Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Jüngst konnten wir den 175. Geburtstag des Philologen, Philosophen, Schriftstellers, Dichters und Komponisten Friedrich Wilhelm Nietzsche (*15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen / + 25. August 1900 in Weimar) feiern. Man wird nicht sagen können, dass dieses Jubiläum die Tiefen der Bevölkerung im heutigen Deutschland erreicht habe. Vieles in Nietzsches Denken wurde nach dem Zweiten Weltkrieg und wird heute wiederum jenem nationalistischen Gedankengut zugerechnet, dem wir Biodeutschen schnurstracks wiederum willig zu folgen und in eine Neuauflage des Dritten Reiches hineinzumarschieren bereitstünden, sofern es ungefiltert uns in seinen Werken begegne.

Jedenfalls war Nietzsche zum Beispiel in der DDR nur denen zugänglich, die sich wissenschaftlich betätigten, mithin sich zuverlässig im framing  des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates bewegten. Aber auch bei uns in Westdeutschland galten die von Nietzsche Begeisterten als verdächtig: Begriffe wie „Herrenmoral“ und „Übermensch“, sodann seine Frauenfeindlichkeit („… vergiss die Peitsche nicht“) sowie das gesamte Ziel seiner macchiavellistisch anmutenden denkerischen Anstrengungen („Der Wille zur Macht“) ließen ihn doch jedem politisch selbstverorteten dezidiert Nicht-Rechten deutlich unsympathischer wirken als – sagen wir: – Kant, Hegel oder Marx. Nietzsche der Macho, Nietzsche der Nazivordenker, Nietzsche der Wagnerianer, Nietzsche der Antichrist. Damit war er abgestempelt und mithin erledigt.

Doch Jünglingsmeinungen sind zum Glück leicht erschütterbar, zumindest aber angenehm biegsam sowie durchaus fähig, neue Aspekte aufzunehmen und ins eigene bisherige Weltbild zu implementieren: – sofern das Gift des Fanatischen noch nicht gewirkt hat. Gegen glühenden Nietzsche-Hass hatte ich selbst mich in jungen Jahren schon deswegen immunisiert, weil mein eigentlicher innerer Brandherd musikalischer Natur war. So nahm ich denn eher herzlichen Anteil an Nietzsches durchfantasierten Nächten am Klavier, an seinen Kompositionsversuchen und gefühlvollen Sologesängen … Aus all dem sollte eine große Künstlerkarriere erwachsen … Allein an Disziplin mangelte es. Nietzsche hat stets in tönender Selbstberauschung sein eigenes satztechnisches Unvermögen überspielt, ohne sich dies je ehrlich einzugestehen.

Es war Richard Wagner (*1813 in Leipzig / +1883 in Venedig), der ihm da auf die Schliche kam.  Daher Nietzsches Umschlag von höchster Liebe zu blankem Hass – sein „Fall Wagner“ ist eine Abrechnung weit über den Tod des Meisters hinaus. Von ihm in seinem kompositorischen Schaffen nicht anerkannt zu sein, ja mehr noch: dem Wagner-Kreis Anlass zu Ironie und Spott geliefert zu haben – davon hat der zutiefst gekränkte Nietzsche sich intellektuell nie wieder richtig erholt. – Aber auch die Philologie, sein ureigenes und professionelles métier, ließ ihn am Ende freudlos zurück. Als noch nicht Fünfundzwanzigjähriger hatte die Universität Basel ihn auf einen außerplanmäßigen Lehrstuhl gesetzt, ein Jahr später, 1870, wurde Nietzsche ordentlicher Professor dortselbst. Er gab seine Hochschullehrertätigkeit aber aus gesundheitlichen Gründen 1879 auf und lebte die nächsten zehn Jahre unstet in Graubünden, an der Côte d’Azur, in Ligurien und im Piemont. In Turin brach er im Januar 1889 zusammen. Sein ehemaliger Basler Kollege, der Neutestamentler Franz Overbeck, vermittelte ihn nach Jena, wo Nietzsches Mutter weitere Hilfe veranlasste. Nach deren Tod nahm sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar des geistig Umnachteten an.

Die Ehre Nietzsches aus der Natur

Der Bruch mit Wagner und die Aufgabe seines Professorenamtes im bürgerlichen Bildungsbetrieb machten aus Nietzsche jenen kühnen Aphoristiker und unabhängigen Propheten einer neuen Zeit, als der er seitdem in der großen Bandbreite von klug bis ratlos rezipiert wird. Von feiner Hintersinnigkeit bis zum groben Missbrauch für staatliche Ideologen und brutale Propagandisten hat das Werk des Pfarrerssohns alles über sich ergehen lassen müssen. Der Schüler in Schulpforta (Naumburg a.S.) sowie der Student in Bonn und Leipzig hätte sich in seiner zarten Empfindsamkeit all das nie träumen lassen. Aber unkonventionell und geistig die anderen weit überragend war er von Anfang an. Er schrieb Briefe und Gedichte in griechischen Versmaßen, hatte Sinn für die Schönheiten der Natur, war aber auch eigentümlich gehemmt, was sich in einer das ganze Leben durchziehenden Selbstisolierung auswirkte. „Frei aber einsam“, das Motto einer Sonate, an der Johannes Brahms (1833-1897) mitschuf, könnte man auf das (Künstler-)Leben Nietzsches übertragen, wenn der denn nicht Brahms so geringgeschätzt hätte. Philiströs kam er ihm vor, ebenso wie alle anderen Deutschen, die sich stolz auf ihr Bismarckreich wähnten. Nietzsche sprach von der Reichsgründung 1870/71 nur im Modus tiefster Verachtung.

Ich las also auch davon: Dann war er demnach gar nicht so deutschtümelnd-herrisch, wie man sonst hörte! Und die lebenslange Beschäftigung mit der Musik machte wohl auch seine geschriebene Sprache so anziehend, volltönend und lebendig, wie sie war! Besonders begeisterte mich die schriftlich niedergelegte Freiheit, mit der er sich im Völlegefühl und Übermaß einer außergewöhnlichen Interpunktion bediente: Das steigerte den Ausdruck ungemein, überall Sforzati, Interruptionen, Anflüge von Bagatellen, Impromptus, Grillen und dröhnenden Ostinatobässen. Konnte es nicht sein, dass sich hier ein fröhlich enthemmter Freigeist Bahn brach, genüsslich die gesamte abendländische Geistesgeschichte von hoher musikalischer Warte aus hellsichtig überblickend, mit untrüglicher Sympathie für das Sonnige und Heitere? „Denn alle Lust / will tiefe tiefe Ewigkeit“: Also sprach Zarathustra alias Nietzsche.

Mit der Entdeckung dieser unerträglichen, aber in Zukunft gewiss zu erreichenden Leichtigkeit des Seins hat sich Nietzsche nicht nur zu den Bräsigen in den Bildungswelten in einen unüberbrückbaren Gegensatz gebracht, sondern auch zum in seiner Zeit vorherrschenden Verständnis von Staat und Kirche. So erklärt sich seine Begeisterung für die Macht- und Kraftmenschen der Renaissance in Italien, nimmt er doch beispielweise Partei für den lebensprallen Césare Borgia und gegen den deutschen Mönch Martin Luther, dessen Anliegen jene neiderfüllte kleingeistige Sklavenwelt zurückrufe, die man unter südlicher Sonne gerade hinter sich gelassen habe im Namen wahrhaftiger Humanität. So nennt sich Nietzsche ganz bewusst in seinem letzten vollendeten Buch „Der Antichrist“. Nicht so sehr ein religionsfeindliches, sondern das sich hier meldende kulturkritische Potential dieser „Anklage“ ist bis heute virulent.

Und wie ging es musikalisch aus mit Nietzsche? Sein neuer Stern wurde Georges Bizet (1838-1875), jener frühverstorbene Franzose, dessen „Carmen“-Musik grenzüberschreitend in ganz Europa erfolgreich aufgeführt und begeistert aufgenommen wurde. Hier sah Nietzsche die Kunst auf einem neuen hellen fortschrittlichen Weg, von allem Bombast und Ballast befreit, dadurch in neuer Frische heilsam verjüngt. Der kulturell altgewordene und absterbende décadent weicht dem alles überwindenden Übermenschen, der kraftvoll das Leben in die eigene Hand nimmt. Nietzsches durch und durch in Syntax wie Semantik bestimmte Aneignung des Tonfalls der Lutherbibel, aber auch seine tränenreiche Rührung hervorrufenden Erlebnisse von Aufführungen der Bachschen Matthäuspassion zeugen wiederum von einem offenen Geist, der die tatsächlich großartigen geistlichen Schöpfungen als solche trotz aller Widersprüche dankbar anerkennt.

Die Entdeckung der Heiterkeit als ursprünglich und unmittelbar kulturell notwendig ließ mich in jungen Jahren nicht ruhen. Und so schrieb ich eines Tages folgende Verse, von den weisen Worten Zarathustras inspiriert, aber dann doch wieder verunsichert durch Nietzsches Eigensinn. Hier und heute lege ich offen, was ich seit dem Jahre 1992 der geneigten Öffentlichkeit verschwiegen habe, egal, ob es sie jemals interessiert hat. Die sächsische Bischofskrise verhilft also zu staunenswerten Schritten unfreiwilliger Selbstanzeige. Wie in meinem letzten Beitrag angekündigt, gehe ich dabei indes äußerst scheibchenweise vor. Ich bilde mir ein, dafür Zeit zu haben, zumal ich bisher kein Amt anstrebe, das ein kleinkariertes Durchwühlen meiner gesamten bisherigen Vita zur Voraussetzung von dessen Annahme hätte. Aber man weiß ja nie. Das gegenwärtige Kesseltreiben im aktuellen Dresdner Aufstand gestaltet sich erbärmlich, da ist vielleicht eine Erinnerung an das Bonn-Berlin-Gesetz und überhaupt die Imaginierung der damaligen Situation der Zeit nicht völlig abwegig. In diesem augenzwinkernden Sinne: Viel Spaß!

 

Der Nietzsche saß auf einem Baum,

Derhalben lustig anzuschaun,

Was ihn jedoch nur mehr verdross:

Gar giftig wirkte sein Geschoss:

„Du seist gebannt, gebrannt, gebongt,

Willst tiefe, tiefe Ewigkongt,

Es bongt, es bonnt, berlint sodann:

Dies sei der auferlegte Bann!“

Und Spinnen krochen auch empor,

Verliehn ihm einen Trauerflor,

Ich meinesteils war ganz von Socken,

Wie ich ihn fluchend sah dort hocken,

Gleich einer Eule, die nachts ruft

Aus dunkler tiefer Ewiggruft.

Mein Lieber, sind wir nicht verwandt?

Warum hast du mich so gebannt?

Und noch dazu gebrannt, gelocht,

Zerhackt, wie wenn ich dich nicht mocht’?

Ich hab gelacht, weil du saß’st lustig,

Schon ging das Lachen mir verlustig ….

So schnell kann’s gehn mit Heiterkeit,

Die doch nichts will als – Ewigkeit!

 

Zur Abrundung der Stimmung zeigt das Foto den Friedhof einer nordwestdeutschen Kreisstadt.

Hoffmann

Vor zweihundertvierzig Jahren, am 24. Januar 1776, kommt im ostpreußischen Königsberg ein Kind namens Ernst Theodor Wilhelm zur Welt, Sohn des verkrachten Ehepaares Hoffmann, das sich zwei Jahre später scheiden lässt. Modernität in ihrer tragischen Ausformung liegt also, zweifelhaft „zeitgemäß“, von Anfang an in diesem Lebensweg beschlossen. Schon früh zeigen sich indes vielfältige Begabungen. Aus Verehrung für Mozart ersetzt der Endzwanziger seinen „Wilhelm“ deshalb durch „Amadeus“. Seitdem kennt ihn die musikalisch, zeichnerisch und literarisch geneigte Öffentlichkeit als E.T.A. Hoffmann. Es gibt wenige, die das geschafft haben: als gebunden durchgesprochenes Buchstabenkürzel in die Kulturgeschichte einzugehen. „Ethea“ hielt ich in jungen unschuldigen Jahren vom Hörensagen her für einen eleganten Mädchennamen – ein bisschen vergleichbar vielleicht dem kleinen Theodor W. Adorno (auch ein bekannter Kürzelträger, wenngleich nur eindimensional), der bei Beethovens Waldsteinsonate an einen Stein im Wald dachte…

… bis ich als Vierzehnjähriger Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ kennenlernte: Von deren leidenschaftlicher Wucht wurde ich gleichsam übermannt, geht es doch darin um Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Der pränatal eingepflanzte Zwang des Goldschmieds Cardillac, sich seine verkauften Unikate nächtlich raubmordend wieder anzueignen, wird derart überzeugend – neudeutsch: „alternativlos“ – in Anschlag gebracht, dass man einigermaßen dankbar einen vagen Begriff davon bekommen kann, was wir heutzutage an dem aufgeklärt-humanen Rechtsstaat haben, der immer auch den Motiven für Straftaten nachspürt und selbst dem wegen schlimmster Vergehen Angeklagten die Möglichkeit gibt, sich zu erklären.

An einer menschlichen Justiz hat Hoffmann von Berufs wegen mitgewirkt, als studierter Jurist im preußischen Staatsdienst in Posen und Plock, in Warschau und Berlin. Der Kammergerichtsrat sitzt zum Ende seiner Laufbahn im Oberappellationssenat, wo über Berufungen gegen vorangegangene Gerichtsurteile letztinstanzlich entschieden wird. Zudem ist er Mitglied der nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 eingesetzten „Immediatkommission zur Ermittelung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Da kann er gewissermaßen von innen heraus die Machenschaften und Vorverurteilungen eines zunehmend diktatorisch geprägten Behördenapparates studieren. Haben ihm diverse treffsichere eigenhändige Karikaturen, auf denen sich hochmögende Posener Bürger wiedererkannten, bereits in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts eine Strafversetzung eingebrockt (oder, wie man mit dem Namen des Verbannungsortes kalauern mag: eingeplockt), strengt man nun, in Zeiten einer Mischung aus Stasi-Überwachungswahn, Mc-Carthy-Ära und Patriot-Act-Manie, aufgrund eines die kriminalistischen Zustände ironisierenden Kapitels im „Meister Floh“ ein Disziplinarverfahren gegen ihn an. Wer will sich schon vorführen lassen als unfähiger Fahnder, der bloße Willkür walten lässt und zur Not völlig Unschuldige zu Tätern macht! -Die Entlassung wird nur deshalb nicht wirksam, weil Hoffmann am 25. Juni 1822 seiner letzten schweren Krankheit erliegt.

Nun könnte der Eindruck entstehen: Eigentlich ein versierter Beamter, der sich dummerweise bei einigen künstlerischen Unregelmäßigkeiten – womöglich an sich nicht schlimm und einem Scheidungskind vergebbar – hat ertappen lassen. Musste das denn sein? Um gleich die Antwort zu geben: Ja. Denn Hoffmann ist nicht erledigt, wollte man ihn außerhalb seines Brotberufs etwa als Hobbymusiker, Gelegenheitszeichner oder Möchtegernschriftsteller abtun. Die Kunst ist ihm keineswegs eine Freizeitbeschäftigung, vielmehr wird sie frühzeitig nicht nur seine zweite, sondern im Selbstverständnis seine allererste Natur: Der staatstragende Wilhelm verschwindet zugunsten eines – romantisch verstandenen – Amadeus. Diese identitätssteigernde Mozartverehrung eröffnet ihm ein phantastisches Geisterreich, ein üppiges Seelenleben, wo sowohl Humor als auch abgrundtiefe Finsternis herrschen dürfen, in aller Freiheit. „Cosi fan tutte“ und „Don Juan“ sind ihm gleichbedeutend, also das heitere Vexierspiel in der einen wie die hoffnungslose Verdammung zur Hölle in der anderen Opernmusik. Der Königsberger Schüler und Student nimmt alles hellwach auf, was an neuer Musik an sein Ohr dringt. Hoffmann ist immerhin schon fast sechzehn Jahre alt, als die Nachricht vom allzu frühen Ableben Mozarts sich verbreitet. Wiener Klassik und Berliner Frühromantik sind also noch im Werden. Von einem Beethoven ist Anfang der 1790er Jahre noch nichts Genaueres bekannt. Hoffmann erteilt Musikstunden mithin ganz im gängigen mozartschen Geist, inclusive Amouren mit seinen Schülerinnen & cetera … Liebeslied und Liebesleid ergänzen und umschlingen einander, oft ist das eine vom anderen nicht zu unterscheiden. Mit Freunden trifft er sich zu literarischen Abenden, in frühromantischer Begeisterung für alle erdenklichen Welträtsel, doch zugleich – in der Stadt des bis 1804 lebenden Professors Immanuel Kant! – in gesunder Skepsis gegen die irdischen Sinne, die bekanntlich ja auch täuschen können.

Als Referendar in Berlin nimmt Hoffmann die Gelegenheit wahr, sich professionell musikalisch weiterzubilden. 1801, bei einer Reise nach Königsberg, Danzig und Elbing, trifft er seinen besten Freund Theodor Gottlieb von Hippel – Humoristensohn – wieder. Ein erstes eigenes Singspiel kommt zur Aufführung. Das ist sein künstlerisches Debüt, zwei Jahre, bevor er auch als Schriftsteller mit gedruckten Texten in Erscheinung tritt. Dann geht es Schlag auf Schlag: Nach seiner Heirat 1802 zieht Hoffmann 1804 nach Warschau, wo dem Ehepaar eine – früh wieder verstorbene – Tochter geboren wird. Er findet dichterisch Anschluss an die Romantik, besonders im Austausch mit Zacharias Werner und Julius Eduard Hitzig. Zugleich gründet er die „Musikalische Gesellschaft“, bringt 1805 ein weiteres Singspiel auf die Bühne, komponiert eine Messe in d-moll und führt seine Es-Dur-Symphonie auf, in der Mozarts „Schwanengesang“ anklingt, aber auch die gerade veröffentlichte „Eroica“ Beethovens. Nach diesen „heroischen“ Tönen zieht denn auch L’Empéreur höchstpersönlich in Warschau ein. Die preußischen Beamten sind ihre Stellen los, die französische Verwaltung übernimmt mit ihren eigenen Leuten.

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Nach einem kurzen Aufenthalt neuerlich in Berlin, wo er vermutlich die meisten seiner fünf erhaltenen Klaviersonaten konzipiert, nimmt Hoffmann das Angebot an, als Kapellmeister an das Theater in Bamberg zu gehen. Von 1808 bis 1812 hält er sich dort notdürftig über Wasser, weil er gleich nach den ersten Wochen als Dirigent gemobbt und ausgebootet wird. Fortan ist er gezwungen, sich als Theaterkomponist, Kulissenmaler, Bühnenarchitekt und Musiklehrer zu verdingen. Alles, was er künstlerisch gelernt hat, lässt ihn in dieser wohl dunkelsten Zeit seines Erdenlaufs überleben. Und er findet Kontakt zur „Musikalischen Zeitung“, in der 1809 die Erzählung „Ritter Gluck“ erscheint. Weitere musikalische Dichtungen und Aufsätze machen Hoffmann vor allem als ebenso fachlich beschlagenen wie auch von der bis dahin unerhörten Ausdruckskraft namentlich der Beethoven-Symphonien beseelten tiefsinnigen Rezensenten bekannt. Wie absolut die reine Instrumentalmusik sein könne und inwiefern Mozart und Beethoven hier bleibende Maßstäbe setzen, ist eine von vielen Einzelfragen, denen sich Hoffmann unter dem Aspekt des „Romantischen“ und des „Phantastischen“ widmet. Ein weiterer Schwerpunkt seiner musikschriftstellerischen Tätigkeit ist die Kirchenmusik. Hier beeindruckt den Leser die Kenntnis namentlich der älteren italienischen musica sacra. Besonders intensiv aber setzt er sich mit der Oper auseinander, im Sinne eines Gesamtkunstwerks, das dem jungen Richard Wagner als Leitbild dienen wird. „Der Dichter und der Komponist“, im Geburtsjahr Wagners 1813 erschienen, liest sich nachgerade als programmatische Schrift für die künftigen Musikdramen des Bayreuther Meisters, aber auch als eine Dichtung, an die dann ein Friedrich Nietzsche anknüpfen kann mit seinem Gedanken der „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“.  Besonders auffällig ist in Hoffmanns Text, dass er, abgesehen von einer erzählenden Rahmenhandlung, im Hauptteil dialogisch gestaltet ist.  Ein kleiner Nachhall von wirklichen Gesprächen unter Freunden? In dem vierbändigen, knapp tausend Seiten starken Buch von den Serapionsbrüdern werden uns solche Unterhaltungen in geselliger Runde dann mit allem Zubehör in epischer Breite und Länge, aber keinen Augenblick langweilig, vor Augen gemalt.

1813 und 1814 sehen wir Hoffmann als Kapellmeister und Schriftsteller in Dresden und Leipzig. Seine Märchenoper „Undine“ entsteht – sie wird 1816 in Berlin uraufgeführt – , nach der Vorlage von Friedrich de la Motte Fouqué. Und nun beginnt auch die Produktion seiner Bücher, für die er weltberühmt geworden ist: „Fantasiestücke in Callots Manier“, „Der goldene Topf“, „Die Elixiere des Teufels“. Ab 1814 ist er wieder als Beamter in Berlin; es folgen innerhalb der nächsten sieben Jahre „Nachtstücke“, „Die Serapionsbrüder“, diverse Märchen und, gegen Ende, „Lebens-Ansichten des Katers Murr“.  Wahnsinnswerke in gellendem Humor, überbordender Komik, aber zugleich doppelbödiger Psychologie und künstlerischer Exaltation. Da ist in unzähligen Einzelstücken wie auch in ganzen Romanen viel von Tapetentüren die Rede, lüsternen Mönchen, verführten Töchtern, traurigen Musikautomaten und gelehrten Wissenschaftlern, die sich den neuesten Geheimexperimenten hingeben – oder dem Okkultismus frönen, wer weiß das schon so genau? Sprechende Tiere erweisen sich als die besseren Beobachter, öde Häuser und finstere Sandmänner lassen erschaudern. Von Wiedergängern und Maschinenmenschen ist zu lesen, die ganze moderne Welt in ihren grellen unwirklichen Freuden und tatsächlichen panoptischen Abgründen blitzt auf und dampft düster vor sich hin. Gern bleibt unklar, wo der Spuk beginnt, wo er endet – und ob er nicht vielleicht die Wirklichkeit eher trifft als das, was in Raum und Zeit greifbar erscheint.

Das alles hat in der künstlerischen europäischen Welt großen Eindruck hinterlassen. Robert Schumanns „Kreisleriana“ sind einer der ersten großen Nachklänge. Russische, angloamerikanische und französische Dichter mit Neigungen zur sogenannten „Schauerromantik“ haben ihren „Gespenster-Hoffmann“ gelesen. Tschaikowskis „Nussknacker“ setzt das gleichnamige Märchen in unsterbliche Töne, und die einzige große Oper von Jacques Offenbach behandelt „Hoffmanns Erzählungen“ in einer überzeugenden mélange. Paul Hindemiths „Cardillac“ nimmt sich des unheimlichen Stoffes aus dem „Fräulein von Scuderi“ an, und der „Sandmann“ ist in seiner Düsternis immer wieder ein Schreckensbild für die aufziehende, bis heute andauernde sogenannte „Moderne“. Übrigens gibt es ein eigenes Adjektiv, das auf unser Geburtstagskind verweist. Das hat für den allgemeinen Sprachgebrauch in literarischen Dingen meines Wissens seitdem nur noch Kafka geschafft. Mit der französischen Frageformel est-ce que, also „ist das wie“ –  eingedeutscht: „esk“. „Wie bei Hoffmann“, also „hoffmannesk“ geht es zum Beispiel auch in Hesses „Steppenwolf“ zu, in den Spiegelkabinetten auf den hinteren Seiten, wo Mozart am Ende nur noch lacht …

In seinem einzigen Brief an Hoffmann schreibt Beethoven am 23. März 1820: „Ich ergreife die Gelegenheit, durch Herrn N. mich einem so geistreichen Manne wie Sie sind, zu nähern. Auch über meine Wenigkeit haben Sie geschrieben, auch unser Herr N. N. zeigte mir in seinem Stammbuche einige Zeilen von Ihnen über mich. Sie nehmen also, wie ich glauben muss, einigen Anteil an mir. Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit so ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne Ihresgleichen mir sehr wohl tut. Ich wünsche Ihnen alles Schöne und Gute“ … So hat Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gewirkt. In Abwandlung eines Wortes des Grafen Waldstein an den jungen Bonner Meister, als der im Begriff stand, nach Wien zu gehen, ließe sich sagen: Hoffmann hat Mozarts Geist in Beethovens Händen weiterwirken sehen. Als Musiker hat er beide bewundert und sie als die unbestritten Größten anerkannt. Auch das hebt den modernen Romantiker aus Königsberg weit über alle, die man „Kleinmeister“ nennt. Und das alles aus dem Geist der Musik.

Abbildung: Takte aus dem letzten Satz der Klaviersonate f-moll (Allroggen-Verzeichnis Nr. 27) von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann.