Quasi una fantasia tedesca

Wie eine deutsche Phantasie (mit dickem ph) – oder eher als feinsinnige Fantasie (mit schlankem f)? Gravitas oder Grazie? Hirngespinst oder Klangereignis? Schwere oder Schwebe? Irden-himmlischer Elfenbeinturm oder himmlisch-irdene Ausdrucksmacht? Ziellose Schwelgerei oder willensstarke Musik?

Irgendwie sind die Attribute austauschbar: Der griechischen Schreibweise ließen sich ebenso zarte wie ungezügelte Eigenschaften gleichermaßen zuordnen wie der lateinisch-italienischen. Das Reich der Ph/F/antasie ist unerschöpflich, widersprüchlich, reichhaltig – aber bisweilen auch sehr blutleer. Dünnes Denken wechselt mit fiebernder Fülle geistlos/geistreich ab.

Eine berühmt-berüchtigte Druckgrafik aus dem Zyklus „Los Caprichos“ des spanischen Künstlers Francisco de Goya nennt sich im Deutschen meist: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Statt „Schlaf“ lässt sich auch „Traum“ sagen. Ob das Ganze satirisch oder todernst aufgefasst werden soll, ist seit Entstehung dieser Radierung, Ende des achtzehnten Jahrhunderts, häufig und gern diskutiert worden. Kann sich in diesem Bild auch der sprichwörtliche deutsche Michel mit seiner Schlafmütze wiederfinden? Sind Träume bloß Schäume – oder alp-hafte (!) Bewältigungen böser Realität?

Die deutsche Romantik, die zeitgleich mit den gesellschaftskritischen Darstellungen des seit Anfang der 1790er Jahre ertaubten Goya entstand, sah das Reich der Gedanken als einzig verbliebene Sphäre, aus der ein Mensch nicht vertrieben werden kann. Während um anno 1800 alle in deutschen Landen seit rund neun Jahrhunderten vertrauten Verhältnisse sich unter dem Druck der vom revolutionären Frankreich ausgehenden Umwälzungen und handfesten Kriege auflösten, begaben sich die Nachdenklichen ins innere Exil.

Wer in bildender Kunst, Literatur und Musik etwas zu sagen hatte, erschuf allein aus eigener Geisteskraft je neue Welten – ohne nach deren Praktikabilität oder gar Zweckmäßigkeit groß zu fragen. Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich, Novalis oder Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven in seinen Opera ab der Jahrhundertwende oder Franz Schubert – und es ließen sich viele andere nennen – haben gewissermaßen Gegenwelten projektiert, um dem offensichtlichen grausamen Wahnsinn zu begegnen. Wer damals in Farben, Worten oder Tönen schwelgte, war ein kritischer Traumtänzer, aber keineswegs unsystematisch oder gar am wirklichen Leben vorbei.

Dass sich die Romantiker und solche, die es werden wollten, vielfach darauf besannen, „wie uns die Alten sungen“, dürfte eigentlich keine Empörung hervorrufen. Noch zu meiner Schulzeit wurde uns eingeprägt, dass man aus der Geschichte lernen möge. Das war in den Siebzigern und Achtzigern im letzten Jahrhundert des seit nunmehr bald vor dem Zeitraum einer Erwachsenenwerdung verflossenen Jahrtausends. Ist es nicht erschreckend-erstaunlich, wie rasch sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten die historisch denkende Alltagsmentalität verflüchtigt hat?

Dass arabische Immigranten nicht wissen, wie sehr es hier in Deutschland vor siebzig Jahren flächendeckend sogar trümmerhafter aussah als heutzutage in Syrien – geschenkt. Aber dass eine angehende Religionslehrerin ganz beglückt aus dem Häuschen gerät, als sie zu hören meint, das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ habe ein amerikanischer Bürgerrechtler gedichtet – und es, auf den feinen Unterschied einer Null hingewiesen, nicht weiter schlimm findet, dass der eine vor 500 und der andere vor 50 Jahren gewirkt hat, ihr quasi die Differenz von Martin Luther und Martin Luther King völlig egal ist … sind ja beide längst tot – also hier müsste vielleicht doch eine Abiturnachprüfung angesetzt werden, oder?

Andererseits hat die junge Dame etwas Richtiges gespürt: In Lutherliedern ist Musik drin! Die sagen einem „auch heute noch“ was. Jedem Lapsus liegt ein Zauber inne. Romantik pur. Eine PH hat doch auch ihr Gutes. In strikter PH-Neutralität von Geschichts- und Geschlechtslosigkeit wandeln also die Lehrpläne von Pädagogischen Hochschulen, heutzutage meist im Range von veritablen Universitäten, auf quasi politisch korrekten Wegen, zwar unhistorisch spintisierend und gendergerecht alles von gutem altem Herkommen terrorisierend: aber eben irgendwie doch die Absolvent*inn*en solcher Anstalten in Betroffenheit berührend. Das sollten wir bei allem zum Sarkasmus reizenden Nonsens denn doch nicht vergessen.

Bundesdeutsche Phantasie – gibt es die eigentlich? Zu mehr als zum „Verfassungspatriotismus“ hat es letztlich nie gereicht. Und unser gutes Grundgesetz hatte nur solange Ausstrahlungskraft, als es den Gegenentwurf zur wie auch immer gearteten Verfasstheit der „Deutschen Demokratischen Republik“ darstellte. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 hat sich vieles leider erledigt. Nicht, dass die neu hinzugekommenen Bürger daran irgendeine Schuld träfe, im Gegenteil! Die friedliche Revolution von 1989/90 hatte ja gerade das Ziel, den Inhalt der die Bonner Republik begründenden Ordnung auch für die eigene Lebenswelt fruchtbar zu machen. Und es war großartig, wie sie sich in diesem Bestreben von nichts und niemandem unterkriegen ließ!

Der Schwere des Abschüttelns von Stasi-Diktatur und fehlgeleitetem Wirtschaftssystem folgte leider jedoch nur eine kurze Phase idealistischer Schwebe – übrigens auf beiden Seiten von Mauer und Stacheldraht! Im strahlend schönen Sommer 1990 saßen wir vor Eckkneipen und in Biergärten unter dem hohen sternbeglänzten Himmel über Berlin, Wessis und Ossis treulich beieinander – was bisher „die Mode streng geteilt“ – , in studentischer Verzückung, hier und jetzt im historischen Bewusstsein, einen Zipfel des Mantels der Geschichte tatsächlich erhascht zu haben. Viel war von „Konföderation“ die Rede, auch davon, dass „alle“ „etwas einzubringen haben“, mit „ihren Biographien“ und Erfahrungen und so weiter und so fort.

Berliner Romantik, nunmehr nicht in den Salons einer Henriette Herz oder Rahel Varnhagen, sondern als Schlabberlook-Neuauflage in verwunschenen Abrisshinterhöfen im Prenzlauer Berg oder in den einschlägigen Lokalen in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Die vornehmere Fortsetzung der Debatten aus milden Sommernächten fand tagsüber auf dem Campus statt: je nachdem, wo man studierte, erörterten junge Leute die neue deutsche Frage in Dahlem, Zehlendorf oder in Mitte. Dass anderswo auch andere – entscheidungsstärkere – Personen über uns sprachen, nahmen wir kaum zur Kenntnis. Dass diese Herrschaften Bush, Gorbatschow, Mitterrand und Frau Thatcher hießen, die sich zu viert mit den zwei Deutschen Kohl und de Maizière trafen, störte niemanden unter uns daran, hochfliegende Gedanken etwa über die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus begeistert zu ventilieren.

Quasi una fantasia tedesca

Viel Gerede zum Mondscheintarif – am 1. Juli 1990 war das alles schlagartig vorbei: Die Deutsche Mark (West) wurde in der Noch-DDR als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt, und von Stund an lief alles seinen marktwirtschaftlichen Gang. Der fruchtbare wie weltfremde Gegensatz von PhantaSie und FantaDu war überwunden. Insbesondere für die Studenten der evangelischen Theologie, die immer besonders lautstark „sich einbringen“ wollten, war das eine harte Nuss. Der reizvolle weltbürgerlich anmutende Traum: ein Bundeskanzler Lafontaine hüben und vis-à-vis ein Ministerpräsident de Maizière drüben, zwei „Ar“s, nämlich Oskar und Lothar samt französischen Nachnamen: – war da bereits ausgeträumt.

Als „Chabis“ entlarvt, schweizerisch im übertragenen Sinne für „Unfug“, wortwörtlich aber: „Kohl“. Der blieb nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 denn auch Kanzler, ganz allein: Die DDR gab es da bereits seit zwei Monaten nicht mehr. Was uns „an der Basis“ seinerzeit noch nicht so klar war: Der Preis für die deutsche Einheit war die D-Mark. Da konnte Franz Beckenbauer im schönen Sommer zuvor noch den Pokal der Fußballweltmeisterschaft so freudig in den sternenklaren römischen Nachthimmel gereckt haben: Das eigentliche Symbol bundesdeutschen Erfolgs der Nachkriegszeit war schon längst dem Neid der kleineren Westalliierten geopfert. Eine Weichwährung namens Ecu/Euro brach sich Bahn und frisst sich ganz praktisch, also völlig theoriefrei, sprich: ungebremst bundesbanklos(!) spätestens seit 2002 unersättlich in unsere Ersparnisse hinein.

Damit sind wir beim schnöden Mammon angelangt. Geld regiert die Welt, je einheitlicher die Währung, desto gefahrvoller für den einzelnen Haushalt, wenn makroökonomisch etwas aus dem Ruder läuft. In der Napoleonischen Ära hatte man damit auch schon seine liebe Not. Deutsche Romantik hat seinerzeit mit ihren ganz eigenen Mitteln und Wegen ihr zugetane Menschen bei der Stange gehalten. Wer hingegen keinerlei Phantasie entwickelte, ging zugrunde. Aus genau dieser Situation heraus entstand in den 1810er Jahren ein frisches deutsches Nationalgefühl. Es war zunächst weder völkisch noch monetaristisch noch reaktionär ausgerichtet, sondern vorrangig auf die eigenen bisher unterdrückten kulturellen Traditionen bedacht. Nach der Abschüttelung französischer Kaiserdiktatur bemächtigten sich insbesondere die Studenten der klassischen freiheitlichen Ideale – bis wiederum die nunmehr einheimische, sprich Metternichsche Reaktion (spätestens 1819) unbarmherzig zuschlug.

So wurde die Vernunft gezwungenermaßen in einen Tiefschlaf versetzt, der so manches Ungeheuer hervortreten ließ. Als Schuldigen aber machte man seitdem gern samt und sonders die Romantik in toto aus, obwohl diese phantasievolle und also auch politisch in ihrem Selbstverständnis völlig ungebundene Geistesströmung alles andere als repressiv war. Eher ist – von heute aus – zu fragen, ob es nicht schließlich kaltherzige „Dialektik der Aufklärung“ war, die im gesamten zwanzigsten Jahrhundert zu den in Nachahmung der französischen „Terreur“ bösartig-raffiniert geplanten Massenmorden geführt hat.

Die innerdeutsche gegenwärtige Diskussion ums Selbstverständnis krankt daran, dass alle gegen alle reden und am Ende nur „Stalinisten“ auf der einen und „Nazis“ auf der anderen Seite übrigbleiben. Wer eigentlich die Mitte ausfüllt, bleibt nebulös. Das war mal anders. Noch bis in die Neunziger hinein repräsentierten schöne Tiefdruckbeilagen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Bilder und Zeiten“ oder die Feuilletons etlicher anderer überregionaler Blätter ein abwägendes und zugleich meinungsstarkes bürgerliches Kulturbewusstsein. Wenn ein Marcel Reich-Ranicki sich mit jemandem befehdete, dann schlugen die Streithähne wohl sprachlich bisweilen über die Stränge, aber das gehörte zum Spiel hinzu. Auch in anderen medialen Formaten wussten sich die an der Auseinandersetzung Beteiligten mit dem deutschen Bildungskanon grundsätzlich einig. Messer wurden nicht gezückt, man enthielt sich auch der Morde durch solche Bestecke. Gezielte Rotweinverschüttungen auf Lieblingsgegner waren die Ausnahme und fanden nur in ausgewählten Fernsehdiskussionen statt.

Unter solchen Vorzeichen war jahrzehntelang zumindest unterschwellig von der deutschen Wiedervereinigung die Rede. Es gab auch Institutionen, die während der gesamten Nachkriegszeit 1945 bis 1990 ohne jeglichen Verdruss Mauer und Stacheldraht ignorierten und gesamtdeutsch weiterarbeiteten: Es sei hier nur die Neue Bachgesellschaft von 1900 e.V. erwähnt. Musik, aber auch Sport und natürlich die gemeinsame Sprache verband vielfältig, wenn auch oftmals organisatorisch zwangsweise getrennt. Dass die Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft sich mit steigendem Wohlstand indes proportional dazu weniger für diese Dinge interessierte, ist allerdings nicht zu verschweigen. Unsere Lokalzeitung brachte nur alle vier Wochen eine Seite mit dem Titel „Blick ins andere Deutschland“. Im übrigen schien die deutsche Teilung fest zementiert. Mein Foto weiter oben von der Berliner Mauer am Brandenburger Tor datiert von 1983 – dass sich dort etwas ändern könnte, hätten wir uns damals in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Phantastische Fantasien müssen nicht zügellos sein. Was romantisch daherkommt, ist oftmals von der Faktur her nichts anderes als die Ausweitung dessen, was an Techniken kleinteilig bereits lange vorhanden war. Die Betitelung Quasi una fantasia bedeutet also keine sanktionierte Regellosigkeit; vielmehr wird ein motivischer Kern zur allgemeinen Maxime erhoben. Goldene Regel und Kategorischer Imperativ werden dem romantischen Impuls einverleibt – und so vor dem Einerlei der Tagesmeinung gerettet. Besonders Beethovens cis-moll-Klaviersonate, komponiert anno 1800, ist so gar nicht willkürlich, geschweige denn wirr oder nach Laune konzipiert. Im Gegenteil, sehr verlässlich bringen alle drei Sätze dieser seit dem neunzehnten Jahrhundert so genannten „Mondscheinsonate“ Motive und Melodien in schönster Regelmäßigkeit wieder und wieder. Dass dennoch gerade dieses Werk die Geister nicht ruhen, sondern höchst anregen lässt, liegt in der nachgerade genialen Verbindung von Schlichtheit und Aufruhr. Aus einem Lehrbuch oder Modul ließe sich für solch subversive Musik kein einziger Götterfunken herausschlagen. Man gut, dass die Romantik niemals schulbuchmäßig kroch, sondern grenzenlos frei dachte!

Beethoven hat sich als Fünfundzwanzigjähriger anno 1796 während einer von einem adligen Gönner ermöglichten Reise in Leipzig und in Berlin aufgehalten. Musikalische Studien in der Thomasschule der sächsischen Messestadt sowie Empfänge am Hof in der preußischen Hauptstadt ermöglichten ihm gründliche Studien, von Bach ausgehend. Zeit seines weiteren Lebens hat der später ertaubte Meister in seinen Kompositionen diese persönlich angeeigneten Überlieferungen einfließen lassen. Dabei ging er nicht als Kopist vor (wie man es, bei allem Respekt, Mozart in einigen seiner Stücke unterstellen könnte; er hatte 1789 ebenfalls eine Reise zu diesen Stätten mit dem gleichen Gönner unternommen), sondern als phantasievoller Schöpfer von schon beim ersten Hören erkennbaren Stücken des einzigen „Beethoven“.

Das vorhandene Material sich zueigen machen: Eine Frage von individueller Kunstfertigkeit! Das romantische Menschenbild setzt auf die eigene freie zu allem fähige starke Persönlichkeit. Jegliche Propaganda ist ihr fremd. Eine Ich-Welt trotzt jeder Art von Diktatur. Das Individuum ist die Keimzelle jeglicher Gesellschaftsordnung. Der international sich gerierende und im Ernstfall stalinistische Sozialismus hat das ebensowenig begriffen wie der in Deutschland zuvor wütende National-Sozialismus. Sofern sich diese Regime auf die Romantik beriefen, lagen sie schlicht und einfach falsch. Das muss betont werden zur Rehabilitation der zu Unrecht Angeklagten.

Deutsche Einheit – ein weites Feld. Handfeste Phantasien und klingende Fantasien bilden ja vielleicht die Grundlage dafür, dass bei uns das Denken in bildender Kunst, in gesprochenem und geschriebenem Wort, in auskomponiertem Klang nicht ausstirbt. Mit Ph oder nur mit F. Also diesen unbescheidenen Wunsch hätte ich dann doch, auch am achtundzwanzigsten Jahrestag der 1990er Deutschen Einheit.

Kohls Übergriffe auf mein Leben

Dreimal hat Dr. Helmut Kohl, der nun mit 87 Jahren verstarb, in mein Leben eingegriffen. Das finde ich im nachhinein noch erstaunlich und durchaus bedenkenswert; denn sein Einfluss auf mich war rein medialer Natur. Das Fernsehen gebiert Ungeheuer, manches Ondit trat hinzu – und das sage ich gerade wegen der lateinischen Sentenz De mortuis nil nisi bene – das letzte Wort ist kein substantiviertes Adjektiv, das einzelne liebreizende Dinge meinen könnte, sondern ein Adverb, so dass der Satz nicht etwa übersetzt lautet: „Über die Toten nur Gutes“ (das wäre: bonum), sondern: „Über die Toten nur gut“, im Sinne von: insgesamt richtig, angemessen, ordentlich. Der Spruch ist also gerade keine Einladung zu anekdotenhafter, doch ansonsten substanzloser Lobhudelei, sondern eine sowohl Inhalt als auch Form umfassende Mahnung, bei der Wahrheit zu bleiben.

Es steht mir nicht zu, das gewaltige weltgeschichtliche Lebenswerk dieses Mannes zu beurteilen – dafür haben wir „in diesem unserem Lande“ Heerscharen von bestallten und/oder berufenen Journalisten sowie solchen, die es werden wollen oder doch zumindest gern wären. Die ziehen jetzt ihre vorbereiteten Lebensläufe aus den Schubladen, bringen sie auf den letzten Stand und veröffentlichen sie ansprechend kommentiert. Manche Irrtümer findet man da fortgeschrieben, und sei es in Form von despektierlichen Witzen, über die seinerzeit Pennäler von meinem Schlage lachen konnten, z.B. diesen hier: Präsident Reagan, Premierministerin Thatcher und Bundeskanzler Kohl treffen verspätet in Moskau ein. Sie werden vom der englischen Sprache mächtigen Staats- und Parteichef Gorbatschow empfangen, und eine Person nach der anderen entschuldigt sich: Reagan: „I’m sorry“ – Thatcher: „I’m sorry, too“ – Kohl: „I’m sorry, three“ …

Als „Birne“ (Titanic), tolpatschig, linkisch, ungehobelt und eben auch fremdsprachenfrei wurde der Kanzler in den mittleren Achtzigern von seinen Gegnern ins Lächerliche gezogen, und wir freuten uns wie Bolle, mittenmang dabei sozusagen. Den „schwarzen Riesen“ doof zu finden war Kult, und wer dazugehören wollte, machte unbesehen mit. Meine heimlichen Sympathien galten höchstens dem vormaligen rheinlandpfälzischen Regenten in der Mainzer Staatskanzlei, der dort mit Beschallung durch Musik von Vivaldi oder Mozart in Wollsocken an Sandalen herrscherlichen Freuden frönte. Und Respekt zollte ich ihm, als er sein schönes bequemes Ministerpräsidentenamt verließ, nachdem er als Kanzlerkandidat die Bundestagswahl 1976 zwar verloren, aber beachtliche 48% für seine Union geholt hatte und hernach im Bonner Parlament als Oppositionsführer eine neue Rolle fand, um von dort seinen Einfluss beharrlich auszubauen, FJS 1980 zum Trotz.

„Er kann es nicht“, sagte Franz Josef Strauß (der nach eigenen Worten lieber Ananaszüchter in Alaska geworden wäre denn Aspirant fürs Bundeskanzleramt) über seinen vorgeblichen „Männerfreund“. Dieser letztere ließ es sich nicht verdrießen und gab dem bayrischen Ministerpräsidenten die (aussichtslose) Chance zum Griff auf den mächtigsten Posten, den diese Republik zu vergeben hat. NB: Ebenso großzügig ließ Frau Merkel den Bayern-MP Stoiber anno 2002 abschmieren. Drei Jahre später war sie Kanzlerin. Zwei Jahre nach der Stoppt-Strauß-Wahl, also 1982, war die in einem bisher nicht inkriminierten Facebook-Beitrag so bezeichnete „Birne meiner Jugend“ am Ziel aller Träume.

Kohl nahm mir „meinen“ Kanzler

Vor dem Fernseher, 1. Oktober 1982. Bundestagsdebatten per Rundfunkapparat oder TV-Gerät zu verfolgen war in jener Zeit unter Normalbürgern eine weitverbreitete Tätigkeit, bei der kritisches und geduldiges Zuhören eingeübt werden konnte, ohne dass der Unterhaltungsfaktor außenvorbleiben musste. Als Klassiker galten die Rededuelle zwischen Bundeskanzler Schmidt und CSU-Vorsitzendem Srauß, vom brummeligen SPD-Solisten Wehner („Sie Diffeldoffel, Sie“) oder der feinen F.D.P. -Dame Hamm-Brücher gar nicht erst zu reden. Einen schweren rhetorischen Stand hingegen hatte CDU-Chef Kohl; wir bemitleideten ihn wegen seines angelernt wirkenden unschuldbeteuernden Augenaufschlags hinter der biederen Kassenbrille und seiner langweiligen Art insgesamt.

Noch am Tag des konstruktiven Misstrauensvotums sollen F.D.P. -Abgeordnete bei der CDU/CSU-Fraktion angefragt haben, ob man nicht eine andere Person als Schmidt-Nachfolger benennen könne … Aber an dem Machtmenschen aus Oggersheim führte nun, nach bereits neun Jahren Parteivorsitz und seinem guten Abschneiden bei der Wahl ’76 kein Weg mehr vorbei. Ich kauerte mich in eine Sofaecke, wie betäubt allein von der bloßen Vorstellung, am Abend dieses Fernsehtages keinen Kanzler Schmidt mehr zu haben. Allzu lebendig stand mir noch das Foto vom tränenüberströmten Willy Brandt im Mai 1974 vor dem erinnernden Auge: nach den Intriguen von Onkel Herbert und dessen in Moskau geäußertem Satz, der Kanzler bade gern lau, war die Enttarnung des Beraters Guillaume als DDR-Spion nur der letzte Anlass gewesen, die Spitze im Palais Schaumburg auszutauschen. Und jetzt, gut acht Jahre später, sollte ich erneut umlernen und mich umstellen müssen?

Mir wollte nicht einleuchten, was man gegen den energischen, sprachgewandten, sachorientierten, scharfsinnigen und zugleich musischen Abgeordneten „Schmidt-Bergedorf“ in seiner weltweit angesehenen Regierungsführung ernsthaft einwenden könnte. Im direkten Gegensatz zu ihm wirkte Kohl eigentümlich tumb, kolossal-unbeholfen … – aber eben auch verschlagen, unberechenbar trotz oder gerade wegen dieses notorischen äuglichen Plinkerns. Junge feingliedrige Menschen empfanden diese massige barocke Erscheinung als Zumutung mit Tendenz zur Bedrohung. Mit solch einem Typen allein in einem Raum würde man selbst völlig wehrlos an die Wand gedrückt werden … dachte ich so bei mir. NB: Die letzte Audienz, die er seinem an den Rollstuhl gefesselten Nachfolger im Parteivorsitz gewährte – es ging um die Parteispendenaffaire – , endete so (glaubt man Augenzeugen): Schäuble konnte aus eigener Kraft die Ausgangstür nicht öffnen, und Kohl, der einfach hinter seinem Schreibtisch sitzen blieb, half ihm nicht. Mehr Demütigung ist kaum vorstellbar.

An jenem Herbsttag in Bundeshaus zu Bonn am Rhein wurde dann in der Tat Helmut Kohl, wie allgemein erwartet, zum Kanzler gewählt. Helmut Schmidt gehörte zu den ersten Gratulanten, mit knappem Handschlag und strähnenweise heruntergefallener Haartolle, derangiert und erschöpft wirkend. Aber nicht die Spur einer Träne: Bis zuletzt ganz das Gegenteil vom Star der „Willy-Wahl“ 1972, der nur zwei Jahre später so tief fiel … Nun also der andere vom „doppelten Helmut“ (wie es im Blick auf den 1976er Bundestagswahlkampf der Stern formuliert hatte) – und, so ergänze ich, die andere der doppelten Hannelore. Mehr als die Namensgleichheit der sich ablösenden Kanzlerehepaare schien es an Gemeinsamkeiten aber nicht zu geben. Ab nun warteten wir gespannt darauf, was die in Aussicht gestellte „geistig-moralische Wende“ denn inhaltlich bieten würde.

Das böse Wort von der „Wenderegierung“ traf in erster Linie die Partei mit den drei Pünktchen, die ja hauptverantwortlich zeichnete für Schmidts Sturz. Genscher, Mischnick und Lambsdorff traf unser innerer Bannstrahl, aber es half ja nichts, diese Politiker waren bald wieder obenauf und bekleideten Regierungsämter wie zu Zeiten der sozialliberalen Koalition. „Ich stimme so ab wie die Mehrheit“ , das schien das Motto der F.D.P. zu sein, und mir fiel die Anekdote ein von Bundeskanzler Brandt, als er in Moskau mit feinem auftrumpfendem Lächeln eine Spitze setzen will und nach irgendeinem Vertragsabschluss darauf hinweist, diese jetzt paraphierte Vereinbarung müsse nun demnächst noch vom heimischen Bundestag demokratisch abgesegnet werden; „denn bei uns entscheidet ja die Mehrheit“ – Breschnew darauf zu Brandt: „Bei Ihnen, da regieren fünf Prozent!“

Kohl verhinderte meine Teilnahme an einer Bundestagswahl

Zeitungen, Radio und Fernsehen, Mitte Dezember 1982 bis Anfang März 1983. Noch immer schäume ich, wenn die Rede auf den 6. März 1983 kommt, jenen Tag, den Kohl sich ausersehen hatte für vorgezogene Neuwahlen zum Deutschen Bundestag. Dafür bediente er sich des Instruments der Vertrauensfrage, in der Absicht, dass sie von einer Mehrheit der Parlamentarier nicht positiv beschieden würde. So votierten also jene Abgeordneten, die zweieinhalb Monate zuvor Kohl gewählt hatten, nunmehr zunmindest nicht für den eigenen Kanzler – indem sie sich nämlich der Stimme enthielten in der Hoffnung auf ein insgesamt satteres Wahlergebnis für die neue Regierungskoalition aus CDU/CSU und F.D.P. – Bundespräsident Karl Carstens spielte bei diesem fadenscheinigen Manöver mit, löste kohlwunschgemäß den Bundestag auf und machte damit den Weg für die vorgezogenen Neuwahlen am besagten Märzsonntag frei.

Erst mit dieser Entscheidung kam mir eine Episode aus der Fernsehberichterstattung am Abend der Wahl 1980 wieder in Erinnerung: Franz Josef Strauß hatte sich vor Lachen kaum halten können, und diese Fröhlichkeit des Verlierers irritierte damals außerordentlich. Aber gleichzeitig war der F.D.P. -Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher gefragt worden, ob er tatsächlich eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition über vier weitere Jahre garantieren könne, woraufhin er seeeehr zögerlich und leise sich die Antwort spürbar abrang, sinngemäß: „Das hab ich doch gesagt“ … Und wie rot waren da die abstehenden ihm eigenen Außenministerohren geworden!

Nun also, zur Jahreswende 1982/83, war klar, dass ich nicht wählen durfte! Am regulären Bundestagswahltermin im Herbst 1984 wäre ich locker achtzehn Jahre alt gewesen, aber eben nicht im Frühjahr 1983! Alle in meiner Schulklasse und im Freundeskreis waren zutiefst empört. Wir konnten machen, was wir wollten, es würde uns nichts bringen. Der neue Kanzler ließ uns völlig hilflos zurück, und in ohnmächtiger Wut sprachen wir fortan sehr forciert erst recht nur noch von „Birne“ und spotteten über die „geistig-moralische Wende“ , wie sie vor Ort in Gestalt der neuen „Popper“ -Mode Einfluss gewann: „Was lacoste die Welt?“ – Später wurde dann auch noch das Privatfernsehen eingeführt. Hätten wir am 6. März 1983 mitwählen dürfen, wäre natürlich alles ganz anders ausgegangen, na klar!

Niemand kann deshalb meiner Generation den Vorwurf machen, sie habe Kohl von vornherein keine Chance gegeben. Im Gegenteil, er hatte doch uns, aufstrebende interessierte potentielle Erstwähler, verschmäht! Bei der ersten Bundestagswahl, die ich tatsächlich dann mitmachen durfte, im Januar 1987, wählte ich den Abgeordnetenkandidaten der Kanzlerpartei also bewusst nicht. Ein feuchtäugiger Kohl und ein entsprechend (?) feuchtfröhlicher Strauß waren an jenem denkwürdigen Wahlabend fernsehweise zu besichtigen …

Der Groll wirkte weiter. Das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ etwa rief Spott hervor. Wir 83er-Betrogenen wollten einfach nichts Berechtigtes an diesem Ausspruch finden, ignorierten fleißig frühere Voten des CDU-Vorsitzenden, zum Beispiel seine Einlassung in der Wahlkampfsendung von 1980, in der er, gegen Kanzler Schmidt gewandt, auf den eigenen Bruder verwies, der im Krieg gefallen war. Dieses Ereignis hatte Kohl derart verinnerlicht, dass es ihm Ansporn geworden war, jeden Schlagbaum in Europa niederzureißen und jede nur irgendwo drohende militärische Eskalation mit den Mitteln der Diplomatie und der Wirtschaft im Keim schon zu ersticken.

Kohl und Schmidt waren hier im Grunde einer Meinung: trotz biographisch bedingter Unterschiede, die ja vor allem die Geburtsjahre betraf: 1930 Ludwigshafen, aber 1918 Hamburg. Dieser Helmut musste in den Krieg, jener Helmut knapp nicht mehr. Die derzeitige Bundesverteidigungsministerin sollte sich das einmal zu Gemüte führen, anstatt, wenn sie nicht gerade abgerundete Ecken bei Panzern einfordert, Fotos von notgedrungen Wehrmachtsangehörigen abzuhängen. Was bildet die sich eigentlich ein?

Wie gesagt, statt genau hinzuhören ziehen wir den Kanzler der Geschichtsklitterung und machten uns auch sonst lustig über sein abtrainiertes Pfälzisch, das dann zu solch irren phonetischen Phänomenen wie dem Begriff „Gechichte“ führte, die „hochdeutsch“ gemeinte Alternative zur saumagenkompatiblen „Geschischte“ …

Kohl missachtete die Konfession seiner Ehefrau und somit meine

Venezia, Palazzo Ducale, August 2002. Eben noch waren wir, Teilnehmer einer deutschsprachigen Führung durch den Dogenpalast, voller Verachtung am Denunziantenbriefkasten vorbeigegangen, da kamen wir landsmannschaftlich übergreifend ins Gespräch; denn in der Gruppe waren einige aus Ludwigshafen, und es stellte sich überdies heraus, dass es sich um Glieder einer evangelischen Kirchengemeinde handelte, die da unterwegs waren. Nun dauerte es nicht lange, dass die Rede auf ein Datum gut ein Jahr zuvor kam, nämlich den 11. Juli 2001. Da hatte die Trauerfeier für Hannelore Kohl geb. Renner stattgefunden, an keinem geringeren Ort als im Kaiserdom zu Speyer. So kochte der Ärger mitten im Dogenpalast zu Venedig wieder hoch, in deutlicher Erinnerung an seinerzeit gedruckte Schlagzeilen wie diese: „Katholische Totenmesse für eine Protestantin“ …

Statt für hätte es sachlich richtiger wohl gegen heißen müssen. Doch das für die Ehegattin des früheren Bundeskanzlers zuständige evangelische Pfarramt hatte keine Chance, den Gottesdienst liturgisch oder homiletisch zumindest mitzugestalten. Die Familie Kohl setzte sich auf ganzer Linie durch und ließ der gebürtigen Berlin-Schönebergerin und aufgewachsenen Leipzigerin ein römisch-rheinisches Requiem zelebrieren, so, als sei dies völlig selbstverständlich beziehungsweise „alternativlos“ . Eine neuerliche öffentliche Protestation von Speyer wie weiland auf dem Reichstag anno 1529 blieb aus, die Gemeinde aus der „Protestantischen Kirche der Pfalz“ litt still und nur auf Anfrage laut – dazu musste unsereiner erst ins Machtzentrum einer verflossenen Seerepublik reisen: Mille grazie alla Serenissima!

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Übrigens: Wo Kaiser Konrad und Kaiserin Gisela ruhen, kam Hannelore selbstredend nicht hin – und auch Helmut wird, wenn ein Stockwerk höher das Auferstehungsamt beendet ist, mitnichten sein Grab in der Krypta finden. Bei den verblichenen Herren des Domkapitels soll er hingebettet werden. Genug weit weg vom Kohlschen Familiengrab in Ludwigshafen, wo nun Eltern und deren Schwiegertochter einigermaßen endgültig ohne den berühmten Sohn auskommen müssen. Derweil zanken sich dessen Nachkommen mit der etwa gleichaltrigen Stiefmutter, und irgendwie ist man als schlichter westdeutsch und gesamteuropäisch denkender Durchschnittsbürger  mit einemmale nicht ganz unglücklich darüber, mit solchen Streithanseln keinen näheren Kontakt gehabt zu haben.

Kohl hatte auch gute Seiten

De mortuis … Das Beste an Kohl war seine Fähigkeit, alles Unangenehme „auszusitzen“. Darob ist er heftig gescholten worden; aber wer je eine auch nur kleine politische Rolle eingenommen hat, weil er in ein übergeordnetes Amt gewählt wurde, weiß, wie nötig es manchmal ist, sich nicht aufscheuchen zu lassen im Namen eines noch so heftig eingeforderten immerwährenden Aktionismus. Die damals Ende November 1989 durch Hannelore in ihre Reiseschreibmaschine getippten „Zehn Punkte“ für die Schaffung einer deutsch-deutschen Konföderation wurden von Kohls Gegnern derart auseinandergenommen und wütend bekämpft, dass man im nachhinein eigentlich nur bewundernd dasteht und sagen muss: Da begann er, erratisch, wie so oft, die deutsche Einheit mit Umsicht und taktischem Geschick und sanfter wiewohl entschiedener Diplomatie meisterhaft zu organisieren.

Dass im Nachgang zur Währungsunion zum 1. Juli 1990 mit dem viel zu günstigen Umtauschmodus für das DDR-Geld ein Bundesbankpräsident zurücktrat, wurde wenig später kompensiert durch die Konstruktion einer „Europäischen Zentralbank“ nach bundesdeutschem Muster und auch mit Sitz in Frankfurt am Main. Allerdings verhallte das damit gegebene Signal ungehört: Die meisten der bisherigen EZB-Präsidenten stammen aus ehemaligen Weichwährungsländern (Frankreich, Italien), und dementsprechend sieht die Geldpolitik heutzutage aus. Das ist beileibe nicht Kohl anzulasten – zu kritisieren ist er allerdings an dem Punkt, dass er im „Euro“ ein Allheilmittel gesehen hat, gesamteuropäischen wie bundesdeutschen Interessen gleichermaßen entsprechen zu können.

Mit niedrigeren Beweggründen südeuropäischer Staatsbanken hat er seinerzeit nicht rechnen wollen und können. Schlagbäume zu beseitigen, wo auch immer, also ganz idealistisch, war sein unermüdliches Anliegen. In seiner Sicht der Dinge hat er hier die Chance zur Überwindung des Eisernen Vorhangs als Dienst am sich vereinigenden Europa wahrgenommen und in verblüffendem Tatendrang durchgesetzt. Der „Birne“-Spott verstummte zu Recht, die Fragen indes, welche offene Grenzen und „europäische“ Geldflutungsaktionen heutzutage aufwerfen, sind drängender denn je und harren nicht etwa geschickten Aussitzens, sondern entschlossenen Handelns.

Kohl konnte ja bisweilen aus der Haut fahren – gegen einen einzelnen Eierwerfer bei einer Wahlkampfveranstaltung in Halle an der Saale nahm er höchstpersönlich die Verfolgungsjagd auf und wurde nur mühsam durch seine eigenen Personenschützer gestoppt: daraus entstand umgehend das ironische Plakat „Aufeinander zugehen“ … Jede in „linken“ Kreisen darüber geäußerte Abfälligkeit gerät indes zur Hybris, wenn verkannt wird, wie im Grunde menschlich der „Kanzler der Einheit“ da agierte. Jedenfalls wüsste ich derzeit niemanden von den jetzigen aktiven Politikern zu benennen, der die nötigen „Eier“ hätte, für seine eigenen gesellschaftlichen Ziele derart umfassend und ohne gesteigerte Rücksicht auf Sicherheitsbedenken urtümlich einzustehen. In solchen Momenten waren Kohl Übergriffe durchaus positiv: lehrreich und vorbildlich.

Abbildung: Krypta im Dom zu Speyer; nach der Vorlage einer Ansichtskarte aus den frühen achtziger Jahren.