Krummes Holz – aufrechter Glanz

Dunklen Schlünden zum Trotz glänzt der Frühling auf. Im vertrauten Kreislauf der Jahreszeiten wäre dieser Umstand keineswegs sonderlich erwähnenswert, gäbe es da nicht diese wahnwitzigen Anzeichen von Ermattung, noch bevor sich die Lebensfreude voll und ganz überhaupt zurückgemeldet hätte.

Wir leben in einer Zeit, deren „Entscheider“ uns sogar an der frischen Luft Schurze im Gesicht zu tragen vorschreiben wollen, made in China selbstredend. Wer das übertrieben findet, muss sich wappnen gegen Anwürfe und Verdächtigungen, den Corona-Tod von Millionen billigend in Kauf zu nehmen. Noch das versöhnlichste Lächeln wird von ängstlichen Eiferern missverstanden: Du sollst dich nicht lustigmachen über jene, die bis ins dritte und vierte Glied Kontaktnachverfolgungen betreiben! Dieses Elfte Gebot ist nunmehro das einzig Wahre, Gute, Schöne …

Nun, wir wollen nicht spotten. Und schon gar nicht unsererseits bitter respektive unerbittlich werden. Aber den gesunden Hausverstand lassen wir uns deswegen auch nicht nehmen. Ausgangssperren, die den Genuss lauschiger Abendstunden verhindern? Betretungsverbote, die Uferpromenaden und Parkanlagen unerreichbar machen und im Falle von Nichtbefolgung völlig unverhältnismäßige Polizeieinsätze nach sich ziehen? Hat man in den solchen Unfug verzapfenden Politikerkreisen noch nie etwas von der abhärtenden Wirkung natürlicher frischer Luft gehört? Also davon, dass der Aufenthalt draußen das Immunsystem stärkt und unter freiem Himmel so gut wie keine Ansteckungsgefahr besteht?

Schade, dass das Selbstverständliche nicht mehr unmittelbar einleuchtet. Traurig, wie uns die eigene bürgerliche Mündigkeit durch solche Maßnahmen abgesprochen wird. Die Kantische Würde, die den Menschen zugleich als „krummes Holz“ und auch als verantwortliches Wesen im Blick behält und ihm, mit Ernst Bloch gedacht, einen hoffnungsvollen „aufrechten Gang“ zuerkennt: wo spielt sie im aktuellen Diskurs eine nennenswerte Rolle?

„Krummes Holz – aufrechter Gang“ war der Titel eines Buches des evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer, erschienen 1970. Das ist jetzt über ein halbes Jahrhundert her. Man wird seine 68er-Attitude als überholt ansehen müssen; aber das Thema selbst, so griffig formuliert, lädt zu neuem Durchdenken geradezu ein! Ohne moralische Besserwisserei, frei von den selbstverschuldeten Zwängen politisch korrekter Ausdrucksweise, unabhängig von aller kleinlichen Schwarzmalerei. Dann kann unser Geist der finsteren Enge fröhlich entweichen und in neuem selbstbewussten Glanz erstrahlen.

Zwanzig/Einundzwanzig

Es klingt in den Ohren von besonders sensiblen Mitmenschen vielleicht ein wenig nach „Siebzig/Einundsiebzig“, aber das ist durchaus beabsichtigt. Noch war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 offiziell nicht beendet, Kaiser Napoleon III. jedoch bereits seit Monaten abgesetzt, da begann am Neujahrstag 1871 auf dem Papier die Existenz des Deutschen Reiches. Die Ausrufung des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles erfolgte dann am 18. Januar. Einerlei für Reichskanzler Bismarck: Der nachgereichte und entsprechend hastig improvisierte Pomp bestätigte lediglich nur einmal mehr die schlichte Tatsache, dass es den lange angestrebten deutschen Bundesstaat nun wirklich gab.

Einhundertfünfzig Jahre ist das jetzt her. Der heute regierende französische Staatspräsident sprach im März 2020 von einem „Krieg“, in dem wir uns befänden – gegen das Coronavirus, dem man mit allerlei Maßnahmen denn auch begegnete. In Frankreich, Italien, Spanien und Belgien etwa wurden und werden regelrechte Ausgangssperren verhängt; hier in Deutschland ist es bisher weniger hart, weswegen der Begriff „Lockdown“ (Einschluss, Einsperrung, Polizei und Militär auf den Straßen zur Überwachung) unzutreffend ist: Man sollte besser von „Shutdown“ (Schließung von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen) sprechen. Nun werden viele der verhängten Bestimmungen in unser Neues Jahr 2021 hinein weitergelten. Insofern dauert Macrons rhetorische Positionierung an. Auch „2020/21“ lässt sich demnach in einem Atemzug lesen und sprechen.

Reden wir aber von Dingen abseits jenes mexikanischen Maisbieres, dessen Schöpfer in den 1920er Jahren seine Treue zur spanischen Krone bekräftigen wollte, weswegen er es „Corona“ nannte. Denn das Neue Jahr Anno Domini MMXXI hält viele Jubiläen und Gedenktage bereit. Aus ihnen habe ich pro Monat ein Datum ausgewählt. Es geht im Januar, wie gesagt, los mit der Reichsgründung 1871 (vor 150 Jahren). Sodann: Ab dem 25. Februar 1721 erschien die „Berlinische Priviligierte Zeitung“ (ab 1751 „Vossische Zeitung“) dreimal wöchentlich (vor 300 Jahren). Am 3. März 321 erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum allgemeinen wöchentlichen Ruhetag im Römischen Reich (vor 1700 Jahren). Am 17. April 1521 sprach Martin Luther in Worms vor Kaiser und Reichsständen (vor 500 Jahren). Am 6. Mai 1871 wurde Christian Morgenstern geboren (vor 150 Jahren). Im Juni 1796 spielte der fünfundzwanzigjährige Ludwig van Beethoven Klavier vor dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. in Berlin (vor 225 Jahren). Am 1. Juli 1696 wurde Gottfried Wilhelm Leibniz fünfzig Jahre alt (vor 325 Jahren, nach dem gregorianischen Kalender; demnach im Juni julianisch/im Juli gregorianisch 1616 geboren, vor 375 Jahren). Am 15. August 1771 kam Sir Walter Scott zur Welt, der „Erfinder“ des historischen Romans (vor 250 Jahren). Am 11. September 2001 war „Nine-Eleven“ (vor 20 Jahren). Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner (vor 125 Jahren). Rückwirkend zum 1. November 1946 wurde das Land Niedersachsen gegründet (vor 75 Jahren). Am 10. Dezember 1971 erhielt Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis (vor 50 Jahren).

Wem dies an Fest- und Gedenktagen nicht genügt, dem habe ich noch etwas nachzureichen. Seit drei Jahren ist es in manchen hochgebildeten Kreisen eine Gaudi, besondere Ereignisse durch Schnapszahlen zu ermitteln, vorzugsweise dreistellig. So wurde 2018 der dreihundertdreiunddreißigste Geburtstag von Johann Sebastian Bach feierlich-fröhlich begangen. Dadurch angeregt habe ich mich umgesehen und bin auf überwiegend politische Daten gestoßen: 1910 wurde in Portugal die Erste Republik errichtet (vor 111 Jahren). 1799 erschien anonym das Buch „Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern“, rasch identifiziert als ein Werk von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher; außerdem erlebte die Welt den 18. Brumaire des Jahres VIII im französisch-republikanischen Kalender, also den 9. November 1799: Staatsstreich von Napoléon Bonaparte (vor 222 Jahren). Ab Mai 1688 kam es zur „Glorious Revolution“ in England (vor 333 Jahren).


Was Schnapszahlen anbetrifft, so kann ich leider nur zweistellig dienen. Vor 33 Jahren wurde dieser damals 22-Jährige oben im Gebirge gestellt, abgelichtet und also dokumentiert. Die nachgerade zarathustrische Heiterkeit unzeitgemäßer Betrachtungen ist durchaus beachtenswert und kann sich gern überallhin verbreiten. Besser ist immer ein Lachen Nietzsches (vor 150 Jahren, als Professor in Basel, war er noch nicht ganz soweit, das änderte sich in der Folge). Sicher sind wir in jedem Fall bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der das „Lied der Deutschen“ 1841 dichtete (vor 180 Jahren; Quersumme 9, also 3×3, insofern auch ein bisschen schnapsig), und der in seinem Spätwerk die Coronaworte fand: „Der größte Lump im ganzen Land, / das ist und bleibt der Denunziant.“ Aber nun hoffen wir mal großzügig, dass solche finsteren Wahrheiten im Jahre 2021 gar niemand aussprechen muss – weil tout le monde freundlich und sachlich bleibt. In diesem Sinne: Frohes Neues Jahr!

Oktav für Beethoven

So hatten wir uns die Feiern zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Ludwig van Beethoven nicht vorgestellt! Im wirklichen Leben durfte nichts stattfinden, weil coronabedingt auf alles Festliche verzichtet werden musste. Menschenansammlungen in Konzerten wären womöglich zu „Superspreader-Events“ geworden. Wer hätte das verantworten wollen?

Eigenartig bleibt es schon, dass ausgerechnet der Komponist, dessen Werke geradezu nach unbeschränkter Öffentlichkeit verlangen, pünktlich zu seinem Jubiläumswiegenfest weggeschlossen wurde. Der 16. Dezember 2020 wird in Deutschland immer mit dieser Tatsache verbunden sein, sofern sich historisch interessierte Bürgersleute später einmal erinnern.

Doch wir wollen nicht jammern. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Per aspera ad astra. Umso freundlicher wirkt ein Hashtag namens „bthvn_2027“ auf die betrübte Seele: In sieben Jahren ist Beethovens Ableben zweihundert Jahre her. Und dazwischen kann die öffentliche Pflege der Musik des Meisters ja weitergehen. Vieles, was nun verboten wurde, könnte nachgeholt und/oder vertieft werden.

2020 mitgezählt, sind es bis einschließlich 2027 genau acht Jahre. Das entspricht dem Intervall einer Oktave. Im Kirchenjahr gibt es die biblische Zeit „nach acht Tagen“, nämlich die Wiederkehr des gleichen Wochentages beziehungsweise den Beginn einer neuen Woche. Davon hat sich die „Oktav“ nach hohen Festtagen etabliert. Acht Tage nach dem Christfest ist Beschneidung und Namengebung Jesu (1. Januar, seit viereinviertel Jahrhunderten in unseren Breiten zugleich Neujahr), acht Tage nach dem Osterfest der Weiße Sonntag (Quasimodogeniti), acht Tage nach dem Pfingstfest das Lob der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis).

Entsprechend der symphonischen Organisation seit Beethoven lassen sich die Tage mühelos in Jahre ausweiten. Entscheidend sind, wie bei der Schöpfungsgeschichte, die Einheiten und nicht deren absolute Dauer! Wissenschaftlich messbare Sekunden, Minuten, Tage, Monate oder Jahre sind da eher relativ, volativ, flexibel. Der lange Atem ist gefragt. Beethoven jedenfalls hat kein festgelegtes Jubiläums- oder Gedenkjahr nötig. Dem menschlich-gesellschaftlichen chronologischen Bedürfnis aber kommt es entgegen, wenn einigermaßen überschaubare Zeiträume sich auftun.

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Acht Jahre Achtsamkeit für den großen Künstler ist weder zu viel noch zu wenig. Achtung gebührt ihm allemal, befreit von sämtlichen mitunter albernen Antipandemiemaßnahmen (siehe Symbolbild). Beachtet werden mögen Beethovens unvergleichliche Schöpfungen alle Jahre wieder. Vielleicht dann auch einmal seine Achte Symphonie. Die kam bisher entschieden zu kurz.

Farben im Spätsommer

Wer Freiheit sucht in diesen Zeiten, ist auf die leuchtende Natur verwiesen.

Man sollte dafür dankbar sein. Kein sorgenvolles Corona-Nanny-Gehabe.

Weder Panik noch Gleichgültigkeit.

Wir wollen frei bleiben, gesund gewiss, aber auch bei aller Schönheit der eigenen Sterblichkeit deutlich bewusst.

Wem Sonnenblumen zugeeignet werden, ist ein Zeichen gesetzt: Solch ein Mensch bleibt, ob er gleich stürbe, immerdar.

Dahlien pflastern locker den Weg.

Freundliche Endlichkeit, vielleicht Vorbild den Streithähnen und Lästerhühnern überall auf dem gebeutelten Erdball.

Helle Blumen am Wegesrand.

Glückhafte Ernten an sicheren Bäumen.

Beste Blömeken, Planten un Bloemen, Sonne zuvor und hoffentlich kräftig danach.

Sommer-Ende

Wir sind am Ende eines besonderen Sommers. Corona prägte sein Wesen. Wie schade! So viele Schönheiten des Lebens in Flora und Fauna gingen im allgemeinen Geplärr von Klimakrisenpanik, Rassismusunterstellung und Genderismus völlig unter.

Schmetterlinge im Sonnenbad lassen die Unsicheren unter den hartherzigen Ideologen vielleicht doch noch erweichen. Wenn nicht, dann gnade uns Gott.

RR hdN ko

Der 6. August ist ein besonderer Tag, jedes Jahr. In den orthodoxen und katholischen Kirchen dieser Welt wird die Verklärung Jesu gefeiert. Auf dem Berg Tabor leuchtet sein Antlitz wie die Sonne; der auferstandene Christus blickt durch. In den Evangelien ist diese Szene ein erster Hinweis auf Passion und Ostern – darum steht ihre Lesung im liturgischen Kalender der lutherischen Kirche, in Abänderung der Tradition, am Letzten Sonntag nach Epiphanias an, also im Winter.

Mitten im Hochsommer, am heißen 6. August Anno Domini 1806, nahm das Duell zweier Kaiser eine denkwürdige Wendung: Der eine, Napoleon, konnte ein ganzes altes Reich nicht in sein neues einverleiben und selber dessen Imperator werden, weil der andere, Franz, seines, das vom Korsen begehrte, einfach kurzerhand auflöste. So erlitt ein mehr als achthundertfünfzig Jahre währender Staat sein Knocked-Out und wurde nie wieder – auch im übertragenen Sinne nicht – Gegenstand von irgendwelchen Boxkämpfen sprich grausamen Waffengängen, von denen doch die Zeit um 1800 so übervoll war.

Dieses Römische Reich, später heilig genannt und, nach Verlust der europäischen Dimension, seit dem fünfzehnten Jahrhundert nur noch deutscher Nation angehörig, hatte sich im Furor von Revolution, Terror und Kriegen endgültig überlebt. Kaiser Franz hatte das Ende kommen sehen und bereits zwei Jahre zuvor für sich und die Seinen ein „Kaisertum Österreich“ installiert, als Reaktion auf die Ausrufung eines französischen Kaiserreichs, ebenfalls 1804, welcher im Dezember desselben Jahres die eigenartige Selbstkrönung Napoleons in Paris folgte. So gab Kaiser Franz II. sein heiligrömischdeutsches Reich preis, um als Kaiser Franz I. von Österreich ungehindert weiterregieren zu können. Seine Gesamtregierungszeit umfasst also die Jahrzehnte ab seiner Wahl 1792 bis zu seinem Tod 1835 – vierzehn Jahre davon als deutscher König und römischer Kaiser, neunundzwanzig weitere als österreichischer Herrscher in der Nachfolge der traditionellen habsburgischen Erzherzöge.

Das Römertum ging habituell eher auf Napoleon über, der ja als „Erster Konsul“ 1799 reüssiert und zunächst den republikanischen Gedanken in der diesbezüglich aufgeheizten gesamteuropäischen Stimmung starkgemacht hatte. Sein Caesarentum wurde folglich von denen, die damals dachten und mitfieberten, vielfach als Verrat empfunden. Beethovens nachträglich-spontane Widmungsverweigerung seiner Dritten Symphonie an Bonaparte ist das vielleicht prominenteste Beispiel für den intellektuellen Umschwung jener Zeit. Napoleon wurde nun nicht länger als der tatkräftige Volkstribun einer neuen allgemeinen freiheitlichen Ordnung gefeiert, sondern als ein übler Machtmensch erkannt, der sich in der Folge in halb Europa als rücksichtsloser Kriegsherr und brutaler Militärdiktator entpuppte.

Der Griff nach dem Sein als Imperator „Empéreur“ schien andererseits folgerichtig: Nach vielen Jahrhunderten der seit der Reichsteilung von Verdun Anno Domini 843 zunächst von Aachen aus herrschenden Kaiser, während in Frankreich „nur“ Könige residierten, war nun, 1804 bzw. 1806 die Stunde der Gerechtigkeit gekommen. Diese Gelegenheit, nach rund achteinhalb Jahrhunderten, konnte und durfte nicht ungenutzt bleiben! Aber bekanntlich war bereits im Jahre 1815 mit dem napoleonischen Kaisergehabe Schluss. Und auch sein Neffe, der von 1852 bis 1870 als Napoleon III. einem französischen Kaisertum vorstand, hat dieses nicht halten können. Anschließend setzte sich dann die Republik dauerhaft durch, wenn auch in fortlaufenden Numerierungen von drei bis (derzeit) fünf. 1871 ging die Kaiserwürde wieder nach Deutschland, aber auch nur für gut siebenundvierzig Jahre. Danach, seit Kriegsende 1918, war endgültig Schluss damit.

Weder die beiden Napoleons in Frankreich noch die zwei Wilhelms (im Gegensatz zu Friedrich, dem 99-Tage-Kaiser des Jahres 1888!) in Deutschland haben sich sonderlich auffallend um das Erbe des im Jahre 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches gekümmert. Alle möglichen geistigen und institutionellen Anknüpfungspunkte wurden der neuen Zeit geopfert, und die war, spätestens seit den Ergebnissen des Wiener Kongresses 1815, eher national ausgerichtet. Dass das verflossene „Heilige Römische Reich“ den Zusatz „deutscher Nation“ eher einschränkend verstanden hatte und keinesfalls chauvinistisch, spielte nun keine Rolle mehr. Den dahinterstehenden Gedanken einer zumindest westeuropäisch-kontinentalen Einheit von italienisch-französisch-deutschem Gepräge sah fürderhin kein Mensch. Karolingische und ottonische Großzügigkeiten wurden im neunzehnten Jahrhundert von allen Seiten eher ausgeblendet und kämpferisch bestritten denn positiv und schöpferisch in Anschlag gebracht.

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Es musste erst der Zweite Weltkrieg zum bitteren Ende gelangen, um die europäischen Völker in ihrem Widerstreit innehalten zu lassen. Weltweit geschah dies erst ab einem anderen 6. August, dem des Jahres 1945, als durch US-amerikanisches Militär die erste Atombombe über bewohntem Gebiet gezündet und die japanische Stadt Hiroshima zerstört wurde. Dass man mit der Gründung der „Vereinten Nationen“ und später mit der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ versuchte, eine dauerhafte Friedensordnung aufzubauen, ist verständlich und nach wie vor begrüßenswert. Wie schade, dass diese Organisationen nun selbst im Klein-Klein sich längst verloren haben. Die UNO ist zu kraftlos, um Kriege zu verhindern. Und die „Europäische Union“ dieser Tage macht den Eindruck eines bürokratischen Monsters, das angesichts von „Corona“ alle Hemmungen zum Gelddrucken ablegt – geistige Gestaltungskraft ist da mitnichten am Werk …

Der verklärte Christus ist in Vergessenheit geraten, und mit ihm seine Wirkmacht. Im ottonischen Kirchenbau wäre eine Kraftquelle neu zu schöpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man aus den Trümmern eine neue Kirche nach alten Plänen: die Michaeliskirche zu Hildesheim erstand in ihrer ursprünglichen Gestalt. Ihr einstiger Bauherr, Bischof Bernward (in die Ewigkeit gerufen Anno Domini 1022), war zeitweilig der Erzieher des späteren Kaisers Otto III. – Klar: Die Umstände der ersten christlichen Jahrtausendwende sind längst vorüber. Aber dieses Bauwerk altdeutsch-neurömischer Kaiserherrlichkeit sowie bischöflichen Mönchtums überstand dann immerhin alle weiteren Höhen und Tiefen der Geschichte – sogar ihre Verwendung als Pferdestall und Irrenanstalt im Gefolge der durch die napoleonische Bedrängnis stattgehabten Säkularisierung. Hoffen wir, dass der Name des Erzengels Michael auch weiterhin die menschlich-gebrochenen Erinnerungen wachhält; denn, seien wir ehrlich: Wer ist schon wie Gott?

RR: Römisches Reich.
hdN: heilig, deutscher Nation.
ko: knocked-out. Hoffentlich nicht. Das göttliche Humanum möge leuchten wie die Sonne.
Weitere Texte zum Thema in diesem Weblog:
https://feoeccard.com/2019/08/04/hrr-2-februar-962-6-august-1806/
https://feoeccard.com/2018/08/06/vergessener-tag/
https://feoeccard.com/2016/02/09/otto-und-sein-ausgefranztes-reich/

Unerträglich!

Kinderchormitglied (9) stößt ungehemmt Aerosole aus!

Dies werden wir den leichtsinnigen siebziger Jahren niemals verzeihen. Der Junge auf dem (absichtlich undeutlichen?) Foto von 1975 wird heutzutage hoffentlich voller Scham auf seine Untat blicken.

Und die damalige chorleitende Person ist, das muss deutlich gesagt werden, in Ansehung sämtlicher Folgen dieses dokumentierten Einzelfalls über die seitdem verflossenen Jahrzehnte hinweg (camouflierend?) todsicher mitschuldig am aktuellen Corona-Ausbruch. Denn ist es nicht unsere Nachkriegsausbeutungsgesellschaft in toto, die verantwortlich für die Seuche zeichnet? Kann sich da auch nur eine*r herausreden? Bereits vor viereinhalb Jahrzehnten lag dieser Zusammenhang offen zutage – mag sich die Vernunft auch noch so sehr sträuben.      

Immerhin war die Studie des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ damals erst drei Jahre zuvor frisch erschienen. Bei ernsthafterer zustimmender Rezeption dieses wahrhaft prophetischen Textes hätte es der Bundeskanzlerin anno 2020 (knapp fünfzig Jahre später) erspart bleiben können, auf die bevorstehenden Transformationsprozesse historischen Ausmaßes neuerlich hinweisen zu müssen. Jetzt ist es zu spät für logische Schärfen (gar von Einzelargumenten) und andere Kleinigkeiten (wie Pest und Cholera): Nun sindse halt da, diese Umwälzungen, Verwerfungen, Zerstörungen. So what?

Dass noch vor einigen Tagen ein Kantor seine Schützlinge zeitkritisch-ironisch-wortklangakrobatisch auf elektropostalischem Wege – also immerhin den Einskommafünfmeterabstand einhaltend (darin erschöpft sich aber auch bereits das Positive dieses Vorgangs) – mit „Chor-ohna-Gemeinde“ angesprochen hat, ist vor diesem Hintergrund unverzeihlich und muss umgehend rückgängig gemacht werden.

 

Weiterlesen Unerträglich!

Fontane im Frühjahr 2020

Versuch, den Beginn einer bekannten Ballade herbstlichen Inhalts in den Frühling zu verlegen und dergestalt aus der Anschauung dessen, was gerade erlebt werden kann, zu bearbeiten.

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Herr von Nordbrak auf Nordbrak im Marschenland,

ein Birnbaum in seinem Garten stand,

und kam coronatische Frühlingszeit

und die Blüten leuchteten weit und breit,

da hoffte, wann’s immer vom Turme scholl,

der von Nordbrak inständig glaubensvoll.

Wie es weitergeht, sehen wir beizeiten. Sterben, Klagen und Absperrmaßnahmen gehen vorüber, haben letztlich keine Macht. Am Ende breitet sich Segen aus. Bleiben wir tapfer.

Corona n’est pas imaginaire

Wir müssen in die Isolation. Föderalismus hin oder her. Ob irgendwem ein Zacken aus der Krone fällt, ist derzeit völlig nebensächlich. Alle Pläne sind über den Haufen geworfen. Das tägliche Leben kommt zum Stillstand. Abstand zum Nächsten wie zum Fernsten geht jetzt vor und duldet keine Ausnahme. Es sei denn, man muss doch noch einmal einkaufen gehen.

Dass Hamstern in meiner so satt und sauber aufgewachsenen Generation jemals ein Thema werden würde! Wie sehr hatten wir es verdrängt in tiefste Vergangenheit. Nur vom Hörensagen wussten wir: Da war mal was. Nach dem Krieg. Dessen Ende liegt bald fünfundsiebzig Jahre zurück.

Vom dünnen Firnis unserer Zivilisation ist nun vermehrt die Rede. Nach einem Dreivierteljahrhundert, davon viele Jahrzehnte in Saus und Braus, holen uns geradezu archaische Nöte wieder ein. Pest und Cholera 2.0 – und die Trennung zwischen „krank“ und „gesund“ ist schier unmöglich. Wer mag bereits das Virus sich eingefangen haben? Wer nicht? Wer weiß das schon so genau?

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Bald muss ich wieder in den Supermarkt. Dorthin, wo meine Hausmarken längst ausverkauft sind. Ich werde mich tapfer auf den Weg machen. Noch ist ja keine Quarantäne über mich verhängt. Wie gut, dass es Plastikumhüllungen gibt. Mein Klopapier kann ich zu Hause auspacken, ohne befürchten zu müssen, jemand anderes hätte die einzelnen Rollen schon vor mir begrabbelt.

„Nachhaltigkeit“ im Sinne heutiger beliebter politischer Parolen lässt sich leicht einfordern, wenn es keine echte Not gibt. Ich sehe die Vorteile von Kunststoffverpackungen in den Zeiten der Corona deutlicher denn je. Und allen Lautsprecher*inne*n umwelt-„aktivistischer“ Provenienz sei in Hinsicht auf deren Dystopie einer „Klimakatastrophe“ die einfache Frage gestattet, ob sie nicht in ihrer verstiegenen und gänzlich übertriebenen How-dare-you-Art einer eingebildeten Krankheit frönen – Molière lässt freundlich grüßen.

Überhaupt kommen mir die Segnungen des technischen Fortschritts sehr zupass. Der deutschen Automobilindustrie verdanke ich in Verbindung mit unserer freien und sozialen Marktwirtschaft die Möglichkeit, am Individualverkehr teilzuhaben: Im eigenen motorisierten Wagen, schön sicher vor meinen Mitmenschen, weil garantiert isoliert.

Das Foto verdeutlicht meine Not. Ich werde mich auf Dauer nicht im eigenen Haus verschanzen können. Als alle Welt diese Wertpapiere besorgte, wollte ich den Bedürftigeren den Vortritt lassen. Zugleich wäre ich mir unfein vorgekommen, hätte ich zu offensichtlich palettenweise davon mir Vorräte zusammengekauft … Mein Joker: Ich habe noch Papiertaschentücher und Küchenrollen in Reserve – unscheinbar beschafft, als tout le monde nur das Eine wollte … Fortsetzung folgt!