Suite gothique contre „Gilets jaunes“

Gelbwesten rumoren revolutionär – ohne Worte, dafür autoaggressiv. Frankreich, das Mutterland der Gotik, zerlegt sich selbst. Hier ein langer Text aus dem Sommer 2016, vielleicht nach wie vor lesenswert – wenn denn noch christliche Geduld vorhanden ist …

Manchmal im Leben sind wir stark. Besonders dann, wenn man es uns gar nicht zutraut. In jungen Jahren können Höchstleistungen heranreifen, ohne dass es so richtig bemerkt wird. Vorzug der Jugend ist es ja seit unvordenklichen Zeiten, Dinge auszusprechen, die später lieber ungesagt wären und dann im Nachgang autobiographisch aussortiert werden möchten. Daher wurde immer schon viel eliminiert, durch Verbrennen von Tagebüchern und Briefen, im Abstreiten mündlicher Einlassungen oder gar in autoritär veranstalteten Vernichtungsaktionen umfassender öffentlicher Art und Weise.

Eine darauf indes unvermutet dennoch folgende Trauerphase ob der persönlichen wie gesellschaftlich-historischen Verluste wurde in der guten alten Zeit gern kompensiert in familiär stilisierten Erzählungen nach dem Motto „Weißt du noch?“ – oder in wunderbar fragwürdigen, zeitweilig in Mitteleuropas architektonischem Kunstgeschmack allgemein angenommenen Formen von Neorenaissance oder Neugotik.

Das neunzehnte Jahrhundert lässt sich einfach nicht abschütteln; es ist präsent bis heute hin. Neulich war ich einmal wieder in Goslar, und die weitgehend neuromanische Kaiserpfalz hat es mir erneut ganz heftig angetan. Da störte auch das Standbild von „Wilhelm dem Großen“ in keiner Weise. Man muss das alles nur zu deuten wissen. Einen bösen „Nationalismus“ aus den Statuen und Gemälden von Staufern und Hohenzollern abzuleiten wäre ganz grober Unfug. Dass genau dies aber heutzutage oftmals geschieht, sobald „Deutschland“ ins Spiel kommt, bis in die Jugendorganisationen etablierter Parteien hinein, offenbart eine Geschichtsvergessenheit, bei der zweifelhaft wird, ob man ihr überhaupt noch irgendwie beikommen kann.

Heutige Geschichtsvergessenheit schreit zum Himmel

Da fordert also die „Grüne Jugend“ den Verzicht auf selbstbewusstes Präsentieren der schwarz-rot-goldenen deutschen Farben. Sie weiß ganz augenscheinlich nicht, dass diese Trikolore für Vormärz und 48er-Revolution steht. Ihr ist völlig ungeläufig, dass das zweite Kaiserreich diese Fahne ablehnte und das „dritte“ Reich sie gnadenlos bekämpfte. Stattdessen empfiehlt eine Sprecherin das Schwenken von grünen – ähm: Tüchern, sozusagen. Nun, sie kann ja, wenn sie das präferiert, gern nach Saudiarabien auswandern; keine Staatsflagge der Welt ist grüner als die der neureichen Wüstendiktatur, die zwischen dem Glamour marmorn-morgenländischer Geheimnistuerei und dem blutrünstig-radikal Bösen hinundherpendelt und uns, den ach so aufgeklärten, aber zugleich ölgierigen Westen seit langem schon zum Narren hält.

Um unser einundzwanzigstes Jahrhundert zu verstehen, ist ein Blick ins neunzehnte saeculum nicht unangezeigt. Wir sind ja zu Recht hilflos bestürzt, dass der sogenannte „Islamische Staat“ jahrtausendealte Kulturdenkmäler zerstört hat. Assyrische und babylonische Paläste und Plastiken, griechisch-römische Säulenstraßen, jüdische Synagogen, christliche Klöster und sogar Heiligtümer der eigenen Religion wurden im Namen eines gnadenlos grausamen Wahhabitismus dem Erdboden gleichgemacht – von den Qualen durch diese Ideologie bei den betroffenen einzelnen Menschen gar nicht erst zu reden.

Alles, was wir aus sicherer Entfernung von Kindesbeinen an über Sindbad den Seefahrer, Aladin und die Wunderlampe und Hadschi Halef Omar kennengelernt hatten, dieser ganze Zauber von Tausendundeiner Nacht oder nemsischer Reiselust erweist sich derzeit als fata morgana riesigen Ausmaßes. Der alten arabischen und osmanischen Welt, wie wir sie aus den Büchern vom neunten bis zum neunzehnten Jahrhundert kannten, wird gerade der finale Todesstoß versetzt. Damit verschwindet übrigens auch die gesamte biblische Atmosphäre, wie sie sogar noch Pate stand für ihre eigene Interpretation im kritischen zwanzigsten Jahrhundert.

Die halbe Menschheit, die bisher ihr Leben einigermaßen unbedarft aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments oder aus dem Koran bezog, blickt heutigentags, so sie sich dem Geschehen aussetzt, in einen furchtbaren Abgrund. Sie erkennt: Zu oft wurden heilige Überlieferungen von ihren eigenen glühendsten Verteidigern missbraucht für egoistische Zwecke. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, der Dreißigjährige Krieg oder die jetzige Vernichtung des Nahen Ostens sind ihre traurigen herzzerreißenden Ergebnisse. Zeloten, alte Schweden und neue Islamisten sind anzuklagende Beispiele dafür, wie aus falschem unerbittlichem Schriftverständnis heraus am Ende dann die jeweils benutzte Religion im Ganzen zum Objekt aufklärerischer Verdammnis wurde.

Als ob das Leben wirklich schöner wäre, wenn es so gänzlich keinen Gottesglauben mehr gäbe. Die einfachen und frommen Bewohner der Vendée haben bis heute in den Geschichtsbüchern keine sonderlich vernehmbare Stimme; und die Menschen in den Weiten Russlands erst recht nicht. Wo immer aber die Revolutionsarmeen eindrangen, war das Maß an Verblendung und Mordlust nicht weniger ausgeprägt als bei all den Kreuzrittern oder Dschihadisten alter und neuer Zeit.

Bekanntlich ist die Aufklärung selber spätestens in dem Moment ad absurdum geführt worden, als Robespierre den „Kult des Wesens der höchsten Vernunft“ anordnete und alle anderen Glaubensweisen blutig verfolgte. Der Turmspitze des Straßburger Münsters wurde eine riesige Jakobinermütze übergestülpt – Urbild moderner Propaganda? Jedenfalls werden seitdem immer wieder politische Einrichtungen erhoben und verabsolutiert, etwa nach dem Motto: „Die Partei hat immer recht“ – oder dem massenhaften Schlachtruf: „Vive la République“ (der ja weniger eine demokratische Verfassung lobt denn eher ein System, dessen Träger und Repräsentanten in Eliteschulen herangezogen sind).

Und natürlich haben alle schlauen wie mächtigen Egomanen seit jenen aufbegehrenden Zeiten von den beiden damals frisch erfundenen Errungenschaften Guillotine und Marseillaise in irgendeiner Weise „gelernt“, ob sie sich nun glaubensfeindlich oder superfromm gaben: Napoleon, Hitler, Stalin, Mao, Kim Il Sung (nebst Dynastie), Ceausescu, Khomeini, Gaddhafi … Notabene: Mit des Letztgenannten „Grünem Buch“ könnten die Bewegten aus der Ecke der aktuellen junggrünen Spielverderber ja auch noch wedeln – ein Vorschlag zur Güte und für systemgerechten ideologischen Ausgleich.

Nach allem Furor kam – das neunzehnte Jahrhundert

Nach allem französischen Furor kam aber dann: das neunzehnte Jahrhundert! Mental – nicht kalendarisch – gefasst, begann es mit dem Wiener Kongress 1814/15 und endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Kaum eine Epoche ist bis heute derart verächtlich gemacht worden wie dieses Zeitalter. Für so ziemlich alles, was im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Ruder gelaufen ist, hat man dessen Vorgänger die Schuld gegeben. Wie praktisch, weil für die Nachgeborenen der seinerzeit neu entstandenen industrialisierten Welt so entlastend!

Wir lasen Hauptmanns „Weber“, ohne wahrzunehmen, dass das eben kein Heine-gezeugtes klassenkämpferisches Theaterstück sein wollte. Wir mokierten uns über die historistischen übereifrig hingebauten Häuser, ohne darin eine captatio benevolentiae oder gar einen Anflug von sehnsüchtiger Erinnerung an „schöne, glänzende Zeiten“ zu sehen. Wir ignorierten im nachhinein die schöpferische Phantasie und den ungestümen Wagemut der jenes Jahrhundert vorbereitenden Frühromantiker – obwohl wir ähnlich fühlten, ohne dies uns einzugestehen. Wir beriefen uns hierbei skeptisch-altkug auf Goethe, der ja bereits im voraus den Jungs namens Hardenberg oder Tieck oder Wackenroder alle literarische Kompetenz abgesprochen und sogar die Veröffentlichung eines Textes wie „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis tatkräftig verhindert hatte.

Woher diese Verachtung? Vielleicht ist unserem deutschen kriegsversehrten Bewusstsein jegliches Denken in großen Linien allzu gründlich abhanden gekommen. Die Nachkriegswelt musste ja mit den nicht wieder zu heilenden Wunden des Dritten Reichs, mit unentschuldbaren Brüchen, die weder äußerlich noch innerlich abzuleugnen waren, doch irgendwie weiterleben. Wie um in der daraus resultierenden bodenlosen Aggression gegen sich selbst die eigene verpfuschte dunkle Geschichte noch zu zementieren, wähnte man, dass sogar Erhaltengebliebenes ein Ende haben müsse, und riss in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr Häuser ab, als überhaupt durch die schrecklichen Fliegerbomben untergegangen waren. Das betraf vor allem Bauten aus der Gründerzeit und dem Wilhelminischen Zeitalter.

Dem amerikanisierten Ideal von „Fortschritt“ opferte die Wirtschaftswundergesellschaft eine bis dahin gesamteuropäisch konsensfähige urbane Struktur und Kultur – und das Wort der Mitscherlichs von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ verhallte 1965 zunächst völlig ungehört. Erst zehn Jahre später, im Internationalen Jahr des Denkmalschutzes, nachdem die weltläufige Kleinteiligkeit bürgerlicher Lebensformen einschließlich schmiedeeisernen Jugendstiltoren oder säulengestützten schwarzen Klavieren längst unwiederbringlich in den Orkus der „autogerechten Stadt“ und der „Bildungsreformen“ gejagt worden war, setzte das große Jammern ein.

Im Unterschied etwa zu den anno 1797 anonym erschienenen „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ oder zu Goethes Gedanken über das Straßburger Münster (bereits 1772) waren die Konzepte nachdenklich und wehmütig gewordener westdeutscher Bürger indes unfähig, sich positive Leitbilder aus der versunkenen Geschichte heranzubilden. Wie auch, wo gerade das im Krieg unzerstörte Villenviertel einer Stadtautobahn oder der vom Bombenhagel verschonte alte Baumbestand des beliebten Kaffeegartens einer U-Bahn-Baustelle hatte weichen müssen? Die Wunden waren zu frisch geschlagen. Und die verantwortlichen Bauräte befanden sich noch lange in Amt und Würden.

Alt ist per se weder schlecht noch tot

Besser ist die Maxime: Lasst die Lebenden leben, aber die Toten nicht im Tode bleiben. Wer jetzt in der Pflicht steht, soll tun, was er nicht lassen kann und darf. Aber wer gestorben ist, kann sich auf Veränderung seines Zustands freuen. Und das heißt, gewendet auf unser Thema: Eine Gesellschaft mitsamt ihrem baulich-künstlerischen Ausdruck ist nicht einfach deshalb obsolet, weil sie etwa alt und somit vermeintlich bedeutungslos wäre. Nicht alles Soignierte ist sofort senil. Wer schon einmal in Siena war, weiß, wie zukunftsträchtig die Pflege des Alten sein kann. Liebevoll gehegte Tradition besitzt eigenen Wert, und da hätte man bei uns in Deutschland viel mehr von den italienischen Städten lernen und beherzigen können, als man es tat, da noch Zeit zum Bewahren gewesen wäre.

Sehen wir auf die Baugeschichte nördlich der Alpen, dann kommt mir ein Lexikonartikel von vor über hundert Jahren in den Sinn. Unter dem Stichwort „Gotischer Stil“ wird da nicht auf Abbruchkanten genäht, sondern ein heutzutage weithin für unmöglich gehaltener großer Zusammenhang aufgezeigt. Aus dem romanischen Stil wird durch Überspitzung der Bögen, erstmals in Nordfrankreich, die gebaute Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem manifester denn je.

img_20150919_132057

Diese Kunst verbreitet sich über Mitteleuropa und auf die britischen Inseln und bleibt über fünfhundert Jahre der vorherrschende Stil, bis in „nachgotische“ Ausläufer des siebzehnten Jahrhunderts hinein. Im achtzehnten Jahrhundert taucht sie wieder auf in englischen Herrenhäusern und wird wenige Jahrzehnte später zum typischen Stil auch auf dem europäischen Festland für Kirchen, Burgen, öffentliche repräsentative Gebäude, Fabriken und Wohnhäuser –

– und sie lebt, so füge ich nun hinzu, zumindest virtuell weiter in den Welten etwa von Gotham City … Die erdachte Heimatstadt von Batman ist trotz aller goddam-Düsternis cineastisch-architektonisch alles andere als reizlos. Im Zusammenwirken mit der Musik zum Film entsteht ein Kosmos jenseits wie diesseits von Gut und Böse, alles umfassend quasi von göttlich-gerechten Gewölbeschlüssen bis hin zu grauenvoll-gemeingefährlichen Gewalttaten. Maurerische Freiheitsrituale, misanthropische Fehlleistungen und mafiöse Fememorde ergeben in solch mittelalterlicher Finsternis einen furchtbaren Mix, ohne jeden Verdacht, menschenfern zu sein.

Die Gotik scheint hier ein in hohem Maße weltlich Ding zu sein, und solange Stockbrot und Schnabelschuhe, Jongleurskunst und Jokerlachen, Ritterrüstung und Ratsherrenpils veranstaltungstauglich und kassefördernd sind ob ihrer Popularität, – wird auch die dahinterstehende spitzbögig-spitzbübische Philosophie in, mit und unter uns leben, weben und sein. Die grellgeschminkten schwarzgewandeten traurigblickenden Gothic-Jünger vermischen unbedarft ihre hochaufragenden kathedralartigen Frisuren mit germanischem Brauchtum, die Errungenschaften von Flowerpower und Punk mit Haarfestiger und Druidenfuß, und sie würden nicht lachen, sondern ernsthaft zustimmen, stellte man an den Grenzen ihres geistigen Biotops das Schild auf: „Man spricht Gotisch“.

Aber wird da auch Fraktur geredet? Oder ist das alles bloß als „klosterbrudisierend“ abzutun, wie Goethe es einst tat mit den Aufsätzen von Wackenroder und Tieck? – Den Frühromantikern ging es um die Kunst an sich in ihrer leibseelischen Ganzheit. Italienbegeisterung und Nürnbergbewunderung gingen bei ihnen Hand in Hand, vorläufig noch ohne Festlegung auf einen bestimmten Stil. Dies änderte sich erst allmählich, und das hat auch ein bisschen mit der Westberliner Kiezkultur zu tun, die ihre Wirkungsstätten auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1975 wiederentdecken konnte – da waren Kreuzberger Mietskasernen abgebildet zur Feier des Internationalen Denkmalschutzes. Das gusseiserne „Kreuz“ auf dem „Berg“ indes wurde namensgebend vom Berliner Architekten Friedrich Schinkel Anfang des neunzehnten Jahrhunderts als Memorial in neugotischen Formen errichtet.

Ob Michelangelo und Raffael einerseits und Albrecht Dürer andererseits den Besuchern der Oranienstraße jemals ein Bewusstsein für den Ort, da sie lebten, demonstrierten und zerstörten, vermittelt haben, sei dahingestellt. Schinkel war von beidem inspiriert, der klassischen Italianità und der altfränkischen Zunftkultur. Neue Wache und Friedrichswerdersche Kirche haben das aufstrebende Berlin gleichermaßen vorangebracht.

Den Schub in eine bestimmte Stilrichtung gab sicherlich die Wiederauffindung der originalen Baupläne zum Kölner Dom in den Jahren zwischen 1814 und 1816. Da wurde der von Berlin aus regierte preußische Staat in seiner frisch erworbenen Rheinprovinz historisch aktiv. Als die Kathedrale schließlich im Jahr 1880 fertig war, saß der Bischof in niederländischer Verbannung. Noch herrschte Kulturkampf, ultramontanistisch befeuert und wenig romantisch. „Nationale Größe“ wurde durchaus antiklerikal zelebriert, damals wie heute. Das dürfte extreme „Rechte“ wie „Linke“ gleichermaßen erfreuen.

Robert Schumann hat in der seit dem Reformationszeitalter brachliegenden Bauruine mit dem charakteristischen Kran auf dem Stumpf des Südturms im November 1850 eine Kardinalserhebung miterlebt und seine Eindrücke im als Feierlich bezeichneten vierten Satz seiner Dritten Symphonie verarbeitet: in festlich-düsterem Bläsersatz, in der ebenso satten wie seltenen klingenden Tonart es-moll. Gotische Polyphonie?

Nein. Die Musik lud sich zwar auf mit Vorbildern der Vergangenheit, ohne jedoch ausdrücklich nazarenisch zu werden (wie es teilweise in der Malerei geschah). Wagners bösartiger Spott über „Händelssohn-Bachtoldy“ richtete sich „nur“ gegen eine seiner Meinung nach billige Kopie barocker Formen und Harmonien – ins gotische Mittelalter stieß die musikalische Romantik damals gar nicht vor. Selbst die ein halbes Jahrhundert später (1895) entstandene „Suite gothique“ des Elsässers Léon Boellmann (tréma auf dem e bitte hinzudenken, sprich also: Bo-ellmann!) ist für die zeitgenössische französische Konzertorgel gedacht und hat mit der Gotik genauso viel zu tun wie etwa Bachs „Dorische Toccata“ mit der gleichnamigen Kirchentonart geschweige denn Beschaffenheit antiker Säulenkapitelle.

Mit anderen Worten: Die Künste sollten, bei aller Bewunderung der „Alten“, doch schöpferisch und phantasievoll bleiben. Nicht auf detailversessene sklavische Nachahmung waren die echten Romantiker aus, sondern auf kreative Weiterentwicklung und freien Einsatz der mannigfaltigen Tradition. Allerdings erstarrten die geistreichen feuerflüssigen Lavamassen vom Beginn des Jahrhunderts dann doch weitgehend zu abgekühlten festen Gesteinen. Das „Eisenacher Regulativ“ aus dem Jahr 1861 ist so ein zementierender Ausfluss. Man legte fest, jede neu erbaute evangelische Kirche habe sich an einem historischen Stil zu orientieren, vorzugsweise am gotischen. Bewusst schlossen sich die Verfasser dabei dem altchristlichen Schema der Basilika an – und wollten so den Protestantismus in die große Überlieferungseinheit von Antike, Mittelalter und Neuzeit hineinstellen.

IMG_20171117_120644

Einerseits normiert, andererseits weiterentwickelt, in übertrieben zinnenbewehrten Rathausneubauten etwa, die gotischer daherkamen als ihre Vorgänger; oder in überdimensionierten Fabrikhallen, Bahnhöfen und Schulen, die kathedralähnlich anmuteten und dies auch sollten …: Sakrales und Säkulares wurde noch einmal versuchsweise zusammengebracht unter dem Schirm einer einheitlichen europäischen Kunst, deren Idee – man beachte es immer wieder – durch Architektur künstlicher Ruinen, hallender Internatskreuzgänge, großer Parlamentshäuser und industrieller Nutzgebäude aus England (!) zu uns über den Kanal herübergeschwappt war. Kreuzrippengewölbe allerorten, insular, mitteleuropäisch und nordamerikanisch so sehr en vogue, dass dieser Baustil tatsächlich zum Synonym für das neunzehnte Jahrhundert werden konnte.

Die Gotik hört einfach nicht auf …

Das zwanzigste saeculum weiß sich diesem unterschwelligen Traditionsstrom verbundener als es dies selbst in seinen klügsten Stimmen bisher je zugegeben hat. Pars pro toto sei an den aus Bremen stammenden Künstler Heinrich Vogeler (1872-1942) erinnert, dem die Gotik in dem Maße bedeutend wurde, je mehr sie faktisch in ihrer neugotischen und zugegeben allzu fialenverliebter Spielart dem Spott der Gebildeten unter ihren Verächtern ausgesetzt war. Der Kaufmannssohn hatte um die Jahrhundertwende sich ein Paradies auf Erden erschaffen im Worpsweder Barkenhoff – da passte einfach alles zusammen, von der Kommode im umgebauten und repräsentativ erweiterten Bauernhaus über das impressionistische Ölgemälde im Esszimmer bis hin zum Baumbestand und zur Blumenvielfalt umzu … Jugendstil war das Zauberfaktum, ornamental und eben alles andere als gotisch-zackig!

img_20150815_181104

Diese Traumwelt von Selbstverwirklichung – noch ehe es solchen Begriff gab – befriedigte und befriedete aber nur vorübergehend. Vogeler war so sehr christlich geprägt, dass er nicht nur dem Kaiser ein pazifistisches „Märchen vom lieben Gott“ zueignete, sondern auch ganz praktisch die Folgen des Krieges auf seinem eigenen Gut bearbeiten und lindern wollte. Aus dem Barkenhoff wurde eine kommunistische Lebensgemeinschaft; die bis dahin gehegten und gepflegten bürgerlichen Schätze wurden verhökert oder „sozialisiert“. Den vornehmen Park des Anwesens grub man zu Ackerland um, der vormalige Herrensitz mutierte zu regionaler Kommandozentrale und reformorientiertem Kinderheim … Die zartgetupfte blaugeblümte Aura individualistischer Luftschlösser wich nun einem handfesten und alsbald bedenklich sowjetrussisch-propagandistisch aufgeladenen politischen Aktionismus.

Mit seiner endgültigen Übersiedelung nach Moskau Anfang der dreißiger Jahre stellte Vogeler sich ganz in den Dienst der revolutionären Regierung. Seine sogenannten „Komplexbilder“ sollten dem Wollen und Vollbringen einer neuen Zeit aufhelfen, es waren also bessere Werbeplakate. Etwas Eschatologisches oder auch Hochfahrendes oder eben Himmlischjerusalemgotisches haftet ihnen an: Da türmen sich verschiedenste ländliche wie städtische Volksszenen, Gebäudegruppen und Industrieanlagen übereinander, da gehen Arbeiter und Redner mit ihren Maschinen und Podien ineinander über, motivisch zusammengehalten durch Symbole wie den Roten Stern, den Hammer oder die Sichel.

Das Merkwürdige bei all diesen Häutungen vom reichen Bonvivant der Jahrhundertwende über den Schöpfer eines irdenen Paradiesgartens in Worpswede und Agitator der „Roten Hilfe Deutschland“ bis hin zum ausgebeuteten Erdarbeiter irgendwo in der kasachischen Steppe, wo er völlig verarmt und krank in einem Lazarett umkam: Heinrich Vogeler blieb stets ein kritischer Bewunderer der Gotik!

In seinen autobiographischen Blättern, die man später gesammelt als Buch unter dem von ihm selbst angeregten Titel „Werden“ herausbrachte, notiert Vogeler seine Erinnerung an eine Reise von Bremen nach München, die ihn als Mittzwanziger gemeinsam mit dem angehenden Dichter Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) über Köln und Straßburg führte: „Der Kölner Dom machte in seiner geordneten Massigkeit wohl einen starken Eindruck auf mich, aber doch hatte ich mir die Gotik anders, lebendiger vorgestellt, vielleicht volkstümlicher, nicht so kalt, so formal. Jedenfalls wurde der Eindruck ganz verdrängt durch das, was ich in Straßburg sah.“ Denn: „Ich fand viel mehr bestätigt von der Gotik, als ich mir bisher durch mein Studium vorgestellt hatte. Ich war tief erregt, vor allem auch von den Skulpturen am Münster.“

Gut vier Jahrzehnte nach dieser so überaus prägenden spätadoleszenten Erfahrung schreibt der nunmehr 64jährige Künstler für die unter anderem in deutscher Sprache erscheinende Moskauer Zeitschrift „Internationale Literatur“ in seinem Aufsatz „Die Gotik“ folgendes: „Das Klassenbewußtsein der bürgerlichen Handwerker gegenüber dem Rittertum und der hohen Geistlichkeit erwacht. Die Einheit der wirtschaftlichen Verhältnisse, die befestigte Form der Staatsgewalt durch die Zünfte im Rat der Stadt gebar ein Selbstbewußtsein, ruhend auf der kollektiven Verantwortung. Dies neue Verhältnis der Menschen zum Staat, zur Kirche und zur Natur trieb zu einem eigenen künstlerischen Ausdruck, der seine vollendete Form in der Gotik fand.“

Dieser Baustil verkörpert somit ein neues Menschenbild, eine Idealgesellschaft aus urchristlichen Wurzeln und kommunistischer Sehnsucht. Vogeler bleibt sich bis zu seinem Lebensende darin eigenartig und verstörend treu, dass er von ganzem Herzen überzeugt ist, im sowjetischen Marxismus gelange die christliche Botschaft der Nächstenliebe unmittelbar zur wirklichen geschichtlichen Kraft und Macht. Schon dem jugendstilisierenden Herrn vom Barkenhoff hatte Thomas Mann sinngemäß attestiert, er, Vogeler, verfolge seine romantischen Gedanken mit einer nachgerade religiösen Intensität, so dass man ihm die persönliche Ehrlichkeit abnehmen müsse, auch wenn man selber anderen Glaubens sei. – Dieser einerseits durchgebildete milde, andererseits erschreckend naive Eifer setzt sich nach 1918 in anderen Formen bei ihm fort.

Über den gotischen Dom schreibt nun Vogeler 1936 in Moskau: „Vom Boden aus hatte jeder Stein seine tragende Bedingtheit zum Ganzen, seine Massengebundenheit. Vom Erdboden drängen sich die Steinmassen heran, ordnen und spannen ihre Kräfte, von allen Seiten aufsteigend, der eigenen Bedachung zu, dem Bodengewölbe, wo sie der Schlußstein in der Scheitelhöhe auffängt und einheitlich faßt.“ – Alle bauen am großen Ganzen mit, nichts ist nebensächlich oder gar unbedeutend: Der Dom der Vergangenheit als Anknüpfung zum Menschheitsdom, dessen Kristallisationspunkt das Dritte Rom wird?

Ja und nein. Vogeler, der deutsche Exulant zur Zeit der Stalinschen „Säuberungen“, muss vorsichtig sein. Zumindest doppeldeutig schreibt er weiter: „Auch die Innenarchitektur der Kirche änderte sich; der gehobene Chor mit der unterbauten Krypta verschwand, diese Bauart aus romanischer Zeit. Sie war charakteristisch für die Zeit der Priesterherrschaft, war Ausdruck der autoritären Isolierung der Herrschenden, deren Gebeine in der Krypta ein besonderer Platz der Verehrung eingeräumt war. Die Gotik änderte das. Jetzt sollte der Priester in gleicher Ebene mit der Bevölkerung der Städte stehen.“

Außerdem wurden „die mächtigen Mauern“ „aufgelöst durch die hohe Spitzbogenkonstruktion: farbiges Licht gemalter Glasfenster flutete in den Raum und verdrängte das mystische Dämmerlicht romanischer Weltabgeschiedenheit.“ – Gesteigerte Aktivität zugunsten einer hellen humanistisch gedachten Neuen Welt entgrenzt und verwindet den weltfremden Ästhetizismus der Sommerabende im individualistischen Barkenhoff? Hier arbeitet sich einer, der sich vielfach gescheitert sah, an der eigenen Lebensgeschichte produktiv ab – zumindest im Sinne der neuen Ideologie, die ihn so überströmend und begierig-treuherzig erfüllt.

Ein weiterer Gedanke Vogelers aus seinem Gotikaufsatz von 1936: „Die schweren Pfeiler und Säulen verwandelten sich als Säulenbündel in garbenförmige Kraftleiter. Jede Formgestaltung war der gemeinsam aufsteigenden, tragenden Idee unterstellt, gleichem Sinn dienstbar gemacht, ob es nun Werke der Steinhauerei, der Holzschnitzkunst, der Glasmalerei, der Goldschmiedekunst oder der Teppichwirkerei waren. Figürliche Bildnisse entstanden lediglich im zwingenden Rahmen der Architektur. In der gotischen Stadt war kein Raum für eine sich von gesellschaftlichen Leben und von Arbeitsdienst isolierende Person. Es war auch kein Platz für Personenkult, und deshalb gab es in der gotischen Stadt keine freistehende individuelle Denkmalkunst.“

Gemeinsam nach oben und vorwärts! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber es möge sich auch niemand steinern (stählern) hervortun wollen und besondere Verdienste für sich beanspruchen! Es fällt genau jenes Wort vom „Personenkult“, das später zum Leitbegriff für die Beschreibung der Stalinschen Untaten wurde und bei Vogeler bereits 1936 als gewissermaßen „ungotisch“ benannt und beurteilt wird. Dass auch die reine Gotik gefährdet war, zeigt der Autor dann unter anderem am Beispiel jener Kathedrale, die ja schon den jungen Bremer Kaufmannssohn eingeschüchtert hatte: „Der Kölner Dom, dieser Bauriese, ist Ausdruck des intellektuellen Erfassens, ist die Dogmatisierung des gotischen Bauprinzips. Die Papstkirche verstand es auch hier, den Geist der Zeit auszunützen und die schöpferischen Kräfte für ihre Zwecke umzubiegen. Man baute den Dom als ein Monument der Macht der Papstkirche. Von der phantastischen Kraft der sich vom feudalen und kirchlichen Druck befreienden Volkselemente[n] ist hier keine Spur.“

Für unlautere Zwecke umgebogene Spitzbogigkeit – da hat der neue Mensch sich der Gefahr eigener Biegsamkeit intellektuell-spitz und notfalls revolutionär-bockig zu erwehren. Vogelers idealistisches Menschenbild von der in klassenloser Gesellschaft möglichen „gegenseitigen Hilfe“, kristallisch-drusenhaft und christlich-nächstenliebend seit der Barkenhoff-Kommune 1918ff erdacht, gibt sich sogar im Angesicht einer Diktatur genau in solch hehrem Namen nicht geschlagen. Im mitgeführten Koffer fand man nach seinem bitteren Tod etliche Zeichnungen und Schriftstücke, die bezeugen, dass Vogeler von den ererbten und angeeigneten Formen mittelalterlich-frühneuzeitlicher Porträtmalerei und eben den großen Gedanken der europäischen Gotik noch in kasachischer Verlorenheit gezehrt hat.

Heinrich Vogeler lässt an Heinrich den Vogler denken

Den Bogen wollen wir nicht überspannen. Aber die Wiederbelebung des gotischen Mittelalters durch Formen sozialistisch-sowjetrussischen Furors ausgerechnet in Verbindung mit einem Namen, der so sehr an den ersten deutschen König erinnert, gibt doch zu denken. Wenn etwas zu Ende geht, werden die Alten bemüht: Die Männer aus oldenburgischem Fürstengeschlecht heißen heutzutage so wie ihre gräflichen Vorfahren, deren Linie bereits im Jahre 1667 ausstarb: Anton Günther, Christian oder Huno. Der letzte, im Jahre 476 abgesetzte und in Pension geschickte weströmische Kaiser wurde Romulus Augustulus genannt, den mythischen Gründer der Stadt Rom und den Begründer des Imperiums gleichermaßen aufrufend. Und so gemahnt vielleicht der in der Gründerzeit geborene Heinrich Vogeler an jenen ersten Heinrich, der in entschieden vorgotischer Zeit „am Vogelherd“ von einer Delegation wackerer Edelmänner zum Regenten ausersehen wurde. Die bekannte Ballade von Johann Nepomuk Vogl (!!!), durch Carl Loewe vertont, weiß davon ein Lied zu singen.

Mit dem Urenkel des ersten Heinrich beginnt die Glanzzeit der Kaiserpfalz zu Goslar. Heinrich der Zweite, der Dritte und der Vierte haben die „Schatzkammer des Reiches“ oft besucht und durch die Anwesenheit ihres jeweiligen Hofstaates nicht nur die Bergbauindustrie befördert, sondern auch der Stadt und ihren Einwohnern zu starkem Selbstbewusstsein verholfen. Mit dem Kaiserhaus entstand dort der seinerzeit größte Profanbau nördlich der Alpen, und seine romanische Architektur nahm man in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zum Anlass, wenigstens diesen Palast, die Ulrichskapelle und die den Kaiserstuhl beherbergende Vorhalle der vierzig Jahre zuvor wegen hoffnungsloser Baufälligkeit abgerissenen Stiftskirche mehr oder weniger mustergültig zu rekonstruieren und im Inneren zeitgenössisch auszugestalten. Der preußische Staat als Nachfolger des Königreichs Hannover hat hier damals Maßstäbe für die Zukunft gesetzt.

13259462_1059824494091936_1436429324_n

Es gibt also keinen Grund zum Benörgeln deutscher Tradition. Solange wir romanische Bauten stolz den Touristen herzeigen und die nachfolgenden gotischen Bauwerke ideell verinnerlicht haben; solange wir die Hochsprache der Lutherbibel sprechen und doch noch irgendeinen Schimmer von Weimarer Klassik und phantastischer Romantik uns bewahren; und solange wir uns im klaren darüber sind, dass unsere moderne industrialisierte arbeitsteilige Gesellschaft nur so sich gut weiterentwickeln kann, wenn wir uns von den Kräften der Geschichte leiten lassen – dann müssen wir nicht in Furcht erstarren vor den Abirrungen gestern und heute, sondern können ganz getrost unsere alten Tagebücher und Bilder hervorholen: nicht, um an ihnen herumzukritteln, erst recht nicht, um sie zu verdammen; – sondern: um in ihnen die Grundlage unserer gewiesenen Wege zu erkennen. Dann sind wir im Leben stark. Und nicht nur manchmal.

Fotos: Gewölbe der frühgotischen Annenkapelle im Kreuzgang des Hildesheimer Domes; Seiteneingang der neugotischen Außenhülle von St. Lamberti Oldenburg; Blick in den Garten des Barkenhoffs in Worpswede; Kaiserstuhl in Goslar im Spiegel des Alltags.

Köthen, Chemnitz &cetera

„Köthen, Chemnitz: deren Sorgen

gehen uns ja gar nichts an;

hach, wir fühlen uns geborgen

in dem kuscheligen Wahn,

 

dass weit hinten, da im Osten,

mördrisch-brauner Mob regiert.

Nicht bei uns – doch wir ham Kosten

… und das Land dort hübsch saniert.

 

Was die bloß zu nörgeln haben!

Dankbarkeit geht ihnen ab.

Alles Nazis, Asseln, Schaben“ –

so hält man den Hass auf Trab.

 

Dass jedoch das Schloss zu Köthen

einstmals Weltgeschichte schrieb,

jede Missstimmung zu töten

einen Bach zu Höchstform trieb:

 

fein wohltemperiert die Töne

für Klavier entstehen ließ,

dass insofern alles Schöne

in Musices überfließ‘ —

 

dies und vieles weiter Großes

wird ganz heftig ignoriert.

Auch den Sohn des Künstlerloses,

so in Chemnitz schön floriert‘:

 

Christian Gottlob Neefe hieß er,

wirkte dann in Bonn am Rhein.

Schlug dort als berühmter Lehrer

eines jungen Ludwig ein.

 

Derart  van Beat hoffentlicher,

als man es wohl glauben mag,

ging Beethoven, seiner sicher,

brav nach Wien (und nicht nach Prag).

 

Nur durch Neefe lernte Hoven

Bachs Klavier, wohltemperiert,

kennen, lieben, auszubouwen –

wunderbar elaboriert.

 

IMG_20180917_002128

 

Sollten Antifantenwessies

jetzt nicht straff einsichtig sein,

lass ich nie Kulturwestmessies

mehr in meine Fühlwelt ein.

 

Leute, wer mir noch von Köthen

oder Chemnitz Böses sagt:

dem will ich wohl eine flöten,

bis er reuevoll verzagt!

 

Johann Sebastian Bach (1685-1750) war von 1717 bis 1723 Kapellmeister am Hof zu Anhalt-Köthen. Dort entstand der erste Teil seines Wohltemperierten Klaviers (1722). Christian Gottlob Neefe (1748-1798) stammte aus Chemnitz, war seit seiner Zeit als Thomaner in Leipzig mit Bachs Werk wohlvertraut, wurde später Hoforganist in Bonn und als solcher in den 1780er Jahren Orgel- und Klavierlehrer des jungen Ludwig van Beethoven (1770-1827).
Abbildung: Nein, es ist kein Bachsches Klavierstück. Hier täuscht das Notenbild. Wir sehen Takte aus Beethovens Präludium f-moll WoO 55, veröffentlicht in Wien 1803, vermutlich unter Verwendung von Entwürfen aus der Zeit des Unterrichts bei Neefe in Bonn (um 1786/87).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ungesungene Hymnen

Noch über das sehr vorzeitige Aus für „Die Mannschaft“ hinweg sehen wir, die Deutschen, uns in einen angeblich veritablen Sängerkrieg verwickelt, der den schnöden und enttäuschenden Ergebnissen bei der trotzdem ja – nur eben ohne „uns“ – weiterlaufenden Fußballweltmeisterschaft in Russland doch noch einen letzten Sinn abzugewinnen vorgibt.

Gegen die Özil-Feinde brachte man zuletzt das Argument in Stellung, von den deutschen Spielern der WM ’74 habe seinerzeit so gut wie niemand die Nationalhymne mitgesungen – dennoch sei das Team um Bundestrainer Helmut Schön damals Pokalgewinner geworden. Es könne also keinerlei ursächlicher Zusammenhang zwischen vaterländisch motivierter Sangeslust und patriotisch befeuertem Siegeswillen mit entsprechend stolzem Endergebnis bestehen.

Das mag stimmen oder auch nicht. Ich sage hier und heute, vierundvierzig Jahre nach dem großen Finale, das uns an der deutsch-niederländischen Grenze tumultuarische Zustände bescherte, nur dieses: Die beiden unzertrennlichen Maskottchen der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land anno MCMLXXIV hießen Tip und Tap und waren erkennbar den damals gerade aufsteigenden Stars am Himmel des aus Amerika importierten und genial synchronisierten Kinderfernsehens nachempfunden, nämlich Ernie und Bert aus der Sesamstraße.

Ungesungene Hymnen

Neben dem Kichern des breitschädeligen Ernie und dem Brummen des eierköpfigen Bert sind uns aus dieser bewegten Zeit der Nach-68er-Jahre die besten Songs aus der Welt Jim Hensons und seiner Muppets, auch und gerade in der Sesame Street, bis zum heutigen Tag in bester musikalischer Erinnerung: „Quietscheentchen, du bist mein“, „Hätt‘ ich dich heut‘ erwartet, hätt‘ ich Kuchen da“ oder das unverwüstliche „Manamana – didibidibi“ … Da verzichtete man gern und gnädig auf die Sangeskünste von Paul Breitner, Sepp Maier & Co.

Seitdem haben sich die Zeiten mental sehr verändert. Einer wie Mesut Özil gilt nunmehr als bockig, wenn er seinen Mund nicht öffnet. Und niemand ist zur Stelle, der ihm mal so richtig mit Mozart oder Beethoven den türkischen Marsch bläst. Sei’s drum. Die Mitglieder der spanischen Nationalmannschaft wurden gar in toto von uns biodeutschen Fernsehzuschauern beargwöhnt, weil von denen wirklich niemand sang: Dass deren Hymne – bereits seit über 260 Jahren erklingend, also eine der ältesten ihrer Art überhaupt – bis heute keinen allgemein anerkannten Text hat, wäre da, bevor man sich ereifert, vielleicht wissenswert gewesen.

Was uns heutzutage fehlt, ist die Selbstverständlichkeit eigener musikalischer Aktivität. Auch in den Siebzigern sang nicht jeder in einem Chor oder spielte ein Instrument – aber man ging durchaus in oder auf Konzerte, man hörte im Radio die entsprechenden sonntäglichen Sendungen, man kannte und sang und pfiff die gerade beliebten Melodien aus Fernsehserien, Schlagern, Operetten oder gar Opern. Wer dann so ein paar prominente junge Fußballer vor einem Länderspiel während der Hymne stumm sah, konnte als liberal erzogener Bildungsbürger das irgendwie letztlich augenzwinkernd einordnen: Die können oder wollen eben nicht singen. Ach, das sind so Revoluzzer – lass sie zehn Jahre älter werden, dann hat sich das gegeben …

Heutzutage sind wir verunsichert, weil unsere eigene Kultur – und sei es die der seichten Wunschkonzerte – im Abklingen ist. Hier aufgewachsene Muslime, selbst solche türkischer Abstammung, sind keinesfalls mehr automatisch dem „westlichen“ Lebensstil zuzuordnen. Das, was wir über ein halbes Jahrhundert hinweg uns als kemalistisch garantiert einredeten, traf damals und trifft auch heute einfach nicht zu. Da können wir indes itzo auf die Schnelle nichts ausrichten. Besinnen wir uns also notgedrungen erst einmal auf eine längere Zeit eigener kultureller Bestandsaufnahme.

Und: Nehmen wir die aktuell fehlende Gesangskultur bei der seit dem Jahr 2015 nicht mehr deutsch sich nennen dürfenden „Mannschaft“ am besten: sportlich. Auch sie hat ja ihre Tradition, nur eben mit dem kleinen Unterschied, dass sie damals zur Weltmeisterschaft führte – und diesmal zum Versagen. Womöglich liegt die Differenz, wie meistens ja, im Charakter der handelnden Personen: Die 74er haben sich durch nichts und niemanden in ihren jeweiligen Einzelpersönlichkeiten übertreffen lassen. Da waren elf Individualisten auf dem Spielfeld. Das war auch nicht immer nur unproblematisch.

Und die 18er? Wo waren da die eckigen kantigen echten Typen? Die durften erst gar nicht mit nach Russland fahren und waren schon vorher aussortiert. Fazit: Außer medial gehyptem Sängerkrieg fußballdeutsch nichts gewesen. Schade.

Ergänzung [22. Dezember 2018]: Im Jahre 2016 brachte der Westdeutsche Rundfunk einen Beitrag, dessen Link unten mitgeteilt ist. Demnach hatte Özil nie einen Grund, die Hymne nicht mitzusingen. Datum der Rundfunkausstrahlung: 1. April …
 https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-ismet-mustafa-uezguerlue-komponiert-das-deutschlandlied-am–100.html

 

 

Betroffene Flaschen

Würden alle momentan als „zeitgemäß“ eingeforderten Normen befolgt, müssten etliche schöne Baudenkmäler gnadenlos verschwinden. Denn die meisten Kirchen, Burgen, Schlösser oder Rathäuser aus antiken, mittelalterlichen oder neuzeitlichen Epochen erfüllen nie und nimmer auch nur von ferne heutige Regelungen in bezug auf Frauen- , Behinderten- oder Meinungsfreiheitsrechte. Allenfalls die Aufgänge zu den Emporen der Hagia Sophia in Konstantinopel (erbaut im 6. Jahrhundert) bilden eine politischkorrekte, weil rollatorkompatible rühmliche Ausnahme, hat man doch dort in steingewordener heiligweiser Voraussicht auf Treppenstufen zugunsten von sanft ansteigenden schwellenlosen Rampen verzichtet.

Dieser Tage nun werden wir heimgesucht von Skandalen völlig anderer Art. Sie stehen aber insofern mit architektonischer Hochkultur auf dem Boden der heutigen Türkei sowie mit einer leider daraus abzuleitenden islamistischen Verirrung in Verbindung, als der Autor dieses Weblogs bereits vor längerer Zeit in einem Text mit dem Titel Suite gothique einleitend unter anderem – weil ja (es war im Reger-Gedenkjahr) alles mit allem immer irgendwie zusammenhängt – auch über grüne Flaggen meinte sinnieren zu müssen. Allerdings vergaß ich damals (1. Juli 2016) zu erwähnen, dass sich zu spitzbögigen Baumeisterplänen gern auch spitzbübische Bierbrauerkünste gesellten. Gotischer Gerstensaft passt nun allerdings so ganz und gar nicht zu glaubensstarkem Grün, sofern öffentlichkeitsheischende Ökoparteipolitik sich dann doch zuletzt von ölscheichgesteuerter Ökonomie unterscheidet.

Jedenfalls war wohl niemandem bisher klar, was Kronkorken so alles anrichten können. Erst jetzt erfahren wir, dass sie weniger knorke denn krawallig wirken: König Fußball macht’s möglich, wenngleich wider Willen. Eine Bierbrauerei aus Mannheim beabsichtigte, auch in diesem Weltmeisterschaftsjahr allen Sammlern und Tauschlustigen eine Freude zu machen, und bedruckte fröhlich ihre Flaschenverschlüsse mit den Abbildungen von Flaggen der bald in Russland antretenden Nationen. Weil diesmal Saudiarabien mit von der Partie ist, prangte folglich auch dessen Hoheitszeichen als alkoholabdichtendes Objekt in regelmäßigen Abständen und völlig gleichberechtigt mit den Symbolen der übrigen einunddreißig Staaten auf diesem oder jenem gläsernen Behältnis.

Der Sturm im Bierglas ließ nicht lange auf sich warten. Nichts blieb im grünen Bereich; denn bekanntlich ziert das Tuch auf der Grundfarbe des Islam in Gestalt eines weißen arabischkalligraphischen Schriftzugs über schlankem Schwert das fundamentale Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter.“ Deshalb beschwerten sich wohl derartig viele Wahhabitismusversteher, dass dagegen auch nicht eine einzige Mannheimer Rakete geholfen hätte. Ein Königreich für eine Alkoholfahne! – diese Kombination rief immense Wut unter „Betroffenen“ hervor, so dass die Brauerei nach Konsultationen mit der Polizei (!) und gar dem Staatsschutz (!) den Rückzug antrat, das Weite suchte … oder wie immer man das ausdrücken soll. Jedenfalls blies sie schließlich aus Sicherheitsgründen die gesamte Aktion ab. Kleine und große Fußballfans haben seither das Nachsehen.

Irritierend wirkt, dass die Zornigen und Eifrigen einen Sieg davontragen, indem sie Form und Inhalt dreist miteinander vermengen und dafür punktgenau jenes Verständnis bekommen, das sie drohend eingefordert haben. Als ob es tatsächlich um Verletzung religiöser Gefühle ginge. Wäre es den Aufgeregten wirklich darum zu tun, könnten sie sich doch juristisch zur Wehr setzen, schön innerhalb unserer bundesdeutschen rechtsstaatlichen Ordnung. Vielleicht bekäme man dann Klarheit darüber, ob die bloße Abbildung eines staatlichen Symbols im Kontext von mehr als zweieinhalb Dutzend weiterer Flaggen eine gedankliche Auseinandersetzung mit den jeweils auf ihnen abgebildeten Realien implizieren muss. Sind denn – anderes Beispiel – die auf den Dannebrog zurückgehenden Kreuzdarstellungen sämtlicher oldenburgisch-skandinavischen Länderfahnen noch heutzutage primär und zwingend als Zeichen einer (hier: christlichen) Gottergebenheit zu deuten?

Im normalen, faktisch multikulturell geprägten Alltag dient das alles doch dem spielerischen und sportlichen Wettbewerb. In dessen Vollzug kann man sich Weltläufigkeit durchaus im Sammeln und Tauschen auch von Kronkorken aneignen. So wird die gute alte Übung modifiziert, sich gegenseitig freundschaftlich bei der Füllung von Panini-Alben zu unterstützen. Nicht mehr, nicht weniger. Statt nun aber in diesem Sinne den Kritikern zu antworten, schrieb die Brauerei an nicht näher spezifizierte „Liebe Muslime“ unter anderem folgendes: „Wir haben kein Interesse an religiösen und politischen Äusserungen – schon gar nicht über unsere Produkte. Sollten wir Sie unabsichtlich beleidigt haben, bitten wir förmlichst um Entschuldigung. Wir wussten tatsächlich nicht, dass die Schriftzeichen ein Glaubensbekenntnis darstellen. Wir haben lediglich überprüft, ob Flaggen und Teilnehmer korrekt sind.“

In einem begleitenden posting der Brauerei an die Kundschaft finden sich überdies die hübschen Sätze über die gesamte Aktion: „Nur jede 171ste Flasche davon trägt den Kronkorken von Saudi-Arabien. Wir sind aktuell dabei, die Paletten im Handel zu sichten und die betroffenen Flaschen auszusortieren.“ Gleichzeitig aber wird eben damit die ganze heitere Angelegenheit beendet. Kein Biertrinken mehr aus den armen bemitleidenswerten gläsernen Behältnissen, weil Sympathisanten einer der schlimmsten Diktaturen der Welt sich aufregen. Was hat die Brauerei eigentlich befürchtet? Dazu Schweigen im deutschen Walde. Wurde die Firma bedroht? Ist die Saudilobby hierzulande bereits genauso stark wie im schon unterworfenen Houellebecqfrankreich?

In unserem Fußballdeutschland nerven ja derzeit eher zwei türkischstämmige Spieler: Die posieren stolz auf einem Foto mit dem Neosultan aus Osmanien, welcher gerade in seinem Staat erst die Gewaltenteilung, dann die Demokratie insgesamt abschafft und, um von selbstgemachten finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten abzulenken, Kriege anzettelt. Alles unter den geneigten Augen eines paneuropäischen appeasement. Als nun die beiden erwachsenen Männer, die sich einst bewusst für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, erwischt werden, erhebt sich ein allgemein bundesdeutsches pädagogisches „Du, du, du“ – für die ach so naiven Jungs wird eigens ein Termin beim Bundespräsidenten arrangiert, bei dem die beiden in Turnschuhen und Hochwasserhosen auflaufen. Danach soll, trotz dieser neuerlichen Respektlosigkeit, alles vergessen sein, man belässt sie im Kader für die Weltmeisterschaft, und nur wenige protestieren udojürgensmitfühlend, jedoch erfolglos: Aber bitte mit Sané …

Özil beleidigt rund um sich herum – einmal unser Staatsoberhaupt, mehrfach zudem die Nationalhymne, die er nicht nur bisher nie mitsang, sondern auch nach dem Besuch auf Schloss Bellevue weiterhin ganz absichtlich meidet: Dieser nach wie vor und völlig unverändert seit eh und je extra zugekniffene Mund hätte doch eigentlich für den Bundesjogi Grund genug gewesen sein müssen, auf solch einen hartleibigen störrischen Mesut endgültig zu verzichten. Die Pfiffe aus deutschen Fankurven im Stadion zu Klagenfurt waren aber wohl noch nicht gellend genug. Und das Endergebnis, die Translation von Córdoba (nein, eben nicht von anno 711, sondern 1978), hat mitnichten Alarmglocken läuten lassen. Wie auch, er schoss ja das eine Tor für „die Mannschaft“ und war sozusagen der Sieger trotz schlussendlicher Niederlage; denn die Ösis gewannen ja mit zwei Treffern gegen Özil … Aber wiederum tönt es: Schwamm drüber. Freundschaft!

Fassen wir zusammen: Russland ist ein großes Land. Zwar wirkt deutsches Bier völkerverständigend, kann jedoch die Sicherheit vor Wahhabiten und solchen, die es unbedingt werden wollen, dadurch nicht unbedingt garantieren. Deutscheingebürgerte Erdoganversteher dürfen sich alles erlauben, auch wenn sie unser Grundgesetz, dazu Haydn und Hoffmann von Fallersleben buchstäblich mit Füßen treten. So bleibt nur ein Blick auf den Beginn dieses Textes: Lest mal meine Suite gothique, freut euch an der abendländischen Kultur welcher Spielart auch immer, trinkt zur Not Gerstensaft nach Rezepten völlig vergessener Weltgegenden, aber doch nach dem deutschen Reinheitsgebot:

betroffene flasche

… und haltet es ansonsten mit den betroffenen Flaschen so, wie einst Bayern-München-Trainer Giovanni Trapattoni in seiner syntaktisch-semantisch wunderbaren Wutrede von vor gut zwanzig Jahren: „Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer.“ Wer sich übrigens ganz besonders flaschig anstellt, hat in der christlich-muslimisch-musealen Hagia Sophia keine Chance: Man kann dort beim Abgang von den Emporen in Tat und Wahrheit sehr ins Rutschen, Rollen oder auch Runterkullern kommen … – Treppen haben eben auch ihr Gutes. Ich habe fertig.

https://ausdrucksiteblog.wordpress.com/2016/07/01/suite-gothique/

Foto: Zu Kronkorken mögen Majestäten gehören, wie es „König Silberzunge“ war: Schon anno 1969 mahnte Kanzler Kiesinger: „Ich sage nur: China, China, China.“ – Da war die deutsche Kolonie Tsingtao im Reich der Mitte zwar bereits fünfzig Jahre verflossen, nicht aber deren Exportschlager, den man bis heute in Chinarestaurants im deutschen Tor zur Welt genießen kann. Wer dort aus irgendwelchen politischreligiöskorrekten Gründen solches verschmäht, muss nicht gleich beleidigt sein. Man reicht dort in ausgesuchter Höflichkeit auch anderes Erfreuliche: unter Umständen sogar in Kännchen, nicht ausschließlich in Flaschen. Nach Sammelbildchen habe ich bisher übrigens noch nicht gefragt. Dass das zuständige Politbüro Proteste gegen Bierbouteillen wegen missliebiger Panini organisieren würde, ist allerdings eine echte Pekingente.

Tafeln wie bei den Essenern

Der Kalauer „Kein Essen in Essen“ war bald gegessen. Und dass die Essener an der Ruhr nicht leiden mögen, ist sicherlich ein ehrlicher frommer Wunsch. Im Bad Essen zu fassen sollte ebensowenig verhindert werden wie das römisch-katholisch geprägte oldenburgische Essen am Fasten. Essener verteilen sich auf mehrere Orte gleichen Namens sowie ganz verschiedene Zeiten der bekannten Menschheitsgeschichte. Seit der homo sapiens sein Wesen treibt, also im ureigenen Inter-Esse west, gibt es kollateral immer auch Tafelbesatz sowie Mitesser. Nichts hebt oder senkt die Stimmung mehr als ein gutes oder schlechtes, ein reichliches oder mageres, ein vorhandenes oder kein Essen.

Krankenflussheilkunde (Essen/Ruhr), Bäderkultur (Bad Essen) und Fastentradition (Essen/Oldb) verweisen dabei wie im Vorübergehen auf unsere historischen Wurzeln in Hellas, Rom und Israel. Und sollte dieses essenisch außergewöhnliche Zungenragout vokabelgelehrt mit dem Eschenbaum zu tun haben, dann winken mithin Zweiglein auch aus germanischer Urzeit den Kollegen im – gemäß der anderen etymologischen Möglichkeit: – Essen = Osten freundlich zu. Da kommen klar orientierte Tafelfreuden auf, viel völkerverbindender, als man es okzidental je gedacht hätte. Das liegt in der von jeglichen vier Winden, also vor irgendwelchen individuellen vier Wänden unabhängigen Natur der Sache; denn als erstes der allen Menschen unterschiedslos gemeinsamen Trias, vor dem Trinken und dem Dach überm Kopf, rangiert eben bekanntlich (ich neige hier auffällig zu Wiederholungen) das – ja genau: das Essen.

Lautstark getönte Rempeleien durch selbstbewusst fremdgesteuert sich permanent penetrant im Überlebenskampf vermeinende Jungmännertrupps an den Tafeln der Essener zulasten von armen Witwen und Waisen sind hingegen eher unmenschlich und folglich in unserem Zusammenhang nicht überliefert … – obwohl es in anderer Hinsicht gewiss auch dort an der Kenntnis von bei uns bis etwa in die Mitte der achtziger Jahre allgemein gültigen Benimmregeln mangelte: Die Tischsitten dürften sehr anders als im nunmehr bald vollends dahingerafften bürgerlichen Zeitalter ausgesehen haben. Es muss damals beim Essen einigermaßen grob zugegangen sein. Hier gibt die jüngere Texttradition eine deutliche unmissverständliche Auskunft: „Jesus sprach to siene Jüngers: / Lasst de Gabels, nehmt de Fingers.“

Wir können noch weiter zurückgehen: Der wahre Tafelberg liegt womöglich nicht am Kap der Guten Hoffnung, sondern in biblischer Steinwüste, dort, wo Mose vom Berg Horeb / Sinai die zwei Tafeln des Gesetzes den Adressaten brachte und angesichts der Ausschweifungen seiner Lieben strukturell ebenso wüst wütend wie diese feiernden – fast hätte ich gesagt: fressendfi**enden – Männlein und Weiblein seine steinernen Mitbringsel am Felsen zerschmetterte. Ersatz musste also her, zwar in Stein gemeißelt wie beim ersten Mal, aber eben nicht mehr mit der ursprünglichen essenziellen Autorität behaftet. Jedenfalls gibt es seither niemanden auf der Welt, der die Zehn Gebote unverbrüchlich eingehalten hätte. Und wäre das sprichwörtlich gewordene Goldene Kalb aus essbarer Substanz gewesen, würde man noch heute entweder von der psychologisch freudvollsten Totemmahlzeit oder aber von der gottlosesten jemals stattgehabten Grillparty reden – Motto: „Essen und Schlafen“ …

Selbsternannte Ausnahmen von der orgiastischen massa perditionis hat es freilich immer mal wieder geben wollen, erpicht darauf, dass tout le monde über ihr essenzgebendes Betragen in die Geschichtsbücher hineinschreiben möge: „Das war spitze“ – in schroffer Abgrenzung zum plebs, zur vulgären Meute, zum Brechtschen malmot „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“: tafelspitz sozusagen. Völlig regelfixiert, aber eigentlich verrannt im Wahn, vollkommen zu leben, wandelten solche Sekten komplett unlustig, ironiefrei und humorlos vo/ergeblich als ein Herz und eine Seele – was, wenn es denn nicht im Massenselbstmord endete, stets kulminieren sollte in gemeinsamen Mahlzeiten. Man gut, dass irgendwann die Christen kamen: Mit ihren rein karitativ verstandenen Sättigungsmählern befestigten und bestätigten sie den antiken Grundstein für eine weltliche Liturgie, die im sozialen Gedanken bis heute hin wirksam ist. Das Abendmahl hingegen war früh davon getrennt; hierher gehört das fromme Bewusstsein, eben nicht perfekt zu sein und daher auf göttliche Gnade zeitlebens angewiesen zu bleiben: Nur deshalb konnte / kann es als Sakrament gelten und somit heilsame eucharistische Kraft behalten.

Ein recht überhebliches Beispiel von nicht vollzogener Unterscheidung zwischen profan und sakral sind hingegen die Essener. Hier sehen wir ihre Tafel:

img_20180317_130601159326133.jpg

… – besser gesagt das, was von ihr nach über anderthalb Jahrtausenden noch übrigblieb. Ist es nicht bemerkenswert, dass auch die asketischste, keuscheste, weltentsagendste Gruppierung, die sich denken lässt, einen Speisesaal benötigt? So, wie es in jedem Kloster ein Refektorium und an jeder Universität eine Mensa gibt, versammeln sich auch die echten Essener zu bedürfnisstillender Runde und machen ihre Phagsen. Ob sie sich dabei auch sarkophag, also fleischverzehrend betätigt haben, wissen wir nicht so genau. Immerhin kann ihnen ein gewisses todesmutiges Verhalten attestiert werden, sofern sie identisch sind mit einer jener endzeitlich ausgerichteten Gemeinschaften, wie sie in der Zeit um Christi Geburt in und um Israel existiert haben.

Vom Leder gezogen haben sie auf jeden Fall mit ihren Schriftrollen, die seit anno 1947 in Felshöhlen am Toten Meer gefunden worden sind. Die Forschungsergebnisse und noch vielmehr die Spekulationen, was für Leute es waren, denen wir diese Funde und Kunde verdanken, schießen seither ins Kraut, sind Legion geworden, gehen auf keine Kuhhaut = füllen unendlich viele Pergamentblätter = Schreibmaterial aus Tierhäuten. Auch Papyrnes entdeckte und entzifferte man dort in Qumran und Umgebung, seit ein paar Hirtenjungen zufällig darauf gestoßen waren und manches davon in der Folge zu richtig Barem machten. Zum Essen gehört ja auch Geld. Wer nicht selbst Grund und Boden besitzt, muss sich Phagäres mit Pekuniärem beschaffen. So erschreckend einfach leben heutzutage auch Millionen Abendlandbewohner dahin; manche nur graduell von den Jungs aus Nahost darin unterschieden, dass sie etwas mehr Annehmlichkeiten genießen dürfen: denn in der Tat, die Konsumkultur ist ein klein wenig ausladender. Aber im Prinzip gilt hier wie dort: Das Essbare ist gnadenlos gekoppelt ans Einkommen.

Die Essener, von denen unter anderem Philo von Alexandrien und Flavius Josephus berichten, müssen in zeitgenössischer Wahrnehmung schräge Vögel und komische Käuze gewesen sein. Aussteiger, religiöse Sonderlinge, Eigenbrötler. Ihnen lag an unbedingter Frömmigkeit, sie studierten, wenn sie ihr landwirtschaftliches Tagewerk vollbracht hatten, die heiligen Schriften, pflegten ihre Gebete mit den dazugehörigen rituellen Waschungen, hielten ihr Fasten peinlich genau ein und schufen so, im Vollzug asketischen Lebens, ihre eigenen Regeln in einer eigenen Welt fernab von Städten und Dörfern. Als echte Männer einer verschworenen Gemeinschaft lehnten sie die Ehe und sonstigen weltlichen Tand entschieden ab. Sie entwickelten in ihrem abgehoben-abgesonderten Denken die Erwartung eines Endkampfes der Mächte von Licht und Finsternis, wobei das Helle über die Hölle siegen würde. So verfassten sie, die eher unpolitisch und gewaltabstinent leben wollten, die „Kriegsrolle“, eines der charakteristischen lederbeschriebenen Stücke, mit denen sie den Forschern des zwanzigsten Jahrhunderts dann den Kopf verdrehen sollten.

Ob Johannes der Täufer oder gar Jesus von Nazareth diese Höhlenmenschen vom Ende der Welt kannten, vielleicht bei ihnen in eine religiös-spirituelle Lehre gegangen waren und/oder zumindest zeitweilig sich ihnen angeschlossen hatten, sind nichts als letztlich unbeweisbare Vermutungen – denn im gesamten biblischen Textkorpus werden an keiner einzigen Stelle die Leute von Qumran geschweige denn die Essener namentlich erwähnt. Umgekehrt sind die Schriftrollen vom Toten Meer gedanklich oft nahe am Alten und Neuen Testament, auch dort, wo sie über die Kommentierung von Propheten und Psalmen weit hinausgehen. Sie bezeugen die Erwartung nahen Weltendes – und weil ihre Verfasser und Leser sich auf der richtigen Seite wähnen, hoffen sie für sich selbst auf ein ewiges Leben im Himmel.

Mit Fried und Freud essen sie gemeinsam und lassen dabei Platz für den Messias, damit er bei ihnen zu Tisch sitzen / liegen mag, wenn er kommt. So gerät jede Mahlzeit zum Gottesdienst derer, die schon jetzt näher dran sind am Heil als die vielen anderen Unerleuchteten, die beim Hereinbrechen der Apokalypse Fürchterliches zu gewärtigen haben. In Abschottung und auch Verwerfung sehen die Essener letztlich vor allem auf ihre eigene Erlösung. Sie grämen sich mit Arbeit, Fasten und Enthaltsamkeit jeglicher Art, wollen immer nur „geistlich“ sein … Der kluge Philo ordnet sie treffend und durchaus bewundernd den Thaumaturgen zu = vulgo Traumtänzern.

Mit den Schrecken des Jüdischen Krieges (66 bis 135 nach Christi Geburt) verliert sich auch die Spur der Qumrangemeinde. Bis zur Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer wusste man von ihrer Existenz nur durch Darstellungen bei den genannten und noch einigen weiteren Autoren, die sie als „Essäer“ oder eben „Essener“ bezeichnen – mit Betonung auf der zweiten Silbe … Ob dieser Begriff eher „die Täter (der Thora)“ – also diejenigen, die wirklich die Weisungen des Mose voll und ganz praktizieren – , oder eher „die Frommen“ meint, ist in der diesbezüglichen Wissenschaft nicht eindeutig entschieden. Beidemal hören wir allerdings einen unbedingten Anspruch auf die eigene Exklusivität heraus. Mit der weltumspannenden Weitsicht des biblischen Geistes, so er denn irgendwo heutzutage wirklich weht, hat das wenig bis gar nichts zu tun. So mögen die Essener unter sich vielleicht sogar auch mal fröhlich gewesen sein, die Zeitgenossen außerhalb aber wurden an den höheren Höhlenhellen und schließlichen spirituell-schönen Sonnenstrahlen ausdrücklich nicht beteiligt.

Wer aus bloßer Ichsucht Platz sich verschafft an der Tafel der Essener, hat aber in jedem Fall sich auszurichten an den herrschenden unverrückbaren Regeln. Wenn das schon für die mit Betonung auf der zweiten Silbe gilt, um wieviel mehr bei denen, die zuerst betonen?! Und das ist es doch wohl, was die Ehrenamtlichen in Essen/Ruhr bewog, die Reißleine zu ziehen. So sehr christliches Engagement sich unterschiedslos an alle wendet, umso deutlicher muss die Ansage ausfallen, wenn diese tätige Nächstenliebe ausgenutzt wird und für die arme Oma nichts mehr übrigbleibt zum Essen. Krankheiten kurieren, Bäder betreiben, Fastenzeiten frommen – also für leibgeistseelisches Wohlergehen so sorgen, dass niemand bevormundet noch vernachlässigt wird: das war einmal der Anspruch, unter dem unsere Gesellschaft sich nach zwei schrecklichen Kriegen neu formierte. Dies tat man in dem hellwachen Bewusstsein, dass die jüdisch-christliche Tradition sowie das griechisch-römisch-humanistische Erbe die eigene Kultur in ihrer Essenz gut geprägt hatten, in weiser Unterscheidung von geistlich und weltlich Regiment. In jenem hat fader Traubensaft nichts verloren; und in diesem ist niemand genötigt, sich über Lebensmittel, die haram seien, zu beschweren. Und dass die wirklich Bedürftigen stets Vorrang haben (so es denn Tafeln dieser Art überhaupt geben muss in unserem reichen Land), dürfte sich eigentlich von selbst verstehen.

Wenn wir in unserem lieben Deutschland hier und jetzt auch den aus dem Orient und sonst aus aller Herren Länder Neuhinzugekommenen diese Botschaft vermittelt haben werden, in aller Strenge und Klarheit, dann dürfte demnächst auch an den Tafeln der Essener kein Streit mehr sein. Hoffen wir, wie immer einigermaßen historisch informiert, nur das Beste.

Abbildung: Speisesaal in Qumran. Unter Verwendung eines Fotos aus: Hans Bardtke, Die Handschriftenfunde am Toten Meer, Band 2: Die Sekte von Qumran. Berlin 1958.

Von Kugeln und Keksen

Es scheint angebracht, diesmal vorab und schön politisch korrekt einen „Warnhinweis auf mögliche Auslösereize“ (Wikipedia) zu geben, vulgo eine Triggerwarnung vorauszuschicken. Denn: Zwar sind, anders als die Überschrift vermuten lässt, nachfolgende Zeilen mitnichten der aufziehenden Vorweihnachtszeit geschuldet – jedoch lassen sich Anklänge an das bei manchen mentale Allergien hervorrufende Christfest nicht gänzlich vermeiden. Dieser Beitrag entspringt einerseits einem Erschrecken über die Banalisierung ererbter Bildungsgüter und andererseits einer Bejahung erbaulichen Umgangs mit jener – nicht mit jenen!!! – Alles klar? Gehen wir vielleicht doch gleich lieber in medias res!

Wer sich einmal durch das Gedränge in der Salzburger Getreidegasse gequält hat, rührt nie wieder freiwillig eine Mozartkugel an. Allzu offensichtlich ist angesichts des täglichen fremdenverkehrten Lindwurms die touristikunternehmerische Abzweckung: ohne jedweden geistigen Nähr- und Mehrwert geschweige denn irgendeine neue musikalische Erkenntnis. Schräg wird dortiges Treiben schon allein durch den historischen Umstand, dass sich das frühzeitig aus dieser Welt hinweggeraffte namengebende Genie nirgends unverstandener gefühlt hat als in dieser seiner Geburtsstadt, der Residenz seines Landesherrn. Immer verspätet und von oben herab (als seien es Leibeigene) behandelte der Hof die Anliegen der Musikerfamilie, bis es dem Fünfundzwanzigjährigen schließlich reichte.

Kostproben aus einem Brief an den Vater, Vienne ce 9 de maj 1781, O-Ton W.A. Mozart: „Ich bin noch ganz voll der galle! – und sie, als mein bester, liebster vatter, sind es gewis mit mir. – man hat so lange meine gedult geprüft – endlich sie aber doch gescheitert.“ – „sollte ihnen aber der erzbischof ungeacht dessen die mindeste impertinenz thun, so kommen sie alsogleich mit meiner schwester zu mir nach wien – wir können alle 3 leben, das versichere ich sie auf meine Ehre – doch ist es mir lieber, wenn sie ein Jahr noch aushalten können – schreiben sie mir keinen brief mehr ins teutsche haus, und mit dem Pacquet – ich will nichts mehr von Salzburg wissen – ich hasse den Erzbischof bis zur raserey.“

Endlose Überzuckerung knapp hundert Jahre nach Mozarts Tod war dann die Methode, ehedem Unliebsames des eigenen – hier: salzburgischen – schlechten Gewissens wegen sich nachträglich gefügig und anheimelnd zu machen, gar im wortwörtlichen Sinne: mundgerecht. Mozart gerann „kugelrund“ zu einer Marke bonae noctis, allerdings mit dem persönlichen Vorteil, dass man hinter dem Konterfei auf dem Umhüllungspapier der Pistazien-Marzipan-Nougat-Kreation bis zum heutigen Tag immer auch den Ausnahmekünstler wahrnimmt, der sich in der ars musica tummelte wie kein zweiter – und dessen Werke seit über zweieinhalb Jahrhunderten zum Standardrepertoire aller Klangkörper des gesamten Erdballs gehören.

Hingegen laufen die Gebäckwarenhersteller vom Hohen Ufer nicht an solch einer langen Leine: Leibniz war und ist nur Eingeweihten vertraut, weswegen das auf ihn gemünzte Wort vom Erfinder des gleichnamigen Butterkekses keinesfalls völlig frei sich wähnen kann von der ernsthaft geäußerten Vermutung, er sei dies tatsächlich. Entsprechend unsicher essen seit Anno Domini 1891 Menschen in aller Welt das zweiundfünfzigfach gezähnte rechteckige Backwerk, ohne ihre mampfenden Backen back to the roots zu wenden. Schon Kleinkinder verlangen stumm handaufhaltend während frischluftiger Spazierfahrten aus ihrer Karre heraus rücklings immerfort nach einem neuen Exemplar dieses Nahrungsartikels, ohne Arg zwar, aber eben auch unbehelligt von den durch die sie schiebenden Erziehungsberechtigten ja eigentlich möglichen autoritativ eingeflößten Informationen, wer sich denn hinter diesem zu verzehrenden Namenszug eigentlich verbirgt.

Leibniz ist den Hannoveranern übrigens immer tendenziell suspekt geblieben – obwohl er vierzig Jahre im Dienste des dort ansässigen Hofes stand. Ob die Trauerfeier in der Neustädter Kirche im November vor jetzt genau dreihundert Jahren kurfürstliche Präsenz (in Form einer Delegation des englischen Königs) zierte, ist nicht zweifelsfrei zu belegen. Man verzieh ihm nämlich in adligen Kreisen nie, ein Buch nicht vollendet zu haben, das dem Herrscherhaus so nützlich, weil rühmlich hätte sein können. Die Geschichte der Welfen blieb stecken, wie so vieles in den weitausgreifenden Projekten des Universalgelehrten. Zwanzigtausend handgeschriebene Manuskriptseiten harren bis heute ihrer wissenschaftlichen Erschließung und Veröffentlichung. Der Philosoph Wilhelm Weischedel hat Leibnizens Art aber auch ohne Sichtung von undurchdringlichem Papierwust in seiner philosophischen Hintertreppe recht hübsch und treffend beschrieben. Über den Denker ist dort in köstlichem Präsens zu lesen:

„Zwar kann er aus den Quellen einige für das Fürstenhaus wichtige Tatsachen feststellen. Aber dann verliert er sich ins Allgemeine. Die Geschichte des Welfenhauses, so argumentiert er, kann nicht ohne Zusammenhang mit der Geschichte des Bodens betrachtet werden, den dieses Geschlecht beherrscht; darum muß man vor aller historischen Bemühung erst einmal Geologie betreiben. Aber auch das genügt ihm noch nicht. Denn der bestimmte Landstrich der Welfen ist ja ein Teil der Erde, und also muß man vor allen Dingen deren Entstehungsgeschichte untersuchen. So kommt der Historiker des Welfenhauses in einer ihm plausibel erscheinenden logischen Folge dazu, die Urgeschichte der Erde zu beschreiben. Kein Wunder, daß er nur wenig an die konkrete Geschichte kommt und daß der Kurfürst immer wieder ungeduldig nach dem Fortgang der Arbeiten fragt; ihm liegt ja, wie das bei Fürsten üblich sein soll, mehr am Ruhme seines Hauses als an der Entstehung der Welt.“

Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791) und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) sind nun allerdings sehr positive und nahezu zeitgleiche (1890: Mozartkugel, 1891: Leibnizkeks) Beispiele für das, was in anderen Fällen durchaus negativ zu Buche schlagen kann: Dazu muss man nicht erst ins angeblich finstere Mittelalter zurückgehen. Die schlimmsten Tyrannen sind in der Neuzeit seit der Aufklärung dingfest geworden, also im Zeichen von Zauberflöte und Binärsystem. Der vorgeblich lichte Sarastro und seine Widersacherin, die Königin der Nacht, sind zwar ebensowenig säuberlich in Gut und Böse einzuordnen wie Eins und Null, top oder flop – aber die Wirkungsgeschichten sowohl von Musik als auch von Mathematik seit Mozart und Multi-Leibniz heben leider auf solch Schwarzweißdenken ab und freuen sich womöglich gar an der regelrechten Ausblendung von Zwischentönen.

Verloren geht damit auch das Bewusstsein für das Unvollendete beider: Bei Mozart ist es die Schubert-Mendelssohnsche Dimension eines kurzen, innerlich aber übererfüllten Lebens, bei Leibniz die junggesellige längerlebige erdrückende „häusliche Misere“ Beethovenschen Ausmaßes. Was der mittlere Wiener Klassiker unter äußerster Zwangsanwendung (par exemple schloss ihn seine Frau im Zimmer ein, bis er die Ouvertüre zum Don Giovanni niedergeschrieben hatte) dann, wenngleich unter Stress und in fürchterlicher Hektik, immerhin doch letztlich gültig und erstaunlich säuberlich zu Papier brachte, zerfaserte in den Mußestunden des Hannoveraner Philosophen in bis heute unedierten Briefen und Entwürfen.

Aber: Sowohl Mozart als auch Leibniz sind gegen all solche Klischees und Eindimensionalitäten höchstwahrscheinlich deshalb immun, weil ihre Namen populär und ihre Werke unverstanden sind. Wie dichtete Lessing in bezug auf einen zopfigen Kollegen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben! / Doch wird ihn jeder lesen? Nein. / Wir wollen weniger erhoben / und fleißiger gelesen sein.“ Man schmückt sich mit Stars und Sternchen, ohne sie in der Tiefe begriffen zu haben, gleichwohl deutlich (!) wissend, dass sie irgendwie (!) „groß“ sind. Wer an ihrer Größe teilhat, gehört – so die landläufige Vermutung – zum „Abendland“. Deshalb gehen ja in Dresden so viele Leute auf die Straße und demonstrieren für das Feiern von – Achtung: – Weihnachten, ohne allerdings je eine Kirche von innen gesehen zu haben geschweige denn das Bedürfnis zu verspüren, dieses jemals zu tun. Aber Kugeln am Tannenbaum und Kekse aufm Stubentisch – diese Beigaben will keiner von diesen eigentümlichen „Patrioten“ missen.

Ein kugelsicherer Scherzkeks weiß natürlich, dass hinter die Christfichte nur das Wissen vom Baum der Erkenntnis führt und die ursprünglich Sarai Geheißene deswegen Kuchen backen muss. In der älteren deutschsprachigen Forschung ist von „Stammüttern“ die Rede, seit der Rechtschreibreform von Stammmüttern (mit drei m). Eva zeichnet verantwortlich für the lost paradise, Abrahams Gattin für einigermaßen Spaß, bringt sie doch als uralte Frau das personifizierte Lachen zur Welt, den Stammhalter Isaak. Die von Adam und seinem Weibe mittels ermutigender Worte der Schlange verzehrte verbotene Frucht und der von Urmutter Sara zubereitete eng(e)lische Cake beherrschen seitdem unser vielfältiges kulturelles Treiben. Apfelkuchen müsste eigentlich von diesen biblischen Zeugnissen her (1. Mose 3 und 18) als die sündigste und zugleich erfreulichste Speise gelten, haram und halal zugleich.     

img_20161126_154547

Rote Kugeln und kleine Kuchen stehen also für paradiesische Verführung und ermöglichtes Unmögliche. Schlange und Engel bezirzen und verkündigen, bereiten den Weg fürs Weiterleben jenseits von Eden ebenso wie fürs Überleben des allzu sterblichen Gottesvolkes. Mondsichelmadonna und Alphaomega stürzen schließlich längliches Kriechtier und übermütigen Satan vom Thron (Offenbarung des Johannes) und erheben geweissagten Kopftritt (1. Mose 3, 15)  und gedeuteten Dreimännerbesuch (Hebräerbrief 13, 2) zur Erfüllung der Frohen Botschaft. Ohne Erbsünde keine Erlösung, ohne genüssliche Freude kein außergewöhnlicher Nachwuchs.

Salzburg und Wien sowie Hannover haben in dieser beider Hinsicht Hochbedeutendes hervorgebracht: Nichts trennt ja bekanntlich Österreicher und Deutsche so sehr wie die gemeinsame Sprache. Ein Wort wie „Paradeiser“ spricht es rundheraus an und aus: Kein Vergleich zu unserer „Tomate“ … Knallrot wie ein kommunistisches Manifest, den Beeren zuzuordnen denn gewöhnlichem Gemüse, allerdings nicht auf Bäumen herangereift, sondern eher an Stauden. Ein amerikanischer Exportschlager in Richtung Europa seit dem 16. Jahrhundert! Mozart hat sie gewiss gern gegessen, auf seinen Italienreisen garantiert, wo man die exotische Frucht bis heute als „Goldapfel“ – pomodoro – kennt. Übertroffen wird dies nur durch das hässliche Bonmot oder besser Ondit einer habsburgischen Prinzessin, die an den französischen Hof verheiratet wurde und als Königin Marie Antoinette auf dem Schafott endete: „Das Volk hat kein Brot? Dann soll es doch Kuchen essen“ … Solch ein Dauergebäck, erdacht vor allem für Soldaten im Felde, ersann dann später eben von hoher Warte aus die Firma Bahlsen. Sie schuf damit zugleich ein neues deutsches Wort: „Keks“, ein Plural, lautgleich mit den englischen cakes.

Tomatisierte Küchelchen könnten sich somit erweisen als Einlösung der Rede vom Runden, das ins Eckige muss. Die Quadratur des Kreises: Hier wird’s Ereignis! Die Kugel als Sinnbild der Unendlichkeit, weil ohne Anfang, ohne Ende, transformiert sich mühelos in eine fass- und essbare Gestalt mit Ecken und Kanten. Johann Eccard und Immanuel Kant werden phonetisch-assoziativ zu Freunden von Wolfgangus Chrysostomus Theophilus Mozart und Gottfried Wilhelm Leibniz. Die schönste Motette unter den Frauen: „Übers Gebirg Maria geht“ – und die Kategorienlehre unter den Bedingungen von Zeit und Raum weisen mit einem Male gemeinsam auf Täufer und Christkind … Wer hätte das gedacht?

Musikalische Vollkommenheit in der „besten aller Welten“ – wie traumhaft wäre das! Ein Universum breitet sich da vor innerem Ohr und Auge feierlich aus, und es steht zu hoffen, dass es Bestand haben wird. Den freimaurerisch inspirierten Herrscher einer „Toleranz“ bloß in Es-Dur braucht es dazu ebensowenig wie die an sich niedlichen Monaden, die allerdings „keine Fenster“ haben und somit wenig umsichtig gedacht sind. Aus sich selbst heraus perfekt ist nichts in dieser Welt, und vielleicht ist dies der – wenngleich sympathisch entschuldbare – Grund dafür, dass Mozart wie Leibniz bei allen guten Absichten den Kern des menschlichen Lebens dann doch nicht so richtig erfasst haben. „Zu gut für diese Welt“, aber doch auch unentbehrlich für diese arme Erde. Und wer es schafft – wie diese beiden – , Gaumenfreuden zu bereiten, ist, nach allem gedanklichen Hin und Her, wohl tatsächlich göttlicher Abkunft.

Niemand muss die Vermutung des Theologen Karl Barth teilen, die Engel im Himmel würden vor Gottvater Bach spielen, wenn sie aber unter sich seien: Mozart; und kein Mensch wird genötigt, die Unionspläne gutzuheißen, die Leibniz für Katholiken und Protestanten ventilierte – aber bei jedem Kugel- und Viereckverzehr sollte doch die Meinung sich verbreiten, dass ein friedliches Europa nur in Ansehung solcher Persönlichkeiten eine Chance hat. Insofern sind die Produkte von 1890/91 weder banal noch trivial noch sonst irgendwie abzukanzeln. Vielmehr halten sie große Geister im kollektiven Gedächtnis wach. Entsprechend benamte Kugeln und Kekse müssen ja nicht gleich erschrecken lassen vor der unbestrittenen Tatsache, die nun wieder alle erregt, obwohl ihr ja zweifelsohne auch freundliche Aspekte innewohnen – und die da lautet: Weihnachten kommt immer so plötzlich. Insofern nehme ich meine eingangs formulierte Triggerwarnung, die ich dort für angebracht hielt, nun, zu guter Letzt, und in wiedererstarkt stolzem Bewusstsein, dass diese political correctness wirklich NIEMAND braucht, mit allergrößtem Bedauern liebend gern zurück.

Zitatnachweise: „Ich bin noch …“: Wolfgang Amadeus Mozart: Briefe. Herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Horst Wandrey. Zürich 1997, Seiten 257 und 260. – „Zwar kann er ..“: Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen im Alltag und Denken. 22. Auflage, München 2001, Seite 172.
Abbildung: Tomatenschlangen 1978. Bleistift an selbstgefertigter Pappschablone (Ausschnitt).

Suite gothique

Manchmal im Leben sind wir stark. Besonders dann, wenn man es uns gar nicht zutraut. In jungen Jahren können Höchstleistungen heranreifen, ohne dass es so richtig bemerkt wird. Vorzug der Jugend ist es ja seit unvordenklichen Zeiten, Dinge auszusprechen, die später lieber ungesagt wären und dann im Nachgang autobiographisch aussortiert werden möchten. Daher wurde immer schon viel eliminiert, durch Verbrennen von Tagebüchern und Briefen, im Abstreiten mündlicher Einlassungen oder gar in autoritär veranstalteten Vernichtungsaktionen umfassender öffentlicher Art und Weise.

Eine darauf indes unvermutet dennoch folgende Trauerphase ob der persönlichen wie gesellschaftlich-historischen Verluste wurde in der guten alten Zeit gern kompensiert in familiär stilisierten Erzählungen nach dem Motto „Weißt du noch?“ – oder in wunderbar fragwürdigen, zeitweilig in Mitteleuropas architektonischem Kunstgeschmack allgemein angenommenen Formen von Neorenaissance oder Neugotik.

Das neunzehnte Jahrhundert lässt sich einfach nicht abschütteln; es ist präsent bis heute hin. Neulich war ich einmal wieder in Goslar, und die weitgehend neuromanische Kaiserpfalz hat es mir erneut ganz heftig angetan. Da störte auch das Standbild von „Wilhelm dem Großen“ in keiner Weise. Man muss das alles nur zu deuten wissen. Einen bösen „Nationalismus“ aus den Statuen und Gemälden von Staufern und Hohenzollern abzuleiten wäre ganz grober Unfug. Dass genau dies aber heutzutage oftmals geschieht, sobald „Deutschland“ ins Spiel kommt, bis in die Jugendorganisationen etablierter Parteien hinein, offenbart eine Geschichtsvergessenheit, bei der zweifelhaft wird, ob man ihr überhaupt noch irgendwie beikommen kann.

Heutige Geschichtsvergessenheit schreit zum Himmel

Da fordert also die „Grüne Jugend“ den Verzicht auf selbstbewusstes Präsentieren der schwarz-rot-goldenen deutschen Farben. Sie weiß ganz augenscheinlich nicht, dass diese Trikolore für Vormärz und 48er-Revolution steht. Ihr ist völlig ungeläufig, dass das zweite Kaiserreich diese Fahne ablehnte und das „dritte“ Reich sie gnadenlos bekämpfte. Stattdessen empfiehlt eine Sprecherin das Schwenken von grünen – ähm: Tüchern, sozusagen. Nun, sie kann ja, wenn sie das präferiert, gern nach Saudiarabien auswandern; keine Staatsflagge der Welt ist grüner als die der neureichen Wüstendiktatur, die zwischen dem Glamour marmorn-morgenländischer Geheimnistuerei und dem blutrünstig-radikal Bösen hinundherpendelt und uns, den ach so aufgeklärten, aber zugleich ölgierigen Westen seit langem schon zum Narren hält.

Um unser einundzwanzigstes Jahrhundert zu verstehen, ist ein Blick ins neunzehnte saeculum nicht unangezeigt. Wir sind ja zu Recht hilflos bestürzt, dass der sogenannte „Islamische Staat“ jahrtausendealte Kulturdenkmäler zerstört hat. Assyrische und babylonische Paläste und Plastiken, griechisch-römische Säulenstraßen, jüdische Synagogen, christliche Klöster und sogar Heiligtümer der eigenen Religion wurden im Namen eines gnadenlos grausamen Wahhabitismus dem Erdboden gleichgemacht – von den Qualen durch diese Ideologie bei den betroffenen einzelnen Menschen gar nicht erst zu reden.

Alles, was wir aus sicherer Entfernung von Kindesbeinen an über Sindbad den Seefahrer, Aladin und die Wunderlampe und Hadschi Halef Omar kennengelernt hatten, dieser ganze Zauber von Tausendundeiner Nacht oder nemsischer Reiselust erweist sich derzeit als fata morgana riesigen Ausmaßes. Der alten arabischen und osmanischen Welt, wie wir sie aus den Büchern vom neunten bis zum neunzehnten Jahrhundert kannten, wird gerade der finale Todesstoß versetzt. Damit verschwindet übrigens auch die gesamte biblische Atmosphäre, wie sie sogar noch Pate stand für ihre eigene Interpretation im kritischen zwanzigsten Jahrhundert.

Die halbe Menschheit, die bisher ihr Leben einigermaßen unbedarft aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments oder aus dem Koran bezog, blickt heutigentags, so sie sich dem Geschehen aussetzt, in einen furchtbaren Abgrund. Sie erkennt: Zu oft wurden heilige Überlieferungen von ihren eigenen glühendsten Verteidigern missbraucht für egoistische Zwecke. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, der Dreißigjährige Krieg oder die jetzige Vernichtung des Nahen Ostens sind ihre traurigen herzzerreißenden Ergebnisse. Zeloten, alte Schweden und neue Islamisten sind anzuklagende Beispiele dafür, wie aus falschem unerbittlichem Schriftverständnis heraus am Ende dann die jeweils benutzte Religion im Ganzen zum Objekt aufklärerischer Verdammnis wurde.

Als ob das Leben wirklich schöner wäre, wenn es so gänzlich keinen Gottesglauben mehr gäbe. Die einfachen und frommen Bewohner der Vendée haben bis heute in den Geschichtsbüchern keine sonderlich vernehmbare Stimme; und die Menschen in den Weiten Russlands erst recht nicht. Wo immer aber die Revolutionsarmeen eindrangen, war das Maß an Verblendung und Mordlust nicht weniger ausgeprägt als bei all den Kreuzrittern oder Dschihadisten alter und neuer Zeit.

Bekanntlich ist die Aufklärung selber spätestens in dem Moment ad absurdum geführt worden, als Robespierre den „Kult des Wesens der höchsten Vernunft“ anordnete und alle anderen Glaubensweisen blutig verfolgte. Der Turmspitze des Straßburger Münsters wurde eine riesige Jakobinermütze übergestülpt – Urbild moderner Propaganda? Jedenfalls werden seitdem immer wieder politische Einrichtungen erhoben und verabsolutiert, etwa nach dem Motto: „Die Partei hat immer recht“ – oder dem massenhaften Schlachtruf: „Vive la République“ (der ja weniger eine demokratische Verfassung lobt denn eher ein System, dessen Träger und Repräsentanten in Eliteschulen herangezogen sind).

Und natürlich haben alle schlauen wie mächtigen Egomanen seit jenen aufbegehrenden Zeiten von den beiden damals frisch erfundenen Errungenschaften Guillotine und Marseillaise in irgendeiner Weise „gelernt“, ob sie sich nun glaubensfeindlich oder superfromm gaben: Napoleon, Hitler, Stalin, Mao, Kim Il Sung (nebst Dynastie), Ceausescu, Khomeini, Gaddhafi … Notabene: Mit des Letztgenannten „Grünem Buch“ könnten die Bewegten aus der Ecke der aktuellen junggrünen Spielverderber ja auch noch wedeln – ein Vorschlag zur Güte und für systemgerechten ideologischen Ausgleich.

Nach allem Furor kam – das neunzehnte Jahrhundert

Nach allem französischen Furor kam aber dann: das neunzehnte Jahrhundert! Mental – nicht kalendarisch – gefasst, begann es mit dem Wiener Kongress 1814/15 und endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Kaum eine Epoche ist bis heute derart verächtlich gemacht worden wie dieses Zeitalter. Für so ziemlich alles, was im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Ruder gelaufen ist, hat man dessen Vorgänger die Schuld gegeben. Wie praktisch, weil für die Nachgeborenen der seinerzeit neu entstandenen industrialisierten Welt so entlastend!

Wir lasen Hauptmanns „Weber“, ohne wahrzunehmen, dass das eben kein Heine-gezeugtes klassenkämpferisches Theaterstück sein wollte. Wir mokierten uns über die historistischen übereifrig hingebauten Häuser, ohne darin eine captatio benevolentiae oder gar einen Anflug von sehnsüchtiger Erinnerung an „schöne, glänzende Zeiten“ zu sehen. Wir ignorierten im nachhinein die schöpferische Phantasie und den ungestümen Wagemut der jenes Jahrhundert vorbereitenden Frühromantiker – obwohl wir ähnlich fühlten, ohne dies uns einzugestehen. Wir beriefen uns hierbei skeptisch-altkug auf Goethe, der ja bereits im voraus den Jungs namens Hardenberg oder Tieck oder Wackenroder alle literarische Kompetenz abgesprochen und sogar die Veröffentlichung eines Textes wie „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis tatkräftig verhindert hatte.

Woher diese Verachtung? Vielleicht ist unserem deutschen kriegsversehrten Bewusstsein jegliches Denken in großen Linien allzu gründlich abhanden gekommen. Die Nachkriegswelt musste ja mit den nicht wieder zu heilenden Wunden des Dritten Reichs, mit unentschuldbaren Brüchen, die weder äußerlich noch innerlich abzuleugnen waren, doch irgendwie weiterleben. Wie um in der daraus resultierenden bodenlosen Aggression gegen sich selbst die eigene verpfuschte dunkle Geschichte noch zu zementieren, wähnte man, dass sogar Erhaltengebliebenes ein Ende haben müsse, und riss in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr Häuser ab, als überhaupt durch die schrecklichen Fliegerbomben untergegangen waren. Das betraf vor allem Bauten aus der Gründerzeit und dem Wilhelminischen Zeitalter.

Dem amerikanisierten Ideal von „Fortschritt“ opferte die Wirtschaftswundergesellschaft eine bis dahin gesamteuropäisch konsensfähige urbane Struktur und Kultur – und das Wort der Mitscherlichs von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ verhallte 1965 zunächst völlig ungehört. Erst zehn Jahre später, im Internationalen Jahr des Denkmalschutzes, nachdem die weltläufige Kleinteiligkeit bürgerlicher Lebensformen einschließlich schmiedeeisernen Jugendstiltoren oder säulengestützten schwarzen Klavieren längst unwiederbringlich in den Orkus der „autogerechten Stadt“ und der „Bildungsreformen“ gejagt worden war, setzte das große Jammern ein.

Im Unterschied etwa zu den anno 1797 anonym erschienenen „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ oder zu Goethes Gedanken über das Straßburger Münster (bereits 1772) waren die Konzepte nachdenklich und wehmütig gewordener westdeutscher Bürger indes unfähig, sich positive Leitbilder aus der versunkenen Geschichte heranzubilden. Wie auch, wo gerade das im Krieg unzerstörte Villenviertel einer Stadtautobahn oder der vom Bombenhagel verschonte alte Baumbestand des beliebten Kaffeegartens einer U-Bahn-Baustelle hatte weichen müssen? Die Wunden waren zu frisch geschlagen. Und die verantwortlichen Bauräte befanden sich noch lange in Amt und Würden.

Alt ist per se weder schlecht noch tot

Besser ist die Maxime: Lasst die Lebenden leben, aber die Toten nicht im Tode bleiben. Wer jetzt in der Pflicht steht, soll tun, was er nicht lassen kann und darf. Aber wer gestorben ist, kann sich auf Veränderung seines Zustands freuen. Und das heißt, gewendet auf unser Thema: Eine Gesellschaft mitsamt ihrem baulich-künstlerischen Ausdruck ist nicht einfach deshalb obsolet, weil sie etwa alt und somit vermeintlich bedeutungslos wäre. Nicht alles Soignierte ist sofort senil. Wer schon einmal in Siena war, weiß, wie zukunftsträchtig die Pflege des Alten sein kann. Liebevoll gehegte Tradition besitzt eigenen Wert, und da hätte man bei uns in Deutschland viel mehr von den italienischen Städten lernen und beherzigen können, als man es tat, da noch Zeit zum Bewahren gewesen wäre.

Sehen wir auf die Baugeschichte nördlich der Alpen, dann kommt mir ein Lexikonartikel von vor über hundert Jahren in den Sinn. Unter dem Stichwort „Gotischer Stil“ wird da nicht auf Abbruchkanten genäht, sondern ein heutzutage weithin für unmöglich gehaltener großer Zusammenhang aufgezeigt. Aus dem romanischen Stil wird durch Überspitzung der Bögen, erstmals in Nordfrankreich, die gebaute Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem manifester denn je.

img_20150919_132057

Diese Kunst verbreitet sich über Mitteleuropa und auf die britischen Inseln und bleibt über fünfhundert Jahre der vorherrschende Stil, bis in „nachgotische“ Ausläufer des siebzehnten Jahrhunderts hinein. Im achtzehnten Jahrhundert taucht sie wieder auf in englischen Herrenhäusern und wird wenige Jahrzehnte später zum typischen Stil auch auf dem europäischen Festland für Kirchen, Burgen, öffentliche repräsentative Gebäude, Fabriken und Wohnhäuser –

– und sie lebt, so füge ich nun hinzu, zumindest virtuell weiter in den Welten etwa von Gotham City … Die erdachte Heimatstadt von Batman ist trotz aller goddam-Düsternis cineastisch-architektonisch alles andere als reizlos. Im Zusammenwirken mit der Musik zum Film entsteht ein Kosmos jenseits wie diesseits von Gut und Böse, alles umfassend quasi von göttlich-gerechten Gewölbeschlüssen bis hin zu grauenvoll-gemeingefährlichen Gewalttaten. Maurerische Freiheitsrituale, misanthropische Fehlleistungen und mafiöse Fememorde ergeben in solch mittelalterlicher Finsternis einen furchtbaren Mix, ohne jeden Verdacht, menschenfern zu sein.

Die Gotik scheint hier ein in hohem Maße weltlich Ding zu sein, und solange Stockbrot und Schnabelschuhe, Jongleurskunst und Jokerlachen, Ritterrüstung und Ratsherrenpils veranstaltungstauglich und kassefördernd sind ob ihrer Popularität, – wird auch die dahinterstehende spitzbögig-spitzbübische Philosophie in, mit und unter uns leben, weben und sein. Die grellgeschminkten schwarzgewandeten traurigblickenden Gothic-Jünger vermischen unbedarft ihre hochaufragenden kathedralartigen Frisuren mit germanischem Brauchtum, die Errungenschaften von Flowerpower und Punk mit Haarfestiger und Druidenfuß, und sie würden nicht lachen, sondern ernsthaft zustimmen, stellte man an den Grenzen ihres geistigen Biotops das Schild auf: „Man spricht Gotisch“.

Aber wird da auch Fraktur geredet? Oder ist das alles bloß als „klosterbrudisierend“ abzutun, wie Goethe es einst tat mit den Aufsätzen von Wackenroder und Tieck?  – Den Frühromantikern ging es um die Kunst an sich in ihrer leibseelischen Ganzheit. Italienbegeisterung und Nürnbergbewunderung gingen bei ihnen Hand in Hand, vorläufig noch ohne Festlegung  auf einen bestimmten Stil. Dies änderte sich erst allmählich, und das hat auch ein bisschen mit der Westberliner Kiezkultur zu tun, die ihre Wirkungsstätten auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1975 wiederentdecken konnte – da waren Kreuzberger Mietskasernen abgebildet zur Feier des Internationalen Denkmalschutzes. Das gusseiserne „Kreuz“ auf dem „Berg“ indes wurde namensgebend vom Berliner Architekten Friedrich Schinkel Anfang des neunzehnten Jahrhunderts als Memorial in neugotischen Formen errichtet.

Ob Michelangelo und Raffael einerseits und Albrecht Dürer andererseits den Besuchern der Oranienstraße jemals ein Bewusstsein für den Ort, da sie lebten, demonstrierten und zerstörten, vermittelt haben, sei dahingestellt. Schinkel war von beidem inspiriert, der klassischen Italianità und der altfränkischen Zunftkultur. Neue Wache und Friedrichswerdersche Kirche haben das aufstrebende Berlin gleichermaßen vorangebracht.

Den Schub in eine bestimmte Stilrichtung gab sicherlich die Wiederauffindung der originalen Baupläne zum Kölner Dom in den Jahren zwischen 1814 und 1816. Da wurde der von Berlin aus regierte preußische Staat in seiner frisch erworbenen Rheinprovinz historisch aktiv. Als die Kathedrale schließlich im Jahr 1880 fertig war, saß der Bischof in niederländischer Verbannung. Noch herrschte Kulturkampf, ultramontanistisch befeuert und wenig romantisch. „Nationale Größe“ wurde durchaus antiklerikal zelebriert, damals wie heute. Das dürfte extreme „Rechte“ wie „Linke“ gleichermaßen erfreuen.

Robert Schumann hat in der seit dem Reformationszeitalter brachliegenden Bauruine mit dem charakteristischen Kran auf dem Stumpf des Südturms im November 1850 eine Kardinalserhebung miterlebt und seine Eindrücke im als Feierlich bezeichneten vierten Satz seiner Dritten Symphonie verarbeitet: in festlich-düsterem Bläsersatz, in der ebenso satten wie seltenen klingenden Tonart es-moll. Gotische Polyphonie?

Nein. Die Musik lud sich zwar auf mit Vorbildern der Vergangenheit, ohne jedoch ausdrücklich nazarenisch zu werden (wie es teilweise in der Malerei geschah). Wagners bösartiger Spott über „Händelssohn-Bachtoldy“ richtete sich „nur“ gegen eine seiner Meinung nach billige Kopie barocker Formen und Harmonien – ins gotische Mittelalter stieß die musikalische Romantik damals gar nicht vor. Selbst die ein halbes Jahrhundert später (1895) entstandene „Suite gothique“ des Elsässers Léon Boellmann (tréma auf dem e bitte hinzudenken, sprich also: Bo-ellmann!) ist für die zeitgenössische französische Konzertorgel gedacht und hat mit der Gotik genauso viel zu tun wie etwa Bachs „Dorische Toccata“ mit der gleichnamigen Kirchentonart geschweige denn Beschaffenheit antiker Säulenkapitelle.

Mit anderen Worten: Die Künste sollten, bei aller Bewunderung der „Alten“, doch schöpferisch und phantasievoll bleiben. Nicht auf detailversessene sklavische Nachahmung waren die echten Romantiker aus, sondern auf kreative Weiterentwicklung und freien Einsatz der mannigfaltigen Tradition. Allerdings erstarrten die geistreichen feuerflüssigen Lavamassen vom Beginn des Jahrhunderts dann doch weitgehend zu abgekühlten festen Gesteinen. Das „Eisenacher Regulativ“ aus dem Jahr 1861 ist so ein zementierender Ausfluss. Man legte fest, jede neu erbaute evangelische Kirche habe sich an einem historischen Stil zu orientieren, vorzugsweise am gotischen. Bewusst schlossen sich die Verfasser dabei dem altchristlichen Schema der Basilika an – und wollten so den Protestantismus in die große Überlieferungseinheit von Antike, Mittelalter und Neuzeit hineinstellen.

Einerseits normiert, andererseits weiterentwickelt, in übertrieben zinnenbewehrten Rathausneubauten etwa, die gotischer daherkamen als ihre Vorgänger; oder in überdimensionierten Fabrikhallen, Bahnhöfen und Schulen, die kathedralähnlich anmuteten und dies auch sollten …: Sakrales und Säkulares wurde noch einmal versuchsweise zusammengebracht unter dem Schirm einer einheitlichen europäischen Kunst, deren Idee – man beachte es immer wieder – durch Architektur künstlicher Ruinen, hallender Internatskreuzgänge, großer Parlamentshäuser und industrieller Nutzgebäude aus England (!) zu uns über den Kanal herübergeschwappt war. Kreuzrippengewölbe allerorten, insular, mitteleuropäisch und nordamerikanisch so sehr en vogue, dass dieser Baustil tatsächlich zum Synonym für das neunzehnte Jahrhundert werden konnte.

Die Gotik hört einfach nicht auf …

Das zwanzigste saeculum weiß sich diesem unterschwelligen Traditionsstrom verbundener als es dies selbst in seinen klügsten Stimmen bisher je zugegeben hat. Pars pro toto sei an den aus Bremen stammenden Künstler Heinrich Vogeler (1872-1942) erinnert, dem die Gotik in dem Maße bedeutend wurde, je mehr sie faktisch in ihrer neugotischen und zugegeben allzu fialenverliebter Spielart dem Spott der Gebildeten unter ihren Verächtern ausgesetzt war. Der Kaufmannssohn hatte um die Jahrhundertwende sich ein Paradies auf Erden erschaffen im Worpsweder Barkenhoff – da passte einfach alles zusammen, von der Kommode im umgebauten und repräsentativ erweiterten Bauernhaus über das impressionistische Ölgemälde im Esszimmer bis hin zum Baumbestand und zur Blumenvielfalt umzu … Jugendstil war das Zauberfaktum, ornamental und eben alles andere als gotisch-zackig!

img_20150815_181104

Diese Traumwelt von Selbstverwirklichung – noch ehe es solchen Begriff gab – befriedigte und befriedete aber nur vorübergehend. Vogeler war so sehr christlich geprägt, dass er nicht nur dem Kaiser ein pazifistisches „Märchen vom lieben Gott“ zueignete, sondern auch ganz praktisch die Folgen des Krieges auf seinem eigenen Gut bearbeiten und lindern wollte. Aus dem Barkenhoff wurde eine kommunistische Lebensgemeinschaft; die bis dahin gehegten und gepflegten bürgerlichen Schätze wurden verhökert oder „sozialisiert“. Den vornehmen Park des Anwesens grub man zu Ackerland um, der vormalige Herrensitz mutierte zu regionaler Kommandozentrale und reformorientiertem Kinderheim … Die zartgetupfte blaugeblümte Aura individualistischer Luftschlösser wich nun einem handfesten und alsbald bedenklich sowjetrussisch-propagandistisch aufgeladenen politischen Aktionismus.

Mit seiner endgültigen Übersiedelung nach Moskau Anfang der dreißiger Jahre stellte Vogeler sich ganz in den Dienst der revolutionären Regierung. Seine sogenannten „Komplexbilder“ sollten dem Wollen und Vollbringen einer neuen Zeit aufhelfen, es waren also bessere Werbeplakate. Etwas Eschatologisches oder auch Hochfahrendes oder eben Himmlischjerusalemgotisches haftet ihnen an: Da türmen sich verschiedenste ländliche wie städtische Volksszenen, Gebäudegruppen und Industrieanlagen übereinander, da gehen Arbeiter und Redner mit ihren Maschinen und Podien ineinander über, motivisch zusammengehalten durch Symbole wie den Roten Stern, den Hammer oder die Sichel.

Das Merkwürdige bei all diesen Häutungen vom reichen Bonvivant der Jahrhundertwende über den Schöpfer eines irdenen Paradiesgartens in Worpswede und Agitator der „Roten Hilfe Deutschland“ bis hin zum ausgebeuteten Erdarbeiter irgendwo in der kasachischen Steppe, wo er völlig verarmt und krank in einem Lazarett umkam: Heinrich Vogeler blieb stets ein kritischer Bewunderer der Gotik!

In seinen autobiographischen Blättern, die man später gesammelt als Buch unter dem von ihm selbst angeregten Titel „Werden“ herausbrachte, notiert Vogeler seine Erinnerung an eine Reise von Bremen nach München, die ihn als Mittzwanziger gemeinsam mit dem angehenden Dichter Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) über Köln und Straßburg führte: „Der Kölner Dom machte in seiner geordneten Massigkeit wohl einen starken Eindruck auf mich, aber doch hatte ich mir die Gotik anders, lebendiger vorgestellt, vielleicht volkstümlicher, nicht so kalt, so formal. Jedenfalls wurde der Eindruck ganz verdrängt durch das, was ich in Straßburg sah.“ Denn: „Ich fand viel mehr bestätigt von der Gotik, als ich mir bisher durch mein Studium vorgestellt hatte. Ich war tief erregt, vor allem auch von den Skulpturen am Münster.“

Gut vier Jahrzehnte nach dieser so überaus prägenden spätadoleszenten Erfahrung schreibt der nunmehr 64jährige Künstler für die unter anderem in deutscher Sprache erscheinende Moskauer Zeitschrift „Internationale Literatur“ in seinem Aufsatz „Die Gotik“ folgendes: „Das Klassenbewußtsein der bürgerlichen Handwerker gegenüber dem Rittertum und der hohen Geistlichkeit erwacht. Die Einheit der wirtschaftlichen Verhältnisse, die befestigte Form der Staatsgewalt durch die Zünfte im Rat der Stadt gebar ein Selbstbewußtsein, ruhend auf der kollektiven Verantwortung. Dies neue Verhältnis der Menschen zum Staat, zur Kirche und zur Natur trieb zu einem eigenen künstlerischen Ausdruck, der seine vollendete Form in der Gotik fand.“

Dieser Baustil verkörpert somit ein neues Menschenbild, eine Idealgesellschaft aus urchristlichen Wurzeln und kommunistischer Sehnsucht. Vogeler bleibt sich bis zu seinem Lebensende darin eigenartig und verstörend treu, dass er von ganzem Herzen überzeugt ist, im sowjetischen Marxismus gelange die christliche Botschaft der Nächstenliebe unmittelbar zur wirklichen geschichtlichen Kraft und Macht. Schon dem jugendstilisierenden Herrn vom Barkenhoff hatte Thomas Mann sinngemäß attestiert, er, Vogeler, verfolge seine romantischen Gedanken mit einer nachgerade religiösen Intensität, so dass man ihm die persönliche Ehrlichkeit abnehmen müsse, auch wenn man selber anderen Glaubens sei. – Dieser einerseits durchgebildete milde, andererseits erschreckend naive Eifer setzt sich nach 1918 in anderen Formen bei ihm fort.

Über den gotischen Dom schreibt nun Vogeler 1936 in Moskau: „Vom Boden aus hatte jeder Stein seine tragende Bedingtheit zum Ganzen, seine Massengebundenheit. Vom Erdboden drängen sich die Steinmassen heran, ordnen und spannen ihre Kräfte, von allen Seiten aufsteigend, der eigenen Bedachung zu, dem Bodengewölbe, wo sie der Schlußstein in der Scheitelhöhe auffängt und einheitlich faßt.“ – Alle bauen am großen Ganzen mit, nichts ist nebensächlich oder gar unbedeutend: Der Dom der Vergangenheit als Anknüpfung zum Menschheitsdom, dessen Kristallisationspunkt das Dritte Rom wird?

Ja und nein. Vogeler, der deutsche Exulant zur Zeit der Stalinschen „Säuberungen“, muss vorsichtig sein. Zumindest doppeldeutig schreibt er weiter: „Auch die Innenarchitektur der Kirche änderte sich; der gehobene Chor mit der unterbauten Krypta verschwand, diese Bauart aus romanischer Zeit. Sie war charakteristisch für die Zeit der Priesterherrschaft, war Ausdruck der autoritären Isolierung der Herrschenden, deren Gebeine in der Krypta ein besonderer Platz der Verehrung eingeräumt war. Die Gotik änderte das. Jetzt sollte der Priester in gleicher Ebene mit der Bevölkerung der Städte stehen.“

Außerdem wurden „die mächtigen Mauern“ „aufgelöst durch die hohe Spitzbogenkonstruktion: farbiges Licht gemalter Glasfenster flutete in den Raum und verdrängte das mystische Dämmerlicht romanischer Weltabgeschiedenheit.“ – Gesteigerte Aktivität zugunsten einer hellen humanistisch gedachten Neuen Welt entgrenzt und verwindet den weltfremden Ästhetizismus der Sommerabende im individualistischen Barkenhoff? Hier arbeitet sich einer, der sich vielfach gescheitert sah, an der eigenen Lebensgeschichte produktiv ab – zumindest im Sinne der neuen Ideologie, die ihn so überströmend und begierig-treuherzig erfüllt.

Ein weiterer Gedanke Vogelers aus seinem Gotikaufsatz von 1936: „Die schweren Pfeiler und Säulen verwandelten sich als Säulenbündel in garbenförmige Kraftleiter. Jede Formgestaltung war der gemeinsam aufsteigenden, tragenden Idee unterstellt, gleichem Sinn dienstbar gemacht, ob es nun Werke der Steinhauerei, der Holzschnitzkunst, der Glasmalerei, der Goldschmiedekunst oder der Teppichwirkerei waren. Figürliche Bildnisse entstanden lediglich im zwingenden Rahmen der Architektur. In der gotischen Stadt war kein Raum für eine sich von gesellschaftlichen Leben und von Arbeitsdienst isolierende Person. Es war auch kein Platz für Personenkult, und deshalb gab es in der gotischen Stadt keine freistehende individuelle Denkmalkunst.“

Gemeinsam nach oben und vorwärts! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber es möge sich auch niemand steinern (stählern) hervortun wollen und besondere Verdienste für sich beanspruchen! Es fällt genau jenes Wort vom „Personenkult“, das später zum Leitbegriff für die Beschreibung der Stalinschen Untaten wurde und bei Vogeler bereits 1936 als gewissermaßen „ungotisch“ benannt und beurteilt wird. Dass auch die reine Gotik gefährdet war, zeigt der Autor dann unter anderem am Beispiel jener Kathedrale, die ja schon den jungen Bremer Kaufmannssohn eingeschüchtert hatte: „Der Kölner Dom, dieser Bauriese, ist Ausdruck des intellektuellen Erfassens, ist die Dogmatisierung des gotischen Bauprinzips. Die Papstkirche verstand es auch hier, den Geist der Zeit auszunützen und die schöpferischen Kräfte für ihre Zwecke umzubiegen. Man baute den Dom als ein Monument der Macht der Papstkirche. Von der phantastischen Kraft der sich vom feudalen und kirchlichen Druck befreienden Volkselemente[n] ist hier keine Spur.“

Für unlautere Zwecke umgebogene Spitzbogigkeit – da hat der neue Mensch sich der Gefahr eigener Biegsamkeit intellektuell-spitz und notfalls revolutionär-bockig zu erwehren. Vogelers idealistisches Menschenbild von der in klassenloser Gesellschaft möglichen „gegenseitigen Hilfe“, kristallisch-drusenhaft und christlich-nächstenliebend seit der Barkenhoff-Kommune 1918ff erdacht, gibt sich sogar im Angesicht einer Diktatur genau in solch hehrem Namen nicht geschlagen. Im mitgeführten Koffer fand man nach seinem bitteren Tod etliche Zeichnungen und Schriftstücke, die bezeugen, dass Vogeler von den ererbten und angeeigneten Formen mittelalterlich-frühneuzeitlicher Porträtmalerei und eben den großen Gedanken der europäischen Gotik noch in kasachischer Verlorenheit gezehrt hat.

Heinrich Vogeler lässt an Heinrich den Vogler denken

Den Bogen wollen wir nicht überspannen. Aber die Wiederbelebung des gotischen Mittelalters durch Formen sozialistisch-sowjetrussischen Furors ausgerechnet in Verbindung mit einem Namen, der so sehr an den ersten deutschen König erinnert, gibt doch zu denken. Wenn etwas zu Ende geht, werden die Alten bemüht: Die Männer aus oldenburgischem Fürstengeschlecht heißen heutzutage so wie ihre gräflichen Vorfahren, deren Linie bereits im Jahre 1667 ausstarb: Anton Günther, Christian oder Huno. Der letzte, im Jahre 476 abgesetzte und in Pension geschickte weströmische Kaiser wurde Romulus Augustulus genannt, den mythischen Gründer der Stadt Rom und den Begründer des Imperiums gleichermaßen aufrufend. Und so gemahnt vielleicht der in der Gründerzeit geborene Heinrich Vogeler an jenen ersten Heinrich, der in entschieden vorgotischer Zeit „am Vogelherd“ von einer Delegation wackerer Edelmänner zum Regenten ausersehen wurde. Die bekannte Ballade von Johann Nepomuk Vogl (!!!), durch Carl Loewe vertont, weiß davon ein Lied zu singen.

Mit dem Urenkel des ersten Heinrich beginnt die Glanzzeit der Kaiserpfalz zu Goslar. Heinrich der Zweite, der Dritte und der Vierte haben die „Schatzkammer des Reiches“ oft besucht und durch die Anwesenheit ihres jeweiligen Hofstaates nicht nur die Bergbauindustrie befördert, sondern auch der Stadt und ihren Einwohnern zu starkem Selbstbewusstsein verholfen. Mit dem Kaiserhaus entstand dort der seinerzeit größte Profanbau nördlich der Alpen, und seine romanische Architektur nahm man in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zum Anlass, wenigstens diesen Palast, die Ulrichskapelle und die den Kaiserstuhl beherbergende Vorhalle der vierzig Jahre zuvor wegen hoffnungsloser Baufälligkeit abgerissenen Stiftskirche mehr oder weniger mustergültig zu rekonstruieren und im Inneren zeitgenössisch auszugestalten. Der preußische Staat als Nachfolger des Königreichs Hannover hat hier damals Maßstäbe für die Zukunft gesetzt.

13259462_1059824494091936_1436429324_n

Es gibt also keinen Grund zum Benörgeln deutscher Tradition. Solange wir romanische Bauten stolz den Touristen herzeigen und die nachfolgenden gotischen Bauwerke ideell verinnerlicht haben; solange wir die Hochsprache der Lutherbibel sprechen und doch noch irgendeinen Schimmer von Weimarer Klassik und phantastischer Romantik uns bewahren; und solange wir uns im klaren darüber sind, dass unsere moderne industrialisierte arbeitsteilige Gesellschaft nur so sich gut weiterentwickeln kann, wenn wir uns von den Kräften der Geschichte leiten lassen – dann müssen wir nicht in Furcht erstarren vor den Abirrungen gestern und heute, sondern können ganz getrost unsere alten Tagebücher und Bilder hervorholen: nicht, um an ihnen herumzukritteln, erst recht nicht, um sie zu verdammen; – sondern: um in ihnen die Grundlage unserer gewiesenen Wege zu erkennen. Dann sind wir im Leben stark. Und nicht nur manchmal.

Fotos: Gewölbe der frühgotischen Annenkapelle im Kreuzgang des Hildesheimer Domes; Blick in den Garten des Barkenhoffs in Worpswede; Kaiserstuhl in Goslar im Spiegel des Alltags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In dieser lieben Sommerzeit

Als die Winter noch Winter waren, mit viel Schnee und Eis … und die Sommer noch Sommer, mit viel Sonne und Eis … Schlittschuhlaufen auf zuverlässig zugefrorenen Wassern … „Brauner Bär“ braungebrannt am Kiosk gegönnt für fünfzig Pfennig … und so winters wie sommers kindlich glücklich.

Wenn es heutzutage winters noch Schnee gäbe, dann wären sofort die Genderisten & Co auf dem Plan: Wehe, es wird lustvoll an einem Schneemann gebaut – wo bleibt denn da die Schneefrau? Die Möhre im Gesicht – als naseweises Spiel mit Lebensmitteln verunglimpft, obwohl ja heutzutage kein Kind mehr lernt, Wurzeln abzuschrappen und kleinzuschnippeln, um sie dem Eintopf zuzuführen. Und Kohlespuren als Mund – igitt, politisch völlig inkorrekt im Hinblick auf die Energiewende … Es dürfte höchstens ein*e Schneemensch*in errichtet werden, ohne primäre Gesichtsmerkmale.

Aber haben wir nicht mal gelernt, dass ein Schneemensch gar nicht dingfest gemacht werden kann? Wer hat jemals den Yeti gesehen? Den heutigen Eifer*er*inne*n aber ist das egal. Daher ist es vielleicht ganz gut, dass kaum noch Schnee fällt. Die Klimaerwärmung erspart uns angesichts von leider erwartbaren politisch korrekten Gestaltlosigkeiten die brutalsten Geschlechterkampfdiskussionen.

Ebenso gefährdet wäre das Schöfeln: Es würde nur alle niederländischen Maler in ein schiefes Licht setzen, die es einst wagten, freie Bürger auf freier Fahrt über festgefrorene Kanäle bildlich darzustellen. Ist das nicht ein Angriff sowohl auf das Recht am eigenen Bild als auch auf die kommerziellen Eislaufhallen unserer Tage, die ganzjährig geöffnet haben wollen, also auch winters – wenn zugleich die Natur womöglich „umsonst und draußen“ solch eine Gelegenheit zum Schliddern böte? Das gute alte Motto des „Kultursommers“ in meiner Heimatstadt würde winters zu einem heißen Eisen.

Und: Wären sommers militante Tierschützer auf dem Plan, sie würden jeden erschießen, der einen „Braunen Bären“ produziert, verkauft oder konsumiert hätte, Karamellkern hin oder her. Wo bleibt denn da der Respekt vor der Fauna? Einen Bären schlecken? Oder gar einen Nachtfalter? Oder ein Wildpferd solchen Namens? Völlig tierfeindlich. Man muss heutzutage da sehr aufpassen. Eine Bekannte trug neulich einen Pelzmantel, den sie einst geerbt hatte und nun schon selber seit Jahrzehnten besitzt. Der bösartigen Beschimpfung „Tiermörderin“ konnte sie sich nur äußerst mühsam erwehren. Übrigens würde es auch denjenigen, die nicht an eine animalische Kreatur, sondern an einen Indianersohn dächten, der von einem Indianermädchen namens „Weiße Taube“ angeschmachtet wird, keineswegs besser ergehen: Eine Gesellschaft, in der „Negerküsse“ und „Mohrenköpfe“ nachgerade geächtet worden sind, wäre auch unerbittlich gegen solch braunes bäriges Milcheis mitsamt dadurch hervorgerufenen Schmetterlingen im Bauch – selbst wenn ein picassogestylter schneeweißer Vogel vor blauem Grund daherflatterte. Hugh!

Überdies: Fünfzig Pfennig – schrecklich verfänglich! Denn da konnte es seinerzeit passieren, dass man einen vielfachen Wert mit sich herumtrug und womöglich auch noch ausgab, ohne es zu wissen: „Bank deutscher Länder“ auf der Münze von 1950 war eine seltene, aber durchaus vorkommende Fehlprägung, und einen „Braunen Bären“ bezahlte man damit eben besser nicht. Solch ein Exemplar führte jeder wissende neunjährige Junge seiner kleinen Münzsammlung zu. Wir bedauern nun heutzutage aufrichtig alle jene Mitmenschen, die damals nicht aufgepasst und ihre falschen Fuffziger einem der beliebtesten, zugleich vergänglichsten galaktisch-gelatonischen Erzeugnisse geopfert haben. Und zeigen ihnen, gemäß heute verstärkt erwünschter Kundenbindung, eine LANGE NASE – soweit das noch geht …; denn jegliches bisher bärenstarke Bargeld soll ja demnächst total verboten werden. Die heißen Sommer der längst dahingeschmolzenen Siebziger – keine Eis-Ente! – machen’s möglich. Na toll.

Unter solchen Umständen fällt es mir schwer, noch einigermaßen beschwingt von mir persönlich zu erzählen. Darum nur so viel: Als ich in den frühen achtziger Jahren, nur einige Winter nach der sogenannten „Schneekatastrophe“ (über diese Benennung lacht heute noch halb Süddeutschland), den ersten Satz aus Beethovens nicht ganz unfrivoler G-Dur-Sonate Opus 14 Nummer 2 durchfingerte, fror plötzlich nicht etwa der Klavier-, sondern der Flötenteich zu. Dieses so benamte Gewässer wurde somit unversehens zum Objekt gymnasialen Außensportunterrichts. Das war ja was! Zwar hatte mein Fachlehrer zu Recht generell einen Rochus auf mich Unsportlichen. Aber nun ging es indes für einmal ums Schlittschuhlaufen: Alle notorischen Fußballjungs meiner Klasse versagten kläglich hackenumknickend schon beim ersten Aufrichten – nur dieser Eccard zog elegant seine Runden übers Eis. Der Lehrer war völlig verdutzt und fragte mich, woher ich das denn so schön könne. Ich antwortete keck, das könne ich eben. Niemals vorher oder nachher habe ich im Schulsport ein „Gut“ eingestrichen.

Also: Nicht erst ein Antonio Vivaldi macht uns durch seine allzu berühmten Violinkonzerte die VIER Jahreszeiten schön, sondern  es genügt manchmal schon die simple Zweiteilung in Winter und Sommer. Ich lege Wert auf diese Reihenfolge. Und auf die unbegründete Aussage, etwas einfach zu können … „Wenn der Winter ausgeschneiet,  / tritt der schöne Sommer ein“, dichtet der gute Paul Gerhardt. Eine Zeile, die binärcodischem Denken direkt entsprungen zu sein scheint. Null und Eins – alles andere ist schmückendes Beiwerk, im Ernstfall négligable. Gottfried Wilhelm Leibniz hat an solchen Versen gewiss seine Freude gehabt. Nur mit der Einschränkung, dass bei ihm nicht die Null, sondern die Eins Vorrang im Denken beansprucht. Sein oder Nichtsein war für den Nichterfinder des Leibnizkekses keine existentielle Frage mehr. Eher schien es ihm relativ einseitig um eine möglichst ungetrübte „liebe“ Sommerzeit zu gehen: „Um Alles aus dem Nichts herzuleiten, genügt Eines.“ Ist das eine optimistische Version der spätantiken Anschauung von der creatio ex nihilo?

Paul Gerhardt verhält sich zu Gottfried Wilhelm Leibniz wie die Generation der Trümmerfrauen  (Fünfzigpfennigstück!) und Kriegsheimkehrer (Wolfgang Borchert, „Draußen vor der Tür“) zu den wohlgenährten aufbegehrenden Achtundsechzigern. Zwischen dem Friedensschluss von 1648 und der dem Kriegsende vom 8. Mai 1945 in den drei westdeutschen Besatzungszonen folgenden  Währungsreform 1948 liegen genau dreihundert Jahre. „Hurra, wir leben noch“, sangen die Kinder der Stunde Null – und ähnlich klang es in den Jahren nach dem Ereignis von Osnabrück und Münster: „Gott lob, nun ist erschollen / das edle Fried- und Freudenwort“, dichtete Gerhardt damals in einem Lied, das bezeichnenderweise im gegenwärtigen Evangelischen Gesangbuch nicht mehr auffindbar ist. Aber es gibt ja von dem eigenartigen Dichterpfarrer noch ein „Sommerlied“ sui generis, vielgesungen in etlichen (mindestens fünfzehn) unterschiedlichsten Melodien, doch kaum je in seinen Abgründen ausgelotet. Ein „Brauner Bär“ kommt in ihm ebensowenig vor wie ein schwarzes Exemplar als Berliner Wappentier – obwohl dieses ja durchaus hätte besungen werden können – bei der biblisch-brandenburgischen Gemengelage in den ersten sieben Strophen.

img_20161003_234151

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben“ – zunächst unverschattet startet hier ein sonniges Gemüt. Wie konnte ein Robert Gernhardt bloß in seinem „Späten Spagat“ (2006) ausgerechnet dieses Lied auf seine eigene chemotherapeutische Tristesse hin umdichten und aus „Freud“ „Leid“ machen? Ich erkläre es mir so: Gernhardt hat Gerhardt gern. Eines unter vielen Häuptern der Neuen Frankfurter Schule blickt hier in die Tiefe. Wie fragil die sommerliche Schönheit ist, macht nämlich schon die zweite Strophe des Originals deutlich: „Die Bäume stehen voller Laub, / das Erdreich decket seinen Staub / mit einem grünen Kleide; / Narzissus und die Tulipan, / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide.“ Der Erdenstaub wird nur notdürftig überdeckt mit Wiesen, Blumen oder Büschen – wenn auch dem Herzen diese Natur erfreulicher erscheint als der gesamte Reichtum des weisen Königs Salomo.

„Narzissus und die Tulipan“ – Frühlingsblumen: Osterglocken etwa (die gehören zur Familie der Narzissen) und eben Tulpen. Exotische Pflanzen, deren Import, Verbreitung und Beliebtheit der sogenannten „orientalischen Phase“ innerhalb der Geschichte der mitteleuropäischen Gartenbaukunst (in den sechs Jahrzehnten zwischen 1560 bis 1620) sich verdanken. Paul Gerhardts Landesherrn, den „Großen Kurfürsten“, hatte in jungen Jahren die unter adligen Jungspunden übliche Kavalierstour auch in die Niederlande geführt. Völlig begeistert war er mit edlen Tulpenzwiebeln und anderen Wurzeln persisch-türkischer Flora nach Hause zurückgekehrt, um sie im heimischen Lustgarten einpflanzen und hegen und pflegen zu lassen. Sozusagen Grüße von Konstantinopel nach Berlin. Die gab es mithin schon damals, nur mit dem kleinen – jetzt nicht mehr gefragten – Umweg via Amsterdam, wo eine Krankheit namens Tulpomanie – heute würde man durch die Blume von Spielsucht sprechen – Anno Domini 1637 den ersten richtig heftigen Börsenkrach der europäischen Neuzeit verursacht hatte.

Zu Spitzenzeiten wurde eine einzige Tulpenzwiebel zum Wert eines Grundstücks in allerbester Amsterdamer Lage gehandelt. Ganz ernsthaft, ohne einen Bären aufzubinden! Zumindest schien es eine Weile so. Dann platzte die Spekulationsblase, die begehrten Blumenwurzeln sanken auf ein Hundertstel ihres zuletzt gehandelten Wertes, to be or not to be. Bildlich gesprochen: Mitten im heißen Sommer brach der Kurs ein und krachte hinunter in bodenlosen tiefen Winter. Auf den Anzeigetafeln heutiger Börsen sieht so etwas dann immer aus wie ein Blitz, der unerbittlich niederschießt. Ein krachendes Sommergewitter ist nichts gegen solch eine Wucht, die ganze Existenzen vernichtet. Doch was hilft’s? Man muss sich berappeln „auf dieser armen Erden“: „Doch gleichwohl will ich, weil ich noch / hier trage dieses Leibes Joch, / auch nicht gar stille schweigen; / mein Herze soll sich fort und fort / an diesem und an allem Ort / zu deinem Lobe neigen.“

Jedes System, ob wirtschaftlich, politisch oder kulturell, ist nur dünner Firnis über dem Chaos – dessen „Vorstellung“ ja anderthalb Jahrhunderte später, zwar notgedrungen domestiziert, aber doch noch wirr genug, der große Joseph Haydn zu Beginn seiner „Schöpfung“ einigermaßen angemessen in Töne fasst. Werden hier, in fürchterlichem c-moll, Frühling und Sommer der europäischen Aufklärung kompositorisch zu Grabe getragen? Landet zugleich Leibniz‘ „beste aller Welten“ auf dem vor Wintereinbruch herbstlichen Komposthaufen der Geschichte? Oder „trage“ ich vielmehr ganz für mich selbst „dieses Leibes Joch“ – hindurch… ??? Die Zeit zwischen 1648 und 1789 halten manche Historiker für die sympathische Blütezeit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Never ending summertime. Weil die damalige deutsche Nachkriegszeit eben zusammengeht mit dem französisch dominierten siècle des Lumières, einem Zeitalter, das bis heute viele Menschen mit leuchtenden Augen als die „Aufklärung“ identifizieren und mit sommerlichem Sonnenglanz gleichsetzen.

Auch Kompostieren will gelernt sein. Es ist eine Wissenschaft, die viel mit dem Komponieren gemein hat. Nicht alles eignet sich für die Schichtungen in der abgelegenen Gartenecke respektive in den funkelnden Winkeln des Klanguniversums. Nichts soll auf den Haufen, was Ungeziefer anlockt – und ebenso darf, bei allem Mut über ein restaurativ-restriktives „Keine Experimente“ hinaus, „die Musik das Ohr niemals beleidigen, sondern muss doch allezeit Musik bleiben“ – Mozart – sogar in düsterstem c-moll – in memoriam … 

Leibniz, der neun Jahrzehnte vor dem nominellen Ende des Alten Reiches verschied, repräsentiert eine zuversichtliche Generation, die sich von den Erfahrungen etwa eines Paul Gerhardt endgültig gelöst haben will und die Zukunft in bunten Farben malt. Er denkt bisweilen in quasi multikulturellen Dimensionen, und das hat ihn immer befremdlich wirken lassen. Der Unterschied zu heutigem Einerleigerede, wo alles Besondere vorgeblich, im Namen von „Toleranz“ und so, „egal“  ist, liegt jedoch im sommerlich-binären Charakter seiner Äußerungen. Nicht (spaltbare) Atome sind ihm Urstoffe des Lebens, sondern von ihm so genannte „Monaden“, einzelne beseelte Kraftpunkte, die jeweils das Ganze in sich tragen und deshalb in, an und für sich selbst, ohne Verbindung zur nächsten benachbarten Einheit, ihrer eigenen Bestimmung nach wirken. „Monaden haben keine Fenster“, sie leben, weben und sind aus sich selbst heraus die Fülle der Schöpfung Gottes. Der Allmächtige ist mithin die Urmonade, mit dem allergrößten Überblick. Alle anderen Monaden sind ihm, dem Schöpfer, zugeordnet in aufsteigender Intensität des Bewusstseins, vom toten Holz, das an einem namenlosen Strand irgendwo in China angespült wird, bis hin zum allseits vernünftigen Menschen, der zum Beispiel dem kriegslüsternen französischen Sonnenkönig rät, mit seinen Soldaten lieber nach Ägypten zu ziehen als den Kaiserdom in Speyer zu zerstören …

Weil jede Monade in ihrer Eigentümlichkeit zugleich in sich vollkommen ist, kann es mehr als eine Wahrheit geben. Leibniz hat sich daher für die Überwindung konfessioneller Mauern eingesetzt, manch evangelisch-katholisches oder auch (innerevangelisch) lutherisch-reformiertes Verständigungsgespräch angeregt, die Idee einer einheitlichen dogmenfreien christlichen Kirche im Sinn. Nachkriegszeiten sind ja durchaus Chancen für die Ökumene, nach 1945 war das auch so. Damals wie heute jedoch versandeten die hehren Ideen, wurden auch bekämpft oder lächerlich gemacht. Geistigem Sommer folgt immer wieder stumpfe Eiszeit, ABER: Die Stimmen heiteren Lebens und vitaler Frische verstummen nie so gänzlich. Zur dreihundertsten Wiederkehr des Sterbetages Leibnizens wäre es ja angesichts der in unserem Grundgesetz praeambiliter erinnerten Verantwortung vor Gott und den Menschen unter Umständen und ganz vielleicht angezeigt, dem „Sommer deiner Gnad“ wieder mal Bedeutung zuzugestehen – der wunderschönen hellen Zeit der Urmonade!

Halten wir das aus? Ist nicht „nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“? Neigt sich unser langer westeuropäischer Sommer nach über sieben Jahrzehnten einem herbstlichen Ende zu, überreif abfallend wie eine nicht rechtzeitig abgeerntete und daher verfaulte Birne? Oder ist noch Zeit, „ein Apfelbäumchen zu pflanzen“? Müssen wir uns winterfestes Zeug zulegen, ohne aber recht zu wissen, aus welchem Stoff das denn am besten bestehen könnte? Gibt es vielleicht doch mehrere Wege, um durchzukommen? „Alternativen“ zu den vorgeblichen „Alternativlosigkeiten“? Wie, wenn tatsächlich nicht die Zerstörungskraft von Atombomben, sondern die Annahme von Leibnizschen Monaden die Realität unseres Lebens besser erfassen könnte? Warum soll es nur eine Wahrheit geben können? Was, wenn am Ende doch die aus binärem Denken sich gottergebende Eindimensionalität der „Eins“, also der creatio, das überschaubare Maß aller irdischen Dinge ist? Und es sich erweist, besser vom nihil zu schweigen? Denn leben wir nicht eher in der Schöpfung als im Nichts?

Leibniz hat aus den Möglichkeiten der lebendig-bewussten Entfaltung seiner Monaden auf eine „beste aller Welten“ geschlossen. Nicht Hybris war also die Motivation zu solch steilem Wort, sondern: – Hoffnung. Mit weitem Herzen und offenen Augen und Ohren sowie mit hellwachen Sinnen … Es geht um innere Haltung, auch wenn die Sonne gerade einmal nicht scheint. Sogar im finsteren Sumpf der „Mitteleuropäischen Sommerzeit“, die uns morgens im Dunkeln tappen lässt, also selbst in solch frech verordnetem Eingriff in den Gang von Zeichen, Zeiten, Tagen und Jahren, muss sich niemand um den eigenen Verstand bringen lassen.

Und wenn das alles zusammenbrechen sollte – ja, dann bleibt immer noch der Traum vom Braunen Bären und der Weißen Taube, zu Wildpferden zu werden, frei von allen Konventionen. Manitu macht’s möglich, phantasievoll in einem schönen Märchen. Freilich ist diese Umwandlung irreversibel: Aber die beiden werden, nach einigen Wirren, glücklich miteinander. Schnee und Sonne und Eis, heiterer Beethoven und ernster Haydn, dazu Ger(n)hardt, Leibniz und Mozart, heilsamer Spott über Genderwahnsinn und Bargeldverschmutzung, stattdessen winterlich sportive Schlittschuhreisen und sommerlich kindliche Strandbadbutjereien… Beste Zeit, umsonst und draußen, kann kommen!

Zur Abbildung: Paul Gerhardts fünfzehnstrophiges Sommerlied erschien erstmals in der „Praxis pietatis melica“ des Berliner Nicolaikantors Johann Crüger im Jahre 1653. Im gegenwärtigen Evangelischen Gesangbuch findet es sich unter der Nummer 503.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luthers Panzerknackerbande

Im Dunkeln ist gut munkeln – der größte Coup gelang den Verbrechern, als sie nachts in eine Bank eindrangen, den Tresor aufbrachen und einen dicken Batzen baren Geldes erbeuteten. Anführer der Truppe war ein tagsüber völlig unauffälliger Zeitgenosse, der vorbildlich sein Pfarramt versah.

Mein Pastor legte uns Konfirmanden diesen von vorn bis hinten vollkommen und zugleich gut erfundenen Fall vor – und wir Heranwachsenden sollten nun die knifflige Frage beantworten, ob einer, der ebenso unerkannt wie ungeahndet eine Straftat begangen habe, noch würdig sei, sonntags von der Kanzel her das Evangelium zu verkünden.

img_20161004_000000

Wir fanden dieses uns vor Augen gemalte Verhalten natürlich völlig daneben und drückten uns auch in diesem Sinne aus: Ein Geistlicher müsse doch in allen Dingen untadelig, rein und propper sein. Umso erstaunter waren wir, als unser lieber Pfarrer uns daraufhin ganz ruhig erklärte, dass kein noch so heftiger Banküberfall oder ein sonstiger Bruch diesen Bandenchef, sofern und solange er persönlich keine Gewissensbisse verspüre, vom Predigtamt würde abhalten können. Völlig unerheblich, was ein zum Dienst Berufener nächtens so alles anstelle – Hauptsache, er rede und handele in der lichten Öffentlichkeit gemäß seinem Ordinationsversprechen.

Die Spur zu solch inkommensurabler Meinung führt schnurstracks nach – Wittenberg! Für den Bibelprofessor Martin Luther ist stets das Evangelium maßgeblich, und zwar ohne Ansehen der Person. Im Jahr 1522 schreibt der Reformator in einer seiner Vorreden zu den neutestamentlichen Schriften: „Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christum predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.“

Was gilt, ist demnach nicht abhängig von den Lebensumständen einer wie auch immer bedauernswerten vereinzelten Kreatur, die zufällig sich unter je situationsbedingten Umständen äußert. Sogar wer von Amts wegen ein Gesandter Christi ist, kann abirren und die ihm aufgetragene Botschaft gerade nicht predigen, wäre er auch, mit dem Galaterbrief des Apostels Paulus zu sprechen, „ein Engel vom Himmel“. Andererseits kann es sogar den erklärten Gegnern wie den heimlichen Verächtern des Wortes Gottes quasi unterlaufen, dass sie sozusagen versehentlich ausrichten, „was Christum treibet“.

Dem Verräter, dem verbohrten Hohenpriester, dem machtversessenen römischen Statthalter oder dem tausendfachen bethlehemitischen Kindermörder ist also zumindest theoretisch die Möglichkeit zugestanden, Wahrheit zu sagen. In aller verbrecherischer Verstrickung bleibt auch dem Bösesten und Verblendetsten somit potentiell die Option der Besserung. Vor allem aber ist es eben insgesamt nicht entscheidend, wer genau die Frohe Botschaft ausspricht. Wenn sie überhaupt nur erklingt, dann ist die Welt -noch- nicht völlig verloren!

Warum denke ich derzeit öfter an diese Konfirmandenstunde zurück? Vielleicht deswegen, weil mich etwas stört, was in heutigem Diskurs denselbigen mehr und mehr unmöglich macht. Mein Unbehagen hängt sich exemplarisch am eigentlich gutgemeinten Begriff der „Glaubwürdigkeit“ fest. Ich sehe nämlich nicht, dass diese Vokabel einen überzogenen Moralismus verhindern würde. Im Gegenteil. Gucken wir genauer hin.

Glaubwürdig zu sein ist zunächst einmal etwas Schönes. Es erfreut die mitmenschliche Umwelt und lässt denjenigen, dem diese hohe Eigenschaft zugesprochen wird, zufrieden und ruhig schlafen. In den allermeisten Fällen wird solch ein Eindruck nicht in Kenntnis der persönlichen Gesamtheit entstehen, sondern durch einen bestimmten Wirkbereich, in dem sich der als glaubwürdig Empfundene besonders hervortut. Ein Lehrer, der seine Fächer mit Hingabe vertritt, für die Sache brennt, kommt bei seinen Schülern entsprechend gut an. Eine Volksvertreterin, die engagiert zu reden versteht, hinterlässt bleibenden Eindruck. Und wer auf einem Musikinstrument sein Publikum zu fesseln weiß, so dass man meint, hier verschmelze Absicht und Tun zum Ziele höherer Erkenntnis, wird nachgerade verehrt – weil eine Ahnung von Wahrhaftigkeit freigesetzt ist.

Schule, Parlament oder Konzertsaal müssen jedoch oft auch als Orte menschlicher Unzulänglichkeit herhalten. Dann werden womöglich Frauengeschichten eines Oberstudienrates hervorgezerrt, korruptionsverdächtige Vergangenheiten einer Politikerin genüsslich breitgetreten oder Drogenerfahrungen eines musikalischen Genies kolportiert. Gern kratzt man so – nicht völlig uneigennützig – an der „Glaubwürdigkeit“ der inkriminierten Personen. Sei es, dass die eigene Unfehlbarkeit herausgestellt werden soll, sei es, weil zu erwarten steht, dass ganz viel Geld im Kasten klingt.

Und es stellen sich Fragen über diese Beispiele hinaus. Sollte man etwa überhaupt fürderhin Filme von Polanski gutfinden oder Sonaten von Rosenmüller aufführen? Könnte man nicht durchaus die Wulff-Geschichte als lächerlich abtun gleich einer modernen Dreyfus-Affaire? Darf man an Jim Morrison sein Herz erwärmen oder gar die Madrigale des Fürsten Gesualdo da Venosa noch mit Begeisterung singen?

Ja, man sollte, könnte und darf. Man muss vielleicht sogar, steht doch immerhin die –  neudeutsch attributierte – „wertgeschätzte“ Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Wir müssen sie besser verstehen, als sie von ihren selbsternannten Predigern verstanden wird. Um es kurz zu machen: Es ist ungeheuer anstrengend, in allen erdenklichen verwinkelten Bereichen des Lebens stets vorbildlich sein zu wollen geschweige denn zu sollen. Eigener wie fremder Anspruch stößt da schnell an natürliche Grenzen. Dies ist ein Warnzeichen, tunlichst zu vermeiden, auch nur im entferntesten sich zu vermessen in einem holistisch rigiden „Wir schaffen das“.

Es war segensreich, dass der Mönch von Wittenberg einst seine Ablassthesen vortrug. Und dann nicht durch Kneifen entfiel – sondern weder Sünde, Tod noch Teufel scheute, dem Menschlichen neuen Raum zu verschaffen. Die bleibende „Leistung“ der Reformation liegt in ihrer theologisch reflektierten Anthropologie, schön angemessen musikalisch und anderweitig künstlerisch untermalt. Bilderstürmerei hatte hier gottlob keinen Platz. Bürgersinn und Mäzenatentum konnten sich in genau jener Weise der lutherischen Kirche widmen, wie sie es vordem den nunmehr Altgläubigen hatten zuteil werden lassen. Nicht radikaler Bruch in einer Bekehrung aus dem Nichts heraus hin zu vermeintlicher Vollkommenheit macht die geschichtliche Wirkung des Vorabends von Allerheiligen 1517 aus, sondern Kontinuität mit einer biblisch-kirchlichen Verkündigung, die schon immer das Sünder-Dasein des Menschen in barmherziger Absicht in den Mittelpunkt stellte.

Vielfach wurde dieser Impuls vergessen. Wie auch die Unterscheidung von Amt und Person aus der Mode kam. In dieser fatalen Logik wird der kleinste Schuldner sein ganzes irdisches Leben lang unbrauchbar selbst für den Posten eines lokalen Sportvereinsvorsitzenden. Denn lassen wir im Zeitalter allumfassender Durchleuchtung auch zwanzig Jahre ins Land gehen – dann noch wird es Leute geben, die auf vergangene „Sünden“ pochen und also dem seinerzeit einmal Fehlgetretenen keine neuen Möglichkeiten einräumen werden. Nachtragend, nachtretend, unbarmherzig nennt das ein an der Reformation geschulter Mensch …

Ohne Rücksicht auf Verluste: Wer ein absolutes Monopol aufs Gutsein und Rechthabenwollen beansprucht, geht buchstäblich über Leichen –  und spielt zugleich „Gott“, nimmt dessen Jüngstes Gericht vorweg. Wir sehen das heutzutage beim sogenannten Islamischen Staat, unter dessen Terror alle als „ungläubig“ bezeichneten Menschen mitsamt ihren Lebenszeugnissen aus Geschichte und Gegenwart gnadenlos ausgelöscht werden. Der sich hier enthemmende bestialische Furor hat seine Vorläufer freilich in Europa. Stichworte: Cluny 1810, Guernica 1936, Montecassino 1944, Dresden 1945, Hildesheim 1945. Und darüber hinaus sehen wir von Karthago über Jerusalem und Hiroshima bösartige – ebenso antike wie neuzeitliche – Wegmarken zu den Zerstörungen von Nimrud, Ninive, Ur, Babylon und Palmyra in unseren Tagen.

Aber, gesetzt den Fall: Es kommen die napoleonisch infizierten Steinebrecher von Cluny mit dem Heer von Bomberpiloten gen Guernica, Montecassino, Dresden, Hildesheim, Hiroshima – zusamt den Kämpfern vor Karthago und Jerusalem sowie jene gegen die Wiege der hochkulturellen Menschheit in Mesopotamien – und gestehen ein, dass sie einem schrecklichen Irrtum aufsaßen … Auch Polanski (hetero) und Rosenmüller (schwul) schwören ihren ungezügelten Geschichten ab, Wulff (700-Euro-Verbrecher, also der Allerschlimmste), Morrison (alle schmutzigen Sachen der sechziger Jahre) und sogar Gesualdo (strafrechtlich unverfolgter Ehrenmörder, weil adlig) haben ein Einsehen in eigenes Versagen …

Tatsächlich sind die wirklich Bösen in dieser Reihe bisher nicht abgeurteilt. Nur wer zum Beispiel auf dem ehemaligen Bundespräsidenten „erfolgreich“ herumgehackt hat, wird das womöglich anders sehen. Und im übrigen, mit Bert Brecht gefragt: Was ist ein Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank??? Wecken nicht die Panzerknacker insgeheim Sympathien? Zumal seit dem Jahre 1951, als sie erstmals im Disney-Universum erschienen? Fünfundsechzig Jahre ist das jetzt her, und wir sollten ihnen nunmehr, wie jedem deutschen RAF-Terroristen auch, einen Ruhestand gönnen.

Wo bleibt da „Glaubwürdigkeit“? Sie ist eine Chimäre, wie sie es zu allen Zeiten war. Es sei denn, sie wendet sich einer Person so zu, dass deren Widersprüche ebenso handfest benannt wie verziehen werden. Auch die wüsteste Verbrecherin muss ja weiterleben können. Ja, nicht nur „der Dieb“, sondern auch „die Diebin“ – das wissen wir seit den achtziger Jahren, als die Bände vom „Wörterbuch des Gutmenschen“ erschienen, welche die Augen dafür öffneten, dass die geschlechtliche Gleichberechtigung auch negative Bereiche einschließt.

Die Gier der – rein männlichen – Panzerknackerbande nach barem Geld wirkt überdies ja mittlerweile auch ansonsten antiquiert. Die Entenhausener Diebe haben nämlich bisher keine Angst haben müssen vor dem Verbot goldmetallischen Badezusatzes seines geizigen Besitzers. Wenn hingegen ich im Supermarkt an der Kasse stehe und unverhältnismäßig lange warten muss, dann liegt das an den vorderen Kunden, die unbedingt „mit Karte“ zahlen wollen. Irgendetwas klappt dann regelmäßig nicht, sei es die Eingabe der Geheimzahl oder der elektronische Mechanismus insgesamt … Dann denke – jaha, DENKE ich: Hm… Onkel Dagoberts Tresor ist von vorgestern. Wie ich selber und mein  geliebter, längst verstorbener Konfirmationspastor. Leider.

Zum Foto: Licht im Dunkeln – Technik, die begeistert …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Otto und sein ausgefranztes Reich

Das Kirchenjahr, laut Jochen Klepper „das größte Kunstwerk der Menschen“, sah neulich den letzten Tag des Weihnachtsfestkreises. Mit der Darstellung des Herrn im Tempel, vierzig Tage nach seiner Geburt, ist es zunächst einmal gut mit Stern und Engel. Immer wieder erstaunt, wie klug die Altvorderen sich die biblischen Ereignisse einpassten in den Zyklus des Naturjahres. Was mit dem 11. November beendet war, begann mit dem 2. Februar von neuem: das Landwirtschaftsjahr. Knechte und Mägde wurden wiederangestellt. Aussaat im Hinblick auf gute Ernte nahm ihren frischen Lauf, begleitet von Hoffen und Beten. Gottes Menschwerdung, mit den Worten des greisen Simeon bekräftigt, gab allerorten seelische Stärkung und tapferen Mut. „Ich habe genung“ (sic!, also nicht etwa: „genuch“), diese ergreifende Bachkantate, ausgehend von den entsprechenden Worten aus dem Dritten Evangelium, verkündet in melancholisch gesättigter Musik Krippenkind und Kreuzesmann, „denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Sterben und Leben – in dieser Reihenfolge! – prägen dann den darauf folgenden Osterfestkreis. Der Tag von „Lichtmess“ enthält in eigentümlicher Vorausschau beide Dimensionen. Der Himmel ist zur Erde gekommen, taucht durch Mariae Reinigung ganz ins Irdisch-Kultische ein und überwindet dieses schließlich durch eine unerhörte neue frohe Botschaft. Wie sagt es der Fromme in Jerusalem? – „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“; und zur Mutter gewandt: „auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen – damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“

Ein ganz besonderer 2. Februar war der des Jahres 962. Lebewohl, Abwesenheit und Wiedersehen gingen an diesem Tag in der Peterskirche zu Rom eine religiös-politische Verbindung ein, die insgesamt fast neun volle Jahrhunderte mehr oder weniger Bestand haben sollte. Der deutsche König Otto, nachmals „der Große“ genannt, wurde durch den Papst zum römischen Kaiser gekrönt und gesalbt. Seitdem gab es in Mitteleuropa wieder ein Imperium Romanum, gar bald mit dem Zusatz sacrum versehen, also ein „Heiliges Römisches Reich“, erstanden aus den idealisierten Resten der fränkisch-karolingischen Welt, diese wiederum fußend auf den verchristlichten Vorstellungen einer Pax Romana, die seit der heidnischen Antike die Geschichte und Kultur rund um das Mittelländische Meer formte. Der Kirchenvater Aurelius Augustinus wurde als Verfasser seines viele Bücher umfassenden apologetischen Werkes De Civitate Dei zum Ahnherrn einer europäischen Idee, an deren Erfüllung sich ihre rhetorischen wie militärischen Befürworter in der Folge versuchten: allerdings in durchaus eklatantem Missverständnis der eigentlichen Intentionen des Bischofs von Hippo, welcher mitnichten einem – doch tatsächlich in hienieden verwehender Zeit organisierten – „Gottesstaat“ als vielmehr der Vergänglichkeit einer jeglichen irdischen politischen Ordnung das mahnende und schriftweise Wort – Prophet Daniel! – reden wollte.

img_20151012_202426

Die hochfliegenden Ideale der Karolinger und Ottonen wurden denn auch rasch von den mannigfaltigen Realitäten und Realien eingeholt. Gewiss, die Pfalzkapelle in Aachen oder die Michaeliskirche zu Hildesheim sind steingewordene Träume und zugleich phantasiegezeugte Bauwerke, wiewohl im stile antico und also nach einem streng abgezirkelten, von Vorbildern in Ravenna und Rom abgesicherten Plan erdacht und errichtet. Aber gerade dadurch, dass in beiden Fällen bewährte Traditionen passgenau erneuert wurden, konnten frühere Weisheiten an die Gegenwart weitergereicht werden. Man nahm die Zukunft in den Blick, indem die besten Errungenschaften versunkener Zeiten wiederentdeckt und bejaht wurden. So konnte Neuland bestellt werden. Im römisch-christlichen Anspruch fing man einerseits „leer an“ (Ernst Bloch), andererseits war allen Beteiligten klar, dass keineswegs das Rad neu erfunden werden müsse. Der Geist der Utopie war, mit einem gerade beliebten raunenden Wort gesagt: „geerdet“, das Prinzip Hoffnung verwirklichte sich indes vor Ort im Lehnswesen … Seitdem ging es hausmeierisch beziehungsweise feudal zu, also maiordominant oder foederaliter, auf Treu und Glauben. Schutz wurde vom Lehnsherrn gewährt, Trutz war die Pflicht des Lehnsnehmers. Alles vertraglich geregelt ohne unnötige Umschweife, keine zwanzigtausend Wörter wie in den heutigen „europäischen“ Einfuhrbestimmungen für Caramelbonbons oder so … Kölsche Kamelle kann einem leidtun. Womit wir bei Adenauer wären, wenn nicht gar bei Kardinal Frings und Oberbürgermeisterin Reker, also, groß gesprochen, beim Thema Christentum und Islam.

Bevor ich nun weiterstolpere, eine kurze Erinnerung: Den ersten Bundeskanzler unserer Republik kann man mögen oder nicht; aber sein Einsatz für ein einiges Europa – wenn dieses auch sehr rheinisch-katholisch gedacht war – ist und bleibt prägend. Da hat jemand nach einer „Stunde Null“ leer angefangen und ein karolingisch-ottonisches Ideal für die allzubald wirtschaftswunderlich zufriedene und ruhebedürftige westdeutsche Gesellschaft wiederbelebt. Knapp zwei Jahrzehnte später war es besagter Erzbischof – in der „schlechten Zeit“ Urheber des schönen deutschen Kohlenklaumutmachverbs fringsen -, der türkischen Gastarbeitern im nördlichen Querschiff des Kölner Doms das Gebet gen Mekka ermöglichte. Teile einer christlichen Kathedrale als improvisierte Moschee! Müssen wir, von solch interessantem Datum nun schon durch weitere fünf ins Land gegangene Jahrzehnte und also unüberschaubar viele Armlängen Abstand getrennt, da nicht hellhörig werden? Wäre das nicht ein Argument, mit dem wir die wahhabitischen Salafisten, die ja am liebsten den Dom plattmachen würden und die Domplatte seit der letzten Silvesternacht zu einem geistigen Kampfplatz hochstilisieren wollen, verdutzt machen könnten? Nun, wohl kaum. Muslime, die ihren Glauben kennen und ernstnehmen, haben mit solchen fusselbärtigen Lustmolchen („die Frauen sind selber schuld, wenn sie sich anzüglich kleiden“) ebensowenig zu schaffen wie gläubige Christenmenschen etwa mit dem Ku-Klux-Klan. Müssen wir Leute, die von neureichen Verbrechern in Saudiarabien unterstützt werden, welche wiederum petrodollartechnisch und geomachtpolitisch offiziell unsere Freunde sind – obwohl sie in der Monstergestalt des sogenannten „Islamischen Staates“ gerade für eine humanitäre und kulturgeschichtliche Katastrophe verantwortlich zeichnen –, sollen wir also auf Dauer diese neuen Unmenschen, Ölscheichs und Enthauptungsspezialisten zugleich, in unseren Reihen dulden? Hört da nicht wirklich die Liebe auf, die ein Josef Frings seinerzeit aus freien Stücken voller ehrlicher, hilfsbereiter, lebenskluger und religiös verständiger Barmherzigkeit übte?

Es hat sich leider ausgefringst – unsere heutige bundesdeutsche Gesellschaft ist geistig und vor allem geistlich völlig ausgefranst. Das ist kein Vorwurf im moralischen Sinn, sondern der zaghafte Versuch einer Zustandsbeschreibung. Die Souveränität eines Bischofs bestand ja einmal darin, umfassend in Glaubensdingen derart Bescheid zu wissen, dass staunenerregende Vorkommnisse möglich waren – ganz ohne Bedenkenträgerei und schön pragmatisch. Das machte Eindruck. Noch heute wird davon erzählt: Weil es genau das Richtige war am rechten Ort zur rechten Zeit –  aber eben nicht als der Weisheit allerletzter Schluss Geltung beanspruchen wollte! Genau dies korrespondiert dem augustinischen Gedanken vom Gottesstaat. Die ultimativen Forderungen hingegen nach so an und für sich vielleicht pädagogisch wertvollen Dingen wie Rechtschreibreform und Rauchverbot, Veggieday und Genderism, „Leichter Sprache“ und Sonnenkollektoren, Feinstaubregulierung und Frauenquote, „Frei“handelsabkommen und „systemrelevanten“ Bankenrettungen, Mindestlohn und Bargeldabschaffung … – solche gutmenschlichen Ansinnen verkennen in Hochpotenz, wie kläglich letztlich die auf allgemeine Sauberkeit bedachten gegenwärtigen Mächte zumindest scheindemokratisch noch um Zustimmung betteln, ohne jedoch ein entsprechendes d’accord von den Lebensklugen dieser Welt jemals zu bekommen. Wer also eine klinisch reine Welt will, kann ja in angloamerikanische oder skandinavische oder singapurische Paradiese auswandern, sollte dieselben aber durchaus nicht als Vorbild für Mitteleuropa empfehlen. Denn hierzulande wirken seit karlottonischen Zeiten jene produktiven Antagonismen, die sich in kein noch so politisch korrektes Wohlgefallen auflösen lassen.

Aus dem Gegenüber von Papst und Kaiser wurde im Hochmittelalter ein Kampf um die Investitur der Bischöfe. Dass es überhaupt deswegen zum Streit kam, liegt im System selbst begründet. Anders als in Byzanz gab es im mitteleuropäischen Bereich niemals eine völlige Kongruenz von geistlicher und weltlicher Herrschaft. Dieser Umstand ermöglichte beiden Seiten, die jeweils andere Partei abzulehnen oder gar potentiell zu vernichten. „Gelungen“ ist das nie. So kam es im Laufe der Jahrhunderte zu etlichen Metamorphosen. Das Papsttum richtete sich schließlich im sogenannten Kirchenstaat ein, das Kaisertum, als es sesshaft geworden war, dann habsburgisch in der Wiener Hofburg. Doch die eigentlichen Träger der Macht waren da längst schon die Souveräne der unzähligen Staaten im Reich.

Als ich zur Schule ging, gab man den Merksatz aus, gewissermaßen als bonmot, im Jahre 1789 habe es 1789 Territorien innerhalb seiner Grenzen gegeben, also eintausendsiebenhundertneunundachtzig. Diese deutsche Kleinstaaterei ist viel verspottet worden, und unter ökonomischen Gesichtspunkten war sie schon damals völlig kontraproduktiv. Ökumenisch indes hat sie ihre Spuren bis heute hinterlassen. Denn ohne diese politische Vielfalt, personell vertreten durch Kurfürsten, Bischöfe, Ritter, Grafen, Herzöge oder Bürgermeister, hätte etwa die Reformation kein – norddeutsch gesprochen: – Bein an Deck bekommen. Nur, weil sich einzelne Herrscher oder – in den Freien Reichsstädten – ganze Bürgerschaften für oder gegen sie einsetzten, indem sie nicht obrigkeitshörig oder – im anderen Fall: – ganz gehorsam auf kaiserliche Worte achteten, ging es mit der Kirchenerneuerung insgesamt voran. Alles geistig und kulturell Entscheidende und Wegweisende ist im alten Deutschland, wenn es denn gut lief, im Diskurs vieler verschiedener Stimmen zustandegekommen. Wenn allerdings die Dinge sich ungünstig entwickelten, dann steuerte alles in die schlimmsten Katastrophen hinein. Der Dreißigjährige Krieg ist zum Trauma schlechthin geworden. In dessen Folge führten endgültig nicht mehr abgetakelte Kaiser oder Päpste das zivilisierte Wort, sondern Philosophen und Professoren, Dichter und Musiker, bildende Künstler und – vor Ort – immer wieder nicht wenige vom Geist der Aufklärung erfüllte Pfarrer. Es ist doch wohl dieses geistige Reich, das, von verständigen Fürsten und selbstbewussten Senatoren gefördert, bis heute hin unsere einheimische Kultur prägt: ebenso kleinteilig organisiert wie weltbürgerlich versiert.

Otto eins, zwei und drei lebten einer Idee, die, durch etliche Aggregatzustände gewandert, auch vom ach so „guten Kaiser Franz“ nicht nennenswert getroffen werden konnte. Der letzte Regent des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, bedrängt vom „Ungeheuer“ aus Korsika, wankte und dankte – ab. Doch dieser so völlig unromantische Abgang, datiert auf den 6. August 1806, hat weder die Fabulierlust der Schriftsteller noch die Kompositionsgabe der Musiker noch die Gestaltungsmöglichkeiten der anderen Künstler gehemmt. Im Gegenteil. Das neunzehnte Jahrhundert hat sich in allen Bereichen der Kultur als ungemein schöpferisch erwiesen. Ottos Reich war zwar realiter ausgefranzt, wurde aber doch idealiter zu einem geistigen Fluchtpunkt – mit allen Heilungsoptionen, Risiken und Nebenwirkungen. Aus diesem Erbe leben wir bis heute, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, „zum Fall und zum Aufstehen“. Politisch korrekt ist das alles keineswegs – das „geheime Deutschland“ war es übrigens nie! Doch sollen wir wirklich, nur um des lieben Friedens willen, wie ihn die „Entscheider“ jetzt gerade (miss)verstehen, deswegen all das beschweigen? Es wäre vielmehr höchste Zeit, das eigene Weltbild an einem wenn auch untergegangenen, jedoch nach wie vor historisch-lebensgeschichtlich bedeutsamen Gemeinwesen zu schulen. Wer Klepperlieder singt („Die Nacht ist vorgedrungen“) oder Bachkantaten schätzt, sagt schwerlich à Dieu, indem er etwa alle herzergreifenden Traditionen auf dem Altar der Rentabilität opferte, sondern er wird sich die eigenen christlich-antiken Wurzeln, wie sie sich im guten alten Kirchenjahr sonn- und feiertags sinnlich manifestieren, alles andere als ausreißen lassen.

Foto: Michaeliskirche zu Hildesheim, ottonische Doppelchorbasilika aus dem Anfang des zweiten Jahrtausends.