Weit weg

Ob eine landeskirchliche Synode irgendwo im weiten Deutschland tagt oder in China ein Sack Reis umfällt, ist den Leuten mittlerweile herzlich egal. Dies gibt deswegen zu denken, weil die wirtschaftliche Stärke des fernöstlichen Milliardenvolkes mit solcher Denkungsart sträflich unterschätzt wird. Als weniger erheblich muss man hingegen die Wirkung evangelisch-parlamentarischer Reden veranschlagen: Wenn es nicht gerade um „wichtige“ Entscheidungen in bezug auf Klimarettungsaktionen oder Tempolimitforderungen für Benutzer von Autobahnen geht, stehen sowieso nur deprimierende „notwendige“ Punkte hinsichtlich Pfarrstellenkürzungen oder Gebäudeveräußerungen auf der Tagesordnung. Doch wen von den Normalsterblichen interessiert das eine („wichtig“) oder das andere („notwendig“) schon beziehungsweise noch?

„Man müsste Klavier spielen können“, sang Anfang der vierziger Jahre good old Johannes Heesters, vor allem wegen des Erfolgs bei den Frauen. Sollte es nicht auch zielführend sein, die Orgel schlagen zu vermögen, besonders in Hinsicht auf jene sensiblen Hörerinnen und Hörer, die sich sonst aus kirchlich-kulturrevolutionärem Treiben eher heraushalten? Jedenfalls ist das klassische Fortepiano denkbar ungeeignet, den Gutmenschen unserer Tage noch Botschaften zu entlocken, die feministisch einwandfrei, genderistisch wohlgesonnen und gretathunbergpolitisch kompatibel sich dem neuerdings als ideell-erkannt Unbedingten anverwandeln. Ja, es ist eine Last, dass niemand mehr den Mumm hat, Klartext zu reden: und also die Gerechtigkeit von Klima und Geschlecht der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben.

Überhaupt gerät das freie Lachen in Verruf. Der Name der Rose sowie der Steppenwolf lassen herzlich grüßen. Mittelalterlicher Aristotelismus und zwanzigerjahremorbides Spiegelfigurenkabinett werden neuerlich mörderisch verfolgt. Die Zeichen der Zeit haben keine Chance, semiotisch erschließbar sich zu offenbaren. Umberto Eco und Hermann Hesse müsste man da jetzt ganz neu lesen und hören. Das grenzenlose Spiel aber bleibt derweil auf der Strecke. Und dorthinein grätschen die Chinesen sackreisweise. Sie machen es nicht so plump wie manch gutgläubige Ehrenamtliche, die auf Synodensitzungen unbedarft mehr selbstbewusste Jugend fordern, ohne dass eine solche evangeliumsgemäß zugegen wäre. Nein, die Mao-Nachfolger geben sich ökonomisch westlich, sehr angepasst, nachgerade so, wie wir es in den achtziger Jahren bei japanischen Tugenden kennengelernt haben. Und beherbergt nicht das Land der aufgehenden Sonne ein auch international in musikalischen Kreisen bekanntes Bach-Kollegium? Mal abgesehen von den vielen manifest gewordenen pianistischen Begabungen aus Südkorea? Die Nähe zur europäischen Musik ist da mit Händen zu greifen, weil sie richtiggehend ersehnt wird.

bloggerisch elfenbeinhart

Sehnsucht aus Fernost nach Europa: Wer hätte das gedacht? Heidegger und Sartre machten mal den Anfang, gefolgt von Bach und Beethoven. Enorm, wie Philosophie und Musik da Brücken gebaut haben. Die Mao-Barbarei hingegen hat jegliches Ausführen und Hören von Klassik einst verboten. Der Große Vorsitzende, dessen „Bibel“ bei den westdeutschen 68ern sehr verbreitet war, ist heutzutage gottlob überhaupt nicht mehr anschlussfähig. Hingegen sind fernasiatische Künstlerinnen und Künstler gleich welcher Nationalität bei uns sehr willkommen, von Yoko Ono bis Ai-Weiwei. Zudem genießen und/oder ertragen wir den Klaviervirtuosen Lang-Lang. Vielleicht fällt ja ob seines Temperaments in China ein Sack Reis um – diese Tatsache wäre dann durchaus auch für uns europäische Musikkonsumenten von einiger Bedeutung …

Alle freuen sich wechselseitig, wenn Synoden den Sack zubinden. Die alten Säcke aber syn Oden nicht abgeneigt. Sie wollen herzhaft singen! Auch das Alter will gewürdigt sein. Lebenserfahrung breitet sich aus, ohne unterdrückt werden zu wollen. Es wäre den evangelischen Kirchenparlamenten zu wünschen, dass sie die geistlichen Stimmen ernst nähmen und die geistvollen Beiträge verinnerlichten, auch wenn die nicht dem Mainstream entsprechen. Denn andere, ungleich weniger friedfertige Gestalten belagern uns: Islamisten stehen vor der Tür – aber wir beschäftigen uns lieber mit gendergerechter Sprache … Das sollte denn doch nicht sein.

Nikolaus

Bevor, so wird kolportiert, Luther den Nikolaus arbeitslos machte, wurden am Gedenktag des kleinasiatischen Bischofs die Kinder reich beschenkt. Nun ja. Richtig ist, dass der Wittenberger Reformator das Augenmerk für den himmlischen Vater und Geber aller guten Gaben zurück auf den kirchenkalendarischen Ursprung, also auf das Christfest gelenkt hat – weil Gott selbst sich im Überschwang liebevoller Menschlichkeit in diese unvollkommene Welt hineinverschenkt. Also wurde dann Weihnachten zum Hauptanlass für Geschenke an die Lieben. Falsch wäre es aber, aus diesem Vorgang wieder mal ein Luther-Bashing konstruieren zu wollen; auch hat der Kirchenmann aus dem vierten Jahrhundert deshalb nichts an Beliebtheit eingebüßt. Vielmehr ist er – die Pflege mannigfaltigen Brauchtums um den 6. Dezember herum zeigt es – ein sympathisches Beispiel für tätiges Christentum geblieben.

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Wer war Nikolaus? Die zahlreichen Legenden, die sich um ihn ranken, sind von den wenigen historisch gesicherten Erkenntnissen kaum zu trennen. Geboren wurde er etwa Anno Domini 280 in Patera im südlichen Kleinasien. Von Kindheit und Jugend auf hielt er sich zum christlichen Glauben, obwohl das damals, zur Zeit der Christenverfolgungen im Römischen Reich, lebensgefährlich war. Kerkerhaft und Misshandlungen hat Nikolaus mehrfach am eigenen Leib erdulden müssen.

Als seine Eltern gestorben waren, fiel ihm ein reiches Erbteil zu. Er behielt es nicht allein für sich, sondern setzte es für in Not geratene Mitmenschen ein. Still und heimlich ging er dabei vor, weil er nicht eigenen Ruhm suchte, sondern Gottes Ehre verbreiten wollte. So half er im Verborgenen einem verzweifelten Vater dreier Töchter, indem er Goldstücke unerkannt in dessen Haus warf: So wurden nach und nach alle drei Mädchen vor offener Unehre bewahrt, weil sie nun genug Mitgift hatten und heiraten konnten. Als deren Vater beim dritten Mal den Spender der Aussteuer dennoch zu Gesicht bekam, verwahrte sich Nikolaus vor dessen kniefälligem Gebaren und gebot außerdem, nichts davon weiterzuerzählen: „Nicht mir sollst du danken, sondern Gott allein lobsingen.“

Durch solche und andere Wohltaten eroberte sich Nikolaus die Herzen vieler Menschen. Sein Name bedeutet, übertragen aus dem Griechischen, denn auch: „Sieg des Volkes“. So wählte man ihn in der Hafenstadt Myra zum Nachfolger des verstorbenen Bischofs. In aller Bescheidenheit und Demut nahm Nikolaus die Wahl an und blieb seine gesamte Lebenszeit ein volksnaher sowie glaubenserfüllter Seelsorger und Oberhirte. Je nachdem, wie es die Situation erforderte, verhielt er sich diplomatisch geschickt – oder ganz handfest und ohne aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen.

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Während einer Hungersnot trafen Schiffe aus dem ägyptischen Alexandria zu einem Zwischenhalt im Hafen ein, beladen mit Getreide für den kaiserlichen Hof. Nikolaus verhandelte so lange mit den Seeleuten, bis die sich bereitfanden, einen Teil der Ladung an die notleidende Bevölkerung abzugeben. Aufs ganze gesehen gab es nur Gewinner: Der Hunger war beseitigt, und als die Schiffe später in Konstantinopel anlandeten, stellte sich heraus, dass von der ursprünglich abgemessenen Getreidemenge wunderbarerweise nichts abhandengekommen war! Wer mit anderen teilt, hat am Schluss – Gott sei Dank – überhaupt keinen Nachteil.

Bischof Nikolaus nahm auch am Ersten Ökumenischen Konzil teil, das Anno Domini 325 in Nizäa tagte. Dort erwies er sich als energischer Vertreter für die Wahrheit des Evangeliums. Einen der Abgesandten, die nicht für die wesenhafte Göttlichkeit Jesu Christi eintraten, soll er in einer stürmisch verlaufenden Sitzung sogar geohrfeigt haben. Wenn es um die Ehre des Gekreuzigten und Auferstandenen ging, dann war Nikolaus bis hin zum vollen Körpereinsatz zuverlässig da. Niemand kann ihm nachsagen, er habe nicht gekämpft.

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Um das Jahr 350 ist der Bischof von Myra dann gestorben, mitten im Gebet des einunddreißigsten Psalms: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; / du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“ – Das Glaubenszeugnis des Nikolaus in Gedanken, Worten und Werken hat weitergewirkt: Als Beschützer der Kinder, als Nothelfer der Schiffer und Seeleute im ungestümen Meer, auch als Patron der Bäcker, Kaufleute und sogar Bankangestellten ist er bis zum heutigen Tag unvergessen. Der Teller oder Schuh, der sich für die Kinder über Nacht mit freundlichen Gaben füllt; der Schatz an Gütern, Geld und Gold, der beim Teilen nicht abnimmt, sondern auf geheimnisvolle Weise win-win wächst: Solche gnadenreiche Vorgänge verbinden glaubensstarkes menschliches Handeln ganz direkt mit dessen Quellgrund, dem gnädigen Geber aller guten Gaben.

Nikolaus hat nie auf Gegenleistung spekuliert. Darin ist sein Wirken, rein äußerlich gesehen, hoffnungslos weltfremd. Aber es ist eben alles andere als lebensfern! Im Gegenteil – die umsonst verschenkten Goldstücke helfen zu würdigem Leben auf; das klug abgetrotzte Getreide verschafft unmittelbar Abhilfe und verhindert Volksaufstände; nur denjenigen allerdings, der die Kraft dieses sich in solchem Tun meldenden langen Atems nicht erkennen will und ungeduldig bloß oberflächlich allzumenschlich von Jesus daherredet, obwohl er es besser wissen müsste: den ereilt die schallende Ohrfeige.

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Advent bedeutet: Ankunft – in allen drei Zeitstufen. Also auch zukünftig: Der Herr kommt zum Gericht. Nikolaus von Myra hat sich darauf gefreut: geduldig, leidend, standhaft, liebevoll, furchtlos. Darin verbündet sich sein Glaubenszeugnis mit den Kindern, deren leuchtende Augen weltfremd, ja unrealistisch anmuten könnten, doch in Wirklichkeit voll von wahrhaftigem Leben und göttlichem Wissen sind. Jedenfalls musste er nicht erst sein Bischofsamt verlassen, um „dann“ oder „endlich wieder“ als Pastor sozusagen „an der Basis“ Dienst zu tun: Er hatte stets das Ganze im Blick, diakonisch, presbyterisch und episkopal in einem.

Trotz aller Not und Verunsicherung ist Nikolaus immer eine kirchengeschichtlich relevante Gestalt des unverfälschten Evangeliums geblieben, also ein Mann der „Frohen Botschaft“. Wir wollen ihn deshalb nicht gleich zu einem fröhlichen Lutheraner machen; aber noch weniger sollte man ihn als Landsmann der „Türken“ vereinnahmen – die kamen erst einige Jahrhunderte später nach Kleinasien – , ebensowenig wie unser Herr und Heiland ein „Palästinenser“ gewesen ist – also mitnichten ein unjüdischer „Philister“ – … Andersherum kann ein Schuh (!) draus werden: Aus der durch Nikolaus vermittelten Freude an der Botschaft von Jesus dem Christus könnten ja unserer gegenwärtigen Kirche neue Kräfte zuwachsen: Dann bekäme das so übergroß aufgezogene Reformationsjubiläum am Ende doch einen nachhaltig erfahrbaren Sinn. Oder?

Fotos: Details aus der Nikolauskirche in Myra.