Buchlos glücklich

Mein erster benoteter Deutschaufsatz auf dem Gymnasium war zugleich der letzte seiner Art: Über ein freies Thema sollten wir schreiben, und ich entschied mich für den ersten von drei Vorschlägen: „Mein erster Schultag“. Mir bescherte dieses mein dortiges Erstlingswerk im klassischen Fach gleich die Bestnote, eine uneingeschränkte Eins.

Alle folgenden schriftlichen Klausuren bis hin zur Abiturprüfung bestanden meist aus dem Dreischritt Inhaltsangabe – Interpretation – Stellungnahme. Da waren dann jeweils bereits existierende literarische Werke die Grundlage. Entsprechend referentiell fielen die Aufsätze darüber aus. Textliche Eigenschöpfungen waren nicht mehr gefragt. Man hangelte sich extrem schülerhaft durch, nachvollziehend, verständig, letztlich: brav.

Eine andere Aufsatzgattung hieß „Argumentation“. Hier ging es zunächst noch ein wenig freier zu, indem Realien aus dem Alltag zur Diskussion standen. Allerdings war da bald eine Grenze erreicht: Zur Auswahl in der neunten Klasse stand einmal unter anderem das Thema: „Sollen alle Schüler männlichen Geschlechts in der Oberstufe Bärte tragen?“ – Dazu schrieb niemand etwas. Unser feinsinniger Deutschlehrer war darob ein bisschen erstaunt, ließ diesen Umstand aber im weiteren still auf sich beruhen …

Als wir dann selbst mit Eintritt in die elfte Klasse Oberstufenschüler wurden, differenzierten sich die Argumentationsmethoden noch einmal aus, dergestalt, dass vorgegebene Texte von Lessingschillergoethe über Mannbrechthesse bis zu Grassbölllenz in ihrem gedanklichen Gehalt bitteschön „in eigenen Worten“ auseinandergenommen werden mussten. Im Vordergrund als Forderung stand mithin das Verstehen vom Bestehen(den). In Bayern hätte man leben müssen: Da gab es die Möglichkeit zur Wahl eines freien Themas sogar bis zur Hochschulreife.

So hoch also die Anleitung zum eigenständigen Lernen in meinem niedersächsischen Schuldurchlauf veranschlagt wurde, so wenig Originales konnte daraus erwachsen. Wer nicht nebenher in seiner außerschulischen Freizeit Bücher las, dem kamen die kreativen Fähigkeiten schnell abhanden. Gefühlvolle Sprachgebilde, zu „Gedichten“ hochstilisiert, waren dann das Äußerste, was zu Papier gebracht werden konnte. Wem es gelang, doch auch den einen oder anderen Roman von Anfang bis Ende durchzulesen, mochte sich glücklich schätzen. Für den „Zauberberg“ musste ich erst krank werden, um mich ihm im Bett, ganz ungestört, freifiebernd hinzugeben.

Mit jedem Großwerk, das ich las, wurde ich kleinmütiger in Hinsicht auf meine eigenen literarischen Ambitionen. Den richtigen Überblick bekam ich nie; jedenfalls keineswegs so, dass ich guten Gewissens selber ein ganzes Buch hätte schreiben, geschweige denn zum Druck befördern wollen … Des Büchermachens ist kein Ende, weiß schon der Prediger Salomo. Diese weise Erkenntnis hemmt das bloße Nachplappern. Ich würde mich nur in den Bahnen des allseits Bekannten bewegen – beziehungsweise in ihnen verharren. Merke: Nichts Neues unter der Sonne! Alles darüber Hinausstrebende wäre ganz eitel.

Aus diesem kühlen Grunde habe ich mir für den Hausgebrauch meine eigenen Ausdrucksformen geschaffen, geschult in Rezeption, aber doch schöpferisch im Kleinformat. Ich lese alles, doch soll mich nichts gefangennehmen. Und wenn mir was in Herz und Verstand grünt, dann hat das mit der gleichfarbigen politischen Partei nichts zu tun. Da bin ich meinen Lehrern aus der Schulzeit tief dankbar; denn sie fügten sich zwar ihren lehrplanmäßigen Pflichten, ließen uns aber zugleich die Freiheit ergreifen, darüber hinaus, ohne Bärte oder andere Masken, sinnlich weiterzudenken.

Wenn keine Aussicht besteht, Erstklassiges abzuliefern: dann läßt man’s besser gleich ganz bleiben. Dies gilt nicht nur für die Produktion von Büchern, sondern auch zum Beispiel für eine Bewerbung zum einflussreichsten politischen Amt, das in der Bundesrepublik Deutschland zu vergeben ist. Oder für beides.

Foto: Steinerne Eule im Schrevenpark zu Kiel.

Acht Männer

Heute habe ich mir ein Foto angeguckt und ein Video reingezogen. Insgesamt acht prominente Männer sah ich, einen davon hörte ich auch. Visuelles Fazit: Herr Ratspräsident, (EU), zwei Präsidenten (Frankreich und USA) sowie vier Regierungschefs (Großbritannien, Italien, Japan, Kanada) hatten Anzüge an, knitterten aber gehörig unterschiedlich. Warum eigentlich können moderne Herren keine schicken Sachen mehr tragen? Hellgrauer Schlotterzwirn (Kanada) oder schwarze Bürgerbekleidung (die übrigen) machen sich sans culottes einfach nicht gut.

Kleidsam angenehmes Augenmaß wohnt hingegen dem grünen Mitvorsitzenden (D) inne. Er trägt überzeugend schön betont männliches Outfit, und vielleicht hört der weibliche Teil seiner Fans deshalb über so manche philosophische Eindimensionalität großzügig hinweg. Bei aller Freiheit in Notwendigkeit: Der Klimawandel hat seinen Preis, gewiss – doch dessen Absolutsetzung sollte Widerspruch nach sich ziehen.

Da spricht, bei meiner ehrlichen Bewunderung für druckreife Sprache in freier Rede, im Grunde ein Jakobiner der Herzen. Ich armer Sünder jedenfalls werde, aller sympathischen hemdsärmeligen Jungenhaftigkeit des sich selbst für kanzlertauglich haltenden Protagonisten zum Trotz, seine Partei am kommenden 26. September tatsächlich auf dem Wahlzettel NICHT ankreuzen. Zwar trägt der Spitzenmann ein wunderbar warm timbriertes dunkles Hemd, doch die Vision einer „frei“ genannten, in Wirklichkeit aber durch selbstgesteckte Klimaziele eigens hervorgerufenen Sachzwangslage sowie damit einhergehender eingeengter politischer Handlungsfähigkeit nervt total.

Ich sage das hier ganz frei heraus: Die bibelbekannten und gesangbuchvertrauten Vögel unter dem Himmel, so schräg sie auch fliegen mögen, sorgen sich nicht. Ob die nun maskulin oder feminin sind, muss nieman(n)/frau/de/n groß kümmern. Aber rhetorisch könnte ein Menschenkind gegenüber selbst üppigster Fauna frau/herr/lich punkten: Doch sogar dort, wo der Habicht nicht aneckt, endet der medientaugliche Auftritt im Abtritt undeutlich verschwommen in einer bösen Ahnung vom nicht ganz so vermittelbaren Ausspruch des unaussprechlichen D-Wortes.

Wir sollten es, vornehm wie wir sind, ein wenig französisieren und also G7-tauglich machen – für unsere großen Herrscher hoffentlich zum souveränen Überhören im gesamten Weltkreis. Leider nicht ignorierbar – er hat es intendiert – ist der vermaledeite Gedanke im Sinne eines Schriftstellers und Philosophen aus eigens angemaßtem Naturrecht Rousseauscher Provenienz: am Ende drohen in schöner neuer Welt im Namen von Menschenrecht und Wohlfahrt doch wieder Diktatur, Tugendterror und la Terreur, hübscher gesagt: Ausübung einer Volonté générale.

Vier Frauen

Heute habe ich mir ein Foto angeguckt und ein Video reingezogen. Insgesamt vier prominente Frauen sah ich, eine davon hörte ich auch. Visuelles Fazit: Frau Kommissionspräsidentin (EU) und Frau Bundeskanzlerin (D) wollten wohl die Hosen anhaben, schmierten aber gegen die Queen (GB) klar ab. Warum eigentlich können moderne Damen keine schönen Kleider mehr tragen? Körperbetonte Dünne (EU) oder Dicke (D) machen sich sans culottes einfach nicht gut.

Kleidsam angenehmes Augenmaß (GB) wohnt hingegen auch der grünen Kanzlerkandidatin (D) inne. Sie trägt überzeugend schön betont weibliches Outfit, und vielleicht hört der männliche Teil ihrer Fans deshalb über so manchen sprachlichen Schnitzer großzügig hinweg. Ob „Technogie“ oder „Keifpreis“: Technologie hat ihren Kaufpreis – und ein tech-no-gieriges Geschrei ist sowieso ein Widerspruch in sich.

Die green queen der Herzen jedenfalls wäre mir armem Sünder um ein wallendes Haar fast nachgerade DIE Motivation geworden, ihre Partei am kommenden 26. September tatsächlich auf dem Wahlzettel anzukreuzen. Aber ich muss wohl leider davon Abstand nehmen: Zwar trägt die Spitzenfrau ein wunderbares rotes (!?) Kleid, doch die Stümme einer nicht mehr freien, sondern bloß noch „sozial-ökologischen Marktwirtschaft“ nervt total.

Ich sage das hier ganz frei heraus. Blumen kleiden sich bibelbekanntlich und gesangbuchvertraulich sowieso besser als Salomonis Seide. Ob die nun feminin oder auch vereinzelt sogar maskulin sind, muss nieman(n)/frau/de/n groß kümmern. Aber rhetorisch könnte ein Menschenkind gegenüber selbst üppigster Flora herr/frau/lich punkten: Doch sogar dort, wo der Bär steppt und der Bock sich zum Gärtner umstilisiert, endet der medientaugliche Auftritt im Abtritt deutlich hörbar im nicht ganz so vermittelbaren Ausspruch des unaussprechlichen Sch…-Wortes.

Wir sollten es, vornehm wie wir sind, ein wenig französisieren und also G7-tauglich machen – für unser Kommissionsröschen sowie für unsere Kanzlerprimel; für die Königin indes zum souveränen Überhören im gesamten Commonwealth. Leider nicht ignorierbar – sie hat es tatsächlich gesagt – ist das vermaledeite Wort im Munde einer – nein: – DER Kanzler/in/willigen aus eigenem Völkerrecht vulgo: Merde.

Primus insta grammes: Eine Wiederaufnahme

Vor zweieinhalb Jahren ließ ich meine geneigte Leserschaft teilhaben an den atemberaubenden Photographien des Instagrammers Rick Derneburg. Mittlerweile ist sein Account aus dem weitverzweigten Reich derer von und zu Zuckerberg verschwunden. Wenn ich recht informiert bin, dann hat der Künstler selbst aus freien Stücken sein Konto dort gelöscht. Die schönsten der Bilder allerdings sind – mit seiner Zustimmung – dank meiner seinerzeit erfolgten Veröffentlichung in diesem Weblog der Nachwelt erhalten geblieben.

Lange habe ich überlegt, ob ich mich aufraffen soll, meinen Beitrag von Ende Dezember 2018 hier ein zweites Mal einzustellen. Den Ausschlag FÜR diese Vorgehensweise gab schließlich ein gewisses Unbehagen an der eigenen letzten Nummer von vor einem Monat: Die durchaus ansehnlichen Schnappschüsse aus privatem Gartenreich werden ja textlich so gut wie unbegleitet präsentiert. Solch eine Sprachlosigkeit mag ich mir selber auf Dauer nicht durchgehen lassen. So will ich den Ursprungsfaden wieder aufnehmen und dafür eben einen älteren Text in Erinnerung rufen. Keinesfalls möchte ich den Eindruck erwecken, es gebe hier nichts mehr zu sagen.

Freilich beschleicht mich genau diese dunkle Ahnung im Blick auf coronatische Eingriffe, von denen niemand vor zweieinhalb Jahren eine auch nur klitzekleine Vorstellung haben konnte. In dem weiter unten nochmals präsentierten Bilderbogen nebst nettem Fließtext wird nämlich unter anderem freier Reiseverkehr ohne Flugscham vorausgesetzt. Auch die unmaskierte zwischenmenschliche Begegnung ist unausdrücklich stets eingepreist.

Das sollte sich klarmachen, wer nun die originalen Zeilen zwischen den bunten Bildchen und diese selbst sich zu Gemüte führt. Ein Zeitdokument ersteht vor unseren betrachtenden, lesenden und verstehenden Augen. Ob es sich hierbei tatsächlich um die letzten Zuckungen weitgebrachter überlebter Kultur handelt, oder ob ein unterschwelliger Humor das abendmorgenländische Weltganze doch noch umzuwenden vermag, sollte zwischen China und Troja sowie allem, was ideell wie reell dazwischen ist, gütlich entschieden werden.

Hier ist nun der Beitrag. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Jeder will heutzutage ein Star sein. Wer sich nicht zum Tonfilmmagazin Youtube traut, wagt vielleicht eine stille Karriere beim Weltbebilderer Instagram. Dort kann sich auch der Provinziellste unter die Leute mischen, sich den Reichen und den Schönen zugehörig fühlen.

Schon beim bloßen Betrachten der bunten Fotografien sehe ich mich auf einer Stufe mit Jet-Set-Menschen, die, wenn sie nicht gerade im Gym ihre Luxuskörper durchtrainieren, mal eben nach Dubai fliegen (mit Nächtigung in diesem irre berühmten Segelhotel, das eigentlich in Bremerhaven steht) oder in Sydney vor dem Opernhaus posieren (Betonung liegt auf „vor“).

Seitdem ich selber einen Instagramaccount besitze (unter meinem richtigen Namen! Besuchen und liken Sie doch mal die Bilder bei feo_eccard!), habe auch ich Abonnenten und bin Abonnements eingegangen. Fleißig verteile ich rote Herzchen (bei Facebook wären das die hochgereckten Daumen) an alles, was mir bei meinen Followern gefällt.

Besonders gern habe ich einen gewissen Rick Derneburg, der als rick_derneburg unterwegs ist. Kein Land, das er nicht schon bereist hätte. Ob China

china

oder Thailand,

thailand

er kennt alle noch so entlegenen Winkel dieser Erde. Als kundigen Bonvivant zieht es ihn in dieser dunklen Jahreszeit natürlich auf die uns gegenüberliegende Erdhalbkugel. Dort herrscht nach einem lieblichen Frühling jetzt strahlender Sommer. Den Lenz hat er in diesem atmosphärisch dichten Shot festgehalten:

südhalbkugel

Aber nicht nur in Fernost oder südlich des Äquators ist Rick Derneburg ein kulturschlürfender Stammgast; auch in den rauhen Gefilden im romanisch-gotischen Frankreich

frankreich

oder im schroffen gruseligen England (nur der Rasen ist gepflegt),

england

ja auch im andalusischen Cordoba

cordoba

kennt er sich bestens aus. Die blicksichere Raffinesse seiner Schnappschüsse zeugt von innerer Souveränität des fotografierenden Subjekts und zugleich von intimer Vertrautheit mit den fotografierten Objekten. Was auch immer dem Globetrotter vor die Linse kommt – es wächst nachgerade unmerklich und doch so bezwingend wirkmächtig über sich beziehungsweise ihn hinaus zu edler Einfalt und stiller Größe. Unter diesem Winckelmannschen Kriterium lässt sich jede stadtrömische Kirche noch einmal ganz neu in Augenschein nehmen, so wie diese hier:

rom

Und was das Beste an diesem begnadeten Instagrammer ist: Er zeigt uns auch hin und wieder die öden Seiten der ansonsten zu Weltattraktionen hochgejazzten Sehnsuchtsorte. Sein jüngstes Posting ist derart sprechend, dass dahinter alles, was Sie bisher über Venedig zu wissen glaubten, schleunigst verblassen muss:

venedig

Ach, werden nun einige Schlauberger sagen, das soll etwa die Seufzerbrücke in der Serenissima sein? Und der Klotz mit dem gewellten Dach hinten links gar der Dogenpalast? – Nun sehe ich doch nochmal genauer hin und – ähm – bemerke: Ich hatte wohl einen leichten Knick in der Optik. Aber Rick Derneburg ist daran mitnichten schuld. Brav und bodenständig, wie er ist, hat er seine Bilder wahrheitsgemäß beschriftet. Nur wollte ich das nicht lesen. Die Illusion mochte ich mir nicht rauben.

In Wirklichkeit sehen wir also folgendes: Die Nachbildung der Terrakotta-Armee des ersten chinesischen Kaisers, wie sie in der Bremer Überseestadt dieses Jahr in einer weltumspannenden Wanderausstellung zu sehen war; den thailändischen Tempel in Hagenbecks Tierpark zu Hamburg; Frühlingspartie in einem Garten irgendwo in Norddeutschland; romanisch-gotische Säulenkapitelle im Kreuzgang der Michaeliskirche zu Hildesheim; Kreuzgang von Stift Börstel im Osnabrücker Land; Detail aus dem ottonischen Innenraum wiederum der Hildesheimer Michaeliskirche; Rotunde der St.-Lamberti-Kirche zu Oldenburg (Oldb); und dann das allerklassischste Fotomotiv aus der Hamburger Speicherstadt.

Nach diesen ernüchternden Erkenntnissen bin ich mir selbst gegenüber misstrauisch geworden. Sogar dieses eine Foto, das so aussieht wie ein Blick von der Ausgrabungsstätte Troja hinüber zu den Dardanellen, ist wohl ein inneres Fake meiner trügerischen Wahrnehmung:

zu hause auf dem schemel

Ich interpretiere es als Schemel vor der Haustür des Instagramstars Rick Derneburg, auf den er sich zur Erholung gern setzt, um die herrliche Aussicht über die Norddeutsche Tiefebene in vollen Zügen zu genießen.

Soweit dieser Beitrag. Die Diskussion ist eröffnet.

Krummes Holz – aufrechter Glanz

Dunklen Schlünden zum Trotz glänzt der Frühling auf. Im vertrauten Kreislauf der Jahreszeiten wäre dieser Umstand keineswegs sonderlich erwähnenswert, gäbe es da nicht diese wahnwitzigen Anzeichen von Ermattung, noch bevor sich die Lebensfreude voll und ganz überhaupt zurückgemeldet hätte.

Wir leben in einer Zeit, deren „Entscheider“ uns sogar an der frischen Luft Schurze im Gesicht zu tragen vorschreiben wollen, made in China selbstredend. Wer das übertrieben findet, muss sich wappnen gegen Anwürfe und Verdächtigungen, den Corona-Tod von Millionen billigend in Kauf zu nehmen. Noch das versöhnlichste Lächeln wird von ängstlichen Eiferern missverstanden: Du sollst dich nicht lustigmachen über jene, die bis ins dritte und vierte Glied Kontaktnachverfolgungen betreiben! Dieses Elfte Gebot ist nunmehro das einzig Wahre, Gute, Schöne …

Nun, wir wollen nicht spotten. Und schon gar nicht unsererseits bitter respektive unerbittlich werden. Aber den gesunden Hausverstand lassen wir uns deswegen auch nicht nehmen. Ausgangssperren, die den Genuss lauschiger Abendstunden verhindern? Betretungsverbote, die Uferpromenaden und Parkanlagen unerreichbar machen und im Falle von Nichtbefolgung völlig unverhältnismäßige Polizeieinsätze nach sich ziehen? Hat man in den solchen Unfug verzapfenden Politikerkreisen noch nie etwas von der abhärtenden Wirkung natürlicher frischer Luft gehört? Also davon, dass der Aufenthalt draußen das Immunsystem stärkt und unter freiem Himmel so gut wie keine Ansteckungsgefahr besteht?

Schade, dass das Selbstverständliche nicht mehr unmittelbar einleuchtet. Traurig, wie uns die eigene bürgerliche Mündigkeit durch solche Maßnahmen abgesprochen wird. Die Kantische Würde, die den Menschen zugleich als „krummes Holz“ und auch als verantwortliches Wesen im Blick behält und ihm, mit Ernst Bloch gedacht, einen hoffnungsvollen „aufrechten Gang“ zuerkennt: wo spielt sie im aktuellen Diskurs eine nennenswerte Rolle?

„Krummes Holz – aufrechter Gang“ war der Titel eines Buches des evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer, erschienen 1970. Das ist jetzt über ein halbes Jahrhundert her. Man wird seine 68er-Attitude als überholt ansehen müssen; aber das Thema selbst, so griffig formuliert, lädt zu neuem Durchdenken geradezu ein! Ohne moralische Besserwisserei, frei von den selbstverschuldeten Zwängen politisch korrekter Ausdrucksweise, unabhängig von aller kleinlichen Schwarzmalerei. Dann kann unser Geist der finsteren Enge fröhlich entweichen und in neuem selbstbewussten Glanz erstrahlen.

Baustelle

Derzeit ist das Smartphone mein einziger Zugang zur internetten Welt. Umbauarbeiten stehen an. Wie lange sie andauern werden, vermag ich heute nicht zu sagen. Da ich meine mindestmonatliche Lieferkette keinesfalls unterbrechen will, sei dieser kurze Text der Weblog-Beitrag für den laufenden März 2021.Sobald mein Klapprechner wieder weltweite Empfangsbereitschaft anzeigt, melde ich mich!

Felix Mendelssohn zum Geburtstag

Eine Skizze

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde vor zweihundert und einem Dutzend Jahren am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren und wuchs in einer Bankiersfamilie auf. Sein Großvater war der jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Fanny und weiteren Geschwistern wurde der junge Felix nach der durch die napoleonische Besetzung erzwungenen Übersiedlung zu Verwandten nach Berlin dort ab 1811 sorgfältig erzogen. Die mozarthaften Wunderkinder erregten bald Aufsehen. 1816 ließen die Eltern sie evangelisch taufen. Reformatorisches Bekenntnis hat Mendelssohns tiefe Frömmigkeit zeit seines Lebens geprägt, bis zu seinem frühen Tod mit achtunddreißig Jahren in Leipzig am 4. November 1847.

Abraham Mendelssohn hatte das nötige Kleingeld, seinen begabten Kindern viele Bildungs- und Konzertreisen durch halb Europa zu ermöglichen: in die Schweiz, nach Frankreich und Italien sowie nach England und Schottland. Felix Mendelssohn hat auch als Erwachsener auf den britischen Inseln seine größten künstlerischen Triumphe vor einer riesigen dankbaren Zuhörerschaft gefeiert. Die Reiseeindrücke flossen in Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ (darin unter vielen anderen Hits der weltberühmte „Hochzeitsmarsch“), die Hebriden-Ouvertüre oder die Schottische Sinfonie ein.

Die eigene musikaliensammelnde Verwandtschaft und der Leiter der Berliner Singakademie, Carl Friedrich Zelter, machten Mendelssohn mit Bachs Matthäuspassion bekannt. Auch sonst ist allenthalben schon beim ganz jungen Komponisten eine intensive Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu erkennen. Seine Wiederaufführung der „großen Passion“ des alten Thomaskantors im Jahre 1829 ist ein Meilenstein der musikalischen Wirkungsgeschichte. Mendelssohn hat damit, als gerade Zwanzigjähriger, etwas mehr als hundert Jahre, nachdem dieses Hauptwerk abendländischer Passionsmusik 1727 erstmals erklungen war, die öffentliche umfassende Bach-Renaissance eingeleitet; sie dauert an bis in unsere Tage.

Mendelssohn hat sich zeit seines kurzen glanzvollen Lebens stets für Kollegen seiner Zunft eingesetzt, indem er ihre Werke aufführte, nachempfand oder anderweitig bekanntmachte: Dazu zählten Hector Berlioz, Franz Liszt, Robert Schumann und auch Richard Wagner. Vergleichen wir etwa dessen Holländer-Ouvertüre mit der Einleitung zum Oratorium „Elias“, so merken wir, wie nahe sich der Leipziger Gewandhauskonzertdirektor und sein neidischer musikdramatischer Nachbar in Dresden manchmal waren.

Ganz bewusst komponierte Mendelssohn ein ausgesprochen musikhistorisches Moment in seine Werke ein. So klingt im Oratorium „Paulus“ Bachs Johannespassion nach. Der erste Satz seiner „Italienischen“ atmet Mozarts lichten Geist. Im „Lobgesang“, gezählt als zweite Symphonie, treten Chor und Vokalsolisten hinzu, ganz nach dem Vorbild von Beethovens Neunter.

Eigene unverwechselbare Zeichen hat Mendelssohn in der Klavier- und Orgelmusik gesetzt: Die „Lieder ohne Worte“ sind quasi seine Erfindung. Und die sechs Orgelsonaten markieren den Beginn einer romantischen Tradition, die vor allem im französischen Sprachraum bei César Franck, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne zu hoher Blüte gelangte.

Es gibt so gut wie keine musikalische Gattung, die von Mendelssohn unbeachtet blieb. Er ist einer der letzten Komponisten, die ganz universell dachten und schufen, in der Kirchenmusik wie im Opernfach, in Liedern wie in Solokonzerten, in Motetten, Kantaten, Oratorien, Chören (z.B. „O Täler weit, o Höhen“ oder „Denn er hat seinen Engeln befohlen“) Sinfonien, Schauspielmusiken, Streichquartetten und sonstigen kammermusikalischen Werken.

Die Fülle seines Schaffens erwuchs, ähnlich wie bei Mozart, aus einer gediegenen Allgemeinbildung, die vor allem einen entschiedenen Sinn für die jeweilige Form ausbildete. Was Kritiker meinten, als allzu „glatt“ bemängeln zu müssen, war tatsächlich immer neu hart erarbeitet. Mendelssohn strich, verwarf und korrigierte stets bis zur Drucklegung seiner Kompositionen – und oft noch darüber hinaus, sehr zum Leidwesen der Verleger.  Hierin ähnelte er seinem Kollegen Frédéric Chopin: Nie war er zufrieden.

Felix Mendelssohn, glücklich verheiratet mit der Tochter eines Hugenottenpredigers aus Frankfurt am Main und Vater vieler Kinder, galt zu Lebzeiten und noch viele Jahrzehnte danach als ein geniales Glückskind, das den öffentlichen Musikbetrieb im biedermeierlichen Deutschland schöpferisch und organisatorisch ungemein bereichert hatte. Kein Männerchor im wilhelminischen Zeitalter, der nicht seine Lieder sang; kein Bachverein, der nicht seine kirchenmusikalischen Werke aufführen wollte; kein Konzertpublikum, das nicht nach seinen Ouvertüren und Sinfonien verlangte.

Dass er kein Titan wie Beethoven, kein Grübler wie Brahms, kein Neutöner wie Liszt war – geschenkt. Verhängnisvoll sollte sich im Fortgang seiner Rezeptionsgeschichte allein der Umstand erweisen, dass er aus einer jüdischen Familie stammte. Die Nazis kannten ja selbst dann keine Gnade, wenn die von ihnen Geächteten längst zum Christentum konvertiert waren – weil bei ihnen überhaupt gar kein Glaube zählte, sondern bloß dumpf das Blut. Das Mendelssohn-Fenster in der Leipziger Thomaskirche verarbeitet diese böse Fama sehr eindrücklich.

So wurde das beliebte e-Moll-Violinkonzert aus dem öffentlichen Musikbetrieb verdrängt, indem man Robert Schumanns d-Moll-Violinkonzert zu etablieren suchte: 1937 wurde dieses Stück, das im 19. Jahrhundert niemand aufführen wollte, erstmals dem Publikum dargeboten. Die Perfidie, noch post mortem Keile zu treiben zwischen Kollegen, die sich im wirklichen Leben geschätzt und unterstützt hatten, ist vielleicht nur ein kleiner Aspekt in dem sich damals schon manifestierenden Grauen der 1940er Jahre – aber eben einer unter unzähligen Schritten, die den aufrichtigen Geist einer zwar unpolitisch-vormärzlichen, aber in sich selbst zutiefst humanen Kultur niedergetrampelt und zertreten haben.

Mendelssohn hat es auch im Nachkriegsdeutschland schwer gehabt. Man traute dem stilistischen Alleskönner nicht recht über den Weg. Wer jedoch die feinsinnige Klangwelt mit durchaus aufbegehrenden Momenten etwa in der „Walpurgisnacht“ oder im c-Moll-„Sinfoniesatz“ zusammenhört, wird nicht umhinkönnen, in ihm einen europäischen Weltbürger zu entdecken, der die heutzutage so gern vollmundig betonte „Vielfalt“ nicht als propagandistisch aufgemotztes Neusprech übergriffig missbraucht, sondern leise und unausdrücklich, schlicht und einfach, gebildet und kunstreich: wirklich GELEBT hat.

Foto: Felix Mendelssohn: aus den „Sieben Charakterstücken“ Opus 7 (1827-1829)

Errungenschaft

WordPress gratuliert mir zu fünf Jahren bei sich. Ich meinerseits freue mich, dass diese Tatsache im Glückwunschschreiben durch den Begriff „Errungenschaft“, mithin als anzuerkennende wahre Leistung gewürdigt wird.

„Ausdruck“ hieß die erste Nummer, 445 Wörter umfassend – damals, im Januar 2016. Es folgten in einer heftig entflammten Begeisterung für die mir völlig neuen medialen Möglichkeiten rasch weitere Texte. Nun bin ich bei 129 Beiträgen und über 100.000 Wörtern angelangt. Rund 8900 Aufrufe aus Ländern aller Kontinente der Erde konnte ich in diesen fünf Jahren verzeichnen. Pro Monat ringe ich mich zu mindestens einer Folge durch.

Blumen, die mir im wirklichen Leben vor einigen Wochen als Dankeschön für meine Mitwirkung an einer coronabedingt nun vorläufig beendeten Vortragsreihe überbracht worden waren, mögen heute nun virtuell weitergereicht werden an meine treuen Leserinnen und Leser. Vielen herzlichen Dank für alle Unterstützung – und für jede Nachsicht, wenn es hier textlich hin und wieder allzu kompakt wird. Fünfe gerade sein zu lassen ist da bisweilen eine gute Übung.

Bis zum nächsten Mal, dann wieder ausführlicher! Mir liegt jetzt vor allem daran, dieses Fünfjahresjubiläum nicht gänzlich unerwähnt zu lassen – damit der bisher einzige Gratulant als Plattformbieter auch meines Weblogs nicht traurig oder gar unwillig wird. Man weiß ja nie in diesen ängstlichen und zugleich technisch unscharfen Zeiten. Da lasse ich lieber nichts anbrennen.

Zwanzig/Einundzwanzig

Es klingt in den Ohren von besonders sensiblen Mitmenschen vielleicht ein wenig nach „Siebzig/Einundsiebzig“, aber das ist durchaus beabsichtigt. Noch war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 offiziell nicht beendet, Kaiser Napoleon III. jedoch bereits seit Monaten abgesetzt, da begann am Neujahrstag 1871 auf dem Papier die Existenz des Deutschen Reiches. Die Ausrufung des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles erfolgte dann am 18. Januar. Einerlei für Reichskanzler Bismarck: Der nachgereichte und entsprechend hastig improvisierte Pomp bestätigte lediglich nur einmal mehr die schlichte Tatsache, dass es den lange angestrebten deutschen Bundesstaat nun wirklich gab.

Einhundertfünfzig Jahre ist das jetzt her. Der heute regierende französische Staatspräsident sprach im März 2020 von einem „Krieg“, in dem wir uns befänden – gegen das Coronavirus, dem man mit allerlei Maßnahmen denn auch begegnete. In Frankreich, Italien, Spanien und Belgien etwa wurden und werden regelrechte Ausgangssperren verhängt; hier in Deutschland ist es bisher weniger hart, weswegen der Begriff „Lockdown“ (Einschluss, Einsperrung, Polizei und Militär auf den Straßen zur Überwachung) unzutreffend ist: Man sollte besser von „Shutdown“ (Schließung von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen) sprechen. Nun werden viele der verhängten Bestimmungen in unser Neues Jahr 2021 hinein weitergelten. Insofern dauert Macrons rhetorische Positionierung an. Auch „2020/21“ lässt sich demnach in einem Atemzug lesen und sprechen.

Reden wir aber von Dingen abseits jenes mexikanischen Maisbieres, dessen Schöpfer in den 1920er Jahren seine Treue zur spanischen Krone bekräftigen wollte, weswegen er es „Corona“ nannte. Denn das Neue Jahr Anno Domini MMXXI hält viele Jubiläen und Gedenktage bereit. Aus ihnen habe ich pro Monat ein Datum ausgewählt. Es geht im Januar, wie gesagt, los mit der Reichsgründung 1871 (vor 150 Jahren). Sodann: Ab dem 25. Februar 1721 erschien die „Berlinische Priviligierte Zeitung“ (ab 1751 „Vossische Zeitung“) dreimal wöchentlich (vor 300 Jahren). Am 3. März 321 erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum allgemeinen wöchentlichen Ruhetag im Römischen Reich (vor 1700 Jahren). Am 17. April 1521 sprach Martin Luther in Worms vor Kaiser und Reichsständen (vor 500 Jahren). Am 6. Mai 1871 wurde Christian Morgenstern geboren (vor 150 Jahren). Im Juni 1796 spielte der fünfundzwanzigjährige Ludwig van Beethoven Klavier vor dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. in Berlin (vor 225 Jahren). Am 1. Juli 1696 wurde Gottfried Wilhelm Leibniz fünfzig Jahre alt (vor 325 Jahren, nach dem gregorianischen Kalender; demnach im Juni julianisch/im Juli gregorianisch 1616 geboren, vor 375 Jahren). Am 15. August 1771 kam Sir Walter Scott zur Welt, der „Erfinder“ des historischen Romans (vor 250 Jahren). Am 11. September 2001 war „Nine-Eleven“ (vor 20 Jahren). Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner (vor 125 Jahren). Rückwirkend zum 1. November 1946 wurde das Land Niedersachsen gegründet (vor 75 Jahren). Am 10. Dezember 1971 erhielt Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis (vor 50 Jahren).

Wem dies an Fest- und Gedenktagen nicht genügt, dem habe ich noch etwas nachzureichen. Seit drei Jahren ist es in manchen hochgebildeten Kreisen eine Gaudi, besondere Ereignisse durch Schnapszahlen zu ermitteln, vorzugsweise dreistellig. So wurde 2018 der dreihundertdreiunddreißigste Geburtstag von Johann Sebastian Bach feierlich-fröhlich begangen. Dadurch angeregt habe ich mich umgesehen und bin auf überwiegend politische Daten gestoßen: 1910 wurde in Portugal die Erste Republik errichtet (vor 111 Jahren). 1799 erschien anonym das Buch „Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern“, rasch identifiziert als ein Werk von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher; außerdem erlebte die Welt den 18. Brumaire des Jahres VIII im französisch-republikanischen Kalender, also den 9. November 1799: Staatsstreich von Napoléon Bonaparte (vor 222 Jahren). Ab Mai 1688 kam es zur „Glorious Revolution“ in England (vor 333 Jahren).


Was Schnapszahlen anbetrifft, so kann ich leider nur zweistellig dienen. Vor 33 Jahren wurde dieser damals 22-Jährige oben im Gebirge gestellt, abgelichtet und also dokumentiert. Die nachgerade zarathustrische Heiterkeit unzeitgemäßer Betrachtungen ist durchaus beachtenswert und kann sich gern überallhin verbreiten. Besser ist immer ein Lachen Nietzsches (vor 150 Jahren, als Professor in Basel, war er noch nicht ganz soweit, das änderte sich in der Folge). Sicher sind wir in jedem Fall bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der das „Lied der Deutschen“ 1841 dichtete (vor 180 Jahren; Quersumme 9, also 3×3, insofern auch ein bisschen schnapsig), und der in seinem Spätwerk die Coronaworte fand: „Der größte Lump im ganzen Land, / das ist und bleibt der Denunziant.“ Aber nun hoffen wir mal großzügig, dass solche finsteren Wahrheiten im Jahre 2021 gar niemand aussprechen muss – weil tout le monde freundlich und sachlich bleibt. In diesem Sinne: Frohes Neues Jahr!