Bach

Am 21. März 1685 wird in Eisenach der laut Neuem Brockhaus (1960) „größte Tonmeister aller Zeiten“ geboren, Johann Sebastian Bach. Er ist das jüngste von acht Kindern des Stadtpfeifers Ambrosius Bach und seiner Ehefrau Elisabeth geb. Lämmerhirt. Die Musikerfamilie Bach ist in mehreren Zweigen im ganzen thüringischen Raum verbreitet – seit der Einwanderung des „Stammvaters“ Veit Bach Anfang des 17. Jahrhunderts als protestantischer Glaubensflüchtling aus Ungarn.

Der kleine Johann Sebastian besucht die Lateinschule in Eisenach, wo fast 200 Jahre vorher auch Martin Luther die Schulbank gedrückt hat. Eisenach liegt unterhalb der Wartburg, wo der Reformator einst als „Junker Jörg“ lebte; hier hatte er die Arbeit an seiner bahnbrechenden hochdeutschen Bibelübersetzung begonnen, die auch in der Bach-Familie als Hausbuch Grundlage allen Lebens ist.

Aus dem vertrauten Urort evangelischer Kultur wird Bach jedoch allzubald herausgerissen: Als er acht Jahre alt ist, stirbt seine Mutter; mit zehn Jahren, nach dem Tod auch des Vaters, ist er Vollwaise. Vielleicht liegt in dieser frühen Lebenstodeserfahrung der Keim für die Ernsthaftigkeit und Vollkommenheit seiner Musik als einer in sich abgeschlossenen tröstenden Welt gegen den untröstlichen nur-irdischen Alltag.

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Sein älterer, schon erwachsener Bruder Christoph nimmt ihn zu sich nach Ohrdruf. Dann, von 1700 bis 1702, in der Michaelisschule zu Lüneburg, eignet sich der aufgeweckte Junge alle damals gängigen musikalischen Fertigkeiten an der Orgel, am Cembalo und auf der Violine an. Von der alten Hansestadt aus unternimmt er Fußreisen nach Hamburg, um die dortigen Organisten zu hören und ihre Werke zu studieren. Besonders inspirieren ihn die Choralfantasien des Johann Adam Reinken. In Lüneburg selbst bildet sich Bach im Umfeld des weithin berühmten Orgelmeisters Georg Böhm weiter. Manchmal kommt auch die fürstliche Kapelle aus Celle in die traditionsreiche Salinenstadt und bringt französisch geprägte höfische Musik zu Gehör.

Erste Anstellungen führen Bach nach Weimar, Arnstadt und Mühlhausen, also wieder nach Thüringen. Von Arnstadt aus wandert er Anfang Oktober 1705 nach Lübeck; dafür hat er einen dreiwöchigen Urlaub gewährt bekommen. An der dortigen Marienkirche hört er den Kirchenmusikdirektor Dietrich Buxtehude, vertieft sich in dessen Werke und besucht die weitbekannten adventlichen „Abendmusiken“ – da hat er den Urlaub bereits kräftig überschritten: Erst im Januar 1706 kehrt er nach Arnstadt zurück – aus den drei Wochen sind gut drei Monate geworden. – 1707 heiratet er seine entfernte Verwandte Maria Barbara Bach.

Von Mühlhausen geht Bach als Hoforganist und Kammermusiker wiederum nach Weimar. Hier kommen sechs seiner Kinder zur Welt, unter anderem Wilhelm Friedemann (*1710) und Carl Philipp Emanuel (*1714, dessen Taufpate: Georg Philipp Telemann). Viele Orgelwerke entstehen, unter vielen anderen die berühmte Toccata und Fuge d-moll mit der signalhaften Wechselnote zu Beginn. Überdies legt er ein „Orgelbüchlein“ an, in dem er eigene Liedbearbeitungen nach der Ordnung des Kirchenjahres beispielhaft zusammenstellt.

Bach wendet sich 1716 an den Hof des Fürsten von Anhalt-Köthen. Der Weimarer Dienstherr will seinen Konzertmeister jedoch nicht gehen lassen und steckt ihn in eine Arrestzelle. So ist Johann Sebastian Bach wohl der einzige unter den ganz großen abendländischen Komponisten, der einen Gefängnisaufenthalt erlebt – wenn auch nur für einen Monat: dann gibt der Herzog seinen Widerstand auf und lässt Bach ziehen.

In Köthen findet der nunmehrige Kapellmeister und „Director derer Cammer-Musiquen“ völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse vor als an seinen bisherigen Dienststellen. Für ihn gibt es hier keine unmittelbaren kirchenmusikalischen Betätigungsfelder; denn die Fürstenfamilie gehört dem evangelisch-reformierten Bekenntnis an. Bach hält sich in Köthen zur kleinen lutherischen Gemeinde; dort ist er als regelmäßiger Abendmahlsgast verzeichnet.

Der Komponist widmet sich der Haus- und Hofmusik. Das „Wohltemperierte Klavier“ und andere bedeutende Werke für Tasteninstrumente entstehen, außerdem die „Brandenburgischen Konzerte“. Mit dem Fürsten ist Bach freundschaftlich verbunden. Aber die Wirksamkeit in Köthen wird schicksalhaft überschattet, als 1720 seine Ehefrau stirbt. Nach Ablauf der Trauerzeit heiratet Bach 1721 die Sängerin Anna Magdalena geb. Wülken, mit der er insgesamt 13 Kinder hat, unter den das Säuglings-und Kindesalter überlebenden die späteren Musiker Johann Christoph Friedrich (*1732) und Johann Christian (*1735).

Im Jahr 1722, nach dem Tod des Leipziger Thomaskantors Johann Kuhnau, bewirbt sich Bach auf die freigewordene Stelle. Er sucht seit längerem städtische Umgebung, um seinen ältesten Söhnen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Zum 1. Sonntag nach Trinitatis 1723 tritt er das Amt des Kantors an der Thomasschule und des städtischen Musikdirektors über die Hauptkirchen in Leipzig an. Hier eröffnet sich dem nunmehr 38jährigen Künstler ein reiches, aber auch mühsames Betätigungsfeld. Den Thomanern hat er nicht nur Musikstunden, sondern auch Unterricht in den Fächern Latein und Religion zu erteilen. Um zu letzterem befähigt zu sein, hat er sich vor Amtsantritt einem theologischen Examen unterzogen, im Sinne der ihm vertrauten lutherisch-orthodoxen Glaubenslehre.

Musikalisch-kompositorisch gehört fortan zu Bachs Aufgaben, an jedem Sonn- und Feiertag – ausgenommen nur die Zeiten vom 2. bis 4. Advent und die Sonntage in der Fastenzeit – Kantaten aufzuführen. Die kann man heutzutage regelmäßig in den Sendungen mit geistlicher Musik im Radio hören; Bachs Werke sind frei zugänglich, fernab von jeglichem Spezialistentum. Sie gehören zum allgemeinen Bildungsgut zumal in unserem protestantischen Deutschland.

Bach verschreibt sich der Anforderung, Kantaten zu komponieren, mit Herzblut – er legt in bezug auf diese gottesdienstlichen Stücke für Soli, Chor und Orchester zunächst mit Feuereifer los, sieht er doch die faszinierende Möglichkeit, mittels seiner eigenen Musik zu predigen, also Sonntagsevangelium, Hauptlied oder verwandte Texte in Klangrede so darzustellen, dass der Gemeinde sich der geistliche Reichtum der biblischen Botschaft erschließen möge.

Doch bald erlahmt sein Ehrgeiz, das Kirchenjahr vollständig und vielgestaltig musikalisch darzustellen. Er muss erkennen, auf wie wenig Verständnis seine Musik beim Rat der Stadt und in den Gottesdienstgemeinden stößt. Die Leipziger haben solch starken musikalischen Ausdruck nicht erwartet – und auf Dauer wünschen sie ihn auch nicht. Bachs Musik siedelt an der Grenze dessen, was man unter bürgerlich-anständiger Kirchlichkeit versteht – und überhaupt: Man empfindet seine Kompositionen als zu schwer.

Das meint man auch von den großen Passionsmusiken, die der Kantor im Wechsel für die Thomas- und Nikolaikirche einzurichten hat: Statt jedes Jahr eine neue Passion für den Karfreitagsabendgottesdienst zu komponieren, wiederholt er ab dem vierten oder fünften Amtsjahr seine bis dahin entstandenen Werke oder führt Musiken älterer Meister aus dem Archiv auf. Wie weit die Zeitgenossen die auf uns heute so ergreifend wirkenden Großwerke „Johannespassion“ (1724) und „Matthäuspassion“ (1727) aufgenommen und verstanden haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Hier und da wird der Vorwurf einer „opernhaften“ Musik laut.

Bachs Leipziger Zeit währt 27 Dienstjahre lang, bis zum Tod am 28. Juli 1750. Es sind nicht allein die Kantaten, Oratorien, Passionen und Orgelwerke, die später seinen weltweiten Ruhm begründen – hinzu kommen als Gelegenheitswerke die Motetten und die ganze weltliche Musik, welch letztere er vielfach für das von Telemann im Jahre 1701 gegründete Studentenorchester „Collegium musicum“ erschafft. Auch Bearbeitungen von Werken zeitgenössischer italienischer Komponistenkollegen entstehen, so zum Beispiel von Albinoni, Pergolesi oder Vivaldi.

Vier Großwerke gehen außerdem weit über den Leipziger Rahmen hinaus: Im Jahre 1736 widmet Bach zwei Sätze, „Kyrie“ und „Gloria“, dem römisch-katholisch gewordenen sächsischen Hof in Dresden: Beginn seiner spät vollendeten und im 19. Jahrhundert so betitelten „Hohen Messe in h-moll“. Damit hat der Meister seinen „ökumenischen“ Beitrag geleistet. 1747 wird Bach in eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft aufgenommen, die „Mizlersche Societät“. Für sie schreibt er die „Kanonischen Veränderungen“ über Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, das „Musikalische Opfer“, nach einem Besuch am Hof in Potsdam Friedrich dem Großen gewidmet, und zuletzt die „Kunst der Fuge“, deren letzter Kontrapunkt, wo das Thema B-A-C-H mit den anderen Subjekten verknüpft werden soll, unvollendet bleibt.

Bachs Musik wirkt bis heute umfassend in ihrer Ausgeglichenheit zwischen einfachem Melodie-und-Begleitung-Satz und höchster harmonischer bis kühner Mehrstimmigkeit. Einige Stücke sind regelrecht populär geworden: Aus den Kantaten hat es „Jesus bleibet meine Freude“ bis hin zur Titelmusik einer Fernsehsendung gebracht; ein Satz aus den Orchestersuiten hat es in die Charts der Klingeltöne fürs Mobiltelefon geschafft – und ein anderer Suitensatz ist als die „Air von Bach“ gleichermaßen bekannt und beliebt.

All dies sind aber nur äußere Blüten, die in einer konsequent gepflegten Tradition wurzeln. Bachs Musik erwächst aus dem evangelischen Gottesdienst. Viele Liedstrophen, die wir bis heute gern singen, haben in den Passionen und im Orgelwerk ihr jeweiliges Gewicht. Bach hat die Choräle derart „authentisch“ harmonisiert oder sonst bearbeitet und sich dadurch so zueigen gemacht, dass ein französischer Komponist des 19. Jahrhunderts meint, er habe auch die Melodien selber geschaffen. Tatsächlich haben wir in unserem Gesangbuch aber nur eine einzige Weise, die von Bach stammt, nämlich die zum Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“.

Ansonsten deutet Bach aus, was an Texten und Melodien in Gebrauch ist – vor allem Verse von Martin Luther und Paul Gerhardt. Seine Lieblingsmelodie: „Herzlich tut mich verlangen“, heute vor allem bekannt durch das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Das Leiden Christi sich zueigen machen, weil darin das eigene Leben in aller Tiefe aufgehoben ist: Es ist dieses innige Verständnis der Passionsgeschichte, das durch das Dunkel des Todes ins neue Leben führt. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.“ Wer diese schwarzgefärbte Musik aus der Matthäuspassion je mit geradezu mystischer Hingabe verinnerlicht hat, wird diesen starken Eindruck im Glauben nie wieder vergessen.

Neben Bachs häufig vor seine Kompositionen gesetztem Motto S.D.G, „Soli Deo Gloria“ – allein Gott die Ehre!, lautet ein anderes: J.J., „Jesu juva“ – Jesu, hilf! Das ist ein Gebetsruf an den, der alles verwandelt. Die Grenze des Todes wird zum Leben hin überschritten. Inmitten aller Dunkelheiten der Passion Jesu werden die eigenen Finsternisse klar – das ist der erste Schritt zum Heil, durch klingendes musikalisch-bewegtes Geheimnis hinein ins ewige Leben, in Töne gebracht von ihm, den wir fromm mit Söderblom den „Fünften Evangelisten“ nennen oder abstrakt mit Reger als „Anfang und Ende aller Musik“ bezeichnen – vielleicht ihn aber auch gleich ins ganz Große einer ozeanisch-rauschhaft-tiefen unauslotbaren Erfahrungswelt befördern mit Beethoven: „Nicht Bach sollte er heißen, sondern Meer.“

Foto: Bach-Denkmal in Eisenach.

Herders Weihnachtslied

Dass Weihnachten erst angefangen hat, ist den meisten eiligen Menschen nicht bewusst. Was sich aus der Heiligen Nacht heraus entfaltet und am Epiphaniasfest vulgo Dreikönigstag zu höchster Blüte gelangt, macht eines der unzähligen Lieder deutlich, welches hier und heute kurz betrachtet werden soll, zur im Sommer dieses Jahres anstehenden Feier des zweihundertfünfundsiebzigsten Wiegenfestes seines ersten Textdichters. Ich orientiere mich im folgenden am Evangelischen Gesangbuch (EG) von 1993 und an Herders Urfassung.

Nebenbei kommen nach- und durcheinander Baltikum und Bückeburg, Genf und Geistverwirrung, Königsberg und Kant, Ostpreußen und Oldenburg, Weimar und Weisheit, Zürich und Zarenreich sowie andere ähnlich anlautende, aber dann doch so grundverschiedene Phänomene in den gelehrten wie durchaus frommen Blick. Und vielleicht regt dieser kleine Beitrag ja auch dazu an, sich näher mit Herder zu befassen, dem Schöpfer so wirkmächtiger Begriffe wie „Volkslied“ oder „Zeitgeist“ …

EG 74 (Melodie: EG 442)

1 Du Morgenstern, du Licht vom Licht, / das durch die Finsternisse bricht, / du gingst vor aller Zeiten Lauf / in unerschaffner Klarheit auf.

2 Du Lebensquell, wir danken dir, / auf dich, Lebend´ger, hoffen wir; / denn du durchdrangst des Todes Nacht, / hast Sieg und Leben uns gebracht.

3 Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, / der du den Vater uns enthüllt, / du kamst herab ins Erdental / mit deiner Gotterkenntnis Strahl.

4 Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, / führ uns durch Finsternis zum Licht, / bleib auch am Abend dieser Welt / als Hilf und Hort uns zugesellt.

Neugier und Forscherdrang bringen Menschen, die bisher von Gott nichts Genaues wussten, zum Heiland der Welt, weitab vom Zentrum politisch-wirtschaftlicher Macht. Der Himmel auf Erden will erst entdeckt werden, aufgespürt, erwandert: Das Licht des Lebens erstrahlt im Verborgenen – weder im kaiserlichen Rom noch im Palast des Herodes, sondern schriftgemäß im judäischen Gebirge, an der Futterrinne, da Ochs und Esel sich Gute Nacht sagen. Man lese hierzu wieder einmal in Luthers unübertroffener Übersetzung Lukas 2 und Matthäus 2. Dann ist man christfestlich neuerlich althergebracht im Bilde.

Dem Weihnachtswunder eignet Ruhe, übernatürlicher Glanz, Licht durch die Finsternisse. Hintergründig klar scheint der Morgenstern, unbemerkt vom Getümmel des lauten Alltags: und doch beständig seit jeher, vor aller Zeiten Lauf. Neugier und Forscherdrang: eines bedingt das andere, und wenn beides auf gutem Wege ist, dann steckt viel Glauben darin. Die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland ist ein schönes Beispiel auch dafür, wie akademische Wissenschaft mit menschlich-unbedingtem Wissen-Wollen eine fruchtbare Verbindung eingeht und der Gotterkenntnis Strahl sich ungehindert Bahn brechen kann.

Herders Weihnachtslied

Wer glaubt, wer auf Gott vertraut, geht wach durch die Welt und wird erleuchtet vom Zeichen des Himmels selbst. Der Stern von Bethlehem verkündet: Gottes Bild ist erschienen; das Krippenkind enthüllt uns den Vater, herab ins Erdental. An Weihnachten wird uns das Geheimnis Gottes offenbar: Epiphanias bringt es auf den Erkenntnispunkt: Gott ist Mensch geworden.

Der Text unseres Liedes fußt auf einer Vorlage des Theologen Johann Gottfried Herder. Der erblickte das Licht dieser Welt vor nunmehr bald 275 Jahren, im August 1744, und schaut die ganze Klarheit des Herrn seit Dezember 1803. Er lebte hier auf Erden zu einer Zeit, da man sehr zuversichtlich war, menschliche Wissenschaft und göttliche Erkenntnis zusammenbringen zu können. Im Lichte der europäischen Aufklärung versuchte man im protestantischen Deutschland auch die Botschaft der Bibel neu zu verstehen – für einen umfassend gebildeten Pfarrer wie Herder bedeutete dies vor allem, die überlieferten Texte aus ihren eigenen Entstehungsbedingungen heraus zu deuten.

Wie so vielen Gelehrten der damaligen Zeit, so dämmert auch dem gebürtigen Ostpreußen und zwischenzeitlichen Hauslehrer und Prediger in Riga, dass wir es bei antiken, biblischen und anderen „alten“ Texten zunächst mit ganz fremden, fernen Welten zu tun haben. Sprache, Ausdruck, Denken und Brauchtum der alten Völker gilt es zu erforschen und mit gegenwärtigen Erfahrungen zu verbinden. Die Aufklärung wird in solch historischer Neugier romantisch: Auf einer stürmischen Schiffsreise durch den Ärmelkanal erinnert sich Herder unter anderem an seine Lektüre von Shakespeare-Dramen. Die rauhe aufgewühlte See wird ihm zum Sinnbild für die menschlich-allzumenschlichen Abgründe, in die hinein sich Helden wie die des englischen Dichters verstricken: zeitlos gültig, wiewohl in zeitbedingten literarischen Formen dargestellt.

Ganz am Rande hat Herder, ohne es zu ahnen, die entscheidenden Weichen für den Fortgang oldenburgischer Geschichte gestellt. Kurze Zeit nämlich war er als Lehrer im gefürsteten Bistum Lübeck angestellt. Er sollte des Herrschers schwer erziehbaren Sohn wieder in die Spur bringen. Aber der Prinz steigerte sich nur immer mehr in ausschweifenden religiösen Wahn hinein und bestand rumpelstilzchenhaft darauf, römisch-katholisch zu werden – am Hofe des reichsweit einzigen lutherischen Fürstbischofs ein Ding der Unmöglichkeit. Da wusste auch Herder irgendwann, mitten auf der Kavalierstour, die man dem Querkopf organisiert hatte, nicht weiter: Er verließ entnervt die Eutiner Reisegesellschaft und sah sich nach einer neuen Arbeitsstelle um.

Der Prinz indes wurde daraufhin entmündigt; die Erbfolge ging über auf seinen Cousin, Prinz Peter Friedrich Ludwig. Nachdem das Haus Gottorp durch einen Vertrag mit Dänemark und Russland die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst erhalten hatte, verlegte Peter Friedrich Ludwig – als sein Onkel gestorben war – die Residenz schrittweise von Eutin nach Oldenburg und regierte (bis zum Ableben des Vetters offiziell „nur“ administrativ) als Herzog über Stadt und Land. Er ist ein herausragendes Beispiel für das seit der Antike gepflegte Bild vom guten Fürsten – im Gegensatz zum Tyrannen, wie ihn im Evangelium der König Herodes verkörpert. Kein oldenburgischer Herrscher der letzten zweihundertfünfzig Jahre ist denn auch der Nachwelt so dankbar in Erinnerung geblieben wie „PFL“.

Aber zurück zum Wegbereiter dieser für den oldenburgischen Staat so glücklichen Entwicklung, zu Johann Gottfried Herder: Beginnend mit seiner Tätigkeit als Oberpfarrer in Bückeburg, seit 1771, beschäftigt er sich ausführlich mit den biblischen Ursprachen, veröffentlicht gut zehn Jahre später eine Abhandlung über die „Ebräische Poesie“. Allein aus der dichterisch klingenden „Urweissagung“ des Volkes Israel, meint er, ist die Botschaft von Gott angemessen in die Welt gekommen. – Nach 1776, als Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Weimar, zugleich Nachbar von Goethe und Schiller, hat Herder seine Gedanken weiter ausgebaut. Seine Sammlung von Sagen, Legenden und Volksliedern wird immer größer. In dieser Zeit erhält in seinem Umfeld die Melodie von „O du fröhliche“ ihre endgültige Form; und damals, wohl um das Jahr 1795, dichtet Herder ein Lied, das in Klammern die schlichte große Überschrift trägt: „Christus“.

Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefen bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf – so wird unser Herr und Heiland in Herders Urfassung unseres Liedes angeredet. Aus des Himmels Tiefen kommt des Glanzes stille Macht, sozusagen das Friedenslicht von Bethlehem, als fortwährendes Zeichen der Liebe Gottes. Das Krippenkind besucht uns in unserm Tal mit seiner Gott-Erkenntnis Strahl: Aus den weiten Tiefen des bestirnten Himmels sucht es die je und je persönlichen Finsternisse, Traurigkeiten, Ängste auf und verwandelt sie in neue Hoffnung. Der Gekreuzigte und Auferstandene bleibt bei uns, als Mitwanderer im Tal eigenen Wandelns durch die Zeitläufte.

Das Bild vom finsteren Tal, wie es besonders prominent im 23. Psalm aufscheint, mündet in Herders Urfassung des Liedes ein in die Schau des ruhenden Berges in Wolken: Auf seine Höhe sollen wir gelangen, auf ihm harret ewig Gut. Der biblische „Olymp“, der Gottesberg, von wo aus Weisung an das auserwählte Volk ergeht: der Berg Sinai, wo Mose die Zehn Gebote empfängt, kommt ebenso in den Sinn wie der prophetische Berg Zion, auf dem sich alle Völker in der Endzeit versammeln werden; wir erinnern die Weisheitssprüche Jesu, die nicht ohne Hintergedanken in der sogenannten „Bergpredigt“ zusammengestellt sind; ebenso den Berg, auf dem Jesus den vertrautesten Jüngern in überirdischem Glanz verklärt erscheint.

Der Gesetzesberg erweist sich als der Höhenzug des Evangeliums. Das Wort von Herders philosophischem Landsmann Immanuel Kant vom „bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“ mag anklingen. Der des Todes Nacht durchdrungen hat, der als der Auferstandene Erkannte ist Hilf und Hort; zu ihm darf gerufen werden in begründeter Hoffnung und mit Anklang an die Emmausjünger: Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht.

Im Gesangbuch ist das Lied der Melodie „Steht auf, ihr lieben Kinderlein“ des Lutherschülers Nikolaus Herman zugeordnet. Herder und die thüringischen Gemeinden aber haben eher die Melodie zum 134. Psalm aus Genf im Sinn gehabt. So kommt helvetische Weltläufigkeit in das Lied. Der Genfer Psalter, dichterisch-musikalisches Wunderwerk aus der reformierten französischsprachigen Schweiz, hat durch die Nachdichtungen des Ambrosius Lobwasser, eines lutherischen Juristen aus Königsberg, seit Ende des 16. Jahrhunderts auch den deutschsprachigen Raum für sich gewonnen, über die damals sehr strengen Konfessionsgrenzen zwischen Reformierten und Lutheranern hinweg. Sogar die zunächst so musikabweisende reformierte Zürcher Kirche führte im Jahre 1598 die Genfer Psalmlieder in der Lobwasserfassung ein, nachdem man dort mehr als siebzig Jahre lang überhaupt nicht mehr im Gottesdienst gesungen hatte.

Beim Singen aller sechs vollendeten Strophen der Herderschen Urfassung mit der Melodie auf eine Nachdichtung aus dem Geiste der „Ebräischen Poesie“ sind Osten und Westen, Norden und Süden sehr eigentümlich beisammen. Die Weisen aus dem Morgenland haben in ihrer Neugier und ihrem Forscherdrang jenes Licht im Blick gehabt, dessen Zeiten Lauf die Geschichte unseres christlichen Abendlandes gewirkt hat. Und was an Nord- und Ostsee an Gedankenweite sich mit genauem Takt und Klang der französischen und schweizerischen Denkungsart verbindet, hat – wenigstens im Raum evangelischer Kirche und Kultur – dem Leben vor Ort immer zum Besten gedient.

Denn jene Spielart der Aufklärung, die ganz bewusst bei ihren christlichen Wurzeln geblieben ist, entwickelt immer wieder neuen Sinn für den Nächsten: nimmt ihn an in seinen Besonderheiten und in seinem Anderssein – interessiert sich für seine Herkunft, Prägung und Lebensgeschichte – übt wache, nicht etwa gleichgültige Toleranz – und weiß dabei über die eigene kulturelle und konfessionelle Bindung Bescheid.

Aus dem Licht vom Licht starken Bekenntnisses, im Angesicht des Krippenkindes, kann die Fähigkeit erwachsen, Gemeinschaft über alle Fremdheit zu pflegen, miteinander zu lachen und zu weinen, gemeinsam zu feiern und zu trauern. Der Glanz von Weihnachten kommt vom Friedenslicht aus Bethlehem, vom Stern aus dem Stall. Der bestirnte Himmel außen und innen gibt uns seine Weisung ins Herz.

Da wächst die Bereitschaft, sich leiten zu lassen von dem einen Ziel, dem Berg oder Stern Jesus Christus. Dabei wird niemandem der Griff nach den Sternen abverlangt – vielmehr das Vertrauen in den, der die Menschen, ja die Menschheit in Geschichte und Gegenwart kennt und annimmt. Der wahre helle Morgenstern begrüßt, umfängt und begleitet uns, ehe wir’s gedacht! Dieser Glaube lässt hellwach bleiben und bestirnt wandern in die Zeit.

Herders Urfassung (Melodie: EG 300)

(Christus)

1 Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefe bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf.

2 Dir danken wir, dir beten wir, / und opfern hohe Hoffnung dir; / denn du durchbrachst der Erde Nacht / mit deines Glanzes stiller Macht.

3 Besuchtest uns in unserm Tal / mit deiner Gott-Erkenntnis Strahl, / aus welchem ewig Leben fleußt, / und sich in stille Seelen geußt.

4 Und wird in ihnen Gottes Bild / mit Weisheit, Lieb und Kraft erfüllt / und leitet sie durchs Todestal / zu jeder Sonne neuem Strahl.

5 Bleib bei uns Herr, verlaß uns nicht, / führ´ aus der Dämmrung uns zum Licht, / der du am Abende der Welt / dich treulich bei uns eingestellt.

6 Sei uns Mitwanderer im Tal / der Hoffnung zu des Berges Strahl, / der dort in Wolken vor uns ruht, / und auf ihm harret ewig Gut.

[7 Was keine Augen je gesehn, / harrt unser …]

 

Foto: Licht aus der Krippe.

Literaturhinweis: Liedkommentar von Eberhard Schmidt, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft 3, Göttingen 2001, Seiten 36 bis 39; darin Herders ursprünglicher Text in modernisierter Rechtschreibung Seite 37 (Reihe: Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Band 3, Ausgabe in Einzelheften, Göttingen 2000 ff).