Felix Mendelssohn zum Geburtstag

Eine Skizze

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde vor zweihundert und einem Dutzend Jahren am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren und wuchs in einer Bankiersfamilie auf. Sein Großvater war der jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Fanny und weiteren Geschwistern wurde der junge Felix nach der durch die napoleonische Besetzung erzwungenen Übersiedlung zu Verwandten nach Berlin dort ab 1811 sorgfältig erzogen. Die mozarthaften Wunderkinder erregten bald Aufsehen. 1816 ließen die Eltern sie evangelisch taufen. Reformatorisches Bekenntnis hat Mendelssohns tiefe Frömmigkeit zeit seines Lebens geprägt, bis zu seinem frühen Tod mit achtunddreißig Jahren in Leipzig am 4. November 1847.

Abraham Mendelssohn hatte das nötige Kleingeld, seinen begabten Kindern viele Bildungs- und Konzertreisen durch halb Europa zu ermöglichen: in die Schweiz, nach Frankreich und Italien sowie nach England und Schottland. Felix Mendelssohn hat auch als Erwachsener auf den britischen Inseln seine größten künstlerischen Triumphe vor einer riesigen dankbaren Zuhörerschaft gefeiert. Die Reiseeindrücke flossen in Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ (darin unter vielen anderen Hits der weltberühmte „Hochzeitsmarsch“), die Hebriden-Ouvertüre oder die Schottische Sinfonie ein.

Die eigene musikaliensammelnde Verwandtschaft und der Leiter der Berliner Singakademie, Carl Friedrich Zelter, machten Mendelssohn mit Bachs Matthäuspassion bekannt. Auch sonst ist allenthalben schon beim ganz jungen Komponisten eine intensive Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu erkennen. Seine Wiederaufführung der „großen Passion“ des alten Thomaskantors im Jahre 1829 ist ein Meilenstein der musikalischen Wirkungsgeschichte. Mendelssohn hat damit, als gerade Zwanzigjähriger, etwas mehr als hundert Jahre, nachdem dieses Hauptwerk abendländischer Passionsmusik 1727 erstmals erklungen war, die öffentliche umfassende Bach-Renaissance eingeleitet; sie dauert an bis in unsere Tage.

Mendelssohn hat sich zeit seines kurzen glanzvollen Lebens stets für Kollegen seiner Zunft eingesetzt, indem er ihre Werke aufführte, nachempfand oder anderweitig bekanntmachte: Dazu zählten Hector Berlioz, Franz Liszt, Robert Schumann und auch Richard Wagner. Vergleichen wir etwa dessen Holländer-Ouvertüre mit der Einleitung zum Oratorium „Elias“, so merken wir, wie nahe sich der Leipziger Gewandhauskonzertdirektor und sein neidischer musikdramatischer Nachbar in Dresden manchmal waren.

Ganz bewusst komponierte Mendelssohn ein ausgesprochen musikhistorisches Moment in seine Werke ein. So klingt im Oratorium „Paulus“ Bachs Johannespassion nach. Der erste Satz seiner „Italienischen“ atmet Mozarts lichten Geist. Im „Lobgesang“, gezählt als zweite Symphonie, treten Chor und Vokalsolisten hinzu, ganz nach dem Vorbild von Beethovens Neunter.

Eigene unverwechselbare Zeichen hat Mendelssohn in der Klavier- und Orgelmusik gesetzt: Die „Lieder ohne Worte“ sind quasi seine Erfindung. Und die sechs Orgelsonaten markieren den Beginn einer romantischen Tradition, die vor allem im französischen Sprachraum bei César Franck, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne zu hoher Blüte gelangte.

Es gibt so gut wie keine musikalische Gattung, die von Mendelssohn unbeachtet blieb. Er ist einer der letzten Komponisten, die ganz universell dachten und schufen, in der Kirchenmusik wie im Opernfach, in Liedern wie in Solokonzerten, in Motetten, Kantaten, Oratorien, Chören (z.B. „O Täler weit, o Höhen“ oder „Denn er hat seinen Engeln befohlen“) Sinfonien, Schauspielmusiken, Streichquartetten und sonstigen kammermusikalischen Werken.

Die Fülle seines Schaffens erwuchs, ähnlich wie bei Mozart, aus einer gediegenen Allgemeinbildung, die vor allem einen entschiedenen Sinn für die jeweilige Form ausbildete. Was Kritiker meinten, als allzu „glatt“ bemängeln zu müssen, war tatsächlich immer neu hart erarbeitet. Mendelssohn strich, verwarf und korrigierte stets bis zur Drucklegung seiner Kompositionen – und oft noch darüber hinaus, sehr zum Leidwesen der Verleger.  Hierin ähnelte er seinem Kollegen Frédéric Chopin: Nie war er zufrieden.

Felix Mendelssohn, glücklich verheiratet mit der Tochter eines Hugenottenpredigers aus Frankfurt am Main und Vater vieler Kinder, galt zu Lebzeiten und noch viele Jahrzehnte danach als ein geniales Glückskind, das den öffentlichen Musikbetrieb im biedermeierlichen Deutschland schöpferisch und organisatorisch ungemein bereichert hatte. Kein Männerchor im wilhelminischen Zeitalter, der nicht seine Lieder sang; kein Bachverein, der nicht seine kirchenmusikalischen Werke aufführen wollte; kein Konzertpublikum, das nicht nach seinen Ouvertüren und Sinfonien verlangte.

Dass er kein Titan wie Beethoven, kein Grübler wie Brahms, kein Neutöner wie Liszt war – geschenkt. Verhängnisvoll sollte sich im Fortgang seiner Rezeptionsgeschichte allein der Umstand erweisen, dass er aus einer jüdischen Familie stammte. Die Nazis kannten ja selbst dann keine Gnade, wenn die von ihnen Geächteten längst zum Christentum konvertiert waren – weil bei ihnen überhaupt gar kein Glaube zählte, sondern bloß dumpf das Blut. Das Mendelssohn-Fenster in der Leipziger Thomaskirche verarbeitet diese böse Fama sehr eindrücklich.

So wurde das beliebte e-Moll-Violinkonzert aus dem öffentlichen Musikbetrieb verdrängt, indem man Robert Schumanns d-Moll-Violinkonzert zu etablieren suchte: 1937 wurde dieses Stück, das im 19. Jahrhundert niemand aufführen wollte, erstmals dem Publikum dargeboten. Die Perfidie, noch post mortem Keile zu treiben zwischen Kollegen, die sich im wirklichen Leben geschätzt und unterstützt hatten, ist vielleicht nur ein kleiner Aspekt in dem sich damals schon manifestierenden Grauen der 1940er Jahre – aber eben einer unter unzähligen Schritten, die den aufrichtigen Geist einer zwar unpolitisch-vormärzlichen, aber in sich selbst zutiefst humanen Kultur niedergetrampelt und zertreten haben.

Mendelssohn hat es auch im Nachkriegsdeutschland schwer gehabt. Man traute dem stilistischen Alleskönner nicht recht über den Weg. Wer jedoch die feinsinnige Klangwelt mit durchaus aufbegehrenden Momenten etwa in der „Walpurgisnacht“ oder im c-Moll-„Sinfoniesatz“ zusammenhört, wird nicht umhinkönnen, in ihm einen europäischen Weltbürger zu entdecken, der die heutzutage so gern vollmundig betonte „Vielfalt“ nicht als propagandistisch aufgemotztes Neusprech übergriffig missbraucht, sondern leise und unausdrücklich, schlicht und einfach, gebildet und kunstreich: wirklich GELEBT hat.

Foto: Felix Mendelssohn: aus den „Sieben Charakterstücken“ Opus 7 (1827-1829)

Errungenschaft

WordPress gratuliert mir zu fünf Jahren bei sich. Ich meinerseits freue mich, dass diese Tatsache im Glückwunschschreiben durch den Begriff „Errungenschaft“, mithin als anzuerkennende wahre Leistung gewürdigt wird.

„Ausdruck“ hieß die erste Nummer, 445 Wörter umfassend – damals, im Januar 2016. Es folgten in einer heftig entflammten Begeisterung für die mir völlig neuen medialen Möglichkeiten rasch weitere Texte. Nun bin ich bei 129 Beiträgen und über 100.000 Wörtern angelangt. Rund 8900 Aufrufe aus Ländern aller Kontinente der Erde konnte ich in diesen fünf Jahren verzeichnen. Pro Monat ringe ich mich zu mindestens einer Folge durch.

Blumen, die mir im wirklichen Leben vor einigen Wochen als Dankeschön für meine Mitwirkung an einer coronabedingt nun vorläufig beendeten Vortragsreihe überbracht worden waren, mögen heute nun virtuell weitergereicht werden an meine treuen Leserinnen und Leser. Vielen herzlichen Dank für alle Unterstützung – und für jede Nachsicht, wenn es hier textlich hin und wieder allzu kompakt wird. Fünfe gerade sein zu lassen ist da bisweilen eine gute Übung.

Bis zum nächsten Mal, dann wieder ausführlicher! Mir liegt jetzt vor allem daran, dieses Fünfjahresjubiläum nicht gänzlich unerwähnt zu lassen – damit der bisher einzige Gratulant als Plattformbieter auch meines Weblogs nicht traurig oder gar unwillig wird. Man weiß ja nie in diesen ängstlichen und zugleich technisch unscharfen Zeiten. Da lasse ich lieber nichts anbrennen.

Zwanzig/Einundzwanzig

Es klingt in den Ohren von besonders sensiblen Mitmenschen vielleicht ein wenig nach „Siebzig/Einundsiebzig“, aber das ist durchaus beabsichtigt. Noch war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 offiziell nicht beendet, Kaiser Napoleon III. jedoch bereits seit Monaten abgesetzt, da begann am Neujahrstag 1871 auf dem Papier die Existenz des Deutschen Reiches. Die Ausrufung des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles erfolgte dann am 18. Januar. Einerlei für Reichskanzler Bismarck: Der nachgereichte und entsprechend hastig improvisierte Pomp bestätigte lediglich nur einmal mehr die schlichte Tatsache, dass es den lange angestrebten deutschen Bundesstaat nun wirklich gab.

Einhundertfünfzig Jahre ist das jetzt her. Der heute regierende französische Staatspräsident sprach im März 2020 von einem „Krieg“, in dem wir uns befänden – gegen das Coronavirus, dem man mit allerlei Maßnahmen denn auch begegnete. In Frankreich, Italien, Spanien und Belgien etwa wurden und werden regelrechte Ausgangssperren verhängt; hier in Deutschland ist es bisher weniger hart, weswegen der Begriff „Lockdown“ (Einschluss, Einsperrung, Polizei und Militär auf den Straßen zur Überwachung) unzutreffend ist: Man sollte besser von „Shutdown“ (Schließung von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen) sprechen. Nun werden viele der verhängten Bestimmungen in unser Neues Jahr 2021 hinein weitergelten. Insofern dauert Macrons rhetorische Positionierung an. Auch „2020/21“ lässt sich demnach in einem Atemzug lesen und sprechen.

Reden wir aber von Dingen abseits jenes mexikanischen Maisbieres, dessen Schöpfer in den 1920er Jahren seine Treue zur spanischen Krone bekräftigen wollte, weswegen er es „Corona“ nannte. Denn das Neue Jahr Anno Domini MMXXI hält viele Jubiläen und Gedenktage bereit. Aus ihnen habe ich pro Monat ein Datum ausgewählt. Es geht im Januar, wie gesagt, los mit der Reichsgründung 1871 (vor 150 Jahren). Sodann: Ab dem 25. Februar 1721 erschien die „Berlinische Priviligierte Zeitung“ (ab 1751 „Vossische Zeitung“) dreimal wöchentlich (vor 300 Jahren). Am 3. März 321 erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum allgemeinen wöchentlichen Ruhetag im Römischen Reich (vor 1700 Jahren). Am 17. April 1521 sprach Martin Luther in Worms vor Kaiser und Reichsständen (vor 500 Jahren). Am 6. Mai 1871 wurde Christian Morgenstern geboren (vor 150 Jahren). Im Juni 1796 spielte der fünfundzwanzigjährige Ludwig van Beethoven Klavier vor dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. in Berlin (vor 225 Jahren). Am 1. Juli 1696 wurde Gottfried Wilhelm Leibniz fünfzig Jahre alt (vor 325 Jahren, nach dem gregorianischen Kalender; demnach im Juni julianisch/im Juli gregorianisch 1616 geboren, vor 375 Jahren). Am 15. August 1771 kam Sir Walter Scott zur Welt, der „Erfinder“ des historischen Romans (vor 250 Jahren). Am 11. September 2001 war „Nine-Eleven“ (vor 20 Jahren). Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner (vor 125 Jahren). Rückwirkend zum 1. November 1946 wurde das Land Niedersachsen gegründet (vor 75 Jahren). Am 10. Dezember 1971 erhielt Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis (vor 50 Jahren).

Wem dies an Fest- und Gedenktagen nicht genügt, dem habe ich noch etwas nachzureichen. Seit drei Jahren ist es in manchen hochgebildeten Kreisen eine Gaudi, besondere Ereignisse durch Schnapszahlen zu ermitteln, vorzugsweise dreistellig. So wurde 2018 der dreihundertdreiunddreißigste Geburtstag von Johann Sebastian Bach feierlich-fröhlich begangen. Dadurch angeregt habe ich mich umgesehen und bin auf überwiegend politische Daten gestoßen: 1910 wurde in Portugal die Erste Republik errichtet (vor 111 Jahren). 1799 erschien anonym das Buch „Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern“, rasch identifiziert als ein Werk von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher; außerdem erlebte die Welt den 18. Brumaire des Jahres VIII im französisch-republikanischen Kalender, also den 9. November 1799: Staatsstreich von Napoléon Bonaparte (vor 222 Jahren). Ab Mai 1688 kam es zur „Glorious Revolution“ in England (vor 333 Jahren).


Was Schnapszahlen anbetrifft, so kann ich leider nur zweistellig dienen. Vor 33 Jahren wurde dieser damals 22-Jährige oben im Gebirge gestellt, abgelichtet und also dokumentiert. Die nachgerade zarathustrische Heiterkeit unzeitgemäßer Betrachtungen ist durchaus beachtenswert und kann sich gern überallhin verbreiten. Besser ist immer ein Lachen Nietzsches (vor 150 Jahren, als Professor in Basel, war er noch nicht ganz soweit, das änderte sich in der Folge). Sicher sind wir in jedem Fall bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der das „Lied der Deutschen“ 1841 dichtete (vor 180 Jahren; Quersumme 9, also 3×3, insofern auch ein bisschen schnapsig), und der in seinem Spätwerk die Coronaworte fand: „Der größte Lump im ganzen Land, / das ist und bleibt der Denunziant.“ Aber nun hoffen wir mal großzügig, dass solche finsteren Wahrheiten im Jahre 2021 gar niemand aussprechen muss – weil tout le monde freundlich und sachlich bleibt. In diesem Sinne: Frohes Neues Jahr!

Oktav für Beethoven

So hatten wir uns die Feiern zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Ludwig van Beethoven nicht vorgestellt! Im wirklichen Leben durfte nichts stattfinden, weil coronabedingt auf alles Festliche verzichtet werden musste. Menschenansammlungen in Konzerten wären womöglich zu „Superspreader-Events“ geworden. Wer hätte das verantworten wollen?

Eigenartig bleibt es schon, dass ausgerechnet der Komponist, dessen Werke geradezu nach unbeschränkter Öffentlichkeit verlangen, pünktlich zu seinem Jubiläumswiegenfest weggeschlossen wurde. Der 16. Dezember 2020 wird in Deutschland immer mit dieser Tatsache verbunden sein, sofern sich historisch interessierte Bürgersleute später einmal erinnern.

Doch wir wollen nicht jammern. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Per aspera ad astra. Umso freundlicher wirkt ein Hashtag namens „bthvn_2027“ auf die betrübte Seele: In sieben Jahren ist Beethovens Ableben zweihundert Jahre her. Und dazwischen kann die öffentliche Pflege der Musik des Meisters ja weitergehen. Vieles, was nun verboten wurde, könnte nachgeholt und/oder vertieft werden.

2020 mitgezählt, sind es bis einschließlich 2027 genau acht Jahre. Das entspricht dem Intervall einer Oktave. Im Kirchenjahr gibt es die biblische Zeit „nach acht Tagen“, nämlich die Wiederkehr des gleichen Wochentages beziehungsweise den Beginn einer neuen Woche. Davon hat sich die „Oktav“ nach hohen Festtagen etabliert. Acht Tage nach dem Christfest ist Beschneidung und Namengebung Jesu (1. Januar, seit viereinviertel Jahrhunderten in unseren Breiten zugleich Neujahr), acht Tage nach dem Osterfest der Weiße Sonntag (Quasimodogeniti), acht Tage nach dem Pfingstfest das Lob der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis).

Entsprechend der symphonischen Organisation seit Beethoven lassen sich die Tage mühelos in Jahre ausweiten. Entscheidend sind, wie bei der Schöpfungsgeschichte, die Einheiten und nicht deren absolute Dauer! Wissenschaftlich messbare Sekunden, Minuten, Tage, Monate oder Jahre sind da eher relativ, volativ, flexibel. Der lange Atem ist gefragt. Beethoven jedenfalls hat kein festgelegtes Jubiläums- oder Gedenkjahr nötig. Dem menschlich-gesellschaftlichen chronologischen Bedürfnis aber kommt es entgegen, wenn einigermaßen überschaubare Zeiträume sich auftun.

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Acht Jahre Achtsamkeit für den großen Künstler ist weder zu viel noch zu wenig. Achtung gebührt ihm allemal, befreit von sämtlichen mitunter albernen Antipandemiemaßnahmen (siehe Symbolbild). Beachtet werden mögen Beethovens unvergleichliche Schöpfungen alle Jahre wieder. Vielleicht dann auch einmal seine Achte Symphonie. Die kam bisher entschieden zu kurz.

Beethoven light

Cosima Wagner geschiedene von Bülow aufgewachsene Liszt geborene d’Agoult war Ende des Jahres 1870 der Meinung, der deutsch-französische Krieg selbst sei die Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag. Dies schreibt Martin Gregor-Dellin in seinem roman vrai, der 1980 erschien und auch deswegen so viel Resonanz fand, weil in diesem biographischen Meisterwerk erstmals die wenige Jahre zuvor erschienenen Tagebücher der zweiten Ehefrau des Protagonisten Richard Wagner mitberücksichtigt und verarbeitet wurden, wenn auch oft ironisierend und insofern weniger der historischen Treue denn dem romanhaft Erforderlichen verpflichtet.


Dennoch ist es unzweifelhaft, dass Beethovens Musik im Jubiläumsjahr damals für etliche militärisch bedingte Siegesfeiern herhalten musste. Damit wurde die reichliche deutsche Idee befördert und verwirklicht: Die Reichsgründung zum 1. Januar 1871 war dann nur der längst fällige Verwaltungsakt. Aus Blut und Eisen, aus den Trauermärschen der As-Dur-Sonate Opus 26 sowie der Eroica-Symphonie, aus isolierten martialischen Klängen etlicher anderer Beethovenschen Kompositionen heroischen Inhalts formte der nunmehrige Meister aus Bayreuth seine dann für die Zukunft maßgeblichen Festspielmusiken. Nach seinem Dahinscheiden 1883 gab Cosima gemäß einem selbstauferlegten Gelübde das Tagebuchschreiben auf und war fortan, bis zu ihrem eigenen Tod 1930, als gebürtige Französin und Tochter des hochberühmten Franz Liszt die „Herrin des Hügels“, sehr deutsch und immens geschäftstüchtig. 

Nun, einhundertfünfzig Jahre nach jenem Krieg, dem in Frankreich die Dritte Republik folgte und in Deutschland dank französischer Reparationszahlungen die „Gründerzeit“ des zweiten Kaiserreichs unter dem allgewaltigen Kanzler Otto von Bismarck … – also nun, anno 2020, zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag Beethovens, harren wir einer ganz anderen und nie gekannten geschweige denn erahnten Ehre des musikalischen Genies: Corona lässt den Gedanken zu, bundesweit ab 16. Dezember Schulferien zu erteilen. Das ist unendlich mehr als das kriegerische Brimborium 1870! Nun könnten sogar die Kinder, Halbwüchsigen und Jungerwachsenen sich freizeitmäßig und weihnachtlich zugleich der Musik Beethovens widmen – nicht länger bloß pflichtgemäß im Unterricht, wenn die Fünfte oder die Neunte langweilen, sondern richtig aktiv … aber wie genau? Ach ja, alles Diesbezügliche ist leider untersagt. Konzerthäuser bleiben zu, Ensemblemusik und Orchester-oder Chorproben sind verboten, der Jubilar ist zum Schweigen verdammt. Unsere Kultur wird gerade insgesamt abgewickelt, ohne Rücksicht auf Verluste. Alles, was an Hygienekonzepten kostenintensiv in den letzten Monaten auf die Beine gestellt wurde, wird grausam ignoriert.

16. Dezember 1770 / 2020: Zweihundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt ist somit auch Ludwig van Beethoven gesellschaftlich ausgezählt und entsorgt. Was Thomas Mann im Roman „Doktor Faustus“ 1947 mit seinem alter ego Adrian Leverkühn vorausahnte: die Musik humaner Herkunft womöglich zurücknehmen zu müssen – es wird unter völlig anderen Voraussetzungen nun zu bitterer Wirklichkeit. Übrigens ist das Kapitel, in dem Martin Gregor-Dellin in seinem Buch über den selbsternannten Beethovenvollender Richard Wagner das Jahr 1870 beschreibt, nach einem Begriff aus Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) betitelt und lautet: „Machtgeschützte Innerlichkeit“. Freilich wird dies wohl dem Wagner-Clan, mitnichten jedoch dem historischen Beethoven gerecht: Der stand zwar unter der Protektion adliger Gönner – doch innerlich glühte er bis zuletzt gegen alle Machtgeschütze und durchschlug mit seiner Musik jede ständisch-angemaßte Selbstgefälligkeit. Wäre doch schön, wenn der Jubel über vorzeitige Ferien sich mit einer irgendwie artikulierten hommage à Beethoven produktiv verbinden könnte.

Update 26. November 2020:  Der 16. Dezember ist es nun leider nicht geworden. Kein Ferienbeginn an Beethovens Geburtstag. Hier wurde die Chance verpasst, trotz aller derzeitigen musikalischen Aufführungsverbote zumindest pädagogisch wertvoll die unmittelbare Freude wirken zu lassen, die der 250-Jahres-Jubilar ausgeströmt hätte. „Beethoven ist cool – seinetwegen gibt’s mehr Ferien“: solch junges Lob fällt nun aus.

Farben im Spätsommer

Wer Freiheit sucht in diesen Zeiten, ist auf die leuchtende Natur verwiesen.

Man sollte dafür dankbar sein. Kein sorgenvolles Corona-Nanny-Gehabe.

Weder Panik noch Gleichgültigkeit.

Wir wollen frei bleiben, gesund gewiss, aber auch bei aller Schönheit der eigenen Sterblichkeit deutlich bewusst.

Wem Sonnenblumen zugeeignet werden, ist ein Zeichen gesetzt: Solch ein Mensch bleibt, ob er gleich stürbe, immerdar.

Dahlien pflastern locker den Weg.

Freundliche Endlichkeit, vielleicht Vorbild den Streithähnen und Lästerhühnern überall auf dem gebeutelten Erdball.

Helle Blumen am Wegesrand.

Glückhafte Ernten an sicheren Bäumen.

Beste Blömeken, Planten un Bloemen, Sonne zuvor und hoffentlich kräftig danach.

Sommer-Ende

Wir sind am Ende eines besonderen Sommers. Corona prägte sein Wesen. Wie schade! So viele Schönheiten des Lebens in Flora und Fauna gingen im allgemeinen Geplärr von Klimakrisenpanik, Rassismusunterstellung und Genderismus völlig unter.

Schmetterlinge im Sonnenbad lassen die Unsicheren unter den hartherzigen Ideologen vielleicht doch noch erweichen. Wenn nicht, dann gnade uns Gott.

Katzenfoto

Ein bekanntes „soziales Netzwerk“ aus Kalifornien wird manchmal verspottet, weil seine Nutzerinnen und Nutzer hauptsächlich „Katzenfotos“ verbreiten würden. Dem widerspreche ich energisch, weil die in Rede stehenden Tiere solch eine herablassende Bemerkung nicht verdient haben. Dass der Internetgigant seine wahren Absichten hinter der Präsentation solcher Bildchen geschickt verbergen mag, sei allerdings deshalb nicht bezweifelt – im Gegenteil: Hier kann er unbemerkt einen Kuschelkurs fahren und dem freudigen Entzücken seiner Milliarden User unbeschwerte Likes mühelos entlocken.

Dass sich die wendigen, eleganten, nachtaktiven, eigensinnigen und schnurrigen Kreaturen davon überhaupt nicht beeindrucken lassen, gehört zur schnöden unverfälschten Wahrheit unbedingt hinzu. Unabhängigere, schlauere, ja freiere Wesen lassen sich kaum denken. Und auch im domestizierten Zustand bleiben sie mit ihren Augen und Krallen unerschrockene Raubtiere, auf leisen Pfoten zwar, aber konsequent und letztlich unbezähmbar. Damit haben sie es sowohl zu Hausgenossen (in Europa) als auch zu heiligen Tieren (im alten Ägypten) gebracht. Ein Kater kann gestiefelt (Ludwig Tieck) sein oder seine Lebensansichten (E.T.A. Hoffmann) verbreiten, er mag durch die Mondnacht streifen, sich mit seinesgleichen balgen und seine Amouren haben. Wenn die Katze mit der Brille (Ilona Bodden) sich indes vor Mäusen zu fürchten beginnt, muss sie ihr Gemahl wieder auf den rechten Weg bringen. Bildungsbeflissenheit darf nie auf Kosten des Selbstbewusstseins gehen. Printmedien, Funk und Fernsehen sowie World-Wide-Web sollten den Blick auf das Wesentliche nicht verstellen.

Da trifft es sich gut, dass heute, wie an jedem 8. August seit nunmehr achtzehn Jahren, der Internationale Tag der Katze begangen wird. Und ich kann dafür, in Form einer Reiseerinnerung, sozusagen ein echtes eigenes Katzenfoto beisteuern:

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In Ephesus war’s, vor einigen Jahren, dass sich dieses Geschöpf gelassen von mir ablichten ließ, ganz in sich ruhend, keinen persönlichen Plan preisgebend, dem eigenen Weg unbeirrt natürlich folgend und deswegen sich nicht weiter störend an den Leuten. Wer sich seiner Sache sicher ist, muss sich nicht einmischen und kann großzügig das Leben der anderen laufen sehen – wie sein eigenes. Freiheit blüht aus den Ruinen, wenn schon nicht aus denen der gegenwärtigen Zeit, dann doch herüber aus einstiger christlich gewordenen humanen Antike. Auch damals schon strichen sie samtig um die Häuser: Womöglich sind Katzen doch die besseren Menschen.

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Der 6. August ist ein besonderer Tag, jedes Jahr. In den orthodoxen und katholischen Kirchen dieser Welt wird die Verklärung Jesu gefeiert. Auf dem Berg Tabor leuchtet sein Antlitz wie die Sonne; der auferstandene Christus blickt durch. In den Evangelien ist diese Szene ein erster Hinweis auf Passion und Ostern – darum steht ihre Lesung im liturgischen Kalender der lutherischen Kirche, in Abänderung der Tradition, am Letzten Sonntag nach Epiphanias an, also im Winter.

Mitten im Hochsommer, am heißen 6. August Anno Domini 1806, nahm das Duell zweier Kaiser eine denkwürdige Wendung: Der eine, Napoleon, konnte ein ganzes altes Reich nicht in sein neues einverleiben und selber dessen Imperator werden, weil der andere, Franz, seines, das vom Korsen begehrte, einfach kurzerhand auflöste. So erlitt ein mehr als achthundertfünfzig Jahre währender Staat sein Knocked-Out und wurde nie wieder – auch im übertragenen Sinne nicht – Gegenstand von irgendwelchen Boxkämpfen sprich grausamen Waffengängen, von denen doch die Zeit um 1800 so übervoll war.

Dieses Römische Reich, später heilig genannt und, nach Verlust der europäischen Dimension, seit dem fünfzehnten Jahrhundert nur noch deutscher Nation angehörig, hatte sich im Furor von Revolution, Terror und Kriegen endgültig überlebt. Kaiser Franz hatte das Ende kommen sehen und bereits zwei Jahre zuvor für sich und die Seinen ein „Kaisertum Österreich“ installiert, als Reaktion auf die Ausrufung eines französischen Kaiserreichs, ebenfalls 1804, welcher im Dezember desselben Jahres die eigenartige Selbstkrönung Napoleons in Paris folgte. So gab Kaiser Franz II. sein heiligrömischdeutsches Reich preis, um als Kaiser Franz I. von Österreich ungehindert weiterregieren zu können. Seine Gesamtregierungszeit umfasst also die Jahrzehnte ab seiner Wahl 1792 bis zu seinem Tod 1835 – vierzehn Jahre davon als deutscher König und römischer Kaiser, neunundzwanzig weitere als österreichischer Herrscher in der Nachfolge der traditionellen habsburgischen Erzherzöge.

Das Römertum ging habituell eher auf Napoleon über, der ja als „Erster Konsul“ 1799 reüssiert und zunächst den republikanischen Gedanken in der diesbezüglich aufgeheizten gesamteuropäischen Stimmung starkgemacht hatte. Sein Caesarentum wurde folglich von denen, die damals dachten und mitfieberten, vielfach als Verrat empfunden. Beethovens nachträglich-spontane Widmungsverweigerung seiner Dritten Symphonie an Bonaparte ist das vielleicht prominenteste Beispiel für den intellektuellen Umschwung jener Zeit. Napoleon wurde nun nicht länger als der tatkräftige Volkstribun einer neuen allgemeinen freiheitlichen Ordnung gefeiert, sondern als ein übler Machtmensch erkannt, der sich in der Folge in halb Europa als rücksichtsloser Kriegsherr und brutaler Militärdiktator entpuppte.

Der Griff nach dem Sein als Imperator „Empéreur“ schien andererseits folgerichtig: Nach vielen Jahrhunderten der seit der Reichsteilung von Verdun Anno Domini 843 zunächst von Aachen aus herrschenden Kaiser, während in Frankreich „nur“ Könige residierten, war nun, 1804 bzw. 1806 die Stunde der Gerechtigkeit gekommen. Diese Gelegenheit, nach rund achteinhalb Jahrhunderten, konnte und durfte nicht ungenutzt bleiben! Aber bekanntlich war bereits im Jahre 1815 mit dem napoleonischen Kaisergehabe Schluss. Und auch sein Neffe, der von 1852 bis 1870 als Napoleon III. einem französischen Kaisertum vorstand, hat dieses nicht halten können. Anschließend setzte sich dann die Republik dauerhaft durch, wenn auch in fortlaufenden Numerierungen von drei bis (derzeit) fünf. 1871 ging die Kaiserwürde wieder nach Deutschland, aber auch nur für gut siebenundvierzig Jahre. Danach, seit Kriegsende 1918, war endgültig Schluss damit.

Weder die beiden Napoleons in Frankreich noch die zwei Wilhelms (im Gegensatz zu Friedrich, dem 99-Tage-Kaiser des Jahres 1888!) in Deutschland haben sich sonderlich auffallend um das Erbe des im Jahre 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches gekümmert. Alle möglichen geistigen und institutionellen Anknüpfungspunkte wurden der neuen Zeit geopfert, und die war, spätestens seit den Ergebnissen des Wiener Kongresses 1815, eher national ausgerichtet. Dass das verflossene „Heilige Römische Reich“ den Zusatz „deutscher Nation“ eher einschränkend verstanden hatte und keinesfalls chauvinistisch, spielte nun keine Rolle mehr. Den dahinterstehenden Gedanken einer zumindest westeuropäisch-kontinentalen Einheit von italienisch-französisch-deutschem Gepräge sah fürderhin kein Mensch. Karolingische und ottonische Großzügigkeiten wurden im neunzehnten Jahrhundert von allen Seiten eher ausgeblendet und kämpferisch bestritten denn positiv und schöpferisch in Anschlag gebracht.

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Es musste erst der Zweite Weltkrieg zum bitteren Ende gelangen, um die europäischen Völker in ihrem Widerstreit innehalten zu lassen. Weltweit geschah dies erst ab einem anderen 6. August, dem des Jahres 1945, als durch US-amerikanisches Militär die erste Atombombe über bewohntem Gebiet gezündet und die japanische Stadt Hiroshima zerstört wurde. Dass man mit der Gründung der „Vereinten Nationen“ und später mit der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ versuchte, eine dauerhafte Friedensordnung aufzubauen, ist verständlich und nach wie vor begrüßenswert. Wie schade, dass diese Organisationen nun selbst im Klein-Klein sich längst verloren haben. Die UNO ist zu kraftlos, um Kriege zu verhindern. Und die „Europäische Union“ dieser Tage macht den Eindruck eines bürokratischen Monsters, das angesichts von „Corona“ alle Hemmungen zum Gelddrucken ablegt – geistige Gestaltungskraft ist da mitnichten am Werk …

Der verklärte Christus ist in Vergessenheit geraten, und mit ihm seine Wirkmacht. Im ottonischen Kirchenbau wäre eine Kraftquelle neu zu schöpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man aus den Trümmern eine neue Kirche nach alten Plänen: die Michaeliskirche zu Hildesheim erstand in ihrer ursprünglichen Gestalt. Ihr einstiger Bauherr, Bischof Bernward (in die Ewigkeit gerufen Anno Domini 1022), war zeitweilig der Erzieher des späteren Kaisers Otto III. – Klar: Die Umstände der ersten christlichen Jahrtausendwende sind längst vorüber. Aber dieses Bauwerk altdeutsch-neurömischer Kaiserherrlichkeit sowie bischöflichen Mönchtums überstand dann immerhin alle weiteren Höhen und Tiefen der Geschichte – sogar ihre Verwendung als Pferdestall und Irrenanstalt im Gefolge der durch die napoleonische Bedrängnis stattgehabten Säkularisierung. Hoffen wir, dass der Name des Erzengels Michael auch weiterhin die menschlich-gebrochenen Erinnerungen wachhält; denn, seien wir ehrlich: Wer ist schon wie Gott?

RR: Römisches Reich.
hdN: heilig, deutscher Nation.
ko: knocked-out. Hoffentlich nicht. Das göttliche Humanum möge leuchten wie die Sonne.
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