August 1806 in memoriam

Am 6. August 1806 endete das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Franz II. legte die römisch-deutsche Kaiserwürde ab und regierte fortan (nur noch) als Kaiser Franz I. von Österreich. Wien blieb also – wenn auch anders als bis dahin – eine Kaiserresidenz, und Haydns „Kaiserhymne“ konnte dort mit dem Text „Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“ noch jahrzehntelang gesungen werden. Wir stimmen auf diese Melodie heutzutage „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ an. Was aber bis in unsere Gegenwart musikalisch nachwirkt, kann doch nicht verwischen, dass damals eine regelrechte Zeitenwende besiegelt wurde.

Denn das Duell zweier Kaiser nahm eine denkwürdige Wendung: Der eine, Napoleon, konnte ein ganzes altes Reich nicht in sein neues einverleiben und selber dessen Imperator werden, weil der andere, Franz, seines, das vom Korsen begehrte, einfach kurzerhand auflöste. Seitdem ist es aus der Geschichte verschwunden, nach fast achteinhalb Jahrhunderten Bestand.

Am 2. Februar des Jahres 962 war einst der deutsche König Otto, nachmals „der Große“ genannt, in Rom zum römischen Kaiser gekrönt und gesalbt worden. Seitdem gab es in Mitteleuropa wieder ein Imperium Romanum, gar bald mit dem Zusatz sacrum versehen, also ein „Heiliges Römisches Reich“, erstanden aus den idealisierten Resten der fränkisch-karolingischen Welt, diese wiederum fußend auf den verchristlichten Vorstellungen einer Pax Romana, die seit der heidnischen Antike die Geschichte und Kultur rund um das Mittelländische Meer geformt hatte.

Dieses ottonisch, später salisch und staufisch regierte Reich büßte im Laufe der Zeit immer mehr von seinen hehren Idealen und deren Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung ein. Im Investiturstreit zerrieben sich weltliche und kirchliche Herrschaftsträger wechselseitig. Seit dem 13. Jahrhundert wuchs überdies das Selbstbewusstsein unter den Nachfolgern der ursprünglichen Lehnsnehmer. Und nach dem Verlust seiner europäischen Dimension seit dem 15. Jahrhundert galt das Reich nur noch „deutscher Nation“ angehörig. Die Wirren von Reformation, Gegenreformation und Dreißigjährigem Krieg setzten der tatsächlichen imperialen Macht der Kaiser weiter zu. Nun, 1806, hatte sich das Reich im Furor von Revolution, Terror und Kriegen endgültig überlebt.

Kaiser Franz sah das Ende kommen und installierte 1804 für sich und die Seinen ein „Kaisertum Österreich“, als Reaktion auf die Ausrufung eines französischen Kaiserreichs, ebenfalls 1804, welcher im Dezember desselben Jahres die eigenartige Selbstkrönung Napoleons in Paris folgte. So gab Kaiser Franz II. sein heiligrömischdeutsches Reich preis, um als Kaiser Franz I. von Österreich ungehindert weiterregieren zu können. Seine Gesamtregierungszeit umfasst die Jahrzehnte ab seiner Wahl 1792 bis zu seinem Tod 1835 – vierzehn Jahre davon als deutscher König und römischer Kaiser, neunundzwanzig weitere als österreichischer Herrscher in der traditionellen Nachfolge der habsburgischen Erzherzöge.

Das Absterben des Alten Europa, dessen größten Gebietsanteil eben das Heilige Römische Reich deutscher Nation einnahm, begann mit der Französischen Revolution ab dem 14. Juli 1789. Damals, so sagt es ein Merksatz aus meiner Schulzeit, gab es in Deutschland ebensoviele Groß-, Klein- und Kleinststaaten wie man Jahre nach Christi Geburt zählte, also 1789: eintausendsiebenhundertneunundachtzig. Deutschland war groß und der Kaiser in Wien weit weg: so erlebte man diese zerklüftete politische Landschaft gleich einem Flickenteppich.

Jeder Landesfürst war eifersüchtig auf seine hoheitlichen Rechte bedacht. Da gab es größere Herrschaftsgebiete wie etwa Preußen, Württemberg oder Bayern, sodann unzählige Herzogtümer und Grafschaften, dazu etliche Ritterschaften und Freie Reichsstädte. Alle ihre jeweiligen Herrscher oder Senatoren pochten auf ihre Eigenständigkeit. Sie schlossen Bündnisse mit ausländischen Mächten, waren mit ihnen dynastisch verbunden – etwa Hannover mit Großbritannien oder Oldenburg mit Dänemark und Russland – und verbaten sich normalerweise jedes Hineinregieren des Kaisers.

Und es gab die geistlichen Herrschaften, regiert von zumeist römisch-katholischen Fürstbischöfen. Diese Territorien waren es, die am schmerzlichsten die Wucht der politischen Veränderungen durch die Vorgänge in Frankreich zu spüren bekamen. Revolutionstruppen hatten das Rheinland besetzt. So ging seit Ende des 18. Jahrhunderts das ganze linksrheinische Gebiet des Alten Reiches verloren. Um die deutschen Fürsten zu entschädigen, löste man im sogenannten Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 in Regensburg nahezu alle geistlichen Fürstentümer auf und schlug deren Gebiete weltlichen Herren zu.

Mit dieser staatskirchenrechtlich bis heute bedeutsamen Flurbereinigung verschob sich insgesamt das konfessionelle Gefüge des deutschen Ancien régime. Mit einem Male erbten protestantische Herrscher mitunter auch kurfürstliche Funktionen. Es wurde dadurch unwahrscheinlich, dass eine evangelische Mehrheit in diesem erlauchten Kreise der Kurfürsten einen römisch-katholischen habsburgischen Kaiser bestätigen würde. Auch deshalb zog sich Franz II. lieber auf sein Stammland Österreich zurück.

Mit der Gründung des Rheinbundes in der ersten Jahreshälfte 1806, faktisch dem Austritt einer klaren Mehrheit von deutschen Staaten aus dem Reich, wurde ein weiterer Schritt von Napoleons Gnaden unwiderruflich vollzogen. So erlöste der römisch-deutsche Kaiser seinerseits den lebenden Leichnam heilig-römisch-deutscher Herrlichkeit und überließ ihn seinem Schicksal, zumeist in der Faktizität französischer Besatzung.

Das Römertum ging habituell auf Napoleon über, der ja als „Erster Konsul“ 1799 reüssiert und zunächst den republikanischen Gedanken in der diesbezüglich aufgeheizten gesamteuropäischen Stimmung starkgemacht hatte. Sein Caesarentum wurde folglich von denen, die damals dachten und mitfieberten, vielfach als Verrat empfunden. Beethovens nachträglich-spontane Widmungsverweigerung seiner Dritten Symphonie an Bonaparte ist das vielleicht prominenteste Beispiel für den intellektuellen Umschwung jener Zeit. Napoleon wurde nun nicht länger als der tatkräftige Volkstribun einer neuen allgemeinen freiheitlichen Ordnung gefeiert, sondern als ein übler Machtmensch erkannt, der sich in der Folge in halb Europa als rücksichtsloser Kriegsherr und brutaler Militärdiktator entpuppte.

Der Griff nach dem Sein als Imperator „Empéreur“ schien andererseits folgerichtig: Nach vielen Jahrhunderten der seit der Reichsteilung von Verdun im Jahre 843 zunächst von Aachen aus herrschenden Kaiser, während in Frankreich „nur“ Könige residierten, war nun, 1804 und 1806, sozusagen die Stunde der Gerechtigkeit gekommen. Diese Gelegenheit, nach mehr als neunhundert Jahren, konnte und durfte nicht ungenutzt bleiben! Aber bekanntlich war bereits 1815 mit dem napoleonischen Kaisergehabe Schluss. Und auch sein Neffe, der von 1852 bis 1870 als Napoleon III. einem französischen Kaisertum vorstand, hat dieses nicht halten können.

Anschließend setzte sich dann die Republik dauerhaft durch, wenn auch in fortlaufenden Numerierungen von drei bis (derzeit) fünf. 1871 ging der Kaisertitel an ein kleindeutsches Reich über, absichtlich völlig losgelöst von den Habsburgern in Wien, aber auch nur für gut siebenundvierzig Jahre. Danach, seit Kriegsende 1918, war endgültig Schluss: Die k.u.k. gutkatholische Doppeldonaumonarchie streckte ebenso die Waffen wie die preußisch-protestantische Hohenzollernherrschaft.

Weder die beiden Napoleons in Frankreich noch die zwei Wilhelms (im Gegensatz zu Friedrich, dem 99-Tage-Kaiser des Jahres 1888!) in Deutschland haben sich sonderlich auffallend um das Erbe des im Jahre 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches gekümmert. Seit den Ergebnissen des Wiener Kongresses 1815 sah man überall in Europa nur noch auf die jeweils eigene nationale Prägung. Dass das verflossene „Heilige Römische Reich“ den Zusatz „deutscher Nation“ eher einschränkend verstanden hatte und keinesfalls selbstherrlich, spielte nun keine große Rolle mehr. Jegliches Denken im Sinne von karolingischen und ottonischen Großzügigkeiten wurde durch die maßgeblich Mächtigen des 19. Jahrhunderts eher verdrängt denn positiv und schöpferisch in Anschlag gebracht.

Es musste der Zweite Weltkrieg zum bitteren Ende gelangen, um die europäischen Völker in ihrem Widerstreit innehalten zu lassen. Im Blick auf die ganze Welt geschah dies ab einem weitaus schrecklicheren 6. August: dem des Jahres 1945, als durch US-amerikanisches Militär die erste Atombombe über bewohntem Gebiet gezündet und die japanische Stadt Hiroshima zerstört wurde. Dass man mit den „Vereinten Nationen“ und später mit der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ versuchte, eine dauerhafte Friedensordnung aufzubauen, war folgerichtig und ist nach wie vor begrüßenswert.

Die antike und christliche Grundlage Europas ist heutzutage fast völlig in Vergessenheit geraten, mit ihm zugleich ihre Wirkmacht. Im ottonischen Kirchenbau wäre sie neu zu erkennen: Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man aus den Trümmern eine neue Kirche nach alten Plänen: die Michaeliskirche zu Hildesheim erstand in ihrer ursprünglichen Gestalt. Ihr einstiger Bauherr, Bischof Bernward (in die Ewigkeit gerufen Anno Domini 1022), blieb im historischen Gedächtnis als zeitweiliger Erzieher von Otto III. gegenwärtig. Freilich war der bei Grundsteinlegung des Gotteshauses schon acht Jahre tot.

Gewiss: Die damaligen Umstände mitsamt der neu-alten „Rom-Idee“ des Enkels von Otto dem Großen sind mit den derzeitigen überhaupt gar nicht vergleichbar. Aber dieses Bauwerk, im schwärmerischen Nachgang christlichrömischer Kaiserherrlichkeit sowie bischöflichen Mönchtums errichtet, hat immerhin alle Höhen und Tiefen der gemeinsamen europäischen Geschichte überstanden, ohne auch nur eine der vielen Zeitenwenden auszulassen.

Domdämmerung

… und nun zu etwas ganz anderem: Eine gesunde Mischung aus Verkaufsveranstaltung und Volksfest lässt uns an den uralten Zusammenhang von Gottesdienst und Schauspiel, von Liturgie und Drama erinnern. Bald beginnt der diesjährige „Sommerdom“. Die Eigenwerbung schreibt übrigens nicht einfach „Dom“, sondern „DOM“, so, als handle es sich um ein Kürzel, das rein zufällig ein bekanntes Wort ergibt, ähnlich wie die „PISA-Studie“, bei der man immer an die toskanische Stadt mit dem schiefen Domturm denken muss oder auch soll.

Nun, der Begriff „Hamburger Dom“ geht tatsächlich auf ein kirchliches Bauwerk zurück. Er hat vielleicht sogar das Zeug zum Paradigma, wie Aufklärung und Barbarei, Abbruch und Neubeginn, Wegräumen der Finsternis und Hoffnung auf Licht in eigenartiger Weise zusammengehen können. Geistliche Stellvertretung und weltliche Schaustellerei, Kirche und Konsum, sakrale Schranken und säkulare Schrankverkäufe haben hier nämlich in jahrhundertelanger Entwicklung letztlich ein gentleman agreement hervorgebracht, dem bei aller denkmalschützerisch immer wieder geäußerten Fragwürdigkeit doch eine konsequente Logik innewohnt.

Gehen wir, zur Abwechslung von Corona, Inflation, Krieg und den Großtaten einer „letzten Generation“ einmal spurensicher, zunächst aus der Perspektive der Aussichtsplattform des Nikolaikirchturms in Richtung Rathaus auf jenen unterirdischen blinden Fleck zu, der die Hamburger Stadtsilhouette im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts so werden ließ, wie sie sich bis heute präsentiert:

IMG_20170829_121131

Von den luftigen Höhen steigen wir hinab und landen in löwenzahnumrankten Tiefen:

rätselfoto

Hier befinden wir uns an archäologischer Stätte. Das Ausgegrabene wurde für die Nachwelt erhalten. Es kann nun bestaunt werden von denen, die hektisch vorbeizugehen im Begriff sind. Durchreisenden muss ja etwas geboten werden, sonst erzählen sie zu Hause nur von Jungfernstieg, Landungsbrücken, Reeperbahn, Michel und „König der Löwen“. Weil aber fragmentarisch Altes ganz allgemein nicht aus sich selbst heraus den vielen Schaulustigen seinen vormaligen Zweck erschließt, ist eine Erklärtafel vorhanden. Wer sich also für die freigelegten Überreste früheren gottesdienstlichen Lebens interessiert, kann alles Wissenswerte darüber auf einer wetterfesten Metallstellwand nachlesen, hier am Speersort über Ziegeln im Klosterformat norddeutscher Backsteingotik: Die installierten „Möbel“ auf der grünen Wiese mitten in Hamburg machen es möglich.

Gotische Reliquien und Gewöhnlicher Löwenzahn: Sie befinden sich zirka zweieinhalb Meter tief von jener durchsichtigen regenabweisenden Schutzschicht entfernt auf trockenem Grund. Es ist dieses eine Fenster, das die überdimensionierte „Hotelseife“ (lakonisches Wort eines Künstlers) im Nordwesten der Anlage unterscheidet von den anderen sozusagen Seifensteinen (in freier Assoziation zu deren begrifflichem Vorbild in der Jerusalemer Grabeskirche).

Kunststoffige Kissen, nicht zum kommunalen Kuscheln, sondern zum gesitteten Sitzen bestimmt, stecken den Raum ab, der früher einmal, bis in die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, von gewölberelevanten Pfeilern und Pfosten beherrscht war. Die Postenpositionen hat man nun in einem rasenumgreifenden ZEITbegrenzten Denkmal von anno 2009 nachgeahmt. Der Blick in die Tiefe von Löwenzahn und Ziegelstein ist mit Glas eingefasst und von weißer Sitzfläche umrahmt:

IMG_20170827_131816

Hier sehen wir die „Hotelseife“ im ganzen. Im Hintergrund befindet sich die älteste Pfarrkirche Hamburgs, Sankt Petri. Der Gegenblick:

IMG_20170827_132245

eröffnet uns ein ganzes Feld von Sitzgelegenheiten, aber nur diese eine verfügt über ein Guckloch in den gotischen Untergrund. Und vielleicht kann hier die ZEIT Wunden heilen, jenes liberale Hamburger Wochenblatt mit dem Bremer Schlüssel im Zeitungskopf:

IMG_20170827_131955

Dass dieser Platz öffentlich zugänglich ist, wäre keiner besonderen Erwähnung wert, gäbe es nicht seit wenigen Jahren dort diese Möglichkeit, sich ausdrücklich mit dem Ursprung Hamburgs zu befassen. Nach etlichen Jahrzehnten Parkplatztristesse auf dem im Zweiten Weltkrieg durch Fliegerbomben völlig zerstörten Gelände des klassizistischen Johanneumgebäudes aus den 1830er Jahren ist dies so, als hätte man sich ein Herz gefasst, der eigenen Geschichte ins Gesicht zu blicken. Jede Sitzgelegenheit markiert ein Pfeilerfundament jener fünfschiffigen gotischen dömlichen Hallenkirche, die man Anfang des neunzehnten Jahrhunderts meinte abreißen zu müssen.

Im Blick auf die ökologische Wahrheit halten wir uns schlicht und einfach an die Tatsache, dass tief unten Gewöhnlicher Löwenzahn ganz eigenständig und von aufgeregten „Grünen“-Sprecherinnen völlig unbetreut wächst, blüht, verwelkt und sich in alle Winde verstreut, wie die Blume auf dem Felde bei Hiob, im Psalter, beim zweiten Jesaja oder im ersten Petrusbrief, vom Hamburger Jung Johannes Brahms in seinem Deutschen Requiem so einzigartig in oratorisch-romantische Töne gesetzt und notabene im Dom zu Bremen uraufgeführt.

Wer ökonomisch denkt, wird seine Freude haben an den Überlegungen im Rathaus, nachdem der ganze in Rede stehende Bezirk endlich an die Stadt Hamburg gefallen war. Was könnte man mit dem Grundstück mitten im Zentrum alles erwirtschaften, wären erst einmal die schändlich verwahrlosten Häuser und dieses gotisch-finstere Monstrum selbst abgeräumt? Die Makler der damaligen Zukunft sahen in dem Areal nichts weiter als einen möglichst rasch zu beseitigenden Makel der Vergangenheit.

Wer ökumenisch sich der Sache annimmt, lernt, dass im Jahr 1892 in Sankt Georg die erste katholische Kirche seit der Hamburger Reformation eingeweiht wurde. Sie versteht sich bis heute als Nachfolgerin des einst so unbeliebten Heiligtums und wahrt die geistliche Kontinuität einer seit dem neunten Jahrhundert bremischen Dependance: Bischof Ansgar verlegte seinen Sitz von Elbe und Alster an die Weser; den Kirchenoberen in Hamburg verblieben aber ihre Pfründen am Ort. Der heutige römisch-katholische St.-Marien-Dom, seit 1995 Kathedralkirche, ist in seinen architektonischen Außenformen ganz bewusst als Kleinausgabe des Bremer Doms errichtet.

Dass in Hamburgs St.-Petri-Kirche heutzutage evangelisch-katholisch-orthodoxe Andachten am Ansgaritag abgehalten werden, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu den alten Steinen und deren ZEITläuften, lässt jedes irenisch und liberal gestimmte Herz höher schlagen. Und eigenartig mutet an, dass ein langer Atem den Katholiken nach tausendeinhundertfünfzig Jahren wieder einen Erzbischofssitz in Hamburg beschert hat.

Das letzte erhaltene trockenlehmziegelsteinige Fundament des einstmals großartigen Kirchengebäudes aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert ist also dem seit dem Jahre 1806 sonst restlos verlorenen Hamburger Mariendom zuzuordnen. Es gehört schon einiges an Kühnheit hinzu, seine eigene Geschichte derart rabiat zu entsorgen. Einige historische Anmerkungen zu diesem aus heutiger Sicht befremdlichen Vorgang mögen nun ausgesprochen sein:

IMG_20170828_152518

Bereits seit dem Jahr 845 gab es in Hamburg keinen Bischof mehr. Dennoch blieben adlige Domherren dort, die in dem ihnen zustehenden Bezirk Unabhängigkeit von jedwedem weltlichen Recht genossen. Die aufblühende Hafen- und Handelsstadt barg mithin in ihren Mauern ein exterritoriales Gebiet, das der Bürgerschaft wenig Nutzen und manchen Ärger einbrachte.

Die bremische Enklave wurde im Zuge der Reformation, wie die Stadt Hamburg, lutherisch, wobei alle Privilegien erhalten blieben. Im Westfälischen Frieden von 1648 kam der Dom – wie auch die Mutterkirche in Bremen – an Schweden; ab 1719 gehörte das Areal zum Kurfürstentum Hannover und war faktisch – wegen der herrscherlichen Personalunion mit London – seitdem der britischen Krone untertan. Die gottesdienstliche Versorgung erfolgte durch hamburgische Pastoren und Kirchenmusiker (z.B. Thomas Tallis, Johann Mattheson und Georg Philipp Telemann), aber wegen der Nichtzugehörigkeit zur Freien und Hansestadt erhielt der Dom niemals den Status einer Hauptkirche.

Für die Händler, die rund um das Gemäuer ihre Waren verkauften, war das Gotteshaus vor allem bei Regenwetter praktisch. Dann zogen sie, namentlich die Tischler, mit ihren Ständen in eine Halle, die im spätgotischen Stil nördlich Ende des Mittelalters angebaut worden war, den sogenannten „Schappendom“, von niederdeutsch „Schapp“ = „Schrank“. Ansonsten kümmerte sich die hannoversche Regierung aber so gut wie gar nicht um den Erhalt des Geländes: Kirche und umliegende Gebäude verfielen, manche Ecken mussten baupolizeilich abgesperrt werden.

Spätestens mit dem stattlichen hellen Neubau der Michaeliskirche, der 1762 eingeweiht werden konnte, sah man den gesamten Dombezirk als städtebaulichen Schandfleck an. Der Stadtrat startete 1772 eine Initiative mit dem Ziel, das Areal käuflich zu erwerben. Weil man aber eine diplomatische Auseinandersetzung mit dem Handelspartner England scheute, wurde daraus nichts. Der durch die hannoversche Regierung 1784 veranlasste Ausverkauf der bis dahin frei zugänglichen Dombibliothek mit kostbaren und einzigartigen Dokumenten zur hamburgischen Geschichte erzürnte viele kulturbeflissene Bürger und zeigte zugleich, wie sehr mit der überkommenen Domfreiheit auch insgesamt das „alte gotische Gebäude des Reiches“ am Ende war. Die dämlichen Dömlinge vor Ort passten allen aufklärerisch Gesinnten da nur zu gut ins Bild.

Als mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 die geistlichen Territorien aufgelöst wurden und infolgedessen der Dom an die Stadt Hamburg fiel, war kein Halten mehr. Bereis im Januar 1804 beschloss der Stadtrat den Abriss der „dunklen Höhle“, im Laufe des Jahres 1805 barg man die Gebeine aus den Gräbern im Kirchengebäude, um sie auf umliegenden Friedhöfen neu zu bestatten. Einen Großteil des Inventars verkaufte man, nur weniges brachte man in anderen Kirchen oder in Museen unter. Künstler wie Ludwig Tieck und Philipp Otto Runge suchten den verschwindenden Ort auf, machten Aufzeichnungen und blickten zwar romantisierend, aber keineswegs wehmütig auf die fortschreitend zur Ruine sich wandelnde Stätte.

Ende 1806, einige Monate nach dem Abschied des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation aus der Weltgeschichte, war von dem gotischen Ungetüm nur noch ein Schutthaufen übrig. Auch der wurde abgetragen, und man grub sogar die Fundamente aus, einesteils der Steine wegen, andernteils, um ein für allemal vollendete Tatsachen zu schaffen und den Regensburger Beschluss von 1803 wirklich unumkehrbar zu machen.

Kirchenorganisatorisch empfand man allgemein Genugtuung. Ein Gotteshaus ohne feste Gemeinde war nun endlich weg, ein alter Zopf erfolgreich abgeschnitten. Später erging es anderen sakralen Gebäuden ähnlich: Das Johanniskloster und die Magdalenenkirche machte man in den 1820er und 1830er Jahren ebenso dem Erdboden gleich, wenn auch unter deutlich vernehmbaren Protesten. Denn nach den Befreiungskriegen begann in ganz Deutschland eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte; die Auffindung der originalen Baupläne zum Kölner Dom leitete eine neugotische Bewegung unter den Architekten ein. Nach dem Hamburger Stadtbrand von 1842 schleifte man die Ruine der Nikolaikirche und errichtete dort einen riesigen Kirchenneubau, gotischer, als das Vorgängergebäude (geschweige denn der verschwundene Dom) es jemals gewesen war. Mit dem Rathausturm aus den 1880er Jahren wurde dann die Anzahl der Türme im Stadtbild wieder komplettiert.

Auf einem winzigen Rest von Steinen kann man sitzen, einsam und allein den Träumen an eine große Vergangenheit nachhängend. Ruderalvegetation wie jener Gewöhnliche Löwenzahn lässt uns in je neuer Gegenwart aber auch den rudus, den „Schutt“ vor Augen führen, von dem sich die Altvorderen einst befreiten. Der alte Hamburger Dom lebt folgerichtig genau dort weiter, wo ihn die Stadtväter Ende des neunzehnten Jahrhunderts in seiner nützlichen und unterhaltsamen Version installierten: auf dem Heiligengeistfeld, in freier geschäftstüchtiger und konsumorientierter Entfaltung. Die klerikale Fassung zog um nach St. Georg, wo heutzutage die gelungene bauliche Vereinigung von Neuromanik, Wiederaufbauarchitektur nach dem Zweiten Weltkrieg und jüngsten Renovierungen beeindruckt. Oder sie zeigt sich als Mahnung an die Schrecken des Feuersturms von 1943 am heutigen Turm von St. Nikolai.

Ein Gleichnis auf die deutsche Geschichte der letzten zweihundertfünfzig Jahre? Durchaus. Und auch ein Fingerzeig auf all die Kirchengebäude, die heutzutage entwidmet werden, weil ihnen die sie einstmals füllenden Gottesdienstgemeinden abhandenkamen. Wie ist es um die christliche Prägung unserer bundesdeutschen Gesellschaft derzeit eigentlich bestellt? Dies zu fragen sine ira et studio brächte vielleicht einen Zuwachs an Erkenntnis: und sei es nur im unverwandten Blick in den Untergrund am Hamburger Speersort, hinab zum letzten verbliebenen Mauerrest, den der Löwenzahn so oder so als rudimentär dömlich ausweist.

Verdrängter Kaiser

Auf dem gerade zu Ende gegangenen Katholikentag in Stuttgart wurde das dortige Denkmal für Kaiser Wilhelm I. mit rotem Tuch verhüllt. Damit wollten die Veranstalter auf den bösen „Kolonialismus“ aufmerksam machen, der sich angeblich mit dieser Person verbindet.

Ich bin – wieder einmal – erschüttert über das historische Rumpfwissen heutiger Protagonisten. Der Erwerb von Kolonien war im jungen Deutschen Reich nämlich durchaus umstritten. Im übrigen fungierte als der eigentliche „starke Mann“ im frisch geeinten Deutschland bis zu dessen erzwungenem Rücktritt faktisch eben nicht der Kaiser, sondern Reichskanzler Bismarck – und der hat sich in dieser Hinsicht, bei allen Schwankungen, letztlich dagegen ausgesprochen! Dass dieser Lotse 1890 von Bord gehen musste, ist dann bereits Wilhelms Enkel, dem gleichnamigen „Zwo“, anzukreiden – wenn man denn schon einen „Schuldigen“ sucht und sich nicht die Mühe machen will, auch ihn, den letzten deutschen Kaiser, differenziert zu betrachten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir nehmen die Tat laienhafter Kirchenaktivisten hier und heute daher lieber zum Anlass für eine skizzenhafte Würdigung des von katholischen Gutmenschen in der Schwabenmetropole verhängten und verdrängten evangelischen Blaublütlers, liegt doch der Geburtstag des Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen nun 225 Jahre zurück: Am 22. März 1797 erblickte der Prinz in Berlin dieser Welt Licht, nach dessen „Mehr“ auf den Tag genau 35 Jahre später der sterbende Goethe in Weimar verlangen sollte. Als zweiter Sohn des Kronprinzen und baldigen Königs Friedrich Wilhelm III. und dessen Gemahlin Luise schlug „Wilhelm der Große“ früh die militärische Laufbahn ein. Dass er einmal selber wegen der kinderlosen Ehe seines Bruders, des preußischen „Romantikers auf dem Thron“ Friedrich Wilhelm IV., erst König und dann sogar Deutscher Kaiser werden würde, hätte zunächst niemand gedacht.

Wilhelm I. war übrigens – was nicht hinreichend im geschichtlichen Allgemeingedächtnis gegenwärtig ist – ein Jahrgangsgenosse von so unterschiedlichen „Promis“ wie Annette von Droste-Hülshoff (+1848), Franz Schubert (+1828) und Heinrich Heine (+1856). Im Unterschied zu diesen verhältnismäßig früh Verstorbenen erreichte er das biblische Alter von fast 91 Jahren. Der in den Berliner Revolutionstagen 1848 fälschlicherweise als „Kartätschenprinz“ zu unrühmlichem Namen gelangte präsumptive Thronfolger wurde, nach einer dreijährigen Zeit als Prinzregent an seines erkrankten Bruders Statt, dann 1861 tatsächlich preußischer König. Mit Bismarck als Ministerpräsident begann bereits 1862 heftiger Streit: der Verfassungskonflikt um die Heeresreform.

Die darauf folgenden Waffengänge gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) wurden freilich im Sinne von „Preußens Gloria“ und der Einigung Deutschlands überaus erfolgreich. Kritischen Nachgeborenen erschienen sie allerdings als Erweis von Militarismus und Nationalismus. Wilhelm selbst aber soll geweint haben, als man ihm 1870/71 den Kaisertitel aufnötigte: Er sah in diesem Akt das alte Preußen untergehen, jene europäische Großmacht, die sich nach dem Zusammenbruch 1807 zu einem modernen konservativ-liberalen Staat entwickelt hatte.

Geburtshelferin dafür war niemand anderes als die Mutter des zehnjährigen Wilhelm gewesen, eben jene legendäre Königin Luise, die einzige Person im königlichen Tross, die seinerzeit den Mut aufbrachte, sich mit dem „Ungeheuer“ Napoleon I. im ostpreußischen Tilsit an den Verhandlungstisch zu setzen. Dessen Neffen, Kaiser Napoleon III., hat Luisens nunmehr und wider ursprüngliches Erwarten königlicher Sohn dann 1870 unter umgekehrten Vorzeichen nach der Schlacht bei Sedan als Ergebnis einer Unterredung im Weberhäuschen Donchéry als Kriegsgefangenen „ab nach Kassel“ geschickt …

Ein Jahr zuvor war der König zum Namensgeber einer ganzen Stadt erkoren worden. Der preußische Kriegshafen im Jadegebiet, dessen sumpfigen Grund man 1852/53 dem Großherzogtum Oldenburg abgekauft hatte, hieß entsprechend seit 1869 „Wilhelmshaven“. Nach dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937 ging diese Bezeichnung auch auf die benachbarte oldenburgische Stadt Rüstringen über. Wilhelmshavens Einwohner hatten dann sofort mit Kriegsbeginn 1939 unter gegnerischen Fliegerbomben zu leiden.

Wilhelm I. – wir sehen es am Schicksal der nach ihm benannten Stadt – hat eher in seinen Funktionen denn durch seine Persönlichkeit größere Wirkung erzielt. Das unterscheidet ihn von seinem politischen Gegenspieler Bismarck, über den der Monarch bemerkte, es sei nicht leicht, unter solch einem Reichskanzler Kaiser zu sein. Dennoch hat man ihn verehrt. Als er gestorben war und die geneigte deutsche Öffentlichkeit es mit dem lärmigen Enkel Wilhelm II. zu tun bekam, sangen viele Menschen: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben!“

Umstritten war Wilhelm I. zu Lebzeiten gleichwohl. Fortschrittlichen galt er als Reaktionär, keinen Deut besser als sein Bruder, der 1849 die ihm vom Frankfurter Paulskirchenparlament angetragene Kaiserkrone „im Namen des Volkes“ abgewiesen hatte. Auch er, Wilhelm, der mehrere Attentate überlebte, wollte partout im Sinne des überkommenen Gottesgnadentums regieren und wusste es nicht anders. Diese äußerst konservative Grundhaltung fand allerdings in den liberalen Gedanken seiner Gattin, einer geborenen Prinzessin von Sachsen-Weimar-Eisenach, der Königin und Kaiserin Augusta, einen gewissen Ausgleich. Die zwei Kinder des Ehepaares haben jedenfalls dahingehend gewirkt.

Tochter Luise wurde mit dem Großherzog von Baden verheiratet. Dieser brachte am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal zu Versailles sein Hoch schlicht auf „Kaiser Wilhelm“ heraus und umschiffte so den bizarren Streit um die Frage, ob der preußische König zusätzlich nun „Deutscher Kaiser“ oder „Kaiser von Deutschland“ sein solle. – Sohn Friedrich heiratete Victoria („Vicky“), eine Tochter der englischen Queen Victoria. Die liberalen Grundsätze der beiden blieben Blütenträume. Als der Sohn Wilhelms I. 1888 die Nachfolge seines Vaters antrat, untersagte ihm Kanzler Bismarck überdies die Kontinuität aus tausend Jahren: Nicht Friedrich IV. durfte er sich nennen, sondern er musste die Numerierung gemäß der preußischen Königsfolge annehmen: So wurde er auch auf der Ebene des Reiches Friedrich III.

Sein früher Tod nach nur 99 Tagen als preußischer König und deutscher Kaiser ließ seine Witwe als „Kaiserin Friedrich“ jenes ideelle Erbe antreten, von dem der Sohn, Wilhelm II., nur wenig wissen wollte. Stattdessen begann nun das sogenannte „Wilhelminische Zeitalter“ mit all den Widersprüchen, die bis heute unsere Gesellschaft prägen. Eigenwilliges Fortschrittsdenken verband sich aber eben erst ab damals tendenziell mit moralischer Großmannssucht und geistiger Selbstzerstörung. Hier hätte die woke Diskussion um deutschen Kolonialismus im gesamteuropäischen Imperialismus einzusetzen, nicht vorher. Denn ab da geriet schließlich ganz Europa ungewollt in den großen Krieg, der als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ gleich den Keim zum Zweiten Weltkrieg in sich trug.

Dass der Stuttgarter Katholikentag vergleichsweise schlecht besucht war, hängt sicherlich mit vielen Dingen zusammen. Die eindimensionale Sicht auf einen protestantischen Hohenzollern wird womöglich auch den öffentlichen Eindruck verstärken, dass die deutschen Volkskirchen beiderlei Geschlechts nicht mehr unbedingt Orte und Zeiten für geschichtlich geschulte Weisheit bieten. Wo bleibt verantwortungsvolles historisch-informiertes Nachdenken? Ein rotes Tuch – oder, mit Fontane briestig-preußisch gesagt, ein weites Feld …

Meinungsfreiheit

Anekdotische Miszelle zu Artikel 5 GG

Ein häuslicher Bücherbestand bildungsbürgerlichen Anspruchs zeichnet sich aus durch geistige Weite ohne irgendwelche Einschränkungen. Das habe ich von Kindesbeinen an unzählig viel zu gut erfahren – schöne Wirkung des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949.

Heute, am 73. Jahrestag seiner Verkündung, denke ich an meine Schulzeit in den frühen Achtzigern: Die besten Lehrer führten uns selbstbewusst ihre bibliophilen Schätze vor, Marx und Engels inbegriffen, um auf unsere erstaunten Nachfragen zu antworten: Ja, sie hätten auch diese Autoren gelesen, müssten aber feststellen, dass selbige etlichen Irrtümern erlegen seien – doch könnten sie das nur deshalb so sicher behaupten wegen eigener aufgewandter Lesebemühungen. Von Dritten wollten sie sich nicht noch einmal etwas sagen lassen – die Nazizeit sei ihnen da eine schreckliche Lehre fürs ganze weitere Leben gewesen. Klasse, dachten wir damals mit unseren siebzehn Jahren nur, das ist ja stark! So souverän wollen wir auch mal sein!

Ostern in Britenrabatten

Nördlich der Altstadt von Jerusalem entdeckte ein englischer General im Jahre 1882 eine antike Grabstätte, die er zum Grab Jesu erklärte. Seitdem gibt es, wie so oft im Heiligen Land, für ein und dasselbe zwei Pilgerorte: die alte Grabeskirche und das sogenannte Gartengrab. Letzteres wollten die Anglikaner als einen ruhigen Ort der Betrachtung ausbauen, haben sie doch bis heute, wie alle protestantischen Kirchen, keinerlei Anteile an der Grabeskirche mitten in der Altstadt. Man sah nun eine Möglichkeit, abseits kleinlicher Besitzstreitigkeiten der Konfessionen in der Anastasis die Überlegenheit der reformatorischen Kirchen darzustellen.

Aber die Behauptung des angelsächsischen Hobbyarchäologen hat sich nicht beweisen lassen. Der traditionell anerkannte Ort der Kreuzigung und das englische Grab liegen nämlich fast einen Kilometer voneinander entfernt. Das stimmt mit den biblischen Quellen nicht überein. Blicken wir ins Johannesevangelium (Kapitel 19, Verse 38 bis 42), dann muss sich die Grabstelle ganz nahe an der Schädelstätte befunden haben. Das Grab im Garten: nächstbester Bestattungsort, kurz bevor jegliche Arbeit zu unterbleiben hat.

Nur wenige Schritte trennen die Grablege vom mörderischen Golgatha. Hölle und Paradies liegen nah beieinander; vom qualvollen Sterben Jesu ist es nur ein kurzer Augenblick hinüber in den ruhigen Todesschlaf. Die Geborgenheit des Gartengrabes aber lässt den Frühling Gottes heranblühen: Der Friede mit dem Wüten der ganzen Welt ist gemacht, dem Tod folgt neues Leben, dem Kreuz folgt die Auferstehung. Im Rückblick auf das Geschehen erst erkennt der Glaube seinen tiefsten Grund. Vorausschauend ist nur Jesus selbst: „Es ist vollbracht“; dieses Wort entbirgt Erlösungswissen. Auf den Karfreitag folgt der Karsonnabend: An diesem stillsten Tag im Jahr bereitet sich, wie nach kräftigem Durchatmen, Künftiges vor, der helle Ostertag.

erste knospen

Blumenrabatten blühen auf. Wer Gärten kennt, schätzt auch die feine englische Art. Der Englische Garten atmet Freiheit, weil er genau jenem Plan gehorcht, seine angepflanzten Mitglieder in ihrer je eigenen Art freundlich sich entfalten zu lassen. Darin steckt viel perspektivische Überlegung, aber ohne, dass eine absolutistische Schere Büsche und Bäume auf Gedeih und Verderb in gewollte Formen zwingen müsste. Der Gedanke an und für sich, ein Gartengrab ließe das Paradies erahnen, zeugt trotz aller historischen Unwahrscheinlichkeit von tiefer Freiheitsliebe und starkem Trost. Und da ist dann am Ende mehr. Wo wir abendländisch von „Grabeskirche“ sprechen, sagt die griechische Kirchenkultur übrigens tatsächlich Anastasis, nennt also das wunderliche Gebäude: Auferstehungskirche.

forsythien

So hat sich auch dieses Frühjahr durch die Passion gearbeitet. Nun stimmt die sprießende und immer mehr aufblühende Natur auf Gottes Urständ fröhlich ein. Was aber andererseits unverwüstlich in unseren Gärten jetzt wächst und gedeiht – ganz friedlich und very British gegen alle generalisierend-tagespolitischen Parolen eher sehnsüchtig-phantastisch denn knallhart-realistisch – , lässt darauf schließen, dass das eigentliche und schön weltwiderständige Wunder sich nicht etwa mit der banalen Auskunft begnügt, unser Leben hienieden sei mit dem Tod nun mal beendet, sondern in der kräftigen Gewissheit von Jerusalem aus in die ganze Welt hinein völlig losgelöst österlich frei freudig ausruft und singt: Auf den Tod folgt das Leben!

Der Engel am leeren Grab verkündet diese Botschaft (siehe Matthäus 28, 5). Genereller und englischer geht es nicht. Der Entdeckerfreude sind keine Grenzen gesetzt. Der Frühling kann kommen.

War’s das?

Wir Deutschen haben eine Verteidigungsministerin, der alles Militärische erklärtermaßen fremd ist. Aber den Coronakrisenstab im Kanzleramt führt ein General an. Finde den Fehler.

Widersprüche, wohin der mündige Bürger auch blickt. Alarmsirenen funktionieren schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Überflutung des Ahrtals im Juli vergangenen Jahres mit vielen Todesopfern mitten im ach so sicheren Deutschland hat bisher keinen erkennbaren Ruck erzeugt. Dieser Missstand ist weder umgehend geschweige denn republikweit abgestellt worden.

Aber wehe, man vergisst, die Mundnasenbedeckung aufzusetzen, diverse Impfbescheinigungen mit sich zu führen oder gar ein „negatives“ Seuchentestergebnis in zwingender Verbindung mit der Vorlage des Personalausweises beizubringen. Dann kommt man noch nicht einmal in ein Pflegeheim, um nächste Angehörige zu besuchen.

Dass neuerdings in Supermärkten keine Masken mehr getragen werden müssen, wird von zwei Dritteln der Bevölkerung mitnichten als Befreiung empfunden. Da mag die Inflation auch bei den Discountern nun noch so heftig zuschlagen – diese Tatsache ist indes bisher kein großer Aufreger!

Die ältere Generation erinnert sich an durchlittene Aufenthalte in Luftschutzbunkern und Hauskellern, jede Nacht. Heutzutage gibt es gar keine Orte, wo man sich bergen könnte, wenn der Krieg in der Ukraine sich ausdehnen sollte auf andere Regionen in unserem gemeinsamen Haus Europa. Jenes Mantra, mit dem das westliche Nachkriegsdeutschland beschallt wurde: wir müssten aus der Geschichte lernen – man bedachte es, pädagogisch wertvoll, nie in dieser Hinsicht …

Gern hingegen wird Wert auf korrektes Gendern gelegt. Einer vormaligen Landesministerin, die verantwortlich zeichnete für entsprechende Entscheidungen während besagter Flut und nun auf Bundesebene für Familienpolitik zuständig ist, lässt man dafür lieber über hundert ertrunkene Kinder, Frauen und Männer durchgehen.

Während chinesische Politiker nichts dabei finden, mal eben ganze Millionenstädte mit international bedeutsamen Häfen im Namen der irren Zero-Covid-Ideologie unter Quarantäne zu stellen, blockieren in deutschen Metropolen jugendliche Wirrköpfe die sowieso schon weniger gewordenen intakten Lieferketten, indem sie sich auf Autobahnabfahrten festkleben. Natürlich für den Klimaschutz. Egal, ob Ware im LKW verdirbt oder der Krankenwagen nicht rechtzeitig zur Notfallstelle durchkommt. Solchen Straftaten durch eine Weltuntergangssekte begegnet die Bundesumweltministerin gar mit Respekt – wohingegen jegliche religiöse Formel bei der eigenen Vereidigung sorgsam vermieden wurde.

Der Bundeskanzler beordert seine Außenministerin von Beratungen der NATO in Brüssel vorzeitig zurück nach Berlin, um die Abstimmung im Bundestag zur Impfpflicht gegen Corona vielleicht doch noch in seinem Sinne zu drehen. Die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens wäre aber abzusehen gewesen: So bleibt der Eindruck, eine seit „Omikron“ auf das Niveau einer weithin herkömmlichen Erkältung abgesunkene Epidemie sei ungleich wichtiger als die Frage nach Krieg und Frieden.

War’s das? War is – DAS ist die Realität. Ja, liebes infantil gewordene Deutschland, so sieht’s aus!

Felix Mendelssohn

Eine Skizze zu seinem Geburtstag

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren und wuchs in einer Bankiersfamilie auf. Sein Großvater war der jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Fanny und weiteren Geschwistern wurde der junge Felix nach der durch die napoleonische Besetzung erzwungenen Übersiedlung zu Verwandten nach Berlin dort ab 1811 sorgfältig erzogen. Die mozarthaften Wunderkinder erregten bald Aufsehen. 1816 ließen die Eltern sie evangelisch taufen. Reformatorisches Bekenntnis hat Mendelssohns tiefe Frömmigkeit zeit seines Lebens geprägt, bis zu seinem frühen Tod mit achtunddreißig Jahren in Leipzig am 4. November 1847.

Abraham Mendelssohn hatte das nötige Kleingeld, seinen begabten Kindern viele Bildungs- und Konzertreisen durch halb Europa zu ermöglichen: in die Schweiz, nach Frankreich und Italien sowie nach England und Schottland. Felix Mendelssohn hat auch als Erwachsener auf den britischen Inseln seine größten künstlerischen Triumphe vor einer riesigen dankbaren Zuhörerschaft gefeiert. Die Reiseeindrücke flossen in Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ (darin unter vielen anderen Hits der weltberühmte „Hochzeitsmarsch“), die Hebriden-Ouvertüre oder die Schottische Sinfonie ein.

Die eigene musikaliensammelnde Verwandtschaft und der Leiter der Berliner Singakademie, Carl Friedrich Zelter, machten Mendelssohn mit Bachs Matthäuspassion bekannt. Auch sonst ist allenthalben schon beim ganz jungen Komponisten eine intensive Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu erkennen. Seine Wiederaufführung der „großen Passion“ des alten Thomaskantors im Jahre 1829 ist ein Meilenstein der musikalischen Wirkungsgeschichte. Mendelssohn hat damit, als gerade Zwanzigjähriger, etwas mehr als hundert Jahre, nachdem dieses Hauptwerk abendländischer Passionsmusik 1727 erstmals erklungen war, die öffentliche umfassende Bach-Renaissance eingeleitet; sie dauert an bis in unsere Tage.

Mendelssohn hat sich zeit seines kurzen glanzvollen Lebens stets für Kollegen seiner Zunft eingesetzt, indem er ihre Werke aufführte, nachempfand oder anderweitig bekanntmachte: Dazu zählten Hector Berlioz, Franz Liszt, Robert Schumann und auch Richard Wagner. Vergleichen wir etwa dessen Holländer-Ouvertüre mit der Einleitung zum Oratorium „Elias“, so merken wir, wie nahe sich der Leipziger Gewandhauskonzertdirektor und sein neidischer musikdramatischer Nachbar in Dresden manchmal waren.

Ganz bewusst komponierte Mendelssohn ein ausgesprochen musikhistorisches Moment in seine Werke ein. So klingt im Oratorium „Paulus“ Bachs Johannespassion nach. Der erste Satz seiner „Italienischen“ atmet Mozarts lichten Geist. Im „Lobgesang“, gezählt als zweite Symphonie, treten Chor und Vokalsolisten hinzu, ganz nach dem Vorbild von Beethovens Neunter.

Eigene unverwechselbare Zeichen hat Mendelssohn in der Klavier- und Orgelmusik gesetzt: Die „Lieder ohne Worte“ sind quasi seine Erfindung. Und die sechs Orgelsonaten markieren den Beginn einer romantischen Tradition, die vor allem im französischen Sprachraum bei César Franck, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne zu hoher Blüte gelangte.

Es gibt so gut wie keine musikalische Gattung, die von Mendelssohn unbeachtet blieb. Er ist einer der letzten Komponisten, die ganz universell dachten und schufen, in der Kirchenmusik wie im Opernfach, in Liedern wie in Solokonzerten, in Motetten, Kantaten, Oratorien, Chören (z.B. „O Täler weit, o Höhen“ oder „Denn er hat seinen Engeln befohlen“) Sinfonien, Schauspielmusiken, Streichquartetten und sonstigen kammermusikalischen Werken.

Die Fülle seines Schaffens erwuchs, ähnlich wie bei Mozart, aus einer gediegenen Allgemeinbildung, die vor allem einen entschiedenen Sinn für die jeweilige Form ausbildete. Was Kritiker meinten, als allzu „glatt“ bemängeln zu müssen, war tatsächlich immer neu hart erarbeitet. Mendelssohn strich, verwarf und korrigierte stets bis zur Drucklegung seiner Kompositionen – und oft noch darüber hinaus, sehr zum Leidwesen der Verleger.  Hierin ähnelte er seinem Kollegen Frédéric Chopin: Nie war er zufrieden.

Felix Mendelssohn, glücklich verheiratet mit der Tochter eines Hugenottenpredigers aus Frankfurt am Main und Vater vieler Kinder, galt zu Lebzeiten und noch viele Jahrzehnte danach als ein geniales Glückskind, das den öffentlichen Musikbetrieb im biedermeierlichen Deutschland schöpferisch und organisatorisch ungemein bereichert hatte. Kein Männerchor im wilhelminischen Zeitalter, der nicht seine Lieder sang; kein Bachverein, der nicht seine kirchenmusikalischen Werke aufführen wollte; kein Konzertpublikum, das nicht nach seinen Ouvertüren und Sinfonien verlangte.

Dass er kein Titan wie Beethoven, kein Grübler wie Brahms, kein Neutöner wie Liszt war – geschenkt. Verhängnisvoll sollte sich im Fortgang seiner Rezeptionsgeschichte allein der Umstand erweisen, dass er aus einer jüdischen Familie stammte. Die Nazis kannten ja selbst dann keine Gnade, wenn die von ihnen Geächteten längst zum Christentum konvertiert waren – weil bei ihnen überhaupt gar kein Glaube zählte, sondern bloß dumpf das Blut. Das Mendelssohn-Fenster in der Leipziger Thomaskirche verarbeitet diese böse Fama sehr eindrücklich.

So wurde das beliebte e-Moll-Violinkonzert aus dem öffentlichen Musikbetrieb verdrängt, indem man Robert Schumanns d-Moll-Violinkonzert zu etablieren suchte: 1937 wurde dieses Stück, das im 19. Jahrhundert niemand aufführen wollte, erstmals dem Publikum dargeboten. Die Perfidie, noch post mortem Keile zu treiben zwischen Kollegen, die sich im wirklichen Leben geschätzt und unterstützt hatten, ist vielleicht nur ein kleiner Aspekt in dem sich damals schon manifestierenden Grauen der 1940er Jahre – aber eben einer unter unzähligen Schritten, die den aufrichtigen Geist einer zwar unpolitisch-vormärzlichen, aber in sich selbst zutiefst humanen Kultur niedergetrampelt und zertreten haben.

Mendelssohn hat es auch im Nachkriegsdeutschland schwer gehabt. Man traute dem stilistischen Alleskönner nicht recht über den Weg. Wer jedoch die feinsinnige Klangwelt mit durchaus aufbegehrenden Momenten etwa in der „Walpurgisnacht“ oder im c-Moll-„Sinfoniesatz“ zusammenhört, wird nicht umhinkönnen, in ihm einen europäischen Weltbürger zu entdecken, der die heutzutage so gern vollmundig betonte „Vielfalt“ nicht als propagandistisch aufgemotztes Neusprech übergriffig missbraucht, sondern leise und unausdrücklich, schlicht und einfach, gebildet und kunstreich: wirklich GELEBT hat.

22G+

Musikalisches Doppeljubiläum MMXXII: In den hundert Jahren zwischen 1722 und 1822 wurden Altes und Neues Testament erschaffen.

Vor drei Jahrhunderten schrieb Johann Sebastian Bach (1685-1750) das Deckblatt zum ersten Teil seines Wohltemperierten Klaviers, in eindrucksvoller Schönschrift. Und genau zwei Jahrhunderte ist es nun her, dass Ludwig van Beethoven (1770-1827) die Komposition seiner letzten Klaviersonate abschloss, in kalligraphisch nicht ganz so einwandfreier Niederschrift.

Es muss aber auch gesagt werden, dass Bachs berühmtes Werk überhaupt erst im Jahre 1801 vollständig gedruckt erschien: bei Simrock in Bonn am Rhein, der Geburtsstadt Beethovens! Da waren knapp achtzig Jahre schon vergangen! Der Komponist von insgesamt zweiunddreißig offiziell gezählten Klaviersonaten hingegen sah die Veröffentlichung seines Opus 111 schon im gleichen Jahr seiner Fertigstellung. Doch war die Zeit in den 1820er Jahren auch verlegerisch längst reif und empfänglich geworden für das umfangreiche Schaffen dessen, der „nicht Bach, sondern Meer“ heißen sollte, wie der dritte Wiener Klassiker einmal bemerkte.

Ihm selbst, dessen 250. Geburtstag wir vor kurzem, so gut es eben ging, gefeiert haben, war Bachs Wohltemperiertes Klavier von Kindheit und Jugend an vertraut. Schon lange vor Drucklegung dieses epochalen Werks kursierten im Bachschen Haus, also zu Lebzeiten des Köthener Hofmusikers (1717-1723) und späteren Leipziger Thomaskantors (1723-1750), handschriftliche Kopien, angefertigt von Familienmitgliedern und Schülern. Die wurden wiederum abgeschrieben und so weiter und so fort … – so dass sich diese Musik buchstäblich „unter der Hand“ rasch verbreitete, um von Kennern und Liebhabern in ganz Europa studiert und gespielt zu werden.

Durch die Vermittlung des für seinerzeit schon ältere Musik empfänglichen Barons Gottfried van Swieten (1733-1803) kannten bereits Joseph Haydn (1732-1809) und Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791) solche Abschriften und ließen sich durch sie zu eigenen Bearbeitungen anregen. Dem österreichischen vormaligen Botschafter in Berlin, der 1777 mit etlichen kopierten barocken Musikalien in die Habsburgermetropole zurückgekehrt war, entging auch nicht, dass der Jungstar Beethoven bei seinen ersten staunenerregenden Auftritten im Wien der 1790er Jahren gern aus Bachs Wohltemperiertem Klavier spielte.

Dem Bonner Hofmusiker und Wiener Starpianisten „Ludwig van“ waren Kenntnis und schöpferische Aneignung von Bachs Wohltemperiertem Klavier durch den Bonner Hoforganisten Christian Gottlob Neefe (1748-1798) zuteil geworden: Der stammte aus Chemnitz, war Thomaner in Leipzig gewesen, zudem studierter Jurist und lebenskluger Musiker in einer fahrenden Schaustellertruppe, ehe man in der gleichermaßen superkatholischen wie aufgeklärt-toleranten kurkölnisch-fürstbischöflichen Residenz zu Bonn die Gaben dieses evangelischen Freimaurers entdeckte und nichts dagegenhatte, dass er seine mitgebrachten Bach-Noten pädagogisch wertvoll einsetzte.

Neefes Unterricht prägte nachhaltig Beethovens künstlerische Laufbahn. Namentlich noch im ersten Satz von Opus 111, in den zweistimmigen laufwerkartigen Passagen, meint man den „alten“ Bach im energischen c-Moll präludierend und in der Durchführung sogar ein wenig fugierend herauszuhören.

Der ganze Kosmos Beethovenscher Klaviermusik ist, wie jede Komposition für besaitete Tasteninstrumente, überhaupt nur in solcher harmonischen Fülle möglich geworden dadurch, dass man in der Bachzeit die reine und die mitteltönige Stimmung zur „wohltemperierten“ weiterentwickelte – eine physikalische Glanzleistung! Man meliorisierte die Intervalle so, dass alle zwölf Töne der chromatischen Aufeinanderfolge innerhalb einer Oktave gleichberechtigt als Grundtöne fungieren konnten. Ohne kleine Schummeleien ging das nicht – aber hier führt einmal die Überlistung der Natur zu schönen Ergebnissen. Um solch neu gewonnene kreative Freiheit theoretisch und praktisch zu demonstrieren, stellte Bach seine Präludien und Fugen je paarweise zusammen, gleichnamiges Dur und Moll direkt hintereinandergeschaltet und dann in dieser Manier halbtonschrittweise aufsteigend jeweils die nächsten beiden Paare …

Den 24 wohltemperiertklavieristischen Pärchen aus Köthen ließ Bach in Leipzig zwei Jahrzehnte später (1742/44) noch einmal so viele folgen, gewissermaßen bei Durchsicht seiner Bücher: Den zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers. Also zweimal 24 Präludien & Fugen, 48 Stücke pro Teil, 96 insgesamt! Stundenlang lässt sich darin stöbern und daraus spielen – das machte Bach selber gern: Wenn er keine Lust hatte, einem Schüler ausführlich Klavierstunde zu erteilen, dann setzte er den auf einen Stuhl und sich selbst ans Instrument, vergaß die Zeit und füllte sie zugleich aus … Einer der derart zum Zuhören geheißenen Eleven hat später berichtet, es sei ihm wie wenige Minuten vorgekommen: also alles andere als langweilig!

Das erste Paar bei Bach steht in C-Dur. In flexibler, sozusagen mutierter Betrachtung ist Beethovens letzte Klaviersonate in ihrer Zweisätzigkeit ebenfalls paarweise angelegt, c-Moll/C-Dur. Die hochdramatisierte Frage, warum es denn in Opus 111 keinen dritten Satz gebe, ist, bei aller geistreichen musikphilosophischen Auseinandersetzung bis hin zum „Doktor Faustus“ (1947) eines Thomas Mann, wenig aussagekräftig für die traktierte Sonate selbst: Hier hat Beethoven eben den zweisätzigen Typus grundgelegt, ähnlich wie bei den beiden kleinen Klaviersonaten Opus 49 (Nummer 1: g-Moll/G-Dur// Nummer 2: G-Dur/G-Dur) oder bei den gewichtigen Opera 54 (F-Dur/F-Dur) und 90 (e-Moll/E-Dur). Auch Haydn und Mozart haben zweisätzige Sonaten hinterlassen, ganz zu schweigen von den vielhundert Einsätzigen des Bach-Zeitgenossen Domenico Scarlatti …

Von den gebrochenen Akkorden ohne Melodie im ersten Präludium aus Bachs Wohltemperiertem Klavier bis hin zur Arietta-Melodie nebst ihren harmonisch und rhythmisch immer ausziselierteren Variationen im letzten Sonatensatz Beethovens ereignet sich ein musikalischer Höhenflug, der seinesgleichen in der Weltgeschichte sucht. C-Dur in allen Facetten: daraus ergibt sich alles weitere. Zwischen Bach und Beethoven.

Das verlangt mehr, bis nahe an den Punkt, den Bogen zu überspannen. Klingt dann ein „neues C-Dur“ auf, etwa in Beethovens Diabelli-Variationen, in Franz Schuberts Wandererfantasie, gar in Robert Schumanns Toccata und Fantasie? Von 22 ab geht die Geschichte jedenfalls weiter: Und die Dominante von C ist immer noch G! Danach kommt noch was. Wie 1722 und 1822 geschehen, so lässt sich das für unser 2022 vielleicht ja doch auch hoffen. Zweiundzwanzig perfekte Partizipien schlage ich hier vor zur Beschreibung von Entstehung, Umgang und/oder Aneignung musikalischer Werke, ganz unverbindlich:

22G gesetzt – gespielt – gehört – gekonnt – geübt – genossen – gefühlt – gelesen – gemocht – gelobt – geschrieben – gedruckt – gesungen – gelungen – geschaffen – gelernt – geplant – gebaut – geklärt – gelehrt – gerühmt – geschafft plus gerngehabt … 🙂

Biblische Ausmaße – und damit sei geschlossen, wie oben begonnen! – kommen mit Hans von Bülow (1830-1894) ins Spiel: Der Pianist und Dirigent hat Bachs gesamtes Wohltemperiertes Klavier und sämtliche 32 Klaviersonaten Beethovens in diesen erstaunlichen Zusammenhang gebracht: „Das wohltemperirte Clavier ist das alte Testament, die Beethoven’schen Sonaten das neue, an beide müssen wir glauben.“

So ultimativ ausgerüstet wünsche ich allseits ein klangvolles Jahr 2022!