Luthers Panzerknackerbande

Im Dunkeln ist gut munkeln – der größte Coup gelang den Verbrechern, als sie nachts in eine Bank eindrangen, den Tresor aufbrachen und einen dicken Batzen baren Geldes erbeuteten. Anführer der Truppe war ein tagsüber völlig unauffälliger Zeitgenosse, der vorbildlich sein Pfarramt versah.

Mein Pastor legte uns Konfirmanden diesen von vorn bis hinten vollkommen und zugleich gut erfundenen Fall vor – und wir Heranwachsenden sollten nun die knifflige Frage beantworten, ob einer, der ebenso unerkannt wie ungeahndet eine Straftat begangen habe, noch würdig sei, sonntags von der Kanzel her das Evangelium zu verkünden.

img_20161004_000000

Wir fanden dieses uns vor Augen gemalte Verhalten natürlich völlig daneben und drückten uns auch in diesem Sinne aus: Ein Geistlicher müsse doch in allen Dingen untadelig, rein und propper sein. Umso erstaunter waren wir, als unser lieber Pfarrer uns daraufhin ganz ruhig erklärte, dass kein noch so heftiger Banküberfall oder ein sonstiger Bruch diesen Bandenchef, sofern und solange er persönlich keine Gewissensbisse verspüre, vom Predigtamt würde abhalten können. Völlig unerheblich, was ein zum Dienst Berufener nächtens so alles anstelle – Hauptsache, er rede und handele in der lichten Öffentlichkeit gemäß seinem Ordinationsversprechen.

Die Spur zu solch inkommensurabler Meinung führt schnurstracks nach – Wittenberg! Für den Bibelprofessor Martin Luther ist stets das Evangelium maßgeblich, und zwar ohne Ansehen der Person. Im Jahr 1522 schreibt der Reformator in einer seiner Vorreden zu den neutestamentlichen Schriften: „Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christum predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.“

Was gilt, ist demnach nicht abhängig von den Lebensumständen einer wie auch immer bedauernswerten vereinzelten Kreatur, die zufällig sich unter je situationsbedingten Umständen äußert. Sogar wer von Amts wegen ein Gesandter Christi ist, kann abirren und die ihm aufgetragene Botschaft gerade nicht predigen, wäre er auch, mit dem Galaterbrief des Apostels Paulus zu sprechen, „ein Engel vom Himmel“. Andererseits kann es sogar den erklärten Gegnern wie den heimlichen Verächtern des Wortes Gottes quasi unterlaufen, dass sie sozusagen versehentlich ausrichten, „was Christum treibet“.

Dem Verräter, dem verbohrten Hohenpriester, dem machtversessenen römischen Statthalter oder dem tausendfachen bethlehemitischen Kindermörder ist also zumindest theoretisch die Möglichkeit zugestanden, Wahrheit zu sagen. In aller verbrecherischer Verstrickung bleibt auch dem Bösesten und Verblendetsten somit potentiell die Option der Besserung. Vor allem aber ist es eben insgesamt nicht entscheidend, wer genau die Frohe Botschaft ausspricht. Wenn sie überhaupt nur erklingt, dann ist die Welt -noch- nicht völlig verloren!

Warum denke ich derzeit öfter an diese Konfirmandenstunde zurück? Vielleicht deswegen, weil mich etwas stört, was in heutigem Diskurs denselbigen mehr und mehr unmöglich macht. Mein Unbehagen hängt sich exemplarisch am eigentlich gutgemeinten Begriff der „Glaubwürdigkeit“ fest. Ich sehe nämlich nicht, dass diese Vokabel einen überzogenen Moralismus verhindern würde. Im Gegenteil. Gucken wir genauer hin.

Glaubwürdig zu sein ist zunächst einmal etwas Schönes. Es erfreut die mitmenschliche Umwelt und lässt denjenigen, dem diese hohe Eigenschaft zugesprochen wird, zufrieden und ruhig schlafen. In den allermeisten Fällen wird solch ein Eindruck nicht in Kenntnis der persönlichen Gesamtheit entstehen, sondern durch einen bestimmten Wirkbereich, in dem sich der als glaubwürdig Empfundene besonders hervortut. Ein Lehrer, der seine Fächer mit Hingabe vertritt, für die Sache brennt, kommt bei seinen Schülern entsprechend gut an. Eine Volksvertreterin, die engagiert zu reden versteht, hinterlässt bleibenden Eindruck. Und wer auf einem Musikinstrument sein Publikum zu fesseln weiß, so dass man meint, hier verschmelze Absicht und Tun zum Ziele höherer Erkenntnis, wird nachgerade verehrt – weil eine Ahnung von Wahrhaftigkeit freigesetzt ist.

Schule, Parlament oder Konzertsaal müssen jedoch oft auch als Orte menschlicher Unzulänglichkeit herhalten. Dann werden womöglich Frauengeschichten eines Oberstudienrates hervorgezerrt, korruptionsverdächtige Vergangenheiten einer Politikerin genüsslich breitgetreten oder Drogenerfahrungen eines musikalischen Genies kolportiert. Gern kratzt man so – nicht völlig uneigennützig – an der „Glaubwürdigkeit“ der inkriminierten Personen. Sei es, dass die eigene Unfehlbarkeit herausgestellt werden soll, sei es, weil zu erwarten steht, dass ganz viel Geld im Kasten klingt.

Und es stellen sich Fragen über diese Beispiele hinaus. Sollte man etwa überhaupt fürderhin Filme von Polanski gutfinden oder Sonaten von Rosenmüller aufführen? Könnte man nicht durchaus die Wulff-Geschichte als lächerlich abtun gleich einer modernen Dreyfus-Affaire? Darf man an Jim Morrison sein Herz erwärmen oder gar die Madrigale des Fürsten Gesualdo da Venosa noch mit Begeisterung singen?

Ja, man sollte, könnte und darf. Man muss vielleicht sogar, steht doch immerhin die –  neudeutsch attributierte – „wertgeschätzte“ Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Wir müssen sie besser verstehen, als sie von ihren selbsternannten Predigern verstanden wird. Um es kurz zu machen: Es ist ungeheuer anstrengend, in allen erdenklichen verwinkelten Bereichen des Lebens stets vorbildlich sein zu wollen geschweige denn zu sollen. Eigener wie fremder Anspruch stößt da schnell an natürliche Grenzen. Dies ist ein Warnzeichen, tunlichst zu vermeiden, auch nur im entferntesten sich zu vermessen in einem holistisch rigiden „Wir schaffen das“.

Es war segensreich, dass der Mönch von Wittenberg einst seine Ablassthesen vortrug. Und dann nicht durch Kneifen entfiel – sondern weder Sünde, Tod noch Teufel scheute, dem Menschlichen neuen Raum zu verschaffen. Die bleibende „Leistung“ der Reformation liegt in ihrer theologisch reflektierten Anthropologie, schön angemessen musikalisch und anderweitig künstlerisch untermalt. Bilderstürmerei hatte hier gottlob keinen Platz. Bürgersinn und Mäzenatentum konnten sich in genau jener Weise der lutherischen Kirche widmen, wie sie es vordem den nunmehr Altgläubigen hatten zuteil werden lassen. Nicht radikaler Bruch in einer Bekehrung aus dem Nichts heraus hin zu vermeintlicher Vollkommenheit macht die geschichtliche Wirkung des Vorabends von Allerheiligen 1517 aus, sondern Kontinuität mit einer biblisch-kirchlichen Verkündigung, die schon immer das Sünder-Dasein des Menschen in barmherziger Absicht in den Mittelpunkt stellte.

Vielfach wurde dieser Impuls vergessen. Wie auch die Unterscheidung von Amt und Person aus der Mode kam. In dieser fatalen Logik wird der kleinste Schuldner sein ganzes irdisches Leben lang unbrauchbar selbst für den Posten eines lokalen Sportvereinsvorsitzenden. Denn lassen wir im Zeitalter allumfassender Durchleuchtung auch zwanzig Jahre ins Land gehen – dann noch wird es Leute geben, die auf vergangene „Sünden“ pochen und also dem seinerzeit einmal Fehlgetretenen keine neuen Möglichkeiten einräumen werden. Nachtragend, nachtretend, unbarmherzig nennt das ein an der Reformation geschulter Mensch …

Ohne Rücksicht auf Verluste: Wer ein absolutes Monopol aufs Gutsein und Rechthabenwollen beansprucht, geht buchstäblich über Leichen –  und spielt zugleich „Gott“, nimmt dessen Jüngstes Gericht vorweg. Wir sehen das heutzutage beim sogenannten Islamischen Staat, unter dessen Terror alle als „ungläubig“ bezeichneten Menschen mitsamt ihren Lebenszeugnissen aus Geschichte und Gegenwart gnadenlos ausgelöscht werden. Der sich hier enthemmende bestialische Furor hat seine Vorläufer freilich in Europa. Stichworte: Cluny 1810, Guernica 1936, Montecassino 1944, Dresden 1945, Hildesheim 1945. Und darüber hinaus sehen wir von Karthago über Jerusalem und Hiroshima bösartige – ebenso antike wie neuzeitliche – Wegmarken zu den Zerstörungen von Nimrud, Ninive, Ur, Babylon und Palmyra in unseren Tagen.

Aber, gesetzt den Fall: Es kommen die napoleonisch infizierten Steinebrecher von Cluny mit dem Heer von Bomberpiloten gen Guernica, Montecassino, Dresden, Hildesheim, Hiroshima – zusamt den Kämpfern vor Karthago und Jerusalem sowie jene gegen die Wiege der hochkulturellen Menschheit in Mesopotamien – und gestehen ein, dass sie einem schrecklichen Irrtum aufsaßen … Auch Polanski (hetero) und Rosenmüller (schwul) schwören ihren ungezügelten Geschichten ab, Wulff (700-Euro-Verbrecher, also der Allerschlimmste), Morrison (alle schmutzigen Sachen der sechziger Jahre) und sogar Gesualdo (strafrechtlich unverfolgter Ehrenmörder, weil adlig) haben ein Einsehen in eigenes Versagen …

Tatsächlich sind die wirklich Bösen in dieser Reihe bisher nicht abgeurteilt. Nur wer zum Beispiel auf dem ehemaligen Bundespräsidenten „erfolgreich“ herumgehackt hat, wird das womöglich anders sehen. Und im übrigen, mit Bert Brecht gefragt: Was ist ein Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank??? Wecken nicht die Panzerknacker insgeheim Sympathien? Zumal seit dem Jahre 1951, als sie erstmals im Disney-Universum erschienen? Fünfundsechzig Jahre ist das jetzt her, und wir sollten ihnen nunmehr, wie jedem deutschen RAF-Terroristen auch, einen Ruhestand gönnen.

Wo bleibt da „Glaubwürdigkeit“? Sie ist eine Chimäre, wie sie es zu allen Zeiten war. Es sei denn, sie wendet sich einer Person so zu, dass deren Widersprüche ebenso handfest benannt wie verziehen werden. Auch die wüsteste Verbrecherin muss ja weiterleben können. Ja, nicht nur „der Dieb“, sondern auch „die Diebin“ – das wissen wir seit den achtziger Jahren, als die Bände vom „Wörterbuch des Gutmenschen“ erschienen, welche die Augen dafür öffneten, dass die geschlechtliche Gleichberechtigung auch negative Bereiche einschließt.

Die Gier der – rein männlichen – Panzerknackerbande nach barem Geld wirkt überdies ja mittlerweile auch ansonsten antiquiert. Die Entenhausener Diebe haben nämlich bisher keine Angst haben müssen vor dem Verbot goldmetallischen Badezusatzes seines geizigen Besitzers. Wenn hingegen ich im Supermarkt an der Kasse stehe und unverhältnismäßig lange warten muss, dann liegt das an den vorderen Kunden, die unbedingt „mit Karte“ zahlen wollen. Irgendetwas klappt dann regelmäßig nicht, sei es die Eingabe der Geheimzahl oder der elektronische Mechanismus insgesamt … Dann denke – jaha, DENKE ich: Hm… Onkel Dagoberts Tresor ist von vorgestern. Wie ich selber und mein  geliebter, längst verstorbener Konfirmationspastor. Leider.

Zum Foto: Licht im Dunkeln – Technik, die begeistert …