Mauerdurchbruch

Als vor dreißig Jahren infolge einer Verkettung glücklicher Umstände – ich sage nur: Schabbi „unverzüglich“ – am Grenzübergang Bornholmer Straße die Berliner Mauer unter dem Druck der versammelten Menschen geöffnet wurde, lag Deutschlands Zukunft in unbekannter Form und Ferne ganz weit weg. Glücksmomente sind reine Gegenwart. Von solch einer Beschaffenheit war der Abend des 9. November 1989.

Der sprichwörtliche Himmel über Berlin, cineastisch bereits zwei Jahre zuvor in aller Munde – ich sage nur: „Kind“ Handke – , strahlte tagsüber prächtig, noch viele Wochen in jener Zeit. Er beschien ausgemusterte Elektrowaren, die nun an begeisterte DDR-Bewohner verkauft werden konnten; er blickte freundlich auf das menschliche Gewimmel und Gewusel auf dem Kurfürstendamm; er sah hell in sich umarmende westöstlich vereinte Deutsche unterschiedlicher Staatsangehörigkeit; und er meinte es offensichtlich gut mit allem, was kommen würde.

Günter Schabowski (auf einer Pressekonferenz zum neuen Reisegesetz der DDR) und Peter Handke (diesjähriger Literaturnobelpreisträger, man lese und höre wieder einmal das „Lied vom Kindsein“ in der Rezeption durch den Filmemacher Wim Wenders) haben auf je ihre Art unwissend Mut gemacht: 1987 dachte nur Präsident Reagan bei seinem Berlinbesuch das Undenkbare – ich sage nur: „Tear down this wall“ – , verlacht von allen Westdeutschen, die es sich in der Zweistaatlichkeit bequem gemacht hatten. Und 1989, am frühen Abend des zweiten Donnerstags im elften Monat, wurde aus der trockenen Ankündigung, dass man eine neue Regelung gedenke einzuführen, derzufolge künftig DDR-Bürger ohne besonders begründeten Antrag in den Westen reisen könnten, durch die Nachfrage eines italienischen Reporters – ich sage nur: „Wann“ tritt die in Kraft? – eine unumkehrbare Abstimmung mit Trabbis und Füßen.

Vom damaligen „Ende der Geschichte“ sind wir nunmehr, trotz 2001-Nine-Eleven und nachfolgenden weltweiten Kriegen wie Flüchtlingsströmen, schlafwandlerisch doch irgendwie im „Kampf der Kulturen“ gelandet, auch wenn das derzeit viele nicht hören wollen – ich sage nur: „Wir schaffen das“. Die Deutschen, 1989/90 „das glücklichste Volk der Welt“ – ich sage nur: Mauerfall, Fußballweltmeister, Wiedervereinigung – sind seit einiger Zeit dabei, alles „Nationale“ über Bord zu werfen. Dabei übersehen sie in ihrem Wunsch nach Buntheit und Vielfalt, dass zum Leben und Lebenlassen die jeweils einzelne, also persönlich-individuelle Geburt gehört, welche in ganz handfeste, klar bestimmbare familiäre, sprachliche, religiöse, traditionelle, kulturelle und – nachgelagert – auch staatliche Zusammenhänge hinein sich ereignet. Was der tiefe herzerschütternde und tränentreibende Grund zur Freude 1989 war – ich sage nur: Willy Brandts Wort „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ – , soll in der heutigen multikulturell umgeformten Gesellschaft keine Rolle mehr spielen. Wirklich nicht?

Entsprechend wirr ist die Rückseite der Zwei-Euro-Sonderprägung – ich sage nur: Die D-Mark musste in der Verhandlungsfolge „2 plus 4“ dran glauben – zum Mauerfalljubiläum ausgefallen. Die jubelnd hochgereckten Hände vorm Brandenburger Tor mögen den Glücksmoment ansatzweise einfangen; aber eine deutende Grundierung bleibt in dieser künstlerischen Darstellung weitgehend aus.

mauerfall

Sei’s drum. Wie gut, dass meine Zigarettenbüchse, in welche ich die Tabakwaren stets nach deren Erwerb „sofort“ wegen der mir unerträglichen – ich sage nur: „pädagogisch wertvollen“ – Ekelbilder hineinumsortiere, mit einer unregelmäßig weißgesprenkelten Oberfläche auf blauem Grund eingefärbt ist – ich sage nur „Europa“! Man müsste Latein sprechen können – ich sage nur nati bzw. nasci: geboren werden – , dann wäre gedanklich vieles besser einzuordnen. Denn nicht nur die deutsche Geschichte ist vom 9. November geprägt – ich sage nur: 1848, 1918, 1923, 1938, 1989 – , nein, auch außerhalb unseres Sprachraums ist dieses Datum von Bedeutung.

Am 18. Brumaire VIII, also 9. November 1799 putschten die Gebrüder Buonaparte, Lucien und Napoléon, erfolgreich gegen das Direktorium und erklärten die Französische Revolution offiziell für beendet. Der neue „starke Mann“ – ich sage nur: Konsul, Kaiser, Kriegsherr – hielt das verängstigte restliche Europa noch viele Jahre in blutigem Schach; „das Böseste, was es gibt“ – ich sage nur: Vor dem Sturm (Fontanes erster Roman) – , konnte erst mit dem Wiener Kongress unschädlich gemacht werden. In der politisch bleiernen Restaurationszeit ab 1815 geriet vieles an fraglos positiven, zumindest auf dem Papier existierenden Errungenschaften der Ersten Französischen Republik tragischerweise in Vergessenheit, ja im Lauf des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts sogar in Verruf: Die bürgerliche Gleichstellung der Juden gehört dazu …

Der 9. November ist für viele Menschen in aller Welt aber auch ein hoher Festtag, und zwar in der römisch-katholischen Kirche. An jenem Tag im Jahr 324 wurde die Mutter und das Haupt aller Kirchen der Stadt Rom und des Erdkreises feierlich geweiht. Bischof Silvester und Kaiser Konstantin richteten auf dem Baugrundstück der alteingesessenen Familie Laterani ihre Gebete an den Salvator direkt – ich sage nur: Gut evangelisch! – ; die Patrozinien von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten traten ergänzend hinzu. So kennen wir das Gotteshaus bis heute unter dem Namen San Giovanni in Laterano: Die Lateranbasilika war bis zum Großen Abendländischen Schisma 1309 die Papstkirche. Vom Vatikan war kaum die Rede.

Bau – ich sage nur: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ und Fall – ich sage nur: „O Durchbrecher aller Bande“, unvorstellbar bis zum besagten glorreichen Augenblick – : Beides ist im Blick auf die innerdeutschen tödlichen Grenz- und Sperranlagen gottlob Vergangenheit. Wenn es gegenwärtig so etwas wie zukunftsoffene tatkräftige Ökumene im Sinne einer weltweit und himmelwärts gedachten Ahnung des Unendlichen geben sollte – dann sage ich nur: Seid wachsam und bleibt dankbar.

Foto: Münzfester deutsch-deutscher Freudentaumel. Die Ereignisse am 9. November im deutschsprachigen Raum: 1848 Hinrichtung des Abgeordneten zum Paulskirchenparlament Robert Blum in Wien. 1918 Abdankung des Kaisers Wilhelm II., Ausrufung der Republik in Berlin. 1923: Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle in München. 1938: Judenpogrome in ganz Deutschland – der Staat als Terror- und Mörderbande. 1989: Fall der innerdeutschen Grenzen – Anfang vom Ende der kommunistischen DDR-Diktatur.

Die 9,5 Thesen

Ja, Sie haben richtig gelesen: Nicht fünfundneunzig, sondern neunkommafünf Thesen im Nachgang zum großen Reformationsjubiläum anno 2017 – und besonders für alle Nörgler in Hinsicht auf den Landtagsbeschluss in Hannover anno 2018, den 31. Oktober zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen –  mundgerecht optimiert für notorisch abgelenkte Zeitgenossen, die weder Latein können noch Luther kennen.

Nicht zu reden von den einhundertsiebenundzwanzig Folianten der kritischen Gesamtausgabe, die zwischen den Jahren 1883 und 2009 erschienen. Erstaunlich, dass ein einzelner Mann mit gesprochenem und geschriebenem Wort rund achtzigtausend Druckseiten in dieser „Weimarer Ausgabe“ (Weimarana) füllt. Aber solche unübersichtlichen Bleiwüsten interessieren ja heutzutage kaum noch irgendwen. Daher nun meine unmaßgeblichen Thesen zu Lutherus in toto & cum grano salis, aus Lesefrüchten hie und da zusammengestoppelt.

Luther steht und kann nicht anders

I. Luther hatte keine Kenntnis von der Bedeutung der Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus. Dies schreibt der Historiker Heinz Schilling in seiner großartigen Biographie, die zum Reformationsjubiläum 2017 erschien. Vielmehr lebte der Reformator in seiner mitteldeutschen kleinteilig geprägten Welt. Auch Geographie war ihm fremd. Von seiner großen Fußreise nach Rom hat er selber keine unmittelbaren schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Wir kennen daher noch nicht einmal die genaue Reiseroute. Venedig? Florenz?

II. Luther lebte mentalitätsgeschichtlich betrachtet weitgehend in der Vorstellungswelt des ausgehenden Mittelalters, so die Ansicht des Lutherforschers Heiko A. Oberman in seinem Buch „Luther: Mensch zwischen Gott und Teufel“ von 1982. Die Tintenfass-Teufel-Legende ist wohl gut erfunden, aber sie trifft Luthers Wesen recht gut. Stets sah er sich in dämonischer Anfechtung durch „Sünde, Tod und Teufel“. Das wird auch in seinen Liedern immer wieder deutlich.

III. Luther konnte buchstäblich nicht rechnen, so Richard Friedenthal in seiner Lebensbeschreibung zum 450-Jahres-Jubiläum der Reformation im Jahre 1967. Daher sind Luthers Widerstände gegen Zins und Wucher noch ganz dem Mittelalter verhaftet. Das heißt auch, dass er die wirtschaftlichen und finanziellen Abläufe der entstehenden kapitalistischen Welt nicht im entferntesten durchschaute. Seine Kritik am Ablasshandel ist rein seelsorgerlich und schrifttheologisch geprägt. Die eigenen späteren Fragen von Haus, Geld und Handel überließ er seiner Ehefrau, dem „Herrn Käthe“. – Für unsere heutige Zeit wäre es angesagt, die Überlegungen Luthers zum Wucher neu zur Kenntnis zu nehmen. Unser in die Krise geratenes „lombardisches“ System sieht sich neuen Herausforderungen ausgesetzt, durch die Bank der Brics-Staaten etwa oder durch die Diskussionen um zinsfreie Darlehen nach dem Modell des Islamic banking. Auch die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank kann da in den Blick kommen.

IV. Luther hatte von Politik keine Ahnung: So lapidar sagte es stets mein Religionslehrer auf dem Gymnasium. Zwischen dem Kämpfer an der geistlichen „Mönchsfront“ und dem an der weltlichen „Bauernfront“ sei unbedingt klar zu unterscheiden. In der Obrigkeit sah Luther die von Gott für die irdischen Belange eingesetzte Regierung, die für Ruhe und Ordnung zu sorgen habe. So erklärt sich auch seine Haltung als vermeintlich einseitiger „Fürstenknecht“ im Großen Bauernkrieg des Jahres 1525.

V. Luther legte gegenüber den Juden eine zunächst freundliche, später feindliche Einstellung an den Tag. „Dass sich Christen in Mose schicken sollen“, war zunächst sein Grundsatz, den er bibeltheologisch begründet. Im Gespräch mit einem Rabbi vor Ort ist er dann der uns heute unbegreiflich erscheinenden Ansicht gewesen, der wäre bereit, sich zu Christus bekehren zu lassen. Aus Enttäuschung darüber, dass dies dann unterblieb, wandelte sich sein Bild von den Juden. Hinzu kam der Ärger über die in den Synagogen seinerzeit verbreitete Schrift „Toledot Christi“, denen zufolge Maria eine Hure und Jesus ein Zauberer gewesen sei. Der alterszornige Luther fordert, die Synagogen zu verbrennen. Diese Anwürfe fügen sich in den Rahmen einer damals gängigen Rhetorik. Allerdings waren den Herausgebern erster „Gesammelter Werke“ diese Schriften Luthers selber peinlich. Vieles davon ist erst im 20. Jahrhundert wieder hervorgezogen worden, um Luther antisemitisch zu vereinnahmen. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese grobschlächtigen Äußerungen weitgehend in Vergessenheit geraten.

VI. Luther hatte ein völlig anderes Verständnis von „Nation“. Er kann nicht einseitig als Beginn einer politisch-nationalistischen „Linie“ gesehen werden. Die entsprechende These hat der politisch wendige Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Wolfram von Hanstein in seinem Buch „Von Luther bis Hitler. Ein wichtiger Abriss deutscher Geschichte“ in seinem eigenen Verlag „Republikanische Bibliothek“ in Dresden im Jahr 1947 aufgestellt. Auf Seite 7 heißt es: „Historisch betrachtet führt eine gerade Linie von Luther über den Großen Kurfürsten, über Friedrich II. und seine Nachfolger, über Bismarck und die Ära wilhelminischer Zeit bis zu Hitler. Die Entwicklung dieses Abwärtsgleitens bis zum offenen Verbrechen hin ist so zwangsläufig, dass sich hier am trefflichsten Schillers Wort aus seinem Drama ‚Die Piccolomini’ bewahrheitet: ‚Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären’“.

VII. Luther war in den Bereichen, von denen er etwas verstand, ungeheuer gründlich. Man muss zunächst seine Stärken würdigen. Die liegen in der unbedingten Ernsthaftigkeit seines Gottvertrauens, geschult durch seine Zeit als Augustinermönch. Der Eremitenorden hatte sich strengster Observanz verschrieben. Aus diesem Ansatz ist dann der Forscherdrang des Bibelprofessors abzuleiten. Damit einher geht freilich eine gewisse weltfremde Naivität. Aber gerade durch sie war Luther so „frei“ wie er war. Seinem Schriftverständnis kommt von daher etwas Prophetisches zu. Das wird in den 95 Thesen von 1517 immer wieder deutlich, noch vor der „reformatorischen Erkenntnis“, die erst 1518 zum Durchbruch kam. Die Schrift als das unverfügbare stetige Gegenüber: wohl in der Zeit und Geschichte entstanden durch fehlbare Menschen (vgl. Luthers abschätzige Bemerkungen zum Jakobusbrief oder zur Offenbarung des Johannes), aber von einer Botschaft „extra nos“ (außerhalb von uns) erfüllt.

VIII. Luther hatte wenig genaue Kenntnis der Geschichte. Das unterscheidet ihn von den Humanisten. Und das verwehrte ihm auch ein tieferes Verständnis für die Kirchengeschichte. Seine Bibelauslegung ist von dogmatischem Vorverständnis geprägt, sie zielt auf die fromme Praxis – wenn auch inhaltlich in völlig anderer Ausrichtung als zu seiner Zeit in seiner Umgebung üblich. Insofern ist etwa auch seine eigene Herausgabe der von einem namentlich nicht bekannten Mystiker Ende des 15. Jahrhunderts verfassten „Theologia Deutsch“ von 1516 ein Bekenntnis und nicht im eigentlichen Sinne eine historisch-kritische Quellenedition.

IX. Luther kam es immer auf das Hier und Heute an. Insofern sind alle seine literarischen Veröffentlichungen seit 1520 Beiträge zu aktuellen Debatten. In diesen Zusammenhang ist auch das programmatische Wort des Bibelübersetzers einzuordnen, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Systematische Erwägungen überließ er gern dem „Magister Philippus“ Melanchthon, seinem Schüler und Lehrer zugleich, Verfasser der „Loci communes“ von 1521 (erste lutherische Dogmatik) und der „Confessio Augustana“ 1530 (Augsburger Bekenntnis).

Meine ganz eigene unvollständige These: Luther setzte seine Stärken gegenüber seinen Schwächen (die ihm selbst bewusst waren) umso virtuoser ein: Bibelkenntnis wie bei keinem zweiten zu seiner Zeit, herzliche Frömmigkeit, kräftige Bildsprache, hohe Musikalität.

So. Dies sei meine Zugabe für den diesjährigen Reformationstag. Allen, die diese neunkommafünf Thesen gelesen haben, steht es frei, sich unten sinnierend in Ruhe oder rasant im Nullkommanichts zu äußern. Mal sehen, ob insgesamt die stattliche Anzahl von sagen wir fünfundneunzig diskutablen Sätzen erreicht wird. Dann könnte man mal wieder richtig, in einem großen spannungsreichen geistigen Bogen, um Gedanken, Worte und Werke ringen. Also nur zu! Konkurrenz belebt das Gespräch.

 

Foto: Luther in Worms anno 1521, Skulptur am Hauptturm der Lambertikirche zu Oldenburg (Oldb), Mitte der 1870er Jahre.

Wort Gottes und Heilige Schrift

Wer sich von den für „zeitgemäß“ erachteten Forderungen, was „Kirche“ alles „muss“, einwickeln lässt, sollte nicht vergessen, wo eigentlich die Basis ist. Besinnt man sich auf diese Frage, dann landet man unweigerlich beim sogenannten Buch der Bücher, bei der Bibel, der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Um überhaupt auf dieses fürs christliche Selbstverständnis grundlegende Faktum bloß erst einmal hinzuweisen (nicht mehr und nicht weniger), gibt es hier nun Abschnitte zu lesen, die vielleicht am treffendsten als Sprechzettel zu bezeichnen wären.

Notizen haben etwas Apodiktisches. Sie sollen zu rhetorischen Höhenflügen führen. Zugleich dienen sie der eigenen Vergewisserung, was lexikalisch immer und jederzeit und überall abrufbar ist. Das gibt jeder Präsentation auch ohne Powerpoint und trotz allem Informationsgehalt zwar etwas Einseitiges und Beschränktes; zugleich kann solch ein Vortrag jedoch anregend wirken und zum Widerspruch reizen. Also:

Gott ist nur aus seinem Wort zu erkennen. Wir sehen ihn nicht, aber wir können ihn hören. Was die Propheten von ihm vernommen haben, ist aufgeschrieben im Alten Testament. „Höre des HERRN Wort“ ist häufig Einleitungsformel für eine prophetische Weisung. Diese Erkenntnis Gottes im biblischen Kanon ist schon in der Schöpfungsgeschichte vorausgesetzt: Auf das Wort Gottes hin wird alles geschaffen: „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“

Die Theologie Israels verstärkt nach Landnahme und Tempelbau diese Anschauung. Gott wird gepriesen in Liedern, die vor allem im Buch der Psalmen auf uns gekommen sind. Der singende Mensch im Gottesdienst antwortet in dieser Weise auf den klingenden Anspruch Gottes.

Wort Gottes und Heilige Schrift

Allmählich werden die prophetischen Aussprüche, die Erzählungen von Schöpfung, Vätergeschichten, Auszug aus Ägypten und Wüstenwanderung, Einzug ins Gelobte Land, Sesshaftwerdung, die Chroniken von Richtern und Königen, dazu Gesetzessammlungen, Weisheitssprüche, Lieder und Gebete zusammengetragen und im Kanon der Hebräischen Bibel geordnet. Die ersten fünf Bücher Mose gelten als „Thora“ („Weisung“); sie sind bis heute im Judentum der wichtigste Teil der Offenbarungen Gottes.

Im späten vorchristlichen Altertum wird der hebräische Text in die damalige Weltsprache Griechisch übersetzt. Dieses griechische Alte Testament wird „Septuaginta“ genannt, weil die Legende von siebzig Übersetzern berichtet, die unabhängig voneinander dem Herrscher in Alexandria wortgleiche griechische Textfassungen abliefern.

Nicht mehr einzelne Zitate gelten als Wort Gottes, sondern die Gesamtheit der schriftlichen Überlieferung vom Glauben an den Gott Israels firmiert als „Wort Gottes“. Damit ist die Heiligkeit des Wortlautes, ja des einzelnen Buchstabens gegeben. Der Gedanke der „Verbalinspiration“, dass also Gottes Geist Wort für Wort den Schreibern diktiert hat, kommt bereits im Judentum vor Christi Geburt auf.

In Ägypten unter den griechischsprechenden Juden sind noch weitere biblische Bücher im Umlauf, die man später „apokryph“ („verborgen“) nennt. Sie werden nicht in den hebräischen Kanon aufgenommen (z. B. Jesus Sirach, Tobias, 1. / 2. Makkabäer, Stücke zu Daniel).

Die ersten Christen leben mit der griechischen „Septuaginta“. Aus dieser Fassung der jüdischen Bibel zitieren die Evangelisten überwiegend. Der Gedanke der Jungfrauengeburt ist zum Beispiel der griechischen Übersetzung entnommen. Aus dem Gottesdienst der Synagoge übernehmen die Christen das Singen und Beten der Psalmen Davids. Im Umgang mit diesen Texten verstehen sie Kreuz und Auferstehung Jesu als „geweissagt durch Mose und die Propheten“.

In Anlehnung an die Messiasverheißungen des Alten Bundes entstehen im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt die Schriften des Neuen Testaments. Die Briefe des Apostels Paulus sind die ältesten erhaltenen schriftlichen Erzeugnisse des Urchristentums, entstanden zwischen 50 und 60 nach Christus. Unter den Evangelisten trägt als erster Markus um 70 n. Chr. Berichte und Worte Jesu im größeren Rahmen zusammen, darauf  bauen Matthäus (um 80) und Lukas (um 90) auf. Unabhängig von diesen schreibt Johannes (um 100) sein Evangelium. Der erste Satz „Im Anfang war das Wort“ erinnert an die Schöpfungsgeschichte: Das Wort Gottes hat Gestalt angenommen, es ist „Fleisch“ geworden, sein Name ist Jesus Christus.

Das Neue Testament ist von vornherein in der Umgangs- und Verkehrssprache des östlichen Teils des Römischen Reiches auf griechisch abgefasst. Schon sehr bald gibt es auch Übersetzungen in die koptische, armenische, georgische und lateinische Sprache. Nicht der einzelne Buchstabe ist „heilig“, sondern der Sinn der Worte: Es geht um die Botschaft von Jesus Christus, die bereits seit dem ersten Pfingstfest (Apostelgeschichte 2) vielsprachig und vielgestaltig ist.

Im Laufe des vierten Jahrhunderts entscheidet man endgültig, welche Schriften zum Kanon gehören und welche nicht. Bis dahin ist vieles im Fluss. Das betrifft vor allem die Offenbarung des Johannes, aber auch den Hebräerbrief und andere kleinere neutestamentliche Schriften. Ein Anstoß, überhaupt diese Frage zu klären, geht seit dem zweiten Jahrhundert von den sogenannten „Gnostikern“ aus, die radikal alles Jüdische aus dem Kanon verbannen wollen. Dagegen verwahrt sich die verfasste Kirche schließlich mit Erfolg.

Die Frage, wie die biblischen Texte unter den sich wandelnden Zeitumständen angemessen zu verstehen sind, führt schon in den ersten christlichen Jahrhunderten zu Auslegungen und Kommentaren durch Prediger, Bischöfe und Gelehrte, die sogenannten Apostolischen Väter und die Kirchenväter. Zunächst sind hier die griechischsprachigen Theologen federführend; ab dem dritten und vierten Jahrhundert verschiebt sich der theologische Schwerpunkt nach Westen in die lateinischsprachige Welt hinein.

Sind die griechischen Kirchenväter eher an philosophischen Fragen in ihrer Bibelauslegung interessiert – etwa in Hinsicht auf die Dreieinigkeit oder das Verhältnis von Göttlichem und Menschlichem in der Person Jesu Christi – , so beschäftigen sich lateinische Kirchenväter wie Ambrosius oder Augustinus mit Fragen der praktischen Lebensführung, der Stellung der Kirche in der Welt oder den Aufgaben von Staat und Gesellschaft.

Als Normalausgabe der Bibel gilt im Westen die lateinische Übersetzung des Hieronymus aus dem vierten Jahrhundert, auch wenn dies kirchenamtlich erst auf dem römisch-katholischen Konzil zu Trient (zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts) bestätigt wird. Hieronymus ist für die folgenden tausend Jahre der letzte große Theologe, der das Alte Testament unter Zuhilfenahme des hebräischen Urtextes übersetzt.

Die vorreformatorischen deutschen Übersetzungen von Teilen der Bibel fußen auf dieser lateinischen Fassung des Hieronymus, der sogenannten „Vulgata“. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks werden hebräischer und griechischer Urtext wieder zugänglich. Luther hat seine Bibelübersetzung aus den Ursprachen erstellt.

Gegenüber dem amtskirchlichen Bibelverständnis (Schlüssel- und Lehramt des Apostels Petrus, siehe Matthäus 16 und 18) gibt es andere Zugänge. Besonders das Mönchtum der Wüstenväter (Antonius) und die großen Orden des Mittelalters (Benediktiner, Dominikaner, Franziskaner) versuchen, ihre – andere – Art zu leben mit den „Evangelischen Räten“ bzw. mit der Bergpredigt zu begründen.

In diese Richtung gehen auch verschiedene vorreformatorische Volksbewegungen innerhalb der mittelalterlichen Kirche (so die Waldenser oder die Böhmische Brüder). Hier findet sich teilweise offener Widerspruch zur großkirchlichen Ordnung, hier werden erstmals Forderungen nach der Bibel in den Volkssprachen, nach jeglicher Absage an Waffengewalt (so das Verständnis von Matthäus 5) oder auch nach dem sogenannten Laienkelch („Trinket alle daraus“) laut.

Im Zeitalter der Reformation rückt die Frage nach dem „Kanon im Kanon“ in den Blickpunkt der Auseinandersetzung um das rechte Verständnis der Bibel. Für Luther und seine Anhänger ist es die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben (Römer 1, 16f; 3, 21-28), die das spezifisch „Evangelische“, nämlich die Rettung vor dem Tod durch Christus den Gekreuzigten und Auferstandenen. Damit wird die Heilsautorität der Kirche radikal abgelehnt. Kirche wird als „Gemeinschaft der Heiligen“ im urchristlichen Sinne verstanden und mit den entsprechenden Bibelstellen begründet.

Gegen das typisch evangelische „Allein die Schrift“ (lateinisch: sola scriptura) setzt das römisch-katholische Konzil von Trient (Tridentinum) die Parole: „Schrift und Tradition“. Das meint: In den dogmatischen Entscheidungen der Konzilien sowie des Bischofs von Rom, also des Papstes, wird eigentlich nur dasjenige weiter ausgeführt und erläutert, was auf der Grundlage der Heiligen Schrift sowieso „von allen zu allen Zeiten an allen Orten“ (Vinzenz von Lerinum, fünftes Jahrhundert) geglaubt worden ist. Dagegen sagen die Protestanten: Auch Konzilien können irren. Die Auslegung der Bibel erfordert eigenes Nachforschen und Nachdenken. Darum ist den reformatorischen Kirchen seit jeher so viel an Bibelübersetzungen in die jeweilige Volkssprache gelegen.

Im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts beginnt die historisch-kritische Erforschung der biblischen Bücher. Von relativ einfachen Feststellungen (etwa: Die fünf Bücher Mose können nicht von Mose selbst geschrieben worden sein, weil an deren Ende von seinem Tod berichtet wird) bis hin zu komplizierten Theorien über unterschiedliche Spruch- und Schriftquellen (vor allem in den Evangelien die Frage: Was an Aussprüchen stammt vom „historischen Jesus“ und was ist spätere Gemeindebildung?) spannt sich bis heute der Bogen biblischer Auslegung.

Gegen die Intellektualisierung des Umgangs mit der Bibel in historischer Forschung und in der Dogmatik auch der altprotestantischen Geisteshaltung entstehen  seit dem siebzehnten Jahrhundert erweckliche Bewegungen. Für sie ist wichtig, dass das Wort Gottes, wie es im biblischen Wortlaut sich darbietet, direkt zum Herzen des einzelnen spricht. Beispiele: Herrnhuter Brüdergemeine; Täufergemeinden (woraus später die Baptisten hervorgehen); pietistische Hauskreise & cetera. Bei den Methodisten wird das persönliche Bekehrungserlebnis wichtig.

In der heutigen Zeit gibt es im deutschsprachigen Raum keine grundlegenden Unterschiede mehr zwischen evangelischer und katholischer Auslegung der Heiligen Schrift. Einerseits sind die Protestanten vorsichtiger geworden, ob die Rechtfertigungslehre tatsächlich das Herzstück biblischer Verkündigung ist; andererseits haben Katholiken längst akzeptiert, dass die biblischen Erzählungen nicht einfach sagen wollen, wie es damals zur Zeit Jesu war, sondern vieles von ihrer eigenen Gemeindesituation in die Geschichten eintragen. Zudem ist allgemein anerkannt, dass die Menschen zur biblischen Zeit ein ganz anderes Weltbild hatten als wir, die wir im Zeichen der Kopernikanischen Wende seit bald fünf Jahrhunderten leben (müssen).

Dieser exegetische Konsens wird jüngst wieder in Frage gestellt. Nicht nur Ratzingers Jesus-Bücher, sondern auch Anregungen gesellschaftspolitischer, religionskundlicher, archäologischer, historischbesserinformierter, jüdischchristlichdialogischer, feministischer, gendergerechter oder umweltbewusster Zeitgenossen lassen die „Klassiker“ der protestantischen Bibelauslegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, namentlich geprägt durch Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack, Karl Barth und Rudolf Bultmann samt ihren Schülerinnen und Schülern, mittlerweile schon wieder alt aussehen.

Die Frage erneuert sich mit den Zeitläuften, inwiefern dogmatisch-erhabene und zugleich exegetisch-detaillierte Beschäftigung mit der Bibel das Wort Gottes stets bezeugt. Solange diese Welt so unvollkommen daherkommt, wie sie nun einmal ist, wird sie deshalb ohne philologisch und hermeneutisch geschulte Theologieversuche schwerlich auskommen.

Abbildung: Beginn von Psalm 1 in der Hebräischen Bibel.