Hieronymus Wolf

Wenn Martin Luther eine Reise antreten wollte, musste er sich zunächst eines lästigen Brauchtums erwehren: Philipp Melanchthon pflegte seinem Freund nämlich in bester Absicht stets gern ein Horoskop zu erstellen, berechnete sorgsam die Konstellationen der Himmelskörper, um daraus dann einen günstigen Abreisetermin festzusetzen und überhaupt Verlauf wie Ziel der Unternehmung unter einem guten Stern zu wissen. Dem Reformator aber waren solche Künste derart zuwider, dass er sich nicht scheute, des Magisters Bemühungen, bei aller Liebe, heftig zu beschmunzeln.

Humanistische Spökenkiekerei versus biblisches Vertrauen: Für Luther war es vernünftiger, mal im Notfall und ganz spontan mit dem Tintenfass den Widersacher zu beschmeißen, als ausziseliert und methodisch zähflüssig-lebenslänglich sich an eine Wissenschaftlichkeit zu binden, die ja doch nur Stückwerk sein konnte … Wenn Gott will, dann wird es gut. Und wenn nach eigenen Begriffen etwas scheitert, dann mag auch dies für etwas „gut“ sein. Luther verstand seine Humanisten wahrscheinlich besser, als die sich selbst verstanden hatten. Er lebte drauflos, wo ängstliche Gemüter lieber langatmige Sitzungen anberaumten, durchführten und am Ende ebenso nichtsnutzig wie „ergebnisoffen“ auseinanderfließen sahen.

Aber – aufgepasst: Das Luthersche wurde eben längst nicht immer das Lutherische! Die impulsive Persönlichkeit Luthers hat (und in anderen Fällen können wir sagen: glücklicherweise) nicht unmittelbar auf die Kultur der lutherischen Kirche und ihre Traditionsbildung durchgeschlagen. Da war im Zweifel der liebe Magister Philippus vor. Es steht zu hoffen, dass im laufenden 500-Jahres-Jubiläum der Wittenberger Reformation auch einmal diese Dinge zur Sprache kommen … Nicht alles, was unter dem kirchlich „Lutherischen“ firmiert, ist auf Luthersches zurückzuführen, und andersherum gilt: Luther ist der seinen Namen tragenden Kirchenformation immer wieder im Laufe der Geschichte Stein des Anstoßes sowie der anregenden Aufregung geworden. Stromlinienförmig geht – gottlob – anders.

Eine sklavische Gefolgschaft im Sinne eines sozusagen „lutheristischen“ Personenkultes hat es also nie gegeben. Der Begriff „lutherisch“ leitet sich eher von den „Lutheranern“ her und müsste eigentlich „lutheranisch“ heißen, nämlich in Hinsicht auf die theologisch durchgebildeten Anhänger der Wittenberger Kirchenerneuerung. Die vom zwischenzeitlich wartburgerfahrenen Junker Jörg selbst abgelehnte Bezeichnung impliziert gerade nicht individuell Biographisches wie Lutherbier, federkielschwingende Playmobilfigur oder gar Anhängsel vom „Herrn Käthe“ – von Düsseldorfer Luderlümmeltüten ganz zu schweigen. Ob sich und uns die leitenden Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Gefallen getan haben, als sie seinerzeit eine „Lutherdekade“ ausriefen statt ein Jahrzehnt zur Wittenberger Reformation, sei deshalb dahingestellt.

Der Aberglaube eines Melanchthon machte nun aber unabhängig von solchen semantischen Erwägungen buchstäblich Schule oder fiel zumindest bei manchen Studenten auf bereits zuvor familiär verdunkelt bereiteten Boden: Einer der Vorlesungshörer des hochberühmten Gräzisten an der neugegründeten Universität zu Wittenberg war nämlich in den 1530er Jahren ein gewisser Hieronymus Wolf. Wer den Namen hier das erste Mal liest, den sollte kein intellektuelles Mangelempfinden beschleichen: Man muss diesen Herrn nicht kennen; er geht gänzlich in seinem wissenschaftlichen Werk auf. Aber indem er einen kulturgeschichtlichen Begriff erfand, hat er unser speziell abendländisches Bewusstsein vielleicht mehr geprägt, als uns landläufig bewusst ist.

Stubengelehrter entdeckt eine versunkene neue Welt

Vor über fünfhundert Jahren, am 13. August 1516, wurde er in Oettingen am Ries geboren und wuchs in Nürnberg und Nördlingen auf, unter seelisch belastenden Umständen. Seine Mutter verfiel dem Wahnsinn, da war der Sohn noch ein Kleinkind. Der Vater starb infolge eines Unfalls, was den Zwanzigjährigen bewog, pflichtbewusst die Vormundschaft für die jüngeren Geschwister zu übernehmen. Aber immer wieder versuchte er sich auch, schon im Kindesalter auffällig geworden durch außergewöhnliches Interesse an Geschichte, Philologie und Philosophie – dementsprechend gefördert von wohlmeinenden Lehrern – , als Weltbürger: in Paris, Basel und vor allem dann viele Jahre im fuggerischen Augsburg. Im Oktober 1580 ist er in der Reichstagsstadt gestorben, ledig und ohne leibliche Nachkommen.

Keinem der Ausflüge in die große weite Welt war längere Dauer beschieden: Misstrauen und Aberglaube ließen ihn aus allen Orten schnell wieder entweichen; unstet und flüchtig brachte er seine Tage zu, weil er überall Mordanschläge witterte in Form von vergiftetem Essen oder sonstigen tödlichen Verhexungen. Depressionen wechselten ab mit enorm zuversichtlichen Schaffensphasen; dem eben noch niedergeschlagenen Gemüt folgten hochgestimmte Entdeckerfreuden, vor allem in seinem höchstpersönlichen Bereich, dem von ihm überhaupt erst als solchen benannten Kosmos der byzantinischen Geschichte und Kultur.

Wie so viele Experten auf ihrem Gebiet, so hat auch Hieronymus Wolf niemals einen Ort aufsuchen können, der mit seinem Forschungsgegenstand nur annähernd in Verbindung gestanden hätte. Aber das war im humanistischen Selbstverständnis der Zeit auch gar nicht nötig: Von Bildungsreisen wie später im siebzehnten, achtzehnten oder gar neunzehnten Jahrhundert konnte der Normalbürger im Cinquecento nördlich der Alpen nur träumen. Bestenfalls kannte man jemanden, der gereist war und von seinen Erlebnissen erzählte. Vielleicht ließen sich interessierende schriftliche Überlieferungen aufspüren, ausleihen und lesen, gar käuflich erwerben und übersetzen. Wolf war ein ausgesprochener Bücherwurm, und seitdem er beim kunstsinnigen Jakob Fugger als Bibliothekar fungierte, standen ihm entsprechende pekuniäre Mittel zur Verfügung, Literatur anzuschaffen.

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Nun waren Studienreisen gen Anatolien damals sowieso äußerst selten. Noch keine hundert Jahre waren verflossen, dass Konstantinopel am 29. Mai 1453 von den Osmanen erobert worden war. Wahn und Wirklichkeit, Aberglaube und Orthodoxie stritten im Abendland seitdem heftig widereinander, wenn es um die kritische Bewertung und geistesgeschichtliche Einordnung dieses epochalen Ereignisses ging. Hieronymus Wolf hatte indes Bekanntschaft geschlossen mit einem Lebemann, der tatsächlich ins türkische Reich gereist und von dort mit geistlichen Schriften orthodoxer Mönche zurückgekehrt war. Fortan beschäftigte sich Wolf mit deren ihm ungewohnten Kirchen-Küchen-Griechisch, das er als Zeugnis einer eigenständigen „byzantinischen“ Kultur ansah und dementsprechend bezeichnete.

Ein Reich? Zwei Kaiser? Drei Kirchen?

Im Wolfschen Kunstwort „Byzanz“ und seinem Adjektiv steckt für jeden historisch informierten Fürsprecher des christlichen Reiches mit seiner Hauptstadt am Bosporus die befremdliche These, es habe ein „oströmisches“ Reich gegeben im Gegensatz zum im Jahre 476 untergegangenen „weströmischen“. Ein kaisertreuer Bürger hätte stets gesagt, dass seit der Umgestaltung des kleinen Hafenortes Byzantium in die prächtige Stadt Nea Roma (Neu-Rom) durch Kaiser Konstantin (bis zum Jahr 330) ebendort die alleinige Hauptstadt des Orbis Romanus zu suchen und zu finden gewesen sei. Noch nicht einmal kann aus dieser Sicht gesagt werden, dafür sei das bisherige Rom am Tiber durch die sogenannte „Konstantinsche Schenkung“ Besitz des dortigen Bischofs geworden (der sich später als „Papst“ und gar „Stellvertreter Christi auf Erden“ verstand) …; denn ALLES war ja im Neuen Rom beheimatet!

Von der Konstantin-Stadt: Constantinopolis = Konstantinopel: regierte der eine Kaiser weiterhin das eine Römische Imperium, wenngleich die Amtsstubensprache im neunten Jahrhundert vom Lateinischen ins Griechische wechselte und die mentalen Unterschiede zwischen dem lateinischsprachigen Westen und dem griechischsprachigen Osten schon immer groß waren … Doch selbst nach dem Schisma des Jahres 1054, als die kirchlichen Gegner ihre jeweiligen Verfluchungserklärungen auf dem Altar der Hagia Sophia niederlegten, galt doch in weltlicher Hinsicht der Anspruch der einzig verbliebenen Cäsaren auch über die Gebiete im durch die Völkerwanderung verlorenen Westen.

Das Bewusstsein der Reichsbürger war also ein ungebrochen römisches, nicht ein zweit- oder oströmisches. Man hielt sich als echter Römer, gräzisiert zu Rhomäer, zur Metropole und ging „in DIE Stadt“, eis teen polin, aus welcher Redewendung dann später der Name Istanbul wurde. Die griechische Umgangssprache bot die Folie für den heutigen türkischen Namen der neuen urbs, jenes Zentrums, das gleich seinem Vorbild in Latium auf sieben Hügeln und beileibe nicht an einem Tag erbaut wurde. Hony soit, qui mal y pense.

Kompliziert wurde alles erst, als sich am Weihnachtstag des Jahres 800 ein fränkischer König in Rom am Tiber durch den dortigen Bischof zum Imperator krönen ließ. Die seither sogenannte „Zweikaiserproblematik“ ist also aufs engste mit der Person Karls des Großen verbunden. Die Karolingische Renaissance, so segensreich sie für den Aufschwung der Bildung in Westeuropa war, wurde im Osten als Konkurrenzunternehmen angesehen. Erstes Mittel zur Neutralisierung: Konstantinopel schenkte Aachen ein Organum, womit die Orgel als Königin der Instrumente Einzug in die abendländische Kirche hielt.

In der Ottonischen Zeit, also um die erste christliche Jahrtausendwende, suchte man den Unterschied zu überspielen, indem Kaiser Otto II. eine Armenierin heiratete: Mit Kaiserin Theophanu kam das Griechentum nach Germanien, und der gemeinsame Sohn, später Kaiser Otto III., sollte die Verbindung ganz leiblich ins Werk setzen. Mit dessen frühem Tod aber fiel diese Idee der Vergessenheit anheim. Konstantinopel, die größte Stadt der Christenheit, befand sich aus der Sicht der fränkisch-ottonisch geprägten abendländischen und von dort ausgehend mittelalterlichen Gesellschaft am Rande der Zivilisation, während diese selbst sich berechtigterweise am Ort der Kirche zur Heiligen Weisheit durchaus im Zentrum sitzend empfand.

Doppeldeutigkeiten, wohin man blickt: Lange vor der Katastrophe des Jahres 1204, als venezianische Kreuzfahrer Konstantinopel eroberten und ausplünderten, kursierte der Begriff „die Franken“ als Schimpfwort, besonders unter den sich für rechtgläubig – orthodox – haltenden Theologen. Denn bereits im sechsten Jahrhundert hatten spanische Denker das Filioque in die gelehrte kirchliche Debatte geworfen, und die fränkischen Reichssynoden des beginnenden neunten Jahrhunderts machten sich diesen Zusatz im Nicaenoconstantinopolitanum zueigen. Dass der Heilige Geist vom Vater und dem Sohn gleichermaßen ausgehe, wurde im Neuen Rom nicht aus (theo)logischen, sondern aus traditionellen Gründen rundweg bestritten – man wollte sich strikt an den Wortlaut des Zweiten Ökumenischen Konzils aus dem Jahre 381 halten …

In diesem Sinne fanden dann Verzückungen am „Nabel der Welt“ statt: Kaiser Justinian konnte nicht an sich halten, als die von ihm erdachte Sophienkirche, prächtigstes und größtes christliches Gotteshaus für die weiteren über neunhundert Jahre, in seinem Beisein Anno Domini  537 eingeweiht wurde –  aber Kemal Mustafa Pascha konnte es im Jahre 1934 auch nicht lassen, pathetisch zu werden: Hier, wo sich einst zwei Konfessionen trennten, würden nunmehr zwei Religionen zusammengeführt; er meinte zum einen die zerstrittenen Kirchen von 1054 und zum anderen die Christen und Muslime seiner Zeit: Heraus kam bekanntlich ein – Museum: Im gedenkverliebten zwanzigsten Jahrhundert offensichtlich die einzige Option, historische Gegensätze friedlich zu überbrücken.

Innerhalb der Christenheit aber hatte sich mittlerweile eine dritte Kirchenfamilie herausgebildet. Zum 450. Geburtstag Martin Luthers wurden 1933 im gerade nationalsozialistisch machtergriffenen Deutschen Reich etliche diesbezügliche Feiern zelebriert, mehr dem neuen „Führer“ zu Ehren denn dem Jubilar… – während auch das Dritte Rom zur gleichen Zeit sich anschickte, den überlieferten sogenannten Byzantinismus in einen knallharten Personenkult umzufunktionieren. So, wie in San Vitale zu Ravenna das römische Kaiserpaar Justinian und Theodora streng in Form kunstvoller Mosaiken auf die versammelte Gottesdienstgemeinde blickt, ohne dass Charlemagne eine Chance gehabt hätte, auch sich selber musivisch in seiner nach ravennatischen Vorbildern errichteten Öcher Pfalzkapelle zu implementieren, – so falschverstanden und übergriffig wollte der entlaufene georgische Theologiestudent Stalin sich an die Stelle von Christus setzen. Diesen pervertierten Messianismus hat sich Hitler ebenso zueigen gemacht – vollkommen ungermanisch und natürlich auch überhaupt nicht griechisch.

Folgende Stichwörter bleiben hier und heute unbearbeitet, aber anregend weiterwirkend, vielleicht sogar für zukünftig zu Schreibendes: Ikonoklasmus; Nizäa und Bursa; Rom – Konstantinopel – Moskau; Griechen und Türken, Slawen und Araber, Europäer und Asiaten; Hannoversch Münden, Ravenna, Byzanz; Jesus-Moschee, Marien-Kirche, Nikolaus-Basilika; „Lebt im Kemalismus das religiös indifferente Volk der unarabisierten Altai-Türken weiter?“; Islamische Blütezeit – eine Adaption rhomäischer Kultur?

Erhofftes subversives Byzanz

Es gibt ein Dokument, das einen direkten Anbandelungsversuch der lutherischen zur orthodoxen Kirche belegt, und zwar das Augsburger Bekenntnis in griechischer Übersetzung. Kein Geringerer als Philipp Melanchthon hat diese Fassung hergestellt. Die deutsche und lateinische Version, die nebeneinander zum Reichstag 1530 vorlagen, genügten bekanntlich keineswegs, dem deutschen König und römischen Kaiser Karl V. nur irgendein wie auch immer geartetes Verständnis zu entlocken. Papistische Confutatio und wiederum allumfassend-kirchlich („katholisch“) gemeinte evangelische Apologie folgten im nicht endenwollenden Glaubenskonflikt in deutschen Landen.

Da spitzte der Gräzist aus Wittenberg seine feine Feder und schickte eine Confessio Augustana graeca an den Patriarchen von Konstantinopel. Er erhielt niemals eine Antwort. Wahrscheinlich war dem christlichen Bischof in Istanbul der gesamte Streitgegenstand theologisch völlig fremd. Und vor allem wird die Kirchenbehörde in der Hauptstadt des nunmehr muslimischen Kaisers wenig Interesse daran gehabt haben, die ohnehin schwierigen Beziehungen zum Sultan noch mit einem innerkirchlichen und nach außen hin vor Ort völlig unverständlich-unvermittelbaren Streit zu belasten.

Melanchthon mag sich ideelle Unterstützung durch jene Kirche erhofft haben, die den Römerbrief des Apostels Paulus in dessen Originalsprache gottesdienstlich zu verlesen imstande war. Rechtes Schriftverständnis aus biblischem Ursprung heraus hätte dann wundervolle Argumente gegen die Papstkirche liefern können. Und, wer weiß? – Hieronymus Wolf wäre womöglich von seinem bisweilen abergläubischen Professor mental hinübergewechselt zu einem geerdeten lutherischen Mann, ganz ohne Angst vor Spinnen und womöglich auch ohne Respekt vor devotem „Byzantinismus“. Doch DAS ist natürlich reine Spekulation.

Foto: Hagia Sophia in Konstantinopel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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