Die 9,5 Thesen

Ja, Sie haben richtig gelesen: Nicht fünfundneunzig, sondern neunkommafünf Thesen im Nachgang zum großen Reformationsjubiläum anno 2017 – und besonders für alle Nörgler in Hinsicht auf den Landtagsbeschluss in Hannover anno 2018, den 31. Oktober zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen –  mundgerecht optimiert für notorisch abgelenkte Zeitgenossen, die weder Latein können noch Luther kennen.

Nicht zu reden von den einhundertsiebenundzwanzig Folianten der kritischen Gesamtausgabe, die zwischen den Jahren 1883 und 2009 erschienen. Erstaunlich, dass ein einzelner Mann mit gesprochenem und geschriebenem Wort rund achtzigtausend Druckseiten in dieser „Weimarer Ausgabe“ (Weimarana) füllt. Aber solche unübersichtlichen Bleiwüsten interessieren ja heutzutage kaum noch irgendwen. Daher nun meine unmaßgeblichen Thesen zu Lutherus in toto & cum grano salis, aus Lesefrüchten hie und da zusammengestoppelt.

Luther steht und kann nicht anders

I. Luther hatte keine Kenntnis von der Bedeutung der Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus. Dies schreibt der Historiker Heinz Schilling in seiner großartigen Biographie, die zum Reformationsjubiläum 2017 erschien. Vielmehr lebte der Reformator in seiner mitteldeutschen kleinteilig geprägten Welt. Auch Geographie war ihm fremd. Von seiner großen Fußreise nach Rom hat er selber keine unmittelbaren schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Wir kennen daher noch nicht einmal die genaue Reiseroute. Venedig? Florenz?

II. Luther lebte mentalitätsgeschichtlich betrachtet weitgehend in der Vorstellungswelt des ausgehenden Mittelalters, so die Ansicht des Lutherforschers Heiko A. Oberman in seinem Buch „Luther: Mensch zwischen Gott und Teufel“ von 1982. Die Tintenfass-Teufel-Legende ist wohl gut erfunden, aber sie trifft Luthers Wesen recht gut. Stets sah er sich in dämonischer Anfechtung durch „Sünde, Tod und Teufel“. Das wird auch in seinen Liedern immer wieder deutlich.

III. Luther konnte buchstäblich nicht rechnen, so Richard Friedenthal in seiner Lebensbeschreibung zum 450-Jahres-Jubiläum der Reformation im Jahre 1967. Daher sind Luthers Widerstände gegen Zins und Wucher noch ganz dem Mittelalter verhaftet. Das heißt auch, dass er die wirtschaftlichen und finanziellen Abläufe der entstehenden kapitalistischen Welt nicht im entferntesten durchschaute. Seine Kritik am Ablasshandel ist rein seelsorgerlich und schrifttheologisch geprägt. Die eigenen späteren Fragen von Haus, Geld und Handel überließ er seiner Ehefrau, dem „Herrn Käthe“. – Für unsere heutige Zeit wäre es angesagt, die Überlegungen Luthers zum Wucher neu zur Kenntnis zu nehmen. Unser in die Krise geratenes „lombardisches“ System sieht sich neuen Herausforderungen ausgesetzt, durch die Bank der Brics-Staaten etwa oder durch die Diskussionen um zinsfreie Darlehen nach dem Modell des Islamic banking. Auch die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank kann da in den Blick kommen.

IV. Luther hatte von Politik keine Ahnung: So lapidar sagte es stets mein Religionslehrer auf dem Gymnasium. Zwischen dem Kämpfer an der geistlichen „Mönchsfront“ und dem an der weltlichen „Bauernfront“ sei unbedingt klar zu unterscheiden. In der Obrigkeit sah Luther die von Gott für die irdischen Belange eingesetzte Regierung, die für Ruhe und Ordnung zu sorgen habe. So erklärt sich auch seine Haltung als vermeintlich einseitiger „Fürstenknecht“ im Großen Bauernkrieg des Jahres 1525.

V. Luther legte gegenüber den Juden eine zunächst freundliche, später feindliche Einstellung an den Tag. „Dass sich Christen in Mose schicken sollen“, war zunächst sein Grundsatz, den er bibeltheologisch begründet. Im Gespräch mit einem Rabbi vor Ort ist er dann der uns heute unbegreiflich erscheinenden Ansicht gewesen, der wäre bereit, sich zu Christus bekehren zu lassen. Aus Enttäuschung darüber, dass dies dann unterblieb, wandelte sich sein Bild von den Juden. Hinzu kam der Ärger über die in den Synagogen seinerzeit verbreitete Schrift „Toledot Christi“, denen zufolge Maria eine Hure und Jesus ein Zauberer gewesen sei. Der alterszornige Luther fordert, die Synagogen zu verbrennen. Diese Anwürfe fügen sich in den Rahmen einer damals gängigen Rhetorik. Allerdings waren den Herausgebern erster „Gesammelter Werke“ diese Schriften Luthers selber peinlich. Vieles davon ist erst im 20. Jahrhundert wieder hervorgezogen worden, um Luther antisemitisch zu vereinnahmen. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese grobschlächtigen Äußerungen weitgehend in Vergessenheit geraten.

VI. Luther hatte ein völlig anderes Verständnis von „Nation“. Er kann nicht einseitig als Beginn einer politisch-nationalistischen „Linie“ gesehen werden. Die entsprechende These hat der politisch wendige Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Wolfram von Hanstein in seinem Buch „Von Luther bis Hitler. Ein wichtiger Abriss deutscher Geschichte“ in seinem eigenen Verlag „Republikanische Bibliothek“ in Dresden im Jahr 1947 aufgestellt. Auf Seite 7 heißt es: „Historisch betrachtet führt eine gerade Linie von Luther über den Großen Kurfürsten, über Friedrich II. und seine Nachfolger, über Bismarck und die Ära wilhelminischer Zeit bis zu Hitler. Die Entwicklung dieses Abwärtsgleitens bis zum offenen Verbrechen hin ist so zwangsläufig, dass sich hier am trefflichsten Schillers Wort aus seinem Drama ‚Die Piccolomini’ bewahrheitet: ‚Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären’“.

VII. Luther war in den Bereichen, von denen er etwas verstand, ungeheuer gründlich. Man muss zunächst seine Stärken würdigen. Die liegen in der unbedingten Ernsthaftigkeit seines Gottvertrauens, geschult durch seine Zeit als Augustinermönch. Der Eremitenorden hatte sich strengster Observanz verschrieben. Aus diesem Ansatz ist dann der Forscherdrang des Bibelprofessors abzuleiten. Damit einher geht freilich eine gewisse weltfremde Naivität. Aber gerade durch sie war Luther so „frei“ wie er war. Seinem Schriftverständnis kommt von daher etwas Prophetisches zu. Das wird in den 95 Thesen von 1517 immer wieder deutlich, noch vor der „reformatorischen Erkenntnis“, die erst 1518 zum Durchbruch kam. Die Schrift als das unverfügbare stetige Gegenüber: wohl in der Zeit und Geschichte entstanden durch fehlbare Menschen (vgl. Luthers abschätzige Bemerkungen zum Jakobusbrief oder zur Offenbarung des Johannes), aber von einer Botschaft „extra nos“ (außerhalb von uns) erfüllt.

VIII. Luther hatte wenig genaue Kenntnis der Geschichte. Das unterscheidet ihn von den Humanisten. Und das verwehrte ihm auch ein tieferes Verständnis für die Kirchengeschichte. Seine Bibelauslegung ist von dogmatischem Vorverständnis geprägt, sie zielt auf die fromme Praxis – wenn auch inhaltlich in völlig anderer Ausrichtung als zu seiner Zeit in seiner Umgebung üblich. Insofern ist etwa auch seine eigene Herausgabe der von einem namentlich nicht bekannten Mystiker Ende des 15. Jahrhunderts verfassten „Theologia Deutsch“ von 1516 ein Bekenntnis und nicht im eigentlichen Sinne eine historisch-kritische Quellenedition.

IX. Luther kam es immer auf das Hier und Heute an. Insofern sind alle seine literarischen Veröffentlichungen seit 1520 Beiträge zu aktuellen Debatten. In diesen Zusammenhang ist auch das programmatische Wort des Bibelübersetzers einzuordnen, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Systematische Erwägungen überließ er gern dem „Magister Philippus“ Melanchthon, seinem Schüler und Lehrer zugleich, Verfasser der „Loci communes“ von 1521 (erste lutherische Dogmatik) und der „Confessio Augustana“ 1530 (Augsburger Bekenntnis).

Meine ganz eigene unvollständige These: Luther setzte seine Stärken gegenüber seinen Schwächen (die ihm selbst bewusst waren) umso virtuoser ein: Bibelkenntnis wie bei keinem zweiten zu seiner Zeit, herzliche Frömmigkeit, kräftige Bildsprache, hohe Musikalität.

So. Dies sei meine Zugabe für den diesjährigen Reformationstag. Allen, die diese neunkommafünf Thesen gelesen haben, steht es frei, sich unten sinnierend in Ruhe oder rasant im Nullkommanichts zu äußern. Mal sehen, ob insgesamt die stattliche Anzahl von sagen wir fünfundneunzig diskutablen Sätzen erreicht wird. Dann könnte man mal wieder richtig, in einem großen spannungsreichen geistigen Bogen, um Gedanken, Worte und Werke ringen. Also nur zu! Konkurrenz belebt das Gespräch.

 

Foto: Luther in Worms anno 1521, Skulptur am Hauptturm der Lambertikirche zu Oldenburg (Oldb), Mitte der 1870er Jahre.

Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Jüngst konnten wir den 175. Geburtstag des Philologen, Philosophen, Schriftstellers, Dichters und Komponisten Friedrich Wilhelm Nietzsche (*15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen / + 25. August 1900 in Weimar) feiern. Man wird nicht sagen können, dass dieses Jubiläum die Tiefen der Bevölkerung im heutigen Deutschland erreicht habe. Vieles in Nietzsches Denken wurde nach dem Zweiten Weltkrieg und wird heute wiederum jenem nationalistischen Gedankengut zugerechnet, dem wir Biodeutschen schnurstracks wiederum willig zu folgen und in eine Neuauflage des Dritten Reiches hineinzumarschieren bereitstünden, sofern es ungefiltert uns in seinen Werken begegne.

Jedenfalls war Nietzsche zum Beispiel in der DDR nur denen zugänglich, die sich wissenschaftlich betätigten, mithin sich zuverlässig im framing  des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates bewegten. Aber auch bei uns in Westdeutschland galten die von Nietzsche Begeisterten als verdächtig: Begriffe wie „Herrenmoral“ und „Übermensch“, sodann seine Frauenfeindlichkeit („… vergiss die Peitsche nicht“) sowie das gesamte Ziel seiner macchiavellistisch anmutenden denkerischen Anstrengungen („Der Wille zur Macht“) ließen ihn doch jedem politisch selbstverorteten dezidiert Nicht-Rechten deutlich unsympathischer wirken als – sagen wir: – Kant, Hegel oder Marx. Nietzsche der Macho, Nietzsche der Nazivordenker, Nietzsche der Wagnerianer, Nietzsche der Antichrist. Damit war er abgestempelt und mithin erledigt.

Doch Jünglingsmeinungen sind zum Glück leicht erschütterbar, zumindest aber angenehm biegsam sowie durchaus fähig, neue Aspekte aufzunehmen und ins eigene bisherige Weltbild zu implementieren: – sofern das Gift des Fanatischen noch nicht gewirkt hat. Gegen glühenden Nietzsche-Hass hatte ich selbst mich in jungen Jahren schon deswegen immunisiert, weil mein eigentlicher innerer Brandherd musikalischer Natur war. So nahm ich denn eher herzlichen Anteil an Nietzsches durchfantasierten Nächten am Klavier, an seinen Kompositionsversuchen und gefühlvollen Sologesängen … Aus all dem sollte eine große Künstlerkarriere erwachsen … Allein an Disziplin mangelte es. Nietzsche hat stets in tönender Selbstberauschung sein eigenes satztechnisches Unvermögen überspielt, ohne sich dies je ehrlich einzugestehen.

Es war Richard Wagner (*1813 in Leipzig / +1883 in Venedig), der ihm da auf die Schliche kam.  Daher Nietzsches Umschlag von höchster Liebe zu blankem Hass – sein „Fall Wagner“ ist eine Abrechnung weit über den Tod des Meisters hinaus. Von ihm in seinem kompositorischen Schaffen nicht anerkannt zu sein, ja mehr noch: dem Wagner-Kreis Anlass zu Ironie und Spott geliefert zu haben – davon hat der zutiefst gekränkte Nietzsche sich intellektuell nie wieder richtig erholt. – Aber auch die Philologie, sein ureigenes und professionelles métier, ließ ihn am Ende freudlos zurück. Als noch nicht Fünfundzwanzigjähriger hatte die Universität Basel ihn auf einen außerplanmäßigen Lehrstuhl gesetzt, ein Jahr später, 1870, wurde Nietzsche ordentlicher Professor dortselbst. Er gab seine Hochschullehrertätigkeit aber aus gesundheitlichen Gründen 1879 auf und lebte die nächsten zehn Jahre unstet in Graubünden, an der Côte d’Azur, in Ligurien und im Piemont. In Turin brach er im Januar 1889 zusammen. Sein ehemaliger Basler Kollege, der Neutestamentler Franz Overbeck, vermittelte ihn nach Jena, wo Nietzsches Mutter weitere Hilfe veranlasste. Nach deren Tod nahm sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar des geistig Umnachteten an.

Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Der Bruch mit Wagner und die Aufgabe seines Professorenamtes im bürgerlichen Bildungsbetrieb machten aus Nietzsche jenen kühnen Aphoristiker und unabhängigen Propheten einer neuen Zeit, als der er seitdem in der großen Bandbreite von klug bis ratlos rezipiert wird. Von feiner Hintersinnigkeit bis zum groben Missbrauch für staatliche Ideologen und brutale Propagandisten hat das Werk des Pfarrerssohns alles über sich ergehen lassen müssen. Der Schüler in Schulpforta (Naumburg a.S.) sowie der Student in Bonn und Leipzig hätte sich in seiner zarten Empfindsamkeit all das nie träumen lassen. Aber unkonventionell und geistig die anderen weit überragend war er von Anfang an. Er schrieb Briefe und Gedichte in griechischen Versmaßen, hatte Sinn für die Schönheiten der Natur, war aber auch eigentümlich gehemmt, was sich in einer das ganze Leben durchziehenden Selbstisolierung auswirkte. „Frei aber einsam“, das Motto einer Sonate, an der Johannes Brahms (1833-1897) mitschuf, könnte man auf das (Künstler-)Leben Nietzsches übertragen, wenn der denn nicht Brahms so geringgeschätzt hätte. Philiströs kam er ihm vor, ebenso wie alle anderen Deutschen, die sich stolz auf ihr Bismarckreich wähnten. Nietzsche sprach von der Reichsgründung 1870/71 nur im Modus tiefster Verachtung.

Ich las also auch davon: Dann war er demnach gar nicht so deutschtümelnd-herrisch, wie man sonst hörte! Und die lebenslange Beschäftigung mit der Musik machte wohl auch seine geschriebene Sprache so anziehend, volltönend und lebendig, wie sie war! Besonders begeisterte mich die schriftlich niedergelegte Freiheit, mit der er sich im Völlegefühl und Übermaß einer außergewöhnlichen Interpunktion bediente: Das steigerte den Ausdruck ungemein, überall Sforzati, Interruptionen, Anflüge von Bagatellen, Impromptus, Grillen und dröhnenden Ostinatobässen. Konnte es nicht sein, dass sich hier ein fröhlich enthemmter Freigeist Bahn brach, genüsslich die gesamte abendländische Geistesgeschichte von hoher musikalischer Warte aus hellsichtig überblickend, mit untrüglicher Sympathie für das Sonnige und Heitere? „Denn alle Lust / will tiefe tiefe Ewigkeit“: Also sprach Zarathustra alias Nietzsche.

Mit der Entdeckung dieser unerträglichen, aber in Zukunft gewiss zu erreichenden Leichtigkeit des Seins hat sich Nietzsche nicht nur zu den Bräsigen in den Bildungswelten in einen unüberbrückbaren Gegensatz gebracht, sondern auch zum in seiner Zeit vorherrschenden Verständnis von Staat und Kirche. So erklärt sich seine Begeisterung für die Macht- und Kraftmenschen der Renaissance in Italien, nimmt er doch beispielweise Partei für den lebensprallen Césare Borgia und gegen den deutschen Mönch Martin Luther, dessen Anliegen jene neiderfüllte kleingeistige Sklavenwelt zurückrufe, die man unter südlicher Sonne gerade hinter sich gelassen habe im Namen wahrhaftiger Humanität. So nennt sich Nietzsche ganz bewusst in seinem letzten vollendeten Buch „Der Antichrist“. Nicht so sehr ein religionsfeindliches, sondern das sich hier meldende kulturkritische Potential dieser „Anklage“ ist bis heute virulent.

Und wie ging es musikalisch aus mit Nietzsche? Sein neuer Stern wurde Georges Bizet (1838-1875), jener frühverstorbene Franzose, dessen „Carmen“-Musik grenzüberschreitend in ganz Europa erfolgreich aufgeführt und begeistert aufgenommen wurde. Hier sah Nietzsche die Kunst auf einem neuen hellen fortschrittlichen Weg, von allem Bombast und Ballast befreit, dadurch in neuer Frische heilsam verjüngt. Der kulturell altgewordene und absterbende décadent weicht dem alles überwindenden Übermenschen, der kraftvoll das Leben in die eigene Hand nimmt. Nietzsches durch und durch in Syntax wie Semantik bestimmte Aneignung des Tonfalls der Lutherbibel, aber auch seine tränenreiche Rührung hervorrufenden Erlebnisse von Aufführungen der Bachschen Matthäuspassion zeugen wiederum von einem offenen Geist, der die tatsächlich großartigen geistlichen Schöpfungen als solche trotz aller Widersprüche dankbar anerkennt.

Die Entdeckung der Heiterkeit als ursprünglich und unmittelbar kulturell notwendig ließ mich in jungen Jahren nicht ruhen. Und so schrieb ich eines Tages folgende Verse, von den weisen Worten Zarathustras inspiriert, aber dann doch wieder verunsichert durch Nietzsches Eigensinn. Hier und heute lege ich offen, was ich seit dem Jahre 1992 der geneigten Öffentlichkeit verschwiegen habe, egal, ob es sie jemals interessiert hat. Die sächsische Bischofskrise verhilft also zu staunenswerten Schritten unfreiwilliger Selbstanzeige. Wie in meinem letzten Beitrag angekündigt, gehe ich dabei indes äußerst scheibchenweise vor. Ich bilde mir ein, dafür Zeit zu haben, zumal ich bisher kein Amt anstrebe, das ein kleinkariertes Durchwühlen meiner gesamten bisherigen Vita zur Voraussetzung von dessen Annahme hätte. Aber man weiß ja nie. Das gegenwärtige Kesseltreiben im aktuellen Dresdner Aufstand gestaltet sich erbärmlich, da ist vielleicht eine Erinnerung an das Bonn-Berlin-Gesetz und überhaupt die Imaginierung der damaligen Situation der Zeit nicht völlig abwegig. In diesem augenzwinkernden Sinne: Viel Spaß!

 

Der Nietzsche saß auf einem Baum,

Derhalben lustig anzuschaun,

Was ihn jedoch nur mehr verdross:

Gar giftig wirkte sein Geschoss:

„Du seist gebannt, gebrannt, gebongt,

Willst tiefe, tiefe Ewigkongt,

Es bongt, es bonnt, berlint sodann:

Dies sei der auferlegte Bann!“

Und Spinnen krochen auch empor,

Verliehn ihm einen Trauerflor,

Ich meinesteils war ganz von Socken,

Wie ich ihn fluchend sah dort hocken,

Gleich einer Eule, die nachts ruft

Aus dunkler tiefer Ewiggruft.

Mein Lieber, sind wir nicht verwandt?

Warum hast du mich so gebannt?

Und noch dazu gebrannt, gelocht,

Zerhackt, wie wenn ich dich nicht mocht’?

Ich hab gelacht, weil du saß’st lustig,

Schon ging das Lachen mir verlustig ….

So schnell kann’s gehn mit Heiterkeit,

Die doch nichts will als – Ewigkeit!

 

Zur Abrundung der Stimmung zeigt das Foto den Friedhof einer nordwestdeutschen Kreisstadt.

Gespenstische Geistkraft

Pünktlich zum Pfingstfest möchte ich ein kleines Gedicht darbieten, das ich bis zur jetzigen Stunde noch nie schriftlich sah, sondern eines besonders wachen Tages in meiner frühesten Kindheit erst ratlos, dann, nachdem ich glücklich selber – also ohne elterliche Hilfe – die Auflösung gefunden hatte, erheitert gehört und seitdem bei jeder mehr oder weniger passenden Gelegenheit amüsiert, in witziger und sich steigernder zungenbrecherischer Rasanz aus dem Gedächtnis nachgesprochen und in dieser Weise vorgetragen habe.

Man nennt so etwas die Treue zur „mündlichen Überlieferung“, und mit diesem terminus technicus ist ja bekanntlich die längste Zeit jeglicher Sprachtradition erschöpfend umrissen. Unsere Vorfahren waren Meister darin, Texte rasch auswendig zu lernen und humorvoll ausgeschmückt in großer geselliger Runde zum Besten zu geben.

im grünen

Hier präsentiere ich meine Transkription jener Versansammlung, die walthervondervogelweideartig beginnt, um in rechtschaffener Requisite sowie moralisch-religiösem Duktus sofort in die Nocturne-Welt des betuchten sechzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts hinüberzuwechseln. Akzente bezeichnen betonte Silben. Doppelpunkte stehen für Dehnungen: Jene „e“-Laute innerhalb von am Anfang großgeschriebenen Wortteilen sind norddeutsch-lang zu nehmen. „St“ respektive „Sp“ im Wort steht immer dort mit Majuskel-S, wo, entgegen den Gepflogenheiten deutscher Bühnensprache, betreffender Diphthong über’n s-pitzen S-tein ges-tolpert ausgesprochen werden soll.

Im übrigen möge sich niemand über das von ausschließlich lautlichen Vorgaben inspirierte und diesbezüglich stimmlich-stimmig nachschaffende Schriftbild mokieren: In einer Zeit der seit den Tagen der Völkerwanderung immer wieder einmal um sich greifenden Motivik von spätrömischer Dekadenz, die sich beispielsweise in den notorisch ideologiehörigen und – darin leider allzu verlässlich! – jeden musikalischen Sprachfluss abwürgenden Unterstrichen und Gendersternchen manifestiert, dürften politisch-korrekt „geschulte“ Mensch*inn*en mit Reimereien wie diesen keine unüberwindlichen noetisch-phonetisch verursachten Probleme bekommen. Auch eventuelle streitlustig evozierte Reibereien wegen eines Versmaßwechsels nach der dritten Zeile sollten klug vermieden werden können.

helles licht

Wie heißt es doch so schön in einem karolingischen Hymnus, den der saft- und kraftvolle Schöpfer unserer d**t****n Hochsprache, dessen Name seit einem Jubiläum vor bald zwei Jahren in der kritischen Öffentlichkeit besser nicht mehr genannt wird, aus dem Lateinischen übertrug? – : „Zünd uns ein Licht an im Verstand“; entsprechend der Zeilenanzahl hoffentlich „mit Gaben siebenfalt“, jedenfalls, in einem durchaus gemütlichen Parlando beginnend, ab der fünften Zeile ins Allegro con spirito umschaltend, insgesamt lebhaft aufzuführen:

Ich saß an meinem SchúbfenSte:rchen,

Da kam ein kleines GéSpenSte:rchen,

Das zupfte mich an meinem PélzärMe:lchen

Und sagte:

ÓSterblicher músst SterBe:n;

DénnSterBe:n ohn ÉglauBe:n

Íst ewiges VérderBe:n.

Nun wünsche ich viel Spaß bei der Entschlüsselung dieser kleinen feinen Weisheit, die umso heller strahlt, je mehr sie vor düsterem Hintergrund gewogen und befunden wird. Die verängstigten Jünger samt dem „Haus, in dem sie saßen“ – vulgo: in das sie sich verkrümelt hatten – werden durch ein „Brausen des Himmels“ in die richtige Spur gelenkt. Manch rhythmische Rückung nebst freier Akzentverschiebung hie und da möge sich ungezwungen verknüpfen mit fröhlich frommer Geistesgegenwart. In diesem Sinne: Pfróhe: Výnxdn.

Der erwähnte karolingische Hymnus, in unsere Sprache übertragen, findet sich im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 126. Zitiert habe ich die erste Zeile von Strophe drei sowie einen Teil aus der ersten Zeile von Strophe vier.
Vom „Brausen“ etc. lesen wir in der Pfingsterzählung, wie sie die Apostelgeschichte des Lukas im zweiten Kapitel überliefert. In der Lutherübersetzung wird sie selbst zu einem akustischen Großereignis.
Die beiden Fotografien zeigen, wie der reine helle Geist auch abgeschieden im Grünen gelegene ältere kleine Häuser, denen man Schiebefenster andichten könnte, stimmungsmäßig – und gänzlich ohne Klimapanikattacken – vollkommen verwandelt: Sogar im kühlen Norddeutschland!

Wort Gottes und Heilige Schrift

Wer sich von den für „zeitgemäß“ erachteten Forderungen, was „Kirche“ alles „muss“, einwickeln lässt, sollte nicht vergessen, wo eigentlich die Basis ist. Besinnt man sich auf diese Frage, dann landet man unweigerlich beim sogenannten Buch der Bücher, bei der Bibel, der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Um überhaupt auf dieses fürs christliche Selbstverständnis grundlegende Faktum bloß erst einmal hinzuweisen (nicht mehr und nicht weniger), gibt es hier nun Abschnitte zu lesen, die vielleicht am treffendsten als Sprechzettel zu bezeichnen wären.

Notizen haben etwas Apodiktisches. Sie sollen zu rhetorischen Höhenflügen führen. Zugleich dienen sie der eigenen Vergewisserung, was lexikalisch immer und jederzeit und überall abrufbar ist. Das gibt jeder Präsentation auch ohne Powerpoint und trotz allem Informationsgehalt zwar etwas Einseitiges und Beschränktes; zugleich kann solch ein Vortrag jedoch anregend wirken und zum Widerspruch reizen. Also:

Gott ist nur aus seinem Wort zu erkennen. Wir sehen ihn nicht, aber wir können ihn hören. Was die Propheten von ihm vernommen haben, ist aufgeschrieben im Alten Testament. „Höre des HERRN Wort“ ist häufig Einleitungsformel für eine prophetische Weisung. Diese Erkenntnis Gottes im biblischen Kanon ist schon in der Schöpfungsgeschichte vorausgesetzt: Auf das Wort Gottes hin wird alles geschaffen: „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“

Die Theologie Israels verstärkt nach Landnahme und Tempelbau diese Anschauung. Gott wird gepriesen in Liedern, die vor allem im Buch der Psalmen auf uns gekommen sind. Der singende Mensch im Gottesdienst antwortet in dieser Weise auf den klingenden Anspruch Gottes.

Wort Gottes und Heilige Schrift

Allmählich werden die prophetischen Aussprüche, die Erzählungen von Schöpfung, Vätergeschichten, Auszug aus Ägypten und Wüstenwanderung, Einzug ins Gelobte Land, Sesshaftwerdung, die Chroniken von Richtern und Königen, dazu Gesetzessammlungen, Weisheitssprüche, Lieder und Gebete zusammengetragen und im Kanon der Hebräischen Bibel geordnet. Die ersten fünf Bücher Mose gelten als „Thora“ („Weisung“); sie sind bis heute im Judentum der wichtigste Teil der Offenbarungen Gottes.

Im späten vorchristlichen Altertum wird der hebräische Text in die damalige Weltsprache Griechisch übersetzt. Dieses griechische Alte Testament wird „Septuaginta“ genannt, weil die Legende von siebzig Übersetzern berichtet, die unabhängig voneinander dem Herrscher in Alexandria wortgleiche griechische Textfassungen abliefern.

Nicht mehr einzelne Zitate gelten als Wort Gottes, sondern die Gesamtheit der schriftlichen Überlieferung vom Glauben an den Gott Israels firmiert als „Wort Gottes“. Damit ist die Heiligkeit des Wortlautes, ja des einzelnen Buchstabens gegeben. Der Gedanke der „Verbalinspiration“, dass also Gottes Geist Wort für Wort den Schreibern diktiert hat, kommt bereits im Judentum vor Christi Geburt auf.

In Ägypten unter den griechischsprechenden Juden sind noch weitere biblische Bücher im Umlauf, die man später „apokryph“ („verborgen“) nennt. Sie werden nicht in den hebräischen Kanon aufgenommen (z. B. Jesus Sirach, Tobias, 1. / 2. Makkabäer, Stücke zu Daniel).

Die ersten Christen leben mit der griechischen „Septuaginta“. Aus dieser Fassung der jüdischen Bibel zitieren die Evangelisten überwiegend. Der Gedanke der Jungfrauengeburt ist zum Beispiel der griechischen Übersetzung entnommen. Aus dem Gottesdienst der Synagoge übernehmen die Christen das Singen und Beten der Psalmen Davids. Im Umgang mit diesen Texten verstehen sie Kreuz und Auferstehung Jesu als „geweissagt durch Mose und die Propheten“.

In Anlehnung an die Messiasverheißungen des Alten Bundes entstehen im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt die Schriften des Neuen Testaments. Die Briefe des Apostels Paulus sind die ältesten erhaltenen schriftlichen Erzeugnisse des Urchristentums, entstanden zwischen 50 und 60 nach Christus. Unter den Evangelisten trägt als erster Markus um 70 n. Chr. Berichte und Worte Jesu im größeren Rahmen zusammen, darauf  bauen Matthäus (um 80) und Lukas (um 90) auf. Unabhängig von diesen schreibt Johannes (um 100) sein Evangelium. Der erste Satz „Im Anfang war das Wort“ erinnert an die Schöpfungsgeschichte: Das Wort Gottes hat Gestalt angenommen, es ist „Fleisch“ geworden, sein Name ist Jesus Christus.

Das Neue Testament ist von vornherein in der Umgangs- und Verkehrssprache des östlichen Teils des Römischen Reiches auf griechisch abgefasst. Schon sehr bald gibt es auch Übersetzungen in die koptische, armenische, georgische und lateinische Sprache. Nicht der einzelne Buchstabe ist „heilig“, sondern der Sinn der Worte: Es geht um die Botschaft von Jesus Christus, die bereits seit dem ersten Pfingstfest (Apostelgeschichte 2) vielsprachig und vielgestaltig ist.

Im Laufe des vierten Jahrhunderts entscheidet man endgültig, welche Schriften zum Kanon gehören und welche nicht. Bis dahin ist vieles im Fluss. Das betrifft vor allem die Offenbarung des Johannes, aber auch den Hebräerbrief und andere kleinere neutestamentliche Schriften. Ein Anstoß, überhaupt diese Frage zu klären, geht seit dem zweiten Jahrhundert von den sogenannten „Gnostikern“ aus, die radikal alles Jüdische aus dem Kanon verbannen wollen. Dagegen verwahrt sich die verfasste Kirche schließlich mit Erfolg.

Die Frage, wie die biblischen Texte unter den sich wandelnden Zeitumständen angemessen zu verstehen sind, führt schon in den ersten christlichen Jahrhunderten zu Auslegungen und Kommentaren durch Prediger, Bischöfe und Gelehrte, die sogenannten Apostolischen Väter und die Kirchenväter. Zunächst sind hier die griechischsprachigen Theologen federführend; ab dem dritten und vierten Jahrhundert verschiebt sich der theologische Schwerpunkt nach Westen in die lateinischsprachige Welt hinein.

Sind die griechischen Kirchenväter eher an philosophischen Fragen in ihrer Bibelauslegung interessiert – etwa in Hinsicht auf die Dreieinigkeit oder das Verhältnis von Göttlichem und Menschlichem in der Person Jesu Christi – , so beschäftigen sich lateinische Kirchenväter wie Ambrosius oder Augustinus mit Fragen der praktischen Lebensführung, der Stellung der Kirche in der Welt oder den Aufgaben von Staat und Gesellschaft.

Als Normalausgabe der Bibel gilt im Westen die lateinische Übersetzung des Hieronymus aus dem vierten Jahrhundert, auch wenn dies kirchenamtlich erst auf dem römisch-katholischen Konzil zu Trient (zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts) bestätigt wird. Hieronymus ist für die folgenden tausend Jahre der letzte große Theologe, der das Alte Testament unter Zuhilfenahme des hebräischen Urtextes übersetzt.

Die vorreformatorischen deutschen Übersetzungen von Teilen der Bibel fußen auf dieser lateinischen Fassung des Hieronymus, der sogenannten „Vulgata“. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks werden hebräischer und griechischer Urtext wieder zugänglich. Luther hat seine Bibelübersetzung aus den Ursprachen erstellt.

Gegenüber dem amtskirchlichen Bibelverständnis (Schlüssel- und Lehramt des Apostels Petrus, siehe Matthäus 16 und 18) gibt es andere Zugänge. Besonders das Mönchtum der Wüstenväter (Antonius) und die großen Orden des Mittelalters (Benediktiner, Dominikaner, Franziskaner) versuchen, ihre – andere – Art zu leben mit den „Evangelischen Räten“ bzw. mit der Bergpredigt zu begründen.

In diese Richtung gehen auch verschiedene vorreformatorische Volksbewegungen innerhalb der mittelalterlichen Kirche (so die Waldenser oder die Böhmische Brüder). Hier findet sich teilweise offener Widerspruch zur großkirchlichen Ordnung, hier werden erstmals Forderungen nach der Bibel in den Volkssprachen, nach jeglicher Absage an Waffengewalt (so das Verständnis von Matthäus 5) oder auch nach dem sogenannten Laienkelch („Trinket alle daraus“) laut.

Im Zeitalter der Reformation rückt die Frage nach dem „Kanon im Kanon“ in den Blickpunkt der Auseinandersetzung um das rechte Verständnis der Bibel. Für Luther und seine Anhänger ist es die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben (Römer 1, 16f; 3, 21-28), die das spezifisch „Evangelische“, nämlich die Rettung vor dem Tod durch Christus den Gekreuzigten und Auferstandenen. Damit wird die Heilsautorität der Kirche radikal abgelehnt. Kirche wird als „Gemeinschaft der Heiligen“ im urchristlichen Sinne verstanden und mit den entsprechenden Bibelstellen begründet.

Gegen das typisch evangelische „Allein die Schrift“ (lateinisch: sola scriptura) setzt das römisch-katholische Konzil von Trient (Tridentinum) die Parole: „Schrift und Tradition“. Das meint: In den dogmatischen Entscheidungen der Konzilien sowie des Bischofs von Rom, also des Papstes, wird eigentlich nur dasjenige weiter ausgeführt und erläutert, was auf der Grundlage der Heiligen Schrift sowieso „von allen zu allen Zeiten an allen Orten“ (Vinzenz von Lerinum, fünftes Jahrhundert) geglaubt worden ist. Dagegen sagen die Protestanten: Auch Konzilien können irren. Die Auslegung der Bibel erfordert eigenes Nachforschen und Nachdenken. Darum ist den reformatorischen Kirchen seit jeher so viel an Bibelübersetzungen in die jeweilige Volkssprache gelegen.

Im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts beginnt die historisch-kritische Erforschung der biblischen Bücher. Von relativ einfachen Feststellungen (etwa: Die fünf Bücher Mose können nicht von Mose selbst geschrieben worden sein, weil an deren Ende von seinem Tod berichtet wird) bis hin zu komplizierten Theorien über unterschiedliche Spruch- und Schriftquellen (vor allem in den Evangelien die Frage: Was an Aussprüchen stammt vom „historischen Jesus“ und was ist spätere Gemeindebildung?) spannt sich bis heute der Bogen biblischer Auslegung.

Gegen die Intellektualisierung des Umgangs mit der Bibel in historischer Forschung und in der Dogmatik auch der altprotestantischen Geisteshaltung entstehen  seit dem siebzehnten Jahrhundert erweckliche Bewegungen. Für sie ist wichtig, dass das Wort Gottes, wie es im biblischen Wortlaut sich darbietet, direkt zum Herzen des einzelnen spricht. Beispiele: Herrnhuter Brüdergemeine; Täufergemeinden (woraus später die Baptisten hervorgehen); pietistische Hauskreise & cetera. Bei den Methodisten wird das persönliche Bekehrungserlebnis wichtig.

In der heutigen Zeit gibt es im deutschsprachigen Raum keine grundlegenden Unterschiede mehr zwischen evangelischer und katholischer Auslegung der Heiligen Schrift. Einerseits sind die Protestanten vorsichtiger geworden, ob die Rechtfertigungslehre tatsächlich das Herzstück biblischer Verkündigung ist; andererseits haben Katholiken längst akzeptiert, dass die biblischen Erzählungen nicht einfach sagen wollen, wie es damals zur Zeit Jesu war, sondern vieles von ihrer eigenen Gemeindesituation in die Geschichten eintragen. Zudem ist allgemein anerkannt, dass die Menschen zur biblischen Zeit ein ganz anderes Weltbild hatten als wir, die wir im Zeichen der Kopernikanischen Wende seit bald fünf Jahrhunderten leben (müssen).

Dieser exegetische Konsens wird jüngst wieder in Frage gestellt. Nicht nur Ratzingers Jesus-Bücher, sondern auch Anregungen gesellschaftspolitischer, religionskundlicher, archäologischer, historischbesserinformierter, jüdischchristlichdialogischer, feministischer, gendergerechter oder umweltbewusster Zeitgenossen lassen die „Klassiker“ der protestantischen Bibelauslegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, namentlich geprägt durch Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack, Karl Barth und Rudolf Bultmann samt ihren Schülerinnen und Schülern, mittlerweile schon wieder alt aussehen.

Die Frage erneuert sich mit den Zeitläuften, inwiefern dogmatisch-erhabene und zugleich exegetisch-detaillierte Beschäftigung mit der Bibel das Wort Gottes stets bezeugt. Solange diese Welt so unvollkommen daherkommt, wie sie nun einmal ist, wird sie deshalb ohne philologisch und hermeneutisch geschulte Theologieversuche schwerlich auskommen.

Abbildung: Beginn von Psalm 1 in der Hebräischen Bibel.

 

 

 

 

 

 

Bach

Am 21. März 1685 wird in Eisenach der laut Neuem Brockhaus (1960) „größte Tonmeister aller Zeiten“ geboren, Johann Sebastian Bach. Er ist das jüngste von acht Kindern des Stadtpfeifers Ambrosius Bach und seiner Ehefrau Elisabeth geb. Lämmerhirt. Die Musikerfamilie Bach ist in mehreren Zweigen im ganzen thüringischen Raum verbreitet – seit der Einwanderung des „Stammvaters“ Veit Bach Anfang des 17. Jahrhunderts als protestantischer Glaubensflüchtling aus Ungarn.

Der kleine Johann Sebastian besucht die Lateinschule in Eisenach, wo fast 200 Jahre vorher auch Martin Luther die Schulbank gedrückt hat. Eisenach liegt unterhalb der Wartburg, wo der Reformator einst als „Junker Jörg“ lebte; hier hatte er die Arbeit an seiner bahnbrechenden hochdeutschen Bibelübersetzung begonnen, die auch in der Bach-Familie als Hausbuch Grundlage allen Lebens ist.

Aus dem vertrauten Urort evangelischer Kultur wird Bach jedoch allzubald herausgerissen: Als er acht Jahre alt ist, stirbt seine Mutter; mit zehn Jahren, nach dem Tod auch des Vaters, ist er Vollwaise. Vielleicht liegt in dieser frühen Lebenstodeserfahrung der Keim für die Ernsthaftigkeit und Vollkommenheit seiner Musik als einer in sich abgeschlossenen tröstenden Welt gegen den untröstlichen nur-irdischen Alltag.

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Sein älterer, schon erwachsener Bruder Christoph nimmt ihn zu sich nach Ohrdruf. Dann, von 1700 bis 1702, in der Michaelisschule zu Lüneburg, eignet sich der aufgeweckte Junge alle damals gängigen musikalischen Fertigkeiten an der Orgel, am Cembalo und auf der Violine an. Von der alten Hansestadt aus unternimmt er Fußreisen nach Hamburg, um die dortigen Organisten zu hören und ihre Werke zu studieren. Besonders inspirieren ihn die Choralfantasien des Johann Adam Reinken. In Lüneburg selbst bildet sich Bach im Umfeld des weithin berühmten Orgelmeisters Georg Böhm weiter. Manchmal kommt auch die fürstliche Kapelle aus Celle in die traditionsreiche Salinenstadt und bringt französisch geprägte höfische Musik zu Gehör.

Erste Anstellungen führen Bach nach Weimar, Arnstadt und Mühlhausen, also wieder nach Thüringen. Von Arnstadt aus wandert er Anfang Oktober 1705 nach Lübeck; dafür hat er einen dreiwöchigen Urlaub gewährt bekommen. An der dortigen Marienkirche hört er den Kirchenmusikdirektor Dietrich Buxtehude, vertieft sich in dessen Werke und besucht die weitbekannten adventlichen „Abendmusiken“ – da hat er den Urlaub bereits kräftig überschritten: Erst im Januar 1706 kehrt er nach Arnstadt zurück – aus den drei Wochen sind gut drei Monate geworden. – 1707 heiratet er seine entfernte Verwandte Maria Barbara Bach.

Von Mühlhausen geht Bach als Hoforganist und Kammermusiker wiederum nach Weimar. Hier kommen sechs seiner Kinder zur Welt, unter anderem Wilhelm Friedemann (*1710) und Carl Philipp Emanuel (*1714, dessen Taufpate: Georg Philipp Telemann). Viele Orgelwerke entstehen, unter vielen anderen die berühmte Toccata und Fuge d-moll mit der signalhaften Wechselnote zu Beginn. Überdies legt er ein „Orgelbüchlein“ an, in dem er eigene Liedbearbeitungen nach der Ordnung des Kirchenjahres beispielhaft zusammenstellt.

Bach wendet sich 1716 an den Hof des Fürsten von Anhalt-Köthen. Der Weimarer Dienstherr will seinen Konzertmeister jedoch nicht gehen lassen und steckt ihn in eine Arrestzelle. So ist Johann Sebastian Bach wohl der einzige unter den ganz großen abendländischen Komponisten, der einen Gefängnisaufenthalt erlebt – wenn auch nur für einen Monat: dann gibt der Herzog seinen Widerstand auf und lässt Bach ziehen.

In Köthen findet der nunmehrige Kapellmeister und „Director derer Cammer-Musiquen“ völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse vor als an seinen bisherigen Dienststellen. Für ihn gibt es hier keine unmittelbaren kirchenmusikalischen Betätigungsfelder; denn die Fürstenfamilie gehört dem evangelisch-reformierten Bekenntnis an. Bach hält sich in Köthen zur kleinen lutherischen Gemeinde; dort ist er als regelmäßiger Abendmahlsgast verzeichnet.

Der Komponist widmet sich der Haus- und Hofmusik. Das „Wohltemperierte Klavier“ und andere bedeutende Werke für Tasteninstrumente entstehen, außerdem die „Brandenburgischen Konzerte“. Mit dem Fürsten ist Bach freundschaftlich verbunden. Aber die Wirksamkeit in Köthen wird schicksalhaft überschattet, als 1720 seine Ehefrau stirbt. Nach Ablauf der Trauerzeit heiratet Bach 1721 die Sängerin Anna Magdalena geb. Wülken, mit der er insgesamt 13 Kinder hat, unter den das Säuglings-und Kindesalter überlebenden die späteren Musiker Johann Christoph Friedrich (*1732) und Johann Christian (*1735).

Im Jahr 1722, nach dem Tod des Leipziger Thomaskantors Johann Kuhnau, bewirbt sich Bach auf die freigewordene Stelle. Er sucht seit längerem städtische Umgebung, um seinen ältesten Söhnen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Zum 1. Sonntag nach Trinitatis 1723 tritt er das Amt des Kantors an der Thomasschule und des städtischen Musikdirektors über die Hauptkirchen in Leipzig an. Hier eröffnet sich dem nunmehr 38jährigen Künstler ein reiches, aber auch mühsames Betätigungsfeld. Den Thomanern hat er nicht nur Musikstunden, sondern auch Unterricht in den Fächern Latein und Religion zu erteilen. Um zu letzterem befähigt zu sein, hat er sich vor Amtsantritt einem theologischen Examen unterzogen, im Sinne der ihm vertrauten lutherisch-orthodoxen Glaubenslehre.

Musikalisch-kompositorisch gehört fortan zu Bachs Aufgaben, an jedem Sonn- und Feiertag – ausgenommen nur die Zeiten vom 2. bis 4. Advent und die Sonntage in der Fastenzeit – Kantaten aufzuführen. Die kann man heutzutage regelmäßig in den Sendungen mit geistlicher Musik im Radio hören; Bachs Werke sind frei zugänglich, fernab von jeglichem Spezialistentum. Sie gehören zum allgemeinen Bildungsgut zumal in unserem protestantischen Deutschland.

Bach verschreibt sich der Anforderung, Kantaten zu komponieren, mit Herzblut – er legt in bezug auf diese gottesdienstlichen Stücke für Soli, Chor und Orchester zunächst mit Feuereifer los, sieht er doch die faszinierende Möglichkeit, mittels seiner eigenen Musik zu predigen, also Sonntagsevangelium, Hauptlied oder verwandte Texte in Klangrede so darzustellen, dass der Gemeinde sich der geistliche Reichtum der biblischen Botschaft erschließen möge.

Doch bald erlahmt sein Ehrgeiz, das Kirchenjahr vollständig und vielgestaltig musikalisch darzustellen. Er muss erkennen, auf wie wenig Verständnis seine Musik beim Rat der Stadt und in den Gottesdienstgemeinden stößt. Die Leipziger haben solch starken musikalischen Ausdruck nicht erwartet – und auf Dauer wünschen sie ihn auch nicht. Bachs Musik siedelt an der Grenze dessen, was man unter bürgerlich-anständiger Kirchlichkeit versteht – und überhaupt: Man empfindet seine Kompositionen als zu schwer.

Das meint man auch von den großen Passionsmusiken, die der Kantor im Wechsel für die Thomas- und Nikolaikirche einzurichten hat: Statt jedes Jahr eine neue Passion für den Karfreitagsabendgottesdienst zu komponieren, wiederholt er ab dem vierten oder fünften Amtsjahr seine bis dahin entstandenen Werke oder führt Musiken älterer Meister aus dem Archiv auf. Wie weit die Zeitgenossen die auf uns heute so ergreifend wirkenden Großwerke „Johannespassion“ (1724) und „Matthäuspassion“ (1727) aufgenommen und verstanden haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Hier und da wird der Vorwurf einer „opernhaften“ Musik laut.

Bachs Leipziger Zeit währt 27 Dienstjahre lang, bis zum Tod am 28. Juli 1750. Es sind nicht allein die Kantaten, Oratorien, Passionen und Orgelwerke, die später seinen weltweiten Ruhm begründen – hinzu kommen als Gelegenheitswerke die Motetten und die ganze weltliche Musik, welch letztere er vielfach für das von Telemann im Jahre 1701 gegründete Studentenorchester „Collegium musicum“ erschafft. Auch Bearbeitungen von Werken zeitgenössischer italienischer Komponistenkollegen entstehen, so zum Beispiel von Albinoni, Pergolesi oder Vivaldi.

Vier Großwerke gehen außerdem weit über den Leipziger Rahmen hinaus: Im Jahre 1736 widmet Bach zwei Sätze, „Kyrie“ und „Gloria“, dem römisch-katholisch gewordenen sächsischen Hof in Dresden: Beginn seiner spät vollendeten und im 19. Jahrhundert so betitelten „Hohen Messe in h-moll“. Damit hat der Meister seinen „ökumenischen“ Beitrag geleistet. 1747 wird Bach in eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft aufgenommen, die „Mizlersche Societät“. Für sie schreibt er die „Kanonischen Veränderungen“ über Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, das „Musikalische Opfer“, nach einem Besuch am Hof in Potsdam Friedrich dem Großen gewidmet, und zuletzt die „Kunst der Fuge“, deren letzter Kontrapunkt, wo das Thema B-A-C-H mit den anderen Subjekten verknüpft werden soll, unvollendet bleibt.

Bachs Musik wirkt bis heute umfassend in ihrer Ausgeglichenheit zwischen einfachem Melodie-und-Begleitung-Satz und höchster harmonischer bis kühner Mehrstimmigkeit. Einige Stücke sind regelrecht populär geworden: Aus den Kantaten hat es „Jesus bleibet meine Freude“ bis hin zur Titelmusik einer Fernsehsendung gebracht; ein Satz aus den Orchestersuiten hat es in die Charts der Klingeltöne fürs Mobiltelefon geschafft – und ein anderer Suitensatz ist als die „Air von Bach“ gleichermaßen bekannt und beliebt.

All dies sind aber nur äußere Blüten, die in einer konsequent gepflegten Tradition wurzeln. Bachs Musik erwächst aus dem evangelischen Gottesdienst. Viele Liedstrophen, die wir bis heute gern singen, haben in den Passionen und im Orgelwerk ihr jeweiliges Gewicht. Bach hat die Choräle derart „authentisch“ harmonisiert oder sonst bearbeitet und sich dadurch so zueigen gemacht, dass ein französischer Komponist des 19. Jahrhunderts meint, er habe auch die Melodien selber geschaffen. Tatsächlich haben wir in unserem Gesangbuch aber nur eine einzige Weise, die von Bach stammt, nämlich die zum Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“.

Ansonsten deutet Bach aus, was an Texten und Melodien in Gebrauch ist – vor allem Verse von Martin Luther und Paul Gerhardt. Seine Lieblingsmelodie: „Herzlich tut mich verlangen“, heute vor allem bekannt durch das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Das Leiden Christi sich zueigen machen, weil darin das eigene Leben in aller Tiefe aufgehoben ist: Es ist dieses innige Verständnis der Passionsgeschichte, das durch das Dunkel des Todes ins neue Leben führt. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.“ Wer diese schwarzgefärbte Musik aus der Matthäuspassion je mit geradezu mystischer Hingabe verinnerlicht hat, wird diesen starken Eindruck im Glauben nie wieder vergessen.

Neben Bachs häufig vor seine Kompositionen gesetztem Motto S.D.G, „Soli Deo Gloria“ – allein Gott die Ehre!, lautet ein anderes: J.J., „Jesu juva“ – Jesu, hilf! Das ist ein Gebetsruf an den, der alles verwandelt. Die Grenze des Todes wird zum Leben hin überschritten. Inmitten aller Dunkelheiten der Passion Jesu werden die eigenen Finsternisse klar – das ist der erste Schritt zum Heil, durch klingendes musikalisch-bewegtes Geheimnis hinein ins ewige Leben, in Töne gebracht von ihm, den wir fromm mit Söderblom den „Fünften Evangelisten“ nennen oder abstrakt mit Reger als „Anfang und Ende aller Musik“ bezeichnen – vielleicht ihn aber auch gleich ins ganz Große einer ozeanisch-rauschhaft-tiefen unauslotbaren Erfahrungswelt befördern mit Beethoven: „Nicht Bach sollte er heißen, sondern Meer.“

Foto: Bach-Denkmal in Eisenach.

Herders Weihnachtslied

Dass Weihnachten erst angefangen hat, ist den meisten eiligen Menschen nicht bewusst. Was sich aus der Heiligen Nacht heraus entfaltet und am Epiphaniasfest vulgo Dreikönigstag zu höchster Blüte gelangt, macht eines der unzähligen Lieder deutlich, welches hier und heute kurz betrachtet werden soll, zur im Sommer dieses Jahres anstehenden Feier des zweihundertfünfundsiebzigsten Wiegenfestes seines ersten Textdichters. Ich orientiere mich im folgenden am Evangelischen Gesangbuch (EG) von 1993 und an Herders Urfassung.

Nebenbei kommen nach- und durcheinander Baltikum und Bückeburg, Genf und Geistverwirrung, Königsberg und Kant, Ostpreußen und Oldenburg, Weimar und Weisheit, Zürich und Zarenreich sowie andere ähnlich anlautende, aber dann doch so grundverschiedene Phänomene in den gelehrten wie durchaus frommen Blick. Und vielleicht regt dieser kleine Beitrag ja auch dazu an, sich näher mit Herder zu befassen, dem Schöpfer so wirkmächtiger Begriffe wie „Volkslied“ oder „Zeitgeist“ …

EG 74 (Melodie: EG 442)

1 Du Morgenstern, du Licht vom Licht, / das durch die Finsternisse bricht, / du gingst vor aller Zeiten Lauf / in unerschaffner Klarheit auf.

2 Du Lebensquell, wir danken dir, / auf dich, Lebend´ger, hoffen wir; / denn du durchdrangst des Todes Nacht, / hast Sieg und Leben uns gebracht.

3 Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, / der du den Vater uns enthüllt, / du kamst herab ins Erdental / mit deiner Gotterkenntnis Strahl.

4 Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, / führ uns durch Finsternis zum Licht, / bleib auch am Abend dieser Welt / als Hilf und Hort uns zugesellt.

Neugier und Forscherdrang bringen Menschen, die bisher von Gott nichts Genaues wussten, zum Heiland der Welt, weitab vom Zentrum politisch-wirtschaftlicher Macht. Der Himmel auf Erden will erst entdeckt werden, aufgespürt, erwandert: Das Licht des Lebens erstrahlt im Verborgenen – weder im kaiserlichen Rom noch im Palast des Herodes, sondern schriftgemäß im judäischen Gebirge, an der Futterrinne, da Ochs und Esel sich Gute Nacht sagen. Man lese hierzu wieder einmal in Luthers unübertroffener Übersetzung Lukas 2 und Matthäus 2. Dann ist man christfestlich neuerlich althergebracht im Bilde.

Dem Weihnachtswunder eignet Ruhe, übernatürlicher Glanz, Licht durch die Finsternisse. Hintergründig klar scheint der Morgenstern, unbemerkt vom Getümmel des lauten Alltags: und doch beständig seit jeher, vor aller Zeiten Lauf. Neugier und Forscherdrang: eines bedingt das andere, und wenn beides auf gutem Wege ist, dann steckt viel Glauben darin. Die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland ist ein schönes Beispiel auch dafür, wie akademische Wissenschaft mit menschlich-unbedingtem Wissen-Wollen eine fruchtbare Verbindung eingeht und der Gotterkenntnis Strahl sich ungehindert Bahn brechen kann.

Herders Weihnachtslied

Wer glaubt, wer auf Gott vertraut, geht wach durch die Welt und wird erleuchtet vom Zeichen des Himmels selbst. Der Stern von Bethlehem verkündet: Gottes Bild ist erschienen; das Krippenkind enthüllt uns den Vater, herab ins Erdental. An Weihnachten wird uns das Geheimnis Gottes offenbar: Epiphanias bringt es auf den Erkenntnispunkt: Gott ist Mensch geworden.

Der Text unseres Liedes fußt auf einer Vorlage des Theologen Johann Gottfried Herder. Der erblickte das Licht dieser Welt vor nunmehr bald 275 Jahren, im August 1744, und schaut die ganze Klarheit des Herrn seit Dezember 1803. Er lebte hier auf Erden zu einer Zeit, da man sehr zuversichtlich war, menschliche Wissenschaft und göttliche Erkenntnis zusammenbringen zu können. Im Lichte der europäischen Aufklärung versuchte man im protestantischen Deutschland auch die Botschaft der Bibel neu zu verstehen – für einen umfassend gebildeten Pfarrer wie Herder bedeutete dies vor allem, die überlieferten Texte aus ihren eigenen Entstehungsbedingungen heraus zu deuten.

Wie so vielen Gelehrten der damaligen Zeit, so dämmert auch dem gebürtigen Ostpreußen und zwischenzeitlichen Hauslehrer und Prediger in Riga, dass wir es bei antiken, biblischen und anderen „alten“ Texten zunächst mit ganz fremden, fernen Welten zu tun haben. Sprache, Ausdruck, Denken und Brauchtum der alten Völker gilt es zu erforschen und mit gegenwärtigen Erfahrungen zu verbinden. Die Aufklärung wird in solch historischer Neugier romantisch: Auf einer stürmischen Schiffsreise durch den Ärmelkanal erinnert sich Herder unter anderem an seine Lektüre von Shakespeare-Dramen. Die rauhe aufgewühlte See wird ihm zum Sinnbild für die menschlich-allzumenschlichen Abgründe, in die hinein sich Helden wie die des englischen Dichters verstricken: zeitlos gültig, wiewohl in zeitbedingten literarischen Formen dargestellt.

Ganz am Rande hat Herder, ohne es zu ahnen, die entscheidenden Weichen für den Fortgang oldenburgischer Geschichte gestellt. Kurze Zeit nämlich war er als Lehrer im gefürsteten Bistum Lübeck angestellt. Er sollte des Herrschers schwer erziehbaren Sohn wieder in die Spur bringen. Aber der Prinz steigerte sich nur immer mehr in ausschweifenden religiösen Wahn hinein und bestand rumpelstilzchenhaft darauf, römisch-katholisch zu werden – am Hofe des reichsweit einzigen lutherischen Fürstbischofs ein Ding der Unmöglichkeit. Da wusste auch Herder irgendwann, mitten auf der Kavalierstour, die man dem Querkopf organisiert hatte, nicht weiter: Er verließ entnervt die Eutiner Reisegesellschaft und sah sich nach einer neuen Arbeitsstelle um.

Der Prinz indes wurde daraufhin entmündigt; die Erbfolge ging über auf seinen Cousin, Prinz Peter Friedrich Ludwig. Nachdem das Haus Gottorp durch einen Vertrag mit Dänemark und Russland die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst erhalten hatte, verlegte Peter Friedrich Ludwig – als sein Onkel gestorben war – die Residenz schrittweise von Eutin nach Oldenburg und regierte (bis zum Ableben des Vetters offiziell „nur“ administrativ) als Herzog über Stadt und Land. Er ist ein herausragendes Beispiel für das seit der Antike gepflegte Bild vom guten Fürsten – im Gegensatz zum Tyrannen, wie ihn im Evangelium der König Herodes verkörpert. Kein oldenburgischer Herrscher der letzten zweihundertfünfzig Jahre ist denn auch der Nachwelt so dankbar in Erinnerung geblieben wie „PFL“.

Aber zurück zum Wegbereiter dieser für den oldenburgischen Staat so glücklichen Entwicklung, zu Johann Gottfried Herder: Beginnend mit seiner Tätigkeit als Oberpfarrer in Bückeburg, seit 1771, beschäftigt er sich ausführlich mit den biblischen Ursprachen, veröffentlicht gut zehn Jahre später eine Abhandlung über die „Ebräische Poesie“. Allein aus der dichterisch klingenden „Urweissagung“ des Volkes Israel, meint er, ist die Botschaft von Gott angemessen in die Welt gekommen. – Nach 1776, als Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Weimar, zugleich Nachbar von Goethe und Schiller, hat Herder seine Gedanken weiter ausgebaut. Seine Sammlung von Sagen, Legenden und Volksliedern wird immer größer. In dieser Zeit erhält in seinem Umfeld die Melodie von „O du fröhliche“ ihre endgültige Form; und damals, wohl um das Jahr 1795, dichtet Herder ein Lied, das in Klammern die schlichte große Überschrift trägt: „Christus“.

Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefen bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf – so wird unser Herr und Heiland in Herders Urfassung unseres Liedes angeredet. Aus des Himmels Tiefen kommt des Glanzes stille Macht, sozusagen das Friedenslicht von Bethlehem, als fortwährendes Zeichen der Liebe Gottes. Das Krippenkind besucht uns in unserm Tal mit seiner Gott-Erkenntnis Strahl: Aus den weiten Tiefen des bestirnten Himmels sucht es die je und je persönlichen Finsternisse, Traurigkeiten, Ängste auf und verwandelt sie in neue Hoffnung. Der Gekreuzigte und Auferstandene bleibt bei uns, als Mitwanderer im Tal eigenen Wandelns durch die Zeitläufte.

Das Bild vom finsteren Tal, wie es besonders prominent im 23. Psalm aufscheint, mündet in Herders Urfassung des Liedes ein in die Schau des ruhenden Berges in Wolken: Auf seine Höhe sollen wir gelangen, auf ihm harret ewig Gut. Der biblische „Olymp“, der Gottesberg, von wo aus Weisung an das auserwählte Volk ergeht: der Berg Sinai, wo Mose die Zehn Gebote empfängt, kommt ebenso in den Sinn wie der prophetische Berg Zion, auf dem sich alle Völker in der Endzeit versammeln werden; wir erinnern die Weisheitssprüche Jesu, die nicht ohne Hintergedanken in der sogenannten „Bergpredigt“ zusammengestellt sind; ebenso den Berg, auf dem Jesus den vertrautesten Jüngern in überirdischem Glanz verklärt erscheint.

Der Gesetzesberg erweist sich als der Höhenzug des Evangeliums. Das Wort von Herders philosophischem Landsmann Immanuel Kant vom „bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“ mag anklingen. Der des Todes Nacht durchdrungen hat, der als der Auferstandene Erkannte ist Hilf und Hort; zu ihm darf gerufen werden in begründeter Hoffnung und mit Anklang an die Emmausjünger: Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht.

Im Gesangbuch ist das Lied der Melodie „Steht auf, ihr lieben Kinderlein“ des Lutherschülers Nikolaus Herman zugeordnet. Herder und die thüringischen Gemeinden aber haben eher die Melodie zum 134. Psalm aus Genf im Sinn gehabt. So kommt helvetische Weltläufigkeit in das Lied. Der Genfer Psalter, dichterisch-musikalisches Wunderwerk aus der reformierten französischsprachigen Schweiz, hat durch die Nachdichtungen des Ambrosius Lobwasser, eines lutherischen Juristen aus Königsberg, seit Ende des 16. Jahrhunderts auch den deutschsprachigen Raum für sich gewonnen, über die damals sehr strengen Konfessionsgrenzen zwischen Reformierten und Lutheranern hinweg. Sogar die zunächst so musikabweisende reformierte Zürcher Kirche führte im Jahre 1598 die Genfer Psalmlieder in der Lobwasserfassung ein, nachdem man dort mehr als siebzig Jahre lang überhaupt nicht mehr im Gottesdienst gesungen hatte.

Beim Singen aller sechs vollendeten Strophen der Herderschen Urfassung mit der Melodie auf eine Nachdichtung aus dem Geiste der „Ebräischen Poesie“ sind Osten und Westen, Norden und Süden sehr eigentümlich beisammen. Die Weisen aus dem Morgenland haben in ihrer Neugier und ihrem Forscherdrang jenes Licht im Blick gehabt, dessen Zeiten Lauf die Geschichte unseres christlichen Abendlandes gewirkt hat. Und was an Nord- und Ostsee an Gedankenweite sich mit genauem Takt und Klang der französischen und schweizerischen Denkungsart verbindet, hat – wenigstens im Raum evangelischer Kirche und Kultur – dem Leben vor Ort immer zum Besten gedient.

Denn jene Spielart der Aufklärung, die ganz bewusst bei ihren christlichen Wurzeln geblieben ist, entwickelt immer wieder neuen Sinn für den Nächsten: nimmt ihn an in seinen Besonderheiten und in seinem Anderssein – interessiert sich für seine Herkunft, Prägung und Lebensgeschichte – übt wache, nicht etwa gleichgültige Toleranz – und weiß dabei über die eigene kulturelle und konfessionelle Bindung Bescheid.

Aus dem Licht vom Licht starken Bekenntnisses, im Angesicht des Krippenkindes, kann die Fähigkeit erwachsen, Gemeinschaft über alle Fremdheit zu pflegen, miteinander zu lachen und zu weinen, gemeinsam zu feiern und zu trauern. Der Glanz von Weihnachten kommt vom Friedenslicht aus Bethlehem, vom Stern aus dem Stall. Der bestirnte Himmel außen und innen gibt uns seine Weisung ins Herz.

Da wächst die Bereitschaft, sich leiten zu lassen von dem einen Ziel, dem Berg oder Stern Jesus Christus. Dabei wird niemandem der Griff nach den Sternen abverlangt – vielmehr das Vertrauen in den, der die Menschen, ja die Menschheit in Geschichte und Gegenwart kennt und annimmt. Der wahre helle Morgenstern begrüßt, umfängt und begleitet uns, ehe wir’s gedacht! Dieser Glaube lässt hellwach bleiben und bestirnt wandern in die Zeit.

Herders Urfassung (Melodie: EG 300)

(Christus)

1 Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefe bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf.

2 Dir danken wir, dir beten wir, / und opfern hohe Hoffnung dir; / denn du durchbrachst der Erde Nacht / mit deines Glanzes stiller Macht.

3 Besuchtest uns in unserm Tal / mit deiner Gott-Erkenntnis Strahl, / aus welchem ewig Leben fleußt, / und sich in stille Seelen geußt.

4 Und wird in ihnen Gottes Bild / mit Weisheit, Lieb und Kraft erfüllt / und leitet sie durchs Todestal / zu jeder Sonne neuem Strahl.

5 Bleib bei uns Herr, verlaß uns nicht, / führ´ aus der Dämmrung uns zum Licht, / der du am Abende der Welt / dich treulich bei uns eingestellt.

6 Sei uns Mitwanderer im Tal / der Hoffnung zu des Berges Strahl, / der dort in Wolken vor uns ruht, / und auf ihm harret ewig Gut.

[7 Was keine Augen je gesehn, / harrt unser …]

 

Foto: Licht aus der Krippe.

Literaturhinweis: Liedkommentar von Eberhard Schmidt, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft 3, Göttingen 2001, Seiten 36 bis 39; darin Herders ursprünglicher Text in modernisierter Rechtschreibung Seite 37 (Reihe: Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Band 3, Ausgabe in Einzelheften, Göttingen 2000 ff).

 

 

Pusteblume

Irgendwie reden wir im öffentlichen Raum seit längerem schon an den eigentlichen Dingen stets grandios vorbei. Es ist allerdings eine Kunst für sich, mit Vehemenz jedes Thema zielgenau zu verfehlen. Sogar in Wahlkampfzeiten – oder gerade dann? – wird diese Unart mittlerweile gehegt und gepflegt. Die Kombattanten haben offensichtlich überhaupt keine Lust, sich produktiv zu streiten. Eher „bedanken“ sie sich noch für Beiträge ihrer jeweiligen Gegner und meinen wohl, damit besonders kultiviert und gelassen, gar cool zu wirken. Wenn sich dennoch kontroverse Szenen aufbauen und es wirklich interessant zu werden droht, greifen Moderatoren derart oberlehrerhaft ein, dass einem alles vergeht. Potenz geht anders.

Was gesagt werden muss, wird abgebügelt: findet nicht statt. Bei islamistischen Terroranschlägen haben wir uns bereits daran gewöhnt, dass unsere politisch Verantwortlichen rituelle Beileidsbekundungen ohne jeden Biss absondern, vorzugsweise die Fernen und nicht die Nächsten im Blick. So jettete zum Beispiel die Kanzlerin gern nach Paris zur Prominentendemo gegen die Attentäter vom Januar 2015, aber einer Sprecherin der Hinterbliebenen des Massakers vom Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 weicht sie bis zum heutigen Tag – also sogar beziehungsweise speziell im Bundestagswahlkampf – lieber aus. Und damit kommt sie durch.

War das früher auch so? Ich erinnere mich an leidenschaftliche Reden zugunsten unserer Gesellschaftsordnung, die oftmals den Topos der Verdammung ruchloser Gewalttäter mit einschlossen. Rhetorische Entschiedenheit prägte vor vierzig Jahren im „Deutschen Herbst“ alle Debatten, ohne dass entsprechende Taten ausblieben. Niemand hätte sich damals auch nur annähernd in die Richtung geäußert, es handle sich um Ereignisse, mit denen wir nun einmal leben müssten – wie als ob es bei Attentaten, Entführungen und Morden um Naturkatastrophen ginge. Seinerzeit nahm kein anständiger Westdeutscher blutiges Unrecht einfach so geisteslahm hin. Er wusste sich darin einig mit den Regierenden.

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Die Zeichnung „Gemeinsam gegen den Terrorismus“ von Josef Partykiewicz (1914-2003) aus dem Jahr 1977 ist so gesehen eine wenig boshafte Karikatur. Zwar zeigt sie das Unvermögen von Kanzler Schmidt, Vizekanzler Genscher und Oppositionsführer Kohl auf, wirkmächtig die Lunte an der Bombe oben auf der Anrichte auszublasen, aber an redlichen Versuchen, mit vereinten Leibeskräften unternommen, mangelt es eben nicht. Die Politiker erscheinen hier letztlich sympathisch, weil man ja von ihnen wusste, dass sie sich – auch persönlich – niemals durch brutale Staatsfeinde erpressen lassen würden.

Und heute? Man weicht aus und verkämpft sich an Nebenschauplätzen. Die aber können einem wirklich das Genick brechen: Wohlweislich habe ich deshalb von dem Bild nur einen Ausschnitt wiedergegeben, so ohne Besitz irgendwelcher Rechte daran. In der Jetzt- und damit Echtzeit bringen wir damit vieles zum Erliegen, was früher Ansporn für wache und spritzige Auseinandersetzung war. Man gut, dass ich sagen kann, mir sei diese Karikatur in einer Lokalzeitung begegnet. Was die Presse bringt, zumal unter dem Datum des 31. Dezember 1977 innerhalb eines Jahresrückblicks, halte ich derzeit immer noch für frei heranziehbar. Aber aus solchen Vorgängen werden in diesen Zeiten nicht selten Skandale konstruiert und irrsinnige Plagiatsvorwürfe erhoben: Diebstahl geistigen Eigentums oder so ähnlich, auch wenn es sich offensichtlich nur um eine Art Zitat handelt. Doch wem die Argumente ausgehen, besinnt sich plötzlich aufs Urheber- oder Nutzungsrecht.

Genau das hat jüngst die „Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt“ getan. Anlass: ein Wahlplakat der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Darauf ist Martin Luther abgebildet, daneben prangen die Worte: „Ich würde NPD wählen. Ich könnte nicht anders.“ Das führt nun zu juristischem Streit. Die Klägerin meint, eine Wiedergabe des Lutherbildes – Cranach-Gemälde von 1528, Teil der Dauerausstellung im Lutherhaus zu Wittenberg – sei unzulässig, weil sämtliche Rechte an der Fotografie des Porträts eben bei der Stiftung lägen. Dies wird gesagt mit dem Ziel, das Plakat verbieten zu lassen. – Im Gegensatz dazu meinen andere, am besten sei es, überhaupt nicht auf die Provokation einzugehen.

Beidemal wird die echte Diskussion umgangen. Dabei wäre doch wohl jene Klippe in Ansatz zu bringen, die das 500-Jahres-Jubiläum 2017 soeben glücklich umschifft zu haben glaubte. Die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte bei der Abschlussveranstaltung der Weltausstellung in Wittenberg gerade noch frohlockt, es sei gelungen, im Gegensatz zu den Jubelfeiern von 1817 und 1917 diesmal weltoffen, ökumenisch und eben nicht deutsch-national geredet zu haben. Liegt es da nicht eigentlich nahe, erst einmal die übergriffige Dreistigkeit als solche zu benennen, mit der die rechtsextreme Splitterpartei den Luther des Wormser Reichstags von 1521 für sich vereinnahmt?

Wir rütteln an einem Tabu des Reformationsjubiläums 2017. Beschwiegen wird weithin die historische Tatsache, dass die Leute um das Stichjahr 1517 herum dachten, der Mönch, Priester und Professor aus Wittenberg würde sich auch der „Beschwernisse Deutschlands“ annehmen, der Gravamina Germaniae, die man schon so lange unbearbeitet vor sich her geschoben hatte. Viele Menschen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation hegten die Hoffnung, jetzt würde endlich mal Politik mit dem Hammer gemacht. Freilich ist das nun kein Grund, dem Reformator eine Vertrautheit mit demokratischen Spielregeln zu unterschieben. Luther wäre gar nicht auf die Idee gekommen, man müsse Parteien wählen können –  sein Obrigkeitsdenken hätte ihn angesichts einer Wahl, wie wir sie heute kennen, völlig überfordert. Das kann ihm niemand vorwerfen: Nirgendwo im damaligen Europa gab es ein politisches System, das auch nur ansatzweise mit den modernen westlichen Verfassungen im Einklang sich befunden hätte. Selbst die italienischen Stadtrepubliken waren von anderem, nämlich nepotististischem Strickmuster.

Was die Szene vor dem Kaiser und den Reichsständen in Worms angeht: Da steht Luther eben ganz allein auf sich selbst gestellt, und die Überlieferung hat das, wenn auch historisch nicht wortwörtlich, so doch charakteristisch wahrhaftig erfasst: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ – Der dort standhaft steht, ist jedoch kein „Deutscher“ nach der Definition seit dem neunzehnten Jahrhundert, sondern einer, der direkt aus der Heiligen Schrift und mit Vernunftgründen seine Thesen und Bücher verteidigt und deshalb nicht widerrufen kann. Der entscheidende Ausspruch wird oft beim Zitieren vergessen: „Mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen.“ Luthers Heldentum ist also begründet im Evangelium. Die Liebe des Gekreuzigten und Auferstandenen, wodurch die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben geschieht, ist ihm Beweggrund, recht bald nach diesem Ereignis mit seiner Bibelübersetzung zu beginnen – als Entführter und zugleich durch seinen Kurfürsten Geretteter, als Junker Jörg auf der Wartburg.

So wenig wir aus Luther einen „Nationalen“ oder „Demokraten“ modellieren können, so unmöglich ist er uns als Gewährsmann für heutiges Verständnis von individueller Freiheit, religiöser Toleranz oder unbegrenzter Wissenschaft verfügbar. Er sah sich stattdessen in weltlichen Dingen jedermann untertan; auch streitend im Kampf gegen papistische Hetzer, jüdische „Toledot Jesu“-Schriften und türkische Kriegesmannen; und argumentationsfreudig in der Auseinandersetzung mit Humanisten und Heliozentrikern. Die Wittenberger Reformation eignet sich so gar nicht für „zeitgemäße“ Selbstprojektionen, sobald man sich entfernt von den hermeneutischen Grundthemen und den sich daraus entwickelnden zunächst musikalischen, später auch anderskünstlerischen Wirkungen. In der Klangrede aber ist sie großartig und abseits der Moden im Prinzip zeitlos gültig: Die Deutsche Bibel ist bis heute das maßgebliche deutschsprachige Literaturereignis; dieses wurde/wird übertragen auf etliche andere Sprachen dieser Erde; und die protestantische Kirchenmusik als erste kunstvolle Auswirkung der reformatorischen Entdeckung „allein aus dem Glauben allein Christus allein aus Gnaden allein aus der Schrift“ – sola fide solus Christus sola gratia sola scriptura – will ernsthaft niemand missen.

An der rückwärtigen Seite des Cotta’schen Hauses in Eisenach ist – ebenfalls nach historischer Vorlage – ein Luther gepinnt, der ein wenig und ganz von ferne aussieht wie ein Mainzelmännchen, das seine Zipfelmütze abgenommen hat: Der Unterschied ist jedoch, dass das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) nach dem relaunching seiner Werbezwerge keinesfalls frischer geworden ist, sondern sich, zusammen mit den Sendeanstalten des „Ersten“, eher als Staatsfernsehen hervortut, fast so, als müsste es berichten von den ersten gesamtdeutschen Volkskammerwahlen … Es ist keine Lust zu leben … – lieber Ulrich von Hutten, seien Sie froh, dass Sie diese geistige Wüste hier nicht mehr erleben müssen! Der Lateinschüler Martin Luder hingegen lebte von 1498 bis 1501 als Gast in einer Familie, wo das freie ununterbrochene Wort regierte. Unmoderierte Rede und Gegenrede waren willkommen, weil das den Geist schärfte und stählte. Den Teenager hat diese gesprächsweise liberale Atmosphäre so sehr geprägt, dass er noch viele Jahrzehnte später sich immer gern an seine „liebe Stadt“ erinnerte. Erfreut hätte er zur Kenntnis genommen, dass dort in Eisenach später (1685) der nachmals berühmte Sohn des Stadtpfeifers Ambrosius Bach, Johann Sebastian, das Licht der Welt erblickte, dem Luthertum seine Musik sowohl deutschgründlich als auch kosmosweitgespannt aufprägend …

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Wieso all diese hier angedeuteten Freiheiten im 2017er Bundestagswahlkampf nicht zum Tragen gekommen sind, wird ja vielleicht irgendwann einmal Stoff werden für wissenschaftliche Forschungen. Man wird dann womöglich sehen, wie eine reiche Sprache verhunzt wurde, weil sie vor lauter Bestreben nach „zeitgemäßer“  Anbiederung sich selbst ohne Not einschränkte, aus Angst, nicht „politisch korrekt“, nicht „genderistisch“, „antirassistisch“ oder „antifaschistisch“ genug, also nicht „gerecht“ oder sonstwie ideologisch genehm gewesen zu sein, statt dessen grandios vorbeigeredet und vehement zielgenau verfehlt. Wie satisfaktorisch wäre es, wenn jemand dann herausfände: Alles Pustekuchen! Die impotenten Slogans und Versatzstücke von damals sind als das zu beurteilen, was sie bei ihrer Entstehung und ihrem zeitgenössischen Gebrauch bereits waren, ohne dass nennenswert viele Menschen den Mut aufbrachten, es auszusprechen und dagegen aufzubegehren: Schall und Rauch, inhaltsleere Floskeln, dem vergänglichen Zeitgeist restlos unterworfen – im Ergebnis und bildlich ausgedrückt: Zittern wie Espenlaub, Haschen nach Wind – Pusteblume.

Fotos: (1) Nordwest-Zeitung vom 31. Dezember 1977; (2) Eisenach, Rückseite des Lutherhauses, Zustand 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hieronymus Wolf

Wenn Martin Luther eine Reise antreten wollte, musste er sich zunächst eines lästigen Brauchtums erwehren: Philipp Melanchthon pflegte seinem Freund nämlich in bester Absicht stets gern ein Horoskop zu erstellen, berechnete sorgsam die Konstellationen der Himmelskörper, um daraus dann einen günstigen Abreisetermin festzusetzen und überhaupt Verlauf wie Ziel der Unternehmung unter einem guten Stern zu wissen. Dem Reformator aber waren solche Künste derart zuwider, dass er sich nicht scheute, des Magisters Bemühungen, bei aller Liebe, heftig zu beschmunzeln.

Humanistische Spökenkiekerei versus biblisches Vertrauen: Für Luther war es vernünftiger, mal im Notfall und ganz spontan mit dem Tintenfass den Widersacher zu beschmeißen, als ausziseliert und methodisch zähflüssig-lebenslänglich sich an eine Wissenschaftlichkeit zu binden, die ja doch nur Stückwerk sein konnte … Wenn Gott will, dann wird es gut. Und wenn nach eigenen Begriffen etwas scheitert, dann mag auch dies für etwas „gut“ sein. Luther verstand seine Humanisten wahrscheinlich besser, als die sich selbst verstanden hatten. Er lebte drauflos, wo ängstliche Gemüter lieber langatmige Sitzungen anberaumten, durchführten und am Ende ebenso nichtsnutzig wie „ergebnisoffen“ auseinanderfließen sahen.

Aber – aufgepasst: Das Luthersche wurde eben längst nicht immer das Lutherische! Die impulsive Persönlichkeit Luthers hat (und in anderen Fällen können wir sagen: glücklicherweise) nicht unmittelbar auf die Kultur der lutherischen Kirche und ihre Traditionsbildung durchgeschlagen. Da war im Zweifel der liebe Magister Philippus vor. Es steht zu hoffen, dass im laufenden 500-Jahres-Jubiläum der Wittenberger Reformation auch einmal diese Dinge zur Sprache kommen … Nicht alles, was unter dem kirchlich „Lutherischen“ firmiert, ist auf Luthersches zurückzuführen, und andersherum gilt: Luther ist der seinen Namen tragenden Kirchenformation immer wieder im Laufe der Geschichte Stein des Anstoßes sowie der anregenden Aufregung geworden. Stromlinienförmig geht – gottlob – anders.

Eine sklavische Gefolgschaft im Sinne eines sozusagen „lutheristischen“ Personenkultes hat es also nie gegeben. Der Begriff „lutherisch“ leitet sich eher von den „Lutheranern“ her und müsste eigentlich „lutheranisch“ heißen, nämlich in Hinsicht auf die theologisch durchgebildeten Anhänger der Wittenberger Kirchenerneuerung. Die vom zwischenzeitlich wartburgerfahrenen Junker Jörg selbst abgelehnte Bezeichnung impliziert gerade nicht individuell Biographisches wie Lutherbier, federkielschwingende Playmobilfigur oder gar Anhängsel vom „Herrn Käthe“ – von Düsseldorfer Luderlümmeltüten ganz zu schweigen. Ob sich und uns die leitenden Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Gefallen getan haben, als sie seinerzeit eine „Lutherdekade“ ausriefen statt ein Jahrzehnt zur Wittenberger Reformation, sei deshalb dahingestellt.

Der Aberglaube eines Melanchthon machte nun aber unabhängig von solchen semantischen Erwägungen buchstäblich Schule oder fiel zumindest bei manchen Studenten auf bereits zuvor familiär verdunkelt bereiteten Boden: Einer der Vorlesungshörer des hochberühmten Gräzisten an der neugegründeten Universität zu Wittenberg war nämlich in den 1530er Jahren ein gewisser Hieronymus Wolf. Wer den Namen hier das erste Mal liest, den sollte kein intellektuelles Mangelempfinden beschleichen: Man muss diesen Herrn nicht kennen; er geht gänzlich in seinem wissenschaftlichen Werk auf. Aber indem er einen kulturgeschichtlichen Begriff erfand, hat er unser speziell abendländisches Bewusstsein vielleicht mehr geprägt, als uns landläufig bewusst ist.

Stubengelehrter entdeckt eine versunkene neue Welt

Vor über fünfhundert Jahren, am 13. August 1516, wurde er in Oettingen am Ries geboren und wuchs in Nürnberg und Nördlingen auf, unter seelisch belastenden Umständen. Seine Mutter verfiel dem Wahnsinn, da war der Sohn noch ein Kleinkind. Der Vater starb infolge eines Unfalls, was den Zwanzigjährigen bewog, pflichtbewusst die Vormundschaft für die jüngeren Geschwister zu übernehmen. Aber immer wieder versuchte er sich auch, schon im Kindesalter auffällig geworden durch außergewöhnliches Interesse an Geschichte, Philologie und Philosophie – dementsprechend gefördert von wohlmeinenden Lehrern – , als Weltbürger: in Paris, Basel und vor allem dann viele Jahre im fuggerischen Augsburg. Im Oktober 1580 ist er in der Reichstagsstadt gestorben, ledig und ohne leibliche Nachkommen.

Keinem der Ausflüge in die große weite Welt war längere Dauer beschieden: Misstrauen und Aberglaube ließen ihn aus allen Orten schnell wieder entweichen; unstet und flüchtig brachte er seine Tage zu, weil er überall Mordanschläge witterte in Form von vergiftetem Essen oder sonstigen tödlichen Verhexungen. Depressionen wechselten ab mit enorm zuversichtlichen Schaffensphasen; dem eben noch niedergeschlagenen Gemüt folgten hochgestimmte Entdeckerfreuden, vor allem in seinem höchstpersönlichen Bereich, dem von ihm überhaupt erst als solchen benannten Kosmos der byzantinischen Geschichte und Kultur.

Wie so viele Experten auf ihrem Gebiet, so hat auch Hieronymus Wolf niemals einen Ort aufsuchen können, der mit seinem Forschungsgegenstand nur annähernd in Verbindung gestanden hätte. Aber das war im humanistischen Selbstverständnis der Zeit auch gar nicht nötig: Von Bildungsreisen wie später im siebzehnten, achtzehnten oder gar neunzehnten Jahrhundert konnte der Normalbürger im Cinquecento nördlich der Alpen nur träumen. Bestenfalls kannte man jemanden, der gereist war und von seinen Erlebnissen erzählte. Vielleicht ließen sich interessierende schriftliche Überlieferungen aufspüren, ausleihen und lesen, gar käuflich erwerben und übersetzen. Wolf war ein ausgesprochener Bücherwurm, und seitdem er beim kunstsinnigen Jakob Fugger als Bibliothekar fungierte, standen ihm entsprechende pekuniäre Mittel zur Verfügung, Literatur anzuschaffen.

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Nun waren Studienreisen gen Anatolien damals sowieso äußerst selten. Noch keine hundert Jahre waren verflossen, dass Konstantinopel am 29. Mai 1453 von den Osmanen erobert worden war. Wahn und Wirklichkeit, Aberglaube und Orthodoxie stritten im Abendland seitdem heftig widereinander, wenn es um die kritische Bewertung und geistesgeschichtliche Einordnung dieses epochalen Ereignisses ging. Hieronymus Wolf hatte indes Bekanntschaft geschlossen mit einem Lebemann, der tatsächlich ins türkische Reich gereist und von dort mit geistlichen Schriften orthodoxer Mönche zurückgekehrt war. Fortan beschäftigte sich Wolf mit deren ihm ungewohnten Kirchen-Küchen-Griechisch, das er als Zeugnis einer eigenständigen „byzantinischen“ Kultur ansah und dementsprechend bezeichnete.

Ein Reich? Zwei Kaiser? Drei Kirchen?

Im Wolfschen Kunstwort „Byzanz“ und seinem Adjektiv steckt für jeden historisch informierten Fürsprecher des christlichen Reiches mit seiner Hauptstadt am Bosporus die befremdliche These, es habe ein „oströmisches“ Reich gegeben im Gegensatz zum im Jahre 476 untergegangenen „weströmischen“. Ein kaisertreuer Bürger hätte stets gesagt, dass seit der Umgestaltung des kleinen Hafenortes Byzantium in die prächtige Stadt Nea Roma (Neu-Rom) durch Kaiser Konstantin (bis zum Jahr 330) ebendort die alleinige Hauptstadt des Orbis Romanus zu suchen und zu finden gewesen sei. Noch nicht einmal kann aus dieser Sicht gesagt werden, dafür sei das bisherige Rom am Tiber durch die sogenannte „Konstantinsche Schenkung“ Besitz des dortigen Bischofs geworden (der sich später als „Papst“ und gar „Stellvertreter Christi auf Erden“ verstand) …; denn ALLES war ja im Neuen Rom beheimatet!

Von der Konstantin-Stadt: Constantinopolis = Konstantinopel: regierte der eine Kaiser weiterhin das eine Römische Imperium, wenngleich die Amtsstubensprache im neunten Jahrhundert vom Lateinischen ins Griechische wechselte und die mentalen Unterschiede zwischen dem lateinischsprachigen Westen und dem griechischsprachigen Osten schon immer groß waren … Doch selbst nach dem Schisma des Jahres 1054, als die kirchlichen Gegner ihre jeweiligen Verfluchungserklärungen auf dem Altar der Hagia Sophia niederlegten, galt doch in weltlicher Hinsicht der Anspruch der einzig verbliebenen Cäsaren auch über die Gebiete im durch die Völkerwanderung verlorenen Westen.

Das Bewusstsein der Reichsbürger war also ein ungebrochen römisches, nicht ein zweit- oder oströmisches. Man hielt sich als echter Römer, gräzisiert zu Rhomäer, zur Metropole und ging „in DIE Stadt“, eis teen polin, aus welcher Redewendung dann später der Name Istanbul wurde. Die griechische Umgangssprache bot die Folie für den heutigen türkischen Namen der neuen urbs, jenes Zentrums, das gleich seinem Vorbild in Latium auf sieben Hügeln und beileibe nicht an einem Tag erbaut wurde. Hony soit, qui mal y pense.

Kompliziert wurde alles erst, als sich am Weihnachtstag des Jahres 800 ein fränkischer König in Rom am Tiber durch den dortigen Bischof zum Imperator krönen ließ. Die seither sogenannte „Zweikaiserproblematik“ ist also aufs engste mit der Person Karls des Großen verbunden. Die Karolingische Renaissance, so segensreich sie für den Aufschwung der Bildung in Westeuropa war, wurde im Osten als Konkurrenzunternehmen angesehen. Erstes Mittel zur Neutralisierung: Konstantinopel schenkte Aachen ein Organum, womit die Orgel als Königin der Instrumente Einzug in die abendländische Kirche hielt.

In der Ottonischen Zeit, also um die erste christliche Jahrtausendwende, suchte man den Unterschied zu überspielen, indem Kaiser Otto II. eine Armenierin heiratete: Mit Kaiserin Theophanu kam das Griechentum nach Germanien, und der gemeinsame Sohn, später Kaiser Otto III., sollte die Verbindung ganz leiblich ins Werk setzen. Mit dessen frühem Tod aber fiel diese Idee der Vergessenheit anheim. Konstantinopel, die größte Stadt der Christenheit, befand sich aus der Sicht der fränkisch-ottonisch geprägten abendländischen und von dort ausgehend mittelalterlichen Gesellschaft am Rande der Zivilisation, während diese selbst sich berechtigterweise am Ort der Kirche zur Heiligen Weisheit durchaus im Zentrum sitzend empfand.

Doppeldeutigkeiten, wohin man blickt: Lange vor der Katastrophe des Jahres 1204, als venezianische Kreuzfahrer Konstantinopel eroberten und ausplünderten, kursierte der Begriff „die Franken“ als Schimpfwort, besonders unter den sich für rechtgläubig – orthodox – haltenden Theologen. Denn bereits im sechsten Jahrhundert hatten spanische Denker das Filioque in die gelehrte kirchliche Debatte geworfen, und die fränkischen Reichssynoden des beginnenden neunten Jahrhunderts machten sich diesen Zusatz im Nicaenoconstantinopolitanum zueigen. Dass der Heilige Geist vom Vater und dem Sohn gleichermaßen ausgehe, wurde im Neuen Rom nicht aus (theo)logischen, sondern aus traditionellen Gründen rundweg bestritten – man wollte sich strikt an den Wortlaut des Zweiten Ökumenischen Konzils aus dem Jahre 381 halten …

In diesem Sinne fanden dann Verzückungen am „Nabel der Welt“ statt: Kaiser Justinian konnte nicht an sich halten, als die von ihm erdachte Sophienkirche, prächtigstes und größtes christliches Gotteshaus für die weiteren über neunhundert Jahre, in seinem Beisein Anno Domini  537 eingeweiht wurde –  aber Kemal Mustafa Pascha konnte es im Jahre 1934 auch nicht lassen, pathetisch zu werden: Hier, wo sich einst zwei Konfessionen trennten, würden nunmehr zwei Religionen zusammengeführt; er meinte zum einen die zerstrittenen Kirchen von 1054 und zum anderen die Christen und Muslime seiner Zeit: Heraus kam bekanntlich ein – Museum: Im gedenkverliebten zwanzigsten Jahrhundert offensichtlich die einzige Option, historische Gegensätze friedlich zu überbrücken.

Innerhalb der Christenheit aber hatte sich mittlerweile eine dritte Kirchenfamilie herausgebildet. Zum 450. Geburtstag Martin Luthers wurden 1933 im gerade nationalsozialistisch machtergriffenen Deutschen Reich etliche diesbezügliche Feiern zelebriert, mehr dem neuen „Führer“ zu Ehren denn dem Jubilar… – während auch das Dritte Rom zur gleichen Zeit sich anschickte, den überlieferten sogenannten Byzantinismus in einen knallharten Personenkult umzufunktionieren. So, wie in San Vitale zu Ravenna das römische Kaiserpaar Justinian und Theodora streng in Form kunstvoller Mosaiken auf die versammelte Gottesdienstgemeinde blickt, ohne dass Charlemagne eine Chance gehabt hätte, auch sich selber musivisch in seiner nach ravennatischen Vorbildern errichteten Öcher Pfalzkapelle zu implementieren, – so falschverstanden und übergriffig wollte der entlaufene georgische Theologiestudent Stalin sich an die Stelle von Christus setzen. Diesen pervertierten Messianismus hat sich Hitler ebenso zueigen gemacht – vollkommen ungermanisch und natürlich auch überhaupt nicht griechisch.

Folgende Stichwörter bleiben hier und heute unbearbeitet, aber anregend weiterwirkend, vielleicht sogar für zukünftig zu Schreibendes: Ikonoklasmus; Nizäa und Bursa; Rom – Konstantinopel – Moskau; Griechen und Türken, Slawen und Araber, Europäer und Asiaten; Hannoversch Münden, Ravenna, Byzanz; Jesus-Moschee, Marien-Kirche, Nikolaus-Basilika; „Lebt im Kemalismus das religiös indifferente Volk der unarabisierten Altai-Türken weiter?“; Islamische Blütezeit – eine Adaption rhomäischer Kultur?

Erhofftes subversives Byzanz

Es gibt ein Dokument, das einen direkten Anbandelungsversuch der lutherischen zur orthodoxen Kirche belegt, und zwar das Augsburger Bekenntnis in griechischer Übersetzung. Kein Geringerer als Philipp Melanchthon hat diese Fassung hergestellt. Die deutsche und lateinische Version, die nebeneinander zum Reichstag 1530 vorlagen, genügten bekanntlich keineswegs, dem deutschen König und römischen Kaiser Karl V. nur irgendein wie auch immer geartetes Verständnis zu entlocken. Papistische Confutatio und wiederum allumfassend-kirchlich („katholisch“) gemeinte evangelische Apologie folgten im nicht endenwollenden Glaubenskonflikt in deutschen Landen.

Da spitzte der Gräzist aus Wittenberg seine feine Feder und schickte eine Confessio Augustana graeca an den Patriarchen von Konstantinopel. Er erhielt niemals eine Antwort. Wahrscheinlich war dem christlichen Bischof in Istanbul der gesamte Streitgegenstand theologisch völlig fremd. Und vor allem wird die Kirchenbehörde in der Hauptstadt des nunmehr muslimischen Kaisers wenig Interesse daran gehabt haben, die ohnehin schwierigen Beziehungen zum Sultan noch mit einem innerkirchlichen und nach außen hin vor Ort völlig unverständlich-unvermittelbaren Streit zu belasten.

Melanchthon mag sich ideelle Unterstützung durch jene Kirche erhofft haben, die den Römerbrief des Apostels Paulus in dessen Originalsprache gottesdienstlich zu verlesen imstande war. Rechtes Schriftverständnis aus biblischem Ursprung heraus hätte dann wundervolle Argumente gegen die Papstkirche liefern können. Und, wer weiß? – Hieronymus Wolf wäre womöglich von seinem bisweilen abergläubischen Professor mental hinübergewechselt zu einem geerdeten lutherischen Mann, ganz ohne Angst vor Spinnen und womöglich auch ohne Respekt vor devotem „Byzantinismus“. Doch DAS ist natürlich reine Spekulation.

Foto: Hagia Sophia in Konstantinopel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rückgestaltete Rose

Das wild, aber erfolgreich ausgerufene „Lutherjahr“ ist in Wirklichkeit ein Reformationsjubiläum. Vor fünfhundert Jahren veröffentlichte Professor Martin Luder an der Reformuniversität zu Wittenberg fünfundneunzig Thesen zum Ablasswesen, schön auf Latein, für seine Kommilitonen und sonst niemanden.

Daraus wurde ein gesamteuropäisches Ereignis, Buchdruck mit beweglichen Lettern sei Dank. Guten- und Wittenberg sind da eins. Das Internet der damaligen Zeit sorgte für rasche Verbreitung jener Gedanken, die den Eleutherios bewogen, sich fortan „Luther“ zu nennen: „der Freie“.

Die griechische lingua franca machte seinerzeit humanistische Helden, weswegen nicht nur der Wittenberger Philologieprofessor Philipp Schwarzerdt alias Melanchthon gefeiert wurde, sondern auch dessen Lehrerschüler Bruder Martinus, der die Bibel – ab seinem Aufenthalt auf der Wartburg – aus den hebräischen wie griechischen Urtexten ins Deutsche übertrug.

Damit griff Luther zurück auf den Ursprung der Verkündigung, die lateinisch-mittelalterlichen Zwischenzustände überwindend. Er tat dies vor allem in musikalischer Arbeitsweise, in Wort und Ton gleichermaßen. Alle Kompositionskunst seitdem muss sich messen lassen an den Impulsen des Wittenberger Reformators – sofern es um gesprochene oder gesungene „Klangrede“ geht.

Nächst der Theologie sei Musik die schönste Gottesgabe, ließ er sich oft vernehmen. Luther hat sich daher wie selbstverständlich auch als Liederdichter und Melodienschöpfer betätigt (Ein feste Burg. Vom Himmel hoch & cetera). Zur bildenden Kunst hatte er ein weniger hochgestimmtes Verhältnis, doch war er der Meinung, man solle den Menschen, die sich an der Kunst fürs Auge erbauen, diese nicht wegnehmen. Dem Wittenberger Bildersturm, den sein Professorenkollege Andreas Karlstadt entfachte, setzte er mit seinen Invocavitpredigten ein ebenso abruptes wie heilsames Ende.

Reformatio bedeutet eigentlich: Rückgestaltung. Die ursprüngliche Botschaft des christlichen Glaubens wird wieder hervorgeholt und so das humanistische „Ad fontes“ kirchlich angewandt. Die forma ist hierbei keinesfalls eine „Form“ ohne Inhalt, sondern beides zugleich: äußere und innere Gestalt, nämlich das Evangelium von Jesus Christus. Alle Künste, die diese „gute Nachricht“ bezeugen, haben ihre Daseinsberechtigung. So verstanden ist die lutherische Reformation ungleich „liberaler“ als die in Zürich (systematische Zerstörung von Bildwerken und Orgeln) oder in Genf (Verbot jeglicher Sinnenfreuden nebst unerbittlicher polizeilicher Durchsetzung).

Um „Strukturen“ hat sich Luther nie ernsthaft gekümmert. Dass er zum Beispiel die Fürsten mit episkopalen Aufgaben betraute, hatte schlicht und einfach den Grund, dass die meisten damaligen Bischöfe altgläubig, also papsttreu bleiben wollten. Das „landesherrliche Kirchenregiment“ war kein „systemimmanentes“ Muss, sondern wurde aus der Not geboren: ein pragmatisches, allerdings langlebiges Provisorium (in Deutschland bekanntlich bis 1918). Von straffer Kirchendurchorganisation kann man also nicht sprechen. Halbheiten dieser Art begegnen in lutherischen Gefilden bis heute hin auf Schritt und Tritt; umso klarer leuchtet das reine Evangelium jenseits von „Profil“- oder „Marketing“-Fragen.

Sinnenfällig ist die Lutherrose, ein vom Wittenberger Reformator selbst entwickeltes Wappen. Das schwarze Kreuz auf rotem Herzen bezeugt den Ernst, die Tiefe und die Würde des Todes Jesu: aufgrund der Liebe Gottes wird es zum Anknüpfungspunkt der erlösungsbedürftigen Seele. Weiße Blätter auf blauem Grund verweisen auf die Boten des Himmels: Die hellen freundlichen Engel zeigen den Weg ins Gottesreich. Da blüht der vergängliche Mensch auf. Alles wird vom goldenen Ring gerahmt, kostbar sowie ohne Anfang und Ende. Die Ewigkeit prägt die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstandenen: als Geschenk, umsonst gegeben, aus Gnade und Barmherzigkeit.

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Mit solch einer edlen Rose kommt alles Wilde, Rohe, Ungeschlachte ans Ende. Ein durchdachtes Kunstwerk steht vor den Augen der Welt, die so gern ihrem eigenen Lärm entfliehen möchte und es doch nicht vermag, solange sie steht, sich dreht, verweht … Ob im Weinberg des Herrn oder eben im Rosenhügel des Heilands: Das Ursprüngliche trifft auf das Verfeinerte, die Kraft auf die Kunst, die Allmacht Gottes auf den Leidensweg seiner Menschwerdung.

Ohne Zweck und Nutzanwendung aber blüht solch Botschaft, ganz frei und unabhängig, vielleicht sogar unauffällig. Die leisen Töne und kleinen Schritte und zarten Frühlingsboten hier wie dort bringen uns, ehe wir es merken geschweige denn kontrolliert analysiert haben, die wahre selige Fülle des Lebens – einfach so.

Foto: Lutherrose, von Kindergartenkindern gestaltet.
Die Erklärung der Rose erfolgt in Anlehnung an Luthers eigene Beschreibung aus dem Jahr 1530.

Meine Deutschstunde

Völlig losgelöst von allem Kleingedruckten versuche ich, den Geist meiner Muttersprache in Ehren zu halten. Von Rechtschreibreformen will ich ebensowenig etwas wissen wie von einer soundsovielten „Revision“ der Lutherbibel – das wird sich langsam unter denen, die mich auch nur ansatzweise kennen, herumgesprochen haben. Solche Aversionen hege ich seltsamerweise bereits von Kindesbeinen an. Gäbe es einen geborenen Rentner, dann mich. Fragt sich nur, woher diese Perhorreszierung jeglicher Neuerungen rührt.

Nehmen wir nur in den siebziger Jahren die Einführung von „Familiengottesdiensten“: Ich fand sie von Anfang an rein formaliter ziemlich missraten – obwohl ich damals in einem Alter war, dem unterstellt wurde, es wäre für die Kirche nur zu halten, wenn man ihm solche „zeitgemäßen“ Formate anböte. Aber mir kam es so vor, als würde in dieser Art von Modernisierung – etwa bei Gruppenarbeiten, aus denen dann mit Stichworten beschriftete bunte Zettel als „Ergebnis“ herauskamen – einer verhängnisvollen Versimpelung Vorschub geleistet. Verflachte nicht in deren Folge die Sprache? Verkümmerte nicht die Fähigkeit, komplexere Gedanken angemessen auszudrücken, geschweige denn diese sich aus berufenerem Munde schlicht und einfach sagen zu lassen? Vor allem: Blieb da nicht der Sinn für das über die Wörter hinausgehende Unaussprechliche auf der Strecke? Wurde nicht im Wahn, alles auf Anhieb verstehen zu wollen und zu sollen – gar nach sogenannter „Murmelphase“ ergebnisgesichert zu Papier bringen zu können – die Dimension des Glaubens selbst weggenommen? Setzte nicht solch pädagogisierendes Ansinnen einen geistlichen Abwärtsstrudel, ja im wahrsten Sinne des Wortes einen – : Teufelskreis in Gang?

Ich fiel also schon als Zehnjähriger vollkommen aus der Zeit. „Engagierte“ „Aktionen“ „zum Mitmachen“ ausgerechnet in Sphären des Heiligen waren mir suspekt. Übertrieben autoritätsgläubig? Aber wie konnte das eigentlich sein inmitten einer damals immer freizügigeren Umgebung, geprägt von „Emma“-Emanzipierung und regierungsamtlichen Reformen in solch rascher Folge, dass einem, bei Lichte betrachtet, gar kein Atemzug blieb, deren Sinnhaftigkeit in der Tiefe zu befragen? Die frühen bis mittleren Siebziger in ihrem Gesamtduktus und in ihrer konsequenten Durchsetzung von einmal für als „richtig“ befundenen Dingen ließen doch bei ihren Kindern kaum etwas anderes zu als eindeutige Zustimmung! Was konnten denn die Heranwachsenden anderes kennen und wollen als genau diese augenblickliche  fortschrittliche achtundsechzigerische sozialliberale sorglose vollbeschäftigte erfolgsverwöhnte bundesdeutsche Wohlstandswelt?

Wie komfortabel fand ich es da, über einen inneren Schatz abseits des rein Zeitverhafteten zu verfügen, mit ihm zu erwägen und im Herzen zu bewegen – und keine einseitigen Beurteilungen über die Lippen gehen zu lassen. Ich konnte meine Zunge im Zaum halten, ohne jedoch deswegen aufzuhören, Fragen zu stellen. Diese doppelte Fähigkeit führe ich darauf zurück, dass in mir von Anfang an Sinn für Sprache und also auch fürs Schweigen geweckt wurde – zunächst im Elternhaus, dann in der Schule, später auch im sogenannten „Leben“. Zeitweilig erwog ich gar, später, wenn ich groß und bedeutend sein würde, mich dafür einzusetzen, dass das gute alte 48er-Lied „Die Gedanken sind frei, / wer kann sie erraten?“ ins kirchliche Gesangbuch aufgenommen werde. Allseits bekannte urchristliche Arkandisziplin wäre doch so ganz besonders erfrischend anders verstanden dargestellt, bestechend gut ausgedrückt und zudem – formal gegen ihre eigene Intention und inhaltlich zugleich doch mit ihr – für einmal kräftig verlautbart, oder?

„Ich weiß etwas, was du nicht weißt“ – Rumpelstilzchen lässt krachend grüßen, selbstsicher über dem verderblichen Schlund, der sich allzubald auftut. „Ein Teil meiner Antwort würde die Bevölkerung nur verunsichern“, sprach neulich diesbezüglich sogar der Bundesinnenminister. Und ein Satiriker aus dem Mainzelmännchenfernsehen hat nun darunter zu leiden, dass er Schmähungen zum Ausdruck brachte, die man besser ungesagt lässt – wiewohl mit entsprechend freundlicher eigens ausformulierter Einleitung, dass man eben genau dieses tatsächlich nicht tun dürfe: damit auch der letzte Dummkopf merken hätte können sollen, dass es sich um einen erfunden-zitierten, also nur simulierten Rechtsbruch handele. Aber so dialektisch-austariert denken Realpolitiker*innen eben dann doch nicht mit. Weder in Germanien noch in Anatolien.

Übrigens bin ich trotz solcher verschlungenen Gedankengänge bisher niemals sonderlich als ein Bücherwurm aufgefallen. Und die Frage selbst von vertrauten Mitmenschen, woher ich eigentlich all das wisse, was ich so weiß, stürzt mich regelmäßig in eine enervierende Ratlosigkeit. Gewiss, die Begeisterung für Gedrucktes war mir schon im vierten Lebensjahr alles andere als fremd – nur entzündete sie sich zunächst an den Leuchtreklamen westdeutscher Fußgängerzonen und am Kursbuch der Deutschen Bundesbahn. Lichter der Großstadt ganz ohne blinde Blumenfrau oder betrunkenen Millionär: dafür aber mit blinkenden Textbanderolen an Hochhäusern sowie Tabellen für An- und Abfahrtszeiten nebst kleinen Symbolen für Eisenbahnwaggons und Triebwagen … das wurde mir zum Urgrund meiner geistigen Interessen!

Ein zweites trat hinzu: Erinnerter Stimmenklang vom Vorlesen, Nacherzählen und Gespräch. Grimms Märchen sprach ich in großen Teilen auswendig daher, blätterte manchmal sogar im passenden Moment die Seite im Buch um – so dass ich, der Vierjährige, meine liebe Mitwelt glauben machte, ich könne fehlerlos lesen (und womöglich auch schon schreiben). Dabei hatte ich die mir zugetanen Erwachsenen lediglich recht aufmerksam dabei beobachtet, an welchen Stellen des Vortrags das Blatt zu wenden sei … Also: Optisch-akustische Fähigkeiten einigermaßen fein entwickelt, aber doch, wie ich fand, nachvollziehbar – und in diesem Sinne selbstverständlich, irgendwie „normal“. Nichts mehr, nichts weniger.

Solch Camouflage bereitete mir von früh auf viel Freude. Nicht von ungefähr wurden die breit angelegte Josephserzählung und die Emmausgeschichte meine liebsten biblischen Weggefährten. Wie der ägyptische Vizekönig seine eigenen Brüder beim Wiedersehen nach Jahrzehnten erst einmal im Unklaren lässt und dadurch alle Herzen erweicht – und wie der Auferstandene zunächst horcht, was man so über sein irdisches Leben sagt, um dann die beiden trauernden Jünger behutsam zu neuer froher Erkenntnis zu führen … Kalkuliertes freundliches Stillhalten zum Behufe größerer Weisheit – ich fand und finde das bis heute bewundernswert. Es lässt sich allerdings im Lärm der heutigen Zeiten kaum je durchhalten. Und meine eigene Redelust durchkreuzte oftmals das im eigenen Innern so glücklich gefundene Ideal. Wie gut, dass es die entwaffnende rhetorische Frage gab und gibt: „Bin ich Jesus?“

Jedenfalls ist solch selbsttätiger Umgang mit eigener Sprache kaum vermittelbar in einer Zeit, die völlig einseitig nach „Kommunikation“ und „Transparenz“ giert. Ich habe bestimmt nichts gegen Gesprächsbereitschaft und Offenheit – aber ich durchschaue und höre durchaus, wie solche Begriffe in ihr glattes Gegenteil verkehrt werden können: Ist jemand, der eines höheren künftigen, aber noch ganz ungewissen Zieles wegen – etwa wenn es um die Finanzierung eines Projektes geht – nicht gleich alles sagt, „unkommunikativ“? Macht eine, die zum Beispiel in Personalfragen – um niemandes Namen zu „verbrennen“ – solange schweigt, bis Entscheidungen gefallen sind, sich eines „intransparenten“ Verhaltens verdächtig?

Da gab es über Jahre hindurch einen ungenannten, ja völlig unbekannten wohltätigen Menschen, der seiner Heimatstadt regelmäßig eine halbe Million Euro überwies. Im Namen von „Kommunikation“ und „Transparenz“ hätte man alles daransetzen müssen, ihn ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Auch wäre es geraten gewesen, aufgrund dieses wiederholten Vorfalls gar ein Gesetz zu erlassen, um solch dunkles undurchschaubares, also unkommunikatives und intransparentes Gebaren zu unterbinden. Aber war es nicht vielmehr zum Segen für die beschenkte Kommune, dass ihre Vertreter nicht weiter nachbohrten? Selbst auf die Gefahr hin, dass ja immerhin dahinter ein Briefkasten aus Panama gesteckt haben könnte? Man muss eben nicht immer alles lückenlos aufklären wollen.

Es ist das Heinzelmännchen-Syndrom, das derzeit alles wie von Sinnen und besessen erfassen will. Wenn einmal etwas wie von selbst super läuft, dann muss es gleich gemäß politischer Korrektheit irgendwie dingfest gemacht werden, also „nachvollziehbar“ – um nicht zu sagen „überprüfbar“, „gelistet“, „analysiert“: – eben in ihrem Eigenverständnis „kommunikativ“ und „transparent“. Freude über selbstlos geleistete Dienste im Verborgenen weicht dann Erwägungen darüber, ob denn auch alles mit rechtlich-rechten Dingen zugegangen sei. Letztlich scheinen dann Probleme wie Tarifgruppeneinordnung, Kontrolle über die Einhaltung von Pausen während der Arbeitszeit oder Beachtung einer Frauenquote wichtiger zu sein als die schlichte Dankbarkeit über diese nächtlichen Wichte. Und am Ende wird womöglich gegen den Nikolaus ermittelt, weil er dringend im Verdacht steht, unerlaubte Hilfen unter Umgehung des Fiskus gewährt zu haben.

Rumpelstilzchen – Mainzelmännchen – Heinzelmännchen … Zwischen kleinlichen Kreaturen und niedlichen Diminutivgestalten schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte. Sie schillern alle drei …  Von Wut bis Ergebung ist hier alles vertreten. Da tanzt der böse Rotschopf irre um sein einsames nächtliches Feuer, hohnlachend und selbstsicher. Da grunzen und plärren liebe kindliche Zweitprogrammgestalten jeweils ganz persönlich den Zuschauern entgegen, feixend und täppisch. Da tun dienstbare Geister in bequem gewordenen Häusern ihre Arbeit, leise und unsichtbar. Doch „Mühe allein lohnt nicht“, wie einst eine Waschmittelwerbung so treffend festzustellen wusste. Die Prinzessin hat lauschen lassen; die Kunden lachen erst, wenn einem zeichentrickigen Gnom ein Malheur geschieht; die kölsche Magd durch ihre Neugier vertreibt, also: verdirbt alle bürgerliche Freude am süßen Nichtstun.

„Lass mich man machen“ – solch ein Satz kann ebenso hilfsbereit wie bevormundend gesagt und gemeint sein. In heutiger Zeit ist nichts mehr sicher codiert. Ob diese Wörter auf einem schwarzen, roten, dunkelroten, grünen, gelben, blauen oder braunen Zettel notiert sind, ist im derzeitigen Deutschland ein riesiger Unterschied. Unsere Nachbarn, die herzigen Ösis, haben sich in ihrer Bundespräsidentenwahl gerade gegenseitig grün und blau geschlagen. Wir hingegen hier im Piefke-Land können uns womöglich glücklich schätzen, dass wir eine vornehme, nur zum Zwecke der Ermittelung eines Staatsoberhauptes zusammentretende Bundesversammlung für diesen normalerweise alle fünf Jahre sich vollziehenden Akt haben. Sollte auch noch diese Prozedur popularisiert werden – also: entfallen zugunsten einer Direktwahl – , würde das, wie im ach so felix Austria der letzten Tage, zu medialen und plebejischen Schlammschlachten sondergleichen führen.

Mehr Demokratie-Wogen? Dafür haben wir neuerdings doch zur Genüge  die sogenannten „sozialen Medien“, wo jede und jeder ihren/seinen orthographisch wie syntaktisch wie semantisch eigensinnigen bis sinnfreien Senf dazugeben kann. Lieber dann doch, statt großer Welle, ein bedächtiges und distinguiertes, gerne richtig abgehobenes elitäres rechtschaffen bedächtiges ratsam-weises „Erst wäg’s, dann wag’s“ …

Sonst wäre eine repressive Hemdsärmeligkeit en vogue, analog dem einst von Theodor Wiesengrund Adorno gefürchteten Blockwartsprech: „So wird das hier gemacht“ – oder wie es später Joachim Witt im Fahrwasser der Neuen Deutschen Welle ausdrückte: „Ich bin hier der Herbergsvater“; oder aber noch griffiger, aus Grand-Massage, unübertroffen triomäßig: „Da, da, da“. Frankfurt am Main, Hamburg und Großenkneten: Drei Orte, hier einmal verbunden in der Abwehr von philiströsen Autoritäten – und jenen Massen abhold, die den selbstverliebten Lübecker Senatorensohn Thomas Mann bereits vor der Mitte des letzten Jahrhunderts seufzend notieren ließen, es würden allzuviele Leute Bücher schreiben. Ganz zu schweigen von einem Martin Heidegger, der die plebs zum „Man“ bündelte und damit einen der ganz großen unverstandenen Bucherfolge („Sein und Zeit“) landete, damals, im Zeitalter von Fritz Langs „Metropolis“, aber auch Hans Pfitzners Kantate „Von deutscher Seele“ oder Dimitri Schostakowitschs erster Sinfonie (mit Klavier!).

Heidegger, so unmusikalisch wie fußballbegeistert, dessen Lesepensum den ganzen Kirchenvater Augustinus und ebenso den kompletten Luther einbegriff, ist als „gut“ wohl noch zu entdecken. Allzu groß war ja seine Nähe zum „Dritten Reich“, nicht nur zu verstehen aus gewissen Eitelkeiten heraus, sondern auch von der Überzeugung genährt, in dieser „Bewegung“ könnten die Widersprüche von Natur und Technik in moderner Art und Weise bearbeitet und überwunden werden. Gern trat er in Ski-Ausrüstung vor seine Studenten; Vorlesungen und Bücher entwarf er in einer Hütte hoch oben im tiefen Schwarzwald. Großstädte nahm er nur als seinsvergessene monopolisierte Massenzerstreuungen wahr, worin der Einzelne nichts mehr zu melden habe. Der einzig dagegen mögliche Protest: die Seele, die sich ihres Daseins vergewissert und über Feld, Wald und Wiesen philosophiert. Nur: So deutlich hat er das kaum jemals gesagt – aber so wurde er verstanden, im – linken – französischen Existenzialismus, im fernen Japan, bei den bundesdeutschen grünen Ökopaxen … „Nur noch ein Gott kann uns retten“, sagte er im Gespräch mit Rudolf Augstein 1966 und verfügte zugleich, dass dieses Interview erst nach seinem Tode veröffentlicht werden dürfe. Also erschien es zehn Jahre später, als er dann tatsächlich gestorben war und niemand mehr Genaueres bei ihm persönlich nachfragen konnte. Warum diese Verheimlichungen?

Geschwiegen haben viele. Wer seit 1968 bei uns von „Deutschstunde“ spricht, tut dies immer auch auf der Folie des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz. Ein standhafter Kunstmaler in den nebeligen Weiten Nordfrieslands wird da in schöner Sprache zu einem Vorbild hochstilisiert. Wir wissen heute, dass die Gedankenwelt eines Emil Nolde denn doch ein wenig anders aussah. Erdverbundener, schollengebundener, zeitverhafteter als nachkriegsheroisierend gedacht. Aber was bedeutet das in Hinsicht auf seine Bilder? Müssen die „Ungemalten“ jetzt umgemalt werden?

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Ist ein mit Betätigungsverbot belegter Künstler, der dennoch jeden sich im herrschenden „System“ bietenden Auftrag wahrzunehmen bereit ist, um in der mörderischen Diktatur zu überleben, ein Unmensch? Wer sind wir Nachgeborenen, in der Tat ja letztlich doch begünstigt im Sinne der so oft verrissenen Kohlschen Formulierung einer „Gnade der späten Geburt“, dass wir uns zu Richtern aufschwingen? Obwohl mit dem hehren Anspruch in Zirkeln wie der „Gruppe 47“ gestartet, alles so auf den Tisch zu bringen, wie es wirklich war, ist die unfehlbare bundesdeutsche Nachkriegsliteraturdreifaltigkeit Grassbölllenz mitsamt ihren rechtschaffenen Trabanten und eifrigen Epigonen eben auch nicht ohne Klitterungen ausgekommen.

Die bunten Zettel aus der emanzipierten Episode haben längst ausgedient. Man kann die Dinge schwerlich auf den Punkt bringen, wenn das Universum der Sprache kontinuierlich gewollt schrumpft. Selbst Fragmente sind nur dann sinnvoll, wenn sie aus dem Ganzen aller denkbaren Möglichkeiten schöpfen. Ja, bruchstückhaft ist alles, was überhaupt noch wagt, ausgedrückt zu werden. In der Lektüre der Buchstaben, Wörter, Sätze und Abschnitte immer auch das Verborgene, Verschwiegene, Versagte herauszulesen und mitzuhören – wäre das nicht eigentlich die Kunst? Bilder leuchten hervor, Töne klingen auf, phantasievolle Verknüpfungen stellen sich ein … Gewiss ist das alles längst unter das grausame Verdikt getan: „Nicht mehr zeitgemäß“. Aber dieses harte Urteil ist ebenso falsch wie der Satz, der es nur morgensternig tut „um des Reimes willen“, der da so bösartig indulgent – und noch nicht einmal im Konjunktiv – lautet: „Träume sind Schäume“. Ein Schelm, wer Gutes dabei denkt.

Jede Zeit modelliert sich ihre eigenen Held*inn*en. Welche Rechtschreibung wird eigentlich in den heutigen Deutschkursen für Flüchtlinge gelehrt? Und gibt es in der demnächst unter die Leute gebrachten Veränderung der Lutherbibel doch noch Stellen, wo die „Brüder“ ohne die jetzt – völlig befreit von urtextlichen Anhaltspunkten – hinzugesetzten „Schwestern“ erscheinen dürfen? Und sei es nur um des dichterischen Klanges willen? Wie entfuhr es Max Reger, als er die neuesten Stücke von Arnold Schönberg durchsah? „Es ist zum Konservativ-Werden!“ Ich überlege ernsthaft, demnächst die letzte an der Sprachmelodie Luthers sich orientierende Version der Heiligen Schrift hervorzuholen, schon allein aus sich verschärfenden Gründen einer treuen Beachtung des Bachkantatenkompatibilitätsgrundsatzes: die Fassung aus dem Jahre 1912 … Aber das auszuwalzen im Für und Wider – es wäre ein neues Thema, ein briestig weites Feld.

Abbildung:  Reproduktion eines Nolde-Aquarells.