Was bleibt

Die Bundestagswahl ist gelaufen, ihr genaues Ergebnis steht noch aus. Dass sich die beiden kleineren potentiellen Koalitionspartner vor entscheidenden Gesprächen mit Schwarz oder Rot erst einmal untereinander verständigen wollen, ist doch ein kleines lichtes Signal inmitten von großer Verwirrung.

Beginnt eine neue Zeit, von der Graswurzel an, liberal begossen und in warmer Herbstsonne blühend? Wir werden es erleben.

NB: Das Bild zum Beitrag wird wohl erst in einigen Tagen sichtbar online sein. Es bleibt also spannend …

Hier nun (1. Oktober 2021, am 39. Jahrestag des Sturzes von Bundeskanzler Schmidt) das nachgereichte Foto:

Vier Frauen

Heute habe ich mir ein Foto angeguckt und ein Video reingezogen. Insgesamt vier prominente Frauen sah ich, eine davon hörte ich auch. Visuelles Fazit: Frau Kommissionspräsidentin (EU) und Frau Bundeskanzlerin (D) wollten wohl die Hosen anhaben, schmierten aber gegen die Queen (GB) klar ab. Warum eigentlich können moderne Damen keine schönen Kleider mehr tragen? Körperbetonte Dünne (EU) oder Dicke (D) machen sich sans culottes einfach nicht gut.

Kleidsam angenehmes Augenmaß (GB) wohnt hingegen auch der grünen Kanzlerkandidatin (D) inne. Sie trägt überzeugend schön betont weibliches Outfit, und vielleicht hört der männliche Teil ihrer Fans deshalb über so manchen sprachlichen Schnitzer großzügig hinweg. Ob „Technogie“ oder „Keifpreis“: Technologie hat ihren Kaufpreis – und ein tech-no-gieriges Geschrei ist sowieso ein Widerspruch in sich.

Die green queen der Herzen jedenfalls wäre mir armem Sünder um ein wallendes Haar fast nachgerade DIE Motivation geworden, ihre Partei am kommenden 26. September tatsächlich auf dem Wahlzettel anzukreuzen. Aber ich muss wohl leider davon Abstand nehmen: Zwar trägt die Spitzenfrau ein wunderbares rotes (!?) Kleid, doch die Stümme einer nicht mehr freien, sondern bloß noch „sozial-ökologischen Marktwirtschaft“ nervt total.

Ich sage das hier ganz frei heraus. Blumen kleiden sich bibelbekanntlich und gesangbuchvertraulich sowieso besser als Salomonis Seide. Ob die nun feminin oder auch vereinzelt sogar maskulin sind, muss nieman(n)/frau/de/n groß kümmern. Aber rhetorisch könnte ein Menschenkind gegenüber selbst üppigster Flora herr/frau/lich punkten: Doch sogar dort, wo der Bär steppt und der Bock sich zum Gärtner umstilisiert, endet der medientaugliche Auftritt im Abtritt deutlich hörbar im nicht ganz so vermittelbaren Ausspruch des unaussprechlichen Sch…-Wortes.

Wir sollten es, vornehm wie wir sind, ein wenig französisieren und also G7-tauglich machen – für unser Kommissionsröschen sowie für unsere Kanzlerprimel; für die Königin indes zum souveränen Überhören im gesamten Commonwealth. Leider nicht ignorierbar – sie hat es tatsächlich gesagt – ist das vermaledeite Wort im Munde einer – nein: – DER Kanzler/in/willigen aus eigenem Völkerrecht vulgo: Merde.

Jüngst zu Pfingsten

Als ich noch jung war, machten wir an Pfingsten gern mit Freunden und Nachbarn Radtouren in die aufblühende Natur. Meine Empathie zu alten braven Kirchgängern hielt sich an solchen Tagen in durchaus überschaubaren Grenzen; allenfalls bemitleidete ich aus luftig-sonniger sicherer Entfernung auf meinem großen schwarzen Hollandrad unseren lieben Pfarrer, der auch dann, in einem kühlen dunklen und fast gänzlich menschenleeren Gotteshaus, seinen Dienst verrichten musste.

Fünfzig Tage nach Ostern – was gab es da schon zu feiern? Waren nicht alle froh, die stressigen Advents- und Weihnachtstage, die traurige Passionszeit, die gedrückte Karwoche, die aufwendige Osternacht und womöglich noch einen aus familiären Gründen unumgänglichen überlangen Konfirmationsgottesdienst nebst anschließenden kulinarischen Unverträglichkeiten endlich glücklich überstanden zu haben?

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Ich habe die ungezwungenen Ausflüge anlässlich der Geistausgießung immer freudig und in vollen Zügen genossen. War nicht bereits in Davids Psalmen klangreich und musikalisch anregend von der Ehre Gottes aus der Natur profunde Rede? Im übrigen fand ich, was etwa den in adoleszenten Jahren wichtiger werdenden Ausschank von Spirituosen anging, dass Petrus seinerzeit den Spott der Zuhörer nur schwach entschärft habe: Auf die Unterstellung, die predigenden Jünger seien „voll süßen Weins“, entgegnet er: „Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage“, das heißt: neun Uhr morgens …

Kein dümmeres „Argument“ könnte sich finden: Der Unterstellung, sie wären also – sagen wir: – zwei, drei Stunden später dann garantiert reichlich angesäuselt, ist doch mit solch einer Aussage Tür und Tor geöffnet. Kirchengeburtstag ist mithin seit frühesten Anfängen von Missverständnissen gesäumt. Daraus errettet einzig und allein die alte Radfahrerweisheit: „Da hilft kein Singen und kein Beten, / da hilft nur Treten“. Und wer so aus dem Gröbsten herausgekommen ist ins Grüne, erkennt außerdem: Geistige Getränke lassen allenfalls den Weltgeist auf den Plan rufen, nicht jedoch dasjenige/diejenige/denjenigen, das/die/der meg/h/a/n/mäßig als the Holy Spirit harrymgeistert …

Diesen Kuss der ganzen Welt: Predigt auf dem Silbertablet, alles schön anzusehen und anzuhören. Die Hochzeit derer von Sussex zu Windsor hat da freundliche Maßstäbe gesetzt. Bei solchen Anlässen grämen sich viele, die schon länger hier leben, und fordern die Wiedereinführung der Monarchie auch bei uns. Dass der letzte Kaiser ein halber Engländer war – oder gerade deshalb dann doch wiederum ein ganzer Deutscher – … es ist kompliziert, very exciting. Jedenfalls verbannte man auf der Insel anno 1917 die deutsche Umgangssprache bei Hofe und gab dem Herrscherhaus Sachsen-Coburg-Gotha unter dem Eindruck der kriegstreibenden preußischen Verwandtschaft den Namen jenes Schlosses westlich von London, in dessen Kapelle nun die Ansprache eines anglikanischen Bischofs aus Chicago international aufhorchen ließ.

Ob bei all diesem „Jewühl“ immer auch zwischen Jambus und Trochäus reinlich unterschieden wird, sollte man mit Fug und Recht bezweifeln – allerdings nicht gleich mit Fuge und Rezitativ … Schwierige Melodien nämlich, die bisher auch in Pfingstliedern immer wieder zu schier unlösbaren Problemen führten, haben jetzt ausgedient. Das freut alle, die sich auf der Geest sowie in Marschen und Mooren für die Erhaltung angestammten Liedgutes tatkräftig und also auch vom musikalischen Standpunkt aus gesehen ganz praktisch einsetzen. Bolle auf der Schönholzer Heide sei Dank. Nach Pankow war sein Ziel. Jüngst zu Pfingsten. Singen Sie auf diese Weise doch mal die folgenden sonst eher vergessenen Zeilen:

„In aller Heiden Lande / erschallt dein kräftig Wort, / sie werfen Satans Bande / und ihre Götzen fort; / von allen Seiten kommen / sie in das Reich herein; / ach soll es uns genommen, / für uns verschlossen sein?“

Dieser Strophe aus dem Pfingstlied „O komm, du Geist der Wahrheit“ (im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 136) schließen sich nun viele weitere Lieder mit der neuen populären Melodie an, durchs ganze Kirchenjahr hindurch: „Wie soll ich dich empfangen“, „Die Nacht ist vorgedrungen“, „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Valet will ich dir geben“, „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“, „Zeuch ein zu deinen Toren“, „Befiehl du deine Wege“ und so weiter und so fort.

Wenn der Geist zu solch leichten Erkenntnissen führt, liegt vielleicht ja doch ein Gran Wahrheit, gar Weisheit im kulturchristlichen Weltbild. Wer weiß. Wir sollten die Kraft der Heiterkeit niemals unterschätzen. Und womöglich erweisen sich durch die Einführung von Einheitsmelodien wie dieser hier viele projektierte Textumdichtungen als überflüssig. Denn Schrägstriche oder Gendersternchen bekommt sowieso niemand mehr mit, sobald zündender Sound alles, was bisher noch halbwegs geistgewirkt war, zuverlässig überdeckt.

Völlig losgelöst und im guten Sinne abgehoben schwinge ich mich wieder auf mein Fahrrad, eingedenk aller, die darüber schimpfen, dass der Spritpreis an Tankstellen teurer werden soll. Automobil per pedes auf zwei Rädern bleibe ich aber nur, wenn ich durchhalte. Sonst würde ich umkippen. Weltgeist erweist sich hier als sehr praktisch. Nur im Hinblick auf die Kanzel ist ein Drahtesel eher hinderlich. Dorthin kann man immer noch besser zu Fuß gehen, einesteils, sie zu besteigen, andernteils, sich unter sie zu begeben – jeweils für jüngste Überblicke ganz anderer Art. Erstaunlicherweise bestehen diese Möglichkeiten nach wie vor. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten!