzigen Ablauf bleibt sie der Tradition ganz treu, doch ihre Dimensionen sprengen jeden bisher gewohnten Rahmen, bis hinein in Abschnitte ohne Taktstriche und in eine ausgedehnte dreistimmige Schlussfuge „mit einigen Freiheiten“, wie die Bemerkung des Autors an deren Beginn tiefstapelnd lautet.

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In dieser Zeit ist es um Beethovens familiäre Verhältnisse schlimm bestellt. Sein 1815 verstorbener Bruder Carl Caspar hat einen Sohn hinterlassen, Karl, um den immer wieder ein alle beteiligten Parteien zermürbender Sorgerechtsstreit zwischen der als leichtlebig verschrieenen Mutter und dem Onkel entbrennt. In den Zeiten, da der Neffe mit Ludwig van Beethoven Umgang hat, versucht der wider Willen – nämlich aus unüberwindlichen Standesunterschieden zu den adeligen Geliebten – unverheiratet Gebliebene, seine an den pädagogischen Konzepten der Aufklärungsepoche geschulten Erziehungsgrundsätze strikt anzuwenden. Aber diese Art von Bildung des jungen Mannes gemäß dessen vermuteten Gaben und Fähigkeiten scheitert gründlich. Nach einem Selbstmordversuch des Zwanzigjährigen 1826 willigt ein als neuer Vormund eingesetzter Freund Beethovens schließlich in Karls Berufswunsch ein: Der Neffe schlägt die Offizierslaufbahn ein. Später erst wird er den Onkel ehren, indem er einem seiner Söhne den Namen „Ludwig“ gibt.

Mit den letzten drei Sonaten (1821/22), den Bagatellen Opus 119 und Opus 126 (1824) sowie den Diabelli-Variationen Opus 120 (1819/23) schließt Beethoven sein Schaffen für das Klavier ab, oft mit freien Assoziationen auf die Musikgeschichte. So erinnert der Tonfall im Variationssatz der E-Dur-Sonate Opus 109 an Georg Friedrich Händel (1685-1759), Beethovens Lieblingskomponist der Vergangenheit. Die As-Dur-Sonate Opus 110 gemahnt im ersten Satz an Mozart, im weiteren Verlauf mit Choral, Rezitativ, Arien  und Fugen namentlich an die Johannespassion von J.S. Bach („Es ist vollbracht“). Hat der junge Beethoven bei einer Reise 1796, unter anderem nach Berlin und Leipzig, in der Thomasschule Bachsche Handschriften einsehen können? Die c-moll-Sonate Opus 111 beginnt wie aus dem Nichts mit einem gezackten Thema und fährt zunächst fort im Nachklang einer barocken Ouvertüre, ehe ein leidenschaftliches, teils fugiertes Laufwerk einsetzt. Die anschließende „Arietta“ in C-Dur ist in der durch sie hervorgerufenen Literatur zu einem Abschiedsgesang verklärt worden. Thomas Mann (1875-1955) und Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) sehen in ihm das gesamte bürgerliche Zeitalter prophetisch-dialektisch durchschaut und überwunden.

Beethoven vollendet 1823/24 seine beiden Großprojekte, die Missa Solemnis D-Dur Opus 123 und die Neunte Symphonie d-moll Opus 125. 1824 werden sie in St. Petersburg bzw. in Wien uraufgeführt. Außerdem entsteht in den letzten Lebensjahren eine Reihe von rätselhaften Streichquartetten, deren zerklüftete Sätze und polyphone Passagen an Adornos Wort von einer „Philosophie der Musik“ schlechthin denken lassen. Der Partitur der riesenhaft geratenen Messe stellt Beethoven indes ein völlig undogmatisches Motto voran: „Von Herzen – Möge es wieder zu – Herzen gehen“. – Im Finale der letzten vollendeten Sinfonie klingt eine Mischung aus Hoffnung und Wehmut auf: Indem Beethoven Teile aus Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ vertont und so ein Gedicht aus der vorrevolutionären Welt (1785) ins Bewusstsein rückt, gibt er seiner eigenen restaurativen Zeit eine persönlich entfaltete Freiheitsliebe mit auf den Weg. Ein zeitgenössischer Kritiker, der die Vermengung von absoluter Instrumentalmusik und Chorgesang für missglückt hält, aber doch den Mut zu dieser Grenzüberschreitung bewundert, schreibt nach einer Aufführung der „Neunten“ über Beethoven und sein Werk: „Auch in der Verirrung – groß!“

Insgesamt lässt sich versuchsweise sagen: Beethovens Gesamtwerk ist Ausdruck eines einzigartigen Personalstils. Der hat sich im Laufe eines ungewöhnlichen Lebens herangebildet aufgrund von früher Förderung durch Freunde und Bekannte, aber verfestigt in den allgemeinen unsicheren kriegerischen Zeitumständen und durch einen starken Charakter im Kampf gegen biographische Schicksalsschläge. Die Musik in ihrer geschichtlichen Entwicklung ist bei Beethoven einem schöpferischen Einzelwillen unterworfen. Das objektiv gegebene musikalische Material bearbeitet er höchst traditionell und zugleich entschieden subjektiv. Eigentümlich für diesen Vorgang sind dynamische, rhythmische, harmonische, metrische und formale Neuerungen, die es in solchem methodischen Ausmaß vor Beethoven nicht gegeben hat und die man getrost als „revolutionär“ bezeichnen kann.

Nicht durch seine von vielen gesellschaftlichen Abhängigkeiten geprägte soziale Stellung im Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts, sondern durch die absolute Beherrschung und alles Abgelebte geistesgegenwärtig überwindende, dabei phantasiegeleitete Fortentwicklung seiner Kunst wird Beethoven zum ersten freien Künstler der europäischen Musikgeschichte. Daran haben sich im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte viele weitere Vorstellungen und auch Wunschbilder geheftet. Die vermutete pausenlose energische Selbstbestimmtheit im Dienste allein „der Sache“ hat noch in der rebellischen westdeutschen Jugend der sechziger, siebziger und achtziger Jahre bleibenden Eindruck hinterlassen. Bücher, Filme und Plakate zeugen von der Beliebtheit des Protagonisten. Diese hängt wohl damit zusammen, dass Beethoven auf seinem ureigenen Boden von klassisch-romantischer Klangrede in seinem Schaffen durch innere Autorität eine allumfassende Welthaltigkeit ausdrückt, die alle Menschen, die sich darauf einlassen, vor verstiegenem Einzelgängertum oder gar exzessivem Ego-Trip schützt, zugleich aber ihnen in dem, was ihr Humanum wesentlich ausmacht, ein starkes Bewusstsein persönlicher Freiheit sichert.

Abbildungen: a) Beethoven gemeinfrei b) Wie man mit dem Hammer philosophiert – Taktlosigkeiten im Finale von Opus 106.

Quasi una fantasia tedesca

Wie eine deutsche Phantasie (mit dickem ph) – oder eher als feinsinnige Fantasie (mit schlankem f)? Gravitas oder Grazie? Hirngespinst oder Klangereignis? Schwere oder Schwebe? Irden-himmlischer Elfenbeinturm oder himmlisch-irdene Ausdrucksmacht? Ziellose Schwelgerei oder willensstarke Musik?

Irgendwie sind die Attribute austauschbar: Der griechischen Schreibweise ließen sich ebenso zarte wie ungezügelte Eigenschaften gleichermaßen zuordnen wie der lateinisch-italienischen. Das Reich der Ph/F/antasie ist unerschöpflich, widersprüchlich, reichhaltig – aber bisweilen auch sehr blutleer. Dünnes Denken wechselt mit fiebernder Fülle geistlos/geistreich ab.

Eine berühmt-berüchtigte Druckgrafik aus dem Zyklus „Los Caprichos“ des spanischen Künstlers Francisco de Goya nennt sich im Deutschen meist: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Statt „Schlaf“ lässt sich auch „Traum“ sagen. Ob das Ganze satirisch oder todernst aufgefasst werden soll, ist seit Entstehung dieser Radierung, Ende des achtzehnten Jahrhunderts, häufig und gern diskutiert worden. Kann sich in diesem Bild auch der sprichwörtliche deutsche Michel mit seiner Schlafmütze wiederfinden? Sind Träume bloß Schäume – oder alp-hafte (!) Bewältigungen böser Realität?

Die deutsche Romantik, die zeitgleich mit den gesellschaftskritischen Darstellungen des seit Anfang der 1790er Jahre ertaubten Goya entstand, sah das Reich der Gedanken als einzig verbliebene Sphäre, aus der ein Mensch nicht vertrieben werden kann. Während um anno 1800 alle in deutschen Landen seit rund neun Jahrhunderten vertrauten Verhältnisse sich unter dem Druck der vom revolutionären Frankreich ausgehenden Umwälzungen und handfesten Kriege auflösten, begaben sich die Nachdenklichen ins innere Exil.

Wer in bildender Kunst, Literatur und Musik etwas zu sagen hatte, erschuf allein aus eigener Geisteskraft je neue Welten – ohne nach deren Praktikabilität oder gar Zweckmäßigkeit groß zu fragen. Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich, Novalis oder Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven in seinen Opera ab der Jahrhundertwende oder Franz Schubert – und es ließen sich viele andere nennen – haben gewissermaßen Gegenwelten projektiert, um dem offensichtlichen grausamen Wahnsinn zu begegnen. Wer damals in Farben, Worten oder Tönen schwelgte, war ein kritischer Traumtänzer, aber keineswegs unsystematisch oder gar am wirklichen Leben vorbei.

Dass sich die Romantiker und solche, die es werden wollten, vielfach darauf besannen, „wie uns die Alten sungen“, dürfte eigentlich keine Empörung hervorrufen. Noch zu meiner Schulzeit wurde uns eingeprägt, dass man aus der Geschichte lernen möge. Das war in den Siebzigern und Achtzigern im letzten Jahrhundert des seit nunmehr bald vor dem Zeitraum einer Erwachsenenwerdung verflossenen Jahrtausends. Ist es nicht erschreckend-erstaunlich, wie rasch sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten die historisch denkende Alltagsmentalität verflüchtigt hat?

Dass arabische Immigranten nicht wissen, wie sehr es hier in Deutschland vor siebzig Jahren flächendeckend sogar trümmerhafter aussah als heutzutage in Syrien – geschenkt. Aber dass eine angehende Religionslehrerin ganz beglückt aus dem Häuschen gerät, als sie zu hören meint, das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ habe ein amerikanischer Bürgerrechtler gedichtet – und es, auf den feinen Unterschied einer Null hingewiesen, nicht weiter schlimm findet, dass der eine vor 500 und der andere vor 50 Jahren gewirkt hat, ihr quasi die Differenz von Martin Luther und Martin Luther King völlig egal ist … sind ja beide längst tot – also hier müsste vielleicht doch eine Abiturnachprüfung angesetzt werden, oder?

Andererseits hat die junge Dame etwas Richtiges gespürt: In Lutherliedern ist Musik drin! Die sagen einem „auch heute noch“ was. Jedem Lapsus liegt ein Zauber inne. Romantik pur. Eine PH hat doch auch ihr Gutes. In strikter PH-Neutralität von Geschichts- und Geschlechtslosigkeit wandeln also die Lehrpläne von Pädagogischen Hochschulen, heutzutage meist im Range von veritablen Universitäten, auf quasi politisch korrekten Wegen, zwar unhistorisch spintisierend und gendergerecht alles von gutem altem Herkommen terrorisierend: aber eben irgendwie doch die Absolvent*inn*en solcher Anstalten in Betroffenheit berührend. Das sollten wir bei allem zum Sarkasmus reizenden Nonsens denn doch nicht vergessen.

Bundesdeutsche Phantasie – gibt es die eigentlich? Zu mehr als zum „Verfassungspatriotismus“ hat es letztlich nie gereicht. Und unser gutes Grundgesetz hatte nur solange Ausstrahlungskraft, als es den Gegenentwurf zur wie auch immer gearteten Verfasstheit der „Deutschen Demokratischen Republik“ darstellte. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 hat sich vieles leider erledigt. Nicht, dass die neu hinzugekommenen Bürger daran irgendeine Schuld träfe, im Gegenteil! Die friedliche Revolution von 1989/90 hatte ja gerade das Ziel, den Inhalt der die Bonner Republik begründenden Ordnung auch für die eigene Lebenswelt fruchtbar zu machen. Und es war großartig, wie sie sich in diesem Bestreben von nichts und niemandem unterkriegen ließ!

Der Schwere des Abschüttelns von Stasi-Diktatur und fehlgeleitetem Wirtschaftssystem folgte leider jedoch nur eine kurze Phase idealistischer Schwebe – übrigens auf beiden Seiten von Mauer und Stacheldraht! Im strahlend schönen Sommer 1990 saßen wir vor Eckkneipen und in Biergärten unter dem hohen sternbeglänzten Himmel über Berlin, Wessis und Ossis treulich beieinander – was bisher „die Mode streng geteilt“ – , in studentischer Verzückung, hier und jetzt im historischen Bewusstsein, einen Zipfel des Mantels der Geschichte tatsächlich erhascht zu haben. Viel war von „Konföderation“ die Rede, auch davon, dass „alle“ „etwas einzubringen haben“, mit „ihren Biographien“ und Erfahrungen und so weiter und so fort.

Berliner Romantik, nunmehr nicht in den Salons einer Henriette Herz oder Rahel Varnhagen, sondern als Schlabberlook-Neuauflage in verwunschenen Abrisshinterhöfen im Prenzlauer Berg oder in den einschlägigen Lokalen in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Die vornehmere Fortsetzung der Debatten aus milden Sommernächten fand tagsüber auf dem Campus statt: je nachdem, wo man studierte, erörterten junge Leute die neue deutsche Frage in Dahlem, Zehlendorf oder in Mitte. Dass anderswo auch andere – entscheidungsstärkere – Personen über uns sprachen, nahmen wir kaum zur Kenntnis. Dass diese Herrschaften Bush, Gorbatschow, Mitterrand und Frau Thatcher hießen, die sich zu viert mit den zwei Deutschen Kohl und de Maizière trafen, störte niemanden unter uns daran, hochfliegende Gedanken etwa über die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus begeistert zu ventilieren.

Quasi una fantasia tedesca

Viel Gerede zum Mondscheintarif – am 1. Juli 1990 war das alles schlagartig vorbei: Die Deutsche Mark (West) wurde in der Noch-DDR als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt, und von Stund an lief alles seinen marktwirtschaftlichen Gang. Der fruchtbare wie weltfremde Gegensatz von PhantaSie und FantaDu war überwunden. Insbesondere für die Studenten der evangelischen Theologie, die immer besonders lautstark „sich einbringen“ wollten, war das eine harte Nuss. Der reizvolle weltbürgerlich anmutende Traum: ein Bundeskanzler Lafontaine hüben und vis-à-vis ein Ministerpräsident de Maizière drüben, zwei „Ar“s, nämlich Oskar und Lothar samt französischen Nachnamen: – war da bereits ausgeträumt.

Als „Chabis“ entlarvt, schweizerisch im übertragenen Sinne für „Unfug“, wortwörtlich aber: „Kohl“. Der blieb nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 denn auch Kanzler, ganz allein: Die DDR gab es da bereits seit zwei Monaten nicht mehr. Was uns „an der Basis“ seinerzeit noch nicht so klar war: Der Preis für die deutsche Einheit war die D-Mark. Da konnte Franz Beckenbauer im schönen Sommer zuvor noch den Pokal der Fußballweltmeisterschaft so freudig in den sternenklaren römischen Nachthimmel gereckt haben: Das eigentliche Symbol bundesdeutschen Erfolgs der Nachkriegszeit war schon längst dem Neid der kleineren Westalliierten geopfert. Eine Weichwährung namens Ecu/Euro brach sich Bahn und frisst sich ganz praktisch, also völlig theoriefrei, sprich: ungebremst bundesbanklos(!) spätestens seit 2002 unersättlich in unsere Ersparnisse hinein.

Damit sind wir beim schnöden Mammon angelangt. Geld regiert die Welt, je einheitlicher die Währung, desto gefahrvoller für den einzelnen Haushalt, wenn makroökonomisch etwas aus dem Ruder läuft. In der Napoleonischen Ära hatte man damit auch schon seine liebe Not. Deutsche Romantik hat seinerzeit mit ihren ganz eigenen Mitteln und Wegen ihr zugetane Menschen bei der Stange gehalten. Wer hingegen keinerlei Phantasie entwickelte, ging zugrunde. Aus genau dieser Situation heraus entstand in den 1810er Jahren ein frisches deutsches Nationalgefühl. Es war zunächst weder völkisch noch monetaristisch noch reaktionär ausgerichtet, sondern vorrangig auf die eigenen bisher unterdrückten kulturellen Traditionen bedacht. Nach der Abschüttelung französischer Kaiserdiktatur bemächtigten sich insbesondere die Studenten der klassischen freiheitlichen Ideale – bis wiederum die nunmehr einheimische, sprich Metternichsche Reaktion (spätestens 1819) unbarmherzig zuschlug.

So wurde die Vernunft gezwungenermaßen in einen Tiefschlaf versetzt, der so manches Ungeheuer hervortreten ließ. Als Schuldigen aber machte man seitdem gern samt und sonders die Romantik in toto aus, obwohl diese phantasievolle und also auch politisch in ihrem Selbstverständnis völlig ungebundene Geistesströmung alles andere als repressiv war. Eher ist – von heute aus – zu fragen, ob es nicht schließlich kaltherzige „Dialektik der Aufklärung“ war, die im gesamten zwanzigsten Jahrhundert zu den in Nachahmung der französischen „Terreur“ bösartig-raffiniert geplanten Massenmorden geführt hat.

Die innerdeutsche gegenwärtige Diskussion ums Selbstverständnis krankt daran, dass alle gegen alle reden und am Ende nur „Stalinisten“ auf der einen und „Nazis“ auf der anderen Seite übrigbleiben. Wer eigentlich die Mitte ausfüllt, bleibt nebulös. Das war mal anders. Noch bis in die Neunziger hinein repräsentierten schöne Tiefdruckbeilagen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Bilder und Zeiten“ oder die Feuilletons etlicher anderer überregionaler Blätter ein abwägendes und zugleich meinungsstarkes bürgerliches Kulturbewusstsein. Wenn ein Marcel Reich-Ranicki sich mit jemandem befehdete, dann schlugen die Streithähne wohl sprachlich bisweilen über die Stränge, aber das gehörte zum Spiel hinzu. Auch in anderen medialen Formaten wussten sich die an der Auseinandersetzung Beteiligten mit dem deutschen Bildungskanon grundsätzlich einig. Messer wurden nicht gezückt, man enthielt sich auch der Morde durch solche Bestecke. Gezielte Rotweinverschüttungen auf Lieblingsgegner waren die Ausnahme und fanden nur in ausgewählten Fernsehdiskussionen statt.

Unter solchen Vorzeichen war jahrzehntelang zumindest unterschwellig von der deutschen Wiedervereinigung die Rede. Es gab auch Institutionen, die während der gesamten Nachkriegszeit 1945 bis 1990 ohne jeglichen Verdruss Mauer und Stacheldraht ignorierten und gesamtdeutsch weiterarbeiteten: Es sei hier nur die Neue Bachgesellschaft von 1900 e.V. erwähnt. Musik, aber auch Sport und natürlich die gemeinsame Sprache verband vielfältig, wenn auch oftmals organisatorisch zwangsweise getrennt. Dass die Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft sich mit steigendem Wohlstand indes proportional dazu weniger für diese Dinge interessierte, ist allerdings nicht zu verschweigen. Unsere Lokalzeitung brachte nur alle vier Wochen eine Seite mit dem Titel „Blick ins andere Deutschland“. Im übrigen schien die deutsche Teilung fest zementiert. Mein Foto weiter oben von der Berliner Mauer am Brandenburger Tor datiert von 1983 – dass sich dort etwas ändern könnte, hätten wir uns damals in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Phantastische Fantasien müssen nicht zügellos sein. Was romantisch daherkommt, ist oftmals von der Faktur her nichts anderes als die Ausweitung dessen, was an Techniken kleinteilig bereits lange vorhanden war. Die Betitelung Quasi una fantasia bedeutet also keine sanktionierte Regellosigkeit; vielmehr wird ein motivischer Kern zur allgemeinen Maxime erhoben. Goldene Regel und Kategorischer Imperativ werden dem romantischen Impuls einverleibt – und so vor dem Einerlei der Tagesmeinung gerettet. Besonders Beethovens cis-moll-Klaviersonate, komponiert anno 1800, ist so gar nicht willkürlich, geschweige denn wirr oder nach Laune konzipiert. Im Gegenteil, sehr verlässlich bringen alle drei Sätze dieser seit dem neunzehnten Jahrhundert so genannten „Mondscheinsonate“ Motive und Melodien in schönster Regelmäßigkeit wieder und wieder. Dass dennoch gerade dieses Werk die Geister nicht ruhen, sondern höchst anregen lässt, liegt in der nachgerade genialen Verbindung von Schlichtheit und Aufruhr. Aus einem Lehrbuch oder Modul ließe sich für solch subversive Musik kein einziger Götterfunken herausschlagen. Man gut, dass die Romantik niemals schulbuchmäßig kroch, sondern grenzenlos frei dachte!

Beethoven hat sich als Fünfundzwanzigjähriger anno 1796 während einer von einem adligen Gönner ermöglichten Reise in Leipzig und in Berlin aufgehalten. Musikalische Studien in der Thomasschule der sächsischen Messestadt sowie Empfänge am Hof in der preußischen Hauptstadt ermöglichten ihm gründliche Studien, von Bach ausgehend. Zeit seines weiteren Lebens hat der später ertaubte Meister in seinen Kompositionen diese persönlich angeeigneten Überlieferungen einfließen lassen. Dabei ging er nicht als Kopist vor (wie man es, bei allem Respekt, Mozart in einigen seiner Stücke unterstellen könnte; er hatte 1789 ebenfalls eine Reise zu diesen Stätten mit dem gleichen Gönner unternommen), sondern als phantasievoller Schöpfer von schon beim ersten Hören erkennbaren Stücken des einzigen „Beethoven“.

Das vorhandene Material sich zueigen machen: Eine Frage von individueller Kunstfertigkeit! Das romantische Menschenbild setzt auf die eigene freie zu allem fähige starke Persönlichkeit. Jegliche Propaganda ist ihr fremd. Eine Ich-Welt trotzt jeder Art von Diktatur. Das Individuum ist die Keimzelle jeglicher Gesellschaftsordnung. Der international sich gerierende und im Ernstfall stalinistische Sozialismus hat das ebensowenig begriffen wie der in Deutschland zuvor wütende National-Sozialismus. Sofern sich diese Regime auf die Romantik beriefen, lagen sie schlicht und einfach falsch. Das muss betont werden zur Rehabilitation der zu Unrecht Angeklagten.

Deutsche Einheit – ein weites Feld. Handfeste Phantasien und klingende Fantasien bilden ja vielleicht die Grundlage dafür, dass bei uns das Denken in bildender Kunst, in gesprochenem und geschriebenem Wort, in auskomponiertem Klang nicht ausstirbt. Mit Ph oder nur mit F. Also diesen unbescheidenen Wunsch hätte ich dann doch, auch am achtundzwanzigsten Jahrestag der 1990er Deutschen Einheit.

Kohls Übergriffe auf mein Leben

Dreimal hat Dr. Helmut Kohl, der nun mit 87 Jahren verstarb, in mein Leben eingegriffen. Das finde ich im nachhinein noch erstaunlich und durchaus bedenkenswert; denn sein Einfluss auf mich war rein medialer Natur. Das Fernsehen gebiert Ungeheuer, manches Ondit trat hinzu – und das sage ich gerade wegen der lateinischen Sentenz De mortuis nil nisi bene – das letzte Wort ist kein substantiviertes Adjektiv, das einzelne liebreizende Dinge meinen könnte, sondern ein Adverb, so dass der Satz nicht etwa übersetzt lautet: „Über die Toten nur Gutes“ (das wäre: bonum), sondern: „Über die Toten nur gut“, im Sinne von: insgesamt richtig, angemessen, ordentlich. Der Spruch ist also gerade keine Einladung zu anekdotenhafter, doch ansonsten substanzloser Lobhudelei, sondern eine sowohl Inhalt als auch Form umfassende Mahnung, bei der Wahrheit zu bleiben.

Es steht mir nicht zu, das gewaltige weltgeschichtliche Lebenswerk dieses Mannes zu beurteilen – dafür haben wir „in diesem unserem Lande“ Heerscharen von bestallten und/oder berufenen Journalisten sowie solchen, die es werden wollen oder doch zumindest gern wären. Die ziehen jetzt ihre vorbereiteten Lebensläufe aus den Schubladen, bringen sie auf den letzten Stand und veröffentlichen sie ansprechend kommentiert. Manche Irrtümer findet man da fortgeschrieben, und sei es in Form von despektierlichen Witzen, über die seinerzeit Pennäler von meinem Schlage lachen konnten, z.B. diesen hier: Präsident Reagan, Premierministerin Thatcher und Bundeskanzler Kohl treffen verspätet in Moskau ein. Sie werden vom der englischen Sprache mächtigen Staats- und Parteichef Gorbatschow empfangen, und eine Person nach der anderen entschuldigt sich: Reagan: „I’m sorry“ – Thatcher: „I’m sorry, too“ – Kohl: „I’m sorry, three“ …

Als „Birne“ (Titanic), tolpatschig, linkisch, ungehobelt und eben auch fremdsprachenfrei wurde der Kanzler in den mittleren Achtzigern von seinen Gegnern ins Lächerliche gezogen, und wir freuten uns wie Bolle, mittenmang dabei sozusagen. Den „schwarzen Riesen“ doof zu finden war Kult, und wer dazugehören wollte, machte unbesehen mit. Meine heimlichen Sympathien galten höchstens dem vormaligen rheinlandpfälzischen Regenten in der Mainzer Staatskanzlei, der dort mit Beschallung durch Musik von Vivaldi oder Mozart in Wollsocken an Sandalen herrscherlichen Freuden frönte. Und Respekt zollte ich ihm, als er sein schönes bequemes Ministerpräsidentenamt verließ, nachdem er als Kanzlerkandidat die Bundestagswahl 1976 zwar verloren, aber beachtliche 48% für seine Union geholt hatte und hernach im Bonner Parlament als Oppositionsführer eine neue Rolle fand, um von dort seinen Einfluss beharrlich auszubauen, FJS 1980 zum Trotz.

„Er kann es nicht“, sagte Franz Josef Strauß (der nach eigenen Worten lieber Ananaszüchter in Alaska geworden wäre denn Aspirant fürs Bundeskanzleramt) über seinen vorgeblichen „Männerfreund“. Dieser letztere ließ es sich nicht verdrießen und gab dem bayrischen Ministerpräsidenten die (aussichtslose) Chance zum Griff auf den mächtigsten Posten, den diese Republik zu vergeben hat. NB: Ebenso großzügig ließ Frau Merkel den Bayern-MP Stoiber anno 2002 abschmieren. Drei Jahre später war sie Kanzlerin. Zwei Jahre nach der Stoppt-Strauß-Wahl, also 1982, war die in einem bisher nicht inkriminierten Facebook-Beitrag so bezeichnete „Birne meiner Jugend“ am Ziel aller Träume.

Kohl nahm mir „meinen“ Kanzler

Vor dem Fernseher, 1. Oktober 1982. Bundestagsdebatten per Rundfunkapparat oder TV-Gerät zu verfolgen war in jener Zeit unter Normalbürgern eine weitverbreitete Tätigkeit, bei der kritisches und geduldiges Zuhören eingeübt werden konnte, ohne dass der Unterhaltungsfaktor außenvorbleiben musste. Als Klassiker galten die Rededuelle zwischen Bundeskanzler Schmidt und CSU-Vorsitzendem Srauß, vom brummeligen SPD-Solisten Wehner („Sie Diffeldoffel, Sie“) oder der feinen F.D.P. -Dame Hamm-Brücher gar nicht erst zu reden. Einen schweren rhetorischen Stand hingegen hatte CDU-Chef Kohl; wir bemitleideten ihn wegen seines angelernt wirkenden unschuldbeteuernden Augenaufschlags hinter der biederen Kassenbrille und seiner langweiligen Art insgesamt.

Noch am Tag des konstruktiven Misstrauensvotums sollen F.D.P. -Abgeordnete bei der CDU/CSU-Fraktion angefragt haben, ob man nicht eine andere Person als Schmidt-Nachfolger benennen könne … Aber an dem Machtmenschen aus Oggersheim führte nun, nach bereits neun Jahren Parteivorsitz und seinem guten Abschneiden bei der Wahl ’76 kein Weg mehr vorbei. Ich kauerte mich in eine Sofaecke, wie betäubt allein von der bloßen Vorstellung, am Abend dieses Fernsehtages keinen Kanzler Schmidt mehr zu haben. Allzu lebendig stand mir noch das Foto vom tränenüberströmten Willy Brandt im Mai 1974 vor dem erinnernden Auge: nach den Intriguen von Onkel Herbert und dessen in Moskau geäußertem Satz, der Kanzler bade gern lau, war die Enttarnung des Beraters Guillaume als DDR-Spion nur der letzte Anlass gewesen, die Spitze im Palais Schaumburg auszutauschen. Und jetzt, gut acht Jahre später, sollte ich erneut umlernen und mich umstellen müssen?

Mir wollte nicht einleuchten, was man gegen den energischen, sprachgewandten, sachorientierten, scharfsinnigen und zugleich musischen Abgeordneten „Schmidt-Bergedorf“ in seiner weltweit angesehenen Regierungsführung ernsthaft einwenden könnte. Im direkten Gegensatz zu ihm wirkte Kohl eigentümlich tumb, kolossal-unbeholfen … – aber eben auch verschlagen, unberechenbar trotz oder gerade wegen dieses notorischen äuglichen Plinkerns. Junge feingliedrige Menschen empfanden diese massige barocke Erscheinung als Zumutung mit Tendenz zur Bedrohung. Mit solch einem Typen allein in einem Raum würde man selbst völlig wehrlos an die Wand gedrückt werden … dachte ich so bei mir. NB: Die letzte Audienz, die er seinem an den Rollstuhl gefesselten Nachfolger im Parteivorsitz gewährte – es ging um die Parteispendenaffaire – , endete so (glaubt man Augenzeugen): Schäuble konnte aus eigener Kraft die Ausgangstür nicht öffnen, und Kohl, der einfach hinter seinem Schreibtisch sitzen blieb, half ihm nicht. Mehr Demütigung ist kaum vorstellbar.

An jenem Herbsttag in Bundeshaus zu Bonn am Rhein wurde dann in der Tat Helmut Kohl, wie allgemein erwartet, zum Kanzler gewählt. Helmut Schmidt gehörte zu den ersten Gratulanten, mit knappem Handschlag und strähnenweise heruntergefallener Haartolle, derangiert und erschöpft wirkend. Aber nicht die Spur einer Träne: Bis zuletzt ganz das Gegenteil vom Star der „Willy-Wahl“ 1972, der nur zwei Jahre später so tief fiel … Nun also der andere vom „doppelten Helmut“ (wie es im Blick auf den 1976er Bundestagswahlkampf der Stern formuliert hatte) – und, so ergänze ich, die andere der doppelten Hannelore. Mehr als die Namensgleichheit der sich ablösenden Kanzlerehepaare schien es an Gemeinsamkeiten aber nicht zu geben. Ab nun warteten wir gespannt darauf, was die in Aussicht gestellte „geistig-moralische Wende“ denn inhaltlich bieten würde.

Das böse Wort von der „Wenderegierung“ traf in erster Linie die Partei mit den drei Pünktchen, die ja hauptverantwortlich zeichnete für Schmidts Sturz. Genscher, Mischnick und Lambsdorff traf unser innerer Bannstrahl, aber es half ja nichts, diese Politiker waren bald wieder obenauf und bekleideten Regierungsämter wie zu Zeiten der sozialliberalen Koalition. „Ich stimme so ab wie die Mehrheit“ , das schien das Motto der F.D.P. zu sein, und mir fiel die Anekdote ein von Bundeskanzler Brandt, als er in Moskau mit feinem auftrumpfendem Lächeln eine Spitze setzen will und nach irgendeinem Vertragsabschluss darauf hinweist, diese jetzt paraphierte Vereinbarung müsse nun demnächst noch vom heimischen Bundestag demokratisch abgesegnet werden; „denn bei uns entscheidet ja die Mehrheit“ – Breschnew darauf zu Brandt: „Bei Ihnen, da regieren fünf Prozent!“

Kohl verhinderte meine Teilnahme an einer Bundestagswahl

Zeitungen, Radio und Fernsehen, Mitte Dezember 1982 bis Anfang März 1983. Noch immer schäume ich, wenn die Rede auf den 6. März 1983 kommt, jenen Tag, den Kohl sich ausersehen hatte für vorgezogene Neuwahlen zum Deutschen Bundestag. Dafür bediente er sich des Instruments der Vertrauensfrage, in der Absicht, dass sie von einer Mehrheit der Parlamentarier nicht positiv beschieden würde. So votierten also jene Abgeordneten, die zweieinhalb Monate zuvor Kohl gewählt hatten, nunmehr zunmindest nicht für den eigenen Kanzler – indem sie sich nämlich der Stimme enthielten in der Hoffnung auf ein insgesamt satteres Wahlergebnis für die neue Regierungskoalition aus CDU/CSU und F.D.P. – Bundespräsident Karl Carstens spielte bei diesem fadenscheinigen Manöver mit, löste kohlwunschgemäß den Bundestag auf und machte damit den Weg für die vorgezogenen Neuwahlen am besagten Märzsonntag frei.

Erst mit dieser Entscheidung kam mir eine Episode aus der Fernsehberichterstattung am Abend der Wahl 1980 wieder in Erinnerung: Franz Josef Strauß hatte sich vor Lachen kaum halten können, und diese Fröhlichkeit des Verlierers irritierte damals außerordentlich. Aber gleichzeitig war der F.D.P. -Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher gefragt worden, ob er tatsächlich eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition über vier weitere Jahre garantieren könne, woraufhin er seeeehr zögerlich und leise sich die Antwort spürbar abrang, sinngemäß: „Das hab ich doch gesagt“ … Und wie rot waren da die abstehenden ihm eigenen Außenministerohren geworden!

Nun also, zur Jahreswende 1982/83, war klar, dass ich nicht wählen durfte! Am regulären Bundestagswahltermin im Herbst 1984 wäre ich locker achtzehn Jahre alt gewesen, aber eben nicht im Frühjahr 1983! Alle in meiner Schulklasse und im Freundeskreis waren zutiefst empört. Wir konnten machen, was wir wollten, es würde uns nichts bringen. Der neue Kanzler ließ uns völlig hilflos zurück, und in ohnmächtiger Wut sprachen wir fortan sehr forciert erst recht nur noch von „Birne“ und spotteten über die „geistig-moralische Wende“ , wie sie vor Ort in Gestalt der neuen „Popper“ -Mode Einfluss gewann: „Was lacoste die Welt?“ – Später wurde dann auch noch das Privatfernsehen eingeführt. Hätten wir am 6. März 1983 mitwählen dürfen, wäre natürlich alles ganz anders ausgegangen, na klar!

Niemand kann deshalb meiner Generation den Vorwurf machen, sie habe Kohl von vornherein keine Chance gegeben. Im Gegenteil, er hatte doch uns, aufstrebende interessierte potentielle Erstwähler, verschmäht! Bei der ersten Bundestagswahl, die ich tatsächlich dann mitmachen durfte, im Januar 1987, wählte ich den Abgeordnetenkandidaten der Kanzlerpartei also bewusst nicht. Ein feuchtäugiger Kohl und ein entsprechend (?) feuchtfröhlicher Strauß waren an jenem denkwürdigen Wahlabend fernsehweise zu besichtigen …

Der Groll wirkte weiter. Das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ etwa rief Spott hervor. Wir 83er-Betrogenen wollten einfach nichts Berechtigtes an diesem Ausspruch finden, ignorierten fleißig frühere Voten des CDU-Vorsitzenden, zum Beispiel seine Einlassung in der Wahlkampfsendung von 1980, in der er, gegen Kanzler Schmidt gewandt, auf den eigenen Bruder verwies, der im Krieg gefallen war. Dieses Ereignis hatte Kohl derart verinnerlicht, dass es ihm Ansporn geworden war, jeden Schlagbaum in Europa niederzureißen und jede nur irgendwo drohende militärische Eskalation mit den Mitteln der Diplomatie und der Wirtschaft im Keim schon zu ersticken.

Kohl und Schmidt waren hier im Grunde einer Meinung: trotz biographisch bedingter Unterschiede, die ja vor allem die Geburtsjahre betraf: 1930 Ludwigshafen, aber 1918 Hamburg. Dieser Helmut musste in den Krieg, jener Helmut knapp nicht mehr. Die derzeitige Bundesverteidigungsministerin sollte sich das einmal zu Gemüte führen, anstatt, wenn sie nicht gerade abgerundete Ecken bei Panzern einfordert, Fotos von notgedrungen Wehrmachtsangehörigen abzuhängen. Was bildet die sich eigentlich ein?

Wie gesagt, statt genau hinzuhören ziehen wir den Kanzler der Geschichtsklitterung und machten uns auch sonst lustig über sein abtrainiertes Pfälzisch, das dann zu solch irren phonetischen Phänomenen wie dem Begriff „Gechichte“ führte, die „hochdeutsch“ gemeinte Alternative zur saumagenkompatiblen „Geschischte“ …

Kohl missachtete die Konfession seiner Ehefrau und somit meine

Venezia, Palazzo Ducale, August 2002. Eben noch waren wir, Teilnehmer einer deutschsprachigen Führung durch den Dogenpalast, voller Verachtung am Denunziantenbriefkasten vorbeigegangen, da kamen wir landsmannschaftlich übergreifend ins Gespräch; denn in der Gruppe waren einige aus Ludwigshafen, und es stellte sich überdies heraus, dass es sich um Glieder einer evangelischen Kirchengemeinde handelte, die da unterwegs waren. Nun dauerte es nicht lange, dass die Rede auf ein Datum gut ein Jahr zuvor kam, nämlich den 11. Juli 2001. Da hatte die Trauerfeier für Hannelore Kohl geb. Renner stattgefunden, an keinem geringeren Ort als im Kaiserdom zu Speyer. So kochte der Ärger mitten im Dogenpalast zu Venedig wieder hoch, in deutlicher Erinnerung an seinerzeit gedruckte Schlagzeilen wie diese: „Katholische Totenmesse für eine Protestantin“ …

Statt für hätte es sachlich richtiger wohl gegen heißen müssen. Doch das für die Ehegattin des früheren Bundeskanzlers zuständige evangelische Pfarramt hatte keine Chance, den Gottesdienst liturgisch oder homiletisch zumindest mitzugestalten. Die Familie Kohl setzte sich auf ganzer Linie durch und ließ der gebürtigen Berlin-Schönebergerin und aufgewachsenen Leipzigerin ein römisch-rheinisches Requiem zelebrieren, so, als sei dies völlig selbstverständlich beziehungsweise „alternativlos“ . Eine neuerliche öffentliche Protestation von Speyer wie weiland auf dem Reichstag anno 1529 blieb aus, die Gemeinde aus der „Protestantischen Kirche der Pfalz“ litt still und nur auf Anfrage laut – dazu musste unsereiner erst ins Machtzentrum einer verflossenen Seerepublik reisen: Mille grazie alla Serenissima!

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Übrigens: Wo Kaiser Konrad und Kaiserin Gisela ruhen, kam Hannelore selbstredend nicht hin – und auch Helmut wird, wenn ein Stockwerk höher das Auferstehungsamt beendet ist, mitnichten sein Grab in der Krypta finden. Bei den verblichenen Herren des Domkapitels soll er hingebettet werden. Genug weit weg vom Kohlschen Familiengrab in Ludwigshafen, wo nun Eltern und deren Schwiegertochter einigermaßen endgültig ohne den berühmten Sohn auskommen müssen. Derweil zanken sich dessen Nachkommen mit der etwa gleichaltrigen Stiefmutter, und irgendwie ist man als schlichter westdeutsch und gesamteuropäisch denkender Durchschnittsbürger  mit einemmale nicht ganz unglücklich darüber, mit solchen Streithanseln keinen näheren Kontakt gehabt zu haben.

Kohl hatte auch gute Seiten

De mortuis … Das Beste an Kohl war seine Fähigkeit, alles Unangenehme „auszusitzen“. Darob ist er heftig gescholten worden; aber wer je eine auch nur kleine politische Rolle eingenommen hat, weil er in ein übergeordnetes Amt gewählt wurde, weiß, wie nötig es manchmal ist, sich nicht aufscheuchen zu lassen im Namen eines noch so heftig eingeforderten immerwährenden Aktionismus. Die damals Ende November 1989 durch Hannelore in ihre Reiseschreibmaschine getippten „Zehn Punkte“ für die Schaffung einer deutsch-deutschen Konföderation wurden von Kohls Gegnern derart auseinandergenommen und wütend bekämpft, dass man im nachhinein eigentlich nur bewundernd dasteht und sagen muss: Da begann er, erratisch, wie so oft, die deutsche Einheit mit Umsicht und taktischem Geschick und sanfter wiewohl entschiedener Diplomatie meisterhaft zu organisieren.

Dass im Nachgang zur Währungsunion zum 1. Juli 1990 mit dem viel zu günstigen Umtauschmodus für das DDR-Geld ein Bundesbankpräsident zurücktrat, wurde wenig später kompensiert durch die Konstruktion einer „Europäischen Zentralbank“ nach bundesdeutschem Muster und auch mit Sitz in Frankfurt am Main. Allerdings verhallte das damit gegebene Signal ungehört: Die meisten der bisherigen EZB-Präsidenten stammen aus ehemaligen Weichwährungsländern (Frankreich, Italien), und dementsprechend sieht die Geldpolitik heutzutage aus. Das ist beileibe nicht Kohl anzulasten – zu kritisieren ist er allerdings an dem Punkt, dass er im „Euro“ ein Allheilmittel gesehen hat, gesamteuropäischen wie bundesdeutschen Interessen gleichermaßen entsprechen zu können.

Mit niedrigeren Beweggründen südeuropäischer Staatsbanken hat er seinerzeit nicht rechnen wollen und können. Schlagbäume zu beseitigen, wo auch immer, also ganz idealistisch, war sein unermüdliches Anliegen. In seiner Sicht der Dinge hat er hier die Chance zur Überwindung des Eisernen Vorhangs als Dienst am sich vereinigenden Europa wahrgenommen und in verblüffendem Tatendrang durchgesetzt. Der „Birne“-Spott verstummte zu Recht, die Fragen indes, welche offene Grenzen und „europäische“ Geldflutungsaktionen heutzutage aufwerfen, sind drängender denn je und harren nicht etwa geschickten Aussitzens, sondern entschlossenen Handelns.

Kohl konnte ja bisweilen aus der Haut fahren – gegen einen einzelnen Eierwerfer bei einer Wahlkampfveranstaltung in Halle an der Saale nahm er höchstpersönlich die Verfolgungsjagd auf und wurde nur mühsam durch seine eigenen Personenschützer gestoppt: daraus entstand umgehend das ironische Plakat „Aufeinander zugehen“ … Jede in „linken“ Kreisen darüber geäußerte Abfälligkeit gerät indes zur Hybris, wenn verkannt wird, wie im Grunde menschlich der „Kanzler der Einheit“ da agierte. Jedenfalls wüsste ich derzeit niemanden von den jetzigen aktiven Politikern zu benennen, der die nötigen „Eier“ hätte, für seine eigenen gesellschaftlichen Ziele derart umfassend und ohne gesteigerte Rücksicht auf Sicherheitsbedenken urtümlich einzustehen. In solchen Momenten waren Kohl Übergriffe durchaus positiv: lehrreich und vorbildlich.

Abbildung: Krypta im Dom zu Speyer; nach der Vorlage einer Ansichtskarte aus den frühen achtziger Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verplapperte Wahrheiten

„Meine Bank hat Beine“ – schon verloren, diese Runde: gelaufen, alles perdu. So schnell ging dieses Spiel mitunter, und geistreich blieb es dennoch immer. „Mein Teekesselchen gibt Zinsen“, sagte der eine. „Meins dient der zwischenzeitlichen Ruhe“, sekundierte die andere. Und die übrigen mussten erraten, welch ein doppeldeutiger Begriff hier nun gemeint sei. Oberste Regel war also, durch Verschweigen des entscheidenden Wortes den Reiz zu steigern, je länger, desto besser für die sich stetig hochschraubende Dramatik. Vorherige Absprachen im Verborgenen in bezug auf das zu entschlüsselnde Synonym, dann die wohlüberlegte zunächst schön schwergängige, Spannung erzeugende Präsentation in verteilten Rollen – und, wenn es eben gutging, das große erlösende Aha-Erlebnis bei schließlichem zutreffenden Benennen durch ein Gruppenmitglied: Rätselmachen, Versteckspielen, Geheimtun, Entdeckerfreude, Bildungszuwachs: Vielschichtigkeit konnte solcherart heiter belebend sein. Eigener momentaner Ärger im Fall von unbeabsichtigter vorzeitiger, also: ver-sprochener Offenlegung wich einem fröhlichen Lachen ob der eigenen Ungeschicklichkeit. Am Ende waren alle ein Stückchen weiser geworden.

Wer zuerst die richtige Lösung gefunden hatte, durfte sich einen Partner aussuchen und mit ihm die nächste Partie bestreiten, beginnend, wie üblich, tête-à-tête, im Flüsterton hinter einem Baum, dann in front of all, nachdem man den Rückstand zur unterdessen weitergezogenen Ausflugsgesellschaft eiligen Schrittes überwunden hatte. So wurden endlos anmutende Wanderungen in größerer Gemeinschaft zweckfrei und zugleich gewinnbringend selbst dann zu unvergesslichen Erlebnissen, wenn die Landschaft öde war, das Wetter regnerisch und der Weg noch lang. Die spielerisch durch eigenständig gesetzte allseits anerkannte Regeln eingehegte Bildungskraft gesprochener Sprache trug einen unterhaltsam durch den Tag. Allerdings ging das nur, wenn alle sich auf etwa gleichem kulturellem Stand bewegten. Neider hätten einen gewissen elitären Dunst wahrnehmen können, am besten vielleicht einzudämmen, indem man solche Vergnügungen gleich radikal verbieten würde. Gehobene Doppelbödigkeit macht sich seit jeher verdächtig bei denjenigen, die da nicht mithalten, aus welchen Gründen auch immer.

Teekesselchen ziehen also womöglich Diktaturen nach sich – wenn man nicht aufpasst. Aber wo fängt das an, wo hört das auf? Ab welchem Augenblick werden harmlose fröhliche phantasierende Wandervögel zu subversiven Elementen, für die sich Big Brother interessiert? Wo verläuft die sogenannte „rote Linie“, wenn sich völlig offensichtlich jemand heutigem Neusprech entzieht und dem Mainstream eine lange Nase zeigt? Oder liegt die Perfidität unserer Zeit gerade darin, dass die Existenz klarer Grenzen offiziell in Abrede gestellt wird und aller Aufruhr folglich ins Leere laufen muss? Was aber ist überhaupt so revolutionär an kleinen geselligen Rätselfragen? Und wo gibt es denn überhaupt noch nennenswerte Ausflüge in die freie Natur? Sind sie nicht heutzutage eher rosarotgefärbte Fiktion? „Naherholungsgebiete“ und „Freizeitparks“ in unseren Breiten lassen darauf schließen, dass viel Ursprüngliches sich verflüchtigt hat und nurmehr als romantisches Konstrukt irgendwo-nirgendwo herumwabert.

Ein Teekesselchen sui generis, von musikalischer Provenienz, ergibt sich aus einer verblüffenden Erkenntnis, die mir persönlich eines schönen Tages zuteil wurde und mich ausrufen ließ: „Beethovens Zehnte ist gar nicht von Brahms“. Alle meine mich gerade umgebenden Freunde reagierten höchst erstaunt, ja wie vom Blitz getroffen, und manch einem schien eine ganze Welt zusammenzubrechen. Aber in Wirklichkeit bediente ich mich nur eines Tricks – der jedoch in mündlicher Konversation nicht weiter auffiel: Denn wer spricht schon Anführungszeichen mit, wenn es sich eher um eine lockere Plauderrunde und weniger um einen wissenschaftlichen Vortrag handelt? Restlos durchgehaltene Genauigkeit des in Rede stehenden Phänomens hätte nämlich unterschieden in „Beethovens Zehnte“ und Beethovens Zehnte, frei nach dem Motto: Zeigt her eure Gänsefüßchen, zeigt her eure Schuh‘ …

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Mit den Tüttelchen beehrt man seit einem Bonmot des Dirigenten Hans von Bülow die erste Symphonie von Johannes Brahms, unter anderem deshalb, weil in deren letztem Satz das Hauptthema auf irritierende Weise dem entsprechenden – zuletzt mit Chor – aus Beethovens Neunter ähnelt. Die normale Schreibweise indes bezieht sich auf Fragmente zu einem Werk in Es-Dur, im Mittelteil changierend nach c-moll (der Grundtonart von Brahms‘ Erster),  das der Meister aus Bonn und freie Künstler im seinerseits ungeliebten Wien wohl, wäre es fertiggeworden, als die symphonische Nummer Zehn herausgebracht hätte. Im Jahr 1988 hat der englische Musikwissenschaftler Barry Cooper aus den Skizzen einen sinfonischen Satz diviniert und rekonstruiert. Es gibt also ein Leben nach der Neun, und diese Realität, beizeiten erfasst, hätte manch Überhöhung und Mystifizierung im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte unterbunden.

Wer sich die bloße Anzahl sozusagen kanonisierter Sinfonien bei den seit rund zweihundertfünfzig Jahren stilbildenden Komponisten vor Augen führt, zählt folgendes: Joseph Haydn: 104; Wolfgang Amadé Mozart: 51; Franz Schubert: 8 (oder doch 9?); Felix Mendelssohn-Bartholdy: 5 (plus 13 Streichersinfonien); Robert Schumann: 4; Anton Bruckner: 9 (allerdings noch zwei zu Lebzeiten unveröffentlichte Werke, eine „Nullte“ und sogar eine „Nullnullte“); Johannes Brahms: 4; Gustav Mahler: 9 (oder doch 10?); Dimitri Schostakowitsch: 15. Erst bei dem russischen Meister aus dem 20. Jahrhundert ist der von vielen bis dahin selbstauferlegte, völlig unkritisch für sakrosankt gehaltene Beethovensche Bann endgültig eindeutig gebrochen! – Der Mythos von „Beethovens Zehnter“ konnte also nur entstehen, weil irgendwelche Neunmalklugen nicht wussten, dass es tatsächlich eine Zehnte Symphonie von Beethoven zumindest ansatzweise gab! In solch einer Kenntnisfülle wäre ein Brahmswerk nie mit entsprechendem Zusatz geadelt worden. Allerdings: Hätten dem Ahnherrn unserer derzeitigen „Europahymne“ noch weitere irdisch-taube-geistig-hellhörige Jahre zugestanden, um seine Skizzen vollumfänglich auszuarbeiten, so wären wir zwar um ein musikalisches Event reicher, aber auch um ein Teekesselchen ärmer.

Aufmerksamen Zeitgenoss*inn*en (hallo, liebe Genderdiktator*inn*en!) wird nicht entgangen sein, dass ich die Formen „Symphonie“ und „Sinfonie“ nebeneinander gebrauche. Schon die gleichsam hiatische Kluft zwischen m und n macht es unmöglich, hieraus ein unschuldiges Spielchen für heitere Ausflugsgesellschaften, gewissermaßen mit Köpfchen, zu bilden. Griechische Leidenschaft („ümpf“) und italienische Leichtigkeit („inf“) entwachsen jedoch einer gemeinsamen semantischen Wurzel: sym und sin stehen, mit phonia beziehungsweise fonia verbunden, für faktischen „Zusammenklang“. Bei Beethoven gern griechisch-pathetisch, bei anderen lieber latino-leggieramente. Das hängt nicht zuletzt von jeweiligen Moden und verlegerischen Interessen ab. Eine Eroica konnte eher als „Symphonie“ verkauft werden als beispielsweise eine Haydn-„Sinfonie“ mit dem von wes Hand auch immer hinzugesetzten Titel „Das Huhn“. Womit ich beileibe nichts, aber auch wirklich gar nichts gegen den Schöpfer der Melodie unseres heutigen Deutschlandliedes oder seiner so beklemmend prophetischen „Vorstellung des Chaos“ gesagt haben will. Im Gegenteil, ich bin immer noch ungehalten darüber, dass es die Deutsche Post vor sieben Jahren verabsäumt hat, eine Briefmarke zum Gedenken an den zweihundertsten Sterbetag dieses Giganten der abendländischen Musik herauszubringen. Dass ich dennoch weiterhin meinen philatelistischen Liebhabereien nachgehe,so, als sei damals nichts geschehen – obwohl eben etwas hätte geschehen müssen -, ist (finde ich, ganz unbescheiden) ein keinesfalls zu unterschätzendes kleines blaues (Mauritius)-Wunder.

Lassen wir die symph/sinf*onische Dreiheit von Hiat, Haydn und Huhn nun einmal „so stehen“ (im Klartext: Wimmeln wir ein lästiges Problem einfach ab und sagen zwar nicht, denken aber doch: Basta!) und widmen uns wieder der Erniedrigung von h, also: b! Da fehlt bisher noch ein dritter einsilbiger stabreimtauglicher Begriff, nach „Bank“ und „Brahms“ … : „Bonn“ – wobei ich darauf über den B-Namen „Boateng“ gekommen bin. Das ist jetzt allerdings erklärungsbedürftig und nur schwerlich in Verbindung zu bringen mit der heiteren Welt freundlicher Teekesselchen, dafür aber gänsefüßchenbewehrt bis in hermeneutisch dunkelste Abgründe hinein. Es geht ums richtige Zitieren im geschriebenen, gedruckten und gesprochenen Wort. Was jemand gesagt, aber nicht gemeint hat – gesagt und gemeint haben will – nicht gesagt, jedoch gemeint hat – oder gerade durch das Gesagte nicht gemeint haben will / kann / sollte … Kurzum, ich sah mich, als der stellvertetende Vorsitzende einer relativ neuen lauten Partei letztens etwas zu dunkelhäutigen Nachbarn angeblich gesagt hatte, an den Wirbel erinnert, der im November des gleichen Jahres, da Beethovens Zehnte uraufgeführt wurde, also 1988, durch eine Rede des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger entfacht worden war.

Der protokollarisch zweite Mann im Staate musste von seinem Amt zurücktreten, weil ihm vorgeworfen wurde, er habe die Pogrome vom 9. November 1938, „Reichskristallnacht“ genannt, in einer Art und Weise zur Sprache gebracht, dass Verständnis hätte aufkommen können für diejenigen, die wegschauten, als Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und deren Fensterfronten zerstört wurden; als überall mitten in Deutschland die offensive Verfolgung und Auslöschung der Juden begann; als sich die Machthaber als unumschränkte willkürliche Herrscher eines fest im Sattel sitzenden régime de la Terreur demaskierten, ohne dass noch etwas dagegen unternommen werden konnte. Wie es dazu gekommen war? Durch die Behebung vieler existenzieller Nöte bei der Mehrheit der Deutschen seit der „Machtergreifung“ Ende Januar 1933. Die furchtbaren Folgen der Weltwirtschaftskrise waren doch bewältigt und überwunden. Den Bürgern ging es besser als noch fünf Jahre zuvor. Die nationalsozialistische Propaganda hatte im doppeldeutigen Sinne des Wortes „blendend“ alles im Griff. Der normale Mann auf der Straße war fasziniert von den atemberaubenden Errungenschaften der neuen gesellschaftlichen Ordnung. Selbstbewusstsein allerorten, da wollte niemand etwas wissen von Konzentrationslagern, in denen die politischen, kulturellen, religiösen und schließlich eben die völkischen Gegner verschwanden …

Solche und ähnliche Gedanken äußerte seinerzeit der Bundestagspräsident. Er setzte seinem Auditorium in beklemmender Weise die potentielle je eigene Verführbarkeit vor Augen und Ohren. Wie nämlich hätte man sich als kleinbürgerlicher Profiteur des Ende der dreißiger Jahre in Deutschland herrschenden Systems denn selber verhalten? Wären nicht so ziemlich alle dem Fascinosum verfallen? Viele Fragezeichen und zitatbedingte Anführungsstriche blieben zwar wegen mancher rhetorischer Ungeschicklichkeiten in actu unbemerkt: Aber war das wirklich gleich ein Grund, den noblen Herrn, der viel für die deutsch-israelische Versöhnung getan hatte, über die Klinge springen zu lassen? Wer Jenningers Rede im Abstand von nunmehr bald 28 Jahren wohlwollend bis neutral durchliest, kann die ganze Aufregung, trotz überbordendem „Historiker-Streit“ seit 1986, kaum nachvollziehen. Sogar Leute aus dem eher linken Spektrum konnte man seinerzeit raunen hören: „Der Mann hat doch recht.“

Im Blick auf Ernst Nolte und seinen Beitrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, der die feuilletonistische Auseinandersetzung der späten bundesdeutschen achtziger Jahre in Gang gesetzt hatte, ist womöglich eine Spur gefunden: Dieser Gelehrte hatte es gewagt, die Einzigartigkeit der Naziverbrechen aus dem Gang der Geschichte heraus zu erklären, gar in eine vage Parallele zu setzen mit den stalinistischen Gewaltexzessen und sowjetrussischen Kriegsambitionen – und so angeblich die Singularität von Auschwitz zu „relativieren“, wie das Verb für das Totschlagargument schon damals hieß (und was der Autor nie intendiert hatte). Unter solchen Vorzeichen etablierte sich eine bloß angemaßte, aber bis heute durchaus erfolgreich verfochtene Meinungsführerschaft über die Deutung von schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Und niemand Berufenes griff ein. Jeder Einwand wäre als nazigedankengutverdächtig gebrandmarkt worden. Genau daran krankt die öffentliche deutsche Debatte bis heute.

In den Achtzigern gab es kein vulgarisierendes „Netz“, und selbst das Privatfernsehen steckte noch in den Kinderschuhen. Wer etwas im öffentlichen Diskurs beitragen wollte, musste sich zusammennehmen und in durchaus grammatikalisch wie orthographisch einwandfreien prägnanten Sätzen seine Sache vortragen. Sprachliche und also gedankliche Disziplin waren da gefragt. Hätte damals jemand gesagt, ein schwarzer Schlagersänger sei überall beliebt, aber eine Negerfamilie in der Nachbarschaft würden viele Leute höchstwahrscheinlich missbilligen, dann wäre solch eine Behauptung als Beschreibung und Impuls fürs eigene Nachdenken ventiliert worden. Ob tatsächlich etwas an diesem Satz dran sein könne? Man hätte vielleicht empirische Studien herangezogen, um die geäußerte These zu verifizieren oder eben zu falsifizieren. Da wären alle an der Diskussion Interessierten in sich gegangen und hätten sich zunächst einmal selbst befragt, ob das womöglich stimmen könne. Jedenfalls hätte niemand dem Urheber solch einer Ausgangsthese „rechte Gesinnung“ oder gar „rassistische Einstellung“ untergeschoben. Und es wäre allerdings auch keine Zeitung auf die abenteuerliche Idee gekommen, etwa den Namen Roberto Blanco zu insinuieren und dann zu titeln, der sei nun diskriminiert worden.

So aber ist es in unseren späten Zehnerjahren mit Alexander Gauland und Jérôme Boateng passiert. Der ältere freundliche Herr weiß nicht, wie ihm geschieht – und der junge Fußballspieler, der bei „Tennis Borussia Berlin“ einst debütierte und derzeit dem Kader der deutschen Nationalmannschaft angehört, nimmt die ganze Sache freundlich gelassen. Der weiße Bildungsbürger hat eine Beobachtung geäußert, der farbige Sportler hat sie verstanden als Versuch einer Zustandsbeschreibung. So what? Skandalisiert hat diesen Vorgang erst die Sonntagszeitung der „Frankfurter Allgemeinen“, indem sie (bewusst intranitiv formuliert:) unterstellte und personalisierte. Hat der alte Bismarck doch – wenn auch sehr nachträglich – recht, so er die für solche Vorgänge verantwortlichen Mitglieder ihrer eigenen Zunft abschätzig „Journaille“ nannte? Die Presse als „vierte Gewalt“?

„Wenn der Teekessel pfeift …“ – aber es ist ungemütlich geworden im Land der Wandervögel, Werkmusiker und Weltverbesserer. Bänke und Banken, Brahms und Beethoven, Bonn und Boateng: Wo sind die übereinstimmenden großen Linien, die, wie in der Musik unseres 100-Jahres-Gedächtnis-Meisters Max Reger, alles mit allem verbinden? Vielleicht so: Sollten Banken keine Kredite mehr vergeben, kann niemand mehr eine Sitzbank stiften. Nur weil Brahms mit seiner „Ersten“ aus Beethovens Schatten heraustrat, ist dieses Werk nicht automatisch dessen „Zehnte“. Weil aber damals im Bonner Bundestag ein Guter – gegen Sitte und Anstand – seinen Abschied nehmen musste, ist das noch längst kein Grund, jetzt neuerlich jemandem, der Wahrheit sagt, übel nachzureden. Das mit den Teekesselchen sollten sich alle Beteiligten zwar noch einmal gründlich überlegen unter der Prämisse, je wissender man fortschreitet, desto weniger werden die Entsprechungen – aber allein damit ist es eben nicht getan: Relationen müssen her. Wer keinen Zusammenhang sehen will zwischen öffentlicher Sitzgelegenheit und Sponsorenfinanzierung oder symphonischen Seltenheiten Beethoven neun und Brahms eins selbander – der/die wird auch keine Beziehungen herstellen von Synagogenbränden damals und Selbstbeweihräucherungen öffentlicher Art jetzt.

Wer sagt denn eigentlich, dass unsere derzeitige Gesellschaft völlig immun sei gegen Verfolgungsgelüste, die, wie einst „die Juden“, jetzt andere Gruppierungen ins Visier nehmen könnten? Heutige Unzufriedenheiten sind vielfältig und jedenfalls groß. Wer jetzt gegen wen auch immer hetzt, muss sich in deutschen Gefilden leider am „Dritten Reich“ und an dessen Vorgeschichte messen lassen. Der sogenannte „Bäder-Antisemitismus“ etwa entstand ja bereits im neunzehnten Jahrhundert; manch ostfriesische Insel vermeldete stolz etliche Zeit vor der „Machtergreifung“, sie sei „judenfrei“. Auch die bekannte Kurzgeschichte von Elisabeth Langgässer über ein Hinweisschild „In diesem Kurort sind Juden unerwünscht“, veröffentlicht 1947, nimmt dieses Thema auf, ein Problem schon lange vor der Shoa. Warum soll dies alles „unvergleichlich“ sein?

Wäre nicht eher ein verbindender Gedanke zu heutigen brutalen Umtrieben nötig, um dem so verallgemeinernden Kesseltreiben gegen „Muslime“, „Terroristen“ oder auf der anderen Seite vermeintlichen „Nazis“ Einhalt zu gebieten? NOCH gibt es hier in Europa, so weit wir wissen, keine Straflager, wohin die genannten Personengruppen eingeliefert würden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es solche Orte in naher Zukunft geben könnte – weil das gewalttätige Verhalten vieler Menschen gegenüber „Minderheiten“ eben so ist, dass irgendwelche Maßnahmen zwingender Art wieder denkbar geworden sind. Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht wortwörtlich, aber strukturell durchaus. Wir müssen keine Angst vor Gaskammern haben, aber vielleicht eben doch vor Denkmustern, an deren Ende rohe kalte Vernichtung steht. Angesichts dessen soll man nichts vergleichen dürfen? Alle öffentliche Erziehung, die ein bundesdeutsch sozialisierter Mensch wie ich genossen hat, zielte doch gerade darauf ab, dass sich Zustände wie zwischen 1933 und 1945 nie und niemals wieder ereigneten.

Darum lasen wir brav „Andorra“ von Max Frisch und „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch. Wir verstanden Schillers „Wilhelm Tell“ aus dem – freilich nachgereichten und also naturgemäß sachfremden – weiteren deutschen Geschichtsverlauf, und Heinrich Manns „Untertan“ sollte natürlich auch auf dessen Folgen für das kommende Führerprinzip hin interpretiert werden. Andererseits: Brechts Zeile „Der Schoß ist fruchtbar noch / aus dem das kroch“, wäre völlig irrelevant, wenn wir Heutigen damit nichts anfangen dürften. Die Naziverbrechen waren einzigartig, weil ihr Nährboden ursprünglich nichts ahnen ließ von deren Folgen! Aber in der dann grausam ausgeführten Weise haben sie im Nachgang all jene Mahnungen nach sich gezogen, mit denen meine Generation aufwuchs. Soll das alles denn nichtig sein?  Eine „Einzigartigkeit“ kann doch immer nur festgestellt werden zum Behuf des Vergleichs. Anders gesagt: Wenn ich beim Attribut „unvergleichlich“ einfach stehenbleibe, dann schaffe ich erstens einen Mythos und ebne zweitens nolens-volens jenen Kräften die Bahn, die künftig, mit anderen Mitteln zwar, aber ebenso ausrottungswillig wie ehedem, heutigen als vermeintlich fremdgefährlich ermittelten Menschen an die Gurgel gehen wollen.

Das Ungeheuerliche erwächst langsam, aber entschieden – auch mit Hilfe unzähliger undurchschaubarer neuer Gesetze. Bemerkenswert ist, dass die einzige politische Partei, die sich immer uneingeschränkt für die Bürgerrechte eingesetzt hat, bei den letzten Bundes- und Landtagswahlen schlecht abschnitt. Von wacher Mündigkeit freier Wähler*inn*en kann mitnichten auch nur von ferne die Rede sein – und man sollte, statt vom „Wahlrecht mit sechzehn“ zu schwärmen, besser über eine Heraufsetzung des Wahlalters nachdenken. Niemand kommt da mit, und „plötzlich“ ist es zu spät. Die Diktatur gewinnt, noch ehe man nach Luft schnappen kann. Die Sündenböcke werden dann allerdings schon feststehen, wahlweise als liberal, schwul oder gar religiös beschimpft. Soll wirklich erst zugewartet werden, bis so etwas nicht etwa eintritt, sondern unumkehrbar eingetreten ist? „Wehret den Anfängen“ heißt heutigentags doch wohl, die politische Gegenmeinung des als noch so doof oder einfältig empfundenen Nachbarn zu beherzigen, die muslimische Familie von nebenan in ihrem Begehen des Fastenmonats zu achten oder über den Kirchgang des alleinstehenden Mannes von gegenüber nicht zu spotten. Wer überall nur Trolle, Talibane oder Terroristen am Wirken sieht, wird am Ende selbst zu einer trolligen Figur, einem talibanischen Eiferer und einem terroristischen Unmenschen. Das Gegenteil von Gut ist hier wie da immer wieder : Gutgemeint.

Macht den Banken Beine! Lasst Brahms zum Zehnkampf zu! Hört auf, Bonn entweder einseitig zu beschimpfen oder naiv rückverklärend über den grünen Klee zu loben! Boateng und Beethoven gehören auch nicht einfach auf die Bank oder sonst ein Abstellgleis. Der Saisonbeginn für allgemeinen Sommerurlaub und europäischen Fußball stünde andernfalls womöglich in der Gefahr, dem unverzeihlich tragisch endenden, bekanntlich in einem regelrechten Weltenbrand untergehenden „Saisonbeginn“ beklemmend ähnlich zu werden. Die prügelnden Hooligans in Marseille dürfen daher keine weiteren Vorboten werden für den Ungeist, den die Langgässer in der Rückschau von 1947 so treffend beschrieb.

Kredite in c-moll am deutschen Rhein hin, Ruhephasen in goldenem Es-Dur für unsere Jungs her – dem christlichen Abendland sollte man nicht noch einmal beikommen im Sinne von Parolen, die in wüster Eindeutigkeit alles Vielschichtige niedertrampeln. Lieber nehme ich da zwischenzeitlich eine verzockte Investition, einen vergeigten Beethoven oder eine verunglückte Rede in Kauf. Denn solche Dinge lassen sich bei nächster Gelegenheit heilen – vorausgesetzt, man hat auch in Zukunft die Chance dazu – in einer freien Welt, die sich von derpolitisch-korrekten“ Gesellschaft mit all deren Verbotsschildern angenehm und nachhaltig unterscheidet.

Einmal straucheln, dann aber aufstehen und mutig weiterkämpfen – das ist als Lebenserfahrung ebenso wertvoll wie eine von den vielen schön verplapperten Wahrheiten, die auch dann nicht falscher werden, wenn tout le monde sie skandalisiert. Weltbürgerlich gestimmte Ausflugsgesellschaften haben immer schon ihre feinen Spiele gepflegt. Mit ihren Teekesselchen vermochten sie aber auch die abgründigen Untiefen zu artikulieren. Doppelbödig auf den Begriff bringen, was ist – ich wüsste nicht, was in rohen Zeiten angemessener sein könnte, um die unantastbar-antastbare Würde des Menschen doch noch so là-là aufrechtzuerhalten.

Foto: Bank mit Beinen, darauf ein im Titel ohne Tüttel auf Beethovens Zehnte weisendes Buch – Harald Asel: Wer schrieb Beethovens Zehnte? Alles, was Sie über Musik nicht wissen. Frankfurt am Main 2008.