Ausdruck

Largo, con gran espressione – je langsamer, desto ausdrucksvoller, meinte wohl der junge Beethoven, als er den zweiten Satz seiner Klaviersonate Opus 7 mit dieser Vortragsanweisung versah. Spätere Komponisten haben ihr ganzes Sentiment dann gern in schwermütige, ja bisweilen stockende Musik gelegt. Das konnte wahlweise „romantisch“ oder auch fragmentarisch bis modern wirken. Verbunden damit war eine Entdeckung der Langsamkeit, die manchmal bis zur Überdehnung ausgekostet wurde. Schwelgen war unbegrenzt möglich, aber es taten sich auch Abgründe auf, die sowohl Schöpfer als auch Adressaten erschaudern ließen. Jedenfalls öffneten sich die Tore von Phantasie und Freiheit, im Nachsinnen gefühlt endloser Tongemälde und beseelter Klänge, in denen Herzensangelegenheiten zum Ausdruck kamen.

Dies alles scheint versunken zu sein. Höher, weiter und vor allem: schneller muss heutigentags alles gehen. Nicht mehr Schritt um Schritt, sondern nur noch: Wir sausen mit. Sogar im Urlaub sind wir erreichbar. Schreibt eigentlich noch jemand Tagebuch? Waren das nicht „schöne, glänzende Zeiten“, als ein Brief von Hand erschaffen, in den Umschlag gesteckt, mit Briefmarke versehen und zum Postkasten gebracht werden musste? Jede Botschaft war einmalig, unverwechselbar – neben der Kultivierung einer eigenen Schreibschrift wuchs da auch der Charakter mit. Und man bekam ja verlässlich Antwort, ebenso handgemacht und höchstpersönlich. Wer an „Neuland“ dachte, meinte Novalis – und nicht das Internet.

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Aber es geht eben weiter. Auch das ist eine – klaglose – abendländische Erkenntnis. Beim späten Beethoven gibt es dafür ebenfalls eine Steilvorlage, die Überschrift zum ersten Satz aus Opus 90: „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ … Wer die e-moll-Klaviersonate hört oder gar selber durchtastet, wird von Entschlossenheit, Grimm und Trauer gleichermaßen fortgerissen. Schroff und schrill, leidend und liebend ist espressione ausgeträumt und zugleich ebenso deutsch bodenständig wie überirdisch flüchtig geworden. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Hat der Meister aus Bonn deshalb zum Ende hin im ungeliebten Wien immer öfter Zuflucht zur Fuge gesucht? Warum wird überhaupt die Krönung musikalischen Denkens seit jeher fuga genannt, also „Flucht“? Ein Nachhall der Bestimmung des kainitischen Menschen, der Städte baut, Zivilisationen gründet und doch wegen seiner blutigen Vergangenheit „unstet und flüchtig“ bleiben muss?

Aus dieser Nummer kommt niemand von uns Lebenden heraus. Was uns in dieser Welt helfen kann, ist, diesem bewegenden Zustand Ausdruck zu verleihen. Ohne ideologische Scheuklappen, ohne „politische Korrektheit“, ohne Schelte gegen Religion, Kultur oder Kirche. Geistreiche Kritik ist selten geworden, aber dafür umso notwendiger. Vielleicht haben Argumente ja doch noch Kraft. Es sieht zwar derzeit nicht danach aus, dass ausgerechnet durch Sprache unsere Welt gedeutet oder gar geläutert würde. Aber Probieren geht immer noch über Studieren. In diesem Sinne versuche ich mich am Ausdruck. Expressive Musik ist gedanklich immer mit dabei. Greifen wir dem Schicksal in den Rachen!

Abbildung: Beginn der e-moll-Klaviersonate op. 90 von Ludwig van Beethoven.

3 Gedanken zu “Ausdruck

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