Corona n’est pas imaginaire

Wir müssen in die Isolation. Föderalismus hin oder her. Ob irgendwem ein Zacken aus der Krone fällt, ist derzeit völlig nebensächlich. Alle Pläne sind über den Haufen geworfen. Das tägliche Leben kommt zum Stillstand. Abstand zum Nächsten wie zum Fernsten geht jetzt vor und duldet keine Ausnahme. Es sei denn, man muss doch noch einmal einkaufen gehen.

Dass Hamstern in meiner so satt und sauber aufgewachsenen Generation jemals ein Thema werden würde! Wie sehr hatten wir es verdrängt in tiefste Vergangenheit. Nur vom Hörensagen wussten wir: Da war mal was. Nach dem Krieg. Dessen Ende liegt bald fünfundsiebzig Jahre zurück.

Vom dünnen Firnis unserer Zivilisation ist nun vermehrt die Rede. Nach einem Dreivierteljahrhundert, davon viele Jahrzehnte in Saus und Braus, holen uns geradezu archaische Nöte wieder ein. Pest und Cholera 2.0 – und die Trennung zwischen „krank“ und „gesund“ ist schier unmöglich. Wer mag bereits das Virus sich eingefangen haben? Wer nicht? Wer weiß das schon so genau?

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Bald muss ich wieder in den Supermarkt. Dorthin, wo meine Hausmarken längst ausverkauft sind. Ich werde mich tapfer auf den Weg machen. Noch ist ja keine Quarantäne über mich verhängt. Wie gut, dass es Plastikumhüllungen gibt. Mein Klopapier kann ich zu Hause auspacken, ohne befürchten zu müssen, jemand anderes hätte die einzelnen Rollen schon vor mir begrabbelt.

„Nachhaltigkeit“ im Sinne heutiger beliebter politischer Parolen lässt sich leicht einfordern, wenn es keine echte Not gibt. Ich sehe die Vorteile von Kunststoffverpackungen in den Zeiten der Corona deutlicher denn je. Und allen Lautsprecher*inne*n umwelt-„aktivistischer“ Provenienz sei in Hinsicht auf deren Dystopie einer „Klimakatastrophe“ die einfache Frage gestattet, ob sie nicht in ihrer verstiegenen und gänzlich übertriebenen How-dare-you-Art einer eingebildeten Krankheit frönen – Molière lässt freundlich grüßen.

Überhaupt kommen mir die Segnungen des technischen Fortschritts sehr zupass. Der deutschen Automobilindustrie verdanke ich in Verbindung mit unserer freien und sozialen Marktwirtschaft die Möglichkeit, am Individualverkehr teilzuhaben: Im eigenen motorisierten Wagen, schön sicher vor meinen Mitmenschen, weil garantiert isoliert.

Das Foto verdeutlicht meine Not. Ich werde mich auf Dauer nicht im eigenen Haus verschanzen können. Als alle Welt diese Wertpapiere besorgte, wollte ich den Bedürftigeren den Vortritt lassen. Zugleich wäre ich mir unfein vorgekommen, hätte ich zu offensichtlich palettenweise davon mir Vorräte zusammengekauft … Mein Joker: Ich habe noch Papiertaschentücher und Küchenrollen in Reserve – unscheinbar beschafft, als tout le monde nur das Eine wollte … Fortsetzung folgt!

 

 

 

Auf den Orgelpunkt

Mit dem Begriff „Orgelpunkt“ bezeichnen wir in der Musik einen durch mehrere Takte gehaltenen Ton, über dem sich ein Thema entfaltet oder ausgesponnen wird. Gern erscheint er am Anfang, in der durchführenden Mitte oder gegen Ende eines Stückes. Oft liegt er in den tiefen Lagen des Pedals, vorzugsweise eingangs auf der Tonika oder im späteren Verlauf auf der Dominante.

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Ein Orgelpunkt wirkt vor allem dann beständig, wenn er etlichen Modulationen zum Trotz sich durchhält. Stark und ruhig zugleich bleibt er einfach liegen, hält vorübergehende Missklänge ebenso aus wie die „Fülle des Wohllauts“, lässt sich von „großer Gereiztheit“ nicht aus dem Konzept bringen und dringt auf ein gutes Ende. Daher sind polyphone Wortgefechte, andere Meinungen, unterschiedliche Ansichten für ihn kein Grund zur Aufregung. Stoische Gleichmut und christliche Hoffnung finden hier zu klarer Einheit und stimmiger Kraft.

Solch latent vielfältig gedachte Eintönigkeit wurde im Laufe der Zeit zu einem kompositorischen Prinzip ausgebaut und hat auch die weitere instrumentale und vokale Musik erfasst, liefert der Orgelpunkt doch zu jedem Motiv oder gar zu jeglicher bestimmten Melodie ganz elementar einerseits das schöpferische Rohmaterial, andererseits die nachschaffende Bestätigung von bewegt-bewegender Klangrede im fortgeschrittenen Stadium. Zu Beginn, im Verlauf und am Ziel erweist er sich als ein Lebenselixier allererster Güte.

Wo liegt derzeit ein tief vertrauenswürdiger Grundton oder ein angenehm ausgelotet dominierender Laut? Das leise Rascheln von Zeitungen mit frakturgesetzen Namen wird seltener; denn die klugen Köpfe wollen auch entsprechende geistreiche Kost. Den Sensationen hinterherzuhecheln gelingt ja selbst dem Fernsehen nicht mehr. So redet man nicht Fraktur. Und was wir in den sogenannten „sozialen Medien“ schrill und verzerrt häppchenweise mitbekommen, füllt nicht annähernd die abgründige Lücke aus, die sich zum unüberbrückbaren Graben verbreitert und einen „Donnerschlag“ hervorrufen könnte. Daher fordere ich: Weniger Zuckerberg! Mehr Zauberberg! Auf den Orgelpunkt!

 

 

 

MMXX

2020 – wie soll man das aussprechen? Brav „Zweitausendundzwanzig“? Rückwärtsgewandt „Zwanzighundertzwanzig“? Geschäftsbeflissen „Zwanzigzwanzig“? Oder historisierend abendländisch: Anno Domini MMXX? Immerhin wird der zweihundertfünfzigste Geburtstag Beethovens begangen, ergo eine starke Persönlichkeit mit römisch-republikanischen Idealen gefeiert. Wünschenswert wäre da schon eine sattelfeste Ausdrucksweise. Dabei muss es ja nicht gleich so martialisch zugehen wie zum Hundertjahresjubiläum 1870, als eine Cosima Wagner geschiedene von Bülow geborene Liszt die Ansicht vertrat, der Deutsch-Französische Krieg sei das Jubelfest …

Es sind überdies von heute her gesehen nunmehr fünfzig Jahre verflossen, seit eine weltumspannende Sekundenzählerei begann. Mit Donnerstag, 01.01.1970 post Christum natum startete die sogenannte Unixzeit. Rasche Datentransferleistungen über störende Zeitzonen oder sonstige kleine Unterschiede in den kulturell speziellen Berechnungen von Stunden, Tagen, Monaten, Jahren, Jahrzehnten, Jahrdutzenden, Jahrhunderten, Jahrtausenden hinweg sind seitdem noch leichter möglich als zuvor. Quasi ohne Rücksicht auf Verluste, aber auch von zahlreichen Vorteilen für reibungslosen Handel und Wandel gekennzeichnet. Globalisierung ist nichts für Angsthasen. Zumindest ein ganz klein wenig imperiale Erhabenheit, wie sie schon zu augusteischen und napoleonischen Zeiten im Schwange war, sollten wir da schon mitbringen.

Allzu verschnörkelte Jahresbenennungen zum Beginn der diesjahrhundertlichen „Zwanziger“ lassen wir daher also lieber bleiben. Die seinerzeitige schroffe bundesdeutsche Benennung sozialstaatlicher Reformen als „Agenda zwanzichzehn“ rief auf dem anderen Ende der Sprechskala indes ein Unbehagen hervor, welches unweigerlich an den biblischen Spruch erinnert von der Sprache, die einen verrät. Folglich ist die ebenso abfällig klingende Bezeichnung „zwanzichzwanzich“ in diesem Textumfeld geschrödert, geschreddert, gestorben.

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Solch persönlicher Widerwille könnte allerdings auf kurzlebigen Affekten beruhen – er macht noch nicht hinreichend innerlich stark. Dabei laufen individuelle Konturen zur Zeit weitaus umfänglicher in Gefahr, zu verschwimmen und zu zerfließen, als es allgemein bewusst ist und durch bloß äußerliches Protestgebaren sich manifestiert. Beispielsweise zeugt die Parole „Wir sind mehr“ von einigermaßen armselig auf Quantität berechneter Attitüde. Wer da nicht aufpasst, trägt nolens-volens dazu bei, dass die Welt um einen herum ganz schnell noch einmal mehr durchökonomisiert und mithilfe von Strich-Codes oder Überwachungskameras verwaltet wird. Romantisch geht jedenfalls anders.

Der Herr auf dem beigefügten Foto par exemple versucht unverdrossen nach wie vor, rein menschlich respective „reinmenschlich“ das Heft in der Hand zu behalten, um mit den eigenen bescheidenen Gaben und Fähigkeiten zu wirken. Verstand und Stimme, Gedankenkraft und Ausdruck, Phantasie und Klangsinn, Vernunft und Glaube, Schreibkunst und Musik will er sich unbedingt bewahren und Erreichtes sogar noch ausbauen. Wir werden ja beizeiten sehen, was ihm von seinen hehren Ansprüchen gelingen wird einzulösen. Gute Vorsätze anlässlich kalendarischer Jahreswechsel soll es ja schon des öfteren gegeben haben …

Die Frage, ob all das „was bringt“, stelle ich mir bei diesem Unterfangen übrigens nicht. Ich denke im Zuge einer sich Jahr um Jahr verstärkenden geistigen Retrospektive und mache dann, was ich nicht lassen kann. Dadurch komme ich erstaunlicherweise voran. Neumodische Zeitungsüberschriften wie „Die Post will langsamer werden“ finde ich albern. Hingegen hoffe ich darauf, dass solche und andere als irgendwie „klimaneutral“ gefeierten Fortschritte in die Steinzeit sich agendarisch noch ein bisschen hinauszögern lassen. Rheinmenschlich kommt da ein gewisser „Ludwig van“ mit seiner Freude an pünktlichen Schiffsabfahrtszeiten gerade recht. In diesem Sinne: Beste Segenswünsche zum Neuen Jahr und freundliche Grüße aus dem Off.

Weihnachtswert

Die Volkszählung des Kaisers Augustus, von Luther mit „Schätzung“ übersetzt, führt zur wohl bekanntesten Reise der Weltliteratur. Maria und Josef machen sich auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem. Vierzehn Tage, so eine Berechnung, braucht man zu Fuß aus Galiläa ins gebirgige Judäa. Dort, abseits der Political Correctness von imperialer Macht und Pracht, bringt die Verlobte eines fernen Nachfahren von König David ein Kind zur Welt, unter den beengten Verhältnissen vor Ort gewickelt und gelegt in eine Futterrinne für Tiere. Was soll nur dieser Census?, mögen sich unsere notdürftig Beherbergten vielleicht fragen. Warum müssen wir uns in Steuerlisten eintragen im Zuge einer von oben verordneten umständlichen Maßnahme? Was wird aus den damit erfassten Männern im Falle eines Krieges? Das Imperium schlägt ja bekanntlich nur zu oft fiskalisch und militärisch zurück. So ist der Weltenherrscher in Rom schließlich zu dem geworden, was er jetzt vorstellt: Ein neuer Caesar, ein gewaltiger Kaisar, sich als „der Erhabene“ dünkend. Von solch einem entrückten Herrn müssen wir uns wertschätzen lassen?

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Der Imperator und Pontifex maximus sieht seine Untertanen als  namenlose Nummern, deren Wert abzuschätzen nötig ist im Hinblick auf Geldvermögen und Wehrfähigkeit. Das derzeitige kirchliche Gerede von „Wertschätzung“, welchselbige man sich gegenseitig gewähren sollte, weil Jesus das heute ganz bestimmt auch sagen und dementsprechend handeln würde … Ich breche den Gedankengang lieber ab. Das Kind von Bethlehem, den Prediger und Wundertäter aus Nazareth, den Gekreuzigten und Auferstandenen vereinnahmt man für so viele politisch korrekte Sprechblasen und ach so wohltuende „Zeichen“, die „gesetzt“ werden, dass darüber der entscheidende Punkt vergessen wird: „Dies habt zum Zeichen“. Der Engel klärt auf, niemand sonst. Der Gottesbote verweist auf den Christus in der Krippe. Und die so angesprochenen Hirten – Pastores – hören gut zu, gehen sofort hin, sehen, staunen, erzählen aller Welt von ihrem Erlebnis. Mit diesem Sprachgeschehen beginnt die Verkündigung des himmlischen Heils hinein in unser irdisches Gewusel.

Das göttliche Kind indes gibt keinen Laut von sich. Auch Maria und Josef sagen kein einziges Wort. Nach der Weihnachtsgeschichte des Lukas erheben nur der Engel, die himmlischen Heerscharen und die Hirten ihre Stimme. Deren Wirkung aber bewegt das Herz. Von der Mutter des Heilands geht eine innere stille beharrliche Kraft in die Welt der berechneten Geldströme und geplanten Kriege mitten hinein. Irdischen Mächten und Gewalten ist diese Botschaft deshalb von jeher unheimlich. Denn die himmlische „Klarheit des Herrn“ durchschaut das Nur-Humane, das sogenannte „Humanistische“ als das Eindimensional-Unmenschliche. Erst „auf dem Berge, da wehet der Wind“; weitab der bloß erdverwachsenen Ebene öffnet sich der ganze Horizont einer Gotteswelt, die gegen kleinliches Geschwätz den großen Bogen entrollt. Da ist der ersehnte Friede, da leuchtet Gottes Menschlichkeit. Ob der zählende und rüstende und beides abschätzende Kaiser Augustus das dann mitbekommt oder nicht, ist für das Leben vor Ort innerlich unerheblich, obzwar äußerlich drückend. Himmel und Erde, Geist und Macht, Freiheit und Notwendigkeit sind im abendländischen Diskurs daher niemals deckungsgleich: Das lässt sich an der guten alten Weihnachtsgeschichte versuchsweise durchaus zeigen, quod erat demonstrandum. Alle Jahre wieder.

 

Zwölf berückende Buchumschläge

Vom Brexit hört man derzeit wenig,

doch was man sieht, stimmt melancholisch:

1

 

So geht man denn zur Apotheke,

auf dass man sich schön lyrisch stärke:

VI

 

Dort, feuilletonverdorben, liest wer

das Mozart-Buch von Hildesheimer:

2

 

Wenn einer der Musik die Stirn böte,

dann könnte das noch immer Goethe:

5

 

„Amerika, du hast es besser“,

trotz vieler wahnhafter Obsesser:

7

 

„Ach“, ruft man aus,

„Bach soll ins Haus!“ -:

4

 

Das Bücherregal biegt sich tiefer,

wenn ich den dicken „Wagner“ liefer:

VII

 

Solch Roman vrai kommt nicht allein,

ganz primig zwiefach muss es sein:

III

 

Die Günderrode und Heinrich von Kleist

Ringen que(e)r tödlich um den großen Geist:

IV

 

Dann treten Gauß und Humboldt auf,

vermessen unabhängig aller Welten Lauf:

3

 

Beschäftigen wir uns mit Robert Gernhardt,

so merken wir, dass er uns richtig gern hat:

V

 

Grundiert ist viel davon in Sang und Klang durch Ohren,

die einer spitzte, kunstgesinnt erkoren:

II

 

Was sollen wir nun hierzu sagen?

Es gibt vielleicht was gegen unsre Plagen!

Indes, man müsste das, was hülfe zu genesen,

auch wieder einmal tief und gründlich lesen!

Mauerdurchbruch

Als vor dreißig Jahren infolge einer Verkettung glücklicher Umstände – ich sage nur: Schabbi „unverzüglich“ – am Grenzübergang Bornholmer Straße die Berliner Mauer unter dem Druck der versammelten Menschen geöffnet wurde, lag Deutschlands Zukunft in unbekannter Form und Ferne ganz weit weg. Glücksmomente sind reine Gegenwart. Von solch einer Beschaffenheit war der Abend des 9. November 1989.

Der sprichwörtliche Himmel über Berlin, cineastisch bereits zwei Jahre zuvor in aller Munde – ich sage nur: „Kind“ Handke – , strahlte tagsüber prächtig, noch viele Wochen in jener Zeit. Er beschien ausgemusterte Elektrowaren, die nun an begeisterte DDR-Bewohner verkauft werden konnten; er blickte freundlich auf das menschliche Gewimmel am Kurfürstendamm; er sah hell in sich umarmende westöstlich vereinte Deutsche unterschiedlicher Staatsangehörigkeit; und er meinte es offensichtlich gut mit allem, was kommen würde.

Günter Schabowski (auf einer Pressekonferenz zum neuen Reisegesetz der DDR) und Peter Handke (diesjähriger Literaturnobelpreisträger, man lese und höre wieder einmal das „Lied vom Kindsein“ in der Rezeption durch den Filmemacher Wim Wenders) haben auf je ihre Art unwissend Mut gemacht: 1987 dachte nur Präsident Reagan bei seinem Berlinbesuch das Undenkbare – ich sage nur: „Tear down this wall“ – , verlacht von allen Westdeutschen, die es sich in der Zweistaatlichkeit bequem gemacht hatten. Und 1989, am frühen Abend des zweiten Donnerstags im elften Monat, wurde aus der trockenen Ankündigung, dass man eine neue Regelung gedenke einzuführen, derzufolge künftig DDR-Bürger ohne besonders begründeten Antrag in den Westen reisen könnten, durch die Nachfrage eines italienischen Reporters – ich sage nur: „Wann“ tritt die in Kraft? – eine unumkehrbare Abstimmung mit Trabbis und Füßen.

Vom damaligen „Ende der Geschichte“ sind wir nunmehr, trotz 2001-Nine-Eleven und nachfolgenden weltweiten Kriegen wie Flüchtlingsströmen, schlafwandlerisch doch irgendwie im „Kampf der Kulturen“ gelandet, auch wenn das derzeit viele nicht hören wollen – ich sage nur: „Wir schaffen das“. Die Deutschen, 1989/90 „das glücklichste Volk der Welt“ – ich sage nur: Mauerfall, Fußballweltmeister, Wiedervereinigung – sind seit einiger Zeit dabei, alles „Nationale“ über Bord zu werfen. Dabei übersehen sie in ihrem Wunsch nach Buntheit und Vielfalt, dass zum Leben und Lebenlassen die jeweils einzelne, also persönlich-individuelle Geburt gehört, welche in ganz handfeste, klar bestimmbare familiäre, sprachliche, religiöse, traditionelle, kulturelle und – nachgelagert – auch staatliche Zusammenhänge hinein sich ereignet. Was der tiefe herzerschütternde und tränentreibende Grund zur Freude 1989 war – ich sage nur: Willy Brandts Wort „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ – , soll in der heutigen multikulturell umgeformten Gesellschaft keine Rolle mehr spielen. Wirklich nicht?

Entsprechend wirr ist die Rückseite der Zwei-Euro-Sonderprägung – ich sage nur: Die D-Mark musste in der Verhandlungsfolge „2 plus 4“ dran glauben – zum Mauerfalljubiläum ausgefallen. Die jubelnd hochgereckten Hände vorm Brandenburger Tor mögen den Glücksmoment ansatzweise einfangen; aber eine deutende Grundierung bleibt in dieser künstlerischen Darstellung weitgehend aus.

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Sei’s drum. Wie gut, dass meine Zigarettenbüchse, in welche ich die Tabakwaren stets nach deren Erwerb „sofort“ wegen der mir unerträglichen – ich sage nur: „pädagogisch wertvollen“ – Ekelbilder hineinumsortiere, mit einer unregelmäßig weißgesprenkelten Oberfläche auf blauem Grund eingefärbt ist – ich sage nur „Europa“! Man müsste Latein sprechen können – ich sage nur nati bzw. nasci: geboren werden – , dann wäre gedanklich vieles besser einzuordnen. Denn nicht nur die deutsche Geschichte ist vom 9. November geprägt – ich sage nur: 1848, 1918, 1923, 1938, 1989 – , nein, auch außerhalb unseres Sprachraums ist dieses Datum von Bedeutung.

Am 18. Brumaire VIII, also 9. November 1799 putschten die Gebrüder Buonaparte, Lucien und Napoléon, erfolgreich gegen das Direktorium und erklärten die Französische Revolution offiziell für beendet. Der neue „starke Mann“ – ich sage nur: Konsul, Kaiser, Kriegsherr – hielt das verängstigte restliche Europa noch viele Jahre in blutigem Schach; „das Böseste, was es gibt“ – ich sage nur: Vor dem Sturm (Fontanes erster Roman) – , konnte erst mit dem Wiener Kongress unschädlich gemacht werden. In der politisch bleiernen Restaurationszeit ab 1815 geriet vieles an fraglos positiven, zumindest auf dem Papier existierenden Errungenschaften der Ersten Französischen Republik tragischerweise in Vergessenheit, ja im Lauf des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts sogar in Verruf: Die bürgerliche Gleichstellung der Juden gehört dazu …

Der 9. November ist für viele Menschen in aller Welt aber auch ein hoher Festtag, und zwar in der römisch-katholischen Kirche. An jenem Tag im Jahr 324 wurde die Mutter und das Haupt aller Kirchen der Stadt Rom und des Erdkreises feierlich geweiht. Bischof Silvester und Kaiser Konstantin richteten auf dem Baugrundstück der alteingesessenen Familie Laterani ihre Gebete an den Salvator direkt – ich sage nur: Gut evangelisch! – ; die Patrozinien von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten traten ergänzend hinzu. So kennen wir das Gotteshaus bis heute unter dem Namen San Giovanni in Laterano: Die Lateranbasilika war bis zum Großen Abendländischen Schisma 1309 die Papstkirche. Vom Vatikan war kaum die Rede.

Bau – ich sage nur: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ und Fall – ich sage nur: „O Durchbrecher aller Bande“, unvorstellbar bis zum besagten glorreichen Augenblick – : Beides ist im Blick auf die innerdeutschen tödlichen Grenz- und Sperranlagen gottlob Vergangenheit. Wenn es gegenwärtig so etwas wie zukunftsoffene tatkräftige Ökumene im Sinne einer weltweit und himmelwärts gedachten Ahnung des Unendlichen geben sollte – dann sage ich nur: Seid wachsam und bleibt dankbar.

Foto: Münzfester deutsch-deutscher Freudentaumel. Die Ereignisse am 9. November im deutschsprachigen Raum: 1848 Hinrichtung des Abgeordneten zum Paulskirchenparlament Robert Blum in Wien. 1918 Abdankung des Kaisers Wilhelm II., Ausrufung der Republik in Berlin. 1923: Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle in München. 1938: Judenpogrome in ganz Deutschland – der Staat als Terror- und Mörderbande. 1989: Fall der innerdeutschen Grenzen – Anfang vom Ende der kommunistischen DDR-Diktatur.

Es-Dur con variazioni

Es ist die Tonspur.

Es flötet zauberhaft.

Es tönt freimaurerisch.

Es verbindet sich zäh mit c.

Es klingt heldenhaft.

Es vergoldet Ockerfarben.

Es lässt hoffmannesk zart movieren.

Es weiß sich beethoventlich.

Es lautet lamoleonisch an.

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Es wirkt napoleonisch.

Es verleiht warmen Glanz.

Es mag gern siegreich sein.

Es will hoch hinaus.

Es gründet sich die beste Tonart.

Es bläst dreimal erniedrigt.

Es brahmst endlich mollig.

Es bacht orgelnd trinitarisch.

Es tollt empereurisch großartig.

Es prägt die Eroica.

Es händelt adventlich im Gesangbuch.

Es lassen wir mal so stehen.

Inspirationen: Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte (1791). Paralleltonart c-Moll (gilt jedes Jahr). Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Sinfonie Es-Dur (1803). Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Es-Dur (1788). Ludwig van Beethoven: Prometheus-Variationen (1800) und Dritte Symphonie Es-Dur „Eroica“ (1804). Lambertikirche Oldenburg (1791-1800). Drei b als Vorzeichen. Johannes Brahms: Rhapsodie Es-Dur, endend in es-Moll (1892). Johann Sebastian Bach: Präludium und Fuge Es-Dur aus der Orgelmesse (1739). Ludwig van Beethoven: Fünftes Klavierkonzert Es-Dur „L‘ Empereur“ (1811). Georg Friedrich Händel: Triumphmarsch aus den Oratorien „Josua“ und „Judas Makkabäus“ in der Es-Dur-Fassung des Evangelischen Gesangbuchs (1747/1993).

 

 

Die 9,5 Thesen

Ja, Sie haben richtig gelesen: Nicht fünfundneunzig, sondern neunkommafünf Thesen im Nachgang zum großen Reformationsjubiläum anno 2017 – und besonders für alle Nörgler in Hinsicht auf den Landtagsbeschluss in Hannover anno 2018, den 31. Oktober zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen –  mundgerecht optimiert für notorisch abgelenkte Zeitgenossen, die weder Latein können noch Luther kennen.

Nicht zu reden von den einhundertsiebenundzwanzig Folianten der kritischen Gesamtausgabe, die zwischen den Jahren 1883 und 2009 erschienen. Erstaunlich, dass ein einzelner Mann mit gesprochenem und geschriebenem Wort rund achtzigtausend Druckseiten in dieser „Weimarer Ausgabe“ (Weimarana) füllt. Aber solche unübersichtlichen Bleiwüsten interessieren ja heutzutage kaum noch irgendwen. Daher nun meine unmaßgeblichen Thesen zu Lutherus in toto & cum grano salis, aus Lesefrüchten hie und da zusammengestoppelt.

Luther steht und kann nicht anders

I. Luther hatte keine Kenntnis von der Bedeutung der Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus. Dies schreibt der Historiker Heinz Schilling in seiner großartigen Biographie, die zum Reformationsjubiläum 2017 erschien. Vielmehr lebte der Reformator in seiner mitteldeutschen kleinteilig geprägten Welt. Auch Geographie war ihm fremd. Von seiner großen Fußreise nach Rom hat er selber keine unmittelbaren schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Wir kennen daher noch nicht einmal die genaue Reiseroute. Venedig? Florenz?

II. Luther lebte mentalitätsgeschichtlich betrachtet weitgehend in der Vorstellungswelt des ausgehenden Mittelalters, so die Ansicht des Lutherforschers Heiko A. Oberman in seinem Buch „Luther: Mensch zwischen Gott und Teufel“ von 1982. Die Tintenfass-Teufel-Legende ist wohl gut erfunden, aber sie trifft Luthers Wesen recht gut. Stets sah er sich in dämonischer Anfechtung durch „Sünde, Tod und Teufel“. Das wird auch in seinen Liedern immer wieder deutlich.

III. Luther konnte buchstäblich nicht rechnen, so Richard Friedenthal in seiner Lebensbeschreibung zum 450-Jahres-Jubiläum der Reformation im Jahre 1967. Daher sind Luthers Widerstände gegen Zins und Wucher noch ganz dem Mittelalter verhaftet. Das heißt auch, dass er die wirtschaftlichen und finanziellen Abläufe der entstehenden kapitalistischen Welt nicht im entferntesten durchschaute. Seine Kritik am Ablasshandel ist rein seelsorgerlich und schrifttheologisch geprägt. Die eigenen späteren Fragen von Haus, Geld und Handel überließ er seiner Ehefrau, dem „Herrn Käthe“. – Für unsere heutige Zeit wäre es angesagt, die Überlegungen Luthers zum Wucher neu zur Kenntnis zu nehmen. Unser in die Krise geratenes „lombardisches“ System sieht sich neuen Herausforderungen ausgesetzt, durch die Bank der Brics-Staaten etwa oder durch die Diskussionen um zinsfreie Darlehen nach dem Modell des Islamic banking. Auch die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank kann da in den Blick kommen.

IV. Luther hatte von Politik keine Ahnung: So lapidar sagte es stets mein Religionslehrer auf dem Gymnasium. Zwischen dem Kämpfer an der geistlichen „Mönchsfront“ und dem an der weltlichen „Bauernfront“ sei unbedingt klar zu unterscheiden. In der Obrigkeit sah Luther die von Gott für die irdischen Belange eingesetzte Regierung, die für Ruhe und Ordnung zu sorgen habe. So erklärt sich auch seine Haltung als vermeintlich einseitiger „Fürstenknecht“ im Großen Bauernkrieg des Jahres 1525.

V. Luther legte gegenüber den Juden eine zunächst freundliche, später feindliche Einstellung an den Tag. „Dass sich Christen in Mose schicken sollen“, war zunächst sein Grundsatz, den er bibeltheologisch begründet. Im Gespräch mit einem Rabbi vor Ort ist er dann der uns heute unbegreiflich erscheinenden Ansicht gewesen, der wäre bereit, sich zu Christus bekehren zu lassen. Aus Enttäuschung darüber, dass dies dann unterblieb, wandelte sich sein Bild von den Juden. Hinzu kam der Ärger über die in den Synagogen seinerzeit verbreitete Schrift „Toledot Christi“, denen zufolge Maria eine Hure und Jesus ein Zauberer gewesen sei. Der alterszornige Luther fordert, die Synagogen zu verbrennen. Diese Anwürfe fügen sich in den Rahmen einer damals gängigen Rhetorik. Allerdings waren den Herausgebern erster „Gesammelter Werke“ diese Schriften Luthers selber peinlich. Vieles davon ist erst im 20. Jahrhundert wieder hervorgezogen worden, um Luther antisemitisch zu vereinnahmen. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese grobschlächtigen Äußerungen weitgehend in Vergessenheit geraten.

VI. Luther hatte ein völlig anderes Verständnis von „Nation“. Er kann nicht einseitig als Beginn einer politisch-nationalistischen „Linie“ gesehen werden. Die entsprechende These hat der politisch wendige Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Wolfram von Hanstein in seinem Buch „Von Luther bis Hitler. Ein wichtiger Abriss deutscher Geschichte“ in seinem eigenen Verlag „Republikanische Bibliothek“ in Dresden im Jahr 1947 aufgestellt. Auf Seite 7 heißt es: „Historisch betrachtet führt eine gerade Linie von Luther über den Großen Kurfürsten, über Friedrich II. und seine Nachfolger, über Bismarck und die Ära wilhelminischer Zeit bis zu Hitler. Die Entwicklung dieses Abwärtsgleitens bis zum offenen Verbrechen hin ist so zwangsläufig, dass sich hier am trefflichsten Schillers Wort aus seinem Drama ‚Die Piccolomini’ bewahrheitet: ‚Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären’“.

VII. Luther war in den Bereichen, von denen er etwas verstand, ungeheuer gründlich. Man muss zunächst seine Stärken würdigen. Die liegen in der unbedingten Ernsthaftigkeit seines Gottvertrauens, geschult durch seine Zeit als Augustinermönch. Der Eremitenorden hatte sich strengster Observanz verschrieben. Aus diesem Ansatz ist dann der Forscherdrang des Bibelprofessors abzuleiten. Damit einher geht freilich eine gewisse weltfremde Naivität. Aber gerade durch sie war Luther so „frei“ wie er war. Seinem Schriftverständnis kommt von daher etwas Prophetisches zu. Das wird in den 95 Thesen von 1517 immer wieder deutlich, noch vor der „reformatorischen Erkenntnis“, die erst 1518 zum Durchbruch kam. Die Schrift als das unverfügbare stetige Gegenüber: wohl in der Zeit und Geschichte entstanden durch fehlbare Menschen (vgl. Luthers abschätzige Bemerkungen zum Jakobusbrief oder zur Offenbarung des Johannes), aber von einer Botschaft „extra nos“ (außerhalb von uns) erfüllt.

VIII. Luther hatte wenig genaue Kenntnis der Geschichte. Das unterscheidet ihn von den Humanisten. Und das verwehrte ihm auch ein tieferes Verständnis für die Kirchengeschichte. Seine Bibelauslegung ist von dogmatischem Vorverständnis geprägt, sie zielt auf die fromme Praxis – wenn auch inhaltlich in völlig anderer Ausrichtung als zu seiner Zeit in seiner Umgebung üblich. Insofern ist etwa auch seine eigene Herausgabe der von einem namentlich nicht bekannten Mystiker Ende des 15. Jahrhunderts verfassten „Theologia Deutsch“ von 1516 ein Bekenntnis und nicht im eigentlichen Sinne eine historisch-kritische Quellenedition.

IX. Luther kam es immer auf das Hier und Heute an. Insofern sind alle seine literarischen Veröffentlichungen seit 1520 Beiträge zu aktuellen Debatten. In diesen Zusammenhang ist auch das programmatische Wort des Bibelübersetzers einzuordnen, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Systematische Erwägungen überließ er gern dem „Magister Philippus“ Melanchthon, seinem Schüler und Lehrer zugleich, Verfasser der „Loci communes“ von 1521 (erste lutherische Dogmatik) und der „Confessio Augustana“ 1530 (Augsburger Bekenntnis).

Meine ganz eigene unvollständige These: Luther setzte seine Stärken gegenüber seinen Schwächen (die ihm selbst bewusst waren) umso virtuoser ein: Bibelkenntnis wie bei keinem zweiten zu seiner Zeit, herzliche Frömmigkeit, kräftige Bildsprache, hohe Musikalität.

So. Dies sei meine Zugabe für den diesjährigen Reformationstag. Allen, die diese neunkommafünf Thesen gelesen haben, steht es frei, sich unten sinnierend in Ruhe oder rasant im Nullkommanichts zu äußern. Mal sehen, ob insgesamt die stattliche Anzahl von sagen wir fünfundneunzig diskutablen Sätzen erreicht wird. Dann könnte man mal wieder richtig, in einem großen spannungsreichen geistigen Bogen, um Gedanken, Worte und Werke ringen. Also nur zu! Konkurrenz belebt das Gespräch.

 

Foto: Luther in Worms anno 1521, Skulptur am Hauptturm der Lambertikirche zu Oldenburg (Oldb), Mitte der 1870er Jahre.

Chopin libre

Am 17. Oktober 1849 starb in Paris der Pianist und Komponist Frédéric Chopin im Alter von neununddreißig Jahren. Siebzehn Dezennien sind seither verstrichen, ohne dass wir seine einzigartige Musik vergessen hätten. Weil aber die „runde“ Wiederkehr eines Sterbetages längst nicht mehr den Glanz entfaltet, der ihm in urchristlichen Zeiten als Geburtstag für die Ewigkeit sicher gewesen wäre, begnügen wir uns hier und heute mit der Wiederentdeckung eines rhapsodisch gewirkten Beitrags aus eigener Herstellung. Der entsprechende Link befindet sich unter der Büste des Verewigten.

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https://feoeccard.com/2017/03/11/du-machst-es-lang/

Unscharfes Foto: Chopin auf einem alten Klavier, gesehen im Gemeinschaftsraum eines Wohnheims irgendwo in Norddeutschland.