„Gefällt“ gefällt

Seitdem Facebook die Möglichkeiten, auf Beiträge zu reagieren, vom bloßen „Gefällt mir“ in ein Spektrum vielfältiger Äußerungen verwandelt hat, ist der Druck gewachsen, stets ein Werturteil abgeben zu müssen. Es reicht nicht mehr, etwa auf die Meldung vom Tod einer berühmten Person hin sein Like abzusetzen, sondern es muss dann schon ein Emoticon her, das Trauer (Träne über die Wange rollend), Wut (rot angelaufenes Gesicht) oder Entsetzen (weit aufgerissener o-Mund) bekundet. Der hochgereckte Daumen lediglich in seiner Funktion als Lesezeichen hat somit im Bewusstsein etlicher Nutzer ausgedient. Wer ihn dennoch im beispielhaft genannten Fall verwendet, zieht umgehend den Verdacht auf sich, er freue sich, dass da jemand gestorben sei.

Man muss sich also festlegen. Ein flüchtiges Signal, zur Kenntnis genommen zu haben, ist missverständlich geworden. Meine Reaktion auf das Ableben Richard von Weizsäckers – par exemple hätten interne Zensoren demnach als Zustimmung werten können: Wie toll, dass der nun tot ist … Dass das Gegenteil der Fall war, hätte ich anhand der sichtbaren Spuren meiner Aktivitäten in besagtem „sozialen Netzwerk“ nicht belegen geschweige denn juristisch hieb-und stichfest beweisen können. Wo aber Eindeutigkeiten nicht sofort auszumachen sind und eine durch Knopfdruck eingeforderte „Ehrlichkeit“ zu fehlen scheint, da reagiert das Publikum heutiger Zeit in einer Spannbreite von verhalten verschnupft bis offen gewalttätig. „Zwiefach sind die Phantasien“, das war einmal. Nicht Wilhelm Busch ist mehr gefragt, sondern der wilde ungeschlachte Mob, dem Zwischentöne fremd und so gar nicht geheuer sind.

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Die Bereitstellung von Futter zu eigenständigem Denken wird derzeit unterderhand abgelöst durch die Erwartung, von persönlich-individueller kenntnisreich geäußerter Kritik sich zu verabschieden zugunsten einer unterschwellig abverlangten Hörigkeit allgemein bitteschön zustimmungsfähiger Gefühle. Argumente werden ersetzt durch Emoijsder gesunde Menschenverstand weicht wabernder Wellness-„Kultur“. Nach Geistesschärfe in öffentlichem Diskurs darf man da nicht länger fragen, und erst recht verpönt sind komplizierte oder gar längerdauernde Auseinandersetzungen um Sachverhalte. Ein Satz wie „Ich fühle mich gerade mit dem, was du sagst, sehr unwohl“ wiegt schwerer als der schneidend-fragende Einwand, wie sinnvoll solch ein Debattenbeitrag angesichts des gerade verhandelten (Sach-)Themas eigentlich sei … In diesem Zusammenhang nehmen Kuschelbedürftige gern die Phrase in den Mund: „Das finde ich jetzt schwierig“; schon schweigt der Rest der Runde – und wehe, wenn nicht!

„Schwierig“ ist eine relativ neue Vokabel: ziemlich tückisch, weil sie das Zeug hat, Objektivität vorzuspiegeln, obwohl in Wirklichkeit nichts dergleichen vorliegt. Wessen Meinung als „schwierig“ eingestuft wird, ist auf dem direktesten Wege in die „rechte“ Ecke, dieses eine Wort genügt als Signal und Fanal zugleich! „Schwierig“ beansprucht totales Urteil, ohne Sinn für interessante Details oder vielfältige Schattierungen, von Humor ganz zu schweigen. Völlig vergessen wird bei solcher Wortwahl, dass „schwierig“ keine Geschmackskategorie bezeichnet, sondern immer ein Sachproblem. So ist denn auch ein „schwieriger Mensch“ keinesfalls jemand, der eine originelle und deswegen verdächtige Meinung hätte, sondern einer, der weithin übliche Umgangsformen vermissen lässt.

„Schwierig“ sind nicht bestimmte Ansichten über Gott und die Welt, sondern Verhaltensweisen, die das Miteinander jenseits jeder subjektiven Befindlichkeit objektiv erschweren. Aber in Zeiten, wo alles persönlich genommen werden will, in seltsamer Aktualisierung der Betroffenheitsrhethorik aus den kirchentagsbewegten frühen Achtzigern, stören solche sachdienlich und ergo freundlich ausgesprochenen Hinweise womöglich eher, denn dass sie dankbar beherzigt würden. A propos: Eines der ulkigsten Emotionalzeichen ist gewiss das rosa eingefasste rein-weiße Herzchen (Love), gern ganz wenig „schwierigen“ Sujets zugedacht – Fotos aus dem Restaurant etwa, kurz bevor dann die handyupgeloadete Pizza Quattro Stagioni vom Urheber der geposteten Ablichtung freudig verspeist wird.

Bevor nun aber alle Welt massenhaft im world.wide.web „liebt“, sollte sie sich auch im klaren darüber sein, was dabei auf der Strecke bleibt. Knapp vor Beginn des digitalen Zeitalters, als man noch vom nahenden Äon des Wassermanns schwärmte, weil mit ihm Weiblichkeit und Friede und überhaupt Sanftheit kommen würde, da saß ich eines Morgens beim Frühstück in einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft in Italien und fragte meinen US-amerikanischen Tischnachbarn, ob ich ihm denn auch eine Tasse Kaffee einschenken dürfe – woraufhin er barsch eindeutig entgegnete: „I hate coffee.“ Ich kann das weltgrößte soziale Netzwerk gut verstehen, dass es bislang ein regelrechtes Signum „Dislike“ nicht einführen mochte. So geplättet wie ich damals soll wohl heutzutage niemand zurückgelassen werden. Mein Daum hebt sich für solch eine Weisheit, die nicht den höflich Fragenden als Schuldigen brandmarkt. Ja, richtig gelesen: Daum, der korrekte Singular. Von ferne steckt immer noch das griechische deiknymi darin: „zeigen“.

Ein bloßes Zeichen, ein Hinweis, ein Signal ist noch längst keine Beurteilung. Deswegen bleibe ich beim offenen „Gefällt mir“ und meide die neuen Gefühlsäußerungen. So erhalte ich mir meine Freiheit jenseits von Entweder-Oder. Das bilde ich mir zumindest ein. Es steht zu hoffen, dass die Algorithmen aus Kalifornien dafür Verständnis aufbringen. Kann man darauf bauen, dass die angelsächsische Welt noch ihren Shakespeare kennt? Orlando soll den Ganymed so umgarnen, wie er es mit seiner verlustig gewähnten Freundin Rosalind täte. Hätte er da gesagt: „Ich hasse Männer, die Männer lieben“, dann wäre er für immer unbeweibt geblieben – denn der Holde, benannt nach dem Mundschenk des Zeus, „verwandelt“ sich zurück in die verlorene Geliebte, und Orlando kann seine Rosalind am Ende heiraten, As You Like It – wie es euch gefällt.

Die Aufmerksamen und Unangepassten sind gefragt! Doch sollten sie sich nicht in dieser Rolle selbst allzusehr gefallen. Viel Flexibles gestern und heute ist aus der Not heraus entstanden. Die flüchtige Gesellschaft im Wald, die der große englische Dramatiker ins Bild setzt, ist in ihrer Verwirrung offen für alles, was weiterhelfen und von daher „gefallen“ könnte. Konjunktiv und Optativ in entschlossenem Futur regieren letztlich das, was wir „Fortschritt“ nennen – aber nicht im zu oft trügerischen Bewusstsein, wir hätten ihn bereits vollständig erreicht und für alle Zukunft gepachtet. Wenn wir also den Button „Gefällt mir“ betätigen, dann bekunden wir doch lieber ohne vermeintlich wohlige, aber eigentlich unentschuldbare Übersättigung: Super, dass da ein Beitrag zu sehen ist, der mich interessiert und die eigenen kleinen grauen Zellen anregt. Darauf nochmals ein Like.

Foto: Mein sehr persönliches „Like“.