Siebziger, notdürftig gereimt

Bluna, Tritop, Afri-Cola,

Prilblumen und Klementine,

Dalli-Dalli, Ilja Richter,

ganz mechanisch: Schreibmaschine.

Schlussverkäufe, Baader-Meinhof,

Breschnew und Honecker,

Willy Brandt und Willi Stoph,

Negerküsse waren lecker.

Jusos, Judos, Schmidt und Strauß,

F.A.Z. nebst Stern und Spiegel …

Plötzlich ging das Erdöl aus.

Da half weder Brief noch Siegel.

Als ich in die Schule kam,

war Olympia in München,

und die Zeit verging noch langsam:

Nichts ließ sich da übertünchen.

Siebziger, wart ihr nun besser

als unsre altgewordne Zeit?

Ihr warbt um Raucher, Trinker, Fresser

und reklamiertet so die Freiheit.

Auf ewig Fortschritt und Konsum!

Man baute fleißig Autobahnen.

Je mehr das Geld floss, blieb man stumm

und nahm gern Mohn von den Afghanen.

Es waren ausgelassne Jahre

mit Tagesschau und Sesamstraße.

Der Teppich hieß: „Auslegeware“

im kleinen wie im großen Maße.

Ob giftgrün, hellbraun, himmelblau:

Ästhetik fand einfach nicht statt.

Bis ultimo lief diese Show.

Kein Mensch war je scheinblütensatt.

Ungesungene Hymnen

Noch über das sehr vorzeitige Aus für „Die Mannschaft“ hinweg sehen wir, die Deutschen, uns in einen angeblich veritablen Sängerkrieg verwickelt, der den schnöden und enttäuschenden Ergebnissen bei der trotzdem ja – nur eben ohne „uns“ – weiterlaufenden Fußballweltmeisterschaft in Russland doch noch einen letzten Sinn abzugewinnen vorgibt.

Gegen die Özil-Feinde brachte man zuletzt das Argument in Stellung, von den deutschen Spielern der WM ’74 habe seinerzeit so gut wie niemand die Nationalhymne mitgesungen – dennoch sei das Team um Bundestrainer Helmut Schön damals Pokalgewinner geworden. Es könne also keinerlei ursächlicher Zusammenhang zwischen vaterländisch motivierter Sangeslust und patriotisch befeuertem Siegeswillen mit entsprechend stolzem Endergebnis bestehen.

Das mag stimmen oder auch nicht. Ich sage hier und heute, vierundvierzig Jahre nach dem großen Finale, das uns an der deutsch-niederländischen Grenze tumultuarische Zustände bescherte, nur dieses: Die beiden unzertrennlichen Maskottchen der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land anno MCMLXXIV hießen Tip und Tap und waren erkennbar den damals gerade aufsteigenden Stars am Himmel des aus Amerika importierten und genial synchronisierten Kinderfernsehens nachempfunden, nämlich Ernie und Bert aus der Sesamstraße.

Ungesungene Hymnen

Neben dem Kichern des breitschädeligen Ernie und dem Brummen des eierköpfigen Bert sind uns aus dieser bewegten Zeit der Nach-68er-Jahre die besten Songs aus der Welt Jim Hensons und seiner Muppets, auch und gerade in der Sesame Street, bis zum heutigen Tag in bester musikalischer Erinnerung: „Quietscheentchen, du bist mein“, „Hätt‘ ich dich heut‘ erwartet, hätt‘ ich Kuchen da“ oder das unverwüstliche „Manamana – didibidibi“ … Da verzichtete man gern und gnädig auf die Sangeskünste von Paul Breitner, Sepp Maier & Co.

Seitdem haben sich die Zeiten mental sehr verändert. Einer wie Mesut Özil gilt nunmehr als bockig, wenn er seinen Mund nicht öffnet. Und niemand ist zur Stelle, der ihm mal so richtig mit Mozart oder Beethoven den türkischen Marsch bläst. Sei’s drum. Die Mitglieder der spanischen Nationalmannschaft wurden gar in toto von uns biodeutschen Fernsehzuschauern beargwöhnt, weil von denen wirklich niemand sang: Dass deren Hymne – bereits seit über 260 Jahren erklingend, also eine der ältesten ihrer Art überhaupt – bis heute keinen allgemein anerkannten Text hat, wäre da, bevor man sich ereifert, vielleicht wissenswert gewesen.

Was uns heutzutage fehlt, ist die Selbstverständlichkeit eigener musikalischer Aktivität. Auch in den Siebzigern sang nicht jeder in einem Chor oder spielte ein Instrument – aber man ging durchaus in oder auf Konzerte, man hörte im Radio die entsprechenden sonntäglichen Sendungen, man kannte und sang und pfiff die gerade beliebten Melodien aus Fernsehserien, Schlagern, Operetten oder gar Opern. Wer dann so ein paar prominente junge Fußballer vor einem Länderspiel während der Hymne stumm sah, konnte als liberal erzogener Bildungsbürger das irgendwie letztlich augenzwinkernd einordnen: Die können oder wollen eben nicht singen. Ach, das sind so Revoluzzer – lass sie zehn Jahre älter werden, dann hat sich das gegeben …

Heutzutage sind wir verunsichert, weil unsere eigene Kultur – und sei es die der seichten Wunschkonzerte – im Abklingen ist. Hier aufgewachsene Muslime, selbst solche türkischer Abstammung, sind keinesfalls mehr automatisch dem „westlichen“ Lebensstil zuzuordnen. Das, was wir über ein halbes Jahrhundert hinweg uns als kemalistisch garantiert einredeten, traf damals und trifft auch heute einfach nicht zu. Da können wir indes itzo auf die Schnelle nichts ausrichten. Besinnen wir uns also notgedrungen erst einmal auf eine längere Zeit eigener kultureller Bestandsaufnahme.

Und: Nehmen wir die aktuell fehlende Gesangskultur bei der seit dem Jahr 2015 nicht mehr deutsch sich nennen dürfenden „Mannschaft“ am besten: sportlich. Auch sie hat ja ihre Tradition, nur eben mit dem kleinen Unterschied, dass sie damals zur Weltmeisterschaft führte – und diesmal zum Versagen. Womöglich liegt die Differenz, wie meistens ja, im Charakter der handelnden Personen: Die 74er haben sich durch nichts und niemanden in ihren jeweiligen Einzelpersönlichkeiten übertreffen lassen. Da waren elf Individualisten auf dem Spielfeld. Das war auch nicht immer nur unproblematisch.

Und die 18er? Wo waren da die eckigen kantigen echten Typen? Die durften erst gar nicht mit nach Russland fahren und waren schon vorher aussortiert. Fazit: Außer medial gehyptem Sängerkrieg fußballdeutsch nichts gewesen. Schade.