Wer früher schläft, kann länger träumen

Aufgeweckte Menschen haben gut geschlafen, lassen den Tag langsam angehen, machen alles schön bedächtig, freuen sich entweder am sonnigen Morgen oder stören sich jedenfalls nicht, wenn es wider Erwarten regnet, stürmt oder schneit. Unter solchen Voraussetzungen lesen sie Losung, Lehrtext sowie mindestens zwei Zeitungen fast im Fluge. Alles geht derartig leicht von der Hand, dass sich sogar manche ihrer dero zweiten entsinnen und ganz frei harmonisierend einen vierstimmigen Choral am Klavier zuwege bringen.

„Wach auf, mein Herz, und singe“, recht passabel intoniert, später mit Schleifchen versehen, einen Moment weiter schon mithilfe von oktavierten Bässen oder gebrochenen Dreiklangsgirlanden romantisierend aufgemotzt, einmündend in ein Fugato, das – selbst wenn es ausdrücklich ja keinen Anspruch erhebt, eine Fuge zu sein, auch so nicht hält, was es verspricht – irgendwann ebenso extemporiert feierlich wie züchtig im Plagalschluss unter vorheriger Aufbietung sämtlicher Finessen des Organistenzwirns schließlich doch keineswegs schnöde endet, sondern vielmehr hochfein „endigt“.

Solche gut ausgeschlafenen geistes- und musikbeflissenen Leute haben ihrem bevorstehenden Tag bereits einen #tag eingeprägt. Historische Vorbilder könnten dafür etwa diese hier sein: Immanuel Kant (1724-1804), der jeden Morgen ein Gesangbuchlied auf seinem Harmonium spielte; Joseph Haydn (1732-1809), der seine eigene Komposition „Gott erhalte Franz den Kaiser“ am Clavichord variierend intonierte; Frédéric Chopin (1810-1849) und Richard Wagner (1813-1883), die beide sich selbst tagtäglich und richtig buchstäblich „beflügelten“ mit Präludien und Fugen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier.

Bei so reichlich ausströmender Wachheit sei den Normalsterblichen unter uns spätestens um die Mittagszeit ein erquickendes Nickerchen gegönnt. Mittlerweile wird dies sogar von etlichen Chefs den eigenen Mitarbeitern nachhaltig im Format power-napping freundlichst anempfohlen. Nützlichkeitserwägungen mögen da eine nicht unerhebliche Rolle spielen, soll doch der Untergebene möglichst lange funktionieren. Dennoch wäre es falsch, von gewerkschaftlicher Seite aus diese unterstellt paternalistische Geste bekämpfen zu wollen; denn jede Schlafmöglichkeit bringt ja auch Träumereien mit sich. Wer die Augen schließt und subversiv zugedeckt ruht, sieht innerlich eine andere Welt.

museumsschlaf

Da schlummert Potenzial. Es regt sich Utopia. Das Nirgendwo, der Sehnsuchtsort, die ideale Stadt meldet sich bei jenen, die so frei sind. Und was genau sehen diese Menschen?

Wer früher schläft, kann länger träumen

Tief in ihrem Inneren rumort es gehörig. Zwar imaginieren sie augenscheinlich lauter Harmlosigkeiten wie zum Beispiel hochgebaute mittelalterliche Städte mit gotischen Kirchen und buntgeschäftig erfüllten gewölbten Laubengängen unter milder Aufsicht einer im prächtigen Rathaus ebenso selbstbewusst wie verantwortungsvoll regierenden Bürgerschaft. Handel und Wandel sind geprägt durch zünftig produktives Geschick und phantasievoll schöpferisches Künstlertum, einhergehend mit kulturellem Schwung, der seinerseits in frommer Dankbarkeit wurzelt.

Doch ehe unsere gedachten Schöngeister vollends dem Mythos und der Mystik frönen, nur weil sie im Wachzustand allzuviel Musik inhaliert haben, machen sie schon wieder ihre Äuglein auf, erinnern sich allerdings nachhaltig ihrer inneren Bilder und nehmen diese mit in die Fortsetzung ihres real existierenden Alltags. Dort können die sich zu kritischen Begleitern entwickeln. Vielleicht verhindern sie in bester Weise, der bisweilen drängende Versuchung eines vorzeitigen Ausstiegs nachzugeben; denn solche Tagträume rufen freie Assoziationen hervor wie die schenkelklopfend-krachlederne Aufforderung „Freut euch des Lebens!“ – oder die aus Hörspielen und Filmen bekannte perspektivisch-umgekehrte Memento-mori-Mahnung „Wer früher stirbt, ist länger tot.“

Frohsinn und Furchtsamkeit gleichermaßen bewahren vor unnötig panisch inszeniertem Exodus und Exitus. Wer Traumbilder mit sich trägt, lässt sich auch selber tragen, vielleicht gar besser ertragen: von ihnen und den mit selbigen verbundenen Gedanken und Gefühlen. Wenn irgendwann tatsächlich der Tod von sich aus kommt, dann als des Schlafes Bruder. Eigenartigerweise sind in dieser Weisheit altgewordenes Heidentum und junggebliebenes Christentum in- , mit- und untereinander tief verbunden. Hier treffen sich Athen, Rom und Jerusalem. Raffael-Stanzen und Nazarener-Malereien machen sich die Antike beziehungsweise das Mittelalter idealtypisch zueigen und bezeugen in ihren Aktualisierungen wie Historisierungen eine traumwandlerische Wahrhaftigkeit. Renaissance und Romantik müssen, so gesehen, keineswegs nur als Gegensätze aufgefasst werden.

Hier wie dort, bunt aber passgenau wie in einem Saal mit durch Petersburger Hängung präsentierten Gemälden, ist schlicht Geduld innen und außen angesagt. Human und religiös lässt sich womöglich doch das Leben meistern, allen widerstreitenden kurzatmig-tagespolitischen Einreden zum Trotz. Idealbilder auf der Höhe des Tages formen eine innere Kunsthalle, Gesänge der Frühe untermalen die Eindrücke weit und breit bis hinein in die Dimensionen sphärischen Tonhalls. Und was sich schön ausformt und darin kräftig nachhallt, verschafft nicht nur Form und Inhalt (!) neue Bahnen, sondern stärkt hallend-haltgebend auch genau jenes nachdenkliche Publikum, das aus Leuten sich zusammensetzt, denen Kunst und Kultur nicht bloßes und notfalls verzichtbares Beiwerk ist, sondern stets anregendes Lebenselixier.

Des Abends gehen unsere solcherart erweckten Menschen dann auch flugs und fröhlich schlafen. Unverwüstliche Lieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ und „Guten Abend, gute Nacht“ beschließen ihr Tagewerk, wie auch immer dieses sich im einzelnen gestaltet haben mag. Beim Abschied vom Tag mag als Losung und Lehrtext der Satz gelten: Wer früher schläft, kann länger träumen. Dieses Motto begrenzt unter Umständen einigermaßen vernünftig abrundend die Bettlektüre – zu deren und eigenem Gewinn … Frau Luna glänzt und bereitet zugleich leise sehnend die bald wiederkehrende Zeit der Aurora vor: So hält sie Erinnerung und Erwartung wach, unwiderstehlich bis zum nächsten Morgen, ganz frisch und neu.

Fotos: Schlummerstündchen nach Besichtigung einer Ausstellung in der Kunsthalle zu Emden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Platte(n-)Tektonik

Bevor aus den lärmenden Fankurven von Künstlertochter Greta („schlimmste Krise der Menschheit“) und Pfarrerssohn Rezo („Zerstörung der CDU“) der gemeinsame apokalyptische Abgesang mit Unterstützung von deren höchst eigentümlichen Panikorchestern (ohne sich auf Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ berufen zu können) in unfreiwillig urdeutschester Manier („Waldsterben“, „saurer Regen“, „Ozonloch“) erschallt, möchte ich hier zu guter Letzt („das Ende ist Nahles“) in aller Plattheit ganz andere Zusammenhänge kurz („Sebastian“) noch zum Besten geben.

Man soll ja ruiniert rüberkommen. Die Plaza von Laodizäa mit ihren Säulenstümpfen auf dem Hochplateau der piazza strahlt im morgendlichen Nebel genau jene zielgerichtete Morbidität aus, die Lust auf weitere Katastrophen macht:

laodizäa

Solch griechische Tragödie setzt sich von Kleinasien und Attika dann durch die Jahrtausende unausgesetzt fort bis ins heutige Zeitalter der Containerterminals an den Piers von Plattdeutschland. Die bös amerikanisierte Waterkant von Bremerhaven ist da eines der abschreckendsten Beispiele. Höchste Zeit also, dass Kreti und Plethi abgelöst werden durch Greti und Rezi. Wirtschaft war gestern; jetzt kommen Gretifikation und Rezolution endlich zu ihrem Kinderrecht. Da muss jeder Kranwahn endgültig, blitzschnell und eiskalt zermalmt werden.

bremerhaven

Antike von rechts, Industriezeitalter von rechts … äh nein, von links – in unterschiedlichen Spurgrößen zwar [ab jetzt: Ironie off], aber perspektivisch durchaus kombinierbar mit den piatti beim Letzten Abendmahl des Leonardo da Vinci. Indem ich hier eine Reproduktion aus einem oldenburgischen Gesangbuch des neunzehnten Jahrhunderts einrücke, bekenne ich mich ausdrücklich zu jenem großartigen, aber in unverschuldet heftigen Misskredit geratenen Kulturprotestantismus, dem kein Zacken aus der Krone brach, wenn er (Achtung, hier werden nun lauter römisch-katholisch sozialisierte Autoren bzw. deren Werke aufgezählt:) Haydns Schöpfung, Mozarts Requiem oder Beethovens Missa solemnis ebenso zur Aufführung brachte wie die Kuppel der vatikanischen Peterskirche, die Geburt der Venus von Botticelli oder eben besagtes Fresko aus dem Refektorium eines Mailänder Klostergebäudes zu Vorbildern eigenen künstlerischen Schaffens machte.

leonardo abendmahl

Liebe Leserinnen und Leser, die Frage an Sie und Euch lautet nun: Können Verbindungen unter den drei Abbildungen in diesem Text hergestellt werden? Denken wir uns die Welt noch als festgebackene Pizza oder doch schon als bewegliche Kugel? — Da Mitmachaktionen erfahrungsgemäß aber immer noch, trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts, schleppend bis gar nicht anlaufen, teile ich im folgenden schon mal einige Lösungsansätze mit. Wer präferiert was?

Erstens:

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Zweitens:

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Drittens:

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Für weitere Anregungen wäre ich dankbar. Unser 500-Jahres-Gedenkmann war schließlich nicht irgendwer; die Technik hat ihn ebenso begeistert wie die Antike. Beides kulminiert bei ihm in einer kühnen Interpretation christlicher Überlieferung. Etliche Linien führen direkt dorthin und perspektivisch weit darüber hinaus. Der Renaissancemensch lebt im übrigen bei uns weiter (denn die Geschichte schritt ja fort) in seinem optimistischen Humanismus, in den Spuren von Athen, Rom und Jerusalem.

Fazit: Bevor wir in der Mitte Europas uns zopfig gretagrünschnablig und haarig rezoblauäugig von derselben mit furchtbar deutscher Gründlichkeit gewaltsam lossagen wollten, wäre es vielleicht angebracht, doch noch einmal innezuhalten. Das entspräche nicht nur den besten romantischen Gedanken, die unsere Kultur ja auch hervorgebracht hat; es wäre zudem allem Denken, Reden und Tun angemessen, welches ein menschengemachtes Beben in unserer kulturellen Plattentektonik wenn nicht absolut verhindern so doch mit freundlich langem Atem abmildern bis entschärfen könnte.

Joseph Haydn unvergessen

Einer genuin christlichen Geisteseshaltung haben die ganz großen Gelehrten und Künstler der europäischen Kultur Ausdruck verliehen. Einer von ihnen starb hochgeehrt und geachtet heute genau vor zweihundertzehn Jahren in Wien, am 31. Mai 1809: Joseph Haydn. Er gilt als Begründer jener Musiktradition, die wir die „Wiener Klassik“ nennen. In Sonaten, Streichquartetten und Symphonien, in Opern, Oratorien und Messen hat er, 1732 im niederösterreichischen Rohrau geboren, wahrhaft geistreiche Musik geschaffen.

Zu seinen persönlichen Freunden zählten Mozart und Beethoven. Seinen Stil fand er unter anderem im Studium der Werke Georg Friedrich Händels und der Söhne Johann Sebastian Bachs. In seinen über tausend Werken vereinigt er einfache Liedformen mit hochkomplizierten Stimmgeflechten: darin fängt er alle Befindlichkeiten des menschlichen Gemüts ein, von tiefer Trauer bis zu heiterer lichter Gelassenheit, von klagendem Schmerz bis zum überschwenglichen Jubel. Zumindest eine Melodie ist uns allen vertraut: Aus einem seiner Streichquartette stammt die Weise zu unserer Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

chor

Man wird nicht sagen können, dass sich in Haydns Schaffen der Heilige Geist direkt äußert – dazu ist selbst Musik doch letztlich zu sehr irdenes Stückwerk, auch in einem so großartigen Oratorium wie der „Schöpfung“, das die biblische Schöpfungsgeschichte vertont. Aber diese Musik enthält Momente, die vom Zeitgeist heilsam wegführen und dem bösen Ungeist ganz klar wehren, weil Trost darin ist, Kraft, Mut, Ausdauer, Zuversicht und grenzenlose Hoffnung.

Rechte Lehre und befreiende Erinnerung – daraus entsteht ein neuer gewisser Geist, eine gute Ordnung, die nach vorn hin offen ist. Ganz optimistisch setzt Haydn am Anfang seiner „Schöpfung“ folgende Worte in erst dunkle, dann helle leichte Musik: „Nun schwanden vor dem heiligen Strahle / des schwarzen Dunkels gräuliche Schatten; / der erste Tag entstand. / Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor. / Erstarrt entflieht der Höllengeister Schaar, / in des Abgrunds Tiefen hinab zur ewigen Nacht. / Verzweiflung, Wuth und Schrecken / begleiten ihren Sturz. / Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort.“

Vergessener Tag

Am 6. August 1806 endete das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Franz II. legte die römisch-deutsche Kaiserwürde ab und regierte fortan (nur noch) als Kaiser Franz I. von Österreich. Wien blieb also – in nun anderem, eingeschränkten Sinn – eine Kaiserresidenz, und Haydns „Kaiserhymne“ konnte dort mit dem Text „Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“ noch jahrzehntelang gesungen werden. Wir stimmen auf diese Melodie heutzutage „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ an. Was aber bis in unsere Gegenwart musikalisch nachwirkt, kann doch nicht verwischen, dass damals, am 6. August 1806, eine Zeitenwende besiegelt wurde. Jenes Datum ist nicht Anfang, sondern Schlussakkord.

Manche Schusseligkeiten in den heißen Sommerferien 1806, als eigentlich alle wichtigen Entscheidungsträger des Reiches Urlaub machten, können über die Folgerichtigkeit eines längeren Zersetzungsprozesses nicht hinwegtäuschen. Freilich hat damals der staatspolitische Akt als solcher im intellektuellen Deutschland große Bestürzung hervorgerufen: Einrichtungen, die immer da waren, seit über neunhundert Jahren, gab es mit einem Male nicht mehr.

Das Absterben des Alten Europa, dessen größten Gebietsanteil eben das Heilige Römische Reich deutscher Nation einnahm, begann mit der Französischen Revolution ab dem 14. Juli 1789. Damals, so sagt es ein Merksatz aus meiner Schulzeit, gab es in Deutschland ebensoviele Groß-, Klein- und Kleinststaaten wie man Jahre nach Christi Geburt zählte, also 1789: eintausendsiebenhundertneunundachtzig. Deutschland war groß und der Kaiser in Wien weit weg: so erlebte man diese zerklüftete politische Landschaft, gleich einem Flickenteppich.

Jeder Landesfürst war eifersüchtig auf seine hoheitlichen Rechte bedacht. Da gab es größere Herrschaftsgebiete wie etwa Preußen, Württemberg oder Bayern, da gab es Herzogtümer und Grafschaften – wie zum Beispiel Oldenburg –, dazu etliche Ritterschaften und Freie Reichsstädte. Alle ihre jeweiligen Herrscher oder Senatoren pochten auf ihre Eigenständigkeit. Sie schlossen Bündnisse mit ausländischen Mächten, waren mit ihnen dynastisch verbunden – etwa Oldenburg mit Dänemark und Russland – und verbaten sich normalerweise jedes Hineinregieren des Kaisers.

Und es gab die geistlichen Herrschaften, regiert von zumeist römisch-katholischen Fürstbischöfen. Diese Territorien waren es, die am schmerzlichsten die Wucht der politischen Veränderungen durch die Vorgänge in Frankreich zu spüren bekamen. Revolutionstruppen hatten das Rheinland besetzt. So ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts das ganze linksrheinische Gebiet des Alten Reiches verloren. Um die deutschen Fürsten zu entschädigen, löste man im sogenannten Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 in Regensburg nahezu alle geistlichen Fürstentümer auf und schlug deren Gebiete weltlichen Herren zu.

Mit dieser staatskirchenrechtlich bis heute bedeutsamen Flurbereinigung verschob sich insgesamt das konfessionelle Gefüge des deutschen Ancien régime. Mit einem Male erbten protestantische Herrscher kurfürstliche Funktionen. Aber es war selbstredend unwahrscheinlich, dass eine evangelische Mehrheit in diesem erlauchten Kreise der Kurfürsten einen römisch-katholischen habsburgischen Kaiser bestätigen würden. Auch deshalb zog sich Franz II. lieber auf sein Stammland Österreich zurück. Mit der Gründung des Rheinbundes in der ersten Jahreshälfte 1806, faktisch ein Austritt einer deutlichen Mehrheit von deutschen Staaten aus dem Reich, wurde ein weiterer Schritt von Napoleons Gnaden unwiderruflich vollzogen. So erlöste der römisch-deutsche Kaiser seinerseits den lebenden Leichnam heilig-römisch-deutscher Herrlichkeit und überließ ihn seinem Schicksal, zumeist in der Faktizität französischer Besatzung.

1815, auf dem Wiener Kongreß, wurde eine Neuordnung mit neununddreißig Staaten im Rahmen des sogenannten Deutschen Bundes beschlossen. Dieser hielt fünfundfünfzig Jahre, mündete (unter Ausschluss Österreich-Ungarns) im vom preußischen Ministerpräsidenten und späteren deutschen Reichskanzler Bismarck forcierten „kleindeutschen“ Zweiten Kaiserreich von 1871 und endete in der Niederlage des Ersten Weltkrieges, in der Revolution von 1918 mit der Abdankung des letzten deutschen Kaisers und endgültig im Versailler Vertrag von 1919.

Was dann folgte, war entweder Ratlosigkeit, blanker Terror oder Verschweigen. Der Weimarer Republik waren nur wenige Jahre vergönnt. Das brutale „Dritte Reich“ beanspruchte für sich die großspurige Bezeichnung „Tausendjähriges Reich“ und erreichte in seiner Zerstörungswut nur ein Prozent des zeitlichen Bestehens seines Vorvorgängers. Und die Nachkriegsordnung ab 1945 ging über wichtige Jubiläen achtlos hinweg: 1962 verschlief man hierzulande, im Gegensatz zu Österreich und Italien, buchstäblich den 1000. Gedenktag der Krönung Kaiser Ottos I., des „Großen“ – obwohl doch damit die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches im Jahre 962 begonnen hatte.

„Heilig“ war das Reich und „römisch“ seine Idee. Dass es später, seit dem 15. Jahrhundert, sich den Zusatz „deutscher Nation“ beigab, war bereits eine territoriale Einschränkung. Otto der Große wenigstens sah sich im 10. Jahrhundert nicht nur als ebenbürtiger Nachfolger Karls des Großen; er verstand sich, wie die Karolinger vor ihm, als direkter gestaltender Nachfahr antik-römischer Tradition. Ein christlich-allumfassendes Reich sollte Europa einer glaubensstarken Zukunft entgegenführen. Die römische Reichsidee war im Mittelalter angekommen und entfaltete sich, mal als Mit-, mal als Gegeneinander von Kaisertum und Papsttum, in der Wiederbelebung der antiken, christlich gewordenen Kultur.

Romanische Kirchenbauten wie die in Hildesheim, Gandersheim oder Köln, besonders aber die Kaiserdome in Mainz, Worms und Speyer sprechen eine deutliche und starke Sprache. Manchmal waren es Kaiser aus den Häusern der Ottonen, Salier oder Staufer, die eine „Vermönchung der Welt“ erstrebten, dann wieder selbstbewusste Bischöfe wie der Prinzenerzieher Bernward von Hildesheim, die äußere sichtbare Zeichen des Glaubens wie der kaiserlichen Macht in Architektur und Kunstgewerbe setzen wollten.

michaeliskirche hildesheim

Aber im Ringen um die Einheit von Kirche und Staat, von Glaube und Welt, sind die hoffnungsfrohen Anfänge eines neuen Römischen Reiches steckengeblieben: Hausmeier und Lehnsnehmer, später Provinzadlige und Burgherren haben den großen Reichsgedanken bereits seit dem 13. Jahrhundert immer mehr in den Hintergrund treten lassen. Die Kaiser-Idee, dieser alt-neue große, römisch-christlich inspirierte Wurf, wurde mehr und mehr unter den Scheffel gestellt – bis niemand mehr davon wissen wollte.

Dieses Abtun großer Gedanken dauert an. Chancen werden vertan, in geschichtlicher Hinsicht einmal tief durchzuatmen. Schwarz-Weiß-Denken wie derzeit zum Beispiel in der Migrationsfrage ist nicht groß, sondern grob – und in der Folge tödlich kleinkariert. Wir haben verlernt, was der Dichter Johann Wolfgang von Goethe anmahnte: Über dreitausend Jahre soll man sich Rechenschaft ablegen können – nicht bloß über dreihundert oder dreißig Jahre Geschichte. Erst im Rückgriff auf Jahrtausende erfassen wir die Bedingungen unseres Daseins. Nur im richtig großen historischen Zusammenhang ermessen wir, was gegenwärtig und zukünftig Geltung beanspruchen kann.

Die christliche Reichsidee ist ein solch großangelegter Versuch, und ihr Absterben und Vergessen in jüngerer europäischer Zeit kommt einer geistigen und geistlichen Verkümmerung starker Kräfte gleich. In seiner Abhandlung „Die Christenheit oder Europa“ hat der Dichter Friedrich von Hardenberg im Jahre 1799 versucht, solche Kräfte von neuem zu beschwören. Sein Text blieb seinerzeit ungedruckt: Ausgerechnet Goethe fand ihn unzeitgemäß und verhinderte die Veröffentlichung. In seiner romantischen Verklärung der alten Zeit, bestimmt von Königen und Priestern, hat Hardenberg die Reichsidee für seine Zeitgenossen zu erneuern versucht. Geblieben ist uns die Erinnerung an einen jungen, achtundzwanzigjährig noch zu Zeiten des Alten Reiches im Jahre 1801 verstorbenen Schriftsteller, der sich einen beredten Künstlernamen zugelegt hatte: Novalis – übersetzt etwa: der Neuland Bestellende.

Auf neues Land hoffen, eine neue Zeit erwarten: Das gab der alten Reichsidee immer wieder Auftrieb und hielt sie in Bewegung. Und darin erwies sie sich am Ende – wie am Anfang – als durch und durch christlich. Was in der Kirche gepredigt wird, soll im verheißenen Reich Wirklichkeit werden. Wir heutigen Menschen sind nicht mehr von diesem einfachen Optimismus bestimmt – dazu ist zu viel Schweres und Schlimmes in der Geschichte vorgefallen. Aber damit sind wir der Verantwortung nicht enthoben. Und auch, wenn immer schon gewusst wurde, dass das Reich Gottes nicht identisch ist mit einem weltlichen Gemeinwesen, so sollten wir auch heutzutage genau dieser Welt das Bedürfnis nach einer christlich fundierten öffentlichen Ordnung nicht vorenthalten.

Foto: Michaeliskirche zu Hildesheim, erbaut nach den Plänen von Bischof Bernward in den Jahren 1010 bis 1022.
Der hier veröffentlichte Text geht auf eigene Notizen aus dem 200-Jahres-Gedenken anno 2006 zurück. Im übrigen siehe auch meinen Beitrag in diesem Weblog von vor zweieinhalb Jahren:

https://ausdrucksiteblog.wordpress.com/2016/02/09/otto-und-sein-ausgefranztes-reich/

Fingerübung zu Beethoven

Bald, in zwei Jahren, wird die Feier seines 250. Geburtstages begangen werden – sofern dann noch ein kulturelles Umfeld vorhanden sein sollte, das sich der überragenden Bedeutung des 16. Dezember 1770 bewusst ist. Um schon jetzt langsam darauf vorzubereiten, wage ich die Veröffentlichung eines eigenen Textfragments, das sonst in der Schublade vergessen würde. Ein erstes Aufleuchten am Titanenhimmel sozusagen. Ohne die vielen fachlichen Hinweise kundiger Freunde wäre das übrigens nicht möglich. Daher vorab herzlichen Dank an alle, mit denen ich beethovengesprächsweise unterwegs bin! Folgender Entwurf gibt zugleich Einblick in mein Skizzenbuch – in ihm wimmelt es von Einleitungen, und die Hauptsache steht meistens aus. Das unterscheidet mich, wie so viele andere Dilettanten auch, vom unerreichten Meister. Dennoch. Den Anlauf einer präludierenden Etüde, einer Exposition, eines Bruchstücks für ein „Tema con variazioni“ will ich nicht unversucht lassen. Zumal in bezug auf den Künder und Künstler unerschütterlichen energischen Bewusstseins von urwüchsiger Freiheit. Bittesehr:  

Kein anderer Tonsetzer steht meiner Meinung nach so sehr für die Freiheit wie Beethoven. Der Kerl hat einfach so komponiert, wie ihm die Intuition es eingab – jedoch nicht willkürlich, sondern auf dem Fundament gediegenen handwerklichen Könnens. Selbst das, was andere beurteilten als „auch in der Verirrung – groß“, ist eben bewusst so und nicht anders gestaltet.

Wobei „Freiheit“ nicht allein individuell, sondern objektiv zu verstehen wäre. Gewiss, da ist der ungebundene Künstler, der keine Ruhezeiten einhält und wegen nächtlichen Klavierspiels die Mietwohnung verliert. Da ist der durchstapfende Zeitgenosse, der die Welt „detestabel“ findet und das die kaiserliche Familie sowie Goethe in Teplitz auch spüren lässt. Da ist der unerschrocken für sein „van“ und für seinen Neffen vor Gericht streitende stolze Mann. Aber solche biographischen Einzelheiten sagen noch kaum etwas über das unvergleichliche Werk aus, das wir Nachgeborenen ja in erster Linie im Blick bzw. im Ohr haben, wenn sein Name fällt.

Seine Leidenschaftlichkeit in Werken wie z.B. der ersten gezählten Klaviersonate f-moll, der Coriolan-Ouvertüre oder der Fünften Symphonie sollen nicht über die Verwegenheiten anderswo hinwegtäuschen. Da gibt es die nonchalanten G-Dur-Werke: Klaviersonaten, das Vierte Klavierkonzert oder das frühe Rondo von der Wut über den verlornen Groschen; da fällt einem der eigenartige Akkord der Es-Dur-Sonate aus op. 31 ein; überall finden sich harmonische Wendungen auf Grundlage der sixte ajoutée, und manchmal geht es nachgerade frivol zu, siehe nur die Fugenveralberung im letzten Satz der frühen F-Dur-Klaviersonate oder den „dionysischen“ letzten Satz der gewichtigen Siebten Symphonie.

Beethoven wuchs in Bonn am Rhein auf, der Residenz der Fürstbischöfe von Köln. Der Landesherr war nicht nur kunstsinnig, sondern er förderte nach Kräften ein freies aufklärerisches Kulturleben. So versuchte er auch, seine Herrschaft zu behaupten, was ihm im Endeffekt aber nicht gelang: 1794 besetzten die französischen Revolutionstruppen auch dieses Gebiet und lösten seine Institutionen auf. Beethoven, der zu dem Zeitpunkt als kurkölnischer Stipendiat bei Joseph Haydn in Wien studierte, büßte somit seinen finanziellen Unterhalt ein und war fortan auf sich selbst gestellt. Ein freier Künstler aus der Not heraus. Zeit seines Lebens blieb er materiell abhängig von adligen Gönnern: Diese jedoch, angefangen mit dem Fürsten Lichnowsky und dem Grafen Waldstein, schätzten gerade das Originelle an diesem Typen und ließen ihn in seiner Musik frei gewähren.

„Mozarts Geist aus Haydns Händen“ hatte ihm Waldstein schon als österreichischer Gesandter in Bonn ins Stammbuch geschrieben. Mozarts Melodik und Haydns Konstruktivität sind aber nur die direktesten Einflüsse für Beethovens erstaunliches Werk. Bereits der Bonner Organist, Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle hatte gute Lehrer und verständige Freunde, allen voran den Klavierlehrer Neefe, der gebürtig aus Chemnitz kam. Unter seiner Anleitung lernte Beethoven Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ kennen, jenes „Alte Testament“ der Klavierliteratur, welchem der kommende Pianistenstar ein „Neues Testament“ in Form seiner 32 Klaviersonaten hinzufügen sollte.

Von besonderer Bedeutung sind für das tiefere historische Verständnis Beethovens die damals zeitgemäßesten Musikstile, nämlich das immer noch anwachsende Werk von Carl Philipp Emanuel Bach (zweitältester Bachsohn, 1714-1788) und die „Mannheimer Schule“ in einem der modernsten Staaten des Ancien Régime. Norddeutsch-protestantische „Empfindsamkeit“ und südwestdeutsch-gesamteuropäisch dominierte Neuigkeiten in Fragen von Schwung und Dynamik, gekoppelt mit Fortschritten im Instrumentenbau, wurden von dem jungen Mann aus Bonn geisteswach und eigenschöpferisch antizipiert und amalgamiert.

Der von sämtlichen Zeitgenossen verehrte „große Bach“, also Carl Philipp Emanuel, der erst fast dreißig Jahre als Cembalist am Hof Friedrichs des Großen in Berlin und Potsdam tätig war und seit 1767/68 als Nachfolger seines Patenonkels Telemann in Hamburg als Kirchenmusikdirektor wirkte, kann, noch vor Haydn, als Begründer der klassischen Klaviermusik gelten. Sowohl die Sonaten als auch die Charakterstücke zeichnen sich durch Melodik, Motivik, Harmonik und Dynamik als das Modernste aus, was damals möglich war. Bach spielt dabei gern mit Überraschungseffekten, z.B. Pausen an unvermuteten Stellen, Synkopen, „falschen“ Reprisen, lauten Einsätzen auf unbetonten Taktteilen, Sforzati versus Diminuendi und so weiter: Empfindsam gegen den Strich! Seine klavieristischen Charakterisierungen von hochgestellten hanseatisch-hamburgischen Damen und Herren entbehren nicht eines feinen bis dröhnenden Humors, sie sind Musik für Insider und bedienen so das gesellschaftliche Bedürfnis nach „persönlichen“ Bezügen.

Ins beschauliche Bonn klangen auch Neutöner aus Mannheim herüber: Johann Stamitz, Begründer des dortigen Hoforchesters, beeinflusste mit seinen sinfonischen Neuerungen das gesamte musikalisch wache Europa, unter anderem auch einen weiteren Bachsohn, den jüngsten: Johann Christian (1735-1782), den weltläufigsten aus der Familie: Man nennt ihn den „Mailänder“ und später den „Londoner“ Bach. Aus Italien hatte er das „singende Allegro“ mitgebracht, in England war er dann Konzertunternehmer mit zuerst sehr gutem und zuletzt gänzlich schwindendem Erfolg. Der junge Mozart hat in Mannheim prägende Eindrücke empfangen für sein sinfonisches und pianistisches Schaffen, und Beethoven zeigt gleich in der ersten Figur seiner ersten gezählten Klaviersonate, Opus 2 Nummer 1, wie energisch er denkt: Das Werk beginnt mit einer aufsteigenden, mit jedem der sechs Töne stärker gedachten Linie durch f-moll hindurch, vom eingestrichenen c bis zum zweigestrichenen as, in treppenartiger „Terrassendynamik“, einem ununterbrochenen Crescendo im Sinne der sogenannten „Mannheimer Rakete“. Darin liegt Sprengkraft für alle folgende Musik.

mannheimer rakete

Carl Philipp Emanuel Bach und Mannheim mussten dem jungen Mann aus Bonn als anregende Gegenwelt zur musikalischen Pedanterie erscheinen, wie er sie in Wien beim Kontrapunktlehrer Albrechtsberger, aber eben auch bei Haydn empfand. Beethoven brauchte jedoch ein Reich der Phantasie, das ihm Zuflucht bot vor allem, was er selber als „häusliche Misere“ bezeichnet hat. Als Kind vom gleichfalls in der fürstlichen Kapelle spielenden, aber hoffnungslos trunksüchtigen Vater oft geschlagen, als Jugendlicher daher schon mit Versorgungsaufgaben belegt für Mutter und Geschwister, wollte er immer ausbrechen. Die freiheitsliebenden Freunde wurden zu seiner eigentlichen Familie, die geistigen Aufbrüche unter Absehung aller irdischen Hindernisse zum Lebenselixier. Die erschütternden Worte aus seinem „Heiligenstädter Testament“ von 1801 mit dem Eingeständnis, dass vor dem Selbstmord ihn nur die Kunst zurückgehalten habe, sind Zeugnis der rettenden Kraft unabhängigen Denkens, Fühlens und somit: Seins. Im eigenen Bewusstsein, unverwechselbar und anderen haushoch überlegen zu sein, hat er sein Ohrenleiden, das 1819 zu völliger Taubheit führte, und andere Widrigkeiten durchgestanden. Es passt ins Bild, dass er sich am liebsten in freier Natur aufhielt und lange Waldspaziergänge unternahm: Unabhängig, die Gedanken reifen lassend, frei.

Beethoven, Jahrgang 1770, ist ein Generationsgenosse von Hölderlin, Hegel, Schleiermacher, Novalis und Napoleon. Allen diesen Persönlichkeiten ist gemeinsam, dass sie in je ihrem Gebiet nicht nur eine bestimmte Anschauung der Welt entwickelten, sondern nichts geringeres vermochten als einen ganzen Kosmos von Grund auf und vorbildlos einzig kraft eigener Vollmacht zu erschaffen! Dichtkunst, Geisteskraft, Gottesahnung, Sehnsuchtswirken und Ordnungsmacht – alles musste umfassend neu gewissermaßen unter Einsatz titanischer Anstrengungen aus dem aufgewühlten Boden gestampft werden. Die Größe dieser Leute war möglich unter dem Eindruck, dass das Ancien Régime hinweggefegt war in den Stürmen der Großen Französischen Revolution. 1789 waren sämtliche genannten Herrschaften um die zwanzig Jahre alt: richtig junge idealistische Männer in Saft und Kraft. Und Beethoven mittendrin! Was die anderen in Poesie, Philosophie, Pantheologie, Phantasie und Politik leisten wollten, das vollbrachte er musikalisch im Zusammentreffen von Pythagoras und Prometheus, im unerschöpflichen Reich der Töne und Klänge.

Hier, wo es nun interessant wird, bricht das Manuskript ab. Ich werde mich bemühen, es ex aermelo „quasi una fantasia“ weiterzuführen. Daher und/also dennoch: Fortsetzung folgt.

Abbildung: Mannheimer Rakete als Beginn, mithin erstes Thema der Klaviersonate f-moll Opus 2 Nummer 1 aus dem Jahr 1795, Joseph Haydn gewidmet.

 

 

 

Haydns Gebet

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„Gott erhalte“: Aus der österreichischen „Kaiserhymne“ wurde später die Weise zum „Lied der Deutschen“ übernommen, dessen Text der liberale Dichter Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) anno 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland schrieb. Joseph Haydn (1732-1809) nannte seine im Jahre 1797 geschaffene Choral-Komposition auch ohne unterlegte Worte zeit seines weiteren Lebens schlicht und ergreifend: „Mein Gebet“. In der Bindung an die schwarz-rot-goldene Trikolore ist dieses Lied bisher ausschließlich demokratischen Zeiten vorbehalten gewesen. Mit dem 3. Oktober 1990 wurde das noch einmal bestätigt. In diesem Sinne sei zum Tag der Deutschen Einheit all das in Erinnerung gerufen, was die seit 1952 bei offiziellen Anlässen gesungene dritte Strophe zum Ausdruck bringt.

Abbildung: Aus einem Faksimiledruck des Autographs der Klavierfassung, einer Bearbeitung des bekannten Streichquartett-Satzes. Beilage zu: Joseph Haydn, „Gott erhalte“. Variationen über die Hymne. Authentische Klavierfassung nach Hob. III / 77 II, herausgegeben von Franz Eibner und Gerschon Jarecki, Vorwort von Paul Badura-Skoda. Wiener Urtext Edition + Faksimile, Schott / Universal Edition, 2. Auflage, Wien 1975.

Schmucktelegramm

Vor einigen Tagen erreichte mich hier folgende Nachricht: „Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com! Du hast dich vor einem Jahr auf WordPress registriert. Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!“

Das ist doch mal was Schönes!  Es macht mich aber andererseits auch wehmütig, weil ich an die vielen Konvolute denke, die unpubliziert in meinen Schubladen und Regalen schlummern, seit Jahrzehnten nun schon. Haufenweise eng beschriebene Papiere, teils lose Blätter in sogenannten „Stehsammlern“ oder Schnellheftern fixiert, teils brave Seiten in gebundenen Kladden – alles sehr haptisch, überbordend materiell.

Mein Entschluss, einen eigenen Weblog zu betreiben, löste im Freundeskreis seinerzeit ebenso Verwunderung aus wie einige Jahre zuvor mein Beitritt zu Facebook, Instagram und WhatsApp. Als ich mich von meinem Uralt-„Nokia“-Mobiltelefon trennte und mir ein „Smartphone“ zulegte, sahen viele meiner Bekannten – wiewohl selbst schon lange mit diesen Accessoires bestückt – in diesem Schritt so etwas wie den Untergang des Abendlandes.

Da war es an mir, dem hoffnungslos Konservativen, meinen Freunden zu sagen, man müsse schließlich mit der Zeit gehen … Richtig ist allerdings, dass ich immer erst dann modern werde, wenn die anderen sich schon über meine Rückständigkeit amüsieren und geradezu mit Sympathie herumerzählen, sie kennten da jemanden, der diesen ganzen neumodischen Kram nicht mitmache. In der guten alten Zeit wurde jemand wie ich „Spätentwickler“ genannt.

Insofern habe ich stets enttäuscht. Weil ich schließlich doch mich dem Fortschritt ergab und eine gewisse Schnurrigkeit hinter mir ließ. Die Gegenwart der Vergangenheit streifte ich ab, einen Zustand mithin, der manchen ungestüm vorwärtsstrebenden Freunden so etwas wie Sicherheit und Verankerung gegeben haben mag, nach dem Motto: Ich kenne einen, bei dem der Ursprung noch gewahrt und also lebendig ist.

Aber keine Sorge! Ich bin noch rückblickend genug, um zu phantasieren, dass obiger Glückwunsch „früher“ in Form eines Schmucktelegramms den Adressaten erreicht hätte. Oder als Dankesschreiben mit kunstvoll verschnörkelten Buchstaben in französisch stilisierter Kursivschrift. Oder gar als Urkunde, zum Ehrenplatz bestimmt in gerahmtem Aufputz überm Bett. Indessen: Welch ein Aufwand an Holz, Glas und Metall wäre das gewesen!

Heutzutage schwärmt man vom papierlosen Büro. In den Niederlanden soll es das schon geben, bis hin zum Abort. Die venezolanische Toilettenpapierkrise ist somit hochtechnisiert überwunden, frage mich bitte niemand, wie genau. Ich wundere mich ja bereits über die Urinale auf Autobahnraststätten, die angeblich ebenso wasserlos funktionieren wie die neuen Chefetagen holzfrei. Bleibt nur festzuhalten, dass mein Weblog ebenfalls einen kleinen Beitrag leistet zur großen Entmaterialisierung des Alltags im Rahmen des digitalen Zeitalters.

Ich hätte sowieso keine Schublade mehr frei für die hier unter dem Label „ausdruckweblog“ versammelten Beiträge. Insofern kommt mir der technische Fortschritt sehr entgegen. Aber andererseits ist er doch etwas sehr Vertrautes: Die Umwandlung des Leiblichen geht einher mit der Stärkung des Klanglichen. Insofern wohnt dem Internet etwas zutiefst Musikalisches inne. Raum transformiert in Zeit: Konzerte kann man nicht sehen. Allerdings gilt zugleich: Ein Telegramm wird ein Telemann nie werden. Keine Metamorphose vollzieht sich bruchlos. An der Nahtstelle zwischen Schöpfung und den Geschöpfen des Prometheus bricht sich Kreativität Bahn.

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Oberflächlich wahrgenommen ist das digitale Neuland stumm wie ein Fisch im Wasser. Sonar wäre da einiges zu heben – wenn die Frequenzen erkannt sind. Und vielleicht hat der alte Victor Hugo ja doch recht mit seinem Bonmot: „Musik ist ein Geräusch, das denkt.“

Dass Haydn und Beethoven einander verblüfft empfahlen, als die Musik des Feuerbringers verklungen war, muss uns im Gedenkjahr des Hamburger Director musices durchaus beschäftigen: Georg Philipp Telemann, gestorben vor 250 Jahren, war Pate des „großen Bach“ Carl Philipp Emanuel, den wiederum Haydn sehr verehrte, – und womöglich Ideengeber für jenes ominöse e-moll-Seitenthema, das im ersten Satz von Beethovens Dritter Symphonie die heroische Es-Dur-Stimmung so wunderbar eintrübt.

Ich schweife ab. Was ich eigentlich nur sagen wollte anlässlich dieses nun fünfundzwanzigsten Beitrags in meinem eigenen Weblog: Vergesst mir die Musik nicht! Beglückwünscht mich zum Silberjubiläum! Der abstraktesten, weil rein klingenden Kunst wegen habe ich den Begriff „Ausdruck“ gewählt. Dies sei betont in papierlosem Telegrammstil.

Foto: Schulkonzert. Telemann fehlte nie.