Heiteres Beruferaten

Dass die Sinne uns täuschen können, wissen wir spätestens seit Immanuel Kant, und es gehört zu einem anständigen Preußen, dieser Erkenntnis immer wieder neu aufzuhelfen. So hat das auch Victor von Bülow alias Loriot gern gehalten. In der siebzehnten Ausgabe seiner Fernsehreihe „Cartoon“, ausgestrahlt im September 1971, parodiert er Robert Lembkes Kultsendung „Was bin ich?“, indem er einen Mann in Schornsteinfegerkluft zu Gast hat, von dem sich dann aber herausstellt, dass er von Beruf Bäcker ist.

Das vierköpfige Rate-Team erhält keine einzige Ja-Antwort, stattdessen kassiert „Heinz“ gleich vier von zehn möglichen Neins auf einmal für seine höchst komplexe Frage: „Gehe ich also nicht recht in der Annahme, dass Sie kein Angehöriger des Managements, der Verwaltung, des Schuldienstes oder des Offizierkorps der Bundeswehr sind?“ – Als letztes ist „Babette“ an der Reihe, lose anknüpfend an ihr Anliegen im ersten Durchgang („Würden Sie mit dem, was Sie können, mir persönlich eine Freude machen?“ – woraufhin  „Annemarie“ nachhakt: „Sind Sie dann im weitesten Sinne politisch tätig?“) und nun messerscharf schlussfolgernd: „Dann müssen Sie ****** sein!“

So, liebe Leserinnen und Leser, hier sind Sie jetzt gefragt! Was ist der vermutete Beruf mit sechs Buchstaben, den ich hier sternchenweise angedeutet habe? Was hat „Babette“ da vor fünfundvierzig Jahren konsequent und alternativlos laut zu Ende gedacht, um doch so himmelweit danebenzulangen? Ich kann es mir nur so erklären, dass sie hauptsächlich schwarz sieht und offensichtlich ganz am Anfang nicht richtig zugehört hat. Da fragt nämlich „Mario“, ob ein Universitätsstudium nötig sei. Für die von uns gesuchte Profession, anders als damals beim mit einem vollen blauen Schweinderl abziehenden „Herrn Mielke“ des Loriot-Lembke, braucht man das normalerweise allerdings.

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Warum diese hier sicherlich unvermutet angebotene Mitmachaktion? Ein bisschen zur persönlichen Auflockerung. Meine letzten Beiträge hatten ja die bedenkliche Tendenz, lang und länger zu werden. Daher also zur Abwechslung mal etwas erheblich Kürzeres. Es kam überdies folgende Frage einer Kollegin auf: „Warum sitzt jemand mit einem derart tiefsinnigen, originellen Breitbandverstand eigentlich nicht an der Uni – zum Beispiel als lebendes Bollwerk gegen die Schmalspur-Experten?“ – Ich danke für alle Kritik und Ermutigung. Dabei ist mir dann aufgefallen, dass es um einen Berufsstand geht, dem nachgesagt wird, er könne alles, aber nichts richtig. Wie passend, dass ich einen Zettel fand mit diesen Zeilen:

Ich kann singen und sprechen, ein Klavier behämmern und die Orgel schlagen, einen Chor leiten und Sitzungen präsidieren, dirigieren und insinuieren, lesen und schreiben, das Wort erteilen und wieder entziehen, ein bisschen im Kopf rechnen und öffentliche Gelder zusammenhalten, Frieden schaffen und Widerspruch ernten, leise sein und laut, planen und skizzieren, beten und arbeiten, zweifeln und faulenzen, ausweichen und angehen, dozieren und schweigen, bekritteln und großzügig drüberhinwegsehen, träge herumnörgeln und geistreich beleben, interessiert nachfragen und stoisch alles über mich ergehen lassen, zärtlich berühren und brüsk abweisen, mich freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden, klug sein wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, Ausflüge unternehmen und im stillen Kämmerlein sitzen, schlaue Bücher studieren und langen Reden zuhören, geduldig sein und sichtlich genervt, essen und trinken, Bildung verteidigen und Wissenslücken zugeben, auf dem Feld der Atomphysik passen und im Blick aufs Fußballfeld beim Erklären der Abseitsregel.

Für heute genug, satis est. Wer die zutreffende Lösung hat, teile sie mir unverbindlich mit. Jedes Menschenkind, das erfolgreich mitwirkt und die sei stelle mit den richtigen Buchstaben ausfüllt, möge ein beliebiges, gleichwohl irgendwie mit meinen Kräften zu bewältigendes Thema vorschlagen, das ich dann hier zur Sprache zu bringen versuche. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Von meinem alten Französischlehrer stammt die Empfehlung, stets geistig derart fit zu sein, dass man zu allem in freier Rede unvorbereitet einen Vortrag von einer Viertelstunde Länge halten kann – und sei es einer über die Regenrinne. In diesem Sinne wünsche ich mit Loriots Worten „viel Geduld und Fingerspitzengefühl“.

Foto: Ein Siebzehnjähriger vor dem Zeitpunkt seiner endgültigen Berufswahl.