Skizze zu Bismarcks Geburtstag

In Zeiten der Mediendemokratie wäre er untergegangen. Seine hohe Fistelstimme trug nicht durch. Die häufigen wochenlangen Abwesenheiten vom politischen Betrieb würde man ihm heutzutage als Faulheit ausgelegt haben. Dem leidenschaftlichen Tänzer und unbekümmerten Genießer von Speis und Trank wären womöglich Skandalreporter auf den Leib gerückt. Seine Lieblingsorte trugen so sprechende Namen wie Kniephof und Friedrichsruh.

Doch ob als Gutsverwalter in Hinterpommern oder als vermeintlicher Müßiggänger im Sachsenwald bei Hamburg: Immer war er Chef. Ein ostelbischer Junker wie er ließ sich nichts sagen. Der zügellose Göttinger Student galt seinen Kommilitonen als „toll“, der Aachener Referendar seinen Vorgesetzten als beratungsresistent – ein Querkopf in jeder Hinsicht.

Er legte sich mit der Papstkirche an und prägte nebenbei ein deutsches Sprichwort, als er 1872 vor dem Reichstag ausrief: „Nach Canossa gehen wir nicht!“ – Später jedoch empfing er vom Vatikan einen „Christusorden“: Keinem Protestanten war bis dahin diese Ehre zuteil geworden. Er verfolgte die Sozialdemokratie und wurde doch zum Begründer einer seither weltweit nachgeahmten Sozialgesetzgebung. Sein Einsatz von „Blut und Eisen“ hinderte ihn nicht, Kriege auch zu vermeiden – und lieber kluge Rückversicherungsverträge abzuschließen. Dem „Realpolitiker“ lag an einem guten Verhältnis zu Russen und Türken: So wurde er zum charmanten Gastgeber des Berliner Kongresses im Jahre 1878.

Er zeichnete verantwortlich für drei Kriege. Darüber wurde er, seit 1862 preußischer Ministerpräsident und seit 1867 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, im Jahre 1871 der erste Reichskanzler des zweiten deutschen Kaiserreiches. Er war ein ausgeprägter Machtmensch, oft zum Leidwesen seiner Umgebung bis hinauf zu Wilhelm I. Der wäre ja am liebsten einfach nur preußischer König geblieben und hat gelegentlich geseufzt, es sei sehr schwer, unter Bismarck Kaiser zu sein.

Skizze zu Bismarcks Geburtstag

Otto von Bismarck kam am 1. April 1815 in Schönhausen/Altmark zur Welt. Konfirmiert wurde er vom Mitbegründer der Berliner Universität, dem weltberühmten Pfarrer und Professor Friedrich Schleiermacher. Nach Studium und Militärdienst widmete er sich der Landwirtschaft auf den ererbten väterlichen Gütern. Durch den frühzeitigen Tod einer glaubensstarken Freundin wurde er zum gründlichen Bibelleser. Auch seine 1847 geschlossene Ehe mit Johanna von Puttkamer beförderte eine persönliche Frömmigkeit, die sich in den zahlreichen Briefen an seine Frau eindrucksvoll bekundet. Die Herrnhuter Losungen waren ihm treue tägliche Begleiter.

1847 fiel er beim Vereinigten preußischen Landtag auf wegen seiner konservativ-monarchistischen Grundhaltung, die ihn bald zum erklärten Gegner der Revolution von 1848 machte. 1851 wurde er preußischer Gesandter am Bundestag zu Frankfurt am Main. Hier verfocht er die Stärkung Preußens gegenüber Österreich. Sein Vorschlag einer deutschen „Union“ wurde aber von den Habsburgern sowie von Russland abgelehnt. Hier ist womöglich einer der Ursprünge zu suchen für die 1871 verwirklichte nur „kleindeutsche Lösung“.

Bismarck war ab 1858 als Botschafter in St. Petersburg und kurzzeitig auch in Paris tätig. Dann, als preußischer Ministerpräsident, führte er 1864 gemeinsam mit den Österreichern den Krieg gegen Dänemark. Aus den Partnern wurden bald Gegner: Im preußisch-österreichischen Krieg 1866 siegte General Moltke für Bismarcks Koalition in der Schlacht bei Königgrätz. Die Folge daraus war ein deutlicher Gebietszuwachs und gestärkter gesamtdeutscher Einfluss Preußens. Allerdings sah der Sieger von einer Demütigung der geschlagenen süddeutschen Staaten ab. Er suchte sie vielmehr durch – mitunter geheime – Zollverträge in ein künftig geeintes Deutschland einzubinden.

Dass das preußische Herrscherhaus Hohenzollern die spanische Krone erlangen könnte, war aus Sicht des französischen Kaisers Napoleon III. untragbar. Bismarck seinerseits schürte den Konflikt durch die „Emser Depesche“ 1870, woraufhin Frankreich Preußen den Krieg erklärte. Ein Ergebnis dieses deutsch-französischen Krieges von 1870/71 war die Reichsgründung am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal zu Versailles. Sie war ein kurzer improvisierter Akt. Das berühmte Gemälde, auf dem Bismarck, entgegen den historischen Tatsachen, in weißer Galauniform dargestellt ist, hat diesem Ereignis einen nachträglichen Glanz verliehen.

Die französischen Reparationszahlungen lösten einen Wirtschaftsboom aus, die sogenannten Gründerjahre. In kurzer Zeit wurde Deutschland zu einem führenden Industriestaat auf dem Kontinent. Das preußisch dominierte Reich konnte sich zudem innenpolitisch konsolidieren, wobei Bismarck nun auch in Friedenszeiten meinte, Feindbilder zu benötigen. Das erste Feindbild war die „ultramontanistische“ katholische Kirche, worauf der „Kulturkampf“ gleich 1871 ausbrach und bis 1878 andauerte, mit erheblichen Folgen auch für die evangelische Kirche. Dann ersann sich Bismarck als zweites Feindbild die Sozialdemokratie, die er durch die berüchtigten „Sozialistengesetze“ von 1878 bis zu seinem erzwungenen Amtsverzicht 1890 verfolgte.

Beide Gegner waren im Reichstag durch politische Parteien vertreten, als „Zentrum“ und als SPD. Und beide wurden durch Bismarcks maßlose Verfolgung nur stärker. Es zeugt von innerer Größe, dass er den Kulturkampf letztlich mit diplomatischem Geschick beendete, indem er in einem Streit mit Spanien um Kolonien im Pazifik den Papst als Vermittler anrief. – Im zweiten Fall hat es keine Versöhnung gegeben. Bismarcks Entlassung durch den ebenfalls von wenig Selbstzweifeln getrübten Kaiser Wilhelm II. hängt auch damit zusammen.

Bis heute wirksam sind aus diesen innenpolitischen Kämpfen die Zivilstandsgesetzgebung seit 1875 und die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre. Beide wurden zum Standard eines jeden modernen Gemeinwesens. Kommunale Standesämter, säkulare Schulaufsicht, staatliche Fürsorge: Errungenschaften in Hinsicht auf die Trennung von Staat und Kirche sowie in bezug auf allgemeine Wohlfahrt sind mit dem Namen des ersten Reichskanzlers wesentlich verbunden. Hier wirkt die friderizianische Tradition von Liberalität und Verantwortungsbewusstsein durchaus nach. Vielleicht ist darin auch ein Denkmodell für heutige Fragen nach dem Standort von Religion in der Gesellschaft zu finden.

In einer Reichstagsrede von 1888 sprach Bismarck die berühmt gewordenen Worte: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.“ – Er ließ sich eben von irdischen Zeitgenossen nichts sagen. Und nachdem er als „Lotse von Bord“ gegangen war, fürchtete noch lange Zeit später das politische Berlin das Grollen des „Alten aus dem Sachsenwald“. Dort, bis zu seinem Tod 1898 im Unruhestand, machte er sich Gedanken über eine dauerhafte europäische Friedensordnung. Dass es dann anders kam, ist den jungen Scharfmachern einer neuen lauten unerfahrenen Generation aus aller Herren Länder anzulasten. Ihm nicht.

Abbildung: Bismarck vor dem Reichstag im Jahre 1888.

Bach

Am 21. März 1685 wird in Eisenach der laut Neuem Brockhaus (1960) „größte Tonmeister aller Zeiten“ geboren, Johann Sebastian Bach. Er ist das jüngste von acht Kindern des Stadtpfeifers Ambrosius Bach und seiner Ehefrau Elisabeth geb. Lämmerhirt. Die Musikerfamilie Bach ist in mehreren Zweigen im ganzen thüringischen Raum verbreitet – seit der Einwanderung des „Stammvaters“ Veit Bach Anfang des 17. Jahrhunderts als protestantischer Glaubensflüchtling aus Ungarn.

Der kleine Johann Sebastian besucht die Lateinschule in Eisenach, wo fast 200 Jahre vorher auch Martin Luther die Schulbank gedrückt hat. Eisenach liegt unterhalb der Wartburg, wo der Reformator einst als „Junker Jörg“ lebte; hier hatte er die Arbeit an seiner bahnbrechenden hochdeutschen Bibelübersetzung begonnen, die auch in der Bach-Familie als Hausbuch Grundlage allen Lebens ist.

Aus dem vertrauten Urort evangelischer Kultur wird Bach jedoch allzubald herausgerissen: Als er acht Jahre alt ist, stirbt seine Mutter; mit zehn Jahren, nach dem Tod auch des Vaters, ist er Vollwaise. Vielleicht liegt in dieser frühen Lebenstodeserfahrung der Keim für die Ernsthaftigkeit und Vollkommenheit seiner Musik als einer in sich abgeschlossenen tröstenden Welt gegen den untröstlichen nur-irdischen Alltag.

bach

Sein älterer, schon erwachsener Bruder Christoph nimmt ihn zu sich nach Ohrdruf. Dann, von 1700 bis 1702, in der Michaelisschule zu Lüneburg, eignet sich der aufgeweckte Junge alle damals gängigen musikalischen Fertigkeiten an der Orgel, am Cembalo und auf der Violine an. Von der alten Hansestadt aus unternimmt er Fußreisen nach Hamburg, um die dortigen Organisten zu hören und ihre Werke zu studieren. Besonders inspirieren ihn die Choralfantasien des Johann Adam Reinken. In Lüneburg selbst bildet sich Bach im Umfeld des weithin berühmten Orgelmeisters Georg Böhm weiter. Manchmal kommt auch die fürstliche Kapelle aus Celle in die traditionsreiche Salinenstadt und bringt französisch geprägte höfische Musik zu Gehör.

Erste Anstellungen führen Bach nach Weimar, Arnstadt und Mühlhausen, also wieder nach Thüringen. Von Arnstadt aus wandert er Anfang Oktober 1705 nach Lübeck; dafür hat er einen dreiwöchigen Urlaub gewährt bekommen. An der dortigen Marienkirche hört er den Kirchenmusikdirektor Dietrich Buxtehude, vertieft sich in dessen Werke und besucht die weitbekannten adventlichen „Abendmusiken“ – da hat er den Urlaub bereits kräftig überschritten: Erst im Januar 1706 kehrt er nach Arnstadt zurück – aus den drei Wochen sind gut drei Monate geworden. – 1707 heiratet er seine entfernte Verwandte Maria Barbara Bach.

Von Mühlhausen geht Bach als Hoforganist und Kammermusiker wiederum nach Weimar. Hier kommen sechs seiner Kinder zur Welt, unter anderem Wilhelm Friedemann (*1710) und Carl Philipp Emanuel (*1714, dessen Taufpate: Georg Philipp Telemann). Viele Orgelwerke entstehen, unter vielen anderen die berühmte Toccata und Fuge d-moll mit der signalhaften Wechselnote zu Beginn. Überdies legt er ein „Orgelbüchlein“ an, in dem er eigene Liedbearbeitungen nach der Ordnung des Kirchenjahres beispielhaft zusammenstellt.

Bach wendet sich 1716 an den Hof des Fürsten von Anhalt-Köthen. Der Weimarer Dienstherr will seinen Konzertmeister jedoch nicht gehen lassen und steckt ihn in eine Arrestzelle. So ist Johann Sebastian Bach wohl der einzige unter den ganz großen abendländischen Komponisten, der einen Gefängnisaufenthalt erlebt – wenn auch nur für einen Monat: dann gibt der Herzog seinen Widerstand auf und lässt Bach ziehen.

In Köthen findet der nunmehrige Kapellmeister und „Director derer Cammer-Musiquen“ völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse vor als an seinen bisherigen Dienststellen. Für ihn gibt es hier keine unmittelbaren kirchenmusikalischen Betätigungsfelder; denn die Fürstenfamilie gehört dem evangelisch-reformierten Bekenntnis an. Bach hält sich in Köthen zur kleinen lutherischen Gemeinde; dort ist er als regelmäßiger Abendmahlsgast verzeichnet.

Der Komponist widmet sich der Haus- und Hofmusik. Das „Wohltemperierte Klavier“ und andere bedeutende Werke für Tasteninstrumente entstehen, außerdem die „Brandenburgischen Konzerte“. Mit dem Fürsten ist Bach freundschaftlich verbunden. Aber die Wirksamkeit in Köthen wird schicksalhaft überschattet, als 1720 seine Ehefrau stirbt. Nach Ablauf der Trauerzeit heiratet Bach 1721 die Sängerin Anna Magdalena geb. Wülken, mit der er insgesamt 13 Kinder hat, unter den das Säuglings-und Kindesalter überlebenden die späteren Musiker Johann Christoph Friedrich (*1732) und Johann Christian (*1735).

Im Jahr 1722, nach dem Tod des Leipziger Thomaskantors Johann Kuhnau, bewirbt sich Bach auf die freigewordene Stelle. Er sucht seit längerem städtische Umgebung, um seinen ältesten Söhnen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Zum 1. Sonntag nach Trinitatis 1723 tritt er das Amt des Kantors an der Thomasschule und des städtischen Musikdirektors über die Hauptkirchen in Leipzig an. Hier eröffnet sich dem nunmehr 38jährigen Künstler ein reiches, aber auch mühsames Betätigungsfeld. Den Thomanern hat er nicht nur Musikstunden, sondern auch Unterricht in den Fächern Latein und Religion zu erteilen. Um zu letzterem befähigt zu sein, hat er sich vor Amtsantritt einem theologischen Examen unterzogen, im Sinne der ihm vertrauten lutherisch-orthodoxen Glaubenslehre.

Musikalisch-kompositorisch gehört fortan zu Bachs Aufgaben, an jedem Sonn- und Feiertag – ausgenommen nur die Zeiten vom 2. bis 4. Advent und die Sonntage in der Fastenzeit – Kantaten aufzuführen. Die kann man heutzutage regelmäßig in den Sendungen mit geistlicher Musik im Radio hören; Bachs Werke sind frei zugänglich, fernab von jeglichem Spezialistentum. Sie gehören zum allgemeinen Bildungsgut zumal in unserem protestantischen Deutschland.

Bach verschreibt sich der Anforderung, Kantaten zu komponieren, mit Herzblut – er legt in bezug auf diese gottesdienstlichen Stücke für Soli, Chor und Orchester zunächst mit Feuereifer los, sieht er doch die faszinierende Möglichkeit, mittels seiner eigenen Musik zu predigen, also Sonntagsevangelium, Hauptlied oder verwandte Texte in Klangrede so darzustellen, dass der Gemeinde sich der geistliche Reichtum der biblischen Botschaft erschließen möge.

Doch bald erlahmt sein Ehrgeiz, das Kirchenjahr vollständig und vielgestaltig musikalisch darzustellen. Er muss erkennen, auf wie wenig Verständnis seine Musik beim Rat der Stadt und in den Gottesdienstgemeinden stößt. Die Leipziger haben solch starken musikalischen Ausdruck nicht erwartet – und auf Dauer wünschen sie ihn auch nicht. Bachs Musik siedelt an der Grenze dessen, was man unter bürgerlich-anständiger Kirchlichkeit versteht – und überhaupt: Man empfindet seine Kompositionen als zu schwer.

Das meint man auch von den großen Passionsmusiken, die der Kantor im Wechsel für die Thomas- und Nikolaikirche einzurichten hat: Statt jedes Jahr eine neue Passion für den Karfreitagsabendgottesdienst zu komponieren, wiederholt er ab dem vierten oder fünften Amtsjahr seine bis dahin entstandenen Werke oder führt Musiken älterer Meister aus dem Archiv auf. Wie weit die Zeitgenossen die auf uns heute so ergreifend wirkenden Großwerke „Johannespassion“ (1724) und „Matthäuspassion“ (1727) aufgenommen und verstanden haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Hier und da wird der Vorwurf einer „opernhaften“ Musik laut.

Bachs Leipziger Zeit währt 27 Dienstjahre lang, bis zum Tod am 28. Juli 1750. Es sind nicht allein die Kantaten, Oratorien, Passionen und Orgelwerke, die später seinen weltweiten Ruhm begründen – hinzu kommen als Gelegenheitswerke die Motetten und die ganze weltliche Musik, welch letztere er vielfach für das von Telemann im Jahre 1701 gegründete Studentenorchester „Collegium musicum“ erschafft. Auch Bearbeitungen von Werken zeitgenössischer italienischer Komponistenkollegen entstehen, so zum Beispiel von Albinoni, Pergolesi oder Vivaldi.

Vier Großwerke gehen außerdem weit über den Leipziger Rahmen hinaus: Im Jahre 1736 widmet Bach zwei Sätze, „Kyrie“ und „Gloria“, dem römisch-katholisch gewordenen sächsischen Hof in Dresden: Beginn seiner spät vollendeten und im 19. Jahrhundert so betitelten „Hohen Messe in h-moll“. Damit hat der Meister seinen „ökumenischen“ Beitrag geleistet. 1747 wird Bach in eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft aufgenommen, die „Mizlersche Societät“. Für sie schreibt er die „Kanonischen Veränderungen“ über Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, das „Musikalische Opfer“, nach einem Besuch am Hof in Potsdam Friedrich dem Großen gewidmet, und zuletzt die „Kunst der Fuge“, deren letzter Kontrapunkt, wo das Thema B-A-C-H mit den anderen Subjekten verknüpft werden soll, unvollendet bleibt.

Bachs Musik wirkt bis heute umfassend in ihrer Ausgeglichenheit zwischen einfachem Melodie-und-Begleitung-Satz und höchster harmonischer bis kühner Mehrstimmigkeit. Einige Stücke sind regelrecht populär geworden: Aus den Kantaten hat es „Jesus bleibet meine Freude“ bis hin zur Titelmusik einer Fernsehsendung gebracht; ein Satz aus den Orchestersuiten hat es in die Charts der Klingeltöne fürs Mobiltelefon geschafft – und ein anderer Suitensatz ist als die „Air von Bach“ gleichermaßen bekannt und beliebt.

All dies sind aber nur äußere Blüten, die in einer konsequent gepflegten Tradition wurzeln. Bachs Musik erwächst aus dem evangelischen Gottesdienst. Viele Liedstrophen, die wir bis heute gern singen, haben in den Passionen und im Orgelwerk ihr jeweiliges Gewicht. Bach hat die Choräle derart „authentisch“ harmonisiert oder sonst bearbeitet und sich dadurch so zueigen gemacht, dass ein französischer Komponist des 19. Jahrhunderts meint, er habe auch die Melodien selber geschaffen. Tatsächlich haben wir in unserem Gesangbuch aber nur eine einzige Weise, die von Bach stammt, nämlich die zum Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“.

Ansonsten deutet Bach aus, was an Texten und Melodien in Gebrauch ist – vor allem Verse von Martin Luther und Paul Gerhardt. Seine Lieblingsmelodie: „Herzlich tut mich verlangen“, heute vor allem bekannt durch das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Das Leiden Christi sich zueigen machen, weil darin das eigene Leben in aller Tiefe aufgehoben ist: Es ist dieses innige Verständnis der Passionsgeschichte, das durch das Dunkel des Todes ins neue Leben führt. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.“ Wer diese schwarzgefärbte Musik aus der Matthäuspassion je mit geradezu mystischer Hingabe verinnerlicht hat, wird diesen starken Eindruck im Glauben nie wieder vergessen.

Neben Bachs häufig vor seine Kompositionen gesetztem Motto S.D.G, „Soli Deo Gloria“ – allein Gott die Ehre!, lautet ein anderes: J.J., „Jesu juva“ – Jesu, hilf! Das ist ein Gebetsruf an den, der alles verwandelt. Die Grenze des Todes wird zum Leben hin überschritten. Inmitten aller Dunkelheiten der Passion Jesu werden die eigenen Finsternisse klar – das ist der erste Schritt zum Heil, durch klingendes musikalisch-bewegtes Geheimnis hinein ins ewige Leben, in Töne gebracht von ihm, den wir fromm mit Söderblom den „Fünften Evangelisten“ nennen oder abstrakt mit Reger als „Anfang und Ende aller Musik“ bezeichnen – vielleicht ihn aber auch gleich ins ganz Große einer ozeanisch-rauschhaft-tiefen unauslotbaren Erfahrungswelt befördern mit Beethoven: „Nicht Bach sollte er heißen, sondern Meer.“

Foto: Bach-Denkmal in Eisenach.

Weit weg

Ob eine landeskirchliche Synode irgendwo im weiten Deutschland tagt oder in China ein Sack Reis umfällt, ist den Leuten mittlerweile herzlich egal. Dies gibt deswegen zu denken, weil die wirtschaftliche Stärke des fernöstlichen Milliardenvolkes mit solcher Denkungsart sträflich unterschätzt wird. Als weniger erheblich muss man hingegen die Wirkung evangelisch-parlamentarischer Reden veranschlagen: Wenn es nicht gerade um „wichtige“ Entscheidungen in bezug auf Klimarettungsaktionen oder Tempolimitforderungen für Benutzer von Autobahnen geht, stehen sowieso nur deprimierende „notwendige“ Punkte hinsichtlich Pfarrstellenkürzungen oder Gebäudeveräußerungen auf der Tagesordnung. Doch wen von den Normalsterblichen interessiert das eine („wichtig“) oder das andere („notwendig“) schon beziehungsweise noch?

„Man müsste Klavier spielen können“, sang Anfang der vierziger Jahre good old Johannes Heesters, vor allem wegen des Erfolgs bei den Frauen. Sollte es nicht auch zielführend sein, die Orgel schlagen zu vermögen, besonders in Hinsicht auf jene sensiblen Hörerinnen und Hörer, die sich sonst aus kirchlich-kulturrevolutionärem Treiben eher heraushalten? Jedenfalls ist das klassische Fortepiano denkbar ungeeignet, den Gutmenschen unserer Tage noch Botschaften zu entlocken, die feministisch einwandfrei, genderistisch wohlgesonnen und gretathunbergpolitisch kompatibel sich dem neuerdings als ideell-erkannt Unbedingten anverwandeln. Ja, es ist eine Last, dass niemand mehr den Mumm hat, Klartext zu reden: und also die Gerechtigkeit von Klima und Geschlecht der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben.

Überhaupt gerät das freie Lachen in Verruf. Der Name der Rose sowie der Steppenwolf lassen herzlich grüßen. Mittelalterlicher Aristotelismus und zwanzigerjahremorbides Spiegelfigurenkabinett werden neuerlich mörderisch verfolgt. Die Zeichen der Zeit haben keine Chance, semiotisch erschließbar sich zu offenbaren. Umberto Eco und Hermann Hesse müsste man da jetzt ganz neu lesen und hören. Das grenzenlose Spiel aber bleibt derweil auf der Strecke. Und dorthinein grätschen die Chinesen sackreisweise. Sie machen es nicht so plump wie manch gutgläubige Ehrenamtliche, die auf Synodensitzungen unbedarft mehr selbstbewusste Jugend fordern, ohne dass eine solche evangeliumsgemäß zugegen wäre. Nein, die Mao-Nachfolger geben sich ökonomisch westlich, sehr angepasst, nachgerade so, wie wir es in den achtziger Jahren bei japanischen Tugenden kennengelernt haben. Und beherbergt nicht das Land der aufgehenden Sonne ein auch international in musikalischen Kreisen bekanntes Bach-Kollegium? Mal abgesehen von den vielen manifest gewordenen pianistischen Begabungen aus Südkorea? Die Nähe zur europäischen Musik ist da mit Händen zu greifen, weil sie richtiggehend ersehnt wird.

bloggerisch elfenbeinhart

Sehnsucht aus Fernost nach Europa: Wer hätte das gedacht? Heidegger und Sartre machten mal den Anfang, gefolgt von Bach und Beethoven. Enorm, wie Philosophie und Musik da Brücken gebaut haben. Die Mao-Barbarei hingegen hat jegliches Ausführen und Hören von Klassik einst verboten. Der Große Vorsitzende, dessen „Bibel“ bei den westdeutschen 68ern sehr verbreitet war, ist heutzutage gottlob überhaupt nicht mehr anschlussfähig. Hingegen sind fernasiatische Künstlerinnen und Künstler gleich welcher Nationalität bei uns sehr willkommen, von Yoko Ono bis Ai-Weiwei. Zudem genießen und/oder ertragen wir den Klaviervirtuosen Lang-Lang. Vielleicht fällt ja ob seines Temperaments in China ein Sack Reis um – diese Tatsache wäre dann durchaus auch für uns europäische Musikkonsumenten von einiger Bedeutung …

Alle freuen sich wechselseitig, wenn Synoden den Sack zubinden. Die alten Säcke aber syn Oden nicht abgeneigt. Sie wollen herzhaft singen! Auch das Alter will gewürdigt sein. Lebenserfahrung breitet sich aus, ohne unterdrückt werden zu wollen. Es wäre den evangelischen Kirchenparlamenten zu wünschen, dass sie die geistlichen Stimmen ernst nähmen und die geistvollen Beiträge verinnerlichten, auch wenn die nicht dem Mainstream entsprechen. Denn andere, ungleich weniger friedfertige Gestalten belagern uns: Islamisten stehen vor der Tür – aber wir beschäftigen uns lieber mit gendergerechter Sprache … Das sollte denn doch nicht sein.