Yes, we can’t

„Wir schaffen das“ war vor bald vier Jahren das Startsignal für alles, was man seitdem, milde ausgedrückt, „Flüchtlingskrise“ nennt. Dieses Bonmot (oder: Malmot?) aus dem Munde unserer Bundeskanzlerin scheint im Rückblick die deutsche Antwort auf die US-amerikanische Ermunterung des Präsidentschaftskandidaten anno 2008 zu sein. Über zehn Jahre ist es her, dass der Senator aus Chicago, Barack Obama, unter dem orgiastischen Jubel einer unübersehbar großen Menschenmasse auf der Straße des 17. Juni in Berlin wie ein Messias empfangen und für seinen Ausruf „Yes, we can“ besinnungslos beklatscht wurde.

An der Siegessäule meinte damals ein idolbesoffenes selbsternanntes Weltbürgertum, über die künftigen transatlantischen Zeitläufte alternativlos gut entschieden zu haben. Es begann mit einer prophylaktischen Friedensnobelpreisverleihung an den tatsächlich gewählten und 2012 im Amt bestätigten ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika – und endete nach acht Jahren im weltpolitischen Chaos von Drohnenkriegen, in verschärften Fronten im Nahen Osten und mit Misstrauensbekundungen nicht nur aus Russland, sondern auch aus dem Kreis von abgehörten europäischen Verbündeten. Ende 2016/Anfang 2017 war der Mehrheit der amerikanischen Elektoren dann nicht etwa nach der ersten Frau im Präsidentenamt zumute, sondern nach einem alten weißen Cis-Mann, der sich bis jetzt darin treu geblieben ist, nicht als diplomatischer Politiker, sondern als selbständiger Unternehmer und dealmaker zu agieren. Einen neuen Krieg hat er bisher nicht begonnen.

Die dennoch in den bundesdeutschen Medien grassierende Verteufelung des derzeitigen US-Präsidenten hängt natürlich damit zusammen, dass mit ihm gesellschaftspolitisch nach den Begriffen der political correctness kein Staat zu machen ist. Wer legt sich schon ins Zeug für jemanden, der den „menschengemachten Klimawandel leugnet“? So jemand kann nicht als Vorbild dienen, wenn es um kultartige Bedürfnisse geht. Von denen haben wir, die Deutschen, immer sehr viel. Ich erinnere mich an die Begeisterungsstürme, als Papst Woityla in Münster (Westfalen) erschien. Der Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs mitsamt seiner attraktiven Ehefrau Raissa in den späten Achtzigern verursachte laut „Spiegel“ damals gar einen kollektiven „Gorbasmus“. Etwas gesitteter mag es gut zwanzig Jahre zuvor beim Volksauflauf am Schiffgraben in Hannover zugegangen sein, als Queen Elizabeth II. ihren ehemaligen Untertanen einen Besuch abstattete. Aber zwei Jahre noch von da zurück, 1963, vor dem Schöneberger Rathaus, war kein Halten mehr, als US-Präsident Kennedy auf deutsch sein Pfannkuchenbekenntnis ablegte und ausrief: „Ich bin ein Berliner“.

Wir Deutschen mögen den Personenkult. Da setzt bei uns der Verstand aus. Dem Führer hat man einst gehuldigt wie sonstwas. Wie gut hatte der abgeguckt im faschistischen Italien und beim Stalinismus; und wie tief zog sich die Blutspur auch anderswo, im Maoismus und Titoismus sowie in den verderbenbringenden Verehrungszwängen von Albanien, Kambodscha, Vietnam, Nordkorea, Kuba, Rumänien oder Venezuela. Eigenartigerweise gibt es nach 1945 keine deutsche Persönlichkeit, die von ihrem Volk verheiligt worden wäre. Ulbricht wurde eher als Posse wahrgenommen, trotz aller Gefahren an Leib und Leben, die solch gesundes kritisches Urteil standhafter DDR-Bürger mit sich brachte. Die diktatorische Böswilligkeit des vorgeblich ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden muss allerdings wohl erst noch aufgearbeitet werden. Dass die sozialistische Staatssicherheit ein noch engmaschigeres Netz gesponnen hatte als die nationalsozialistische Geheime Staatspolizei, sollte nicht in Vergessenheit geraten.

Der gemeine deutsche Personenhype fokussiert sich heutzutage also eher auf ausländische Stars: Das ist insofern günstig, als den so Verehrten keinerlei wirkliche Verantwortung zuerkannt werden muss. Kennedy, Lizzy, Urbi et Orbi, Gorbi, Obi: Sie sorgen oder sorgten für ihre eigenen Länder oder Schützlinge, nicht primär für die Bundesrepublik. Die SPD-Kampagne „Willy wählen“ von 1972 war wahrscheinlich die einzige Ausnahme, welche die nachkriegsgeschichtliche Regel nur bestätigte: Denn nach anderthalb Jahren wars dann endgültig vorbei mit jenem Bundeskanzler, der immer so strahlend und sonnengebräunt und geschichtsweise aufzutreten hatte … Die „Willy!Willy!“-Rufe seiner Anhänger, die sich nicht zu schade waren, auch ihre Kinder mit Fähnchen auszustatten und diese auf Wahlkampfveranstaltungen begeistert schwenken zu lassen, sprechen da eine bezeichnende Sprache …

Aber nun hat die deutsche Jugend ja ein neues ausländisches Vorbild namens Greta. Die sechzehnjährige Schülerin aus Schweden ruft recht regelmäßig und erfolgreich im Sinne ihres Slogans „Fridays For Future“ zu Demonstrationen für die Klimarettung auf. Damit es den Erwachsenen auch richtig wehtut, finden die straßenfüllenden Proteste immer freitagmorgens zur besten Schulzeit statt. Auch die Bundeskanzlerin hat mittlerweile die notorische Schwänzerei gutgeheißen, so dass der Rechtsstaat alleingelassen dasteht auf weiter Flur. Andererseits: Warum soll man denn auch bitteschön sich noch Wissen aneignen unter kundiger Anleitung von Lehrpersonen, wenn doch sowieso morgen die Welt untergeht?

Befeuert werden die Großkinder saturierter Altachtundsechzigerrevolutionäre von den Möchtegerndemagogen der dazwischenliegenden Elterngeneration. Und es stimmt ja auch: Die „89er“ sind so etwas wie betrogene Betrüger; denn als sie im besten Revoluzzeralter wie ihre Vorbilder zwei Jahrzehnte zuvor mit Anfang zwanzig aufbegehren wollten, machte ihnen der Berliner Mauerfall einen Strich durch die Rechnung idealistischer Flausen vom Gleichklang in Marx- und Engelszungen. Flüggegewordener Nachwuchs solch bedauernswerter Sandwichkinder soll ergo jetzt richten, wo der böse alte Cis-Mann in barocker Inkarnation etwa eines patriarchalen Bundeskanzlers Kohl die seinerzeitigen frischen Kräfte an deren guten Werken hinderte.

Deutsche Bischöfe beiderlei Geschlechts und Konfession entblöden sich in diesen unorientierten Zeiten nicht, die Klimaaktivistin aus Stockholm in einen prophetischen, wenn nicht gar gleich jesusmäßigen Rang zu erheben. Predigten auch von normalen Pfarrern vor Ort verklären das so herzzerreißend traurig dreinblickende Mädchen zur göttlichen Botin. „Wie hast du’s mit dem Klimaschutz?“ wird zur unüberbietbaren Gretchenfrage 2.0 hochgejazzt. Dass der Glaube an Gott eigentlich weitaus mehr meint als gesellschaftspolitische Rechthaberei, soll bloß niemand mehr ernsthaft denken müssen. Nein, alles ist klar, entschieden, eindeutig, alternativlos. Wehe dem, der heutzutage mit neuen Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern um die Ecke käme – die könnten ja (und wir bemühen ein weiteres Mal Goethes Faust) „leider auch Theologie“ enthalten …

Zur heutigen Wahrheit würde indes ziemlich sicher gehören, dass wir „das“, was uns einerseits in barrierefreie Toleranz oder andererseits in massenhafte Panik geraten lassen soll, durchaus nicht schaffen. Weder die Einwanderung von Angehörigen zutiefst archaisch geprägter Kulturen noch die Bewältigung der tatsächlich wirkenden, aber eben weniger menschenabhängigen als vielmehr, wie seit Jahrmillionen üblich, solar verursachten weltweiten Klimaveränderung lassen sich mal eben so wuppen. Idole hin oder her. Die wahre Sonne scheint sowieso vor Ort und lässt die Traditionen strahlen:

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Lob einer je eigenen Heimat mitsamt deren auch neugotischen Zeugnissen in eigentlich doch wunderschönen Bauwerken, bereit zur Überwindung von Schleusen – und fest auf dem Boden des bundesdeutschen Grundgesetzes, das nun siebzig Jahre alt wird, in bester schwarz-rot-goldener Verankerung: Was gibt es besseren Schutz vor Personenkult jeglicher Couleur? Wir schaffen nicht alles, aber darüber müssen wir die Freiheit nicht verlieren. Wer so weit denkt wie das Meer unendlich ist, fühlt und weiß sein Herz am richtigen Ort. Und damit zurück nicht in die bloß großdimensionierte, aber in Wirklichkeit inhaltsleere „Vielfalt“ von allem und jedem, sondern ganz sinnlich und genau, durchaus republikanisch-demokratisch-amerikanisch-deutsch-bürgerlich bestimmt zum Beispiel nach –  Bremerhaven.

Foto: Bremerhaven, Schleuse mit Schiff, das ins offene Meer steuert, dahinter Großer Leuchtturm, auch Loschenturm genannt, erbaut 1853 bis 1855 nach Plänen des Bremer Architekten Simon Loschen (1818-1902).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quasi una fantasia tedesca

Wie eine deutsche Phantasie (mit dickem ph) – oder eher als feinsinnige Fantasie (mit schlankem f)? Gravitas oder Grazie? Hirngespinst oder Klangereignis? Schwere oder Schwebe? Irden-himmlischer Elfenbeinturm oder himmlisch-irdene Ausdrucksmacht? Ziellose Schwelgerei oder willensstarke Musik?

Irgendwie sind die Attribute austauschbar: Der griechischen Schreibweise ließen sich ebenso zarte wie ungezügelte Eigenschaften gleichermaßen zuordnen wie der lateinisch-italienischen. Das Reich der Ph/F/antasie ist unerschöpflich, widersprüchlich, reichhaltig – aber bisweilen auch sehr blutleer. Dünnes Denken wechselt mit fiebernder Fülle geistlos/geistreich ab.

Eine berühmt-berüchtigte Druckgrafik aus dem Zyklus „Los Caprichos“ des spanischen Künstlers Francisco de Goya nennt sich im Deutschen meist: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Statt „Schlaf“ lässt sich auch „Traum“ sagen. Ob das Ganze satirisch oder todernst aufgefasst werden soll, ist seit Entstehung dieser Radierung, Ende des achtzehnten Jahrhunderts, häufig und gern diskutiert worden. Kann sich in diesem Bild auch der sprichwörtliche deutsche Michel mit seiner Schlafmütze wiederfinden? Sind Träume bloß Schäume – oder alp-hafte (!) Bewältigungen böser Realität?

Die deutsche Romantik, die zeitgleich mit den gesellschaftskritischen Darstellungen des seit Anfang der 1790er Jahre ertaubten Goya entstand, sah das Reich der Gedanken als einzig verbliebene Sphäre, aus der ein Mensch nicht vertrieben werden kann. Während um anno 1800 alle in deutschen Landen seit rund neun Jahrhunderten vertrauten Verhältnisse sich unter dem Druck der vom revolutionären Frankreich ausgehenden Umwälzungen und handfesten Kriege auflösten, begaben sich die Nachdenklichen ins innere Exil.

Wer in bildender Kunst, Literatur und Musik etwas zu sagen hatte, erschuf allein aus eigener Geisteskraft je neue Welten – ohne nach deren Praktikabilität oder gar Zweckmäßigkeit groß zu fragen. Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich, Novalis oder Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven in seinen Opera ab der Jahrhundertwende oder Franz Schubert – und es ließen sich viele andere nennen – haben gewissermaßen Gegenwelten projektiert, um dem offensichtlichen grausamen Wahnsinn zu begegnen. Wer damals in Farben, Worten oder Tönen schwelgte, war ein kritischer Traumtänzer, aber keineswegs unsystematisch oder gar am wirklichen Leben vorbei.

Dass sich die Romantiker und solche, die es werden wollten, vielfach darauf besannen, „wie uns die Alten sungen“, dürfte eigentlich keine Empörung hervorrufen. Noch zu meiner Schulzeit wurde uns eingeprägt, dass man aus der Geschichte lernen möge. Das war in den Siebzigern und Achtzigern im letzten Jahrhundert des seit nunmehr bald vor dem Zeitraum einer Erwachsenenwerdung verflossenen Jahrtausends. Ist es nicht erschreckend-erstaunlich, wie rasch sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten die historisch denkende Alltagsmentalität verflüchtigt hat?

Dass arabische Immigranten nicht wissen, wie sehr es hier in Deutschland vor siebzig Jahren flächendeckend sogar trümmerhafter aussah als heutzutage in Syrien – geschenkt. Aber dass eine angehende Religionslehrerin ganz beglückt aus dem Häuschen gerät, als sie zu hören meint, das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ habe ein amerikanischer Bürgerrechtler gedichtet – und es, auf den feinen Unterschied einer Null hingewiesen, nicht weiter schlimm findet, dass der eine vor 500 und der andere vor 50 Jahren gewirkt hat, ihr quasi die Differenz von Martin Luther und Martin Luther King völlig egal ist … sind ja beide längst tot – also hier müsste vielleicht doch eine Abiturnachprüfung angesetzt werden, oder?

Andererseits hat die junge Dame etwas Richtiges gespürt: In Lutherliedern ist Musik drin! Die sagen einem „auch heute noch“ was. Jedem Lapsus liegt ein Zauber inne. Romantik pur. Eine PH hat doch auch ihr Gutes. In strikter PH-Neutralität von Geschichts- und Geschlechtslosigkeit wandeln also die Lehrpläne von Pädagogischen Hochschulen, heutzutage meist im Range von veritablen Universitäten, auf quasi politisch korrekten Wegen, zwar unhistorisch spintisierend und gendergerecht alles von gutem altem Herkommen terrorisierend: aber eben irgendwie doch die Absolvent*inn*en solcher Anstalten in Betroffenheit berührend. Das sollten wir bei allem zum Sarkasmus reizenden Nonsens denn doch nicht vergessen.

Bundesdeutsche Phantasie – gibt es die eigentlich? Zu mehr als zum „Verfassungspatriotismus“ hat es letztlich nie gereicht. Und unser gutes Grundgesetz hatte nur solange Ausstrahlungskraft, als es den Gegenentwurf zur wie auch immer gearteten Verfasstheit der „Deutschen Demokratischen Republik“ darstellte. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 hat sich vieles leider erledigt. Nicht, dass die neu hinzugekommenen Bürger daran irgendeine Schuld träfe, im Gegenteil! Die friedliche Revolution von 1989/90 hatte ja gerade das Ziel, den Inhalt der die Bonner Republik begründenden Ordnung auch für die eigene Lebenswelt fruchtbar zu machen. Und es war großartig, wie sie sich in diesem Bestreben von nichts und niemandem unterkriegen ließ!

Der Schwere des Abschüttelns von Stasi-Diktatur und fehlgeleitetem Wirtschaftssystem folgte leider jedoch nur eine kurze Phase idealistischer Schwebe – übrigens auf beiden Seiten von Mauer und Stacheldraht! Im strahlend schönen Sommer 1990 saßen wir vor Eckkneipen und in Biergärten unter dem hohen sternbeglänzten Himmel über Berlin, Wessis und Ossis treulich beieinander – was bisher „die Mode streng geteilt“ – , in studentischer Verzückung, hier und jetzt im historischen Bewusstsein, einen Zipfel des Mantels der Geschichte tatsächlich erhascht zu haben. Viel war von „Konföderation“ die Rede, auch davon, dass „alle“ „etwas einzubringen haben“, mit „ihren Biographien“ und Erfahrungen und so weiter und so fort.

Berliner Romantik, nunmehr nicht in den Salons einer Henriette Herz oder Rahel Varnhagen, sondern als Schlabberlook-Neuauflage in verwunschenen Abrisshinterhöfen im Prenzlauer Berg oder in den einschlägigen Lokalen in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Die vornehmere Fortsetzung der Debatten aus milden Sommernächten fand tagsüber auf dem Campus statt: je nachdem, wo man studierte, erörterten junge Leute die neue deutsche Frage in Dahlem, Zehlendorf oder in Mitte. Dass anderswo auch andere – entscheidungsstärkere – Personen über uns sprachen, nahmen wir kaum zur Kenntnis. Dass diese Herrschaften Bush, Gorbatschow, Mitterrand und Frau Thatcher hießen, die sich zu viert mit den zwei Deutschen Kohl und de Maizière trafen, störte niemanden unter uns daran, hochfliegende Gedanken etwa über die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus begeistert zu ventilieren.

Quasi una fantasia tedesca

Viel Gerede zum Mondscheintarif – am 1. Juli 1990 war das alles schlagartig vorbei: Die Deutsche Mark (West) wurde in der Noch-DDR als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt, und von Stund an lief alles seinen marktwirtschaftlichen Gang. Der fruchtbare wie weltfremde Gegensatz von PhantaSie und FantaDu war überwunden. Insbesondere für die Studenten der evangelischen Theologie, die immer besonders lautstark „sich einbringen“ wollten, war das eine harte Nuss. Der reizvolle weltbürgerlich anmutende Traum: ein Bundeskanzler Lafontaine hüben und vis-à-vis ein Ministerpräsident de Maizière drüben, zwei „Ar“s, nämlich Oskar und Lothar samt französischen Nachnamen: – war da bereits ausgeträumt.

Als „Chabis“ entlarvt, schweizerisch im übertragenen Sinne für „Unfug“, wortwörtlich aber: „Kohl“. Der blieb nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 denn auch Kanzler, ganz allein: Die DDR gab es da bereits seit zwei Monaten nicht mehr. Was uns „an der Basis“ seinerzeit noch nicht so klar war: Der Preis für die deutsche Einheit war die D-Mark. Da konnte Franz Beckenbauer im schönen Sommer zuvor noch den Pokal der Fußballweltmeisterschaft so freudig in den sternenklaren römischen Nachthimmel gereckt haben: Das eigentliche Symbol bundesdeutschen Erfolgs der Nachkriegszeit war schon längst dem Neid der kleineren Westalliierten geopfert. Eine Weichwährung namens Ecu/Euro brach sich Bahn und frisst sich ganz praktisch, also völlig theoriefrei, sprich: ungebremst bundesbanklos(!) spätestens seit 2002 unersättlich in unsere Ersparnisse hinein.

Damit sind wir beim schnöden Mammon angelangt. Geld regiert die Welt, je einheitlicher die Währung, desto gefahrvoller für den einzelnen Haushalt, wenn makroökonomisch etwas aus dem Ruder läuft. In der Napoleonischen Ära hatte man damit auch schon seine liebe Not. Deutsche Romantik hat seinerzeit mit ihren ganz eigenen Mitteln und Wegen ihr zugetane Menschen bei der Stange gehalten. Wer hingegen keinerlei Phantasie entwickelte, ging zugrunde. Aus genau dieser Situation heraus entstand in den 1810er Jahren ein frisches deutsches Nationalgefühl. Es war zunächst weder völkisch noch monetaristisch noch reaktionär ausgerichtet, sondern vorrangig auf die eigenen bisher unterdrückten kulturellen Traditionen bedacht. Nach der Abschüttelung französischer Kaiserdiktatur bemächtigten sich insbesondere die Studenten der klassischen freiheitlichen Ideale – bis wiederum die nunmehr einheimische, sprich Metternichsche Reaktion (spätestens 1819) unbarmherzig zuschlug.

So wurde die Vernunft gezwungenermaßen in einen Tiefschlaf versetzt, der so manches Ungeheuer hervortreten ließ. Als Schuldigen aber machte man seitdem gern samt und sonders die Romantik in toto aus, obwohl diese phantasievolle und also auch politisch in ihrem Selbstverständnis völlig ungebundene Geistesströmung alles andere als repressiv war. Eher ist – von heute aus – zu fragen, ob es nicht schließlich kaltherzige „Dialektik der Aufklärung“ war, die im gesamten zwanzigsten Jahrhundert zu den in Nachahmung der französischen „Terreur“ bösartig-raffiniert geplanten Massenmorden geführt hat.

Die innerdeutsche gegenwärtige Diskussion ums Selbstverständnis krankt daran, dass alle gegen alle reden und am Ende nur „Stalinisten“ auf der einen und „Nazis“ auf der anderen Seite übrigbleiben. Wer eigentlich die Mitte ausfüllt, bleibt nebulös. Das war mal anders. Noch bis in die Neunziger hinein repräsentierten schöne Tiefdruckbeilagen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Bilder und Zeiten“ oder die Feuilletons etlicher anderer überregionaler Blätter ein abwägendes und zugleich meinungsstarkes bürgerliches Kulturbewusstsein. Wenn ein Marcel Reich-Ranicki sich mit jemandem befehdete, dann schlugen die Streithähne wohl sprachlich bisweilen über die Stränge, aber das gehörte zum Spiel hinzu. Auch in anderen medialen Formaten wussten sich die an der Auseinandersetzung Beteiligten mit dem deutschen Bildungskanon grundsätzlich einig. Messer wurden nicht gezückt, man enthielt sich auch der Morde durch solche Bestecke. Gezielte Rotweinverschüttungen auf Lieblingsgegner waren die Ausnahme und fanden nur in ausgewählten Fernsehdiskussionen statt.

Unter solchen Vorzeichen war jahrzehntelang zumindest unterschwellig von der deutschen Wiedervereinigung die Rede. Es gab auch Institutionen, die während der gesamten Nachkriegszeit 1945 bis 1990 ohne jeglichen Verdruss Mauer und Stacheldraht ignorierten und gesamtdeutsch weiterarbeiteten: Es sei hier nur die Neue Bachgesellschaft von 1900 e.V. erwähnt. Musik, aber auch Sport und natürlich die gemeinsame Sprache verband vielfältig, wenn auch oftmals organisatorisch zwangsweise getrennt. Dass die Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft sich mit steigendem Wohlstand indes proportional dazu weniger für diese Dinge interessierte, ist allerdings nicht zu verschweigen. Unsere Lokalzeitung brachte nur alle vier Wochen eine Seite mit dem Titel „Blick ins andere Deutschland“. Im übrigen schien die deutsche Teilung fest zementiert. Mein Foto weiter oben von der Berliner Mauer am Brandenburger Tor datiert von 1983 – dass sich dort etwas ändern könnte, hätten wir uns damals in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Phantastische Fantasien müssen nicht zügellos sein. Was romantisch daherkommt, ist oftmals von der Faktur her nichts anderes als die Ausweitung dessen, was an Techniken kleinteilig bereits lange vorhanden war. Die Betitelung Quasi una fantasia bedeutet also keine sanktionierte Regellosigkeit; vielmehr wird ein motivischer Kern zur allgemeinen Maxime erhoben. Goldene Regel und Kategorischer Imperativ werden dem romantischen Impuls einverleibt – und so vor dem Einerlei der Tagesmeinung gerettet. Besonders Beethovens cis-moll-Klaviersonate, komponiert anno 1800, ist so gar nicht willkürlich, geschweige denn wirr oder nach Laune konzipiert. Im Gegenteil, sehr verlässlich bringen alle drei Sätze dieser seit dem neunzehnten Jahrhundert so genannten „Mondscheinsonate“ Motive und Melodien in schönster Regelmäßigkeit wieder und wieder. Dass dennoch gerade dieses Werk die Geister nicht ruhen, sondern höchst anregen lässt, liegt in der nachgerade genialen Verbindung von Schlichtheit und Aufruhr. Aus einem Lehrbuch oder Modul ließe sich für solch subversive Musik kein einziger Götterfunken herausschlagen. Man gut, dass die Romantik niemals schulbuchmäßig kroch, sondern grenzenlos frei dachte!

Beethoven hat sich als Fünfundzwanzigjähriger anno 1796 während einer von einem adligen Gönner ermöglichten Reise in Leipzig und in Berlin aufgehalten. Musikalische Studien in der Thomasschule der sächsischen Messestadt sowie Empfänge am Hof in der preußischen Hauptstadt ermöglichten ihm gründliche Studien, von Bach ausgehend. Zeit seines weiteren Lebens hat der später ertaubte Meister in seinen Kompositionen diese persönlich angeeigneten Überlieferungen einfließen lassen. Dabei ging er nicht als Kopist vor (wie man es, bei allem Respekt, Mozart in einigen seiner Stücke unterstellen könnte; er hatte 1789 ebenfalls eine Reise zu diesen Stätten mit dem gleichen Gönner unternommen), sondern als phantasievoller Schöpfer von schon beim ersten Hören erkennbaren Stücken des einzigen „Beethoven“.

Das vorhandene Material sich zueigen machen: Eine Frage von individueller Kunstfertigkeit! Das romantische Menschenbild setzt auf die eigene freie zu allem fähige starke Persönlichkeit. Jegliche Propaganda ist ihr fremd. Eine Ich-Welt trotzt jeder Art von Diktatur. Das Individuum ist die Keimzelle jeglicher Gesellschaftsordnung. Der international sich gerierende und im Ernstfall stalinistische Sozialismus hat das ebensowenig begriffen wie der in Deutschland zuvor wütende National-Sozialismus. Sofern sich diese Regime auf die Romantik beriefen, lagen sie schlicht und einfach falsch. Das muss betont werden zur Rehabilitation der zu Unrecht Angeklagten.

Deutsche Einheit – ein weites Feld. Handfeste Phantasien und klingende Fantasien bilden ja vielleicht die Grundlage dafür, dass bei uns das Denken in bildender Kunst, in gesprochenem und geschriebenem Wort, in auskomponiertem Klang nicht ausstirbt. Mit Ph oder nur mit F. Also diesen unbescheidenen Wunsch hätte ich dann doch, auch am achtundzwanzigsten Jahrestag der 1990er Deutschen Einheit.