Hymnische Coronaweihnacht

(Melodie: Vom Himmel hoch, da komm ich her):

Das Wort zu sagen ist erschwert,

drum wird Musik noch viel mehr wert,

als sonst schon – Seuche hin und her – :

Es klinge rein die Weihnachts-Mär.

(Melodie: Brich an, du schönes Morgenlicht):

Geborn ist Christus, Gottes Sohn.

Der Heiland bringt uns Freud und Wonn

aus Bethlehem, der Davids-Stadt:

Wie gut, wer dies im Herzen hat.

Des Engels Botschaft leuchtet klar:

Nur, was vom Himmel kommt, ist wahr!

Wir Schwachen richten gar nichts aus,

es komme denn aus Gottes Haus!

(Melodie: O Heiland, reiß die Himmel auf):

In diesen Tagen ist viel Leid

und mancherorts auch großer Streit.

Wer sehnt sich nicht nach Besserung

in starkem Heil und neuem Schwung?

(Melodie: Brich an, du schönes Morgenlicht):

Allmächtig ist „Corona“ nicht.

Mariens Kind führt uns zum Licht.

Hier liegt’s im harten Krippelein:

Derhalben lasst uns dankbar sein

und öffnen unsre Herzen weit,

bewegen dort, was uns erfreut:

Der Engel und der Hirten Klang

bewahr uns unser Leben lang!

(Der ganze Text kann auch zu je vier Zeilen auf die Melodie der ersten Strophe gesungen werden: Vom Himmel hoch, da komm ich her)

Gespenstische Geistkraft

Pünktlich zum Pfingstfest möchte ich ein kleines Gedicht darbieten, das ich bis zur jetzigen Stunde noch nie schriftlich sah, sondern eines besonders wachen Tages in meiner frühesten Kindheit erst ratlos, dann, nachdem ich glücklich selber – also ohne elterliche Hilfe – die Auflösung gefunden hatte, erheitert gehört und seitdem bei jeder mehr oder weniger passenden Gelegenheit amüsiert, in witziger und sich steigernder zungenbrecherischer Rasanz aus dem Gedächtnis nachgesprochen und in dieser Weise vorgetragen habe.

Man nennt so etwas die Treue zur „mündlichen Überlieferung“, und mit diesem terminus technicus ist ja bekanntlich die längste Zeit jeglicher Sprachtradition erschöpfend umrissen. Unsere Vorfahren waren Meister darin, Texte rasch auswendig zu lernen und humorvoll ausgeschmückt in großer geselliger Runde zum Besten zu geben.

im grünen

Hier präsentiere ich meine Transkription jener Versansammlung, die walthervondervogelweideartig beginnt, um in rechtschaffener Requisite sowie moralisch-religiösem Duktus sofort in die Nocturne-Welt des betuchten sechzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts hinüberzuwechseln. Akzente bezeichnen betonte Silben. Doppelpunkte stehen für Dehnungen: Jene „e“-Laute innerhalb von am Anfang großgeschriebenen Wortteilen sind norddeutsch-lang zu nehmen. „St“ respektive „Sp“ im Wort steht immer dort mit Majuskel-S, wo, entgegen den Gepflogenheiten deutscher Bühnensprache, betreffender Diphthong über’n s-pitzen S-tein ges-tolpert ausgesprochen werden soll.

Im übrigen möge sich niemand über das von ausschließlich lautlichen Vorgaben inspirierte und diesbezüglich stimmlich-stimmig nachschaffende Schriftbild mokieren: In einer Zeit der seit den Tagen der Völkerwanderung immer wieder einmal um sich greifenden Motivik von spätrömischer Dekadenz, die sich beispielsweise in den notorisch ideologiehörigen und – darin leider allzu verlässlich! – jeden musikalischen Sprachfluss abwürgenden Unterstrichen und Gendersternchen manifestiert, dürften politisch-korrekt „geschulte“ Mensch*inn*en mit Reimereien wie diesen keine unüberwindlichen noetisch-phonetisch verursachten Probleme bekommen. Auch eventuelle streitlustig evozierte Reibereien wegen eines Versmaßwechsels nach der dritten Zeile sollten klug vermieden werden können.

helles licht

Wie heißt es doch so schön in einem karolingischen Hymnus, den der saft- und kraftvolle Schöpfer unserer d**t****n Hochsprache, dessen Name seit einem Jubiläum vor bald zwei Jahren in der kritischen Öffentlichkeit besser nicht mehr genannt wird, aus dem Lateinischen übertrug? – : „Zünd uns ein Licht an im Verstand“; entsprechend der Zeilenanzahl hoffentlich „mit Gaben siebenfalt“, jedenfalls, in einem durchaus gemütlichen Parlando beginnend, ab der fünften Zeile ins Allegro con spirito umschaltend, insgesamt lebhaft aufzuführen:

Ich saß an meinem SchúbfenSte:rchen,

Da kam ein kleines GéSpenSte:rchen,

Das zupfte mich an meinem PélzärMe:lchen

Und sagte:

ÓSterblicher músst SterBe:n;

DénnSterBe:n ohn ÉglauBe:n

Íst ewiges VérderBe:n.

Nun wünsche ich viel Spaß bei der Entschlüsselung dieser kleinen feinen Weisheit, die umso heller strahlt, je mehr sie vor düsterem Hintergrund gewogen und befunden wird. Die verängstigten Jünger samt dem „Haus, in dem sie saßen“ – vulgo: in das sie sich verkrümelt hatten – werden durch ein „Brausen des Himmels“ in die richtige Spur gelenkt. Manch rhythmische Rückung nebst freier Akzentverschiebung hie und da möge sich ungezwungen verknüpfen mit fröhlich frommer Geistesgegenwart. In diesem Sinne: Pfróhe: Výnxdn.

Der erwähnte karolingische Hymnus, in unsere Sprache übertragen, findet sich im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 126. Zitiert habe ich die erste Zeile von Strophe drei sowie einen Teil aus der ersten Zeile von Strophe vier.
Vom „Brausen“ etc. lesen wir in der Pfingsterzählung, wie sie die Apostelgeschichte des Lukas im zweiten Kapitel überliefert. In der Lutherübersetzung wird sie selbst zu einem akustischen Großereignis.
Die beiden Fotografien zeigen, wie der reine helle Geist auch abgeschieden im Grünen gelegene ältere kleine Häuser, denen man Schiebefenster andichten könnte, stimmungsmäßig – und gänzlich ohne Klimapanikattacken – vollkommen verwandelt: Sogar im kühlen Norddeutschland!