Heilige Weisheit?

Jetzt ist es amtlich: In der Hagia Sophia zu Konstantinopel sollen wieder, wie in den Jahren von 1453 bis 1934, islamische Gebete abgehalten werden können. Orthodoxe und römisch-katholische Sprecher äußern Unmut, bis hin zum Zorn. Sie werden bestärkt von den jeweiligen Regierungsvertretern in Athen und Moskau beziehungsweise vom Heiligen Stuhl. Evangelische Repräsentanten machen sich im wesentlichen eine Stellungnahme des Weltkirchenrates zueigen und sprechen in je persönlichen Variationen ihr Bedauern aus. Sie haben allerdings kaum Rückhalt durch entsprechende Verlautbarungen aus der Politik. Interessanterweise kommt aber auch, zumindest in Deutschland, von muslimischer Seite Kritik. In der Türkei selbst sind es naturgemäß die Kemalisten, denen die Gründung der laizistischen Republik 1923 als undiskutable historische Errungenschaft erscheint.

IMG_20161006_132452 

Die Argumente gegen die Entscheidung des türkischen Obersten Verwaltungsgerichts sind vielfältig: Das Gotteshaus, anno 537 eingeweiht, sei als Kirche erbaut und müsse, wenn es denn schon kein Museum mehr sein solle, umstandslos wieder zu einer solchen werden. Es mangele in Istanbul mitnichten an Moscheen, da brauche man über die jetzt bestehenden hinaus keine weiteren. Auch sollte alles vermieden werden, was den Streit unter den Religionen neu anfachen könne; denn man lebe schließlich im 21. Jahrhundert: Aus überwundenen schlimmen Zeiten von Glaubenskriegen habe man doch hoffentlich gelernt. Toleranz sei das Gebot der Stunde und die Hagia Sophia ihr Wahrzeichen, habe doch Atatürk bei ihrer Neueröffnung als Museum im Februar 1935 von ihr als dem Ort gesprochen, wo sich einst zwei Konfessionen voneinander trennten – im Jahre 1054 die West- und die Ostkirche –  und nunmehr zwei Religionen – Christentum und Islam – zusammenfänden. Das Bauwerk trage gewissermaßen durch ihr langes 1500jähriges bloßes wenngleich wechselvolles Dasein die Botschaft des Friedens in sich.

IMG_20161006_125831

Von unbedingten Forderungen über praktische Hinweise bis hin zu idealistischen Träumereien spannt sich also der hüben wie drüben religiöse und mehr oder weniger geistreiche Bogen. Griechenland und Russland erkennen dahinter glasklar die machtpolitischen Dimensionen. Und die Menschenmenge, die vergangenen Freitag, einen Tag nach dem Urteil, sich vor dem bisherigen Museum unter freiem Himmel zum Gebet zusammenfand, war entsprechend lauthals freudig erregt von dieser „zweiten Eroberung“ und der damit verbundenen islamischen „Raumgewinnung“. Damit stand quasi die Wiederholung des 29. Mai 1453 an: Mehmet der Eroberer hatte ja durch seine Heere an diesem Tag die Hauptstadt der morgenländischen christlichen Welt zu Fall gebracht. Er, der Sultan, erklärte sich durch diese militärische Tat zum legitimen Nachfolger der römischen Kaiser und wandelte das östliche römische Reich um in jenes muslimisch-türkisch dominierte Herrschaftsgebiet, das erst rund 470 Jahre später, in der Folge des Ersten Weltkriegs, unterging. Da war also von vornherein ein Machtanspruch wirksam, der die grausamen Türkenkriege hervorrief und Europa in den nächsten drei Jahrhunderten immer wieder in Angst und Schrecken versetzte.

IMG_20161006_125910

Die Hagia Sophia aber war während all dieser historischen Ereignisse und weltgeschichtlichen Dramen nie nur ein Gotteshaus. Sie war vielmehr für rund 900 Jahre die Eigenkirche der römischen Kaiser, die von Konstantinopel aus seit dem Jahr 330 ihr christliches Reich regierten. Am „Nabel der Welt“ wurden sie, die irdisch-himmlischen Mittler, im Sinne eines Caesaropapismus gekrönt und später gern als Inhaber sowohl der weltlichen wie der geistlichen Gewalt in kunstvollen Mosaiken verewigt. Übrigens sprach seinerzeit vom „Byzantinischen Reich“ dort niemand, erst recht nicht vom „Oströmischen Reich“; denn man sah sich selbst ja als organische Fortführung des einen römischen Weltkreises, mit dem „Neuen Rom“ als Zentrum, von Konstantin dem Großen eben vom Tiber an den Bosporus verlegt und mit seinem griechischen Namen versehen: Konstantinoupolis, Konstantinopel, Stadt des Konstantin. Erst ein deutscher Bücherwurm des 16. Jahrhunderts hat den heutzutage geläufigen kulturgeschichtlichen Begriff „Byzanz“, „byzantinische Kunst“ etc. erfunden: https://feoeccard.com/2017/06/08/hieronymus-wolf/. Ab 1453 gehörte das Bauwerk dem Sultan persönlich, ganz analog zur vormals kaiserkirchlichen Bestimmung,  und wurde im Rahmen einer Stiftung folgerichtig zur Moschee. Dies legte Mehmet II. „der Eroberer“ in seinem Testament fest.

Es war nun dieses Schriftstück, das den jetzigen Richterspruch sowie die nachfolgende Entscheidung des türkischen Ministerrates begründet. Damit ist faktisch die Staatsgründung vom Oktober 1923 durch Mustafa Kemal Pascha Atatürk übergangen und für im Grunde ungültig erklärt worden. Die Republik hat in ihrem wesentlichen Gehalt aufgehört zu existieren, wenn ein Beschluss des damaligen Ministerrats vom November 1934 als nichtig bezeichnet wird, weil er angeblich gegen die Bestimmungen des Begründers eines untergegangenen Vorgängerstaates, nämlich des Osmanischen Reiches, verstößt. Dass das erste Freitagsgebet in der Hagia Sophia nach dem jüngsten Gerichtsspruch nun ausgerechnet am 24. Juli verrichtet werden wird, ist ebenfalls historisch brisant: Es ist nämlich der Jahrestag des Vertrags von Lausanne 1923. Darin wurden die neuen Grenzen der bis dahin in Besatzungszonen aufgeteilten Rest-Türkei festgelegt, unter anderem aber auch der leidvolle „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Türken und Griechen besiegelt und im übrigen etliche christliche Minderheiten, die seit 1915 Opfer des Völkermordes geworden waren, nicht weiter berücksichtigt. Das grausame Martyrium von Armeniern und Assyrern wird seitdem von offizieller Seite krampfhaft verschwiegen und seine Benennung strafrechtlich geahndet. Da sind sich Kemalisten und Erdoganisten bis heute erschreckend einig.

Das Vermächtnis des Sultans Mehmet II. legte allerdings auch für alle Zeiten fest, dass die vormaligen Kirchengebäude des römischen Staates weder zerstört noch bilderstürmerisch versehrt werden dürften. Der Eroberer von Konstantinopel hatte eine christliche Mutter, und deren Andenken verbot es dem wüsten Heerführer ganz offensichtlich, die geistlichen Kunstwerke der griechischen Orthodoxie hemmungslos zu vernichten. Die Fresken und Mosaiken etlicher byzantinischer Kirchenräume sind demzufolge erhalten geblieben, oft unter Putz oder Stoffbahnen. Mit der Umwandlung der Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum Mitte der 1930er Jahre war also auch die Freilegung von seit rund 480 Jahren verborgenen Bildwerken verbunden. Zugleich konnten Ausgrabungen stattfinden; die Archäologie kam zu ihrem Recht, Kunstgeschichte wurde legitimiert in einem Umfeld, das bis dahin von solchen Dingen kaum etwas wissen wollte. Und weil Atatürk vieles war, nur nicht religiös, konnte unter seiner Ägide das Bauwerk der Heiligen Weisheit zu einem säkularen Museum werden, das die neun Jahrhunderte als christliche Kaiserkirche und die knapp fünf Jahrhunderte als muslimische Sultansmoschee sozusagen gleichberechtigt miteinander zu präsentieren vermochte. Die Republik hielt sich aus Glaubensdingen nach außen hin heraus, während sie allerdings zugleich einseitig das Türkentum förderte, auf Kosten aller anderen Bewohner des neuen Staates. Der „europäische Staat mit islamischer Bevölkerung“, dessen Verfassung sich am französischen Laizismus und am schweizerischen Rechtssystem orientierte, war von Anfang an in einem nationalistischen Widerspruch gefangen; denn der Republikanhänger Parole „Die Türkei den Türken“ legte jegliche Religionsfreiheit in Fesseln, sofern die im Volk verwurzelte sunnitische Religion nicht, wie von Atatürk durch seine rigiden Maßnahmen erwartet, einfach binnen kurzem verschwand.

Ende von Sultanat und Kalifat, Verbot von Kopftuch und Fez, Einführung europäischen Kalenders und lateinischer Schrift sowie Installierung vor allem französisch-republikanischer Staatstugenden sollten die vormaligen „Jungtürken“ voranbringen in eine neue Zeit. Das Ganze entlarvte sich indes irgendwann als eine aufgepfropfte Ideologie, die den Menschen vor Ort mehr nahm als gab. Wer geschichtlich gewachsene Gewohnheiten mit einem Federstrich abschafft, ohne dass das Neue einen nachhaltigen Rückhalt im Volk besitzt, wird irgendwann scheitern. Und dann kommt die Stunde der Spießbürger: „Ach, sieh an, ich dacht‘ es gleich“. Dies ist jetzt der glorreiche Augenblick aller noch verbliebenen Erdoganisten. Die Hagia Sophia wird neuerlich und zum wiederholten Male ein Objekt machtpolitischer Setzung. Unser vormals christlich-politisches Europa, also das, was man mehr oder weniger romantisch mal als das Abendland bezeichnet hat, steht deshalb so fassungslos vor dieser historischen Zäsur, weil es ernstlich nicht mit der Wiederkehr des machtbewehrten Religiösen gerechnet hat. Glaube ist für die westeuropäischen Granden eigentlich nur noch etwas fürs Museum. Daher fand man den bisherigen Status der Hagia Sophia bequem, ausgewogen und in seiner nie beim Namen genannten Zahnlosigkeit touristisch wunderschön. Die Machtkämpfe dahinter wurden geflissentlich ignoriert. 

Im Jahre 2011 gab es schon einen Testlauf: Damals wurde die Hagia Sophia zu Nizäa in eine Moschee umgewandelt. Isnik, wie der Ort heute heißt, südöstlich von Istanbul gelegen, war Schauplatz des ersten sowie des siebten und letzten der Ökumenischen Konzile, also der von allen christlichen Kirchen in ihren Lehrentscheidungen anerkannten Bischofsversammlungen. Im Jahre 325 bejahte man die Frage, ob Jesus als der Christus „wahr Mensch und wahrer Gott“ sei; anno 787 entschied man abschließend, dass Bildnisse mit dem Glauben vereinbar sind. Die Kunst nahm neuen Aufschwung, unsterbliche Ikonen, Fresken und Mosaiken entstanden. Aus dieser Zeit stammen auch die Werke in der Kaiserkrönungskirche zu Konstantinopel. Aber in der vormaligen Kirche, da das Konzil gegen die Ikonoklasten, die Bilderstürmer des achten Jahrhunderts tagte, erinnert an die dort erlaubten Bilder nichts mehr.

IMG_20161007_145846

Mehrfach wechselten Konfession und Religion, im Jahr 2000 war es dem Patriarchen von Konstantinopel für einmal durch die türkische Religionsbehörde gestattet, eine Weihnachtsmesse abzuhalten. Das war’s dann. 1920 schon war diese kleine Hagia Sophia zum Museum gemacht worden, mit der Option, dass in der ehemaligen Kirche auch hin und wieder christliche Gottesdienste stattfinden könnten. Der Wind drehte sich recht bald. In Westeuropa, bei uns also, hielt sich über viele Jahrzehnte das Interesse an solchen Vorgängen oder eben Nicht-Ereignissen in überschaubaren Grenzen. So wird es auch jetzt wieder sein, bei der großen Hagia Sophia, der Heiligen Weisheit zu Konstantinopel.

Fotos (alle Aufnahmen aus dem Jahr 2016): (1) Hagia Sophia, Innenraum mit christlichen und islamischen Elementen. (2) In der Hagia Sophia wird immer irgendwo gebaut, erneuert, ausgebessert. (3) Der Nabel der Welt. (4) Kirche des Konzils 787 in Nizäa, erbaut im 4. Jahrhundert, im Laufe der Jahrhunderte mal Kirche, mal Moschee, seit 1920 Museum, seit 2011 Moschee. Die Abschnitte, wo man als Muslim beten kann, sind mit Teppichen ausgelegt. Die für das Gebet gen Mekka nicht benötigten Ecken des Gotteshauses sind weiterhin touristisch zugänglich. Wird so eine Aufteilung auch in der großen Hagia Sophia in Konstantinopel erfolgen? Und was spräche eigentlich gegen die Möglichkeit, dort neben den muslimischen Freitagsgebeten auch christliche Sonntagsgottesdienste abzuhalten?   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herders Weihnachtslied

Dass Weihnachten erst angefangen hat, ist den meisten eiligen Menschen nicht bewusst. Was sich aus der Heiligen Nacht heraus entfaltet und am Epiphaniasfest vulgo Dreikönigstag zu höchster Blüte gelangt, macht eines der unzähligen Lieder deutlich, welches hier und heute kurz betrachtet werden soll, zur im Sommer dieses Jahres anstehenden Feier des zweihundertfünfundsiebzigsten Wiegenfestes seines ersten Textdichters. Ich orientiere mich im folgenden am Evangelischen Gesangbuch (EG) von 1993 und an Herders Urfassung.

Nebenbei kommen nach- und durcheinander Baltikum und Bückeburg, Genf und Geistverwirrung, Königsberg und Kant, Ostpreußen und Oldenburg, Weimar und Weisheit, Zürich und Zarenreich sowie andere ähnlich anlautende, aber dann doch so grundverschiedene Phänomene in den gelehrten wie durchaus frommen Blick. Und vielleicht regt dieser kleine Beitrag ja auch dazu an, sich näher mit Herder zu befassen, dem Schöpfer so wirkmächtiger Begriffe wie „Volkslied“ oder „Zeitgeist“ …

EG 74 (Melodie: EG 442)

1 Du Morgenstern, du Licht vom Licht, / das durch die Finsternisse bricht, / du gingst vor aller Zeiten Lauf / in unerschaffner Klarheit auf.

2 Du Lebensquell, wir danken dir, / auf dich, Lebend´ger, hoffen wir; / denn du durchdrangst des Todes Nacht, / hast Sieg und Leben uns gebracht.

3 Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, / der du den Vater uns enthüllt, / du kamst herab ins Erdental / mit deiner Gotterkenntnis Strahl.

4 Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, / führ uns durch Finsternis zum Licht, / bleib auch am Abend dieser Welt / als Hilf und Hort uns zugesellt.

Neugier und Forscherdrang bringen Menschen, die bisher von Gott nichts Genaues wussten, zum Heiland der Welt, weitab vom Zentrum politisch-wirtschaftlicher Macht. Der Himmel auf Erden will erst entdeckt werden, aufgespürt, erwandert: Das Licht des Lebens erstrahlt im Verborgenen – weder im kaiserlichen Rom noch im Palast des Herodes, sondern schriftgemäß im judäischen Gebirge, an der Futterrinne, da Ochs und Esel sich Gute Nacht sagen. Man lese hierzu wieder einmal in Luthers unübertroffener Übersetzung Lukas 2 und Matthäus 2. Dann ist man christfestlich neuerlich althergebracht im Bilde.

Dem Weihnachtswunder eignet Ruhe, übernatürlicher Glanz, Licht durch die Finsternisse. Hintergründig klar scheint der Morgenstern, unbemerkt vom Getümmel des lauten Alltags: und doch beständig seit jeher, vor aller Zeiten Lauf. Neugier und Forscherdrang: eines bedingt das andere, und wenn beides auf gutem Wege ist, dann steckt viel Glauben darin. Die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland ist ein schönes Beispiel auch dafür, wie akademische Wissenschaft mit menschlich-unbedingtem Wissen-Wollen eine fruchtbare Verbindung eingeht und der Gotterkenntnis Strahl sich ungehindert Bahn brechen kann.

Herders Weihnachtslied

Wer glaubt, wer auf Gott vertraut, geht wach durch die Welt und wird erleuchtet vom Zeichen des Himmels selbst. Der Stern von Bethlehem verkündet: Gottes Bild ist erschienen; das Krippenkind enthüllt uns den Vater, herab ins Erdental. An Weihnachten wird uns das Geheimnis Gottes offenbar: Epiphanias bringt es auf den Erkenntnispunkt: Gott ist Mensch geworden.

Der Text unseres Liedes fußt auf einer Vorlage des Theologen Johann Gottfried Herder. Der erblickte das Licht dieser Welt vor nunmehr bald 275 Jahren, im August 1744, und schaut die ganze Klarheit des Herrn seit Dezember 1803. Er lebte hier auf Erden zu einer Zeit, da man sehr zuversichtlich war, menschliche Wissenschaft und göttliche Erkenntnis zusammenbringen zu können. Im Lichte der europäischen Aufklärung versuchte man im protestantischen Deutschland auch die Botschaft der Bibel neu zu verstehen – für einen umfassend gebildeten Pfarrer wie Herder bedeutete dies vor allem, die überlieferten Texte aus ihren eigenen Entstehungsbedingungen heraus zu deuten.

Wie so vielen Gelehrten der damaligen Zeit, so dämmert auch dem gebürtigen Ostpreußen und zwischenzeitlichen Hauslehrer und Prediger in Riga, dass wir es bei antiken, biblischen und anderen „alten“ Texten zunächst mit ganz fremden, fernen Welten zu tun haben. Sprache, Ausdruck, Denken und Brauchtum der alten Völker gilt es zu erforschen und mit gegenwärtigen Erfahrungen zu verbinden. Die Aufklärung wird in solch historischer Neugier romantisch: Auf einer stürmischen Schiffsreise durch den Ärmelkanal erinnert sich Herder unter anderem an seine Lektüre von Shakespeare-Dramen. Die rauhe aufgewühlte See wird ihm zum Sinnbild für die menschlich-allzumenschlichen Abgründe, in die hinein sich Helden wie die des englischen Dichters verstricken: zeitlos gültig, wiewohl in zeitbedingten literarischen Formen dargestellt.

Ganz am Rande hat Herder, ohne es zu ahnen, die entscheidenden Weichen für den Fortgang oldenburgischer Geschichte gestellt. Kurze Zeit nämlich war er als Lehrer im gefürsteten Bistum Lübeck angestellt. Er sollte des Herrschers schwer erziehbaren Sohn wieder in die Spur bringen. Aber der Prinz steigerte sich nur immer mehr in ausschweifenden religiösen Wahn hinein und bestand rumpelstilzchenhaft darauf, römisch-katholisch zu werden – am Hofe des reichsweit einzigen lutherischen Fürstbischofs ein Ding der Unmöglichkeit. Da wusste auch Herder irgendwann, mitten auf der Kavalierstour, die man dem Querkopf organisiert hatte, nicht weiter: Er verließ entnervt die Eutiner Reisegesellschaft und sah sich nach einer neuen Arbeitsstelle um.

Der Prinz indes wurde daraufhin entmündigt; die Erbfolge ging über auf seinen Cousin, Prinz Peter Friedrich Ludwig. Nachdem das Haus Gottorp durch einen Vertrag mit Dänemark und Russland die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst erhalten hatte, verlegte Peter Friedrich Ludwig – als sein Onkel gestorben war – die Residenz schrittweise von Eutin nach Oldenburg und regierte (bis zum Ableben des Vetters offiziell „nur“ administrativ) als Herzog über Stadt und Land. Er ist ein herausragendes Beispiel für das seit der Antike gepflegte Bild vom guten Fürsten – im Gegensatz zum Tyrannen, wie ihn im Evangelium der König Herodes verkörpert. Kein oldenburgischer Herrscher der letzten zweihundertfünfzig Jahre ist denn auch der Nachwelt so dankbar in Erinnerung geblieben wie „PFL“.

Aber zurück zum Wegbereiter dieser für den oldenburgischen Staat so glücklichen Entwicklung, zu Johann Gottfried Herder: Beginnend mit seiner Tätigkeit als Oberpfarrer in Bückeburg, seit 1771, beschäftigt er sich ausführlich mit den biblischen Ursprachen, veröffentlicht gut zehn Jahre später eine Abhandlung über die „Ebräische Poesie“. Allein aus der dichterisch klingenden „Urweissagung“ des Volkes Israel, meint er, ist die Botschaft von Gott angemessen in die Welt gekommen. – Nach 1776, als Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Weimar, zugleich Nachbar von Goethe und Schiller, hat Herder seine Gedanken weiter ausgebaut. Seine Sammlung von Sagen, Legenden und Volksliedern wird immer größer. In dieser Zeit erhält in seinem Umfeld die Melodie von „O du fröhliche“ ihre endgültige Form; und damals, wohl um das Jahr 1795, dichtet Herder ein Lied, das in Klammern die schlichte große Überschrift trägt: „Christus“.

Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefen bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf – so wird unser Herr und Heiland in Herders Urfassung unseres Liedes angeredet. Aus des Himmels Tiefen kommt des Glanzes stille Macht, sozusagen das Friedenslicht von Bethlehem, als fortwährendes Zeichen der Liebe Gottes. Das Krippenkind besucht uns in unserm Tal mit seiner Gott-Erkenntnis Strahl: Aus den weiten Tiefen des bestirnten Himmels sucht es die je und je persönlichen Finsternisse, Traurigkeiten, Ängste auf und verwandelt sie in neue Hoffnung. Der Gekreuzigte und Auferstandene bleibt bei uns, als Mitwanderer im Tal eigenen Wandelns durch die Zeitläufte.

Das Bild vom finsteren Tal, wie es besonders prominent im 23. Psalm aufscheint, mündet in Herders Urfassung des Liedes ein in die Schau des ruhenden Berges in Wolken: Auf seine Höhe sollen wir gelangen, auf ihm harret ewig Gut. Der biblische „Olymp“, der Gottesberg, von wo aus Weisung an das auserwählte Volk ergeht: der Berg Sinai, wo Mose die Zehn Gebote empfängt, kommt ebenso in den Sinn wie der prophetische Berg Zion, auf dem sich alle Völker in der Endzeit versammeln werden; wir erinnern die Weisheitssprüche Jesu, die nicht ohne Hintergedanken in der sogenannten „Bergpredigt“ zusammengestellt sind; ebenso den Berg, auf dem Jesus den vertrautesten Jüngern in überirdischem Glanz verklärt erscheint.

Der Gesetzesberg erweist sich als der Höhenzug des Evangeliums. Das Wort von Herders philosophischem Landsmann Immanuel Kant vom „bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“ mag anklingen. Der des Todes Nacht durchdrungen hat, der als der Auferstandene Erkannte ist Hilf und Hort; zu ihm darf gerufen werden in begründeter Hoffnung und mit Anklang an die Emmausjünger: Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht.

Im Gesangbuch ist das Lied der Melodie „Steht auf, ihr lieben Kinderlein“ des Lutherschülers Nikolaus Herman zugeordnet. Herder und die thüringischen Gemeinden aber haben eher die Melodie zum 134. Psalm aus Genf im Sinn gehabt. So kommt helvetische Weltläufigkeit in das Lied. Der Genfer Psalter, dichterisch-musikalisches Wunderwerk aus der reformierten französischsprachigen Schweiz, hat durch die Nachdichtungen des Ambrosius Lobwasser, eines lutherischen Juristen aus Königsberg, seit Ende des 16. Jahrhunderts auch den deutschsprachigen Raum für sich gewonnen, über die damals sehr strengen Konfessionsgrenzen zwischen Reformierten und Lutheranern hinweg. Sogar die zunächst so musikabweisende reformierte Zürcher Kirche führte im Jahre 1598 die Genfer Psalmlieder in der Lobwasserfassung ein, nachdem man dort mehr als siebzig Jahre lang überhaupt nicht mehr im Gottesdienst gesungen hatte.

Beim Singen aller sechs vollendeten Strophen der Herderschen Urfassung mit der Melodie auf eine Nachdichtung aus dem Geiste der „Ebräischen Poesie“ sind Osten und Westen, Norden und Süden sehr eigentümlich beisammen. Die Weisen aus dem Morgenland haben in ihrer Neugier und ihrem Forscherdrang jenes Licht im Blick gehabt, dessen Zeiten Lauf die Geschichte unseres christlichen Abendlandes gewirkt hat. Und was an Nord- und Ostsee an Gedankenweite sich mit genauem Takt und Klang der französischen und schweizerischen Denkungsart verbindet, hat – wenigstens im Raum evangelischer Kirche und Kultur – dem Leben vor Ort immer zum Besten gedient.

Denn jene Spielart der Aufklärung, die ganz bewusst bei ihren christlichen Wurzeln geblieben ist, entwickelt immer wieder neuen Sinn für den Nächsten: nimmt ihn an in seinen Besonderheiten und in seinem Anderssein – interessiert sich für seine Herkunft, Prägung und Lebensgeschichte – übt wache, nicht etwa gleichgültige Toleranz – und weiß dabei über die eigene kulturelle und konfessionelle Bindung Bescheid.

Aus dem Licht vom Licht starken Bekenntnisses, im Angesicht des Krippenkindes, kann die Fähigkeit erwachsen, Gemeinschaft über alle Fremdheit zu pflegen, miteinander zu lachen und zu weinen, gemeinsam zu feiern und zu trauern. Der Glanz von Weihnachten kommt vom Friedenslicht aus Bethlehem, vom Stern aus dem Stall. Der bestirnte Himmel außen und innen gibt uns seine Weisung ins Herz.

Da wächst die Bereitschaft, sich leiten zu lassen von dem einen Ziel, dem Berg oder Stern Jesus Christus. Dabei wird niemandem der Griff nach den Sternen abverlangt – vielmehr das Vertrauen in den, der die Menschen, ja die Menschheit in Geschichte und Gegenwart kennt und annimmt. Der wahre helle Morgenstern begrüßt, umfängt und begleitet uns, ehe wir’s gedacht! Dieser Glaube lässt hellwach bleiben und bestirnt wandern in die Zeit.

Herders Urfassung (Melodie: EG 300)

(Christus)

1 Du aller Sterne Schöpfer, Licht, / das aus des Himmels Tiefe bricht, / und gehst der Ewigkeiten Lauf / in ewig neuer Klarheit auf.

2 Dir danken wir, dir beten wir, / und opfern hohe Hoffnung dir; / denn du durchbrachst der Erde Nacht / mit deines Glanzes stiller Macht.

3 Besuchtest uns in unserm Tal / mit deiner Gott-Erkenntnis Strahl, / aus welchem ewig Leben fleußt, / und sich in stille Seelen geußt.

4 Und wird in ihnen Gottes Bild / mit Weisheit, Lieb und Kraft erfüllt / und leitet sie durchs Todestal / zu jeder Sonne neuem Strahl.

5 Bleib bei uns Herr, verlaß uns nicht, / führ´ aus der Dämmrung uns zum Licht, / der du am Abende der Welt / dich treulich bei uns eingestellt.

6 Sei uns Mitwanderer im Tal / der Hoffnung zu des Berges Strahl, / der dort in Wolken vor uns ruht, / und auf ihm harret ewig Gut.

[7 Was keine Augen je gesehn, / harrt unser …]

 

Foto: Licht aus der Krippe.

Literaturhinweis: Liedkommentar von Eberhard Schmidt, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft 3, Göttingen 2001, Seiten 36 bis 39; darin Herders ursprünglicher Text in modernisierter Rechtschreibung Seite 37 (Reihe: Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Band 3, Ausgabe in Einzelheften, Göttingen 2000 ff).

 

 

Ungesungene Hymnen

Noch über das sehr vorzeitige Aus für „Die Mannschaft“ hinweg sehen wir, die Deutschen, uns in einen angeblich veritablen Sängerkrieg verwickelt, der den schnöden und enttäuschenden Ergebnissen bei der trotzdem ja – nur eben ohne „uns“ – weiterlaufenden Fußballweltmeisterschaft in Russland doch noch einen letzten Sinn abzugewinnen vorgibt.

Gegen die Özil-Feinde brachte man zuletzt das Argument in Stellung, von den deutschen Spielern der WM ’74 habe seinerzeit so gut wie niemand die Nationalhymne mitgesungen – dennoch sei das Team um Bundestrainer Helmut Schön damals Pokalgewinner geworden. Es könne also keinerlei ursächlicher Zusammenhang zwischen vaterländisch motivierter Sangeslust und patriotisch befeuertem Siegeswillen mit entsprechend stolzem Endergebnis bestehen.

Das mag stimmen oder auch nicht. Ich sage hier und heute, vierundvierzig Jahre nach dem großen Finale, das uns an der deutsch-niederländischen Grenze tumultuarische Zustände bescherte, nur dieses: Die beiden unzertrennlichen Maskottchen der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land anno MCMLXXIV hießen Tip und Tap und waren erkennbar den damals gerade aufsteigenden Stars am Himmel des aus Amerika importierten und genial synchronisierten Kinderfernsehens nachempfunden, nämlich Ernie und Bert aus der Sesamstraße.

Ungesungene Hymnen

Neben dem Kichern des breitschädeligen Ernie und dem Brummen des eierköpfigen Bert sind uns aus dieser bewegten Zeit der Nach-68er-Jahre die besten Songs aus der Welt Jim Hensons und seiner Muppets, auch und gerade in der Sesame Street, bis zum heutigen Tag in bester musikalischer Erinnerung: „Quietscheentchen, du bist mein“, „Hätt‘ ich dich heut‘ erwartet, hätt‘ ich Kuchen da“ oder das unverwüstliche „Manamana – didibidibi“ … Da verzichtete man gern und gnädig auf die Sangeskünste von Paul Breitner, Sepp Maier & Co.

Seitdem haben sich die Zeiten mental sehr verändert. Einer wie Mesut Özil gilt nunmehr als bockig, wenn er seinen Mund nicht öffnet. Und niemand ist zur Stelle, der ihm mal so richtig mit Mozart oder Beethoven den türkischen Marsch bläst. Sei’s drum. Die Mitglieder der spanischen Nationalmannschaft wurden gar in toto von uns biodeutschen Fernsehzuschauern beargwöhnt, weil von denen wirklich niemand sang: Dass deren Hymne – bereits seit über 260 Jahren erklingend, also eine der ältesten ihrer Art überhaupt – bis heute keinen allgemein anerkannten Text hat, wäre da, bevor man sich ereifert, vielleicht wissenswert gewesen.

Was uns heutzutage fehlt, ist die Selbstverständlichkeit eigener musikalischer Aktivität. Auch in den Siebzigern sang nicht jeder in einem Chor oder spielte ein Instrument – aber man ging durchaus in oder auf Konzerte, man hörte im Radio die entsprechenden sonntäglichen Sendungen, man kannte und sang und pfiff die gerade beliebten Melodien aus Fernsehserien, Schlagern, Operetten oder gar Opern. Wer dann so ein paar prominente junge Fußballer vor einem Länderspiel während der Hymne stumm sah, konnte als liberal erzogener Bildungsbürger das irgendwie letztlich augenzwinkernd einordnen: Die können oder wollen eben nicht singen. Ach, das sind so Revoluzzer – lass sie zehn Jahre älter werden, dann hat sich das gegeben …

Heutzutage sind wir verunsichert, weil unsere eigene Kultur – und sei es die der seichten Wunschkonzerte – im Abklingen ist. Hier aufgewachsene Muslime, selbst solche türkischer Abstammung, sind keinesfalls mehr automatisch dem „westlichen“ Lebensstil zuzuordnen. Das, was wir über ein halbes Jahrhundert hinweg uns als kemalistisch garantiert einredeten, traf damals und trifft auch heute einfach nicht zu. Da können wir indes itzo auf die Schnelle nichts ausrichten. Besinnen wir uns also notgedrungen erst einmal auf eine längere Zeit eigener kultureller Bestandsaufnahme.

Und: Nehmen wir die aktuell fehlende Gesangskultur bei der seit dem Jahr 2015 nicht mehr deutsch sich nennen dürfenden „Mannschaft“ am besten: sportlich. Auch sie hat ja ihre Tradition, nur eben mit dem kleinen Unterschied, dass sie damals zur Weltmeisterschaft führte – und diesmal zum Versagen. Womöglich liegt die Differenz, wie meistens ja, im Charakter der handelnden Personen: Die 74er haben sich durch nichts und niemanden in ihren jeweiligen Einzelpersönlichkeiten übertreffen lassen. Da waren elf Individualisten auf dem Spielfeld. Das war auch nicht immer nur unproblematisch.

Und die 18er? Wo waren da die eckigen kantigen echten Typen? Die durften erst gar nicht mit nach Russland fahren und waren schon vorher aussortiert. Fazit: Außer medial gehyptem Sängerkrieg fußballdeutsch nichts gewesen. Schade.

Ergänzung [22. Dezember 2018]: Im Jahre 2016 brachte der Westdeutsche Rundfunk einen Beitrag, dessen Link unten mitgeteilt ist. Demnach hatte Özil nie einen Grund, die Hymne nicht mitzusingen. Datum der Rundfunkausstrahlung: 1. April …
 https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-ismet-mustafa-uezguerlue-komponiert-das-deutschlandlied-am–100.html