Weltherbstschmerz

Meine Welt im Herbst: Sie sterben zu sehen schmerzt sehr tief. Wie war sie so lebensvoll, geordnet und frei! Nun vergeht ihr Wesen. Es wird zu Erde, Asche, Staub – eingeebnet zu seinesgleichen, entschlafen und vergessen. Da bleibt nichts.

Noch leuchten Farben ganz vertraut. Sie deuten Werden und Vergehen an wie aus. Das alte Lied darüber ist verstummt, wie schade! Nun lässt ein Irrsinn, völlig menschengemacht, die ruhigen Gänge uns als furchtbar und bedrohlich erscheinen. Der Einklang mit der Schöpfung, so drängelnd er von Lautsprechern und „Aktivisten“ eingefordert wird: er ist dahin, von Laubsaugern und -bläsern knatternd weggepustet.

Was die nicht leisten können, bringen selbsternannte Futuristen fertig: Es sei in einer Zehnerfolge nun die Neun erreicht, spricht ein bis dato unbekannter Seher namens Markus, sich nicht entblödend, die Apokalypse auszurufen. Wenn’s der Politikerfindung dient … der eigenen wohlgemerkt.

Schier weggeboostert soll am besten auch die übrige Natur. Statt mit Gefahren klug und umsichtig das Leben, wie es derzeit ist, zu meistern, bedeckt man vorschriftsmäßig sein Gesicht; es könnte ja ein unbedachter frischer Luftzug gleich zum Tode führen. Und wie gefährlich wäre sichtbar ein Lächeln um den Mund herum. Die krausgezogene Nase ginge überhaupt nicht, rümpfend noch dazu aus Gründen des Humors. Die Leute sind nicht zum Vergnügen auf der Welt, damit das jetzt ein für allemal klar ist! Wo kämen wir denn hin … ?!

Wie hat die pure Angst sich rasch in alle, die kurz zuvor noch zuversichtlich lachten, machten, dachten: hineingefressen! Verbrieft war sie, die eigenständige Würde freier Bürger – und nun dem Notstand ausgeliefert, der trotz allem Mittun dienstbeflissener Leute schlicht nicht enden will. Was soll ein Mensch mit deutscher Höflichkeit und Treue denn noch so über sich ergehen lassen?

Der Wald steht bald wohl gänzlich schwarz, doch schweige ich davon. Denn merke: Den Untergang des Abendlandes nehme man erst dann hin, wenn er einer unrettbaren Vergangenheit sich anverwandelt hat. Diesen Herbst ausdehnen, wäre das nicht doch noch möglich und gar wünschenswert?

Die frühlingsmilden, dann die prallen sommerlichen Tage – als alles wuchs, gedieh und schließlich kraftvoll blühte: und niemand an ein Ende dieses Himmels hier auf Erden denken mochte; da war es, mittendrin von Wohlstand, Bildung, Frieden bereits um uns geschehen.

Man freute sich nicht länger der Musik. Auch rebellierten grob Verirrte, ganz überdrüssig und gelangweilt ob überkommener Kultur, und kämpften gegen feingesponnene Gewebe, die angeblich Verbrechen überdecken sollten: Da wurde aufgewirbelt: schrill ans Licht gezerrt, was andere behutsam still beschäftigte: Ging es den Aufgeregten doch nicht schnell genug – die leisen Forscher wurden kaum gehört.

Ein Kick jagt seitdem rasch den nächsten. Die Öffentlichkeit habe doch, so sagt man laut, ein Recht darauf. Nun denn, wohlinformiert wie nie im Rund der Weltgeschichte, schickt sich die Menschheit an, die nächsten Untergänge anzuzetteln. Jeder gegen jeden, jede gegen jede, jeder gegen jede, jede gegen jeden. Europa lässt sich, übersättigt, kraftlos, müde, von auserlesener Gedankenlosigkeit verzehrt, mutwillig übertölpeln von Veränderung, die es, bei Licht betrachtet, gar nicht wollen kann.

Wo bleibt da Gott? Wer postuliert noch ernstlich Freiheit? Und – Unsterblichkeit? Wie äußern sich Herz, Sinn, Vernunft und Aussicht auf ein Seelenheil? Was kann den nachdenklichen treuen Menschen helfen, vom krankmachenden Wahn, auf Teufel komm heraus „gesund“ zu bleiben, abzulassen? Ich weiß es selber nicht, bin auch schon zu verstört. Den Herbst will ich genießen, ehe Winter einbricht. Kommt dann einmal, fern, irgendwann, die schöne warme heitere Zeit zurück? Recht hübsch heißt es, wie war das noch?, im Fundus und auch Humus dichterischer Kunst: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Fontane im Frühjahr 2020

Versuch, den Beginn einer bekannten Ballade herbstlichen Inhalts in den Frühling zu verlegen und dergestalt aus der Anschauung dessen, was gerade erlebt werden kann, zu bearbeiten.

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Herr von Nordbrak auf Nordbrak im Marschenland,

ein Birnbaum in seinem Garten stand,

und kam coronatische Frühlingszeit

und die Blüten leuchteten weit und breit,

da hoffte, wann’s immer vom Turme scholl,

der von Nordbrak inständig glaubensvoll.

Wie es weitergeht, sehen wir beizeiten. Sterben, Klagen und Absperrmaßnahmen gehen vorüber, haben letztlich keine Macht. Am Ende breitet sich Segen aus. Bleiben wir tapfer.

HerbstZeitLos

Kein Wortspiel ist ungeeignet genug, um hier nicht aufgegriffen zu werden. „Herbstzeitlose“ wird eine Blume genannt, die in feuchtwarmen Gefilden vom Sommer bis in den Herbst hinein blüht. Ihre Toxik macht sie seit jeher für die Medizin interessant, führt aber auch zu dem anderen Namen „Giftkrokus“. Heilende und tödliche Wirkung liegen also ganz nahe beieinander, und ihre „Losung“ besteht darin, die Herbstzeit anzukündigen.

In meinem Garten gibt es keine Herbstzeitlosen, dafür liegt er allzu bestimmt in Norddeutschland. Aber die Zeitlosigkeit – hier setzt nun meine kleine Mogelei am Wortstamm los=“ankündigen“=“wahrsagen“ ein – des Herbstes zeigt sich hier in der langsamen Verfärbung der Bäume – und besonders reizvoll an der Trauerweide, die hin und wieder gestutzt werden muss, um sich danach noch voller zu entfalten. Außergewöhnlich dauerhaft leuchteten dieses Jahr die Blätter der stämmigen Gewächse.

herbstleuchten im garten

Wie ja manches Wetter oder dessen Ausbleiben einfach nur sommerlich schön war, sofern wir die Mahnerinnen und Mahner von wegen menschengemachten Klimawandels einfach mal in den Senkel stellten und sie dort ungehört=ungestört weitermeckern ließen. Was geschah uns doch gleich während eines (neudeutsch so genannten) meetings am (ich weiß es noch wie heute) Donnerstag, dem 18. Oktober? Plötzlich und unerwartet machten sich plätschernde Geräusche bemerkbar, kleine Wassertropfen rannen außen am Fenster herab: Ein REGEN !!! Dass es so etwas noch gab! Wir klebten mit unseren Nasen an der riesigen Glasscheibe – an eine Fortsetzung der Terminabsprachen war für einige Minuten gar nicht zu denken …

Wind und Wasser aus Wolken waren zurück – auch die Wärme (im Nörgeljargon stets „Hitze“ gestöhnt) schwand irgendwann. Friesennerze und Regenschirme: Sie wurden gegen jegliches Erwarten nun doch wieder benötigt. Und mittlerweile haben wir auch unsere längst vergessenen dicken Jacken und Mäntel, aus welchen kaum erinnerten Schränken auch immer, neuerlich hervorgeholt. Irgendwann endet sogar der allerewigste (!!! größtmöglichster Superlativ !!!) Sommer, es verblühen stumm die Blumen, die Bäume werfen ihr Laub lautlos ab. Eigentlich selbstverständlich, aber dieses Jahr derart erstaunlich, dass es doch einmal zur Sprache gebracht werden muss. Wer weiß, wie lange sich die Natur Zeit nimmt, wiederum derart stark ihrem ureigenen Charakter stetigen gründlichen Wechsels Ausdruck zu verschaffen …

herbst in matteren farben

Schon wird die Leuchtkraft schwächer, das Licht ermattet. Sterben geht immer mit, hier und jetzt wird’s offenkundig sinnbildlich Ereignis. Bestelle dein Haus, werde niemals übermütig, verwirf nichts als „ungeeignet“, „unzeitgemäß“ oder gar lost in time, bleibe mild und dankbar. Das Zeitlos des Herbstes steht längst vor der Tür. Kein Gift kommt dagegen an. Alle Unkenrufe ertönen zur Unzeit und verhallen gottlob im Nirwana sprachlichen Unrats. Und einige Monde weiter im Lauf des Lebens, an selbigem Ort, sprießen die richtigen Krokusse. Wetten?

HerbstBuntFall

Sterbensbunt ist alles, was vor dem Fall die Farbe gewechselt hat, nun noch einmal aufleuchtet und dann den Weg des Irdischen geht. Dass mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss (Psalm 39). Und die seufzende Kreatur harrend hofft (Römer 8).

berensch 2016

Herbst ist hohe Zeit für blühende Vergänglichkeit. Vom Vorabend des Allerheiligenfestes: Halloween=All Hallows Evening: Evangeliumslesung sind die Seligpreisungen der Bergpredigt=Grundtext für den Reformationstag: Allein aus Glauben: Glücklich ohne WerkSelbstGerechtigkeit — über Allerseelen, Volkstrauertag, Buß-und Bettag bis zum Ewigkeitssonntag: Totenfest: Gedenktag der Entschlafenen: Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Dies irae: Tag des Zorns: Jüngstes Gericht: Schafe zur Rechten versus Böcke zur Linken: Rex tremendae majestatis: König furchterregender MachtPrachtHerrlichkeit, aufgehoben nicht anders denn durch die Fürbitten Jesu …

Daraus hat sich unsere neuzeitliche Mentalität gebildet: Der Gekreuzigte und Auferstandene wird es schon richten. Kreatives europäisches Urvertrauen besagt: Ich komme nicht in die Hölle. Was ich auf Erden wirke, ist niemals vollkommen, aber auch nicht abgrundtief verwerflich. Menschliches Denken, Sprechen und Handeln kennt seine Grenzen, innerhalb derer es zwar vorläufiger Ordnungen bedarf, aber keineswegs jener Zwänge, die von weltverbesserlichem=falschem Pathos durchsetzt und von politisch korrektem Wahn beschlagnahmt sind.

Wer sich die jahreszeitlich bestimmte Palette dieser Tage anschaut, wird Abstand nehmen von einer Ideologisierung derselben. Was noch natürlich farbig leuchtet, wird früher oder später einheitlich humusbraun, organisch indifferent. Wer für eine „bunte“ Gesellschaft auf die Straße sich locken lässt und lautstark gegen vorgeblich andersfarbige Meinungsträger demonstriert, hat das Spektrum in Wirklichkeit schon wesentlich eingeengt. Ob dies dann der Lebenserfahrung entspricht, sei außerdem sofort hinterhergefragt.

kloster loccum 2018

Jedenfalls dominiert die Erdenfarbe, soweit das Auge reicht. In Wald und Flur, in Stadt und Land, im Garten und am Wegesrand ist angesichts der Vergänglichkeit weder Klage noch Wut angezeigt, sondern vielleicht so etwas wie ein überraschender Genuss von friedlicher Stimmung. Der Tod kommt als süßer Freund, die weltgerichtlichen öffentlichen Umstände können da auch als störend empfunden werden. Was für die Vertonungen der katholischen Totenmesse durch Mozart, Cherubini und Verdi noch selbstverständlich erschien, nämlich ein knallender Beginn der Sequenz, wurde dem zwanzigsten Jahrhundert derart fremd, dass die römische Kirche in den 1920er Jahren die Gerichtsszenen aus dem Requiem ersatzlos strich. In der dementsprechenden Komposition eines Maurice Duruflé ist zu studieren, wie es total irenisch zugehen kann. Das lässt auch das folgende Bild in diesen Zusammenhang setzen:

herbst

Wie gut, dass hier noch kein LaubPusterSauger zugange war: Und ist es nicht wunderbar, dass herkömmliche Fotografien keine Geräusche mittransportieren? Der größte Feind meines persönlichen Herbstblues sind jene lauten Geräte, deren Nutzen auch mal „hinter“fragt werden sollte. Ich wette, es gibt eigentlich keinen.

bunt im herbst

Umso glücklicher sind die Gärten zu schätzen. Sie halten uns auf Trab, weil sie gehegt und gepflegt werden wollen, ohne dass wir uns echauffieren ob der jahreszeitlichen Gegebenheiten. Dahlien müssen raus vor dem ersten Frost, ob man das nun gut findet oder nicht. Hier geht es mal ausnahmsweise nicht um Befindlichkeiten. Eher stehen Traditionen zur Disposition. Je bunter eine Gesellschaft, desto mehr Eigenwilligkeiten müssen beachtet werden: Warum soll ausgerechnet Jesus die Seelen auslösen? Wer sagt denn, dass es das Christentum war, das uns nachhaltig geprägt hat? Muss man nicht auch alle zu uns einladen, die von Blumenzwiebeln und Kompostierung zwar keine Ahnung haben, aber eben doch auch Menschen sind mit eigener Kultur? Dass Völkerwanderungen super seien, will uns ein diesbezüglicher „Pakt“ der Vereinten Nationen einflüstern. Dem deutschen Wald kann das hoffentlich egal sein.

loccum 2018

Dort gelten noch ganz andere Gewohnheiten. Der Baumstumpf erinnert an hochstehende Friedhofskultur: Die abgebrochene Säule – sie steht für einen kurzen Lebenslauf, abberufen plötzlich und unerwartet. Aber nun im Himmel. Den wiederum stelle ich mir vor als einen Ort von Parkbänken. Oder als Sitzgelegenheiten am Strand. Dort lasse ich mich nieder und gucke in die weite Wolkenlandschaft, blicke auch nach unten auf die Erde, sehe das bunte vergängliche Treiben dort und kommentiere es durchaus freundlich, von heilsam höherer Warte aus. Die Welt ist insgesamt ein einziger Herbst, sympathisch vergänglich, bunt ohne jede regierungspädagogische Gängelung. Dort, auf solch einer Sitzbank, spielt sich mein ewiges Leben ab – sofern ich dorthin komme und diesen Wunsch glücklich äußern darf.

herbst 2015 in berensch

Ohne Vorbehalte: Sterbensbunt und lebensfarbig. Vergänglich und kräftig. Zielstrebig und hoffnungsvoll.

Fotos: In (1) Berensch bei Cuxhaven, (2) Loccum beim Kloster, (3) Oldenburg in Oldenburg, (4) Oldenburg in Oldenburg, (5) Loccum beim Kloster, (6) Berensch bei Cuxhaven.