Religio ex negativo

Der Islam sei mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar, sagt eine geborene Herzogin von Oldenburg. Die Nachfahrin eines der bedeutendsten europäischen Adelshäuser hat offensichtlich ihre eigene Familiengeschichte nicht verstanden. Für alle, denen warm ums Herz wird, wenn sie sich der altbekannten Begebenheiten erinnern, wie der Großherzog im Oldenburger Schlossgarten spazierte und dort seinen Untertanen ohne Ansehen der Person freundlich grüßend begegnete, ist nur noch Fremdschämen angesagt. Im oldenburgischen Staat herrschte bereits im neunzehnten Jahrhundert Pressefreiheit; und die Todesstrafe war abgeschafft. Liberal und friedlich ging es allerorten zu, und der Fürst verstand sich als Landesvater im besten Sinne des Wortes. In diesem Geist wurde durch Herzog Peter Friedrich Ludwig im Jahre 1786 die älteste bis heute existierende Sparkasse der Welt gegründet, im Sinne allgemeiner Fürsorge. Seit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803, in dessen Folge dem evangelischen Herzogtum neue münstersch-katholische Gebiete zufielen, war man außerdem erfolgreich bemüht, den nun gefragten konfessionellen Ausgleich herzustellen und zu wahren. Sparkassengründung und Kirchenverständigung zeugen mithin von einem milden aufgeklärten Menschenbild, das andere leben und ebenso sich selbst entfalten lässt.

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Eine Ausgrenzung sowie die Unterstellung, eine Weltreligion wie der Islam sei nicht bundesdeutsch verfassungskonform, kann schließlich als Vorwurf auch Judentum und Christentum treffen. Keine der drei Buchreligionen kennt in ihren Ursprüngen so etwas wie Demokratie oder Aufkärung geschweige denn ein Bonner Grundgesetz oder einen modernen Berliner Politikalltag. Überhaupt muss man in bezug auf einen europäischen Kontext Fehlanzeige konstatieren. Orientalische, ja semitische Wurzeln sind in Moscheen, Kirchen und Synagogen gleichermaßen gegenwärtig! Was viele Menschen derzeit, insbesondere seit dem Reichstagsbrand unserer Tage am 11. September 2001 gegen die Muslime in einem herbeigeredeten „Kampf der Kulturen“ vorbringen, könnte man auch den Juden und den Christen in die Schuhe schieben. Fatal, wie nicht etwa die Täter einwandfrei ermittelt wurden, sondern was aus den schrecklichen Taten an gesetzgeberischen Folgen erwuchs.

Jedenfalls ist die Bibel in weiten Teilen nicht weniger blutrünstig als der Koran. Statt Nine-eleven einst missbraucht zu haben, um bürgerliche Freiheiten einzuschränken oder gar die Folter wieder anzuwenden, wäre es jetzt an der Zeit, etwas oldenburgischer, aber zugleich ohne hochwatende Storchenbeine, dem abgründigen Problem des weltweit in allen Religionen zunehmenden Fundamentalismus sich zu widmen. Als das Land noch eine Grafschaft war, gab es den Friedefürsten Anton Günther – der hat sein Oldenburg damals durch kluge Politik vor dem Dreißigjährigen Krieg bewahrt!

Es sind doch wohl solche historischen Beispiele, die uns Heutigen zu Vorbildern gereichen sollten. Und wenn man dann nicht gehört wird – tatsächlich wurde alles Oldenburgische stets gern belächelt, von den eigenen Leuten nicht ernstgenommen und ja auch im Jahre 1946 als Freistaat durch die britische Militärregierung eliminiert – , dann müssen eben verbale Holzhammermethoden in Anschlag gebracht werden. Seit Böhmermann wissen wir aufs Neue: Nicht die grausam Gewalttätigen werden zur Rechenschaft gezogen, sondern solche, die sich satirisch versuchen: und darin aber in Wirklichkeit eben weder Kurden, Jesiden oder Christen umbringen noch mit saudiarabischen Monarchen und deren Daesh-Ablegern gemeinsame Sache machen. Wer übertrieben frech und plump lästert, hat doch immer noch unendlich mehr Recht auf seiner Seite als ein Tyrann, der sich bloß beleidigt fühlt (wenn auch zum zweitausendstenmal) … oder? So legal es sein mag, dass der Künstler, wie geschmacklos er denn wirken mag, ein Ermittlungsverfahren an den Hals gehetzt bekommt und zugleich in Abwehr möglicher islamistischer Angriffe unter Polizeischutz gestellt werden muss, – so legitim ist es doch in einem Rechtsstaat wie dem unsrigen, dass er sagen darf, was er sagen zu müssen meint. Wenn unsere eigene Regierung das nicht so sieht – obwohl sie anders hätte entscheiden können – , ist das zwar auch ihr gutes Recht – aber „dann ist das nicht mein Land“ … oder so ähnlich …

Mein eigener nonchalanter Beitrag zur oberflächlichen Religionsdebatte unserer Tage geht spätestens seit der Auslöschung von Charlie Hebdo, dem Ausfall des Braunschweiger Karnevalsumzugs, den Novemberpogromen von Paris und dem abgesagten Fußballspiel in Hannover so, dass nicht einem bestimmten Glauben, sondern einer Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen zwischen Himmel und Erde die Leviten gelesen sein soll. Nicht die Abwesenheit von Religion macht die Welt besser, sondern ihr jeweils tieferes Verständnis. Zu einem solchen tragen die folgenden Verse allerdings nur indirekt bei – es sei denn, jemand macht sich die Mühe, tatsächlich die angeführten Schriftstellen aus Bibel und Koran nachzuschlagen. Und wer das nicht für nötig hält, sei doch bitte so tolerant gestimmt wie die guten traditionsbewussten Oldenburger, die einen weiten geistigen Horizont haben und vieles gelten lassen, auch wenn sie es im einzelnen nicht so genau nachbuchstabieren. Und im übrigen – das kann ja leider heutzutage nicht oft genug betont werden – soll das explizit Negative der nun folgenden Zeilen dem aufhelfen, wonach die Leute einen gebürtig Dresdner (!) Schriftsteller vornamens Erich fragten, der sich beharrlich allen Glättungen widersetzte: „Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“ Aber vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm. Bittesehr:

Wie der Muslim, so der Christ / und der Jude: Terrorist! / Denn das ganze Bibelbuch / lässt sich lesen wie ein Fluch. / Daraus machten schon Zeloten / ihre Gläubgen zu Idioten. / Später dann die Kreuzesritter / wurden Massenattentäter. / In Paris war große Not: / Glaubt der Bischof dort an Gott? / Deutschland litt den großen Krieg / dreißig Jahre – gab es Sieg? / Soll allein Sur neun, Vers fünf / führn zum großen Nasenrümpf? / Wo doch schon im vierten Mose / einunddreißig-siebzehn lose / mal so eben Jungs und Frauen / unbarmherzig weggehauen? / Und auch unser Herr und Heiland / sprach laut Lukas zwölf doch weiland: / Frieden bringen auf die Erde? / Nein, nein, sondern: Zwietracht! – MERDE!!! / Ist der Ratschluss so entborgen: / Religion sei zu entsorgen? / JA!!! – Wie super wär die Welt, / wie gerecht, frei wie ein Held! / Niemand bräuchte mehr zu lesen, / was mit Abraham gewesen / und mit Mose, David, Jesus, / Mohammed, Apostel Paulus … / Alle, alle gleich verbieten! / Waren doch nur alles Nieten! / Auflösung des Abendlandes! / Ja, genau! – und schon verschwand es. / Alle Menschen freuen sich: / „Wichtig bin ab jetzt nur ICH! / Was ich nie verstanden hab, / liegt – wie schön! – im sichren Grab. / Muss mich damit nicht mehr quälen: / SO kommt Ruhe in die Seelen. / Na, wie super ist denn das? / Ja, so macht das Leben Spaß! / Ob fünf Pflichten, zehn Gebote, / jede Kirchenmusiknote, / Sabbatfeier, Gottesdienst, / Ramadan … – bloß Hirngespinst! / Alles, alles gilt nicht mehr. / Hach, da freue ich mich sehr!“  

Schade eigentlich, dass ich meinte, so viel im Vorfeld erklären zu müssen. Übrigens sind jetzt wieder die Störche im Oldenburger Land zu ihren Nestern zurückgekehrt. Ihnen geht es hier gut. Wäre es nicht schön, wenn auch die geborene Herzogin sich als eine verheiratete von Storch auf einer entsprechenden Station niederließe, um endlich mal wieder ordentlich weitherzig die freie Luft der Oldenburger Aufklärung in vollen Zügen einzuatmen? Und wenn schon das nicht klappt, dann vielleicht die voraufklärerische Variante lebendigen Odems: Der Klapper-Storch bringt die Kinder – und erschießt sie nicht.

Abbildung: Koran, erste Sure.