Primus insta grammes: Eine Wiederaufnahme

Vor zweieinhalb Jahren ließ ich meine geneigte Leserschaft teilhaben an den atemberaubenden Photographien des Instagrammers Rick Derneburg. Mittlerweile ist sein Account aus dem weitverzweigten Reich derer von und zu Zuckerberg verschwunden. Wenn ich recht informiert bin, dann hat der Künstler selbst aus freien Stücken sein Konto dort gelöscht. Die schönsten der Bilder allerdings sind – mit seiner Zustimmung – dank meiner seinerzeit erfolgten Veröffentlichung in diesem Weblog der Nachwelt erhalten geblieben.

Lange habe ich überlegt, ob ich mich aufraffen soll, meinen Beitrag von Ende Dezember 2018 hier ein zweites Mal einzustellen. Den Ausschlag FÜR diese Vorgehensweise gab schließlich ein gewisses Unbehagen an der eigenen letzten Nummer von vor einem Monat: Die durchaus ansehnlichen Schnappschüsse aus privatem Gartenreich werden ja textlich so gut wie unbegleitet präsentiert. Solch eine Sprachlosigkeit mag ich mir selber auf Dauer nicht durchgehen lassen. So will ich den Ursprungsfaden wieder aufnehmen und dafür eben einen älteren Text in Erinnerung rufen. Keinesfalls möchte ich den Eindruck erwecken, es gebe hier nichts mehr zu sagen.

Freilich beschleicht mich genau diese dunkle Ahnung im Blick auf coronatische Eingriffe, von denen niemand vor zweieinhalb Jahren eine auch nur klitzekleine Vorstellung haben konnte. In dem weiter unten nochmals präsentierten Bilderbogen nebst nettem Fließtext wird nämlich unter anderem freier Reiseverkehr ohne Flugscham vorausgesetzt. Auch die unmaskierte zwischenmenschliche Begegnung ist unausdrücklich stets eingepreist.

Das sollte sich klarmachen, wer nun die originalen Zeilen zwischen den bunten Bildchen und diese selbst sich zu Gemüte führt. Ein Zeitdokument ersteht vor unseren betrachtenden, lesenden und verstehenden Augen. Ob es sich hierbei tatsächlich um die letzten Zuckungen weitgebrachter überlebter Kultur handelt, oder ob ein unterschwelliger Humor das abendmorgenländische Weltganze doch noch umzuwenden vermag, sollte zwischen China und Troja sowie allem, was ideell wie reell dazwischen ist, gütlich entschieden werden.

Hier ist nun der Beitrag. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Jeder will heutzutage ein Star sein. Wer sich nicht zum Tonfilmmagazin Youtube traut, wagt vielleicht eine stille Karriere beim Weltbebilderer Instagram. Dort kann sich auch der Provinziellste unter die Leute mischen, sich den Reichen und den Schönen zugehörig fühlen.

Schon beim bloßen Betrachten der bunten Fotografien sehe ich mich auf einer Stufe mit Jet-Set-Menschen, die, wenn sie nicht gerade im Gym ihre Luxuskörper durchtrainieren, mal eben nach Dubai fliegen (mit Nächtigung in diesem irre berühmten Segelhotel, das eigentlich in Bremerhaven steht) oder in Sydney vor dem Opernhaus posieren (Betonung liegt auf „vor“).

Seitdem ich selber einen Instagramaccount besitze (unter meinem richtigen Namen! Besuchen und liken Sie doch mal die Bilder bei feo_eccard!), habe auch ich Abonnenten und bin Abonnements eingegangen. Fleißig verteile ich rote Herzchen (bei Facebook wären das die hochgereckten Daumen) an alles, was mir bei meinen Followern gefällt.

Besonders gern habe ich einen gewissen Rick Derneburg, der als rick_derneburg unterwegs ist. Kein Land, das er nicht schon bereist hätte. Ob China

china

oder Thailand,

thailand

er kennt alle noch so entlegenen Winkel dieser Erde. Als kundigen Bonvivant zieht es ihn in dieser dunklen Jahreszeit natürlich auf die uns gegenüberliegende Erdhalbkugel. Dort herrscht nach einem lieblichen Frühling jetzt strahlender Sommer. Den Lenz hat er in diesem atmosphärisch dichten Shot festgehalten:

südhalbkugel

Aber nicht nur in Fernost oder südlich des Äquators ist Rick Derneburg ein kulturschlürfender Stammgast; auch in den rauhen Gefilden im romanisch-gotischen Frankreich

frankreich

oder im schroffen gruseligen England (nur der Rasen ist gepflegt),

england

ja auch im andalusischen Cordoba

cordoba

kennt er sich bestens aus. Die blicksichere Raffinesse seiner Schnappschüsse zeugt von innerer Souveränität des fotografierenden Subjekts und zugleich von intimer Vertrautheit mit den fotografierten Objekten. Was auch immer dem Globetrotter vor die Linse kommt – es wächst nachgerade unmerklich und doch so bezwingend wirkmächtig über sich beziehungsweise ihn hinaus zu edler Einfalt und stiller Größe. Unter diesem Winckelmannschen Kriterium lässt sich jede stadtrömische Kirche noch einmal ganz neu in Augenschein nehmen, so wie diese hier:

rom

Und was das Beste an diesem begnadeten Instagrammer ist: Er zeigt uns auch hin und wieder die öden Seiten der ansonsten zu Weltattraktionen hochgejazzten Sehnsuchtsorte. Sein jüngstes Posting ist derart sprechend, dass dahinter alles, was Sie bisher über Venedig zu wissen glaubten, schleunigst verblassen muss:

venedig

Ach, werden nun einige Schlauberger sagen, das soll etwa die Seufzerbrücke in der Serenissima sein? Und der Klotz mit dem gewellten Dach hinten links gar der Dogenpalast? – Nun sehe ich doch nochmal genauer hin und – ähm – bemerke: Ich hatte wohl einen leichten Knick in der Optik. Aber Rick Derneburg ist daran mitnichten schuld. Brav und bodenständig, wie er ist, hat er seine Bilder wahrheitsgemäß beschriftet. Nur wollte ich das nicht lesen. Die Illusion mochte ich mir nicht rauben.

In Wirklichkeit sehen wir also folgendes: Die Nachbildung der Terrakotta-Armee des ersten chinesischen Kaisers, wie sie in der Bremer Überseestadt dieses Jahr in einer weltumspannenden Wanderausstellung zu sehen war; den thailändischen Tempel in Hagenbecks Tierpark zu Hamburg; Frühlingspartie in einem Garten irgendwo in Norddeutschland; romanisch-gotische Säulenkapitelle im Kreuzgang der Michaeliskirche zu Hildesheim; Kreuzgang von Stift Börstel im Osnabrücker Land; Detail aus dem ottonischen Innenraum wiederum der Hildesheimer Michaeliskirche; Rotunde der St.-Lamberti-Kirche zu Oldenburg (Oldb); und dann das allerklassischste Fotomotiv aus der Hamburger Speicherstadt.

Nach diesen ernüchternden Erkenntnissen bin ich mir selbst gegenüber misstrauisch geworden. Sogar dieses eine Foto, das so aussieht wie ein Blick von der Ausgrabungsstätte Troja hinüber zu den Dardanellen, ist wohl ein inneres Fake meiner trügerischen Wahrnehmung:

zu hause auf dem schemel

Ich interpretiere es als Schemel vor der Haustür des Instagramstars Rick Derneburg, auf den er sich zur Erholung gern setzt, um die herrliche Aussicht über die Norddeutsche Tiefebene in vollen Zügen zu genießen.

Soweit dieser Beitrag. Die Diskussion ist eröffnet.

Felix Mendelssohn zum Geburtstag

Eine Skizze

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde vor zweihundert und einem Dutzend Jahren am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren und wuchs in einer Bankiersfamilie auf. Sein Großvater war der jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Fanny und weiteren Geschwistern wurde der junge Felix nach der durch die napoleonische Besetzung erzwungenen Übersiedlung zu Verwandten nach Berlin dort ab 1811 sorgfältig erzogen. Die mozarthaften Wunderkinder erregten bald Aufsehen. 1816 ließen die Eltern sie evangelisch taufen. Reformatorisches Bekenntnis hat Mendelssohns tiefe Frömmigkeit zeit seines Lebens geprägt, bis zu seinem frühen Tod mit achtunddreißig Jahren in Leipzig am 4. November 1847.

Abraham Mendelssohn hatte das nötige Kleingeld, seinen begabten Kindern viele Bildungs- und Konzertreisen durch halb Europa zu ermöglichen: in die Schweiz, nach Frankreich und Italien sowie nach England und Schottland. Felix Mendelssohn hat auch als Erwachsener auf den britischen Inseln seine größten künstlerischen Triumphe vor einer riesigen dankbaren Zuhörerschaft gefeiert. Die Reiseeindrücke flossen in Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ (darin unter vielen anderen Hits der weltberühmte „Hochzeitsmarsch“), die Hebriden-Ouvertüre oder die Schottische Sinfonie ein.

Die eigene musikaliensammelnde Verwandtschaft und der Leiter der Berliner Singakademie, Carl Friedrich Zelter, machten Mendelssohn mit Bachs Matthäuspassion bekannt. Auch sonst ist allenthalben schon beim ganz jungen Komponisten eine intensive Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu erkennen. Seine Wiederaufführung der „großen Passion“ des alten Thomaskantors im Jahre 1829 ist ein Meilenstein der musikalischen Wirkungsgeschichte. Mendelssohn hat damit, als gerade Zwanzigjähriger, etwas mehr als hundert Jahre, nachdem dieses Hauptwerk abendländischer Passionsmusik 1727 erstmals erklungen war, die öffentliche umfassende Bach-Renaissance eingeleitet; sie dauert an bis in unsere Tage.

Mendelssohn hat sich zeit seines kurzen glanzvollen Lebens stets für Kollegen seiner Zunft eingesetzt, indem er ihre Werke aufführte, nachempfand oder anderweitig bekanntmachte: Dazu zählten Hector Berlioz, Franz Liszt, Robert Schumann und auch Richard Wagner. Vergleichen wir etwa dessen Holländer-Ouvertüre mit der Einleitung zum Oratorium „Elias“, so merken wir, wie nahe sich der Leipziger Gewandhauskonzertdirektor und sein neidischer musikdramatischer Nachbar in Dresden manchmal waren.

Ganz bewusst komponierte Mendelssohn ein ausgesprochen musikhistorisches Moment in seine Werke ein. So klingt im Oratorium „Paulus“ Bachs Johannespassion nach. Der erste Satz seiner „Italienischen“ atmet Mozarts lichten Geist. Im „Lobgesang“, gezählt als zweite Symphonie, treten Chor und Vokalsolisten hinzu, ganz nach dem Vorbild von Beethovens Neunter.

Eigene unverwechselbare Zeichen hat Mendelssohn in der Klavier- und Orgelmusik gesetzt: Die „Lieder ohne Worte“ sind quasi seine Erfindung. Und die sechs Orgelsonaten markieren den Beginn einer romantischen Tradition, die vor allem im französischen Sprachraum bei César Franck, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne zu hoher Blüte gelangte.

Es gibt so gut wie keine musikalische Gattung, die von Mendelssohn unbeachtet blieb. Er ist einer der letzten Komponisten, die ganz universell dachten und schufen, in der Kirchenmusik wie im Opernfach, in Liedern wie in Solokonzerten, in Motetten, Kantaten, Oratorien, Chören (z.B. „O Täler weit, o Höhen“ oder „Denn er hat seinen Engeln befohlen“) Sinfonien, Schauspielmusiken, Streichquartetten und sonstigen kammermusikalischen Werken.

Die Fülle seines Schaffens erwuchs, ähnlich wie bei Mozart, aus einer gediegenen Allgemeinbildung, die vor allem einen entschiedenen Sinn für die jeweilige Form ausbildete. Was Kritiker meinten, als allzu „glatt“ bemängeln zu müssen, war tatsächlich immer neu hart erarbeitet. Mendelssohn strich, verwarf und korrigierte stets bis zur Drucklegung seiner Kompositionen – und oft noch darüber hinaus, sehr zum Leidwesen der Verleger.  Hierin ähnelte er seinem Kollegen Frédéric Chopin: Nie war er zufrieden.

Felix Mendelssohn, glücklich verheiratet mit der Tochter eines Hugenottenpredigers aus Frankfurt am Main und Vater vieler Kinder, galt zu Lebzeiten und noch viele Jahrzehnte danach als ein geniales Glückskind, das den öffentlichen Musikbetrieb im biedermeierlichen Deutschland schöpferisch und organisatorisch ungemein bereichert hatte. Kein Männerchor im wilhelminischen Zeitalter, der nicht seine Lieder sang; kein Bachverein, der nicht seine kirchenmusikalischen Werke aufführen wollte; kein Konzertpublikum, das nicht nach seinen Ouvertüren und Sinfonien verlangte.

Dass er kein Titan wie Beethoven, kein Grübler wie Brahms, kein Neutöner wie Liszt war – geschenkt. Verhängnisvoll sollte sich im Fortgang seiner Rezeptionsgeschichte allein der Umstand erweisen, dass er aus einer jüdischen Familie stammte. Die Nazis kannten ja selbst dann keine Gnade, wenn die von ihnen Geächteten längst zum Christentum konvertiert waren – weil bei ihnen überhaupt gar kein Glaube zählte, sondern bloß dumpf das Blut. Das Mendelssohn-Fenster in der Leipziger Thomaskirche verarbeitet diese böse Fama sehr eindrücklich.

So wurde das beliebte e-Moll-Violinkonzert aus dem öffentlichen Musikbetrieb verdrängt, indem man Robert Schumanns d-Moll-Violinkonzert zu etablieren suchte: 1937 wurde dieses Stück, das im 19. Jahrhundert niemand aufführen wollte, erstmals dem Publikum dargeboten. Die Perfidie, noch post mortem Keile zu treiben zwischen Kollegen, die sich im wirklichen Leben geschätzt und unterstützt hatten, ist vielleicht nur ein kleiner Aspekt in dem sich damals schon manifestierenden Grauen der 1940er Jahre – aber eben einer unter unzähligen Schritten, die den aufrichtigen Geist einer zwar unpolitisch-vormärzlichen, aber in sich selbst zutiefst humanen Kultur niedergetrampelt und zertreten haben.

Mendelssohn hat es auch im Nachkriegsdeutschland schwer gehabt. Man traute dem stilistischen Alleskönner nicht recht über den Weg. Wer jedoch die feinsinnige Klangwelt mit durchaus aufbegehrenden Momenten etwa in der „Walpurgisnacht“ oder im c-Moll-„Sinfoniesatz“ zusammenhört, wird nicht umhinkönnen, in ihm einen europäischen Weltbürger zu entdecken, der die heutzutage so gern vollmundig betonte „Vielfalt“ nicht als propagandistisch aufgemotztes Neusprech übergriffig missbraucht, sondern leise und unausdrücklich, schlicht und einfach, gebildet und kunstreich: wirklich GELEBT hat.

Foto: Felix Mendelssohn: aus den „Sieben Charakterstücken“ Opus 7 (1827-1829)

Zum Bleistift

Wer die Wendung „Zum Beispiel“ ein wenig verfremden und zugleich begrenzte Heiterkeit erzeugen wollte, sagte in der guten alten Zeit: „Zum Bleistift“. Damit wurde indirekt ein vertrautes Schreibutensil nachgerade geadelt.

Wenn ich zur Chorprobe gehe, habe ich stets solch einen kleingewordenen Schreiberling in meiner Hosentasche – um Vortragsanweisungen des Kantors sofort in die Takte hineinzukritzeln. Und wo es darum geht, für wissenschaftliche Zwecke ein Buch zu lesen, tätige ich Anstreichungen darin mit eben jenem immer zuhandenen griffelähnlichen Gebrauchsgegenstand. Das Vorteilhafte an Bleistiftnotizen ist ja, dass sie einem Radiergummi bei Änderungsbedarf oder im Irrtumsfall eben NICHT standhalten!

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B, H, HB – Weichheit oder Härte und alles, was dazwischen ist: Das ist nun jüngst in Bausch und Bogen durcheinander und ins Wanken geraten, seit der Vorwurf im Raum steht, beim Referendum in Italien über eine Verfassungsänderung hätten in vielen Wahlkabinen Bleistifte ausgelegen. Sollte sich dieser Verdacht erhärten und der eherne Grund dafür, Noten und Bücher niemals mit anderem als mit IHM zu beschriften – eben WEIL man seine Züge notfalls ungeschehen machen oder zumindest korrigieren kann – , nun als Ursache einer möglichen Annullierung des ganzen großen Wahlaktes sich erweisen, dann stünde nicht nur ein Kulturgut unverschuldet im Zwielicht, sondern mit ihm ein ganzes staatliches System – dieses allerdings, im Unterschied zu jenem: schuldHAFT.

Die politisch korrekte Elite könnte freilich aus solch einem Skandal etwas ganz anderes machen: eine Hetzjagd auf den Bleistift als solchen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ursache und Wirkung krass vertauscht würden. Der bewussten holzumhüllten Bleimine Vorteil, nichts in Stein zu meißeln, könnte unterderhand umgedeutet zum empörungheischenden Nachteil pervertiert werden – : nämlich Unentschlossenem, Veränderbarem, Unzuverlässigem Vorschub zu leisten, ja, gleich ob weich oder hart oder mittel, alles andere zu garantieren als Fälschungssicherheit – und damit abzulenken von dem, was in italienischen Wahllokalen klammheimlich versucht hätte werden können: die abgegebenen Stimmzettel im nachhinein noch zu manipulieren, sozusagen per Gummikommission … Eigentlich sollten Wahlvorstände ohne Ratzefummel tätig sein, oder?

Aber seit den eigentümlichen Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika anno 2000 lässt sich leider alles Mögliche tagträumen, was bis dahin in einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen undenkbar schien. Damals, vor nunmehr sechzehn Jahren, meldeten die Radiosender noch einen Monat nach dem Wahltag (der fand im November statt), also Anfang Dezember: „Der Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen ist weiterhin völlig offen.“ Das klang in meinen Ohren seinerzeit so, als seien die Wahlhelfer dort drüben, jenseits des Großen Teiches, mit der Situation eklatant überfordert und total hilflos.

Bekanntlich mussten schließlich Gerichtsurteile Klarheit schaffen: Denen zufolge wurde George W. Bush die Mehrheit der Wahlmänner zuerkannt. Nachdem die „New York Times“ dann wenige Monde später im August 2001 die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung der Vorgänge um die Wahl 2000 für Ende September angekündigt hatte, geschah und erschütterte Nine-eleven. Danach war sogar die NYT still und widmete sich fortan anderen Themen, zeitgemäßeren sozusagen. Ein Satz lag seitdem in der Luft, wurde aber nicht ausgesprochen und geriet zum Glück auch wieder in Vergessenheit: Niemand hat die Absicht, eine Verschwörungstheorie zu errichten.

Viel interessanter war und ist und bleibt die Frage, warum die Auszählung der 2000er US-Wahl so undurchsichtig verlief. Man hatte offensichtlich zu sehr auf die maschinelle Automatisierung gesetzt: Statt Zettel mit Stift kamen vielfach unausgereifte Geräte zum Einsatz, welche in die den manchmal wohl völlig unalphabetisierten Wählern ausgehändigten Wahlkarten Löcher stanzen sollten: Allein, die Handhabung war vielfach unbeholfen oder auch nachlässig, so dass die Markierungen oftmals zwischen den Zeilen erfolgten oder aber auf dem Feld eines Kandidaten, dem der Wähler seine Stimme gar nicht hatte geben wollen. Technik also, die begeisterte.

Die diesjährigen Wahlumstände in Amerika sind problematisiert worden durch den Einsatz des Internet. Hier und dort mussten Stimmenauszählungen wiederholt werden, weil das Neuland-Netz eben doch nicht so präzise arbeitet wie der engagierte ehrenamtliche Mensch, der sich mit Kreide und Schwamm bewaffnet, um auf Zuruf hin die Striche im traditionellen Fünferpack zu realisieren – vier senkrecht nebeneinander, einer dann quer angeschrägt, von links unten nach rechts oben alle bisherigen berührend: und fertig ist das Pentapäckchen!

Im Vergleich zu solchen amerikanischen Verhältnissen wäre der jetzige italienische Urnengang eigentlich gut in den Griff zu bekommen gewesen. Die meisten Einwohner von bella Italia können ja lesen und schreiben. Aber wer hat schon damit gerechnet, dass BLEISTIFTE zum Einsatz kommen würden? War es nicht schon peinlich genug, dass im benachbarten Österreich nunmehr eine Bundespräsidentenstichwahl repetiert werden musste, weil man im Frühjahr vielerorts schlampert ausgezählt und zudem die Briefwahlstimmen eher denn vorgeschrieben geöffnet hatte? Ich frage mich langsam, ob Westeuropa seine Vorzüge, weswegen alle Welt doch gern zu uns kommen möchte, willentlich verschleudert. Jetzt werden also Bleistifte diskriminiert. Die Opfer werden getreten, statt dass die Frage verhandelt wird, wer aus welchen Gründen die armen Freunde in die Kabinen abkommandiert hat.

Solche Dinge wären doch von vornherein vermeidbar gewesen. Hier nun schafft man gewissermaßen sehenden Auges peinliche Wackelfakten, die in der Folge Anfechtungsklagen nach sich ziehen. Dass im aktuellen Fall die Bleistifte als die Bösen ausgemacht sind, tut dabei besonders weh. Da kaut etwas und spitzt zugleich an: Ich finde, diese ganzen „Orga-Teams“ und „Kommissionen“ und und und sollten sich an die bescheidenen Ratschläge des Schreibers dieser Zeilen halten, erprobt seit seiner ersten Wahl zum Klassensprecher vor zig Jahren:

Alle Wahlberechtigten bekommen papierne Zettel ausgehändigt, auf denen sämtliche Kandidaten beziehungsweise die verschiedenen Positionen zu strittigen Sachthemen ausgedruckt aufgelistet sind. Bei jedem Namen oder Anliegen stehen gleichgroße Kreise entweder für „Ja“ oder „Nein“. Einen Kuller von den beiden darf man mit einem Kreuzchen versehen. Das Schreibwerkzeug muss dokumentenechte Spuren hinterlassen beim Ankreuzvorgang. Am Ende des Tages werden die Wahlboxen durch das vorgesehene vereidigte ehrenamtliche Personal geöffnet und die Stimmzettel gesichtet, sortiert nach „Ungültig“, „Gültig“, „Ja“, „Nein“, „Enthaltung“ … Die Auszählung ist eine Mischung aus Vielaugenprinzip (sic!) und Protokollnotizen und Wandtafelmitschriften.

Kontrolldurchgänge erleichtern vor Ort die Feststellung des Ergebnisses. Während dieses ganzen Verfahrens sind an und für sich keine technischen Hilfsmittel nötig außer Papier und Kugelschreiber. Zudem sind wache Augen, klare Ansagen und ordnender Verstand von nicht zu unterschätzendem Vorteil. Wenn man dann, nach abgeschlossener Auszählung, noch einen Fernsprechapparat zur Verfügnung hat, um das Wahlresultat der nächstvorgesetzten Stelle zu melden, dann ist doch eigentlich alles gut.

Ich weiß wirklich nicht, warum diese völlig normalen Vorgänge so schwierig geworden sind. Sogar die Fortschrittlichen unter den Geheimdiensten sind dem Vernehmen nach von allerlei technischem und digitalem Gerät wieder ab und schreiben alles, was sie meinen festhalten zu müssen, wieder wie früher auf laut klappernden mechanischen Schreibmaschinen: Jeder kraftvolle und die Einzelfingermuskulatur stärkende Tastenanschlag wird so zum unmissverständlichen Treffer!

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Der Freund aller Noten und Bücher indes wäre somit rehabilitiert – einfach deswegen, weil er von vornherein bei Wahlen und im Schlapphutmilieu nichts zu suchen hat – und also dort keiner Anwesenheitspflicht unterliegt! Er ist frei, auch in Österreich oder Italien zum Bleistift … ähm: zum Beispiel.

Fotos: Ob im Oratorium „Paulus“ von Felix Mendelssohn oder in der Adventskantate „Machet die Tore weit“ von Georg Philipp Telemann: Ein Bleistift findet immer die richtigen Worte.

Kapitolinische Kapitulation

„Alle Wege führen nach Rom“ – niemand kommt an der Roma aeterna vorbei, und das gilt bereits seit nunmehr rund drei Jahrtausenden. Mit dem Zweizeiler „Sieben-fünf-drei: / Rom kroch aus dem Ei“ erinnert die deutsche lateinpädagogische Spruchweisheit an die beiden Gründungsbrüder Romulus und Remus, die von einer Wölfin aufgezogen wurden. Die entsprechende Freiluftplastik ist auf dem Kapitolshügel zu sehen. Niedersächsische Wolfsberater mögen dies für ihre Arbeit zu vereinnahmen wissen, sofern sie diese Legende noch kennen. Aber seit dem Jahr 753 vor Christi Geburt ist eben in der „Ewigen Stadt“ allerhand Sonstiges passiert. Zum Beispiel wurden im kapitolinischen Senatspalast Anno Domini 1957 (also nach Christi Geburt!) die „Römischen Verträge“ unterzeichnet. Keine sechzig Jahre ist das jetzt her. Rom ist Europa, und deshalb ist es so bedenklich, was sich jüngst dort zutrug.

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Auch den Präsidenten der Islamischen Republik Iran nämlich führte ein Weg nach Rom. Italien sei für die ölreiche und wieder in die internationale Staatengemeinschaft aufgenommene Regionalmacht am Persischen Golf einer der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner der westlichen Welt, hieß es. So machte also der weltliche Repräsentant eines von einem „geistlichen Oberhaupt“ kontrollierten Landes jener mondänen Kapitale seine Aufwartung, wo ebenfalls ein heutzutage säkular-republikanisches System Tür an Tür mit einem religiös-monarchischen Regiment wohnt. Aber – im Gegensatz zum Mullahregime in Teheran – seit 1929 in zwei völlig voneinander unabhängigen Staaten! Weltweit einmalig. Wie unterschiedlich die Repubblica Italiana und die Città del Vaticano agieren, zeigte sich im Umgang mit dem schiitischen Gast.

In Italien mussten es unbedingt die Kapitolinischen Museen sein, den iranischen hohen Herrn zu empfangen. Welch eine Gelegenheit, die dortigen Götterstandbilder aus der griechisch-römischen Antike, gesammelt seit den Zeiten der Renaissancepäpste, zu präsentieren! Jene weiblichen wie männlichen Idealmenschen, die, in Stein gehauen oder in Gips modelliert, vom abendländischen Humanismus so begeistert wiederentdeckt wurden und seitdem der gesamten zivilisierten Menschheit als Maßstab für Schönheit, edle Einfalt und stille Größe gereichen. Aber nun hatte man im Vorfeld des Besuchs gehört, dass Freizügigkeit überhaupt im Orient tabu sei. Die Regierung von Bella Italia sorgte deshalb dafür, dass die Statuen komplett unsichtbar wurden, eingehegt in hölzerne Schrankwandgevierte, anzusehen gleich aufrecht stehenden Särgen. Bloß dass die iranische Delegation nichts sehen müsse von dem, was in normalen Zeiten den Stolz der Stadt und des Erdkreises ausmacht.

Ganz anders die Visite beim römischen Bischof: Papst Franziskus und Präsident Ruhani posierten aufgeräumt vor einem Gemälde, das die Auferstehung Christi zum Thema hat. Wäre das nicht eigentlich die größere und schwerwiegendere Zumutung für den hochgestellten Muslim gewesen? Zwar wird im Islam Jesus als der bedeutendste Prophet vor Muhammed verehrt, man weiß sogar, dass Isa als Sohn der Maria ein Jungfrauenkind ist – aber bei Karfreitag und Ostern scheiden sich die Geister dann doch in höchstem Maß. Und dennoch begab sich der Repräsentant eines Staates, der einmal angetreten war, für alle Muslime dieser Welt zu sprechen, offensichtlich unaufgeregt unter ein Bild, das eben dieses Urereignis der christlichen Botschaft darstellt. Political correctness hätte doch hier eine vollständige Bedeckung des Motivs mit sichtundurchlässigem Stoff einfordern müssen, oder?

Diese unterschiedlichen Umgänge mit ein und demselben Gast lassen sich womöglich allzu rasch erklären. Italien scheint sich, wie so viele europäische Staaten, nun auch völlig unterworfen zu haben – durchaus im Sinne einer sousmission Houellebecq’scher Dimension, mit einer selbstauferlegten „politisch korrekten“ Zurücknahme und Verleugnung, die sowohl den „neuen Rechten“ als auch den Islamisten in die Hände spielt; und die andererseits alle in der Nachfolge der wirklich idealistischen Europäer, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Schlagbäume niederrissen, ratlos und traurig zurücklässt. Der Vatikan hingegen steht felsenfest zur abendländischen Tradition. Dieser gehört eben nicht nur Theologie und kirchengeschichtlich Gewordenes zu, sondern alle Kunst und Kultur, die im Christentum irgendwann Geltung erlangt hat, die vorchristlichen Zeiten unbedingt einbeschlossen. Was wir als „europäische Werte“ mittlerweile allzuoft nur noch als inhaltsleere Monstranz vor uns hertragen, aber bei jeder heiklen Situation dann doch ängstlich verstecken, das wirkt – ich als Lutheraner in heutigen Zeitläuften muss das neidlos anerkennen – im römischen Kirchensystem unerschrocken selbstverständlich und daher beeindruckend standhaft einfach weiter.

Wir stehen an einer Wegscheide. Europa, das wird an diesem römischen Vorfall deutlich, darf niemals identisch werden mit dem, was in Brüssel oder ferngelenkt in Amerika vorentschieden wird. Was uns durch die Römischen Verträge einst zugesichert wurde, war ein Kontinent in Frieden und Wohlstand mit Grundlage der christlichen Kultur, einschließlich ihrer Vorboten und Nachwirkungen. Das heißt aber auch, dass wir mit all dem uns selbst ins Abseits befördern, was wir für Vertreter anderer Kulturen aus eigener Initiative heraus, in vorauseilendem Gehorsam,  als „peinlich“ oder „diskriminierend“ oder „nicht wertschätzend“ bloß vermuten und vermeinen. Als eine Kapitulation entlarvt sich solch ein – von geistreichen Zeitgenossen treffend benannt: – „betreutes Denken“, das zum Lachen wäre, wenn es nicht so böse Folgen nach sich zöge. Denn wer sich verkriecht, aus Furcht, er könne anecken, hat schon verloren.

Kenner der nahöstlichen Welt sagen uns jeden Tag, wie sehr die Menschen aus jenen Gefilden sich über die sogenannten Gutmenschen unter uns lustig machen. Und es bleibt dann nicht beim harmlosen Spott, sondern es entwickelt sich eine Respektlosigkeit, die kein Mensch wollen kann, wohnt in ihm noch ein Funke von geistig-energischem Wahrhaftigkeitsstreben in Hinsicht auf gottesfürchtige Barmherzigkeit und weltbürgerliche Humanität. Nur so lassen sich kleinkarierte Ängstlichkeit und brutaler kultureller Ausverkauf stoppen. Es wäre für unseren guten alten Kontinent jammerschade, wenn alle künftigen Wege ins schöne Rom vor dummen hölzernen Verschlägen endeten. Holzwege kennt die Welt schon mehr als genug.