Platte(n-)Tektonik

Bevor aus den lärmenden Fankurven von Künstlertochter Greta („schlimmste Krise der Menschheit“) und Pfarrerssohn Rezo („Zerstörung der CDU“) der gemeinsame apokalyptische Abgesang mit Unterstützung von deren höchst eigentümlichen Panikorchestern (ohne sich auf Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ berufen zu können) in unfreiwillig urdeutschester Manier („Waldsterben“, „saurer Regen“, „Ozonloch“) erschallt, möchte ich hier zu guter Letzt („das Ende ist Nahles“) in aller Plattheit ganz andere Zusammenhänge kurz („Sebastian“) noch zum Besten geben.

Man soll ja ruiniert rüberkommen. Die Plaza von Laodizäa mit ihren Säulenstümpfen auf dem Hochplateau der piazza strahlt im morgendlichen Nebel genau jene zielgerichtete Morbidität aus, die Lust auf weitere Katastrophen macht:

laodizäa

Solch griechische Tragödie setzt sich von Kleinasien und Attika dann durch die Jahrtausende unausgesetzt fort bis ins heutige Zeitalter der Containerterminals an den Piers von Plattdeutschland. Die bös amerikanisierte Waterkant von Bremerhaven ist da eines der abschreckendsten Beispiele. Höchste Zeit also, dass Kreti und Plethi abgelöst werden durch Greti und Rezi. Wirtschaft war gestern; jetzt kommen Gretifikation und Rezolution endlich zu ihrem Kinderrecht. Da muss jeder Kranwahn endgültig, blitzschnell und eiskalt zermalmt werden.

bremerhaven

Antike von rechts, Industriezeitalter von rechts … äh nein, von links – in unterschiedlichen Spurgrößen zwar [ab jetzt: Ironie off], aber perspektivisch durchaus kombinierbar mit den piatti beim Letzten Abendmahl des Leonardo da Vinci. Indem ich hier eine Reproduktion aus einem oldenburgischen Gesangbuch des neunzehnten Jahrhunderts einrücke, bekenne ich mich ausdrücklich zu jenem großartigen, aber in unverschuldet heftigen Misskredit geratenen Kulturprotestantismus, dem kein Zacken aus der Krone brach, wenn er (Achtung, hier werden nun lauter römisch-katholisch sozialisierte Autoren bzw. deren Werke aufgezählt:) Haydns Schöpfung, Mozarts Requiem oder Beethovens Missa solemnis ebenso zur Aufführung brachte wie die Kuppel der vatikanischen Peterskirche, die Geburt der Venus von Botticelli oder eben besagtes Fresko aus dem Refektorium eines Mailänder Klostergebäudes zu Vorbildern eigenen künstlerischen Schaffens machte.

leonardo abendmahl

Liebe Leserinnen und Leser, die Frage an Sie und Euch lautet nun: Können Verbindungen unter den drei Abbildungen in diesem Text hergestellt werden? Denken wir uns die Welt noch als festgebackene Pizza oder doch schon als bewegliche Kugel? — Da Mitmachaktionen erfahrungsgemäß aber immer noch, trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts, schleppend bis gar nicht anlaufen, teile ich im folgenden schon mal einige Lösungsansätze mit. Wer präferiert was?

Erstens:

IMG_20190525_221003

Zweitens:

IMG_20190525_220830

Drittens:

IMG_20190525_221047

Für weitere Anregungen wäre ich dankbar. Unser 500-Jahres-Gedenkmann war schließlich nicht irgendwer; die Technik hat ihn ebenso begeistert wie die Antike. Beides kulminiert bei ihm in einer kühnen Interpretation christlicher Überlieferung. Etliche Linien führen direkt dorthin und perspektivisch weit darüber hinaus. Der Renaissancemensch lebt im übrigen bei uns weiter (denn die Geschichte schritt ja fort) in seinem optimistischen Humanismus, in den Spuren von Athen, Rom und Jerusalem.

Fazit: Bevor wir in der Mitte Europas uns zopfig gretagrünschnablig und haarig rezoblauäugig von derselben mit furchtbar deutscher Gründlichkeit gewaltsam lossagen wollten, wäre es vielleicht angebracht, doch noch einmal innezuhalten. Das entspräche nicht nur den besten romantischen Gedanken, die unsere Kultur ja auch hervorgebracht hat; es wäre zudem allem Denken, Reden und Tun angemessen, welches ein menschengemachtes Beben in unserer kulturellen Plattentektonik wenn nicht absolut verhindern so doch mit freundlich langem Atem abmildern bis entschärfen könnte.

Joseph Haydn unvergessen

Einer genuin christlichen Geisteseshaltung haben die ganz großen Gelehrten und Künstler der europäischen Kultur Ausdruck verliehen. Einer von ihnen starb hochgeehrt und geachtet heute genau vor zweihundertzehn Jahren in Wien, am 31. Mai 1809: Joseph Haydn. Er gilt als Begründer jener Musiktradition, die wir die „Wiener Klassik“ nennen. In Sonaten, Streichquartetten und Symphonien, in Opern, Oratorien und Messen hat er, 1732 im niederösterreichischen Rohrau geboren, wahrhaft geistreiche Musik geschaffen.

Zu seinen persönlichen Freunden zählten Mozart und Beethoven. Seinen Stil fand er unter anderem im Studium der Werke Georg Friedrich Händels und der Söhne Johann Sebastian Bachs. In seinen über tausend Werken vereinigt er einfache Liedformen mit hochkomplizierten Stimmgeflechten: darin fängt er alle Befindlichkeiten des menschlichen Gemüts ein, von tiefer Trauer bis zu heiterer lichter Gelassenheit, von klagendem Schmerz bis zum überschwenglichen Jubel. Zumindest eine Melodie ist uns allen vertraut: Aus einem seiner Streichquartette stammt die Weise zu unserer Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

chor

Man wird nicht sagen können, dass sich in Haydns Schaffen der Heilige Geist direkt äußert – dazu ist selbst Musik doch letztlich zu sehr irdenes Stückwerk, auch in einem so großartigen Oratorium wie der „Schöpfung“, das die biblische Schöpfungsgeschichte vertont. Aber diese Musik enthält Momente, die vom Zeitgeist heilsam wegführen und dem bösen Ungeist ganz klar wehren, weil Trost darin ist, Kraft, Mut, Ausdauer, Zuversicht und grenzenlose Hoffnung.

Rechte Lehre und befreiende Erinnerung – daraus entsteht ein neuer gewisser Geist, eine gute Ordnung, die nach vorn hin offen ist. Ganz optimistisch setzt Haydn am Anfang seiner „Schöpfung“ folgende Worte in erst dunkle, dann helle leichte Musik: „Nun schwanden vor dem heiligen Strahle / des schwarzen Dunkels gräuliche Schatten; / der erste Tag entstand. / Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor. / Erstarrt entflieht der Höllengeister Schaar, / in des Abgrunds Tiefen hinab zur ewigen Nacht. / Verzweiflung, Wuth und Schrecken / begleiten ihren Sturz. / Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort.“

HerbstBuntFall

Sterbensbunt ist alles, was vor dem Fall die Farbe gewechselt hat, nun noch einmal aufleuchtet und dann den Weg des Irdischen geht. Dass mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss (Psalm 39). Und die seufzende Kreatur harrend hofft (Römer 8).

berensch 2016

Herbst ist hohe Zeit für blühende Vergänglichkeit. Vom Vorabend des Allerheiligenfestes: Halloween=All Hallows Evening: Evangeliumslesung sind die Seligpreisungen der Bergpredigt=Grundtext für den Reformationstag: Allein aus Glauben: Glücklich ohne WerkSelbstGerechtigkeit — über Allerseelen, Volkstrauertag, Buß-und Bettag bis zum Ewigkeitssonntag: Totenfest: Gedenktag der Entschlafenen: Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Dies irae: Tag des Zorns: Jüngstes Gericht: Schafe zur Rechten versus Böcke zur Linken: Rex tremendae majestatis: König furchterregender MachtPrachtHerrlichkeit, aufgehoben nicht anders denn durch die Fürbitten Jesu …

Daraus hat sich unsere neuzeitliche Mentalität gebildet: Der Gekreuzigte und Auferstandene wird es schon richten. Kreatives europäisches Urvertrauen besagt: Ich komme nicht in die Hölle. Was ich auf Erden wirke, ist niemals vollkommen, aber auch nicht abgrundtief verwerflich. Menschliches Denken, Sprechen und Handeln kennt seine Grenzen, innerhalb derer es zwar vorläufiger Ordnungen bedarf, aber keineswegs jener Zwänge, die von weltverbesserlichem=falschem Pathos durchsetzt und von politisch korrektem Wahn beschlagnahmt sind.

Wer sich die jahreszeitlich bestimmte Palette dieser Tage anschaut, wird Abstand nehmen von einer Ideologisierung derselben. Was noch natürlich farbig leuchtet, wird früher oder später einheitlich humusbraun, organisch indifferent. Wer für eine „bunte“ Gesellschaft auf die Straße sich locken lässt und lautstark gegen vorgeblich andersfarbige Meinungsträger demonstriert, hat das Spektrum in Wirklichkeit schon wesentlich eingeengt. Ob dies dann der Lebenserfahrung entspricht, sei außerdem sofort hinterhergefragt.

kloster loccum 2018

Jedenfalls dominiert die Erdenfarbe, soweit das Auge reicht. In Wald und Flur, in Stadt und Land, im Garten und am Wegesrand ist angesichts der Vergänglichkeit weder Klage noch Wut angezeigt, sondern vielleicht so etwas wie ein überraschender Genuss von friedlicher Stimmung. Der Tod kommt als süßer Freund, die weltgerichtlichen öffentlichen Umstände können da auch als störend empfunden werden. Was für die Vertonungen der katholischen Totenmesse durch Mozart, Cherubini und Verdi noch selbstverständlich erschien, nämlich ein knallender Beginn der Sequenz, wurde dem zwanzigsten Jahrhundert derart fremd, dass die römische Kirche in den 1920er Jahren die Gerichtsszenen aus dem Requiem ersatzlos strich. In der dementsprechenden Komposition eines Maurice Duruflé ist zu studieren, wie es total irenisch zugehen kann. Das lässt auch das folgende Bild in diesen Zusammenhang setzen:

herbst

Wie gut, dass hier noch kein LaubPusterSauger zugange war: Und ist es nicht wunderbar, dass herkömmliche Fotografien keine Geräusche mittransportieren? Der größte Feind meines persönlichen Herbstblues sind jene lauten Geräte, deren Nutzen auch mal „hinter“fragt werden sollte. Ich wette, es gibt eigentlich keinen.

bunt im herbst

Umso glücklicher sind die Gärten zu schätzen. Sie halten uns auf Trab, weil sie gehegt und gepflegt werden wollen, ohne dass wir uns echauffieren ob der jahreszeitlichen Gegebenheiten. Dahlien müssen raus vor dem ersten Frost, ob man das nun gut findet oder nicht. Hier geht es mal ausnahmsweise nicht um Befindlichkeiten. Eher stehen Traditionen zur Disposition. Je bunter eine Gesellschaft, desto mehr Eigenwilligkeiten müssen beachtet werden: Warum soll ausgerechnet Jesus die Seelen auslösen? Wer sagt denn, dass es das Christentum war, das uns nachhaltig geprägt hat? Muss man nicht auch alle zu uns einladen, die von Blumenzwiebeln und Kompostierung zwar keine Ahnung haben, aber eben doch auch Menschen sind mit eigener Kultur? Dass Völkerwanderungen super seien, will uns ein diesbezüglicher „Pakt“ der Vereinten Nationen einflüstern. Dem deutschen Wald kann das hoffentlich egal sein.

loccum 2018

Dort gelten noch ganz andere Gewohnheiten. Der Baumstumpf erinnert an hochstehende Friedhofskultur: Die abgebrochene Säule – sie steht für einen kurzen Lebenslauf, abberufen plötzlich und unerwartet. Aber nun im Himmel. Den wiederum stelle ich mir vor als einen Ort von Parkbänken. Oder als Sitzgelegenheiten am Strand. Dort lasse ich mich nieder und gucke in die weite Wolkenlandschaft, blicke auch nach unten auf die Erde, sehe das bunte vergängliche Treiben dort und kommentiere es durchaus freundlich, von heilsam höherer Warte aus. Die Welt ist insgesamt ein einziger Herbst, sympathisch vergänglich, bunt ohne jede regierungspädagogische Gängelung. Dort, auf solch einer Sitzbank, spielt sich mein ewiges Leben ab – sofern ich dorthin komme und diesen Wunsch glücklich äußern darf.

herbst 2015 in berensch

Ohne Vorbehalte: Sterbensbunt und lebensfarbig. Vergänglich und kräftig. Zielstrebig und hoffnungsvoll.

Fotos: In (1) Berensch bei Cuxhaven, (2) Loccum beim Kloster, (3) Oldenburg in Oldenburg, (4) Oldenburg in Oldenburg, (5) Loccum beim Kloster, (6) Berensch bei Cuxhaven.

Quasi una fantasia tedesca

Wie eine deutsche Phantasie (mit dickem ph) – oder eher als feinsinnige Fantasie (mit schlankem f)? Gravitas oder Grazie? Hirngespinst oder Klangereignis? Schwere oder Schwebe? Irden-himmlischer Elfenbeinturm oder himmlisch-irdene Ausdrucksmacht? Ziellose Schwelgerei oder willensstarke Musik?

Irgendwie sind die Attribute austauschbar: Der griechischen Schreibweise ließen sich ebenso zarte wie ungezügelte Eigenschaften gleichermaßen zuordnen wie der lateinisch-italienischen. Das Reich der Ph/F/antasie ist unerschöpflich, widersprüchlich, reichhaltig – aber bisweilen auch sehr blutleer. Dünnes Denken wechselt mit fiebernder Fülle geistlos/geistreich ab.

Eine berühmt-berüchtigte Druckgrafik aus dem Zyklus „Los Caprichos“ des spanischen Künstlers Francisco de Goya nennt sich im Deutschen meist: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Statt „Schlaf“ lässt sich auch „Traum“ sagen. Ob das Ganze satirisch oder todernst aufgefasst werden soll, ist seit Entstehung dieser Radierung, Ende des achtzehnten Jahrhunderts, häufig und gern diskutiert worden. Kann sich in diesem Bild auch der sprichwörtliche deutsche Michel mit seiner Schlafmütze wiederfinden? Sind Träume bloß Schäume – oder alp-hafte (!) Bewältigungen böser Realität?

Die deutsche Romantik, die zeitgleich mit den gesellschaftskritischen Darstellungen des seit Anfang der 1790er Jahre ertaubten Goya entstand, sah das Reich der Gedanken als einzig verbliebene Sphäre, aus der ein Mensch nicht vertrieben werden kann. Während um anno 1800 alle in deutschen Landen seit rund neun Jahrhunderten vertrauten Verhältnisse sich unter dem Druck der vom revolutionären Frankreich ausgehenden Umwälzungen und handfesten Kriege auflösten, begaben sich die Nachdenklichen ins innere Exil.

Wer in bildender Kunst, Literatur und Musik etwas zu sagen hatte, erschuf allein aus eigener Geisteskraft je neue Welten – ohne nach deren Praktikabilität oder gar Zweckmäßigkeit groß zu fragen. Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich, Novalis oder Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven in seinen Opera ab der Jahrhundertwende oder Franz Schubert – und es ließen sich viele andere nennen – haben gewissermaßen Gegenwelten projektiert, um dem offensichtlichen grausamen Wahnsinn zu begegnen. Wer damals in Farben, Worten oder Tönen schwelgte, war ein kritischer Traumtänzer, aber keineswegs unsystematisch oder gar am wirklichen Leben vorbei.

Dass sich die Romantiker und solche, die es werden wollten, vielfach darauf besannen, „wie uns die Alten sungen“, dürfte eigentlich keine Empörung hervorrufen. Noch zu meiner Schulzeit wurde uns eingeprägt, dass man aus der Geschichte lernen möge. Das war in den Siebzigern und Achtzigern im letzten Jahrhundert des seit nunmehr bald vor dem Zeitraum einer Erwachsenenwerdung verflossenen Jahrtausends. Ist es nicht erschreckend-erstaunlich, wie rasch sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten die historisch denkende Alltagsmentalität verflüchtigt hat?

Dass arabische Immigranten nicht wissen, wie sehr es hier in Deutschland vor siebzig Jahren flächendeckend sogar trümmerhafter aussah als heutzutage in Syrien – geschenkt. Aber dass eine angehende Religionslehrerin ganz beglückt aus dem Häuschen gerät, als sie zu hören meint, das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ habe ein amerikanischer Bürgerrechtler gedichtet – und es, auf den feinen Unterschied einer Null hingewiesen, nicht weiter schlimm findet, dass der eine vor 500 und der andere vor 50 Jahren gewirkt hat, ihr quasi die Differenz von Martin Luther und Martin Luther King völlig egal ist … sind ja beide längst tot – also hier müsste vielleicht doch eine Abiturnachprüfung angesetzt werden, oder?

Andererseits hat die junge Dame etwas Richtiges gespürt: In Lutherliedern ist Musik drin! Die sagen einem „auch heute noch“ was. Jedem Lapsus liegt ein Zauber inne. Romantik pur. Eine PH hat doch auch ihr Gutes. In strikter PH-Neutralität von Geschichts- und Geschlechtslosigkeit wandeln also die Lehrpläne von Pädagogischen Hochschulen, heutzutage meist im Range von veritablen Universitäten, auf quasi politisch korrekten Wegen, zwar unhistorisch spintisierend und gendergerecht alles von gutem altem Herkommen terrorisierend: aber eben irgendwie doch die Absolvent*inn*en solcher Anstalten in Betroffenheit berührend. Das sollten wir bei allem zum Sarkasmus reizenden Nonsens denn doch nicht vergessen.

Bundesdeutsche Phantasie – gibt es die eigentlich? Zu mehr als zum „Verfassungspatriotismus“ hat es letztlich nie gereicht. Und unser gutes Grundgesetz hatte nur solange Ausstrahlungskraft, als es den Gegenentwurf zur wie auch immer gearteten Verfasstheit der „Deutschen Demokratischen Republik“ darstellte. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 hat sich vieles leider erledigt. Nicht, dass die neu hinzugekommenen Bürger daran irgendeine Schuld träfe, im Gegenteil! Die friedliche Revolution von 1989/90 hatte ja gerade das Ziel, den Inhalt der die Bonner Republik begründenden Ordnung auch für die eigene Lebenswelt fruchtbar zu machen. Und es war großartig, wie sie sich in diesem Bestreben von nichts und niemandem unterkriegen ließ!

Der Schwere des Abschüttelns von Stasi-Diktatur und fehlgeleitetem Wirtschaftssystem folgte leider jedoch nur eine kurze Phase idealistischer Schwebe – übrigens auf beiden Seiten von Mauer und Stacheldraht! Im strahlend schönen Sommer 1990 saßen wir vor Eckkneipen und in Biergärten unter dem hohen sternbeglänzten Himmel über Berlin, Wessis und Ossis treulich beieinander – was bisher „die Mode streng geteilt“ – , in studentischer Verzückung, hier und jetzt im historischen Bewusstsein, einen Zipfel des Mantels der Geschichte tatsächlich erhascht zu haben. Viel war von „Konföderation“ die Rede, auch davon, dass „alle“ „etwas einzubringen haben“, mit „ihren Biographien“ und Erfahrungen und so weiter und so fort.

Berliner Romantik, nunmehr nicht in den Salons einer Henriette Herz oder Rahel Varnhagen, sondern als Schlabberlook-Neuauflage in verwunschenen Abrisshinterhöfen im Prenzlauer Berg oder in den einschlägigen Lokalen in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Die vornehmere Fortsetzung der Debatten aus milden Sommernächten fand tagsüber auf dem Campus statt: je nachdem, wo man studierte, erörterten junge Leute die neue deutsche Frage in Dahlem, Zehlendorf oder in Mitte. Dass anderswo auch andere – entscheidungsstärkere – Personen über uns sprachen, nahmen wir kaum zur Kenntnis. Dass diese Herrschaften Bush, Gorbatschow, Mitterrand und Frau Thatcher hießen, die sich zu viert mit den zwei Deutschen Kohl und de Maizière trafen, störte niemanden unter uns daran, hochfliegende Gedanken etwa über die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus begeistert zu ventilieren.

Quasi una fantasia tedesca

Viel Gerede zum Mondscheintarif – am 1. Juli 1990 war das alles schlagartig vorbei: Die Deutsche Mark (West) wurde in der Noch-DDR als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt, und von Stund an lief alles seinen marktwirtschaftlichen Gang. Der fruchtbare wie weltfremde Gegensatz von PhantaSie und FantaDu war überwunden. Insbesondere für die Studenten der evangelischen Theologie, die immer besonders lautstark „sich einbringen“ wollten, war das eine harte Nuss. Der reizvolle weltbürgerlich anmutende Traum: ein Bundeskanzler Lafontaine hüben und vis-à-vis ein Ministerpräsident de Maizière drüben, zwei „Ar“s, nämlich Oskar und Lothar samt französischen Nachnamen: – war da bereits ausgeträumt.

Als „Chabis“ entlarvt, schweizerisch im übertragenen Sinne für „Unfug“, wortwörtlich aber: „Kohl“. Der blieb nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 denn auch Kanzler, ganz allein: Die DDR gab es da bereits seit zwei Monaten nicht mehr. Was uns „an der Basis“ seinerzeit noch nicht so klar war: Der Preis für die deutsche Einheit war die D-Mark. Da konnte Franz Beckenbauer im schönen Sommer zuvor noch den Pokal der Fußballweltmeisterschaft so freudig in den sternenklaren römischen Nachthimmel gereckt haben: Das eigentliche Symbol bundesdeutschen Erfolgs der Nachkriegszeit war schon längst dem Neid der kleineren Westalliierten geopfert. Eine Weichwährung namens Ecu/Euro brach sich Bahn und frisst sich ganz praktisch, also völlig theoriefrei, sprich: ungebremst bundesbanklos(!) spätestens seit 2002 unersättlich in unsere Ersparnisse hinein.

Damit sind wir beim schnöden Mammon angelangt. Geld regiert die Welt, je einheitlicher die Währung, desto gefahrvoller für den einzelnen Haushalt, wenn makroökonomisch etwas aus dem Ruder läuft. In der Napoleonischen Ära hatte man damit auch schon seine liebe Not. Deutsche Romantik hat seinerzeit mit ihren ganz eigenen Mitteln und Wegen ihr zugetane Menschen bei der Stange gehalten. Wer hingegen keinerlei Phantasie entwickelte, ging zugrunde. Aus genau dieser Situation heraus entstand in den 1810er Jahren ein frisches deutsches Nationalgefühl. Es war zunächst weder völkisch noch monetaristisch noch reaktionär ausgerichtet, sondern vorrangig auf die eigenen bisher unterdrückten kulturellen Traditionen bedacht. Nach der Abschüttelung französischer Kaiserdiktatur bemächtigten sich insbesondere die Studenten der klassischen freiheitlichen Ideale – bis wiederum die nunmehr einheimische, sprich Metternichsche Reaktion (spätestens 1819) unbarmherzig zuschlug.

So wurde die Vernunft gezwungenermaßen in einen Tiefschlaf versetzt, der so manches Ungeheuer hervortreten ließ. Als Schuldigen aber machte man seitdem gern samt und sonders die Romantik in toto aus, obwohl diese phantasievolle und also auch politisch in ihrem Selbstverständnis völlig ungebundene Geistesströmung alles andere als repressiv war. Eher ist – von heute aus – zu fragen, ob es nicht schließlich kaltherzige „Dialektik der Aufklärung“ war, die im gesamten zwanzigsten Jahrhundert zu den in Nachahmung der französischen „Terreur“ bösartig-raffiniert geplanten Massenmorden geführt hat.

Die innerdeutsche gegenwärtige Diskussion ums Selbstverständnis krankt daran, dass alle gegen alle reden und am Ende nur „Stalinisten“ auf der einen und „Nazis“ auf der anderen Seite übrigbleiben. Wer eigentlich die Mitte ausfüllt, bleibt nebulös. Das war mal anders. Noch bis in die Neunziger hinein repräsentierten schöne Tiefdruckbeilagen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Bilder und Zeiten“ oder die Feuilletons etlicher anderer überregionaler Blätter ein abwägendes und zugleich meinungsstarkes bürgerliches Kulturbewusstsein. Wenn ein Marcel Reich-Ranicki sich mit jemandem befehdete, dann schlugen die Streithähne wohl sprachlich bisweilen über die Stränge, aber das gehörte zum Spiel hinzu. Auch in anderen medialen Formaten wussten sich die an der Auseinandersetzung Beteiligten mit dem deutschen Bildungskanon grundsätzlich einig. Messer wurden nicht gezückt, man enthielt sich auch der Morde durch solche Bestecke. Gezielte Rotweinverschüttungen auf Lieblingsgegner waren die Ausnahme und fanden nur in ausgewählten Fernsehdiskussionen statt.

Unter solchen Vorzeichen war jahrzehntelang zumindest unterschwellig von der deutschen Wiedervereinigung die Rede. Es gab auch Institutionen, die während der gesamten Nachkriegszeit 1945 bis 1990 ohne jeglichen Verdruss Mauer und Stacheldraht ignorierten und gesamtdeutsch weiterarbeiteten: Es sei hier nur die Neue Bachgesellschaft von 1900 e.V. erwähnt. Musik, aber auch Sport und natürlich die gemeinsame Sprache verband vielfältig, wenn auch oftmals organisatorisch zwangsweise getrennt. Dass die Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft sich mit steigendem Wohlstand indes proportional dazu weniger für diese Dinge interessierte, ist allerdings nicht zu verschweigen. Unsere Lokalzeitung brachte nur alle vier Wochen eine Seite mit dem Titel „Blick ins andere Deutschland“. Im übrigen schien die deutsche Teilung fest zementiert. Mein Foto weiter oben von der Berliner Mauer am Brandenburger Tor datiert von 1983 – dass sich dort etwas ändern könnte, hätten wir uns damals in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Phantastische Fantasien müssen nicht zügellos sein. Was romantisch daherkommt, ist oftmals von der Faktur her nichts anderes als die Ausweitung dessen, was an Techniken kleinteilig bereits lange vorhanden war. Die Betitelung Quasi una fantasia bedeutet also keine sanktionierte Regellosigkeit; vielmehr wird ein motivischer Kern zur allgemeinen Maxime erhoben. Goldene Regel und Kategorischer Imperativ werden dem romantischen Impuls einverleibt – und so vor dem Einerlei der Tagesmeinung gerettet. Besonders Beethovens cis-moll-Klaviersonate, komponiert anno 1800, ist so gar nicht willkürlich, geschweige denn wirr oder nach Laune konzipiert. Im Gegenteil, sehr verlässlich bringen alle drei Sätze dieser seit dem neunzehnten Jahrhundert so genannten „Mondscheinsonate“ Motive und Melodien in schönster Regelmäßigkeit wieder und wieder. Dass dennoch gerade dieses Werk die Geister nicht ruhen, sondern höchst anregen lässt, liegt in der nachgerade genialen Verbindung von Schlichtheit und Aufruhr. Aus einem Lehrbuch oder Modul ließe sich für solch subversive Musik kein einziger Götterfunken herausschlagen. Man gut, dass die Romantik niemals schulbuchmäßig kroch, sondern grenzenlos frei dachte!

Beethoven hat sich als Fünfundzwanzigjähriger anno 1796 während einer von einem adligen Gönner ermöglichten Reise in Leipzig und in Berlin aufgehalten. Musikalische Studien in der Thomasschule der sächsischen Messestadt sowie Empfänge am Hof in der preußischen Hauptstadt ermöglichten ihm gründliche Studien, von Bach ausgehend. Zeit seines weiteren Lebens hat der später ertaubte Meister in seinen Kompositionen diese persönlich angeeigneten Überlieferungen einfließen lassen. Dabei ging er nicht als Kopist vor (wie man es, bei allem Respekt, Mozart in einigen seiner Stücke unterstellen könnte; er hatte 1789 ebenfalls eine Reise zu diesen Stätten mit dem gleichen Gönner unternommen), sondern als phantasievoller Schöpfer von schon beim ersten Hören erkennbaren Stücken des einzigen „Beethoven“.

Das vorhandene Material sich zueigen machen: Eine Frage von individueller Kunstfertigkeit! Das romantische Menschenbild setzt auf die eigene freie zu allem fähige starke Persönlichkeit. Jegliche Propaganda ist ihr fremd. Eine Ich-Welt trotzt jeder Art von Diktatur. Das Individuum ist die Keimzelle jeglicher Gesellschaftsordnung. Der international sich gerierende und im Ernstfall stalinistische Sozialismus hat das ebensowenig begriffen wie der in Deutschland zuvor wütende National-Sozialismus. Sofern sich diese Regime auf die Romantik beriefen, lagen sie schlicht und einfach falsch. Das muss betont werden zur Rehabilitation der zu Unrecht Angeklagten.

Deutsche Einheit – ein weites Feld. Handfeste Phantasien und klingende Fantasien bilden ja vielleicht die Grundlage dafür, dass bei uns das Denken in bildender Kunst, in gesprochenem und geschriebenem Wort, in auskomponiertem Klang nicht ausstirbt. Mit Ph oder nur mit F. Also diesen unbescheidenen Wunsch hätte ich dann doch, auch am achtundzwanzigsten Jahrestag der 1990er Deutschen Einheit.

Fingerübung zu Beethoven

Bald, in zwei Jahren, wird die Feier seines 250. Geburtstages begangen werden – sofern dann noch ein kulturelles Umfeld vorhanden sein sollte, das sich der überragenden Bedeutung des 16. Dezember 1770 bewusst ist. Um schon jetzt langsam darauf vorzubereiten, wage ich die Veröffentlichung eines eigenen Textfragments, das sonst in der Schublade vergessen würde. Ein erstes Aufleuchten am Titanenhimmel sozusagen. Ohne die vielen fachlichen Hinweise kundiger Freunde wäre das übrigens nicht möglich. Daher vorab herzlichen Dank an alle, mit denen ich beethovengesprächsweise unterwegs bin! Folgender Entwurf gibt zugleich Einblick in mein Skizzenbuch – in ihm wimmelt es von Einleitungen, und die Hauptsache steht meistens aus. Das unterscheidet mich, wie so viele andere Dilettanten auch, vom unerreichten Meister. Dennoch. Den Anlauf einer präludierenden Etüde, einer Exposition, eines Bruchstücks für ein „Tema con variazioni“ will ich nicht unversucht lassen. Zumal in bezug auf den Künder und Künstler unerschütterlichen energischen Bewusstseins von urwüchsiger Freiheit. Bittesehr:  

Kein anderer Tonsetzer steht meiner Meinung nach so sehr für die Freiheit wie Beethoven. Der Kerl hat einfach so komponiert, wie ihm die Intuition es eingab – jedoch nicht willkürlich, sondern auf dem Fundament gediegenen handwerklichen Könnens. Selbst das, was andere beurteilten als „auch in der Verirrung – groß“, ist eben bewusst so und nicht anders gestaltet.

Wobei „Freiheit“ nicht allein individuell, sondern objektiv zu verstehen wäre. Gewiss, da ist der ungebundene Künstler, der keine Ruhezeiten einhält und wegen nächtlichen Klavierspiels die Mietwohnung verliert. Da ist der durchstapfende Zeitgenosse, der die Welt „detestabel“ findet und das die kaiserliche Familie sowie Goethe in Teplitz auch spüren lässt. Da ist der unerschrocken für sein „van“ und für seinen Neffen vor Gericht streitende stolze Mann. Aber solche biographischen Einzelheiten sagen noch kaum etwas über das unvergleichliche Werk aus, das wir Nachgeborenen ja in erster Linie im Blick bzw. im Ohr haben, wenn sein Name fällt.

Seine Leidenschaftlichkeit in Werken wie z.B. der ersten gezählten Klaviersonate f-moll, der Coriolan-Ouvertüre oder der Fünften Symphonie sollen nicht über die Verwegenheiten anderswo hinwegtäuschen. Da gibt es die nonchalanten G-Dur-Werke: Klaviersonaten, das Vierte Klavierkonzert oder das frühe Rondo von der Wut über den verlornen Groschen; da fällt einem der eigenartige Akkord der Es-Dur-Sonate aus op. 31 ein; überall finden sich harmonische Wendungen auf Grundlage der sixte ajoutée, und manchmal geht es nachgerade frivol zu, siehe nur die Fugenveralberung im letzten Satz der frühen F-Dur-Klaviersonate oder den „dionysischen“ letzten Satz der gewichtigen Siebten Symphonie.

Beethoven wuchs in Bonn am Rhein auf, der Residenz der Fürstbischöfe von Köln. Der Landesherr war nicht nur kunstsinnig, sondern er förderte nach Kräften ein freies aufklärerisches Kulturleben. So versuchte er auch, seine Herrschaft zu behaupten, was ihm im Endeffekt aber nicht gelang: 1794 besetzten die französischen Revolutionstruppen auch dieses Gebiet und lösten seine Institutionen auf. Beethoven, der zu dem Zeitpunkt als kurkölnischer Stipendiat bei Joseph Haydn in Wien studierte, büßte somit seinen finanziellen Unterhalt ein und war fortan auf sich selbst gestellt. Ein freier Künstler aus der Not heraus. Zeit seines Lebens blieb er materiell abhängig von adligen Gönnern: Diese jedoch, angefangen mit dem Fürsten Lichnowsky und dem Grafen Waldstein, schätzten gerade das Originelle an diesem Typen und ließen ihn in seiner Musik frei gewähren.

„Mozarts Geist aus Haydns Händen“ hatte ihm Waldstein schon als österreichischer Gesandter in Bonn ins Stammbuch geschrieben. Mozarts Melodik und Haydns Konstruktivität sind aber nur die direktesten Einflüsse für Beethovens erstaunliches Werk. Bereits der Bonner Organist, Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle hatte gute Lehrer und verständige Freunde, allen voran den Klavierlehrer Neefe, der gebürtig aus Chemnitz kam. Unter seiner Anleitung lernte Beethoven Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ kennen, jenes „Alte Testament“ der Klavierliteratur, welchem der kommende Pianistenstar ein „Neues Testament“ in Form seiner 32 Klaviersonaten hinzufügen sollte.

Von besonderer Bedeutung sind für das tiefere historische Verständnis Beethovens die damals zeitgemäßesten Musikstile, nämlich das immer noch anwachsende Werk von Carl Philipp Emanuel Bach (zweitältester Bachsohn, 1714-1788) und die „Mannheimer Schule“ in einem der modernsten Staaten des Ancien Régime. Norddeutsch-protestantische „Empfindsamkeit“ und südwestdeutsch-gesamteuropäisch dominierte Neuigkeiten in Fragen von Schwung und Dynamik, gekoppelt mit Fortschritten im Instrumentenbau, wurden von dem jungen Mann aus Bonn geisteswach und eigenschöpferisch antizipiert und amalgamiert.

Der von sämtlichen Zeitgenossen verehrte „große Bach“, also Carl Philipp Emanuel, der erst fast dreißig Jahre als Cembalist am Hof Friedrichs des Großen in Berlin und Potsdam tätig war und seit 1767/68 als Nachfolger seines Patenonkels Telemann in Hamburg als Kirchenmusikdirektor wirkte, kann, noch vor Haydn, als Begründer der klassischen Klaviermusik gelten. Sowohl die Sonaten als auch die Charakterstücke zeichnen sich durch Melodik, Motivik, Harmonik und Dynamik als das Modernste aus, was damals möglich war. Bach spielt dabei gern mit Überraschungseffekten, z.B. Pausen an unvermuteten Stellen, Synkopen, „falschen“ Reprisen, lauten Einsätzen auf unbetonten Taktteilen, Sforzati versus Diminuendi und so weiter: Empfindsam gegen den Strich! Seine klavieristischen Charakterisierungen von hochgestellten hanseatisch-hamburgischen Damen und Herren entbehren nicht eines feinen bis dröhnenden Humors, sie sind Musik für Insider und bedienen so das gesellschaftliche Bedürfnis nach „persönlichen“ Bezügen.

Ins beschauliche Bonn klangen auch Neutöner aus Mannheim herüber: Johann Stamitz, Begründer des dortigen Hoforchesters, beeinflusste mit seinen sinfonischen Neuerungen das gesamte musikalisch wache Europa, unter anderem auch einen weiteren Bachsohn, den jüngsten: Johann Christian (1735-1782), den weltläufigsten aus der Familie: Man nennt ihn den „Mailänder“ und später den „Londoner“ Bach. Aus Italien hatte er das „singende Allegro“ mitgebracht, in England war er dann Konzertunternehmer mit zuerst sehr gutem und zuletzt gänzlich schwindendem Erfolg. Der junge Mozart hat in Mannheim prägende Eindrücke empfangen für sein sinfonisches und pianistisches Schaffen, und Beethoven zeigt gleich in der ersten Figur seiner ersten gezählten Klaviersonate, Opus 2 Nummer 1, wie energisch er denkt: Das Werk beginnt mit einer aufsteigenden, mit jedem der sechs Töne stärker gedachten Linie durch f-moll hindurch, vom eingestrichenen c bis zum zweigestrichenen as, in treppenartiger „Terrassendynamik“, einem ununterbrochenen Crescendo im Sinne der sogenannten „Mannheimer Rakete“. Darin liegt Sprengkraft für alle folgende Musik.

mannheimer rakete

Carl Philipp Emanuel Bach und Mannheim mussten dem jungen Mann aus Bonn als anregende Gegenwelt zur musikalischen Pedanterie erscheinen, wie er sie in Wien beim Kontrapunktlehrer Albrechtsberger, aber eben auch bei Haydn empfand. Beethoven brauchte jedoch ein Reich der Phantasie, das ihm Zuflucht bot vor allem, was er selber als „häusliche Misere“ bezeichnet hat. Als Kind vom gleichfalls in der fürstlichen Kapelle spielenden, aber hoffnungslos trunksüchtigen Vater oft geschlagen, als Jugendlicher daher schon mit Versorgungsaufgaben belegt für Mutter und Geschwister, wollte er immer ausbrechen. Die freiheitsliebenden Freunde wurden zu seiner eigentlichen Familie, die geistigen Aufbrüche unter Absehung aller irdischen Hindernisse zum Lebenselixier. Die erschütternden Worte aus seinem „Heiligenstädter Testament“ von 1801 mit dem Eingeständnis, dass vor dem Selbstmord ihn nur die Kunst zurückgehalten habe, sind Zeugnis der rettenden Kraft unabhängigen Denkens, Fühlens und somit: Seins. Im eigenen Bewusstsein, unverwechselbar und anderen haushoch überlegen zu sein, hat er sein Ohrenleiden, das 1819 zu völliger Taubheit führte, und andere Widrigkeiten durchgestanden. Es passt ins Bild, dass er sich am liebsten in freier Natur aufhielt und lange Waldspaziergänge unternahm: Unabhängig, die Gedanken reifen lassend, frei.

Beethoven, Jahrgang 1770, ist ein Generationsgenosse von Hölderlin, Hegel, Schleiermacher, Novalis und Napoleon. Allen diesen Persönlichkeiten ist gemeinsam, dass sie in je ihrem Gebiet nicht nur eine bestimmte Anschauung der Welt entwickelten, sondern nichts geringeres vermochten als einen ganzen Kosmos von Grund auf und vorbildlos einzig kraft eigener Vollmacht zu erschaffen! Dichtkunst, Geisteskraft, Gottesahnung, Sehnsuchtswirken und Ordnungsmacht – alles musste umfassend neu gewissermaßen unter Einsatz titanischer Anstrengungen aus dem aufgewühlten Boden gestampft werden. Die Größe dieser Leute war möglich unter dem Eindruck, dass das Ancien Régime hinweggefegt war in den Stürmen der Großen Französischen Revolution. 1789 waren sämtliche genannten Herrschaften um die zwanzig Jahre alt: richtig junge idealistische Männer in Saft und Kraft. Und Beethoven mittendrin! Was die anderen in Poesie, Philosophie, Pantheologie, Phantasie und Politik leisten wollten, das vollbrachte er musikalisch im Zusammentreffen von Pythagoras und Prometheus, im unerschöpflichen Reich der Töne und Klänge.

Hier, wo es nun interessant wird, bricht das Manuskript ab. Ich werde mich bemühen, es ex aermelo „quasi una fantasia“ weiterzuführen. Daher und/also dennoch: Fortsetzung folgt.

Abbildung: Mannheimer Rakete als Beginn, mithin erstes Thema der Klaviersonate f-moll Opus 2 Nummer 1 aus dem Jahr 1795, Joseph Haydn gewidmet.

 

 

 

Kurzweil zum 31. Oktober

Wenn nichts mit nichts zu tun hat, dann hängt alles mit allem zusammen. Kurz Ding braucht Weil. Ein eventuell zukünftiger österreichischer Bundeskanzler hat mit einem womöglich bleibenden niedersächsischen Ministerpräsidenten kaum etwas gemein, doch deren schöne Vornamen Sebastian („der Basti“) und Stephan („WEIL er ehrlich ist“) gehen beide auf christliche Märtyrer zurück, immerhin.

Weil hat angeregt, den Reformationstag nicht nur einmalig dieses Jahr, sondern auch darüber hinaus als landesweiten Feiertag zu begehen. Kurz könnte im Gegenzug zumindest mal versuchen, den Karfreitag bei sich allgemein arbeitsfrei zu machen – auch wenn das in so superkatholischen Ländern wie seiner Alpenrepublik eigentlich unüblich ist.

Wie auch immer, den 31. Oktober haben nicht nur wir Evangelischen gepachtet. Die römische Kirche begeht an diesem Tag das (nicht gebotene) Gedenken des Heiligen Wolfgang, gestorben – das heißt in die Ewigkeit hineingeboren – an ebenjenem irdischen Datum in einem Kloster in Oberösterreich (daher Benennungen wie zum Beispiel „Wolfgangsee“). Er war im zehnten Jahrhundert Bischof von Regensburg und als solcher ein Mitbegründer der dortigen Domspatzen.

Es führt also eine direkte Linie zu den Gebrüdern Ratzinger, die den höchsten Gottesdienst in der Musik erkannten. Georg ist als Kapellmeister in der Reichsstadt an der Donau berühmt geworden; und Joseph hat sich gelegentlich enttäuscht darüber gezeigt, dass Bach ein Lutheraner war – abgesehen einmal vom unmusikalischen Furor, den seine „Regensburger Rede“ verursachte, in die er das islamkritische Zitat eines byzantinischen Kaisers einflocht.

Dem emeritierten römischen Bischof Benedikt XVI. bleibt sein zweiter musikalischer Liebling, und der hatte zu eigenen Lebzeiten als Kind und junger Erwachsener immer dann Namenstag, wenn in Salzburg und in den Habsburger Landen die Dringlichkeiten von zu gewährender konfessioneller Toleranz auf den Plan traten – was erst im Zuge der kaiserlich-josephinischen Reformen anno 1781 etwas entschärft wurde. Am letzten Tag eines jeden zehnten Monats christlichen Kalenders feierte der junge gute Katholik Wolfgang Amadé Mozart den heiliggesprochenen Bischof. Zum siebenten Namenstag schenkte ihm sein Vater Leopold eine eigens zusammengestellte Notensammlung.

IMG_20171028_223404

Dieses klavierpädagogische Werk enthält Tänze vieler ungenannter Meister aus dem achtzehnten Jahrhundert, in Suitenform und nach Tonarten geordnet. Nur gelegentlich werden Autoren angegeben, zum Beispiel „Sigr. Bach“ oder „Sigr. Telemann“: Patensohn und Patenonkel aus dem hohen protestantischen Norden sind hier ganz unbekümmert in ihren Stücken vereint mit Tänzen schwäbischer, französischer, englischer, italienischer oder polnischer Herkunft wie „Entrée“, „Bourrée“, „Angloise“, „Bourlesq“, „Polonaise“ oder einfach „Menuet“.

Miniaturen, die ihrer Faktur nach auch schon in Johann Sebastian Bachs „Notenbuch für Anna Magdalena“ hätten stehen können, finden sich in dieser Kollektion. Das „Notenbuch für Wolfgang“ zum 31. Oktober 1762 mag all denjenigen eine echte Alternative sein, die kurzweilig mal keine Lutherbonbons lutschen wollen – und denen es so ergeht wie dem jesuitisch geschulten Heiner Geißler selig, der in diesem laufenden Jubiläumsjahr 2017 die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus eher vermisste …, – die aber zugleich voll eingebunden sind in den Reformationstagsvorbereitungstrubel zur würdigen Feier anlässlich der fünfhundertsten Wiederkehr des epochalen Datums.

Österreich und Niedersachsen, Ballhausplatz und Leineschloss, Wien und Hannover liegen zwar weit voneinander entfernt, aber katholische und evangelische Musik haben seit jeher sich gegenseitig befruchtet. Mozart hat später, als freimaurerisch eingebundener Künstler, der sich zugleich für eine Kirchenmusikerstelle am Wiener Stephansdom interessierte, in seiner Zauberflöte sogar die Melodie eines Lutherliedes eingearbeitet und so jene Quadratur des Kreises fertiggebracht, die in den Sondierungsgesprächen und Koalitionsverhandlungen hier wie dort im tagespolitischen Ringen erst zuwege gebracht werden soll.

In momentan notwenigerweise verlautbarten Kurzweil-Bekenntnissen hängt eben alles streng in der Mode Getrennte mit allem anderen doch irgendwie zusammen. Wir sind gespannt, was hinausgeht über unsinnige Lautmalereien nach Art jenes Magiers – „Diggi, daggi …“ in theatralisch aufgeblasenem c-moll – , der den armen titelmitgebenden jungen Mann aus Mozarts frühem Singspiel „Bastien et Bastienne“ hart ängstigt – und überhaupt: ob daraus etwas Vernünftiges werden kann.

Abbildung: Leopold Mozart: Notenbuch für Wolfgang. Clavier. Eine Auswahl der leichtesten Stücke, herausgegeben von Heinz Schüngeler. Edition Schott 3718. B. Schott’s Söhne, Mainz / Schott & Co. Ltd., London / Schott Music Corp., New York. 1939. Unveränderter Nachdruck von ca. 1973.

Von Kugeln und Keksen

Es scheint angebracht, diesmal vorab und schön politisch korrekt einen „Warnhinweis auf mögliche Auslösereize“ (Wikipedia) zu geben, vulgo eine Triggerwarnung vorauszuschicken. Denn: Zwar sind, anders als die Überschrift vermuten lässt, nachfolgende Zeilen mitnichten der aufziehenden Vorweihnachtszeit geschuldet – jedoch lassen sich Anklänge an das bei manchen mentale Allergien hervorrufende Christfest nicht gänzlich vermeiden. Dieser Beitrag entspringt einerseits einem Erschrecken über die Banalisierung ererbter Bildungsgüter und andererseits einer Bejahung erbaulichen Umgangs mit jener – nicht mit jenen!!! – Alles klar? Gehen wir vielleicht doch gleich lieber in medias res!

Wer sich einmal durch das Gedränge in der Salzburger Getreidegasse gequält hat, rührt nie wieder freiwillig eine Mozartkugel an. Allzu offensichtlich ist angesichts des täglichen fremdenverkehrten Lindwurms die touristikunternehmerische Abzweckung: ohne jedweden geistigen Nähr- und Mehrwert geschweige denn irgendeine neue musikalische Erkenntnis. Schräg wird dortiges Treiben schon allein durch den historischen Umstand, dass sich das frühzeitig aus dieser Welt hinweggeraffte namengebende Genie nirgends unverstandener gefühlt hat als in dieser seiner Geburtsstadt, der Residenz seines Landesherrn. Immer verspätet und von oben herab (als seien es Leibeigene) behandelte der Hof die Anliegen der Musikerfamilie, bis es dem Fünfundzwanzigjährigen schließlich reichte.

Kostproben aus einem Brief an den Vater, Vienne ce 9 de maj 1781, O-Ton W.A. Mozart: „Ich bin noch ganz voll der galle! – und sie, als mein bester, liebster vatter, sind es gewis mit mir. – man hat so lange meine gedult geprüft – endlich sie aber doch gescheitert.“ – „sollte ihnen aber der erzbischof ungeacht dessen die mindeste impertinenz thun, so kommen sie alsogleich mit meiner schwester zu mir nach wien – wir können alle 3 leben, das versichere ich sie auf meine Ehre – doch ist es mir lieber, wenn sie ein Jahr noch aushalten können – schreiben sie mir keinen brief mehr ins teutsche haus, und mit dem Pacquet – ich will nichts mehr von Salzburg wissen – ich hasse den Erzbischof bis zur raserey.“

Endlose Überzuckerung knapp hundert Jahre nach Mozarts Tod war dann die Methode, ehedem Unliebsames des eigenen – hier: salzburgischen – schlechten Gewissens wegen sich nachträglich gefügig und anheimelnd zu machen, gar im wortwörtlichen Sinne: mundgerecht. Mozart gerann „kugelrund“ zu einer Marke bonae noctis, allerdings mit dem persönlichen Vorteil, dass man hinter dem Konterfei auf dem Umhüllungspapier der Pistazien-Marzipan-Nougat-Kreation bis zum heutigen Tag immer auch den Ausnahmekünstler wahrnimmt, der sich in der ars musica tummelte wie kein zweiter – und dessen Werke seit über zweieinhalb Jahrhunderten zum Standardrepertoire aller Klangkörper des gesamten Erdballs gehören.

Hingegen laufen die Gebäckwarenhersteller vom Hohen Ufer nicht an solch einer langen Leine: Leibniz war und ist nur Eingeweihten vertraut, weswegen das auf ihn gemünzte Wort vom Erfinder des gleichnamigen Butterkekses keinesfalls völlig frei sich wähnen kann von der ernsthaft geäußerten Vermutung, er sei dies tatsächlich. Entsprechend unsicher essen seit Anno Domini 1891 Menschen in aller Welt das zweiundfünfzigfach gezähnte rechteckige Backwerk, ohne ihre mampfenden Backen back to the roots zu wenden. Schon Kleinkinder verlangen stumm handaufhaltend während frischluftiger Spazierfahrten aus ihrer Karre heraus rücklings immerfort nach einem neuen Exemplar dieses Nahrungsartikels, ohne Arg zwar, aber eben auch unbehelligt von den durch die sie schiebenden Erziehungsberechtigten ja eigentlich möglichen autoritativ eingeflößten Informationen, wer sich denn hinter diesem zu verzehrenden Namenszug eigentlich verbirgt.

Leibniz ist den Hannoveranern übrigens immer tendenziell suspekt geblieben – obwohl er vierzig Jahre im Dienste des dort ansässigen Hofes stand. Ob die Trauerfeier in der Neustädter Kirche im November vor jetzt genau dreihundert Jahren kurfürstliche Präsenz (in Form einer Delegation des englischen Königs) zierte, ist nicht zweifelsfrei zu belegen. Man verzieh ihm nämlich in adligen Kreisen nie, ein Buch nicht vollendet zu haben, das dem Herrscherhaus so nützlich, weil rühmlich hätte sein können. Die Geschichte der Welfen blieb stecken, wie so vieles in den weitausgreifenden Projekten des Universalgelehrten. Zwanzigtausend handgeschriebene Manuskriptseiten harren bis heute ihrer wissenschaftlichen Erschließung und Veröffentlichung. Der Philosoph Wilhelm Weischedel hat Leibnizens Art aber auch ohne Sichtung von undurchdringlichem Papierwust in seiner philosophischen Hintertreppe recht hübsch und treffend beschrieben. Über den Denker ist dort in köstlichem Präsens zu lesen:

„Zwar kann er aus den Quellen einige für das Fürstenhaus wichtige Tatsachen feststellen. Aber dann verliert er sich ins Allgemeine. Die Geschichte des Welfenhauses, so argumentiert er, kann nicht ohne Zusammenhang mit der Geschichte des Bodens betrachtet werden, den dieses Geschlecht beherrscht; darum muß man vor aller historischen Bemühung erst einmal Geologie betreiben. Aber auch das genügt ihm noch nicht. Denn der bestimmte Landstrich der Welfen ist ja ein Teil der Erde, und also muß man vor allen Dingen deren Entstehungsgeschichte untersuchen. So kommt der Historiker des Welfenhauses in einer ihm plausibel erscheinenden logischen Folge dazu, die Urgeschichte der Erde zu beschreiben. Kein Wunder, daß er nur wenig an die konkrete Geschichte kommt und daß der Kurfürst immer wieder ungeduldig nach dem Fortgang der Arbeiten fragt; ihm liegt ja, wie das bei Fürsten üblich sein soll, mehr am Ruhme seines Hauses als an der Entstehung der Welt.“

Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791) und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) sind nun allerdings sehr positive und nahezu zeitgleiche (1890: Mozartkugel, 1891: Leibnizkeks) Beispiele für das, was in anderen Fällen durchaus negativ zu Buche schlagen kann: Dazu muss man nicht erst ins angeblich finstere Mittelalter zurückgehen. Die schlimmsten Tyrannen sind in der Neuzeit seit der Aufklärung dingfest geworden, also im Zeichen von Zauberflöte und Binärsystem. Der vorgeblich lichte Sarastro und seine Widersacherin, die Königin der Nacht, sind zwar ebensowenig säuberlich in Gut und Böse einzuordnen wie Eins und Null, top oder flop – aber die Wirkungsgeschichten sowohl von Musik als auch von Mathematik seit Mozart und Multi-Leibniz heben leider auf solch Schwarzweißdenken ab und freuen sich womöglich gar an der regelrechten Ausblendung von Zwischentönen.

Verloren geht damit auch das Bewusstsein für das Unvollendete beider: Bei Mozart ist es die Schubert-Mendelssohnsche Dimension eines kurzen, innerlich aber übererfüllten Lebens, bei Leibniz die junggesellige längerlebige erdrückende „häusliche Misere“ Beethovenschen Ausmaßes. Was der mittlere Wiener Klassiker unter äußerster Zwangsanwendung (par exemple schloss ihn seine Frau im Zimmer ein, bis er die Ouvertüre zum Don Giovanni niedergeschrieben hatte) dann, wenngleich unter Stress und in fürchterlicher Hektik, immerhin doch letztlich gültig und erstaunlich säuberlich zu Papier brachte, zerfaserte in den Mußestunden des Hannoveraner Philosophen in bis heute unedierten Briefen und Entwürfen.

Aber: Sowohl Mozart als auch Leibniz sind gegen all solche Klischees und Eindimensionalitäten höchstwahrscheinlich deshalb immun, weil ihre Namen populär und ihre Werke unverstanden sind. Wie dichtete Lessing in bezug auf einen zopfigen Kollegen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben! / Doch wird ihn jeder lesen? Nein. / Wir wollen weniger erhoben / und fleißiger gelesen sein.“ Man schmückt sich mit Stars und Sternchen, ohne sie in der Tiefe begriffen zu haben, gleichwohl deutlich (!) wissend, dass sie irgendwie (!) „groß“ sind. Wer an ihrer Größe teilhat, gehört – so die landläufige Vermutung – zum „Abendland“. Deshalb gehen ja in Dresden so viele Leute auf die Straße und demonstrieren für das Feiern von – Achtung: – Weihnachten, ohne allerdings je eine Kirche von innen gesehen zu haben geschweige denn das Bedürfnis zu verspüren, dieses jemals zu tun. Aber Kugeln am Tannenbaum und Kekse aufm Stubentisch – diese Beigaben will keiner von diesen eigentümlichen „Patrioten“ missen.

Ein kugelsicherer Scherzkeks weiß natürlich, dass hinter die Christfichte nur das Wissen vom Baum der Erkenntnis führt und die ursprünglich Sarai Geheißene deswegen Kuchen backen muss. In der älteren deutschsprachigen Forschung ist von „Stammüttern“ die Rede, seit der Rechtschreibreform von Stammmüttern (mit drei m). Eva zeichnet verantwortlich für the lost paradise, Abrahams Gattin für einigermaßen Spaß, bringt sie doch als uralte Frau das personifizierte Lachen zur Welt, den Stammhalter Isaak. Die von Adam und seinem Weibe mittels ermutigender Worte der Schlange verzehrte verbotene Frucht und der von Urmutter Sara zubereitete eng(e)lische Cake beherrschen seitdem unser vielfältiges kulturelles Treiben. Apfelkuchen müsste eigentlich von diesen biblischen Zeugnissen her (1. Mose 3 und 18) als die sündigste und zugleich erfreulichste Speise gelten, haram und halal zugleich.     

img_20161126_154547

Rote Kugeln und kleine Kuchen stehen also für paradiesische Verführung und ermöglichtes Unmögliche. Schlange und Engel bezirzen und verkündigen, bereiten den Weg fürs Weiterleben jenseits von Eden ebenso wie fürs Überleben des allzu sterblichen Gottesvolkes. Mondsichelmadonna und Alphaomega stürzen schließlich längliches Kriechtier und übermütigen Satan vom Thron (Offenbarung des Johannes) und erheben geweissagten Kopftritt (1. Mose 3, 15)  und gedeuteten Dreimännerbesuch (Hebräerbrief 13, 2) zur Erfüllung der Frohen Botschaft. Ohne Erbsünde keine Erlösung, ohne genüssliche Freude kein außergewöhnlicher Nachwuchs.

Salzburg und Wien sowie Hannover haben in dieser beider Hinsicht Hochbedeutendes hervorgebracht: Nichts trennt ja bekanntlich Österreicher und Deutsche so sehr wie die gemeinsame Sprache. Ein Wort wie „Paradeiser“ spricht es rundheraus an und aus: Kein Vergleich zu unserer „Tomate“ … Knallrot wie ein kommunistisches Manifest, den Beeren zuzuordnen denn gewöhnlichem Gemüse, allerdings nicht auf Bäumen herangereift, sondern eher an Stauden. Ein amerikanischer Exportschlager in Richtung Europa seit dem 16. Jahrhundert! Mozart hat sie gewiss gern gegessen, auf seinen Italienreisen garantiert, wo man die exotische Frucht bis heute als „Goldapfel“ – pomodoro – kennt. Übertroffen wird dies nur durch das hässliche Bonmot oder besser Ondit einer habsburgischen Prinzessin, die an den französischen Hof verheiratet wurde und als Königin Marie Antoinette auf dem Schafott endete: „Das Volk hat kein Brot? Dann soll es doch Kuchen essen“ … Solch ein Dauergebäck, erdacht vor allem für Soldaten im Felde, ersann dann später eben von hoher Warte aus die Firma Bahlsen. Sie schuf damit zugleich ein neues deutsches Wort: „Keks“, ein Plural, lautgleich mit den englischen cakes.

Tomatisierte Küchelchen könnten sich somit erweisen als Einlösung der Rede vom Runden, das ins Eckige muss. Die Quadratur des Kreises: Hier wird’s Ereignis! Die Kugel als Sinnbild der Unendlichkeit, weil ohne Anfang, ohne Ende, transformiert sich mühelos in eine fass- und essbare Gestalt mit Ecken und Kanten. Johann Eccard und Immanuel Kant werden phonetisch-assoziativ zu Freunden von Wolfgangus Chrysostomus Theophilus Mozart und Gottfried Wilhelm Leibniz. Die schönste Motette unter den Frauen: „Übers Gebirg Maria geht“ – und die Kategorienlehre unter den Bedingungen von Zeit und Raum weisen mit einem Male gemeinsam auf Täufer und Christkind … Wer hätte das gedacht?

Musikalische Vollkommenheit in der „besten aller Welten“ – wie traumhaft wäre das! Ein Universum breitet sich da vor innerem Ohr und Auge feierlich aus, und es steht zu hoffen, dass es Bestand haben wird. Den freimaurerisch inspirierten Herrscher einer „Toleranz“ bloß in Es-Dur braucht es dazu ebensowenig wie die an sich niedlichen Monaden, die allerdings „keine Fenster“ haben und somit wenig umsichtig gedacht sind. Aus sich selbst heraus perfekt ist nichts in dieser Welt, und vielleicht ist dies der – wenngleich sympathisch entschuldbare – Grund dafür, dass Mozart wie Leibniz bei allen guten Absichten den Kern des menschlichen Lebens dann doch nicht so richtig erfasst haben. „Zu gut für diese Welt“, aber doch auch unentbehrlich für diese arme Erde. Und wer es schafft – wie diese beiden – , Gaumenfreuden zu bereiten, ist, nach allem gedanklichen Hin und Her, wohl tatsächlich göttlicher Abkunft.

Niemand muss die Vermutung des Theologen Karl Barth teilen, die Engel im Himmel würden vor Gottvater Bach spielen, wenn sie aber unter sich seien: Mozart; und kein Mensch wird genötigt, die Unionspläne gutzuheißen, die Leibniz für Katholiken und Protestanten ventilierte – aber bei jedem Kugel- und Viereckverzehr sollte doch die Meinung sich verbreiten, dass ein friedliches Europa nur in Ansehung solcher Persönlichkeiten eine Chance hat. Insofern sind die Produkte von 1890/91 weder banal noch trivial noch sonst irgendwie abzukanzeln. Vielmehr halten sie große Geister im kollektiven Gedächtnis wach. Entsprechend benamte Kugeln und Kekse müssen ja nicht gleich erschrecken lassen vor der unbestrittenen Tatsache, die nun wieder alle erregt, obwohl ihr ja zweifelsohne auch freundliche Aspekte innewohnen – und die da lautet: Weihnachten kommt immer so plötzlich. Insofern nehme ich meine eingangs formulierte Triggerwarnung, die ich dort für angebracht hielt, nun, zu guter Letzt, und in wiedererstarkt stolzem Bewusstsein, dass diese political correctness wirklich NIEMAND braucht, mit allergrößtem Bedauern liebend gern zurück.

Zitatnachweise: „Ich bin noch …“: Wolfgang Amadeus Mozart: Briefe. Herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Horst Wandrey. Zürich 1997, Seiten 257 und 260. – „Zwar kann er ..“: Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen im Alltag und Denken. 22. Auflage, München 2001, Seite 172.
Abbildung: Tomatenschlangen 1978. Bleistift an selbstgefertigter Pappschablone (Ausschnitt).

Merkel, Malu, Mali

Wir leben in seltsamen Zeiten. Noch nie war in Deutschland das beamtete Christentum so stark in den oberen Rängen vertreten. Unser Bundespräsident war früher einmal Pfarrer, unsere Bundeskanzlerin ist Pfarrerstochter. Und dennoch ist der christliche Glaube in unserem Gemeinwesen auf dem Rückzug. Von einer Theokratie kann also niemand sprechen. Alle Kirchenkritiker sollten wissen, dass eben trotz Herrn Gauck und Frau Dr. Merkel unser demokratischer Staat weiterhin reibungslos funktioniert. Allenfalls irritieren müsste, dass das christliche Bekenntnis denn doch so wenig in den Köpfen und Herzen der bundesdeutschen Bevölkerung präsent ist. Wie anders ist es zu erklären, dass viele Bürger ehrenamtlich in der Flüchtlingskrise helfen, ohne aber kirchlich affin zu sein? Und was ist von Leuten zu halten, die sich über „Religion“ echauffieren und dennoch ihren Beitrag leisten, um den Migranten zu helfen?

Vielleicht wirkt hier eine Form der Aufklärung nach, die sich dem, wagnerisch gesprochen, „Reinmenschlichen“ verschrieben hat. Ja, richtig gelesen, „wagnerisch“. Ich meine tatsächlich Richard Wagner, von dem ja mittlerweile die Saga umgeht, er sei ein Nazi gewesen. Aber wer im Jahre 1883 das Zeitliche segnete, wird kaum für deutsche Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts haftbar gemacht werden können. Und wir müssen uns eben den Wagner denken, der 1849, nach dem Aufruhr in Dresden, steckbrieflich gesucht wurde als ein Anhänger der 48er-Revolution. Dass er ein besonders frommer evangelischer Christ gewesen sei, ist eine andere Frage. Aber er entstammte eben diesem geistigen Milieu, als Thomasschüler in Leipzig, als Komponist des für die Dresdner Frauenkirche bestimmten „Liebesmahls der Apostel“, als Schöpfer des nicht vertonten eigenen Versepos „Jesus von Nazareth“, als „Lohengrin“, „Meistersinger“ und „Parsifal“. Sein „Holländer“ ist ohne Mendelssohns „Elias“ nicht zu denken, einmal abgesehen vom lutherischen Impetus im „Rienzi“ und im „Tannhäuser“ –  oder von der Bachschen Polyphonie im Nürnberger Drama, im „Tristan“ und im gesamten „Ring“. Wenn jemand Aufklärung popularisiert hat in Deutschland, dann waren es Wagner und seine Mitstreiter. Das kirchliche Christentum wurde bei ihnen geweitet in eine Weltanschauung, die sowohl dem wissenschaftlich Zweifelnden als auch dem künstlerisch Begeisterten Heimat verschaffte. Manchmal wird das als „Menschheitsreligion“ bezeichnet.

Goethe, Kant und Mozart waren dafür „Urväter“ und Vermittler, Schleiermacher, Hegel und Beethoven folgten ihnen auf je ihre Weise nach. Lessing, Leibniz und Bach gingen ihnen voran, und niemand von diesen Großen hätte sich nur im entferntesten vorstellen können, dass diese Form von Bildung und Anstand in der Katastrophe des sogenannten „Dritten Reichs“ enden würde. Wäre man doch nur beim „Ersten Reich“ geblieben, jenem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, das 1806, einfach so mitten in den Sommerferien, aufgelöst wurde … Aber wir wollen ja nicht klagen. Es ging weiter, und nun haben wir es heute mit einer Kanzlerin zu tun, die, gut evangelisch, Gutes mit Gutgemeintem vermengt, vermischt und am Ende verwechselt.

Es ist die „Alternative für Deutschland“, die nun alles durcheinanderbringt. Diese Partei hatte sich zunächst durch ihre Kritik an der europäischen Gemeinschaftswährung bekanntgemacht. Mittlerweile hat sie sich ihrer finanzpolitischen Elite entledigt und zeigt ihre Pegida-Fratze. Aber in diesem abscheulichen Tun legt sie den Finger in die Wunde eines abgehalfterten Europa, das zwar immer von „Werten“ spricht, zugleich jedoch die eigenen christlichen Errungenschaften in Abrede stellt. Die „politische Korrektheit“ greift derart um sich, dass das Reichsmuseum zu Amsterdam nun beispielsweise meint, alle irgendwie als anstößig empfindbaren Titel unter unsterblichen Rembrandtgemälden verändern zu müssen. Wie doof ist das denn?

Hier im föderalen Deutschland  entblödet sich eine Ministerpräsidentin nicht, einer „Elefantenrunde“ einen Korb zu geben, weil eben unliebsame andere Parteien ihre Vertreter in die Sendung des Südwestrundfunks schicken könnten. Liebe Frau Malu Dreyer, Sie sind einfach nur feige. Wenn Sie schon Böses ausgemacht haben wollen, dann stellen Sie sich doch furchtlos und engagiert und argumentativ super bewaffnet diesen Gegnern! Wahlkampf ist etwas anderes als eine jener schrecklich langweiligen neudeutschen Podiumsdiskussionen, auf denen sich am Anfang wie am Ende alle immer nur liebhaben!

Schließlich, nach Merkel und Malu, ist noch eines geschundenen Landes zu gedenken. Aus ihm kommen meines Wissens kaum Flüchtlinge hierher. Aber sie wären unbedingt willkommen, sollten sie sich aus ihrem Land auf den Weg machen. Dort, in den Bibliotheken, lagert literarisches, philosophisches und musikalisches Weltwissen. Es ist die Tragik unserer Zeit, dass wir vor lauter Islamhasserei diesen kulturellen Schätzen keine Aufmerksamkeit, kein Nachdenken, kein Gehör schenken. Dabei wäre es die Mystik, die alle Religionen versöhnen könnte. Da ist die jüdische Kabbala, die christliche innere Versenkung, die islamische Sufi-Bewegung. Seit Jahrhunderten. Von Mali aus wäre ein neuer Aufbruch doch zumindest denkbar. Oder? Weltmusik ist dort entstanden, die sich mit Psalmodien und Choralmelodien verbinden kann und auch international bereits verbunden hat. Wäre nicht die Musik, als echtes einmaliges Zeugnis des Abendlandes, bereit, sich mit ihren Vorfahren aus Jerusalem und Timbuktu zu vereinigen?

img_20161004_002708

Alles das ist möglich, wenn wir hier in Deutschland uns der eigenen christlichen Wurzeln bewusst bleiben. Denn man ist immer stark, wenn der eigene Glaube gepflegt wird. Eine „Islamisierung des Abendlandes“ muss niemand befürchten, der sich dem erlernten Christentum widmet und treu zu ihm steht. Pegida und die neuen Nazis halten nichts von den Kirchen – so wenig wie weiland die Machthaber des Dritten Reichs und der „DDR“. Und, meine lieben Kirchenleute, leider muss daran erinnert werden: Das Gutgemeinte ist nicht immer automatisch gut. Flausen im Kopf gehen an der Realität vorbei. Im übrigen gilt allen, die Merkel, Malu und Mali uneingeschränkt toll finden oder sie andererseits total ablehnen, das Wort, das einst auf Willy Wolke gemünzt war und uns immer wieder realpolitisch traurig macht, seitdem sein Urheber – wider Erwarten – dann doch mit 96 Jahren verstarb: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“.

Abbildung: Detail aus „Madonna mit Kind und musizierenden Engeln“, Lombardische Schule um 1500, auf dem Schutzumschlag zu: Musica. Geistliche und weltliche Musik des Mittelalters. Herausgegeben von Vera Minazzi unter Mitarbeit von Cesarino Ruini. Aus dem Italienischen, Englischen und Französischen übersetzt von Yvonne El Saman. Freiburg im Breisgau 2011.